{"id":103,"date":"2022-02-28T10:12:00","date_gmt":"2022-02-28T09:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog\/?p=103"},"modified":"2022-05-20T08:48:12","modified_gmt":"2022-05-20T06:48:12","slug":"rezension-erfahrung-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog\/rezension-erfahrung-der-zeit\/","title":{"rendered":"Rezension: Der mittelalterliche Mensch und die Zeit"},"content":{"rendered":"\n<span id=\"Christian_Kiening._Erfahrung_der_Zeit:_1350-1600._Gttingen:_Wallstein_2022_336.\"><h2>Christian Kiening. <em>Erfahrung der Zeit: 1350-1600<\/em>. G\u00f6ttingen: Wallstein, 2022, 336.<\/h2><\/span>\n\n\n\n<p><em>Marie Reppe<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit ist heute eine feste Gr\u00f6\u00dfe im Leben der Menschen. Umso erstaunlicher ist es, dass man sich bei der Lekt\u00fcre von Christian Kienings ausf\u00fchrlicher Studie \u201eErfahrung der Zeit. 1350\u20131600\u201c zu fragen beginnt, wo dieses Thema seinen Platz in der literaturwissenschaftlichen Forschung hat. In der Tat ist seine Pr\u00e4senz sehr bescheiden, was angesichts seiner Bedeutung verwundert. Besch\u00e4ftigt hat Zeit die Menschheit schlie\u00dflich seit der Antike, als Selbstverst\u00e4ndlichkeit angesehen wird sie jedoch erst seit verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kurzer Zeit. Christian Kiening betrachtet in seinem Buch die Epoche der ersten intensiven Auseinandersetzung mit Zeitwahrnehmung zwischen 1350 und 1600. Zun\u00e4chst als etwas eigenwillige Zeitspanne erscheinend, wird man in der Einleitung der knapp 290 Seiten langen Publikation \u00fcber die Bedeutung des Mittelalters f\u00fcr ein ver\u00e4ndertes Zeitempfinden der Menschheit aufgekl\u00e4rt. Von 1350 ausgehend wird der zeitgen\u00f6ssische Wissens- und Wahrnehmungsstand umrissen, dargestellt, wie Zeit gemessen wurde und an \u00fcberlieferten Texten erarbeitet, welche Rolle sie auf die Erfahrungen der Menschen aus\u00fcbte, die etwa durch die Erfindung der Uhr ihr soziales Leben nun ganz neu planen und erleben konnten. Dadurch entsteht ein ver\u00e4ndertes Lebensbewusstsein, das im Buch, untergliedert in drei Themenschwerpunkte, an konkreten &nbsp;literarischen Texten herausgearbeitet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Schwerpunkt tr\u00e4gt den Titel \u201eErfahrene Zeit\u201c und besch\u00e4ftigt sich ausschlie\u00dflich mit Texten, in deren Zentrum im weiten Sinne Reisen stehen.&nbsp;F\u00fcr den Menschen definierte sich Zeit urspr\u00fcnglich \u00fcber tageszeitabh\u00e4ngige Ver\u00e4nderungen von Sonnenstand und Licht, Ver\u00e4nderungen des Raumes waren nahezu die einzige M\u00f6glichkeit, durch Relation das diffuse Gesp\u00fcr f\u00fcr Zeit zu intensivieren, sie zu empfinden und zu erfahren. Am Beispiel von Petrarca, Mandevilles oder Tucher wird ersichtlich, dass die Menschen mitunter das ganze Leben als Reise in Richtung Tod begriffen, die f\u00fcr den einen k\u00fcrzer und f\u00fcr den anderen l\u00e4nger war. Damit einher geht eine gewisse Melancholie, die f\u00fcr das Zeitempfinden generell pr\u00e4gend wird, da dieses das Bewusstsein f\u00fcr Endlichkeit mit sich bringt. Das Leben sei \u201eein kontinuierliches Sterben, ein unaufhaltsamer Weg in den Tod\u201c (71). Der Mensch sucht in Zeiten von Sand- und Sonnenuhr verl\u00e4ssliche Anhaltspunkte. Anfangs wird noch viel mit biblischen Zeitangaben gearbeitet, die Geburt Jesu ist dabei in unserem Kulturkreis die wohl wichtigste feste Gr\u00f6\u00dfe. Doch diese Bezugspunkte erweisen sich als sehr abh\u00e4ngig von bestimmten kulturellen Zusammenh\u00e4ngen. Auch die Architektur kann als Zeitzeuge keine Verl\u00e4sslichkeit bieten, da sie Zerst\u00f6rung und \u00dcberbauung ausgeliefert ist. Das Schreiben an sich wird mitunter als wichtigste Bewusstmachung von Zeitvergehen und Erfahrung betrachtet. Doch auch hier zeigen sich Schwierigkeiten, da unterschiedlich intensive Erlebnisse die Erfahrung von Zeit verzerren k\u00f6nnen. Erst das Weiterentwickeln von Ger\u00e4ten zur objektiven Messung von Zeit und die dadurch m\u00f6glich werdende konkrete Datierung von Ereignissen f\u00fchrt zur zunehmenden Losl\u00f6sung von an den Raum gekoppelter Zeitwahrnehmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem zweiten Schwerpunkt \u201eGelebte Zeit\u201c besch\u00e4ftigt sich Kiening genauer damit, wie die potenzielle Planbarkeit und Einteilung von Zeit, sowohl in naher Zukunft wie in Hinblick auf das ganze Leben, die Menschen weiter beeinflusst. Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen hier die Oswald-Briefe, herangezogen wird aber auch Literatur von Alberti, Morelli oder Charles d\u2019Orl\u00e9ans (unter anderem). Die vorgenommene recht kompliziert anmutende Kategorisierung der Thematik ist dabei dem Lesefluss und der Verst\u00e4ndlichkeit des hochinteressanten Themas allerdings leider eher hinderlich. Titel wie \u201eVariationen\u201c oder \u201eDiscours de Temps\u201c zwischen pr\u00e4gnanten Stichworten wie \u201eLebensgeschichten\u201c oder \u201eVerf\u00fcgbare Zeit\u201c fordern vom Lesenden viel Aufmerksamkeit, um Relevanz und Einordnung nachvollziehen zu k\u00f6nnen. Wir nehmen trotzdem mit, dass der Mensch im 15. Jahrhundert die Notwendigkeit erkennt, seine Zeit einzuteilen zu m\u00fcssen, wenn er sie effektiv nutzen will. Der drohende k\u00f6rperliche Verfall im Alter wird ihm ebenso gegenw\u00e4rtig wie die Verg\u00e4nglichkeit eines jeden Lebensabschnitts mit s\u00e4mtlichen positiven wie negativen Gef\u00fchlen. Dabei bauen alle Lebensstufen aufeinander auf, sodass ein kontinuierliches Streben nach h\u00f6heren Zielen zum Ideal wird, zum eigentlichen Sinn. Das Leben wird als unaufhaltsamer Zyklus begriffen, angetrieben und bewegt von Minne und Leistungserbringung. Mit Hilfe von Testamenten wird ab dem sp\u00e4ten 15. Jahrhundert gar \u00fcber den Tod hinaus geplant. Doch je mehr sich die Menschen mit der Zeit besch\u00e4ftigen, desto klarer erschlie\u00dft sich ihnen auch die Komplexit\u00e4t des Themas; eigenwillig, unergr\u00fcndlich und in unaufhaltsamer Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Entsprechend widmet sich Kiening in seinem dritten Schwerpunkt der Reflexion von als sinnvoll erachteter Zeitnutzung und der damit verbundenen Fixierung auf den Moment als einzige beeinflussbare Gr\u00f6\u00dfe. Der etwas irref\u00fchrende Begriff der \u201eGestundeten Zeit\u201c wird dem Leser leider bis zum Schluss nicht erl\u00e4utert. Vermutlich bezieht er sich auf die Zusammensetzung des Lebens aus nutzbaren Stunden. Dabei kann die objektive Stunde f\u00fcr den einen Zukunft sein, w\u00e4hrend ein anderer sie nicht mehr erleben wird, da er durch den Tod bereits der Vergangenheit angeh\u00f6rt. Im Fokus der Betrachtung steht die Geschichte von <em>Faust I<\/em> und <em>II<\/em>. Anhand der phantastischen Zusammenarbeit Fausts (und sp\u00e4ter seines Erben Wagner) mit dem Teufel werden Gedankenexperimente mit stehenbleibender Zeit oder Zeitreisen m\u00f6glich. Sie zeugen von der intensiven, aber auch spielerisch werdenden Auseinandersetzung der Menschheit mit der Zeit als dem vielleicht faszinierendsten Lebensfaktor. Dadurch, dass ein Leben nach dem Tod zunehmend als nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich gegeben angenommen wird, wird die Frage nach dem richtigen F\u00fcllen der Lebenszeit immer dr\u00e4ngender.<\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte Punkt der Publikation ist ein Ausblick und nennt sich \u201eHabitualisierte Zeit\u201c, leider ein ebenfalls unerkl\u00e4rt bleibender Begriff. Die Entwicklung des Blicks auf die Zeit als etwas zunehmend Gewohntes, ihre Allegorisierung und Integration ins Allt\u00e4gliche erwartet den Leser an dieser Stelle. Ein zusammenfassendes Schlusswort bleibt Kiening allerdings schuldig. Obwohl zun\u00e4chst ohne Bezug zur aktuellen Forschung erscheinend, erschlie\u00dfen sich dem Leser dank Kienings Studie Antworten auf Fragen, die einen jeden schon einmal mehr oder weniger bewusst ber\u00fchrt haben. Die Betrachtung der Zeit vor \u00fcber 500 Jahren unterscheidet sich erstaunlich wenig von der Art, wie sie den einzelnen noch heute besch\u00e4ftigt. So erhaschen wir immer wieder zeit\u00fcbergreifende Erkenntnisse, sei es, dass der barocke Vanitas-Gedanke bereits im Mittelalter existierte oder dass Zeit auch grundlegend f\u00fcr jeden Rhythmus und damit f\u00fcr Musik ist. Eine aktuelle Diskussionsfrage wird in der Tat au\u00dfen vor gelassen, der Fokus der Studie liegt auf historischen Prim\u00e4rtexten, die als Quellen herangezogen werden. Dennoch erscheint Kienings Untersuchung als Vorreiterwerk auf einem Gebiet, das noch viele wissenswerte Erkenntnisse zu bieten hat und fortzusetzen w\u00e4re. Auch wenn es einige philosophische und wissenschaftliche Publikationen \u00fcber die Zeit als Ph\u00e4nomen gibt, stand die Zeitwahrnehmung durch Menschen bestimmter Epochen noch nicht derart im Fokus, insbesondere nicht mit Blick auf deren reflektierende Auseinandersetzung \u00fcber Literatur. Das gibt Ausblick auf eventuelle Folgeb\u00e4nde. Was das Buch dem Lesenden zu bieten hat, ist ein ausf\u00fchrlicher Blick auf eine bestimmte Entwicklungsphase der Menschheit, in der die Zeit eine enorm wichtige Rolle zu spielen beginnt. Die Studie erlangt trotz Ihres historischen Fokus dabei eine anregende Gegenw\u00e4rtigkeit in den eigenen Gedanken. Wer sich von der etwas eigenwilligen Kategorisierung und der tendenziell wenig integrierten Fachterminologie nicht abschrecken l\u00e4sst, erh\u00e4lt am Ende seiner Lekt\u00fcre einen lohnenden Wissensfundus \u00fcber die ambivalente Gr\u00f6\u00dfe <em>Zeit<\/em>, die den Menschen seit jeher als Monster \u00e4ngstigte, aber genauso zu Wahrheit und Erkenntnis gef\u00fchrt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Kiening. Erfahrung der Zeit: 1350-1600. 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