{"id":290,"date":"2025-07-09T13:42:52","date_gmt":"2025-07-09T11:42:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zeitschriftstudentischerbeitraege2025\/?page_id=290"},"modified":"2025-12-18T14:27:25","modified_gmt":"2025-12-18T13:27:25","slug":"karriere-einer-putzfrau","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zeitschriftstudentischerbeitraege2025\/karriere-einer-putzfrau\/","title":{"rendered":"Karriere einer Putzfrau"},"content":{"rendered":"\n<h4><strong>Emine Sevgi \u00d6zdamars<em>&nbsp;Karriere einer Putzfrau \u2013 Erinnerungen an Deutschland<\/em>: Die Selbsterm\u00e4chtigung der&nbsp;<em>migrantischen Putzfrau<\/em><\/strong><\/h4>\n\n\n\n<h6>verena schmitt<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Karriere als Leistungsnarrativ verweist in einer kapitalistischen Gesellschaft auf ein Verst\u00e4ndnis von Arbeit, das an Produktivit\u00e4t, Konkurrenz und individuellem Aufstieg orientiert ist und Menschen nach ihrer wirtschaftlichen&nbsp;<em>N\u00fctzlichkeit<\/em> bewertet. Dieses Narrativ wird vom&nbsp;<em>wei\u00dfen&nbsp;<\/em>Mann dominiert \u2013 hat man es als Frau dann geschafft, die gl\u00e4serne Decke zu durchbrechen, ist man ein&nbsp;<em>Girl-Boss<\/em>. Die Parameter, nach denen diese Bewertung erfolgt, haben sich dadurch jedoch nicht ge\u00e4ndert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was passiert, wenn dieses Narrativ in einer literarischen Erz\u00e4hlung dekonstruiert wird? Diese Frage stellt sich bei der Rezeption der Erz\u00e4hlung&nbsp;<em>Karriere einer Putzfrau \u2013 Erinnerungen an Deutschland&nbsp;<\/em>der Autorin Emine Sevgi \u00d6zdamar. Die Erz\u00e4hlung ist Teil des 1990 ver\u00f6ffentlichten Prosabandes&nbsp;<em>Mutterzunge<\/em>, der in vier Erz\u00e4hlungen die Erfahrung von Migration, Sprachverlust und Identit\u00e4tsbildung der Erz\u00e4hlinstanz aus einer weiblichen, migrantischen Perspektive literarisch verarbeitet. Das Essay geht der Frage nach, was passiert, wenn eine marginalisierte Sichtweise sich eines besetzten Narrativs \u2013 dem der Karriere \u2013 bedient und dieses als Mittel der Selbsterm\u00e4chtigung nutzt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch bin die Putzfrau, wenn ich hier nicht putze, was soll ich denn sonst tun?\u00ab<a href=\"\/\/A26FDB58-2D93-4273-9DB0-0C0A2839ED2E#_edn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>\u00a0Die Erz\u00e4hlung\u00a0<em>Karriere einer Putzfrau \u2013 Erinnerungen an Deutschland\u00a0<\/em>beginnt mit dieser Selbstbezeichnung der Erz\u00e4hlinstanz. Es geht um eine Putzfrau, die putzt, was soll sie denn auch sonst tun? \u00bbSchwarze Haare und wei\u00dfe Plastikt\u00fcte, das reicht[\u00a0]\u00ab (MZ, 105), um zu beschreiben, wen wir vor uns haben: die\u00a0<em>migrantische Putzfrau<\/em>. In dieser Figur kulminieren verschiedene Diskriminierungskategorien:\u00a0<em>race, class <\/em>und<em> gender<\/em>. Sie nimmt in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung eine ambivalente Stellung ein \u2013 einerseits ist ihre Arbeit unerl\u00e4sslich, andererseits bleibt diese oftmals unsichtbar und erf\u00e4hrt nicht selten eine herabsetzende Bewertung. In einer\u00a0<em>wei\u00dfen<\/em>, kapitalistischen, patriarchalen Gesellschaft ist die\u00a0<em>migrantische Putzfrau<\/em> eine Person, die aufgrund ihrer mehrfachen Diskriminierung in eine subalterne Rolle gedr\u00e4ngt wird. In Emine Sevgi \u00d6zdamars Erz\u00e4hlung befreit sich die\u00a0<em>migrantische Putzfrau<\/em>\u00a0aus dieser ihr zugeschriebenen Rolle, indem sie kulturelle, soziale und auch literarische Grenzen aktiv \u00fcberschreitet.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits mit dem Titel der Erz\u00e4hlung wird eine Rahmung f\u00fcr die weitere Rezeption geschaffen. Durch die Gegen\u00fcberstellung der ambivalenten Begriffe&nbsp;<em>Karriere<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Putzfrau&nbsp;<\/em>wird ein Spannungsfeld er\u00f6ffnet, das die stereotype Wahrnehmung der&nbsp;<em>migrantischen Putzfrau<\/em>&nbsp;dekonstruiert. \u00d6zdamar stellt die beiden Begriffskonzepte kontrastiv gegen\u00fcber und dekontextualisiert dadurch die Vorstellung einer Karriere im herk\u00f6mmlichen Sinne. Somit wird eine Neuinterpretation von&nbsp;<em>Karriere<\/em>&nbsp;m\u00f6glich: Im Kontext der Erz\u00e4hlung meint&nbsp;<em>Karriere<\/em>&nbsp;nicht allein den sozialen oder beruflichen Aufstieg, sondern vielmehr den Akt der Selbstbestimmung, der die&nbsp;<em>migrantische Putzfrau<\/em>&nbsp;aus ihrer passiven Objektposition befreit und ihr eine aktive Subjektposition zuspricht. Dies zeigt sich auch im Untertitel&nbsp;<em>Erinnerungen an Deutschland<\/em>&nbsp;\u2013 durch die Rahmung und Verortung im Kontext autobiografischer Memoiren wird die soziale Rolle der Erz\u00e4hlerin nicht nur als erinnerungsw\u00fcrdig, sondern auch als aufschreibenswert hervorgehoben. Der Akt des Schreibens und Memorierens ist ein emanzipatorischer Akt, mit dem sich die&nbsp;<em>migrantische Putzfrau<\/em>&nbsp;aus der Unsichtbarkeit einer diskriminierenden Gesellschaft widersetzt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Befreiung aus der subalternen Position wird auch durch die Gestaltung der Erz\u00e4hlperspektive deutlich. Als autodiegetische Erz\u00e4hlinstanz ist die\u00a0<em>migrantische Putzfrau\u00a0<\/em>sowohl Ich-Erz\u00e4hlerin als auch Protagonistin. Dadurch \u00fcbernimmt sie narrative Kontrolle \u00fcber ihre Geschichte und die Art und Weise, wie diese erz\u00e4hlt wird. Das zeigt sich deutlich, wenn die Grenze zwischen Fakt und Fiktion verschwimmt. So bringt sie als Putzfrau eines Tages den M\u00fcll herunter, \u00bbmachte den M\u00fclltonnendeckel auf, drinnen war eine tote Frau, der Kopf unten, die Beine schauten zum Himmel\u00ab (MZ, 110.). Die Situation wird von zwei vorbeilaufenden Gastarbeitern als \u00bbStandard\u00ab kommentiert (MZ, ebd.). Durch die Bemerkung der Gastarbeiter entsteht der Eindruck einer Validierung des Erz\u00e4hlten; die Erz\u00e4hlinstanz l\u00e4sst jedoch offen, ob dies wirklich der Wahrheit entspricht. Als Leser:in changiert man dadurch zwischen Glaub- und Unglaubw\u00fcrdigkeit, zwischen Identifikation und Distanzierung mit dem Erz\u00e4hlten und der Erz\u00e4hlerin. Die Erz\u00e4hlinstanz beh\u00e4lt somit die Kontrolle \u00fcber die Erz\u00e4hlung und er\u00f6ffnet verschiedene Interpretationsm\u00f6glichkeiten\u00a0<em>ihrer<\/em>\u00a0Erz\u00e4hlung.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Das gelingt ihr auch dann, wenn sie auf verschiedene Gattungen zur\u00fcckgreift, um von&nbsp;<em>ihren<\/em>&nbsp;Erinnerungen zu berichten. Durch das \u00dcberschreiten literarischer Grenzen bricht sie mit den \u203aklassischen\u2039 Gattungen und verweist gleichzeitig auf deren Konstruiertheit. So nimmt sie sich eines klassischen dramatischen Stoffes an und erz\u00e4hlt Shakespeares Drama&nbsp;<em>Hamlet<\/em>&nbsp;nun aus der Perspektive Ophelias und als Prosaerz\u00e4hlung neu. \u00bbAls Ophelia\u00ab (MZ, 105) ist sie in<em>&nbsp;ihrem<\/em>&nbsp;Land ertrunken, um \u00bbin Deutschland als Putzfrau\u00ab (MZ, ebd.) wieder auf die Welt zu kommen. Sie muss ihre Rolle der Ophelia also zur\u00fccklassen, um sich in Deutschland als Putzfrau neu zu erfinden. Die B\u00fchne ist ein Ort, an dem \u00bballe anderen Toten [\u2026] ihre Rollen spielen\u00ab (MZ, 111). So spielt sie als&nbsp;<em>migrantische Putzfrau&nbsp;<\/em>lediglich eine Rolle auf der \u203aB\u00fchne Deutschland\u2039. Als Tote geh\u00f6rt sie zwar nicht zu den Gewinner:innen im Leben, jedoch darf sie \u00bbauf der B\u00fchne ihren Bl\u00f6dsinn machen\u00ab (MZ, ebd.). Mit dem Bl\u00f6dsinn, von dem sie \u00bbselbst genug\u00ab (MZ, 112) hat, beschreibt sie nun eine Dramenhandlung, indem sie sich als ertrunkene Ophelia neben andere tote Personen und Figuren der Geschichte gemeinsam auf eine B\u00fchne stellt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Hamlet, Ophelia, Richard der Dritte, Nathan der Weise, Georg Heym, die Stumme Kathrin, Woyzeck, das Pferd, Danton, Robespierre, Frl. Julie, Van Gogh, Artaud, Marie, Rimbaud, die Totengr\u00e4ber, alle Narren von Shakespeare, alle toten Boten, Matrosen, Medea, C\u00e4sar \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">(vgl. MZ, 111).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Die Figuren werden aus ihren literarischen und geschichtlichen Kontexten gerissen und verschr\u00e4nken durch ihr gemeinsames Auftretet auf der \u203aB\u00fchne Deutschland\u2039 verschiedene zeitliche sowie kulturelle Ebenen neu miteinander. Mit Charakteren wie Medea aus der griechischen Mythologie, Shakespeare-Figuren aus der englischen Literatur, oder Danton aus der Franz\u00f6sischen Revolution sind es jedoch ausschlie\u00dflich Figuren aus der \u203awestlichen\u2039\u00a0Kultur, die die B\u00fchne bespielen. Diese eurozentristische Perspektive und das Fehlen kultureller Bez\u00fcge wird jedoch dadurch gebrochen, dass es die\u00a0<em>migrantische Putzfrau<\/em>\u00a0ist, die nun als Regisseurin entscheidet, welche Geschichte wie auf der B\u00fchne erz\u00e4hlt wird und den Toten damit eine Stimme gibt.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Emine Sevgi \u00d6zdamar zeigt in ihrer Erz\u00e4hlung\u00a0<em>Karriere einer Putzfrau<\/em>, wie die\u00a0<em>migrantische Putzfrau<\/em>\u00a0die ihr zugeschriebene subalterne Rolle \u00fcberwindet, indem sie aktiv soziale, literarische und kulturelle Grenzen \u00fcberschreitet und sich durch den Akt des Schreibens und Erz\u00e4hlens selbst zum handelnden Subjekt jenseits ihrer T\u00e4tigkeit als Putzfrau macht. Die Rolle der\u00a0<em>migrantischen Putzfrau<\/em>\u00a0ist eine wiederkehrende Figur bei \u00d6zdamar \u2013 in ihrem 2021 ver\u00f6ffentlichten Roman\u00a0<em>Ein von Schatten begrenzter Raum<\/em>\u00a0tritt die Erz\u00e4hlinstanz mit ihrem Gegen\u00fcber in ein Gespr\u00e4ch: \u00bbMich hat keiner gezwungen zur Putzfrauenrolle. Ich habe mich selbst in St\u00fccke als Putzfrau geschlichen, ich, allein ich. Es hat mir Spa\u00df gemacht, auch den anderen. Ist Putzfrau keine Rolle? Glaubst du, dass es anders ist, diese Rolle zu spielen als Ophelia?\u00ab<a href=\"\/\/A26FDB58-2D93-4273-9DB0-0C0A2839ED2E#_edn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>\u00a0Die Rolle der\u00a0<em>migrantischen Putzfrau<\/em>\u00a0ist auch hier keine passive Setzung von au\u00dfen, sondern vielmehr ein bewusster performativer Akt: \u00bbIch bin die Putzfrau, wenn ich hier nicht putze, was soll ich denn sonst tun?\u00ab (MZ, 102) kann somit auch als rhetorische und provokative Frage verstanden werden, mit der Leser:innen mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontiert werden. So wird ein Reflexionsraum er\u00f6ffnet, in dem die g\u00e4ngige Wahrnehmung von Arbeit, Migration und Sichtbarkeit neu verhandelt wird. Das Narrativ von Karriere, das eng mit kapitalistischen und patriarchalen Vorstellungen verkn\u00fcpft ist, wird aufgel\u00f6st, umgedeutet und neu besetzt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zeitschriftstudentischerbeitraege2025\/files\/2025\/12\/WhatsApp-Image-2025-12-12-at-10.52.24-1-682x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-690\" width=\"341\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zeitschriftstudentischerbeitraege2025\/files\/2025\/12\/WhatsApp-Image-2025-12-12-at-10.52.24-1-682x1024.jpeg 682w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zeitschriftstudentischerbeitraege2025\/files\/2025\/12\/WhatsApp-Image-2025-12-12-at-10.52.24-1-200x300.jpeg 200w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zeitschriftstudentischerbeitraege2025\/files\/2025\/12\/WhatsApp-Image-2025-12-12-at-10.52.24-1-768x1153.jpeg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zeitschriftstudentischerbeitraege2025\/files\/2025\/12\/WhatsApp-Image-2025-12-12-at-10.52.24-1-1023x1536.jpeg 1023w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zeitschriftstudentischerbeitraege2025\/files\/2025\/12\/WhatsApp-Image-2025-12-12-at-10.52.24-1.jpeg 1066w\" sizes=\"(max-width: 341px) 100vw, 341px\" \/><figcaption><strong><span class=\"has-inline-color has-primary-color\">Verena Schmitt<\/span><\/strong><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/A26FDB58-2D93-4273-9DB0-0C0A2839ED2E#_ednref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>&nbsp;\u00d6zdamar, Emine Sevgi,&nbsp;<em>Mutterzunge&nbsp;<\/em>[1990], Berlin 1993, 102. Nachfolgend zitiert als MZ.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/A26FDB58-2D93-4273-9DB0-0C0A2839ED2E#_ednref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>&nbsp;\u00d6zdamar, Emine Sevgi,&nbsp;<em>Ein von Schatten begrenzter Raum<\/em>, Berlin 2021, 545.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Emine Sevgi \u00d6zdamars&nbsp;Karriere einer Putzfrau \u2013 Erinnerungen an Deutschland: Die Selbsterm\u00e4chtigung der&nbsp;migrantischen Putzfrau verena schmitt Karriere als Leistungsnarrativ verweist in einer kapitalistischen Gesellschaft auf ein Verst\u00e4ndnis von Arbeit, das an Produktivit\u00e4t, Konkurrenz und individuellem Aufstieg orientiert ist und Menschen nach ihrer wirtschaftlichen&nbsp;N\u00fctzlichkeit bewertet. 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