{"id":304,"date":"2023-07-19T15:10:47","date_gmt":"2023-07-19T13:10:47","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/?p=304"},"modified":"2023-12-07T08:29:34","modified_gmt":"2023-12-07T07:29:34","slug":"literaturkritik-im-wandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/2023\/07\/literaturkritik-im-wandel\/","title":{"rendered":"Literaturkritik im Wandel &#8211; Falco Schubert"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Falco Schubert<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-large-font-size\"><strong>Literaturkritik im Wandel <em>&nbsp;<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-normal-font-size\"><em>Mittel und Formen der Aus\u00fcbung von Kritik im literarischen Diskurs<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Stehen die modernen Gelehrten wirklich auf den Schultern der alten und k\u00f6nnen deshalb weiter sehen? Diese Vorstellung ist sinnbildlich gemeint und bildet eine Position des Gelehrtenstreits ab, der um 1700 in Europa aufkam. Diese Analogie unterst\u00fctzt die Ansicht, dass moderne Philosophen und Schriftsteller ihre neuen Erkenntnisse niemals ohne die zuvor erbrachte Leistung der alten Schriftsteller h\u00e4tten gewinnen k\u00f6nnen. Die Zwerge k\u00f6nnen nur soweit sehen, da sie von der schon vorhandenen Gr\u00f6\u00dfe der Riesen, auf deren Schultern sie stehen, profitieren. Oder etwa nicht? Die Frage nach dem Wert von Literatur f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit und wie dieser ermittelt wird, ist eine, die verst\u00e4rkt mit dem Einbruch der Epoche der Aufkl\u00e4rung aufkam. Im Folgenden sollen anhand des Gelehrtenstreits die Positionen des Diskurses und die Mittel der Kritik\u00fcbung herausgestellt werden, um zu betrachten, wie diese sich im Laufe der Zeit mit Beginn einer neuen Streitkultur ver\u00e4ndert haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gelehrtenstreit wurde durch William Temple im Jahre 1692 in England ausgerufen. Ausl\u00f6ser daf\u00fcr war der Text <em>An Essay upon the Ancient and Modern Learning<\/em>. Die eine Seite pl\u00e4dierte daf\u00fcr, das Erbe der antiken Schriftsteller und Philosophen in Frage zu stellen und stattdessen einen genaueren Blick auf die zeitgen\u00f6ssischen, modernen Autor.innen zuwerfen. Die andere Position war emp\u00f6rt dar\u00fcber, die vergleichsweise jungen Werke und Ansichten der Modernen mit jenen der antiken Denker zu vergleichen. Der Streit wurde \u00fcber Schriften und Essays ausgetragen, die nur in gewissen, gebildeten Kreisen kursierten. Inhalt und Argumentation der Texte waren sehr anspruchsvoll und komplex, es wurden viele Parallelen zu anderen Texten gezogen, sodass dem weniger belesenen Publikum der Zugang zur Debatte verwehrt blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00e4nderte sich allerdings mit der Schrift von Jonathan Swift <em>The Battle of the Books<\/em>. Diese fand Anklang in einer breiten Leserschaft auch au\u00dferhalb der intellektuellen Kreise der damaligen Zeit. In der satirischen Kurzgeschichte beschreibt Swift einen Kampf, der in einer Bibliothek ausgetragen wurde. Auf der einen Seite befinden sich die B\u00fccher der alten Schriftsteller, welche den B\u00fcchern der modernen auf der anderen Seite gegen\u00fcber stehen. In einem Vorwort des Verlegers an das Publikum wird die vorliegende <em>polemische Situation<\/em> erl\u00e4utert. Hierbei handelt es sich um eine wertende, auf Meinungen und nicht Fakten beruhende Streitsituation, welche pers\u00f6nlich und unsachlich ausgetragen wird. Ausl\u00f6ser sei die von Sir William Temple ver\u00f6ffentlichte Schrift <em>An Essay upon the Ancient and Modern Learning.<\/em> In diesem Text kritisiert Temple die englische Intellektuellenszene der <em>Royal Society<\/em>, welche verantwortlich sei f\u00fcr die kategorische Ablehnung von moderner Literatur und deren Autor:innen. Da dem Wortgefecht kein Ende zu setzen war, f\u00fchlten sich die B\u00fccher verantwortlich einzuschreiten. Und so habe sich die Schlacht zwischen den alten und den modernen B\u00fcchern ereignet. Die Ausgangssituation macht die Unm\u00f6glichkeit eines allgemeing\u00fcltigen Urteils \u00fcber den Wert von Literatur deutlich, da nach etlichen Wortgefechten, Essays und Kommentaren kein befriedigender Kompromiss f\u00fcr beide Seiten in Aussicht war. Doch mit welchen Mitteln kann Literaturkritik ihr Publikum dennoch \u00fcberzeugen?<\/p>\n\n\n\n<p><em>The Battle of the Books <\/em>stellt nicht nur eine satirische Schrift dar, die bereits zeitgen\u00f6ssisch sehr beliebt war. Bemerkenswert ist vor allem, dass nun auch die \u00d6ffentlichkeit am Diskurs der Literaturkritik teilnehmen konnte. Es geht eben weniger um die Frage, wer diese Auseinandersetzung denn letztlich gewonnen hat. Ein solches Ende wird im Text auch gar nicht deutlich, und zwar da, laut Verleger, einige Seiten des Manuskripts so besch\u00e4digt waren, dass man gar nicht mehr erkennen k\u00f6nne, wie die Schlacht ausgegangen sei. Der Adressatenkreis ist demnach gezwungen, selbst ein Urteil \u00fcber die Argumentationen der beiden Seiten zu f\u00e4llen. Die Lesenden werden hier also unweigerlich in den Prozess der Literaturkritik einbezogen. Im Folgenden soll ein Einblick in die Schlacht der B\u00fccher gew\u00e4hrt werden. Anschlie\u00dfend werden die darin enthaltenen Positionen unter Einbezug einer theoretischen Perspektive auf polemische Situationen analysiert. Hierbei sollen die Charakteristika von Satire und Polemik analysiert werden, um deutlich zu machen, wieso es sich hierbei um besonders geeignete Methoden eines literaturkritischen Diskurses handelt. Ziel ist es zu erkl\u00e4ren, mit welchen Mitteln Literaturkritik damals funktioniert hat, wie sich die Tradition ver\u00e4nderte und unter welchen Bedingungen das Publikum \u00fcberzeugt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>The Battle of the Books \u2013 Die Ausgangssituation<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Swift erl\u00e4utert in den ersten Seiten die Ausgangssituation einer Gegen\u00fcberstellung zwischen den Alten und den Modernen, um so den Grund f\u00fcr die Schlacht erkenntlich zu machen. Der Streit hatte seinen Ursprung in Griechenland, um genauer zu sein, in der Region um den H\u00fcgel Parnass. Dieser H\u00fcgel war einst dem griechischen Gott Apollon gewidmet und gilt als Heimat der Musen, welche in der griechischen Mythologie als die Schutzg\u00f6ttinnen der Kunst dargestellt werden. Der Parnass ist ein symboltr\u00e4chtiger Ort, nicht nur f\u00fcr die griechische Mythologie: Zum einen wurden Schriftsteller und insbesondere Dichter, die auf der Suche nach neuer Inspiration sind h\u00e4ufig mit Musen verglichen. Zum anderen wurde der Parnass als Sinnbild eingesetzt, um einen literarischen oder kreativen H\u00f6hepunkt in Form eines Werkes oder eines Kunstschaffenden zu benennen. Die Alten bewohnten den gr\u00f6\u00dften Gipfel des Parnass und die Modernen besetzten den kleineren. Von dieser ungleichen Lage ausgehend beklagen sich die Modernen \u00fcber ihre Stellung und fordern von den Alten, dass sie sich entweder vom h\u00f6heren H\u00fcgel zur\u00fcckziehen sollen oder sich damit zufriedengeben, dass die Modernen kommen, um den Gipfel so weit abzutragen, dass diese wieder dar\u00fcber hinwegsehen k\u00f6nnen. \u201eDie Alten erwiderten, sie h\u00e4tten eine solche Botschaft wenig erwartet, zumal von einer Kolonie, die sie aus freiem Antrieb so dicht in ihrer N\u00e4he aufgenommen h\u00e4tten. [\u2026] Sie w\u00fcrden also den Modernen eher raten, ihren eigenen Gipfel zu erh\u00f6hen, statt daran zu denken, den der Alten einzureissen; jenes w\u00fcrden sie nicht nur erlauben, sondern sie w\u00fcrden sogar in grossem Umfange dabei mithelfen\u201c.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>Doch es wird deutlich, dass die Modernen nicht darauf aus sind, einen Kompromiss zu finden, weshalb sie das gro\u00dfz\u00fcgige Angebot der Alten ablehnen. Nun stehen sie vor einem langwierigen Krieg um die Frage, wer die Deutungshoheit im literarischen Diskurs erh\u00e4lt oder behalten darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Es handelt sich hierbei jedoch nicht um einen Krieg mit echten Waffen und physischer Gewalt. \u201eIn diesem Streit sind ganze Str\u00f6me von Tinte ersch\u00f6pft worden [\u2026]\u201c.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Doch da keine Einigung und kein Frieden in Aussicht war, r\u00fchmten sich einfach beide Seiten gleichzeitig. Es werden auf beiden Seiten Troph\u00e4en errichtet, da beide Parteien der Meinung sind, dass sie \u00fcberzeugender seien als ihre Gegner. Swift meint mit Troph\u00e4en die Argumente, Er\u00f6rterungen, Thesen und Erwiderungen des jeweiligen Lagers. Da jede Partei des Streits stimmige und \u00fcberzeugende Argumente f\u00fcr ihre Position gefunden hat, gibt es demnach Auszeichnungen auf beiden Seiten. Das erkl\u00e4rt, warum der Streit so unendlich scheint. Nachdem die Schriften, egal aus welcher Zeit sie stammen, an aktuellem Interesse abgenommen haben, werden sie, sofern sie von hoher Wichtigkeit sind, in Bibliotheken verwahrt. \u201eIn diese B\u00fccher wird der Geist eines jeden Kriegers eingetr\u00e4ufelt, um dort konserviert zu werden, solange er lebt; nach seinem Tode aber wandert seine Seele hinein, um sie zu beleben\u201c.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> Diese Schriften der Krieger werden in der Bibliothek unter besonderem Verschluss gehalten, damit sie die anderen B\u00fccher in Frieden lassen. Um die B\u00fccher selbst voreinander zu sch\u00fctzen, sollten sie zus\u00e4tzlich noch angekettet werden. Alle gr\u00f6\u00dferen<em> Polemika<\/em> sollten von diesem Zeitpunkt an mit einer Kette versehen werden. Doch als \u201ein den letzten Jahren eine neue Gattung polemischer B\u00fccher aufgekommen\u201c<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> ist, wurde der einst ruhende Streit mit neuer Intensit\u00e4t wieder aufgegriffen. Mit allen Mitteln der Polemik soll nun die Position der Alten vernichtet und der Ma\u00dfstab der Modernen errichtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Der Gelehrtenstreit als Beispiel f\u00fcr eine polemische Situation<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Laut J\u00fcrgen Stenzel (1986), einem deutschen Geisteswissenschaftler und Germanisten, ist die Polemik keine zu lernende, auf Tradition beruhende Gattung. \u201eWesentlich ist sie eine spontane Redeform, f\u00fcr die es keine spezielle Regelkompetenz gibt.\u201c<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> Dabei beinhaltet die <em>polemische Situation<\/em> folgende Komponenten: Alles geht von einem <em>polemischen Subjekt<\/em>, das man auch als <em>Polemiker<\/em> bezeichnet, aus. In unserem Falle handelt es sich um die Vertreter der Modernen. Die angegriffene Seite wird als <em>polemisches Objekt<\/em> bezeichnet; hier die Vertreter der Alten, die von den Vertretern der Modernen angegriffen werden. Es gibt noch eine dritte, alles entscheidende Position, die \u00fcber den Ausgang der polemischen Situation urteilt: Die <em>polemische Instanz<\/em>.Es handelt sich hierbei um ein direkt oder indirekt angesprochenes Publikum, das am Ende einer polemischen Rede dar\u00fcber urteilt, welche Position nun schl\u00fcssiger oder vertretbarer sei. Als polemische Instanz gilt das Publikum einer Rede oder die Lesenden eines Textes.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder polemischen Situation liegt ein <em>polemisches Thema<\/em> zugrunde, welches den Gegenstand der Auseinandersetzung bildet. Im Gelehrtenstreit ergibt sich das polemische Thema aus dem Geltungsanspruch der Modernen und der Alten. Ziel des polemischen Subjekts, also der modernen Schriftsteller, ist es, das Publikum davon zu \u00fcberzeugen, dass ihre Ansichten wertvoller und hochwertiger sind als die der Alten. Damit der \u00dcberzeugungsversuch gelingt, wird versucht, die Gegenseite nicht nur durch Argumente, sondern auch durch einen von Wertgef\u00fchlen, Aggressivit\u00e4t und Personalisierung geleiteten Angriff zu zerst\u00f6ren. Es kann also keine Position dazwischen geben. Das wird in der Ausgangssituation, welche sich um den H\u00fcgel Parnass ereignet hat, deutlich. Die Modernen wollen ihre Position nicht durch die Hilfe der Alten erh\u00f6hen, sie wollen vielmehr die Position der Alten und somit ihren Platz einnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit die polemische Instanz die Dringlichkeit der Auseinandersetzung auch erkennt, muss das polemische Subjekt beweisen, dass das polemische Objekt relevant ist. Auf diesen Falle bezogen steht die Relevanz der Klassiker aus der Antike f\u00fcr viele au\u00dfer Frage. Dar\u00fcber hinaus muss das polemische Objekt als minderwertig und sch\u00e4dlich gebrandmarkt werden. Erst wenn das gegeben ist, hat der <em>Polemiker<\/em> eine Legitimation f\u00fcr seinen aggressiven, pers\u00f6nlichen und vernichtenden Angriff auf das <em>polemische Objekt<\/em>. Den Alten wird deshalb nachgesagt, dass sie f\u00fcr die Gegenwart nicht mehr relevant seien, da es die moderne Literatur sei, die moderne Fragen l\u00f6se. Denn moderne Literatur entwickelt auch moderne Methoden, welche es in der Antike eben noch nicht gab. Die positive Selbstdarstellung ist ein wichtiges Werkzeug dabei, die Gegenposition au\u00dfer Kraft zu setzen.<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> So wird stark auf die Aktualit\u00e4t und die Innovation moderner Autor:innen verwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im vergangenen Teil wurde nun anhand des Gelehrtenstreits gezeigt, wie eine polemische Situation aufgebaut ist und inwiefern dabei ein Subjekt und ein Objekt ein bestimmtes Thema ausdiskutieren. Es wurde deutlich, dass im Rahmen einer satirischen Schrift, welche eigentlich frei von Werturteilen ist, durchaus subjektive Ansichten verhandelt werden k\u00f6nnen. So wird das Publikum Teil des Prozesses und muss entscheiden, welche Positionen plausibler erscheinen. Da Satire und Polemik literarische Techniken sind, welche h\u00e4ufig miteinander verbunden sind, gilt es im n\u00e4chsten Teil, eine genauere Abgrenzung dieser Methoden vorzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Die Mittel der Satire und Polemik im Verh\u00e4ltnis zueinander<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die wichtigste Gemeinsamkeit der Gattungen von Satire und Polemik ist die, dass es sich bei beiden um Mittel der Kritik handelt, die aus dem literaturkritischen Diskurs nicht wegzudenken sind. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied: Die Satire argumentiert nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich wie in der Polemik findet allerdings auch in einer satirischen Situation ein Angriff statt. Der Angriff ist eine Komponente, die in vielen Definitionen von Satire als unumstritten gilt. Und doch ist dieser Angriff, im Unterschied zur Polemik, nicht auf eine einzige Person oder Personengruppe gerichtet, sondern kritisiert vielmehr einen (gesellschaftlichen) Zustand. Im Vergleich zum polemischen Objekt, das vom polemischen Subjekt, welches klar Position bezieht und dementsprechend nicht mehr er\u00f6rtert, pers\u00f6nlich angegriffen wird, handelt es sich beim Objekt der Satire nicht einfach um eine Person. Vielmehr geht es hier um einen allgemeinen Missstand, der sichtbar gemacht werden soll. Dabei soll aber nicht f\u00fcr eine \u00c4nderung dieses Missstandes pl\u00e4diert werden, sondern dem Publikum wird selbst \u00fcberlassen, welche Position es beziehen m\u00f6chte. Der Missstand ist bei Swift der Streit um die Deutungshoheit an sich, da es eine Unm\u00f6glichkeit darstellt, diesen Streit mit einem finalen Urteil zu beenden. Er beschreibt sowohl die Sicht der Modernen als auch die Gegenansicht der Alten. Wie erw\u00e4hnt teilt er dem Publikum mit, dass einige Seiten fehlen und der Leser selbst dar\u00fcber entscheiden solle, wer gewonnen habe. Zudem sind weitere fehlende Textstellen zu beklagen. Es wird auch nicht bekannt gegeben, ob die B\u00fccher sterben, stattdessen wird an entsprechender Stelle in lateinischer Schrift darauf verwiesen, dass hier Seiten fehlen: \u201eHic pauca desunt\u201c, was so viel hei\u00dft wie: Hier fehlen ein paar Worte. Oder: \u201eDesunt nonnulla\u201c, was \u00fcbersetzt werden kann mit: Manche fehlen. Es wird in der satirischen Darstellung also stets darauf geachtet, keine Stellung zu beziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der polemischen Rede hingegen versucht das <em>polemische Subjekt<\/em> die <em>polemische Instanz<\/em> auf seine Seite zu ziehen, um die Auseinandersetzung f\u00fcr sich zu gewinnen. Dass das bei Swift nicht der Fall ist, wird anhand der Vorrede an die Lesenden deutlich: \u201eDie Satire ist eine Art Spiegel, in dem die Beschauer allgemein jedermanns Gesicht erkennen, nur ihr eigenes nicht; das ist der Hauptgrund, weshalb sie in der Welt eine so gute Aufnahme findet und weshalb so wenig Leute an ihr Anstoss nehmen.\u201c<a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a> Swift macht sich nicht nur \u00fcber die Gelehrten und ihren Streit lustig, sondern auch \u00fcber das Publikum der Satire. Er beleidigt das Publikum insofern, dass er behauptet, die Lesenden seien nicht in der Lage, sich selbst zu kritisieren, sondern s\u00e4hen nur die Kritikpunkte und \u00fcbertr\u00fcgen sie auf ihre Mitmenschen. Indirektheit ist das entscheidende Merkmal der Satire, das diese von der reinen Kritik abgrenzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht also nicht allein um die \u00c4u\u00dferung von Kritik an einem nicht zufriedenstellenden Zustand, sondern ebenso um die Verschl\u00fcsselung dieser Kritik in Formen der Kunst. Diese Verschl\u00fcsselung von Kritik gestaltet sich \u00fcber die Stilmittel der Satire. Eines der wichtigsten Elemente, das in diesen Stilmitteln beinhaltet ist, ist die <em>Komik<\/em>. Durch komische oder gar groteske Darstellung einer Situation soll der Missstand, der zu beklagen ist, unterstrichen werden. Damit soll uns bewusst gemacht werden, wie absurd der derzeitige Zustand eigentlich ist. Swift gelingt eine solche Darstellung durch die \u00dcbertragung einer Auseinandersetzung zwischen Vertretern gegens\u00e4tzlicher Str\u00f6mungen auf eine Schlacht zwischen den von ihnen verfassten B\u00fcchern. Weil die Gelehrten nicht in der Lage waren, sich zu einigen, f\u00fchlten sich die B\u00fccher verpflichtet, diesen Kampf auszutragen. Der eigentliche Gelehrtenstreit, der zwischen den Vertretern der Modernen und jenen der Alten stattfindet, wird in ein Szenario \u00fcbertragen, das einen Kampf zwischen der von ihnen verfassten Literatur darstellt. Damit thematisiert Swift das gr\u00f6\u00dfte Problem der Literaturkritik der folgenden Jahrhunderte: Es gibt nicht die eine richtige Position, wie es die Polemiker uns weismachen wollen. Jedoch muss es Kriterien geben, um subjektive Kritik und pers\u00f6nliche Empfehlungen glaubhaft erscheinen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Normbezug ist eine weitere wichtige Komponente der Satire. Ohne den Bezug zu einem Ideal, das gegenw\u00e4rtig noch nicht erreicht ist oder gar nicht erreicht werden kann, handelt es sich um einen blo\u00dfen Angriff. Doch genau das ist Satire schlie\u00dflich nicht. Die Satire macht laut Friedrich Schiller in <em>\u00dcber naive und sentimentalische Dichtung<\/em> den Widerspruch der Realit\u00e4t mit ihrem idealen Zustand zum Gegenstand. Ein nicht zufriedenstellender Zustand, der einem nicht erreichten Ideal gegen\u00fcbersteht, aber erstrebenswert w\u00e4re, steht also im Mittelpunkt der Kritik satirischer Schriften. Und so ist es auch bei Swifts <em>Schlacht der B\u00fccher<\/em>. Die Bibliothek, in der die Schlacht stattfindet, steht f\u00fcr einen Ort, an dem Menschen in Austausch treten. Genauer gesagt steht die Bibliothek f\u00fcr ein Netzwerk von Schriftstellern, die miteinander oder gegeneinander argumentieren, Thesen austauschen und zum gleichen Sachverhalt verschiedene Standpunkte einnehmen. Das Ideal w\u00e4re, dass alle Schriftsteller untereinander einen guten Umgang pflegen und respektvoll miteinander umgehen. Da der Anspruch, der im Streit ausgehandelt werden soll jedoch viel zu hoch ist, kommt es zu keiner Einigung. Denn letztendlich schlie\u00dfen sich die Standpunkte gegenseitig aus: Die Modernen w\u00fcrden sich gerne an einem Ma\u00dfstab messen, der bis dato in der Zukunft liegt und versuchen den derzeitigen Ma\u00dfstab, der an die Werke der Alten angelegt ist, f\u00fcr nichtig zu erkl\u00e4ren. Wohingegen die Alten der Meinung sind, dass es ohne ihre Schriften und Erkenntnisse auch gar nicht zu einem modernen Denken h\u00e4tte kommen k\u00f6nnen. Diese Ansicht wird durch die Vorstellung von Zwergen, die auf den Schultern von Riesen stehen, hervorgehoben. Die zuvor geschilderte groteske Darstellung, dass B\u00fccher gefesselt und gefangen werden m\u00fcssen, da sie sonst gewaltt\u00e4tig werden, l\u00e4sst sich auf die Ausgangssituation und die letztendliche Eskalation des Gelehrtenstreits \u00fcbertragen. Die Gelehrten finden keinen Weg mehr, miteinander zu streiten, da ihre Positionen zu weit auseinander scheinen, weshalb ein Krieg der Worte ausbricht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Entwicklung der Literaturkritik unter weiterem Steigen des \u00f6ffentlichen Interesses<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Gattung der Satire bietet eine gute M\u00f6glichkeit, einen ernst zu nehmenden Sachverhalt oder Missstand durch komische Darstellung zu pr\u00e4sentieren und dadurch Kritik an ihm zu \u00e4u\u00dfern. Eine solche Darstellung lockt zwar ein breiteres Publikum, jedoch besteht durch die fast schon l\u00e4cherliche Darstellung eines Konfliktes die Gefahr, dass Ernsthaftigkeit verloren geht und Satire nur noch zur reinen Unterhaltung dient. Der Gelehrtenstreit war der Vorreiter f\u00fcr eine Streitkultur, die sich im 18. Jahrhundert im Zuge der modernen Literatur und Literaturkritik entwickelte. Durch Polemik und Satire wurden neue M\u00f6glichkeiten der Aus\u00fcbung von Kritik er\u00f6ffnet, die eine gr\u00f6\u00dfere Zielgruppe ansprechen, da ernstzunehmende Sachverhalte und die damit verbundene Unzufriedenheit auf unterhaltsame Weise dargestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Publikum, das sich f\u00fcr Literaturkritik interessierte, war nicht l\u00e4nger eines, das ausschlie\u00dflich aus Gelehrten besteht. Auch gebildete B\u00fcrger:innen waren unter den Interessierten der Literaturkritik zu finden. Dies wird beispielsweise anhand von Lessings <em>Literaturbriefen<\/em> deutlich. Es handelt sich hierbei um eine kritische Wochenzeitschrift aus der Zeit der Aufkl\u00e4rung, die Lessing ins Leben rief. Zusammen mit zwei weiteren Autoren lieferte Lessing selbst die meisten Beitr\u00e4ge aus dieser Zeitschrift. In diesen verk\u00fcndetet er auf sehr subjektive Art und Weise seinen Blick auf die zeitgen\u00f6ssische Literatur. Diese Wochenzeitschrift war f\u00fcr die breite \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich und aufgrund ihrer h\u00f6chst subjektiven und polemischen, teilweise nicht einmal gut begr\u00fcndeten \u00c4u\u00dferungen von hoher Beliebtheit. Der Streit um das Ansehen und das Wirken von Literatur hat sich hier also nur noch auf die modernen Literaten der Zeit beschr\u00e4nkt. Die Methode dieser Wochenschriften war es, eine subjektive Wahrnehmung, aus der sich dann die Kritik entwickelt, so zu verkaufen, dass das Publikum den Geschmack des Kritikers als Kriterium f\u00fcr gute Literatur befindet. Die Position des Subjekts und wie diese an die \u00d6ffentlichkeit getragen wird, ist hier also viel wichtiger als die Legitimit\u00e4t der Kritik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Stehen die Zwerge nun auf den Schultern der Riesen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Um an dieser Stelle die anfangs gestellte Frage nach den Zwergen, welche auf den Schultern der Riesen sitzen, aufzugreifen, soll auf die Ver\u00e4nderung des Verh\u00e4ltnisses zwischen Literaturkritik und \u00d6ffentlichkeit hingewiesen werden. Die Beliebtheit von modernen, kritik\u00fcbenden Texten, welche sich auf moderne Literatur oder gegenw\u00e4rtige Zust\u00e4nde beziehen, steigt im 18. Jahrhundert und in der darauffolgenden Zeit stark an. Dies macht zum einen die Popularit\u00e4t Swifts deutlich, welcher sp\u00e4ter mit weiteren satirischen Geschichten wie <em>Gullivers Reise <\/em>in der \u00d6ffentlichkeit blieb, zum anderen aber wird dies auch durch die hohe Nachfrage nach Polemikern wie Lessing best\u00e4tigt. Es scheint, als h\u00e4tten sich die Modernen stetig weiter von den Alten emanzipiert, weshalb die Frage gar nicht mehr so zentral scheint, da sich offensichtlich eine gewisse Deutungshoheit von selbst etabliert hat. Nat\u00fcrlich kann aus heutiger Sicht gesagt werden, dass antike Klassiker stets einen festen Platz im literarischen Diskurs haben. Jedoch scheint es zunehmend legitimer geworden zu sein, sich zu einem gro\u00dfen Teil mit Gedanken und Texten zeitgen\u00f6ssischer Autor:innen zu besch\u00e4ftigen, welche zudem auch noch unterhaltsamen Charakter aufweisen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a>Jonathan Swift, <em>Ein ausf\u00fchrlicher und wahrhaftiger Bericht \u00fcber die Schlacht, die letzten<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Freitag in der St. Jakobsbibliothek zwischen den alten und den modernen B\u00fcchern ausgefochten<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>wurde<\/em>, in: <em>Prosaschriften<\/em>, Bd. 2, hg. von Greve, F.P, London 1704, Bd. 2<em>,<\/em> 2.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a>Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a>Ebd. 3.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a>Ebd. 3.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a>Vgl. J\u00fcrgen Stenzel, <em>Rhetorischer Manich\u00e4ismus. Vorschl\u00e4ge zu einer Theorie der Polemik<\/em>,<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00f6ttingen 1986, 5ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a>Vgl. Stenzel, <em>Rhetorischer Manich\u00e4ismus. <\/em>5ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a>Swift, <em>Schlacht der B\u00fccher<\/em>, 1.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Falco Schubert Literaturkritik im Wandel &nbsp; Mittel und Formen der Aus\u00fcbung von Kritik im literarischen Diskurs Stehen die modernen Gelehrten wirklich auf den Schultern der alten und k\u00f6nnen deshalb weiter sehen? Diese Vorstellung ist sinnbildlich gemeint und bildet eine Position des Gelehrtenstreits ab, der um 1700 in Europa aufkam. Diese Analogie unterst\u00fctzt die Ansicht, dass [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5843,"featured_media":307,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/304"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5843"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=304"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/304\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":349,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/304\/revisions\/349"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/wp-json\/wp\/v2\/media\/307"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=304"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=304"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=304"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}