{"id":309,"date":"2023-07-18T15:23:47","date_gmt":"2023-07-18T13:23:47","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/?p=309"},"modified":"2024-03-20T14:14:29","modified_gmt":"2024-03-20T13:14:29","slug":"gezwungene-moerderinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/2023\/07\/gezwungene-moerderinnen\/","title":{"rendered":"Gezwungene M\u00f6rderinnen? &#8211; Annalena Harter"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Annalena Harter<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-large-font-size\"><strong>Gezwungene M\u00f6rderinnen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-normal-font-size\"><em>Zur Funktion der Wassersymbolik bei der Konzeption von Frauen in Clemens Brentanos<\/em> Lureley<em> und Friedrich de la Motte Fouqu\u00e9s <\/em>Undine<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Einleitung<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Es ist ein Fluss ohne Ende und riesig breit, der so durch die Literaturen flie\u00dft. Immer wieder: die Frau aus dem Wasser, die Frau als Wasser, als brausendes, spielendes, k\u00fchlendes Meer, als rei\u00dfender Strom, als Wasserfall, als unbegrenztes Gew\u00e4sser, [\u2026]; die Frau als lockende (oder gef\u00e4hrliche) Tiefe [\u2026].<a href=\"#_edn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Klaus Theweleit spricht in seiner Publikation <em>M\u00e4nnerphantasien <\/em>von der Frau und ihrer Verbindung zum Wasser als einem Thema, das immer wieder in verschiedenen Variationen in der Literatur auftaucht. So sind auch <em>Lureley <\/em>von Clemens Brentano sowie <em>Undine <\/em>von Friedrich de la Motte Fouqu\u00e9 nur zwei Beispiele allein aus der deutschen Romantik, in welchen die Frauenfiguren in gewisser Beziehung zu dem Element Wasser geschaffen wurden. Gewiss sind jedoch die Konzeptionen von Frauen in verschiedenen Werken, seien sie auch der gleichen Epoche zugeh\u00f6rig, nicht zwingend kongruent. Gleicherma\u00dfen weisen auch Lureley und Undine als Figuren gleichsam Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede in ihren Eigenschaften und ihrer Relation zum Wasser auf, welche die Basis f\u00fcr die weiterf\u00fchrenden Forschungsfragen der vorliegenden Arbeit sein sollen, die sich mit der Verbindung von Frauen und Wasser in der Literatur besch\u00e4ftigt. Als leitende Fragestellungen zu diesem Thema sollen dazu einerseits die Fragen dienen, welcher genaue Zusammenhang von Wassersymbolik und literarischer Konzeption der Frau sich beobachten l\u00e4sst, das hei\u00dft, welche poetologische Funktion das Wasser bei der Darstellung der Frauenfiguren erf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Kontext ist es ebenfalls interessant zu betrachten, welche Schlussfolgerungen sich aus dieser Verbindung in Brentanos <em>Lureley<\/em> und Fouqu\u00e9s <em>Undine<\/em> in Bezug auf Geschlechterverh\u00e4ltnisse ergeben. Damit einhergehend wird untersucht, inwiefern die Wassersymbolik dem m\u00e4nnlichen* Blick, mit welchem die Autoren die Frauenfiguren konstruieren, widerstrebt. Diese Fragestellungen werden exemplarisch anhand der bereits genannte Werke <em>Lureley<\/em> von Brentano und <em>Undine<\/em> von Fouqu\u00e9, welche beide eine solche \u201eWasserfrau\u201c enthalten, beantwortet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu werden sowohl Brentanos Gedicht als auch Fouqu\u00e9s Erz\u00e4hlung zuerst in Bezug auf die Frau als Figur und dann bez\u00fcglich des Motivs Wasser inhaltlich analysiert. Mit der folgenden Analyse arbeite ich dabei auf die Thesen hinaus, dass zum ersten das Wasser als literarisches Symbol das Element darstellt, das die bestehenden menschlich-m\u00e4nnlichen* Gesellschaftsordnungen von Grund auf umkehrt. Dadurch verleiht es den Frauen, die in Verbindung mit diesem stehen, sowie mit ihm agieren und welche nur durch Ausgrenzung aus der menschlichen Gesellschaft zu autonom handelnden Subjekten werden k\u00f6nnen, die daf\u00fcr n\u00f6tige Handlungsmacht. Zum zweiten soll dargelegt werden, dass die Frauen Brentanos und Fouqu\u00e9s nicht nur auf literarischer Ebene durch andere Figuren ausgegrenzt werden, sondern selbst die m\u00e4nnliche* Perspektive der textexternen Autoren die (literarische) Unterdr\u00fcckung der Frauen unterst\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus wird im Verlauf der Arbeit noch eine neue Leseart der behandelten Werke etabliert, welche die Frauen \u2013 entgegen der g\u00e4ngigen Leseart\u2013 insofern als \u201aunschuldig\u2018 betrachtet, als sowohl Lureley als auch Undine unfreiwillig verf\u00fchrend agieren, sowie durch \u00e4u\u00dfere Zw\u00e4nge todbringend sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vorliegende Arbeit hat nicht das Ziel, die Kategorie \u201eGeschlecht\u201c als kulturelle Gr\u00f6\u00dfe zu analysieren, sondern vielmehr die Auswirkungen der Verbindung Frau und Wasser auf die Geschlechterverh\u00e4ltnisse zwischen besagten Wasserfrauen und M\u00e4nnern ihrer Umgebung kritisch zu untersuchen. Denn \u2013 so K\u00f6ppe und Winko \u2013 die Ausgrenzung von Frauen als Figuren in Texten ist nur eine Art, eine m\u00e4nnlich gepr\u00e4gte Literatur(\u2013wissenschaft) zu erhalten.<a href=\"#_edn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Aus diesem Grund werden Begriffe wie \u201eweiblich\u201c oder \u201em\u00e4nnlich\u201c \u2013 sofern sie nicht Teil eines direkten oder indirekten Zitates sind \u2013 in dieser Arbeit immer mit * geschrieben. \u201eWeiblich\u201c oder \u201em\u00e4nnlich\u201c sollen dadurch nicht in ihrer allt\u00e4glichen, Stereotypen transportierenden Verwendungsweise begriffen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Clemens Brentanos &#8222;Lureley&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Clemens Brentanos Gedicht <em>Lureley<\/em> erscheint erstmals 1802 im Roman <em>Godwi oder das steinerne Bild der Mutter<\/em> und besteht formal aus 25 Strophen, sowie den vier Endversen \u201eLureley\/ Lureley\/ Lureley.\/ Als w\u00e4ren es meiner drei!\u201c<a href=\"#_edn3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>, die theoretisch zur letzten Strophe geh\u00f6ren, hier allerdings extra genannt werden, da sie sich formal deutlich vom restlichen Gedicht absetzen.<a href=\"#_edn4\">[4]<\/a> Die Lureley ist eine Art Zauberin, die am Gew\u00e4sser des Rheins zu Hause ist, und scheinbar aufgrund ihrer Sch\u00f6nheit zahlreiche M\u00e4nner verf\u00fchrt. Diese Verf\u00fchrten finden jedoch alle ihren Tod. Ein Bischof, der deshalb auf sie aufmerksam wird, ist selbst von ihr bet\u00f6rt und beachtet ihr Flehen, sie sterben zu lassen, nicht. Er tr\u00e4gt ihr stattdessen auf, eine Nonne zu werden. W\u00e4hrend der Reise der Lureley zum Kloster \u2013 begleitet von drei Rittern \u2013 gelingt es der Lureley jedoch, durch eine List an den Rand der Klippen am Rhein zu gelangen und sich schlie\u00dflich in diesen zu st\u00fcrzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Die Figur der Lureley<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Folgenden soll Brentanos Lureley prim\u00e4r als Frauenfigur nach den Aspekten \u201ewesentliche Eigenschaften\u201c, \u201etodbringende Verf\u00fchrung und Wille\u201c, sowie \u201eReligion\u201c und \u201eKonzeption der Frau\u201c untersucht werden. Der Aspekt des Wassers und wie die Lureley in Verbindung zu diesem steht, soll erst im n\u00e4chsten Kapitel thematisiert werden. Auch arbeite ich im Folgenden zun\u00e4chst heraus, wie sich das Machtgef\u00e4lle zwischen der Lureley und dem Mann gestaltet, wenn die Lureley nicht in Verbindung mit dem Element Wasser steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine wesentliche Eigenschaft der Lureley ist ihre Sch\u00f6nheit, so wird sie direkt zu Beginn in V. 3 als Zauberin beschrieben, die \u201eso sch\u00f6n und feine\u201c (L, 115) ist, dass sogar der Bischof als geistlicher W\u00fcrdentr\u00e4ger ihrer Sch\u00f6nheit erliegt. Zu beachten ist dabei auch, dass die Lureley als \u201eZauberin\u201c, und nicht etwa als \u201eHexe\u201c bezeichnet wird, was deutlich negativer konnotiert w\u00e4re. Die Lureley selbst beschreibt in den Versen 21-22 ihre Augen als zwei Flammen und ihren Arm als einen Zauberstab (L, 116). Weshalb gerade der Arm der Zauberstab sei, bleibt unklar. M\u00f6glich w\u00e4re die Deutung, dass die Lureley den M\u00e4nnern zuwinkt und diese Handlung sich in das gesamte Bild der Lureley als Verf\u00fchrerin integriert. Zu beachten ist dabei auch die Mehrdeutigkeit in der metaphorischen Verwendung von Flammen als Flammen der Liebe und Leidenschaft, oder als Zeichen von Gefahr. Das Aussehen der Lureley ist gleichzeitig die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, wie ihr Zauber, mithilfe dessen sie M\u00e4nner hinrei\u00dft, funktioniert: Die Lureley verf\u00fchrt schlichtweg mit bet\u00f6render Sch\u00f6nheit. So erkl\u00e4rt sie dem Bischof in den Versen 45-48: \u201eDie Blicke sanft und wilde,\/ Die Wangen rot und wei\u00df,\/ Die Worte still und milde,\/ Die sind mein Zauberkreis\u201c (L, 116). Kurz gesprochen verf\u00fchrt die Lureley nicht, weil sie ein beispielsweise komplexes oder intelligentes Wesen ist, sondern einzig und allein, weil sie eine bet\u00f6rend sch\u00f6ne Frau ist. Brentano reduziert die Frauenfigur Lureley also prim\u00e4r auf ihr Aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Folgenden soll eine Leseart des Lureleygedichtes vorgestellt werden, die der \u00fcblichen Leseart, welche die Lureley als willentliche Verf\u00fchrerin, also als eine Art Femme fatale<em>,<\/em> begreift, widerspricht, sogar das Gegenteil behauptet. Es soll gezeigt werden, dass es wenig sinnvoll ist, die Lureley bez\u00fcglich der Aspekte \u201eVerf\u00fchrung\u201c und \u201etodbringend\u201c als Schuldige zu begreifen. Stattdessen wird dargelegt, dass die Frau bei Brentano, wenn \u00fcberhaupt, nur sehr passiv und unwillentlich verf\u00fchrend sowie daraus resultierend nur gezwungenerma\u00dfen todbringend ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Femme Fatale wird \u2013 ich gehe hierbei vom biblischen Kontext aus \u2013 unter anderem als eine hypersexualisierte Frau mit wahnsinniger Leidenschaft,<a href=\"#_edn5\"><sup>[5]<\/sup><\/a> oder als eine \u201efearless prostitute with insatiable erotic appetites\u201c<a href=\"#_edn6\"><sup>[6]<\/sup><\/a> dargestellt. Charakteristisch f\u00fcr die Femme Fatale als \u201etodbringende Verf\u00fchrerin\u201c<a href=\"#_edn7\"><sup>[7]<\/sup><\/a> ist nach Urte Helduser auch die Verbindung zum D\u00e4monischen.<a href=\"#_edn8\"><sup>[8]<\/sup><\/a> Brentanos Lureley hingegen fleht den Bischof an, sie sterben zu lassen. Mit den Versen 17-20 \u201eHerr Bischof la\u00dft [sic] mich sterben,\/ Ich bin des Lebens m\u00fcd,\/ Weil jeder mu\u00df [sic] verderben\/ Der meine Augen sieht.\u201c (L, 116) wird der kausale Zusammenhang von Lureleys Todeswunsch und dem Verf\u00fchren klar. Eben weil sie der Grund f\u00fcr das Sterben der M\u00e4nner ist, und sie dies nicht mehr aushalten kann, will sie den Tod f\u00fcr sich selbst. Dies l\u00e4sst auch f\u00fcr die Deutungsm\u00f6glichkeit Raum, dass die Lureley gegen ihren Willen M\u00e4nner verf\u00fchrt und t\u00f6tet, hei\u00dft, sie sich nicht anders aktiv gegen den Zauber wehren kann, der scheinbar \u00fcber ihr liegt, au\u00dfer sich selbst zu t\u00f6ten. Es w\u00e4re wesentlich inkonsistenter, anzunehmen, dass a) die Lureley willentlich und damit aktiv M\u00e4nner verf\u00fchrt, und b) gleichzeitig \u00fcber den Umstand, dass M\u00e4nner ihretwegen ins Verderben geraten, so bek\u00fcmmert ist, dass sie sich den eigenen Tod w\u00fcnscht, wie es im Gedicht beschrieben wird (siehe oben genannte V. 17-20).<a href=\"#_edn9\"><sup>[9]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Im Kontext des Verf\u00fchrens der Lureley schreibt nun Anna Maria Stuby, der g\u00e4ngigen Leseart entsprechend:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Drittens: l\u00f6se ich [die Lureley] bei den M\u00e4nnern \u201arings umher\u2018 Begehren aus, das ich nicht zu stillen vermag, <em>weil mein eigenes Verlangen bereits fixiert ist, f\u00fcge ich diesen M\u00e4nnern ein Leid zu.<\/em><a href=\"#_edn10\"><sup>[10]<\/sup><\/a><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Nach Stuby ist das Verf\u00fchren und das In-den-Tod-Rei\u00dfen der M\u00e4nner also eine aktive und willentliche Handlung der Frau. Die Lureley w\u00e4re dann nichts weiter als eine Femme Fatale, die aus rein erotischem Interesse M\u00e4nner verf\u00fchrt und verdirbt.&nbsp;Bosse dagegen meint, die Lureley sei verdammt, von allen M\u00e4nnern begehrt zu werden, da sie den nicht besitzen k\u00f6nne, den sie selbst begehrt.<a href=\"#_edn11\"><sup>[11]<\/sup><\/a> Dies impliziert, dass die <em>verdammte<\/em>, meint, zu gewissem Handeln unweigerlich gezwungene Frau nicht aktiv die Entscheidung trifft, M\u00e4nner zu verf\u00fchren und zu t\u00f6ten. Er charakterisiert sie damit eben nicht als Femme fatale.<a href=\"#_edn12\"><sup>[12]<\/sup><\/a> Ich empfinde die Deutung Bosses als eine deutlich fundiertere Leseart des Lureley-Gedichtes, da diese mit den oben genannten Textstellen konsistent ist, die beschreiben, dass die Lureley zwar M\u00e4nner verf\u00fchrt und damit auch t\u00f6tet, aber \u00fcber diesen Umstand best\u00fcrzt ist, und deshalb den Tod f\u00fcr sich verlangt. Stubys Ansicht dazu steht deshalb eher im Konflikt mit dem Brentanotext und erscheint weniger plausibel. So l\u00e4sst sich auch die These dieser Arbeit herleiten, dass die Frauenfigur Lureley (ebenso wie die der Undine) nur in einem indirekten Sinn verf\u00fchrend agiert und gezwungen, aber nicht intendiert todbringend ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiterhin ist ein wichtiger Punkt in der Betrachtung von Brentanos Lureley, dass die Frau eindeutig kein unchristliches Wesen ist. So verlangt sie in Vers 53\u201354: \u201eDrum la\u00dft [sic] mein Recht mich finden,\/ Mich sterben wie ein Christ\u201c (L, 117). Weiterhin befiehlt der Bischof, die Lureley solle eine Nonne werden (L, 117), er h\u00e4lt es also durchaus f\u00fcr m\u00f6glich, dass ihr die christliche Erl\u00f6sung zuteilwerden kann. Der Auftrag, die Lureley solle eine Nonne werden, kann entweder als Versuch, die Lureley als anderes Wesen in die Gemeinschaft der Menschen einzugliedern, gesehen werden, oder aber als Ma\u00dfnahme des Bischofs, die Lureley mit dem Kloster ins Exil, und damit aus der menschlichen Gesellschaft zu verbannen. Es stellt sich die weiterf\u00fchrende Frage, ob Religion hier als \u2013 letzte \u2013 Rettung der Frau dargestellt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Aspekt der \u201eKonzeption der Frau\u201c, beziehungsweise dem Frauenbild im Gedicht l\u00e4sst sich zuerst festhalten, dass die Frau bei Brentano eine bevormundete Frau ist. So geht der Bischof, da er ihr selbst verfallen ist, nicht auf ihren Todeswunsch ein, sondern meint, dass sie in ein Kloster gehen und Nonne werden solle (L, 117). Der Diminutiv \u201eN\u00f6nnchen\u201c (L, 117) in Vers 62, bei welchem das sprachliche Kleinmachen das tats\u00e4chliche Kleinmachen der Frau zum Ziel hat, unterstreicht das Machtgef\u00e4lle von Mann-Frau im Gedicht, in welchem der Mann eine Position \u00fcber der Frau einnimmt. Stuby bezeichnet in diesem Kontext den Freitod der Lureley sehr treffend als Versuch \u201eim Akt der Selbstt\u00f6tung etwas von der verloren gegangenen Entscheidungsfreiheit \u00fcber sich selbst zur\u00fcckzugewinnen\u201c.<a href=\"#_edn13\"><sup>[13]<\/sup><\/a> Jedoch r\u00e4umt Stuby im gleichen Atemzug ein, dass dieser Tod vielmehr der heroische als der feminisierte Freitod sei.<a href=\"#_edn14\"><sup>[14]<\/sup><\/a> Weiterhin ist bez\u00fcglich des Frauenbildes anzumerken, dass der Bischof nicht davon ausgeht, dass die Lureley von Grund auf b\u00f6se ist, sondern dass sie dem Verf\u00fchren in irgendeiner Art und Weise selbst verfallen ist, beziehungsweise sie durch fremde Hand zu solchem Handeln verleitet worden w\u00e4re. So bedauert er sie sogar und fragt in Vers 14\u201316: \u201eDu arme Lore Lay.\/ Wer hat dich dann verf\u00fchret\/ Zu b\u00f6ser Zauberei.\u201c (L, 115). F\u00fcr das Bild der Frau in Brentanos Gedicht scheint es also konstitutiv zu sein, dass diese nicht intrinsisch b\u00f6se oder d\u00e4monisch ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Des Weiteren liegt die \u00c4u\u00dferung in Vers 55\u201356 der Lureley selbst vor: \u201eDenn alles mu\u00df [sic] verschwinden\/ Weil er mir treulos ist.\u201c (L, 117). Dies scheint zu implizieren, dass die Frau nur in Verbindung mit einem Mann zusammen existieren kann oder darf, beziehungsweise die Existenz der Frau in irgendeiner Weise notwendig an die des Mannes gekn\u00fcpft, oder gar von ihm abh\u00e4ngig ist. Zur Frage, ob es der Lureley schlichtweg um den Lebenswillen, oder sogar um das Recht zu leben geht, kann Vers 37-38 \u201eIch darf nicht l\u00e4nger leben,\/ Ich lieb kein Leben mehr\u201c (L, 116) herangezogen werden. Die Formulierung \u201edarf\u201c legt nahe, dass es der Lureley tats\u00e4chlich um ihr Recht zu leben geht. Jedoch steht dieser Anspruch an sich selbst im Gedicht wiederum nicht explizit in Zusammenhang mit der Existenz eines Mannes, den sie liebt. Eine genaue Aussage \u00fcber die Verbindung vom Lebensrecht der Frau und der Existenz eines Mannes, den sie liebt oder lieben kann, kann also auf Grundlage des Gedichtes allein nicht getroffen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bez\u00fcglich der Lureley als Frau l\u00e4sst sich also feststellen, dass Brentanos Konzeption der Frauenfigur insofern durchaus problematisch ist, als der m\u00e4nnliche* Blick des Autors auf die Frau diese lediglich auf ihre Sch\u00f6nheit reduziert. Dabei ist die Lureley bei Brentano aufgrund der Textgrundlage noch am besten als unfreiwillige Verf\u00fchrerin zu beschreiben, um den aktiven, beziehungsweise freiwilligen Aspekt des Wortes Verf\u00fchrerin zur\u00fcckzuweisen. Gleicherma\u00dfen ist die Lureley nur in einem sehr weiten Sinn todbringend. Da sie unfreiwillig verf\u00fchrt, und die Verf\u00fchrung notwendig im Tod endet, ist sie in gleicher Weise unfreiwillig, also gezwungen todbringend. Zentral f\u00fcr die Charakterisierung der Lureley ist ebenfalls, dass sie als Menschenfrau von einem m\u00e4nnlichen* Gegen\u00fcber bevormundet wird, und sich somit in einem Machtverh\u00e4ltnis mit und unter diesem befindet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Der Rhein als Gew\u00e4sser der Lureley und dessen Verbindung zur Lureley<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Nachfolgenden soll kurz \u2013 da das Wasser bei Brentano kaum sprachlich gestaltet beziehungsweise kaum im Gedicht erw\u00e4hnt wird \u2013 die Funktion und Charakteristik des Wassers in seinem Gedicht erl\u00e4utert werden. Direkt zu Beginn der Ballade wird die Lureley als Frau vorgestellt, die \u201eZu Bacharach am Rheine\u201c (L, 115) lebt. Bosse bezeichnet sie ebenfalls als am Wasser angesiedelt,<a href=\"#_edn15\"><sup>[15]<\/sup><\/a> und charakterisiert sie im selben Moment <em>ex negativo<\/em>; n\u00e4mlich \u2013 wie im Vorangegangenen bereits erw\u00e4hnt \u2013 gerade nicht als Femme Fatale und vor allem nicht als Frau, die der menschlichen Gesellschaft zugeh\u00f6rig ist.<a href=\"#_edn16\"><sup>[16]<\/sup><\/a>&nbsp; Das Wasser ist, als Lebensraum \u2013 aber nicht expliziter Herkunftsort \u2013 der Lureley, damit prim\u00e4r das distinktive Attribut, welches sie vom Menschen abgrenzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vorangegangenen wurde schon die M\u00f6glichkeit aufgeworfen, den Auftrag des Bischofs, die Lureley in ein Kloster zu bringen, als Versuch zu deuten, die Lureley als Wasserfrau (und damit von den Menschen verschiedenes Wesen) in die menschliche Gesellschaft zu integrieren. Dieser Versuch der Integration w\u00e4re dann allerdings mit dem Freitod der Lureley, den sie im Rhein findet, also dem Element, mit welchem sie auch die ihr verfallenen M\u00e4nner ins Verderben st\u00fcrzt, gescheitert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bosse merkt an, dass die Lureley auf zwei verschiedene Arten t\u00f6te. Er \u00e4u\u00dfert dazu: \u201eSie t\u00f6tet nicht physisch, sondern mit Hilfe der Natur \u2013 der Natur des Wasserlaufs, der Natur des Begehrens\u201c.<a href=\"#_edn17\"><sup>[17]<\/sup><\/a> Dass Bosse hierbei mit zwei verschiedenen Sinnen des Begriffs <em>Natur<\/em> arbeitet, die beide unterschiedliche Implikationen aufweisen, soll in dieser Arbeit nicht weiter thematisiert werden. Wichtig ist, dass die erste Art von Natur, die Natur des Wassers, also das Element Wasser an sich meint, welches wesentlich eine gewisse Naturgewalt aufweist, die der Mensch nicht bezwingen kann. Diese Natur des Wassers bleibt damit eine Bedrohung f\u00fcr ihn.<a href=\"#_edn18\"><sup>[18]<\/sup><\/a> Das Wasser \u2013 mit welchem die Lureley den verf\u00fchrten und damit hilflosen Mann t\u00f6tet und somit \u00fcber diesem steht \u2013 stellt jedoch nicht einfach nur eine unbestimmte Bedrohung f\u00fcr den Menschen dar: Es ist vielmehr das Element, welches als das gewisse Subversive die menschlichen\/patriarchalen Ordnungen verwirft und ein neues, der alten Ordnung kontr\u00e4r gegen\u00fcberstehendes Machtverh\u00e4ltnis zwischen Menschen und der Natur, zu welcher sich die Lureley als Wasserfrau auch zuordnen l\u00e4sst, aufstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wasser, genauer genommen die Zugeh\u00f6rigkeit der Lureley zum Naturelement Wasser, die sie dadurch erlangt, dass sie Bosse zufolge mithilfe des Wassers t\u00f6tet und am Fluss Rhein \u201awohnt\u2018 hat also prim\u00e4r die Funktion und zugleich die Folge, sie von den Menschen abzugrenzen, sowie, das patriarchale Machtgef\u00e4lle umzukehren: das Wasser ist das Element, welches durch seine subversive Charakteristik der Lureley als Wasserfrau \u2013 nicht Menschenfrau \u2013 eine Position \u00fcber den Menschen, vor allem aber \u00fcber den M\u00e4nnern, welche sich ihrer \u201aVerf\u00fchrung\u2018 nicht erwehren k\u00f6nnen, sichert. Die Natur, mithilfe welcher sie (vermutlich) unfreiwillig t\u00f6tet, ist von den Menschen nicht in G\u00e4nze bezwingbar und hat daher auch immer ein gewisses Bedrohungspotenzial. Ob dieses, durch das subversive Element des Wassers, neue etablierte Machtverh\u00e4ltnis allerdings als matriarchal im engen Sinn beschrieben werden kann, ist fraglich, denn der Begriff matriarchal impliziert, dass Machthabende und Bem\u00e4chtigte zu ein und derselben Gesellschaft geh\u00f6ren, dies ist bei Clemens Brentano allerdings nicht der Fall. Die Menschen sind eben Menschen und die Lureley ist Wasserfrau.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Friedrich de la Motte Fouqu\u00e9s \u201aUndine\u2018<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die<em> Undine <\/em>ist eine romantische Erz\u00e4hlung Friedrich de la Motte Fouqu\u00e9s, welche erstmals 1811 erschien. Die Geschichte handelt von der Wasserfrau Undine \u2013 zu Beginn der Erz\u00e4hlung noch bei ihren Adoptiveltern, der Fischersfamilie zu Hause \u2013 und dem Ritter Huldbrand, der sich w\u00e4hrend eines Aufenthaltes bei der Familie in Undine verliebt, und sie darum nach einiger Zeit heiratet. Das Leben des Ehepaars auf Huldbrands Burg Ringstetten ist jedoch von einigen Schwierigkeiten gekennzeichnet, die nicht zuletzt auf Huldbrands Interesse an Bertalda beruhen \u2013 einer Herzogstochter, die das Ehepaar w\u00e4hrend ihrer Reise zur Burg Ringstetten kennenlernt. Undine, die Huldbrands Gef\u00fchlen nicht im Weg stehen will, verl\u00e4sst die beiden, indem sie in ihr Element, das Wasser, zur\u00fcckkehrt. Huldbrand will nun, da ihm Undine nicht mehr im Weg steht, Bertalda zur Frau zu nehmen \u2013 da dieser Bund jedoch durch ein Gesetz der Wassergeister verboten ist, wird Huldbrand schlussendlich von der trauernden Undine get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n<p>Der eigentlichen Erz\u00e4hlung geht ein Gedicht, die \u201eZueignung\u201c, voran. Das lyrische Ich, das gleichzeitig in Vers 15\u201316 seine Identit\u00e4t als Erz\u00e4hler der nachfolgenden Geschichte preisgibt,<a href=\"#_edn19\"><sup>[19]<\/sup><\/a> gibt so einen ersten m\u00e4nnlichen* Blick<a href=\"#_edn20\"><sup>[20]<\/sup><\/a> auf die Figur der Undine. Auff\u00e4llig ist die Infantilisierung dieser (\u201eEin halb verw\u00f6hnt, halb scheues Kind!\u201c (U, 5, Vers 8)), sowie ihre Wahrnehmung als Bild (\u201eUndine, liebes Bildchen du\u201c (U, 5, Vers 1)) \u2014 Umgangsformen, die sich nicht nur auf die vorangestellte \u201eZueignung\u201cbeschr\u00e4nken, sondern sich durch die gesamte Erz\u00e4hlung ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Die Figur der Undine<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Figur der Undine wird im Folgenden nun ebenfalls nach den Aspekten \u201ewesentliche Eigenschaften\u201c, \u201eReligion\u201c, \u201eKonzeption der Frau\u201c und \u201etodbringende Verf\u00fchrung und Wille\u201c betrachtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wesentlich f\u00fcr die Undine ist in erster Linie die bereits genannte Infantilisierung. Undine lebt zum Zeitpunkt der Erz\u00e4hlung gerade \u201eihr achtzehntes Jahr\u201c (U, 11), jedoch h\u00e4ufen sich die Bezeichnungen ihrer als Kind sowie die Umschreibungen ihres Handels oder ihrer K\u00f6rpermerkmale als kindlich. Die Pflegeeltern \u201eder Kleinen\u201c (U, 29) werden mit \u201eKindereien\u201c (U, 10) ge\u00e4rgert und Verniedlichungen wie \u201eF\u00fc\u00dfchen\u201c (U, 12) und \u201eH\u00e4ndchen\u201c (U, 26) unterstreichen die sprachlichen und realen Verkleinerungen der Undine. Weiterhin ist auff\u00e4llig, dass Undines Wesen und Betragen nahezu ausschlie\u00dflich als gott\u00e4hnlich beschrieben und auch Charaktereigenschaften ihrer in einer Art grenzenloser Auspr\u00e4gung vorliegen. So verf\u00fcgt sie \u00fcber \u201eseeblaue[n] Augenhimmel[n]\u201c (U, 17) und \u201euns\u00e4glich[e] Anmut\u201c (U, 22), ist sowohl \u201eso unendlich anmutig und r\u00fchrend\u201c (U, 42), als auch \u201eengelmild und sanft\u201c (U, 45). Die Beschreibungen der Undine gleichen damit fast einer Verehrung.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Lureley \u201anur\u2018 mit ihrer \u00e4u\u00dferen Erscheinung verzaubert, liegt der Zauber der Undine zus\u00e4tzlich noch in ihrem Verhalten gegen\u00fcber den Menschen, welches nicht selten von \u00fcberm\u00e4\u00dfigem Anstand und Demut gepr\u00e4gt ist. Wenn sie erz\u00fcrnt ist, ist sie dies \u201ealles mit solch einem drollig anmutenden Anstande\u201c (U, 12), dass die Menschen sie einfach lieben m\u00fcssen. Wenn sie dem Menschen (Mann) ergeben ist, so ist sie dies auf eine \u201estill[e], freundlich[e] und achtsam[e]\u201c (U, 45), und damit auf definitiv keine rebellische Weise. Der Erz\u00e4hler beschreibt sie als \u201eein Hausm\u00fctterlein, und ein zart versch\u00e4mtes, jungfr\u00e4uliches Wesen zugleich\u201c (U, 45). Auch der Priester als geistlicher W\u00fcrdentr\u00e4ger kann sich ihrem Wesen nicht \u201awidersetzen\u2018 und handelt nach ihrem Willen, steht doch \u201edie Kleine [\u2026] so h\u00fcbsch geschm\u00fcckt und holdselig\u201c (U, 18) vor den Menschen. In diesen Beschreibungen zeigt sich erneut das Kleinmachen der Frau, sowie die Verharmlosung der weiblichen* Wut durch die Verwendung von Diminutiven und die zu erf\u00fcllende Rollenerwartung durch die Zuteilung von weiblich* codierten Aufgaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Undine als Frau soll Mutter, sowohl im famili\u00e4ren als auch h\u00e4uslichen Sinn, und eine Jungfrau sein. Die Reduktion der Frau auf ihre sexuelle Unber\u00fchrtheit hin ist weiterhin Ausdruck unterdr\u00fcckender Machtstrukturen, die durch den Blick der m\u00e4nnlichen* Erz\u00e4hlinstanz sowie des textexternen m\u00e4nnlichen* Autors sichtbar werden. Die Frau in Fouqu\u00e9s Erz\u00e4hlung wird also prim\u00e4r auf ihre sexuelle Unber\u00fchrtheit und ihr dem\u00fctiges Verweilen im eigenen Heim reduziert \u2013 dies sind Anforderungen an eine Frau, die in einer patriarchalen Gesellschaft als weiblich* codiert betrachtet werden k\u00f6nnen. So wird, auch durch den Umstand, dass dieser Zustand, der letztendlich auch wieder Ausdruck des Machtgef\u00e4lles zwischen Mann und Frau ist, in der Erz\u00e4hlung der gew\u00fcnschte und gelobte Zustand ist, ein von den M\u00e4nnern idealisiertes Bild der Frau geschaffen, die als Menschenfrau keinen Widerstand zu leisten vermag. Dar\u00fcber hinaus wird Undine bemerkenswert oft mehr als \u201aBild\u2018, als als Frau gesehen. So redet zum Beispiel sowohl der Ritter Huldbrand sie als \u201edu sch\u00f6nes Bildchen an\u201c (U, 12) als auch der Priester, der in Undine ein \u201eso herrliches Bild\u201c (U, 35) sieht.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Zu Recht spricht man von einer Geschichte des Frauen\u2013<em>Bildes<\/em> in der europ\u00e4ischen Literatur und einer Geschichte der M\u00e4nner, die es machten. Dieses Bild lebt irgendwie im Wasser [\u2026].<a href=\"#_edn21\"><sup>[21]<\/sup><\/a> [Hervorhebung im Original]<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Theweleit spricht im Zusammenhang von der Frau als Bild auch davon, dass das Bild der Frau m\u00e4nnergemacht ist, entsprechend werden auch die Bezeichnungen der Undine als Bild immer von au\u00dferhalb, von M\u00e4nnern, an sie herangetragen. Die Betrachtung der Frau einzig als ideelles Bild ist damit ein weiterer Ausdruck des m\u00e4nnlich*-objektifizierenden Blickes bei Fouqu\u00e9. Zudem beruhigt sich der Ritter Huldbrand im f\u00fcnften Kapitel damit, dass seine Pause von ritterlichen Aktivit\u00e4ten gerechtfertigt ist, sei doch Undine \u201egar keine Fischers-Tochter, sei vielmehr, aller Wahrscheinlichkeit nach, aus einem wundersamen, hochf\u00fcrstlichen Hause der Fremde geb\u00fcrtig\u201c (U, 31). Die Idealisierung der einfachen Frau Undine zu einer hohen Prinzessin ist genau Ausdruck davon, dass der Mann die Frau teilweise nicht als die reelle, sondern als eine ideelle Frau sieht. Zwar ist es durchaus wahr, dass Undine eigentlich Tochter eines \u201em\u00e4chtig[en] Wasserf\u00fcrst[en] des Mittell\u00e4ndischen Meere[s] ist\u201c (U, 48), jedoch \u00e4ndert dies nichts an der Betrachtungsweise der Frau, denn Undines wahre Herkunft kennt Huldbrand zu diesem Zeitpunkt der Geschichte nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bez\u00fcglich des zu untersuchenden Aspekts der religi\u00f6sen Zugeh\u00f6rigkeit Undines l\u00e4sst sich festhalten, dass sie einerseits mit dem Christentum unvereinbare Werte vertritt: Ihre \u00c4u\u00dferung \u201ejeder ist sich doch selbst der N\u00e4chste und was gehn einen die andern Leute an\u201c (U, 33) steht im Gegensatz zum christlichen Gebot der N\u00e4chstenliebe, welches besagt: \u201eDu sollst deinen N\u00e4chsten lieben, wie dich selbst [\u2026].\u201c<a href=\"#_edn22\"><sup>[22]<\/sup><\/a> (3. Mose 19, 18). Andererseits sieht sie sich selbst aber als ein von Gott geschaffenes Wesen (vgl. U, 17) und ist damit wie die Lureley kein per se antichristliches Wesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn bei Brentanos Lureley nicht klar ist, ob die Lureley schon immer eine Wasserfrau, oder zu einer bestimmten Zeit noch Mensch war, ist dies bei Undine sehr viel eindeutiger. Undine geh\u00f6rt dem Geschlecht der Wassergeister an, die in Seen, Str\u00f6men und B\u00e4chen zuhause, (vgl. U, 46) und nach Undines Eigenaussage \u201egar hold und lieblich anzuschauen, meist sch\u00f6ner, als die Menschen sind\u201c (U, 47). \u00dcber ihr Geschlecht teilt Undine weiterhin mit: \u201eDarum haben wir [die Wassergeister] auch keine Seelen; das Element bewegt uns, gehorcht uns oft, solange wir leben, zerst\u00e4ubt uns immer, sobald wir sterben\u201c (U, 47). Zwar nennen sich die Wassergeister selbst \u201eMenschen\u201c, (vgl. U, 47) jedoch weisen sie im Gegensatz zu den \u201aeigentlichen\u2018 Menschen keine Seele auf, da sie als Elementargeister unter dem Einfluss der Natur stehen und diese selbst in gewissen Ma\u00dfen auch beherrschen k\u00f6nnen. Eine Seele kann ein Wassergeist nur \u201edurch den innigsten Verein der Liebe mit einem eures [Huldbrands] Geschlechtes gewinnen\u201c (U, 48), was Undine zu dem Ausruf \u201eNun bin ich beseelt, dir dank ich die Seele, o du unaussprechlich Geliebter\u201c (U, 48) verleitet. Dies verdeutlicht, dass die Frau Undine als Menschenfrau bei Fouqu\u00e9 insofern unmittelbar von einem Mann abh\u00e4ngig ist, als sie in der menschlichen Gesellschaft nicht ohne einen Mann existieren kann \u2013 dies f\u00fchrt jedoch auch dazu, dass sie aufgrund dieser Abh\u00e4ngigkeit immer eine Position unter selbigem einnimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Zusammenhang ist jedoch anzumerken, dass das Streben Undines nach einer Seele nicht von Undine selbst, sondern von ihrem (leiblichen) Vater ausgeht. In dieser Hinsicht ist die Undine also wie die Lureley auch eine fremdbestimmte Frau. F\u00fcr Stuby ist der Umstand, dass es Undines Vater ist, der eine Seele f\u00fcr sie erstrebt, ein Hinweis darauf, dass es nicht um eine Seele f\u00fcr Wassergeister im Allgemeinen geht, sondern \u201eum eine spezifisch weibliche\u201c.<a href=\"#_edn23\"><sup>[23]<\/sup><\/a> Unter Beachtung des christlichen Kontextes der Erz\u00e4hlung, in welchem die Seele als nach dem Tod bestehende Substanz einen essenziellen Platz einnimmt, r\u00fcckt die Konstruktion der (von Natur aus) seelenlosen Wasserfrau, welche die Seele nur durch Heirat mit einem Menschen\u2013Mann erhalten kann, \u00fcberdies den Mann in die Rolle einer Art des \u201aRetters\u2018. Dies ist ein neuer Aspekt von Machtverh\u00e4ltnissen, der des Seelenheils und damit der M\u00f6glichkeit der Erl\u00f6sung f\u00fcr die (Wasser-)Frau. Er \u00fcbersteigt gewisserma\u00dfen noch den Aspekt der Entscheidungsfreiheit der Frau und Fremdbestimmung durch den Mann, welcher bei der Lureley zum Tragen kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hervorzuheben ist bei der Undine allerdings auch, dass sie sich selbst mit dem Element Wasser teils eindeutig identifiziert und teils ihre Beziehung zu diesem entschieden ablehnt. So setzt sie sich im dritten Kapitel, also zu Anfang der Erz\u00e4hlung in einem vierzeiligen Gedicht mit einer Welle gleich, (vgl. U, 22) was doch recht deutlich eine Identifikation mit dem Element Wasser nahelegt. Stuby stellt bei einem Vergleich der Undine-Figur vor und nach der Hochzeit jedoch fest, dass Undine ihrem Mutterelement beim Eintritt ins zivilisierte Eheleben bei Hofe auf immer Adieu sage.<a href=\"#_edn24\"><sup>[24]<\/sup><\/a> Zugleich identifiziert sich die Undine trotz Ehe mit einem Menschen und menschlicher Seele nicht mit den \u201aeigentlichen\u2018 Menschen: \u201eIhr Leute, [\u2026], ach Gott, ich wusste von euern t\u00f6richten Sitten und eurer harten Sinnesweise nichts, und werde mich wohl mein Lebelang nicht drin finden\u201c (U, 61). Mit dieser Abgrenzung von den Menschen befindet sich die Undine an dieser Stelle der Erz\u00e4hlung bis zu ihrer R\u00fcckkehr in ihr Element, ihrem Verstr\u00f6men in den Fluten, (vgl. U, 85) in einer Position, in der sie weder dem Element Wasser (und damit der Natur), noch der Menschenwelt zugeh\u00f6rig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die genauere Betrachtung von Undine im Hinblick auf ihre Rolle als Verf\u00fchrerin soll nun die Terminologie von Helduser als Ausgangspunkt dienen: Sie bezeichnet die Undine als ein Beispiel f\u00fcr eine der \u201e\u2018unschuldige[n]\u2018, [\u2026] Verf\u00fchrerinnen\u201c<a href=\"#_edn25\"><sup>[25]<\/sup><\/a>. \u201aUnschuldig\u2018 sei die Undine, weil sie lediglich das Sinnliche symbolisiere, allerdings die f\u00fcr Verf\u00fchrerinnen charakteristische N\u00e4he zum D\u00e4monischen nicht aufweise,<a href=\"#_edn26\"><sup>[26]<\/sup><\/a> was durchaus plausibel ist. Jedoch impliziert das Wort <em>Verf\u00fchrerin <\/em>trotzdem eine gewisse Aktivit\u00e4t, als w\u00e4re es eine willentlich getroffene Entscheidung der Undine, einen Mann zu verf\u00fchren. Dabei ist auch zu beachten, dass der Wunsch nach einer Seele, der ein Motiv f\u00fcr willentliches Verf\u00fchren w\u00e4re, nicht von der Undine selbst, sondern, wie im Vorangegangenen schon erw\u00e4hnt, von ihrem Vater stammt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei gehen aus dem Text keine wesentlichen Verf\u00fchrungsbestrebungen oder -handlungen der Undine hervor, es werden lediglich die zahlreichen anhimmelnden \u00c4u\u00dferungen zu Huldbrand erw\u00e4hnt.<a href=\"#_edn27\"><sup>[27]<\/sup><\/a> Es k\u00f6nnte argumentiert werden, dass eine Verf\u00fchrung durch die Undine \u2013 wie auch die Verf\u00fchrungen der Lureley \u2013 ebenfalls von ihrer Sch\u00f6nheit und zus\u00e4tzlich von ihrer anst\u00e4ndigen und dem\u00fctigen Verhaltensweise ausgeht. Wenn allerdings die respektvolle, fast schon unterw\u00fcrfige Verhaltensweise einer Frau als Verf\u00fchrung von M\u00e4nnern gewertet wird, ist das nicht mehr, als Ausdruck eines androzentrischen Weltbildes, in dem alles, was die Frau tut, sich unweigerlich auf den Mann als Zentrum bezieht. Da die Undine aber abgesehen davon nichts f\u00fcr ihr \u00fcberdurchschnittlich sch\u00f6nes Aussehen kann (welches sowieso charakteristisch f\u00fcr Wasserfrauen ist) ist es fraglich, inwieweit die Undine \u00fcberhaupt als willentlich-aktive Verf\u00fchrerin bezeichnet werden kann. Es scheint schl\u00fcssiger, die Undine ebenso wie die Lureley als eher unfreiwillig Verf\u00fchrende zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Des Weiteren sollte diskutiert werden, inwieweit die Undine dem Konzept der todbringenden Verf\u00fchrerin<a href=\"#_edn28\"><sup>[28]<\/sup><\/a> entspricht. Todbringend ist die Undine in dem Sinn, als sie Huldbrand t\u00f6tet. Dass sie Huldbrand t\u00f6ten muss, geht allerdings aus den Gesetzen, die unter den Wassermenschen herrschen, hervor. Ihr Onkel K\u00fchleborn erinnert sie: \u201eUnd doch, Nichte, seid Ihr unseren Elementar-Gesetzen unterworfen, und doch m\u00fcsst Ihr ihn richtend ums Leben bringen, dafern er sich wieder verehelicht, und Euch untreu wird\u201c (U, 91). Die Ursache f\u00fcr Huldbrands Tod ist also, dass es unter Wassergeistern ein Elementargesetz gibt, welches besagt, dass der Ehemann einer Wasserfrau umgebracht werden muss, sofern er untreu ist. Anlass f\u00fcr Huldbrands Tod ist jedoch dessen eigene Untreue und nicht etwa irgendeine Handlung der Undine. Da Undine allerdings an der Untreue Huldbrands ebenso wenig Schuld wie an den bestehenden Elementargesetzen der Wassermenschen tr\u00e4gt, ist sie nur in einem sehr weiten Sinn \u201etodbringend\u201c. Huldbrands Tod ist kein Resultat irgendeiner Mordlust der Frau, was als aktiv todbringend g\u00e4lte, sondern Folge seines eigenen Handelns. Dass die Undine ebenso wie die Lureley mehr gezwungen todbringend ist, wird auch durch Undines Trauer \u00fcber ihre Pflicht, Huldbrand zu t\u00f6ten, unterstrichen.<a href=\"#_edn29\"><sup>[29]<\/sup><\/a> Dass die Undine willentlich verf\u00fchrt und Tod bringt, jedoch gleichzeitig \u00fcber den Tod ihres Ehemanns bitterlich weint (vgl. U, 95), ist ebenso inkonsistent, wie die Annahme, die Lureley t\u00f6tete mit Absicht und w\u00fcrde zugleich aufgrund ihres T\u00f6tens der M\u00e4nner sterben wollen.<a href=\"#_edn30\">[30]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Bez\u00fcglich der Konzeption der Frau sei noch angemerkt, dass, w\u00e4hrend der Lureley keine Vorw\u00fcrfe entgegengebracht werden, Huldbrand \u00fcberzeugt ist, Undine sei eine Hexe, und sie mit den Worten \u201eSo hast du denn immer Verbindung mit ihnen? Bleibt bei ihnen in aller Hexen Namen mit all deinen Geschenken, und lass uns Menschen zufrieden, Gauklerin du\u201c (U, 85) aktiv von sich weist. Dass er sie gerade mit dem Wort \u201aHexe\u2018 beschreibt, welches deutlich negativer als \u201aZauberin\u2018 konnotiert ist, scheint Ausdruck davon zu sein, dass der Mann die Frau nur dann verehrt, wenn sie (als Menschenfrau) in einer Position unter dem selbigen steht und bleibt. In dem Moment, als aber das Element Wasser \u2013 welchem Undine ja eigentlich zugeh\u00f6rig ist, und mit welchem sie immer wieder (erfolgreich) rebellisch agiert und Huldbrand schlie\u00dflich t\u00f6tet \u2013 subversiv die (patriarchale) Ordnung der Menschen ins Wanken bringt, wird aus dem idealisierten Frauenbild eine reale Gefahr f\u00fcr den Mann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Die Gew\u00e4sser der Undine<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend bei <em>Lureley<\/em> nur eine Erscheinungsform des Wassers, der Rhein als Fluss, vorkommt, manifestiert sich das Wasser in <em>Undine<\/em> auf gleich mehrere Weisen. So taucht das Wasser im Kontext des Sees auf, der als \u201eFlut\u201c (U, 85) beschrieben wird, als Fluss (Donau) (vgl. U, 10), als \u201esch\u00e4umend[es] B\u00e4chlein\u201c (U, 8) im Wald, als Meer (vgl. U, 90) oder auch als \u201epr\u00e4chtige[r] Brunnen\u201c (U, 69) auf Burg Ringstetten. Ebenso wird das Wesen des Wassers als sehr ambig dargestellt. So kann das Wasser beispielsweise, wie bei Huldbrands erstem Aufenthalt im Wald, rettend (vgl. U, 26) oder auch f\u00fcr die menschliche Haut sehr wohltuend sein (vgl. U, 49).<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig ist das Wasser aber in vielfacher Weise ein f\u00fcr den Menschen gef\u00e4hrliches Element. Es birgt als \u201ezischende[] Wogen\u201c (U, 79) und \u201eriesige Welle\u201c (ebd.) die Gefahr des Ertrinkens, und ist als Tr\u00e4ne verantwortlich f\u00fcr den Tod Huldbrands \u2013 Undine begreift: \u201eIch habe ihn totgeweint.\u201c (U, 97) Ebenso wird das Wasser zu Anfang der Erz\u00e4hlung als \u201ebl\u00e4ulich klare[], wunderhelle[] Flut\u201c (U, 7) beschrieben, die in absoluter Harmonie mit der Erde\/dem Land lebt. Andererseits pr\u00e4sentiert sich das Wasser ebenso als \u201erei\u00dfende[r] Strom\u201c (U, 20), oder als \u201ewachsende[] Flut\u201c (U, 79) was eindeutig mit Gefahr oder auch Disharmonie verbunden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Des Weiteren ist das Wasser in der Erz\u00e4hlung eindeutiger Lebensraum der Wassergeister, und damit auch der Undines. Dass sie beim Verlassen Huldbrands in die Fluten verstr\u00f6mt, (vgl. U, 85) kann dabei als Ausdruck der Zugeh\u00f6rigkeit Undines zum Wasser gedeutet werden, sozusagen als R\u00fcckkehr in ihr eigenes Element.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Element der Natur ist das Wasser dazu Ausdruck der erhabenen, und damit andersartigen Naturgewalt, gegen die sich der Mensch in der Geschichte zuletzt nicht durchsetzen kann. Huldbrand kann gegen die Elementargesetze der Wassergeister nichts ausrichten. Vor diesem Hintergrund ist die Tatsache von Interesse, dass die Undine am Todestag Huldbrands als \u201ewei\u00dfe Wanderin\u201c (U, 96) beschrieben wird. Die Farbe Wei\u00df steht nach Daniela Gretz unter anderem f\u00fcr Macht, genauer: f\u00fcr die Macht \u201eder ungez\u00e4hmten Natur \u00fcber den Menschen\u201c.<a href=\"#_edn31\"><sup>[31]<\/sup><\/a> Da nun Undine als Wesen der Natur den Menschen Huldbrand t\u00f6tet, scheint auch in dieser Erz\u00e4hlung der Mensch als Wesen dargestellt zu werden, der sich der Kraft, und damit Macht der Natur nicht widersetzen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den asymmetrischen Machtverh\u00e4ltnissen zwischen Frau und Mann, wie sie schon in Brentanos <em>Lureley <\/em>zum Tragen kommen, kommt in <em>Undine<\/em> noch der spannungsreiche Konflikt von Natur und Mensch. Trotz dieser angedeuteten Opposition, ist der Charakter des Wassers bei Fouqu\u00e9 oftmals eher ambig und l\u00e4sst sich nicht per se als das Gegen\u00fcber des Menschen oder als das, wor\u00fcber der Mensch zwingend Macht erlangen muss, darstellen. Dar\u00fcber hinaus ist das Wasser, genauer genommen der Bach im Wald, die Instanz, welche explizit derartige Grenzen \u00fcberschreitet und so als subversives, die menschengemachte Ordnung verwerfendes Element agiert. Das \u00dcbertreten des Baches w\u00e4hrend Huldbrands Aufenthalt dort grenzt gleichzeitig ihn, sowie die auf der Landinsel hinter dem Wald lebende Fischersfamilie vom Rest der Welt ab (vgl. U, 7). Das Wasser hat somit einerseits eine entgrenzende Funktion, indem der Bach aus seinem nat\u00fcrlichen Lauf austritt, sowie zugleich begrenzende Funktion. Andererseits spiegelt der \u201ewild \u00fcber seine Ufer hinausgerissen[e] Bach\u201c (U, 19) gleichsam die Gewalt der Natur wider, gegen welche der Mensch nach Gretz eine gewisse Ohnmacht, aber gleichzeitig auch einen totalen Herrschaftswillen hege.<a href=\"#_edn32\"><sup>[32]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Aus der Verbindung von Frau und Wasser resultierende Implikationen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die (Wasser-)Frau, die nach Stuby durch ihre Teilhabe an Natur und Kultur eine Zwitterposition bekleidet, nehme zugleich eine Mittlerfunktion ein, denn \u201evon ihr wird erwartet, zwischen den Gegens\u00e4tzen auszugleichen, wenn deren extremer Dualismus die Harmonie des Sozialgef\u00fcges zu zerst\u00f6ren droht\u201c.<a href=\"#_edn33\"><sup>[33]<\/sup><\/a> Die Lureley ist im Gegenzug zur Undine weniger Vermittlungsinstanz zwischen Natur und Kultur. Allein der Gegensatz von Natur und Kultur ist im Lureley-Gedicht nicht so konflikterzeugend, wie in <em>Undine<\/em>. Undine hingegen tritt zum Beispiel in Kapitel 14, bei K\u00fchleborns Versuch, Huldbrand und Bertalda zu ertr\u00e4nken, als Rettende und Frieden-Stiftende zwischen den Parteien \u201eMensch\/Kultur\u201c und \u201eNatur\u201c hervor, sodass niemand Schaden erleidet (vgl. U, 80). Stuby schlussfolgert, ausgehend von der Zwitter-und Mittlerfunktion der Wasserfrau: \u201eDie Position des Weiblichen ist also eine zweideutige, doppelgesichtige, janusk\u00f6pfige. Die weiblichen Erscheinungsbilder sind die der beherrschten und der rebellierenden Natur\u201c.<a href=\"#_edn34\"><sup>[34]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Es bietet sich in diesem Kontext an, \u00fcber Stubys Verwendungsweisen, beziehungsweise begrifflichen Sinn von <em>Natur<\/em> zu reflektieren. Dass die Frau sowohl in einigen Aspekten \u201abeherrscht\u2018, als auch \u201arebellierend\u2018 ist, ist anhand der <em>Lureley<\/em> und <em>Undine<\/em> gut nachzuweisen. Lureley beispielsweise wird durch den Bischof bevormundet, indem er ihr nicht \u2013 wie sie es w\u00fcnscht \u2013 den Tod zukommen l\u00e4sst, sondern sie beauftragt, Nonne zu werden. Dies kann als der \u201abeherrschte\u2018 Aspekt betrachtet werden. Als rebellierend kann die Lureley in dem Sinn bezeichnet werden, als sie sich gegen des Bischofs Anweisung in den Tod st\u00fcrzt (vgl. L, 118). Die Undine hingegen ist in einem wesentlich subtileren Kontext \u201abeherrscht\u2018. Das Beherrscht sein, genauer genommen <em>Unterordnen<\/em> dr\u00fcckt sich bei ihr darin aus, dass sie einerseits die wachsende Untreue ihres Mannes ohne jegliches Handeln hinnimmt, andererseits, dass von ihr erwartet wird, sich ihrem Ehemann anzupassen: Der Priester legt ihr nahe, ihre \u201eSeele beizeiten so zu stimmen, dass sie immer die Harmonie zu der Seele Eures [Undines] angetrauten Br\u00e4utigams anklingen lasse\u201c (U, 41). Als \u201arebellierend\u2018 k\u00f6nnen erstens die \u201eUngezogenheiten\u201c (U, 10) Undines bezeichnet werden, die sich nicht nach dem Willen ihrer menschlichen Eltern richten. Zweitens ist die Undine als Naturwesen in einer Art rebellierend, als sie schlie\u00dflich ihren eigenen Verhaltensregeln \u2014 dem Gesetz der Wassergeister, und damit der Natur \u2014 folgt, indem sie Huldbrand t\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Undine und Lureley bekleiden also beide eine ambige Position. Als Menschenfrauen, also als Frauen, die in der Gesellschaft der Menschen agieren,<a href=\"#_edn35\"><sup>[35]<\/sup><\/a> sind sie dem Mann notgedrungener Weise \u201auntergeordnet\u2018, sie werden durch ihn fremdbestimmt, bevormundet. Als Frauen der Natur<a href=\"#_edn36\"><sup>[36]<\/sup><\/a> hingegen stehen sie \u00fcber dem Mann und damit auch dem Menschen, was scheinbar Ausdruck der Ordnung zwischen Natur und Mensch ist, in welcher sich der Mensch der Natur und ihrer Kraft gegen\u00fcber nicht behaupten kann. Bei Stubys Formulierung der beherrschtenNatur muss es sich also um die Natur der Menschenfrau handeln, das hei\u00dft: ihre Zugeh\u00f6rigkeit zu Gattung Mensch. Der Terminus der rebellierendenNatur hingegen scheint Ausdruck der Position zu sein, die die Frau einnimmt, wenn sie als Wasserfrau<em>, <\/em>als Teil der Natur auftritt. Diese Ambiguit\u00e4t in der Stellung der Frau nennt Stuby treffend auch die \u201eGrenzsituation des Weiblichen\u201c, was die literarische Ausgrenzung auf sprachlicher Ebene und Handlungsebene, aber auch die schwankende Stellung der Frau zwischen Natur und Kultur bei Brentano und Fouqu\u00e9 untermalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch diese Konstruktion der Frau, die prim\u00e4r nicht der menschlichen Gesellschaft, sondern der Natur, dem Wasser zugeh\u00f6rig ist, ergibt sich nach Theweleit eine Art der Unterdr\u00fcckung in der Literatur:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Ich glaube, es ist eine besondere (historisch relativ neue) Form der Unterdr\u00fcckung der Frauen und eine besondere untersch\u00e4tzte Form dazu; eine Unterdr\u00fcckung durch \u00dcberh\u00f6hung, durch Entgrenzung und Entwirklichung zu einem Prinzip, dem Prinzip des Flie\u00dfens, der Weite, der unbestimmten unendlichen&nbsp;Lockung.<a href=\"#_edn37\"><sup>[37]<\/sup><\/a><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Gerade die \u00dcberh\u00f6hung der Frau findet sich in der <em>Undine<\/em>, wie im Vorangegangenen schon festgestellt wurde, in den sich h\u00e4ufenden Beschreibungen der Undine als gott\u00e4hnlich, oder in der (hier positiven) Absolutheit mancher ihrer Charakterz\u00fcge \u2013 wie beispielsweise ihrer Demut. Auch das gewisse \u201aEntgrenzte\u2018 taucht bei Undine zum Beispiel in ihrem urspr\u00fcnglich sehr launischen und sprunghaften Wesen auf,<a href=\"#_edn38\"><sup>[38]<\/sup><\/a> welchem die Menscheneltern nicht Einhalt gebieten konnten,<a href=\"#_edn39\"><sup>[39]<\/sup><\/a> und welches sich parallel zu dem \u00fcbergetretenen Waldbach zu verhalten scheint. Das Ph\u00e4nomen der <em>Entwirklichung<\/em> findet sich jedoch nicht nur in <em>Undine<\/em>, sondern auch in <em>Lureley<\/em>: Die Lureley wird mehr zu dem Prinzip entwirklicht, was Theweleit als Prinzip \u201eder unbestimmten unendlichen Lockung\u201c<a href=\"#_edn40\"><sup>[40]<\/sup><\/a> beschreibt. Sie zeichnet sich eben nicht durch Eigenschaften wie gro\u00dfe Weisheit, oder einen besonders tugendhaften Charakter aus, sondern einzig durch ihre bet\u00f6rend-lockende Sch\u00f6nheit aus, welcher die M\u00e4nner verfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entwirklichung der Undine kann zwar auch als Entwirklichung zu einem Prinzip bezeichnet werden, jedoch eignet sich der Ausdruck des Ideals m\u00f6glicherweise besser. Wie bereits herausgearbeitet, wird die Undine oft mit einem Bild verglichen, oder als Bild angeredet. Dies, sowie die teils g\u00f6ttlich-perfekte Beschreibung ihrer Charaktereigenschaften legen nahe, dass die Konstruktion der Figur Undine bei Fouqu\u00e9 auch in gewisser Weise eine Konstruktion von einem Idealtyp einer Frau ist. N\u00e4mlich dem Ideal einer Frau, die sich mit Demut und Ergebenheit, schlichtweg allen Eigenschaften, die dem Mann dienlich sind, selbigem unterordnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit sich die Frau in Brentanos und Fouqu\u00e9s Werken jedoch vor allem dem Mann gegen\u00fcber behaupten kann, muss sie zuerst aus der menschlichen Gesellschaft ausgegrenzt werden \u2013 sie tritt als Frau auf, die prim\u00e4r dem Element Wasser zuzuordnen ist und aus diesem Element ihre Handlungsmacht sch\u00f6pft. Diese Darstellung der Erm\u00e4chtigung von Frauen ist jedoch problematisch: Die M\u00f6glichkeiten der weiblichen* Figuren f\u00fcr selbstbestimmtes Handeln lassen sich in den beiden Werken wie folgt beschreiben: Sofern die Frau als Person sich emanzipieren\/erm\u00e4chtigen will und autonom verhalten und handeln will, kann sie dies tun, muss aber, um dies zu verwirklichen, aus der menschlichen Gesellschaft ausgegrenzt werden, beziehungsweise selbst aktiv aus dieser \u201aaustreten\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Bez\u00fcglich der Verbindung von Frau und Natur nennt Helduser weiterhin die \u201ekulturelle Analogisierung des Weiblichen mit Natur\u201c,<a href=\"#_edn41\"><sup>[41]<\/sup><\/a> welche \u201edie Frau zum Symbol nat\u00fcrlicher Harmonie und Einheit werden\u201c<a href=\"#_edn42\"><sup>[42]<\/sup><\/a> l\u00e4sst. Dass die Wasserfrauen von Brentano und Fouqu\u00e9 Symbol nat\u00fcrlicher Harmonie und Einheit sind, ist diskutabel, jedoch in dieser Arbeit nicht weiter diskutierbar. Wichtig ist jedoch die von Helduser angebrachte Analogisierung von Frau und Natur. Indem die Frau zur Allegorie f\u00fcr die Natur wird, was im Kontext der <em>Lureley<\/em> und <em>Undine<\/em>, die beide <em>Wasser<\/em>frauen verk\u00f6rpern,<a href=\"#_edn43\"><sup>[43]<\/sup><\/a> sehr plausibel ist, er\u00f6ffnet dies einen vollkommen neuen Bereich f\u00fcr Konflikte, sowie Spannungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Konflikt im Werk zwischen Undine und Huldbrand, als Ausdruck von Spannungen zwischen Frau und Mann, ist so eingebettet in den \u00fcbergeordneten Konflikt zwischen Mensch (vertreten durch Huldbrand) und Natur (vertreten durch Undine). Gerade bei Fouqu\u00e9 spricht auch Gretz von einer \u201eEngf\u00fchrung\u201c von Wasser als Element und der Natur des Weiblichen, da \u2013 so Gretz \u2013 sowohl das Wasser als auch das Weibliche \u201edem m\u00e4nnl. Herrschafts- und Kulturwillen unterworfen werden m\u00fcssen\u201c.<a href=\"#_edn44\"><sup>[44]<\/sup><\/a> Die <em>Lureley<\/em> von Brentano ist dagegen wohl weniger Ausdruck der Spannungen zwischen Mensch und Natur. Vielmehr scheint <em>Lureley<\/em>, exemplarisch durch die Bestrebung des Bischofs, die Lureley zur Nonne zu machen, den zus\u00e4tzlichen Aspekt der Ausbreitung des Christentums, also eine religi\u00f6s motivierte Komponente zu erhalten. Die Frage nach Geschlechterverh\u00e4ltnissen und der scheinbar angestrebten generellen Bevormundung der Frau durch den Mann, m\u00fcndet schlie\u00dflich darin, dass der Frau eine bestimmte Religion auferlegt werden soll, was durchaus unter den Begriff des m\u00e4nnlichen* Kulturwillens, wie ihn Gretz gepr\u00e4gt hat, f\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Schlussbetrachtung<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Analyse der Frauenfiguren bei Brentano und Fouqu\u00e9 wurden einige Gemeinsamkeiten beider Werke deutlich. Erstens wurde gezeigt, dass beide Frauen einer Objektifizierung durch den Mann ausgesetzt sind als sie zu einem Gro\u00dfteil nur aufgrund rein \u00e4u\u00dferlicher Kriterien bewertet werden. So ist die Sch\u00f6nheit sowohl der Lureley als auch der Undine Grund daf\u00fcr, dass ihnen M\u00e4nner verfallen. Zweitens ist es eine interessante Gemeinsamkeit beider Werke, dass der textexterne Blick der Autoren, sowie der textinterne Blick der Erz\u00e4hlinstanz und des lyrischen Ichs, die Wasserfrauen als nicht aktiv schuldig darstellen: Brentanos Gedicht, wie auch Fouqu\u00e9s Erz\u00e4hlung legen einer Leseart der Texte nahe, in denen die Frauen nur unfreiwillig verf\u00fchren und deshalb nur gezwungenerma\u00dfen todbringend sind, sie demnach auch nicht als Femme Fatale bezeichnet werden k\u00f6nnen. Sowohl Lureley als auch Undine sind letztendlich beide dem Wasser zugeh\u00f6rig. Die Zugeh\u00f6rigkeit der Undine zum Element Wasser zeichnet sich dadurch aus, dass es sich bei ihr explizit um einen Wassergeist handelt, der im Wasser zuhause ist, sowie gewissen Elementargesetzen untersteht. Dies ist bei der Lureley weniger deutlich. Von ihr wei\u00df man lediglich, dass sie als Zauberin am Fluss Rhein zuhause ist, jedoch nicht, unter welcher Art von Gesetz oder Fluch sie steht. Die Darstellung des Wassers tritt bei der <em>Lureley<\/em> recht weit in den Hintergrund, in der <em>Undine<\/em> wird das Wasser hingegen sehr ausf\u00fchrlich und gleichzeitig ambivalent dargestellt. So ist es einerseits den Menschen zutr\u00e4glich, kann jedoch gerade aufgrund seiner Naturgewalt, deren der Mensch weder gewachsen noch m\u00e4chtig ist, eine Bedrohung verk\u00f6rpern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Unterschied beider Werke ist jedoch, dass die Frau als Allegorie der Natur in <em>Undine<\/em> ein wesentlich st\u00e4rkeres Thema ist, genau wie der Konflikt zwischen Mensch und Natur, und damit der Frage, ob nun der Mensch die Natur beherrscht (und beherrschen sollte), oder <em>vice versa<\/em>. In Fouqu\u00e9s Erz\u00e4hlung scheint also die Frage nach den Machtverh\u00e4ltnissen von Frau und Mann in die gr\u00f6\u00dfere Frage nach den Machtverh\u00e4ltnissen von Natur und Mensch eingebettet zu sein, w\u00e4hrend bei Brentano erstere Frage eher im (\u00fcbergeordneten) Spannungsfeld der christlichen Religion situiert scheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemeinsam ist allerdings, dass beide Frauen teils fremdbestimmt sind, in einer Position unter dem Mann stehen, sich teils aber in einer Position befinden, in welcher sie eine gewisse Macht \u00fcber den Mann haben<em>. <\/em>Als zentrale Erkenntnis der Untersuchung kann weiterhin gelten, dass die Ambiguit\u00e4t in der Stellung der Frauen jedoch gerade aus der Verbindung derselben mit dem Wasser resultiert. Denn wo die Frauen in menschlicher Gesellschaft in einem untergeordneten Machtverh\u00e4ltnis zu dem Mann stehen, in welchen sie eine untergeordnete Stellung einnehmen, stehen sie als Wasserfrauen hingegen in einer Position, in denen der Mann keine Macht, und damit Kontrolle \u00fcber sie erlangt. Tats\u00e4chlich ist das genaue Gegenteil der Fall. Als Wasserfrauen \u00fcben eher die Lureley und die Undine eine Macht \u00fcber den Mann aus. Erstere durch den Zauber ihrer Sch\u00f6nheit, Letztere durch die Gesetze der Wassermenschen, die scheinbar \u00fcber denen der Menschen stehen, als auch durch ihre Sch\u00f6nheit und ihr Verhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedoch tritt in diesem Kontext direkt die Problematik der Entwirklichung der Frau auf. Brentanos Lureley-Figur wird mit ihrer \u201alockenden\u2018 Sch\u00f6nheit zu einem auf dem \u00c4u\u00dferen der Frauen basierten sexuellen Prinzip reduziert. Die Undine hingegen, die mit Aussehen und Anstand verzaubert, wird dabei mehr als ein Ideal dargestellt \u2014 ein Ideal der sich dem Mann unterordnenden, bis in alle Ma\u00dfen dem\u00fctigen Frau, \u00fcber die der Mann Kontrolle haben kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die poetologische Funktion des Wassers als Attribut der Frauenfiguren ist in erster Linie, die Machtverh\u00e4ltnisse und Ordnungen, in welchen sich die Frauen in den menschlichen Gesellschaften befinden, in das Gegenteil umzukehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlussendlich kontribuiert das Element aber auch insofern zu der Konzeption von Frau, wie Brentano und Fouqu\u00e9 sie entwerfen, als die Ansiedlung der Frau am Wasser Raum zur Ausgrenzung der Frau vom Menschlich\u2013Kulturellen bietet. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Ausgrenzung \u201anach unten\u2018, vielmehr um eine idealisierende Ausgrenzung \u201anach oben\u2018, welche trotz des Umstandes, dass die Frauen schlussendlich mit dem Wasser (passiv) t\u00f6ten, auch von den Autoren nicht zwingend kritisiert wird. Nichtsdestoweniger ist die Konzeption der Frauenfiguren und ihre Verh\u00e4ltnisse zu anderen, vor allem m\u00e4nnlichen* Subjekten in den Werken, sowie die Aussagen, welche die Texte Brentanos und Fouqu\u00e9s vermitteln, durchaus problematisch: Wenn die Frau ein eigenst\u00e4ndiges, handlungsf\u00e4higes, erm\u00e4chtigtes Subjekt werden soll, das nicht in einem Machtgef\u00e4lle unter einem Mann steht, kann sie daf\u00fcr allerdings keinen Raum in der m\u00e4nnlich* gepr\u00e4gten Menschengesellschaft bekommen, sondern muss sich erst von dieser aus- und abgrenzen, um dies verwirklichen zu k\u00f6nnen. Die Werke Brentanos und Fouqu\u00e9s lassen doch, obgleich sie auf literarischer Ebene patriarchale Ordnungen mit in einem sehr weiten Sinn matriarchalen Ordnungen ersetzen, keinen Raum f\u00fcr eine Leseart, die die m\u00f6glicherweise \u201aFortschrittlichkeit\u2018 dieser Werke behauptet, sondern zeugen von der Abwesenheit, ja Unvorstellbarkeit einer egalit\u00e4ren Vision der Geschlechterbeziehung. Die Frau muss, um ihr als emanzipiertes Subjekt die n\u00f6tige Handlungsmacht zuzugestehen, erst aus der menschlichen, m\u00e4nnlich* gepr\u00e4gten Gesellschaft ausgegrenzt werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>Klaus Theweleit, <em>M\u00e4nnerphantasien<\/em>, Berlin 2019, hier 349\u2013350.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>Vgl. Tilmann K\u00f6ppe \/ Simone Winko, Neuere Literaturtheorien. Eine Einf\u00fchrung. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage, Stuttgart\u2013Weimar 2013, hier 201.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>Clemens Brentano, <em>Werke<\/em>. Hrsg. von Wolfgang Fr\u00fchwald, Bernhard Gajek und Friedhelm Kemp. M\u00fcnchen 1968, hier 118. K\u00fcnftig im Flie\u00dftext mit Sigle L und Seitenzahl zitiert.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\">[4]<\/a>Mit der Deutung der Schlussverse hat sich Heinrich Bosse besch\u00e4ftigt. Er stellt dabei die naheliegende Frage, wer die Sprecher:inneninstanz dieser Abschlussverse ist. Dabei legt Bosse vier Deutungsm\u00f6glichkeiten zugrunde: Entweder, so lautet die erste Deutung, sind die Sprecher des Lieds die drei Ritter, welche Lureley in das Kloster bringen, oder, dies stellt die zweite Deutung dar, der Geliebte der Lureley ist der Singer, der zugleich Urheber des Fluches ist. Zuletzt erw\u00e4gt Bosse, dass es auch die Lureley selbst sein k\u00f6nnte, welche \u201edaraus einen selbstm\u00f6rderischen Zauber entfacht\u201c, oder die sprechende Instanz ist der Schiffer des Schiffs, welches die Lureley kurz vor ihrem Tod auf dem Rhein entdeckt.<sup> <\/sup>Vgl. Heinrich Bosse, <em>Die Loreley, ein romantischer Mythos<\/em>, in: Katerina Karakassi \/ Stefan Lindinger \/ Mark Michalski (Hrsg.), <em>Deutsche Romantik. <\/em><em>Transformationen und Transgressionen<\/em>. Frankfurt\/Main 2014 (Hellenogermanica 4), 78\u201379.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a>Vgl. Caroline Blyth \/ Dan W. Clanton (Jr), \/ et al., <em>Femme fatale<\/em>. In: <em>Encyclopedia of the bible and Its Reception Online<\/em> (2010). <a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/database\/EBR\/entry\/key_4a849aab-0d69-4f92-8444-4b3ce4ecec6a\/html#MLA\">https:\/\/www.degruyter.com\/database\/EBR\/entry\/key_4a849aab\u20130d69\u20134f92\u20138444\u20134b3ce4ecec6a\/html#MLA<\/a> (26.12.2022).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a>Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a>Urte Helduser, <em>Frau \/ Jungfrau<\/em>, in: G\u00fcnter Butzer \/ Joachim Jacob (Hrsg.), <em>Metzler Lexikon literarischer Symbole.<\/em>&nbsp; 3., erweiterte und um ein Bedeutungsregister erg\u00e4nzte Auflage. Berlin 2021, hier 198.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a>Vgl. Ebd., 198.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a>Um dennoch f\u00fcr Stubys Aussage zu argumentieren, k\u00f6nnte angenommen werden, dass in einer <em>fr\u00fcheren Zeit<\/em> die Lureley aktiv und aus eigenem Willen heraus get\u00f6tet hat, diesem nun \u00fcberdr\u00fcssig ist, und daher den Todeswunsch, sowie Reue hegt. Jedoch ist diese Annahme, die eine m\u00f6gliche Vergangenheit im Gedicht annimmt, beziehungsweise voraussetzt, mehr spekulativ und geht eben so nicht aus dem Text hervor.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref10\"><sup>[10]<\/sup><\/a>Anna Maria Stuby, <em>Liebe, Tod und Wasserfrau. Mythen des Weiblichen in der Literatur<\/em>, Opladen 1992 (Kulturwissenschaftliche Studien zur deutschen Literatur), hier 188. Hervorhebung A. H.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref11\"><sup>[11]<\/sup><\/a>Vgl. Bosse, <em>Loreley<\/em>, 78.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref12\"><sup>[12]<\/sup><\/a>Vgl. Ebd., 76.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref13\"><sup>[13]<\/sup><\/a>Stuby, <em>Wasserfrau<\/em>, 188.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref14\"><sup>[14]<\/sup><\/a>Vgl. Ebd. 188.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref15\"><sup>[15]<\/sup><\/a>Bosse, <em>Loreley<\/em>, 76.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref16\"><sup>[16]<\/sup><\/a>Vgl. Ebd., 76.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref17\"><sup>[17]<\/sup><\/a>Bosse, <em>Loreley<\/em>, 76.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref18\"><sup>[18]<\/sup><\/a>Vgl. Daniela Gretz, <em>Wasser<\/em>, in: G\u00fcnter Butzer \/ Joachim Jacob (Hrsg.), <em>Metzler Lexikon literarischer Symbole<\/em>.&nbsp; 3., erweiterte und um ein Bedeutungsregister erg\u00e4nzte Auflage. Berlin 2021, hier 696.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref19\"><sup>[19]<\/sup><\/a>Vgl. Friedrich de la Motte Fouqu\u00e9, <em>Undine<\/em>. <em>Eine Erz\u00e4hlung<\/em>, Stuttgart 2022 (Reclams Universal\u2013Bibliothek 491), hier 5. K\u00fcnftig im Flie\u00dftext mit Sigle U und Seitenzahl zitiert.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref20\"><sup>[20]<\/sup><\/a>Das lyrische Ich bezeichnet sich in Vers 26 selbst als Ritter. Vgl. U, 5.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref21\"><sup>[21]<\/sup><\/a>Theweleit, <em>M\u00e4nnerphantasien<\/em>, 337.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref22\"><sup>[22]<\/sup><\/a><em>Die Bibel, oder die ganze Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments nach der deutschen Uebersetzung Dr. Martin Luthers,<\/em> Stereotyp\u2013Ausgabe, Berlin 1853, hier 108.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref23\"><sup>[23]<\/sup><\/a>Stuby, <em>Wasserfrau<\/em>, 91.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref24\"><sup>[24]<\/sup><\/a>Vgl. Stuby, <em>Wasserfrau<\/em>, 94.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref25\"><sup>[25]<\/sup><\/a>Helduser, <em>Frau \/ Jungfrau<\/em>, 198.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref26\"><sup>[26]<\/sup><\/a>Vgl. Ebd., 198.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref27\"><sup>[27]<\/sup><\/a>Siehe beispielsweise in Kapitel drei die Schmeichelei \u201eh\u00fcbscher Freund\u201c (U, 21.).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref28\"><sup>[28]<\/sup><\/a>Mit <em>Verf\u00fchrerin<\/em> ist hier die unfreiwillig, eher passiv Verf\u00fchrende gemeint, da im Vorangegangen ja schon festgestellt wurde, dass die Undine ebenso wie die Lureley keine Verf\u00fchrerin im engen (aktiv\u2013willentlichen) Sinn ist.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref29\"><sup>[29]<\/sup><\/a>Siehe Kapitel 18: \u201eVor\u00fcber aber zog die Jammernde, schwer, <em>gezwungen<\/em>, z\u00f6gernd, wie zum Hochgericht.\u201c [Hervorhebung A. H.] (U, 95).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref30\">[30]<\/a>Auch Undines Heirat kann als Versuch angesehen werden, die Wasserfrau in die Gemeinschaft der Menschen zu integrieren, jedoch scheitert auch dieser Versuch. Grund f\u00fcr das Scheitern des Versuchs liegt jedoch nicht nur \u2013 wie bei der Lureley in der Frau (durch ihren Freitod) \u2013 sondern, wie bereits erw\u00e4hnt, sowohl in der Untreue des Mannes, als auch in Undines eigener Abgrenzung von der menschlichen Gemeinschaft und den menschlichen Sitten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref31\"><sup>[31]<\/sup><\/a>Daniela Gretz, <em>Wei\u00df<\/em>, in: G\u00fcnter Butzer \/ Joachim Jacob (Hrsg.), <em>Metzler Lexikon literarischer Symbole<\/em>, 3., erweiterte und um ein Bedeutungsregister erg\u00e4nzte Auflage, Berlin 2021, hier 704.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref32\"><sup>[32]<\/sup><\/a>Vgl. Gretz, <em>Wasser<\/em>, 696.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref33\"><sup>[33]<\/sup><\/a>Stuby, <em>Wasserfrau<\/em>, 66.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref34\"><sup>[34]<\/sup><\/a> Stuby, <em>Wasserfrau<\/em>, 66.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref35\"><sup>[35]<\/sup><\/a>Bei der Lureley w\u00e4re das der Aufenthalt mit dem Bischof und den Rittern, bei der Undine die Ehe und das Leben mit Huldbrand.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref36\"><sup>[36]<\/sup><\/a>Frau der Natur ist die Lureley, wenn sie zusammen mit ihrem Element, dem Wasser, auftritt, also t\u00f6tet. Ebenso ist die Undine Frau der Natur, wenn sie als Herrscherin \u00fcber Wassermassen fungiert.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref37\"><sup>[37]<\/sup><\/a>Theweleit, <em>M\u00e4nnerphantasien<\/em>, 350.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref38\"><sup>[38]<\/sup><\/a>Undines Stimmung wechselt schnell von fr\u00f6hlich und verspielt zu zornig. (vgl. U, 11\u201313).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref39\"><sup>[39]<\/sup><\/a>Auf das Geschimpfe des Fischers reagiert Undine nicht mit Reue, sondern nimmt trotzig Rei\u00dfaus (vgl. U, 13).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref40\"><sup>[40]<\/sup><\/a>Theweleit, <em>M\u00e4nnerphantasien<\/em>, 350.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref41\"><sup>[41]<\/sup><\/a>Helduser, <em>Frau \/ Jungfrau<\/em>, 199.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref42\"><sup>[42]<\/sup><\/a>Ebd., 199.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref43\"><sup>[43]<\/sup><\/a>Dazu ist weiterhin anzumerken, dass die Analogie von Frau und Natur in der Lureley durch dessen T\u00f6ten mithilfe der Natur (Wasser) (dazu vgl. Bosse, <em>Loreley<\/em>, 76.), und bei der Undine beispielsweise durch die Parallelisierung ihrer Stimmung mit dem Verhalten des Flusses zum Ausdruck kommt. So, wie beispielsweise in Undines Augen Ergebenheit liegt, so ist auch der ehemals ausgebrochene Bach wieder in seinen urspr\u00fcnglichen Verlauf zur\u00fcckgekehrt. Vgl. U, 45.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref44\"><sup>[44]<\/sup><\/a>Vgl. Gretz, <em>Wasser<\/em>, 696. Zum Konflikt von Mensch und Natur, und welche Partei wen beherrschen, beziehungsweise welcher Partei das Primat zukommen sollte, siehe auch Kapitel 13 der <em>Undine<\/em>, in welchem Bertalda zum Ausdruck bringt, das Wasser sei nur als Spiegel f\u00fcr Menschengesichter erschaffen (vgl. U, 69. Weiterhin: Huldbrand bezeichnet den Wassergeist K\u00fchleborn als schw\u00e4chlichen Elementargeist, was ebenfalls als Ausdruck des Menschenverst\u00e4ndnisses gelesen werden kann, dass der Mensch der Natur gegen\u00fcber der \u201aSt\u00e4rkere\u2018 ist (vgl. U, 76).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Annalena Harter Gezwungene M\u00f6rderinnen? Zur Funktion der Wassersymbolik bei der Konzeption von Frauen in Clemens Brentanos Lureley und Friedrich de la Motte Fouqu\u00e9s Undine Einleitung Es ist ein Fluss ohne Ende und riesig breit, der so durch die Literaturen flie\u00dft. 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