{"id":384,"date":"2023-07-23T11:47:14","date_gmt":"2023-07-23T09:47:14","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/?p=384"},"modified":"2023-12-06T10:08:14","modified_gmt":"2023-12-06T09:08:14","slug":"384","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/2023\/07\/384\/","title":{"rendered":"Ein grimmiger Anf\u00fchrer &#8211; Jan Rutten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Jan Rutten<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-large-font-size\"><strong><u>Ein grimmiger Anf\u00fchrer<\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"font-size:15px\"><em>Hagen von Tronje unter dem Aspekt der Dominanz<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das um das Jahr 1200 von einem anonymen Autor verfasste <em>Nibelungenlied<\/em> gilt als eines der bedeutendsten Dichtwerke des deutschen Mittelalters. Seine gro\u00dfe Beliebtheit in dieser Epoche ist durch gut drei Dutzend erhaltene Handschriften belegt,<a href=\"#_edn1\">[1]<\/a> bevor es schlie\u00dflich im Zuge der Nationalromantik des 19. Jhd. zu einem deutschen Nationalepos erhoben wurde. Allgemein wird das <em>Nibelungenlied<\/em> als das wohl bedeutendste Werk der deutschsprachigen Heldenepik angesehen, wobei es neben den hervorstechenden heroischen auch \u00fcber h\u00f6fische Elemente verf\u00fcgt.<a href=\"#_edn2\">[2]<\/a> Im Zuge der breiten Rezeption des <em>Nibelungenliedes<\/em> wurden die in ihm enthaltenen Figuren vielfach zur Projektionsfl\u00e4che. Diese teils sehr wechselhafte Rezeptionsgeschichte zeigt sich insbesondere an der Figur des Hagen von Tronje, welcher gerade in der zweiten H\u00e4lfte des Werkes als nahezu omnipr\u00e4sente Figur im narrativen Mittelpunkt steht.<a href=\"#_edn3\">[3]<\/a> Hagen wurde in der Interpretation sowohl als starker und treuer Besch\u00fctzer glorifiziert wie auch als moralloser Meuchelm\u00f6rder und Egoist verteufelt.<a href=\"#_edn4\">[4]<\/a> Als vielschichtige, nicht in eine Dichotomie von Gut und B\u00f6se einzuordnende Figur,<a href=\"#_edn5\">[5]<\/a> ist der grimmige Tronjer eine Pers\u00f6nlichkeit mit \u201eeinmaliger Anziehungskraft\u201c,<a href=\"#_edn6\">[6]<\/a> die sowohl fasziniert wie auch abschreckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vorliegende Untersuchung soll Licht auf einen besonderen Aspekt des oftmals als \u201askrupellos\u2018 charakterisierten Hagens werfen, indem sie diesen im Hinblick auf seine Dominanz untersucht. Es gilt herauszufinden, wie und inwiefern Hagen von Tronje seine Umgebung kontrolliert und \u00fcberragt und welche \u00dcberlegenheitsbeziehungen ihn auszeichnen. Zur Beantwortung dieser Fragestellung soll eine Konzentration auf inhaltliche Analysen erfolgen, wobei diese teilweise mit sprachlichen Aspekten verkn\u00fcpft werden. Da das Nibelungenlied stellenweise durchaus \u00fcber individuelle Charaktere anstelle von Typen verf\u00fcgt, m\u00f6chte dieser Aufsatz bei der Darstellung von Hagens Dominanz auch auf das Hilfsmittel der Psychologisierung des Tronjers zur\u00fcckgreifen. Eine solche sieht sich im Dienste der Figureninterpretation, die diejenigen Leerstellen f\u00fcllt, mit denen die Lesenden des Textes konfrontiert werden.<a href=\"#_edn7\">[7]<\/a> Der Fokus soll jedoch auf der Darstellung der Dominanzzust\u00e4nde liegen. Als Materialgrundlage dient hierzu die Handschrift B des <em>Nibelungenliedes<\/em>, welche als die originalgetreuste unter den drei Haupthandschriften gilt und zudem \u00fcber deutlich weniger explizite Wertungen durch den Erz\u00e4hler verf\u00fcgt, wie sie sich beispielsweise in Handschrift C finden lassen.<a href=\"#_edn8\">[8]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl sich die Forschung lange auf die Beurteilung der Moralit\u00e4t von Hagens Taten konzentriert hat, ist es wissenschaftlicher Konsens, dass Hagen von Tronje als germanisch-heroische Figur nicht an christliche Moralvorstellungen von Gut und B\u00f6se gebunden ist.<a href=\"#_edn9\">[9]<\/a> Zwar liegt bisher noch keine dedizierte Untersuchung Hagens unter dem Aspekt der Dominanz vor, doch haben verschiedene Einzelbetrachtungen seine Neigung zu zynischen Verhaltensweisen herausgestellt.<a href=\"#_edn10\">[10]<\/a> Ebenso ist anerkannt, dass Hagen im zweiten Teil des Werkes \u00fcber seine Rolle als k\u00f6niglicher Berater hinausw\u00e4chst und zunehmend als Anf\u00fchrer und Besch\u00fctzer der Burgunden auftritt.<a href=\"#_edn11\">[11]<\/a> Weiterhin ist sich die Forschung einig, dass Hagen durch ein furchtloses, durchsetzungsf\u00e4higes und \u00fcberm\u00e4\u00dfig stolzes Handeln hervortritt, was schlie\u00dflich die sich abzeichnenden Katastrophen unvermeidbar werden l\u00e4sst.<a href=\"#_edn12\">[12]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Ziel ist es, umfassend darzustellen<strong>, <\/strong>welche Informationen der Erz\u00e4hler des <em>Nibelungenliedes<\/em> in Bezug auf das Dominanzverhalten von Hagen von Tronje gibt. Auf diese Art soll aufgef\u00fchrt werden, in welchen unterschiedlichen Dimensionen dieser seine Kontrolle aus\u00fcbt und welche Vorgehensweisen und Entwicklungen dabei festzustellen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Hierf\u00fcr ist zuerst eine Definition des zentralen Untersuchungsgegenstandes \u201aDominanz\u2018 vonn\u00f6ten, bevor dieser auf die Materialgrundlage angewendet werden kann. Danach findet sich die traditionelle Zweiteilung des <em>Nibelungenliedes<\/em> auch im Aufbau dieses Aufsatzes wieder.<a href=\"#_edn13\">[13]<\/a> Die Analyse der ersten H\u00e4lfte folgt der chronologischer Reihenfolge der Handlung, um so die Entwicklung von Hagens Dominanz im ersten Teil des <em>Nibelungenliedes<\/em> darstellen zu k\u00f6nnen. Die in dieser Hinsicht weniger dynamisch gestaltete zweite H\u00e4lfte hingegen wird nach Themenbereichen aufgeteilt untersucht, um voneinander abgetrennt die verschiedenen Dimensionen von Hagens Dominanz (sozialhierarchisch, emotional, physisch und dem prophezeiten Untergang gegen\u00fcber) zu erfassen. Eine Ausnahme von dieser Vorgehensweise bildet die Analyse von Hagens Tod in der 39. \u00c2ventiure, welcher aufgrund seiner dramatischen Dichte sowie endg\u00fcltigen Aufl\u00f6sung des Themas als eigener Unterpunkt behandelt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Begriffsdefinition \u201aDominanz\u2018<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das in diesem Aufsatz benutzte Analysekriterium \u201aDominanz\u2018 wird hier aus Erkenntnissen zum politisch-philosophischen Machtbegriff sowie zum psychologischen Dominanzbegriff zusammengesetzt. Was den politikwissenschaftlichen Anteil betrifft, so soll prim\u00e4r die Auffassung Hanna Pitkins ber\u00fccksichtigt werden, welche \u00fcber die traditionelle Auffassung von Macht als interpersonale Willensdurchsetzung hinausgeht.<a href=\"#_edn14\">[14]<\/a> Daher sollen Pitkins Konzepte der \u201epower to\u201c, der M\u00f6glichkeit des Handelns und Durchsetzens an sich, ohne zwingende soziale Beziehung, und die interpersonale Willensdurchsetzung der \u201epower over\u201c als Grundlage dienen.<a href=\"#_edn15\">[15]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Grundlagendefinition von Macht soll dann mit dem psychologischen Dominanzbegriff verbunden werden. Dieser setzt Dominanz mit \u00dcberlegenheit gleich und ordnet erster die Charakterattribute Unabh\u00e4ngigkeit, Durchsetzungsf\u00e4higkeit, Zuversichtlichkeit und der F\u00e4higkeit zur Selbstbehauptung zu.<a href=\"#_edn16\">[16]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Insofern soll der Begriff \u201aDominanz\u2018 folgend im Sinne von \u00dcberlegenheit und Macht genutzt werden. Dies umfasst alle Situationen bzw. Textpassagen, in denen das Analysesubjekt, die literarische Figur des Hagen von Tronje, in der Materialgrundlage seine Mitmenschen in irgendeiner Art \u00fcberragt, zum Beispiel durch das Innehaben einer F\u00fchrungsposition, der Kontrolle \u00fcber ein Handlungsgeschehen, der Durchsetzung seiner Intentionen, der physischen oder emotionalen \u00dcberlegenheit und Kontrolle in einer Situation oder auch nur durch einen h\u00f6heren sozialen Status gegen\u00fcber seinen Mitmenschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Ausgangssituation: Des K\u00f6nigs rechte Hand<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Gef\u00fcge des Wormser Hofes nimmt Hagen von Tronje die Rolle des \u201ehandlungsbestimmenden\u201c k\u00f6niglichen Beraters und obersten Vasallen ein.<a href=\"#_edn17\">[17]<\/a> Als Lehnsmann bef\u00e4nde er sich der Norm nach in subordinierter Position gegen\u00fcber dominierenden Herren. Jedoch zeigt sich bereits zu Beginn des Werkes eine herausragende Stellung Hagens: als Siegfried seinen Vater von seinen Reisepl\u00e4nen nach Worms unterrichtet, warnt dieser ihn eindringlich vor Hagen (vgl. Nibelungenlied, 52, 1f.).<a href=\"#_edn18\">[18]<\/a> Siegfried scheint sich bei der Begegnung mit diesem an die Worte seines Vaters zu erinnern; w\u00e4hrend er selbst die K\u00f6nige Burgunds mit dem direkten <em>du<\/em> (NL, 111,3) anspricht, redet er Hagen respektvoll mit <em>iuch<\/em> (NL, 120,2) an und nennt ihn <em>her Hagene<\/em> (NL, 120,2).<a href=\"#_edn19\">[19]<\/a> Zus\u00e4tzlich ist Hagen, neben K\u00f6nig Gunther, der einzige Burgunde, den Siegmund benennt, und zudem der einzige, dessen Wesensz\u00fcge er n\u00e4her beschreibt. Hierdurch deutet Siegmund bereits den gro\u00dfen Einfluss an, den Hagen in Burgund und bei seinem K\u00f6nig besitzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Wormser Hof selbst sticht Hagen durch seine Expertise hervor, was ihn zur ersten Anlaufstelle f\u00fcr seine Herren macht, wenn es gilt, sich Informationen \u00fcber fremde Reiche und Heldengestalten einzuholen. So ist es auch Hagen, der seine Herren \u00fcber Siegfried, dessen Herkunft und Heldentaten unterrichtet und ihnen r\u00e4t, den \u00fcbermenschlich stark scheinenden Recken von Xanten als Freund zu gewinnen und dessen Feindschaft dringlichst zu vermeiden (vgl. NL, 99, 3ff.). Zudem verf\u00fcgt Hagen selbst \u00fcber ihm untergebene M\u00e4nner, besitzt also eine feudale Machtbasis (vgl. NL, 80,4).<a href=\"#_edn20\">[20]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Hagens Dominanzverlust<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Rolle Hagens als engster Vertrauter seines K\u00f6nigs und Besch\u00fctzer des Reiches wird jedoch, wie die gesamte Ordnung des burgundischen Hofes, durch das Auftreten Siegfrieds gest\u00f6rt.<a href=\"#_edn21\">[21]<\/a> Durch die heldenhaften Verdienste des Drachent\u00f6ters im Sachsenkrieg und auf der Islandfahrt ger\u00e4t der grimmige Tronjer ins Hintertreffen und verliert seine herausragende Position als oberster Diener der Burgundenk\u00f6nige.<a href=\"#_edn22\">[22]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Interessant ist dabei, dass es Hagen selbst ist, der Siegfrieds zentrale Rolle bei den obengenannten Ereignissen in die Wege leitet. Im Krieg gegen die D\u00e4nen und Sachsen sch\u00e4tzt Hagen die Streitkraft der Burgunden als zu schwach ein, weshalb er den Vorschlag einbringt, Siegfried um Hilfe zu ersuchen (vgl. NL, 145). Dessen \u00fcbermenschliche Kampfesleistung entscheidet den Krieg quasi im Alleingang (vgl. NL, 199; 209). Zwar hebt der Erz\u00e4hler auch die Leistungen von Hagen, Dankwart, Ortwin und der anderen K\u00e4mpfer hervor, im Gesamteindruck verbleiben diese jedoch eine blasse Gruppe, <em>gar ein wint<\/em> (NL, 226, 3), im Vergleich zum einzigartigen Siegfried, (vgl. NL, 219, 2ff.). Hagens Unterordnung gegen\u00fcber Siegfried institutionalisiert sich in zwei Aspekten: zum einen darin, dass Siegfried Oberbefehlshaber des Heeres ist, w\u00e4hrend Hagen nur die geteilte Stellvertreterschaft bleibt (eine Rolle, die Siegfried k\u00f6nigsgleich pers\u00f6nlich an Hagen verteilt, vgl. NL, 178, 1), und zum anderen darin, dass die Aushandlung der Kapitulations- und Friedensbedingungen nicht der rechten Hand des K\u00f6nigs zusteht, sondern von Siegfried \u00fcbernommen wird, welcher lediglich ein Verb\u00fcndeter Gunthers ist (vgl. NL, 215, 4; 311\u2013314).<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei der Reise nach Island ist es Hagen selbst, der die Begleitung durch Siegfried vorschl\u00e4gt. Hagen, der Siegfrieds Expertise im Umgang mit Br\u00fcnhild als Argument f\u00fcr dessen Teilnahme angibt (vgl. NL, 329), verliert die hervorstechende Rolle als erster k\u00f6niglicher Berater an Siegfried. Wo vorher Hagen mit seinem Wissen \u00fcber fremde L\u00e4nder und Helden gl\u00e4nzen konnte, ist es nun Siegfried, der vom werbenden Gunther wiederholt um Informationen zu Br\u00fcnhild, ihrem Land und ihren Untertanen aufgesucht wird (vgl. NL, 388\u2013391). Hagen hingegen r\u00fcckt in den Hintergrund. Verbildlicht wird diese verlorene Expertise dadurch, dass es Siegfried ist, der das Boot navigiert und rudert, und somit als F\u00fchrer fungiert (vgl. NL, 376, 1ff.), genauso wie es Siegfried ist, der Hagen ob seiner Weigerung, die Waffen am Hofe Br\u00fcnhilds abzulegen, zurechtweist \u2013 ein Rat, dem dieser nur <em>vil ungerne<\/em> (NL, 405, 4) folgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verlust von Hagens Stellung setzt sich in dem Transfer der Rolle des k\u00f6niglichen Besch\u00fctzers an Siegfried fort. Bereits vor der Abreise bittet Kriemhild Siegfried und nicht den ihr seit vielen Jahren durch gute Dienste vertrauten Hagen, das Wohlergehen des K\u00f6nigs sicherzustellen (vgl. NL, 372, 1ff.). Ebenso ist es nicht Hagen, sondern Siegfried, der in Island f\u00fcr Gunther insgeheim den Sieg im Zweikampf erringt und den Burgundenk\u00f6nig und seine M\u00e4nner vor Schmach und Tod bewahrt. Diese F\u00fchrungsposition wird auch durch den Erz\u00e4hler best\u00e4tigt: <em>S\u00eefrit hete geverret des kunic Guntheres tot<\/em> (NL, 463. 4). Hagen wird in die zweite Reihe delegiert, im Vordergrund stehen Gunther und Siegfried, w\u00e4hrend <em>Dancwart unt ouch Hagene<\/em> lediglich <em>mit in <\/em>[=Siegfried und Gunther] <em>k\u00f4men<\/em> (NL, 400, 1). Vielmehr zeigt sich in Island eine im gesamten Werk einzigartige Gef\u00fchlslage Hagens: Der grimmige Tronjer, der in der zweiten H\u00e4lfte des <em>Nibelungenliedes<\/em> mit zynischem Trotz seinem unheilvollen Schicksal entgegenschreitet (siehe unten), scheint in Br\u00fcnhilds Land jegliche Souver\u00e4nit\u00e4t g\u00e4nzlich zu verlieren. Wiederholt wird die gro\u00dfe Angst beschrieben, die in Hagen herrscht und selbst durch die verh\u00f6hnende R\u00fcckgabe seiner Waffen und R\u00fcstung nicht behoben werden kann (vgl. NL, 443\u2013448). Sogar nachdem der Wettkampf gewonnen ist, kann Hagen seine Angst nicht absch\u00fctteln und muss von Siegfried zurechtgewiesen werden (vgl. NL, 475\u2013478). Diese Furcht Hagens um sein Leben und das seiner Gef\u00e4hrten steht geradezu kontr\u00e4r zu der furchtlos-grimmigen Personalisierung im restlichen Lied. Als Zuschauer ist er nicht in der Lage, das Geschehen zu beeinflussen, w\u00e4hrend ihm und seinem schutzbefohlenen K\u00f6nig ein unehrenhafter Tod durch einen unbesiegbar scheinenden, weiblichen Gegner droht. Vielleicht ist Hagen, der im Rest des <em>Nibelungenliedes<\/em> einen ausgesprochenen Kontrolldrang besitzt<a href=\"#_edn23\">[23]<\/a> und zu gro\u00dfer Aktivit\u00e4t neigt, gerade deshalb so furchtvoll, da er nur tatenlos zuschauen kann, w\u00e4hrend der drohende Untergang seiner Gemeinschaft immer n\u00e4her r\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>R\u00fcckerlangung der Dominanz: Der Mord an Siegfried<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Situationen, in denen Hagen seine Autorit\u00e4t wahren kann, sind in den Abschnitten des Werkes vor dem Mordkomplott gegen Siegfried nur vereinzelt zu finden.<a href=\"#_edn24\">[24]<\/a> Zudem handelt es sich hierbei ausschlie\u00dflich um Situationen, in denen Hagen dem gemeinen Hofvolk (vgl. NL, 595, 793) gegen\u00fcbersteht. Umso beeindruckender ist daher die kommandierende und kompromisslose Art, mit der Hagen seine Handlungsf\u00e4higkeit und seine dominante Stellung am Wormser Hof zur\u00fcckerlangt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwar ist unklar, wer nach dem Streit der K\u00f6niginnen zwischen Br\u00fcnhild und Kriemhild den Mordgedanken zuerst aussprach, doch war Hagen in der Folgezeit der Einzige, der eine Ermordung Siegfrieds ernsthaft verfolgt (<em>S\u00een gevolgete niemen, niuwan daz Hagene, <\/em>NL, 867, 1) und schlie\u00dflich auch gegen die Einw\u00e4nde Anderer durchsetzt. Hagen zeigt sich unnachgiebig in seinem Ziel, Siegfried zeitgleich aufs Schwerste zu bestrafen und aus der Welt des Wormser Hofes zu entfernen. Dass Hagen als Untergebener die Beschwichtigungen und Einw\u00e4nde seines K\u00f6nigs schroff zur\u00fcckweist (vgl. NL, 870), zeigt bereits, wie stark sich das Machtgef\u00fcge verschoben hat. Diese Umkehrung der eigentlichen h\u00f6fischen Rangordnung manifestiert sich in der Feststellung des Erz\u00e4hlers, dass <em>der k\u00fcnic gevolgete ubele Hagenem, s\u00eenem man<\/em> (NL, 873, 1).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verlust von Gunthers Eigenst\u00e4ndigkeit zeigt sich ferner darin, dass es nicht mehr nur der K\u00f6nig selbst, sondern <em>Gunther und Hagene<\/em> sind, die gemeinsam die Jagd ausrufen (vgl. NL, 913, 1f.). Bei der Ausf\u00fchrung der Mordtat kommt Gunther lediglich ein Hilfsstatus zu, da er mit seiner k\u00f6niglichen Autorit\u00e4t die Umsetzung erm\u00f6glicht. Es ist Hagen, der die Falle f\u00fcr Siegfried aufsetzt. Durch die pers\u00f6nliche T\u00f6tung Siegfrieds schafft es Hagen, sich eine dreifache F\u00fchrungsrolle in Form von F\u00fchrerschaft, Autorenschaft und T\u00e4terschaft hinter der Ermordung zu erarbeiten. Die endg\u00fcltige Ausschaltung Siegfrieds ist allein sein Verdienst, und diese dominante Handlungsposition setzt ihn \u00fcber den Rest des Wormser Hofes hinweg. Doch kann sich seine Dominanz erst vollends entfalten, nachdem Siegfried diese Welt verlassen hat, denn selbst in seinem Todeskampf gelingt es dem t\u00f6dlich verwundeten Recken beinahe, den im Zweikampf chancenlosen Tronjer auf der Stelle zu erschlagen (vgl. NL, 981ff.).<a href=\"#_edn25\">[25]<\/a> Noch in seinen letzten Atemz\u00fcgen beherrscht Siegfried das Geschehen, indem er seine M\u00f6rder verflucht und Gunther ob dessen geheuchelter Trauer tadelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst mit Siegfrieds Ableben er\u00f6ffnet sich ein Machtvakuum, welches Hagen ausf\u00fcllen kann. Hierbei zeigt sich zun\u00e4chst eine emotionale Dominanz Hagens, welche sich in einem amoralischen und zynischen Denken \u00e4u\u00dfert. Der Tronjer \u00e4u\u00dfert offen seinen Stolz auf die Mordtat und deren Folgen, da er die <em>h\u00earschaft<\/em> (NL, 990, 4), also die Dominanz Siegfrieds beendet habe und so dessen St\u00f6rung der h\u00f6fischen Ordnung und Bedrohung von Gunthers Machtstellung aufgehoben seien. Er empfindet \u201eGenugtuung in der Vernichtung des Gegners\u201c.<a href=\"#_edn26\">[26]<\/a> Seinen K\u00f6nig hingegen r\u00fcgt er wegen dessen heuchlerischer Trauer um den Erschlagenen (vgl. NL, 990, 1f.), eine Handlung, die in einem der Norm entsprechenden Machtverh\u00e4ltnis von K\u00f6nig und Lehnsmann undenkbar w\u00e4re. W\u00e4hrend alle Anwesenden daf\u00fcr pl\u00e4dieren, die Ermordung Siegfrieds zu vertuschen und stattdessen die L\u00fcge eines Banditen\u00fcberfalls zu verbreiten, \u00e4u\u00dfert Hagen offen seine Verachtung f\u00fcr diese Heimlichtuerei. Er f\u00fcrchtet die m\u00f6glichen Konsequenzen seines Handelns nicht. Im Gegenteil, er scheint zutiefst befriedigt ob des gro\u00dfen Schmerzes, den die Nachricht von Siegfrieds Tod Kriemhild bereiten wird (vgl. NL, 998, 2ff.). Dies best\u00e4tigt sich in seinem weiteren Handeln, indem er den erschlagenen Siegfried auf seinem unbesch\u00e4digten Schild vor Kriemhilds Kemenate legt (vgl. NL, 1001, 1f.) und dieser so nicht nur den Tod ihres Mannes geradezu ins Gesicht reibt, sondern ihr auch offenlegt, dass es sich um einen hinterh\u00e4ltigen Mord und keinen Tod im Kampf gehandelt haben muss (Kriemhild erkennt dies in NL, 1009, 2f.). Hagens Reaktion auf seine \u00f6ffentliche Enttarnung als M\u00f6rder durch die Bahrprobe (vgl. NL, 1041\u20131042, 1) wird zwar vom Erz\u00e4hler nicht geschildert, in Anbetracht seiner bisherigen Furchtlosigkeit und seines Stolzes auf die eigene Brutalit\u00e4t l\u00e4sst sich jedoch vermuten, dass sie sich in dieses Schema einreiht und Hagen das Stigma des M\u00f6rders erhobenen Hauptes tr\u00e4gt. Somit h\u00e4tte der Tronjer selbst bei dieser \u00f6ffentlichen Blo\u00dfstellung seine emotionale Dominanz Kriemhild gegen\u00fcber gewahrt und sich selbst eine Aura der Unantastbarkeit, den Eindruck einer unangreifbaren Position, gegeben. W\u00e4hrend das Burgundenland in tiefster Trauer um den erschlagenen Drachent\u00f6ter liegt, zeigt Hagen seine \u00dcberlegenheit durch einen ver\u00e4chtlichen Zynismus und durch den ungeheuren Schmerz, den er Kriemhild voller Stolz zugef\u00fcgt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der Folgezeit offenbart sich die umfangreiche Aktionsdominanz, die Hagen am Hofe der Burgunden aufgebaut hat. So ist er es, der die Vers\u00f6hnung Gunthers mit Kriemhild initiiert, bleibt dieser jedoch bewusst fern, um ihren Erfolg nicht zu gef\u00e4hrden (vgl. NL, 1104; 1110, 3f.).<a href=\"#_edn27\">[27]<\/a>Doch schon kurze Zeit sp\u00e4ter nutzt er seinen Aktionsfreiraum, um Kriemhild erneuten Schaden zuzuf\u00fcgen und ihr Bedrohungspotenzial zu minimieren. Es ist Hagen, der in Kriemhilds unermesslichem Reichtum eine Gefahr sieht, und nachdem er Gunther nicht in seine Pl\u00e4ne zum Raub des Schatzes einspannen kann, diesen eigenh\u00e4ndig ausf\u00fchrt. Dabei bietet er sich offen als S\u00fcndenbock an (<em>l\u00e2t mich den schuldigen s\u00een, <\/em>NL, 1128, 4), was zum einen seine Aufopferungsbereitschaft f\u00fcr seinen K\u00f6nig, zum anderen seine Furchtlosigkeit vor der entmachteten Kriemhild ausdr\u00fcckt. Gleichfalls wird die anschlie\u00dfende Versenkung des Nibelungenhortes vom Erz\u00e4hler als Alleingang des finsteren Hagen dargestellt (vgl. NL, 1333f.).<a href=\"#_edn28\">[28]<\/a> Beide Missetaten Hagens f\u00fchren zu ernsthaften Verstimmungen mit den K\u00f6nigsbr\u00fcdern, so sehr, dass Giselher den Tronjer am liebsten t\u00f6ten w\u00fcrde (vgl. NL, 1130) und Hagen schlie\u00dflich tempor\u00e4r die Hofgesellschaft verl\u00e4sst (vgl. NL, 1136, 2).<a href=\"#_edn29\">[29]<\/a> F\u00fcr den <em>helt von Tronege<\/em> (NL, 1104, 1) scheinen m\u00f6gliche Strafen jedoch nicht von Belang zu sein, und letzten Endes bleiben seine Taten ohne l\u00e4ngerfristige Folgen f\u00fcr seine Stellung am Hof. Ihm geht es nur um das r\u00fccksichtslose Erreichen seiner Ziele, ohne Furcht vor etwaigen Konsequenzen, m\u00f6glicherweise auch, da er seiner Umgebung und den K\u00f6nigsbr\u00fcdern im Besonderen nicht die n\u00f6tige Durchsetzungsf\u00e4higkeit zugesteht, ihm ernstzunehmende Bestrafungen auferlegen zu k\u00f6nnen. Erneut beweist sich Hagens Konzeption als vorchristlicher Heros, der jenseits einer modernen Moral von Gut und B\u00f6se agiert.<a href=\"#_edn30\">[30]<\/a> Durch den Mord an Siegfried verl\u00e4sst Hagen seine h\u00f6fische Rolle als Untergebener und tritt nun als wahre F\u00fchrungsperson am Wormser Hof auf. Zeitgleich gelingt es ihm, durch seine demonstrierte Hartherzigkeit eine emotionale Dominanz aufzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Hagen als F\u00fchrungsperson<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn der zweiten H\u00e4lfte des <em>Nibelungenliedes<\/em> verf\u00fcgt Hagen wieder \u00fcber seine angestammte Rolle als wichtigster Berater seiner K\u00f6nige. Nach dem Tode Siegfrieds ist es erneut Hagen, der seinen Herren mit Expertenwissen \u00fcber fremde Menschen und L\u00e4nder zur Verf\u00fcgung steht (vgl. NL, 1174f.; 1428f.; 1717f.), eine Rolle, die der Tronjer f\u00fcr den Rest des <em>Liedes<\/em> behalten wird. Seine Autorit\u00e4t ist jedoch nicht unbegrenzt, und sowohl bei der Entscheidung zur Verm\u00e4hlung Kriemhilds mit dem Hunnenf\u00fcrsten als auch bei dem Beschluss zur Reise nach Wien scheitert Hagens Durchsetzungskraft, in letzterem Falle teilweise an ihm selbst, da sein \u00fcbertriebener Stolz es ihm nicht gestattet, kleinste Anzeichen von Angst und Schw\u00e4che zuzulassen (vgl. NL, 1459ff.).<a href=\"#_edn31\">[31]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Reise zum Etzelhof agiert Hagen, bedingt durch sein Expertenwissen \u00fcber die Landschaft Ostfrankens, als Anf\u00fchrer des burgundischen Zuges. Ihm steht die vorderste Position zu und er tritt f\u00fcr die Burgunden (vom Erz\u00e4hler mittlerweile als <em>Nibelungen<\/em> bezeichnet) als <em>ein helflicher tr\u00f4st<\/em> auf (NL, 1523, 2). Mit Gunthers autorit\u00e4ren Auftritt nach dem Kampf gegen die bayerischen Markgrafen wird die standesgem\u00e4\u00dfe Befehlskette f\u00fcr einen kurzen Moment wiederhergestellt; Hagens Status als Anf\u00fchrer manifestiert sich jedoch unmittelbar darauf erneut, als er die Rolle des F\u00e4hrmanns \u00fcbernimmt und ohne Hilfe 10.000 Mann \u00fcber den Fluss rudert (vgl. NL, 1524; 1622; 1570).<a href=\"#_edn32\">[32]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Ebendiese Rolle als Anf\u00fchrer und <em>tr\u00f4st der Nibelunge<\/em><a href=\"#_edn33\">[33]<\/a> setzt sich in Hagens Auftreten am Hof des Hunnenf\u00fcrsten durch. Nach Giselhers Bedenken \u00fcber die Sicherheit im Nachtquartier ist es Hagen, der seinen K\u00f6nig beruhigt und freiwillig, <em>mit<\/em> <em>triuwen <\/em>(NL, 1829, 4), die Nachtwache \u00fcbernimmt (vgl. NL, 1824f.).<a href=\"#_edn34\">[34]<\/a> Diese <em>triuwe<\/em> ist es auch, die Hagens Verantwortungsbewusstsein st\u00fctzt, wenn er den unruhigen Volker von der Verfolgung der herumschleichenden Hunnen abh\u00e4lt, um so den Schutz der Schlafenden nicht zu riskieren (vgl. NL, 1840f.). Die Rolle als F\u00fcrsorger f\u00fcr die Burgunden kulminiert in Hagens Empfehlung an diese, einen letzten Kirchgang inklusive Beichte vorzunehmen, um ihnen so eine innere Vorbereitung auf den baldigen Tod zu erlauben (vgl. NL, 1849, 4\u20131853, 4). Als Anf\u00fchrer ist es nun der sonst so zynische Hagen, der die seelsorgerischen Aufgaben des aus der Handlung entfernten Kaplans \u00fcbernehmen muss.<a href=\"#_edn35\">[35]<\/a> Dabei empfiehlt Hagen das Mitf\u00fchren von R\u00fcstung und Waffen, um die ihm Folgenden so jederzeit in Kampfbereitschaft zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiterhin ist es Hagen, der durch seinen brutalen Mord an Ortlieb und dessen Erzieher beim Festessen das Massaker im Festsaal initiiert und so als willentlicher Ausl\u00f6ser der Katastrophe die F\u00fchrung \u00fcber das Geschehen an sich rei\u00dft (vgl. NL, 1958, 1ff.).<a href=\"#_edn36\">[36]<\/a> Vor der T\u00f6tung des Hunnenprinzen h\u00e4lt Hagen eine kurze Ansprache, Er nimmt dabei eine Position ein, die an einen Heerf\u00fchrer oder K\u00f6nig, der den Angriff seiner M\u00e4nner er\u00f6ffnet, erinnert (vgl. NL, 1957). Ebenso ist es Hagen, der bei der Bek\u00e4mpfung des von Kriemhild gelegten Saalbrandes die F\u00fchrungsrolle \u00fcbernimmt und seinen M\u00e4nnern Anweisungen zum \u00dcberstehen der Flammenwut gibt (vgl. NL, 2116, 1ff.).<\/p>\n\n\n\n<p>Hagens Dominanz wirkt als sozialer Mobilisator, und durch sie gelingt es dem Heros, sich aus seiner h\u00f6fischen Umgebung heraus emporzuheben, die ihm aufgelegten Rollenzuweisungen zu durchbrechen und sich schlie\u00dflich zum handlungsbestimmenden Akteur und faktischem Herrscher der Burgunden aufzuschwingen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Physische und emotionale Dominanz<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hagens kommandierende Art zeigt sich nicht nur in seiner sozialen F\u00fchrungsposition, sondern wird zus\u00e4tzlich durch seine physische und emotionale \u00dcberlegenheit gegen\u00fcber seinen Mitmenschen akzentuiert. Zwar ist im <em>Nibelungenlied<\/em>, wie auch in anderen Texten der Heldenepik, kein Mangel an \u00fcbermenschlich starken K\u00e4mpfern vorhanden, Hagens gro\u00dfe Kampfeskraft sticht jedoch heraus und hilft so, eine den Helden von Tronje umgebende Aura der Dominanz zu konstruieren, die nicht mehr durch Siegfried \u00fcberstrahlt wird. Bereits vor dem Ausbruch des Gemetzels am Etzelhof offenbart sich Hagens gro\u00dfe physische St\u00e4rke. So ist Hagen die einzige Figur des gesamten Werkes, deren \u00c4u\u00dferes vom Autor n\u00e4her beschrieben wird; er ist <em>wol gewahsen<\/em> und <em>gr\u00f4z was er zen brusten<\/em> (NL, 1731, 1ff.). Seine Kraft zeigt sich bereits in der Begegnung mit dem F\u00e4hrmann an der Donau, dessen pl\u00f6tzlicher Angriff am Kopf, einer der verwundbarste Stellen des K\u00f6rpers, lediglich zum Zersplittern der Tatwaffe f\u00fchrt. Hagen zeigt sich hiervon unbeeintr\u00e4chtigt, enthauptet den F\u00e4hrmann, f\u00e4ngt trotz Zerbrechens des Ruders das abtreibende Boot ein und setzt dann als neuer F\u00e4hrmann alle 10.000 Burgunden an einem Tag \u00fcber (vgl. NL, 1557\u20131562). Auch mit der Weigerung Hagens und Volkers, den Hunnen auf dem Weg zur Messe den Weg freizumachen, gelingt es Hagen, sich seine Umwelt unterzuordnen (vgl. NL, 1863f.). Die einzige Ausnahme in dieser Hinsicht stellt das Gefecht gegen die bayerischen Markgrafen dar, in dem ein \u00fcberraschend schwach erscheinender Hagen auf die Intervention Dankwarts angewiesen ist (vgl. NL, 1609ff.).<\/p>\n\n\n\n<p>Ihren H\u00f6hepunkt erreicht Hagens St\u00e4rke in den K\u00e4mpfen am Etzelhof. Wiederholt macht er m\u00fchelos Scharen von Gegnern nieder, und als er im Laufe der K\u00e4mpfe seinen Schild wegsteckt und sich somit vollends auf eine r\u00fccksichtslose Offensive konzentriert, konstatiert der Erz\u00e4hler <em>d\u00f4 heten s\u00eene v\u00eeande zem lebene deheiner slahte w\u00e2n<\/em> (NL, 1977, 4). Selbst als der grimmige Recke im Kampf gegen Iring eine Kopfwunde erleidet, befl\u00fcgelt dies nur seinen Zorn und f\u00fchrt schlie\u00dflich zum Tod Irings (vgl. NL, 2059ff.), welcher mit seinen letzten Worten warnt, dass der Kampf gegen Hagen den sicheren Tod bedeute (vgl. NL, 2065,4).<a href=\"#_edn37\">[37]<\/a> Sogar Hildebrand, der den bisher unbesiegbar scheinenden Volker im Zweikampf erschlug und vom sterbenden Wolfhart vor Hagen gewarnt wird, unterliegt der Kampfkraft des Tronjers und muss verwundet die Flucht antreten (vgl. NL, 2298, 3f.; 2303; 2304.).<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist die oben beschriebene physische Dominanz Hagens, die auch zu seiner emotionalen Dominanz beitr\u00e4gt. Da kaum jemand imstande ist, sich mit Hagen im Kampf zu messen, versetzt ihn dies, zusammen mit dem Schutz durch seine m\u00e4chtigen Herren, in die Lage, anderen gegen\u00fcber betont schroff und sogar beleidigend aufzutreten. Dies zeigt sich bereits in der zynischen Zuschaustellung seiner T\u00e4terschaft im Mord an Siegfried, mit welcher er Kriemhild qu\u00e4lt und ihr Elend noch vergr\u00f6\u00dfert (siehe oben).<\/p>\n\n\n\n<p>Hagens Hohn gegen\u00fcber Kriemhilds Leiden setzt sich bei ihrem Wiedersehen am Etzelhof fort. Bereits bei der Ankunft und anschlie\u00dfenden Begr\u00fc\u00dfung durch Kriemhild legt er dieser seine Antipathie offen und spottet \u00fcber ihren Verlust des Nibelungenhortes; kein Gold, sondern den <em>tivel<\/em> (NL, 1741, 1) werde er ihr bringen. Selbst als Kriemhild ihn mit einer 460 Mann starken Schar an K\u00e4mpfern mit seinen Taten konfrontiert, zeigt er sich unbeeindruckt. Anstatt vor der K\u00f6nigin und Gastgeberin aufzustehen, bleibt er demonstrativ sitzen (vgl. NL, 1778f.), Siegfrieds Schwert auf seinem Scho\u00df zur Schau gestellt, was an die Haltung eines Richters erinnert. Voller Verachtung gesteht er den Mord an Siegfried, f\u00fcr welchen er die Schuld Kriemhild zuweist, und prahlt sogar mit seiner Tat und dem gro\u00dfen Leid, das er der K\u00f6nigin zugef\u00fcgt hat. Ihr Versuch, Hagen einem moralischen Urteil zu unterziehen, schl\u00e4gt g\u00e4nzlich fehl, denn Hagen zeigt ihr, dass nur der, der \u00fcber Macht \u2013 das Schwert \u2013 verf\u00fcgt, richten kann.<a href=\"#_edn38\">[38]<\/a> Schlie\u00dflich fordert er die Anwesenden sogar offen heraus, sein Verbrechen zu r\u00e4chen (vgl. NL, 1788, 3). Dies alles f\u00fchrt zum Zur\u00fcckweichen der Hunnen, welche Angst vor der Grimmigkeit und Kampfkraft Hagens und Volkers bekommen. Kriemhild hingegen bleibt zweifach gedem\u00fctigt zur\u00fcck, zum einen durch Hagens Worte und zum anderen durch den R\u00fcckzug ihrer M\u00e4nner (vgl. NL, 1781, 3f.; 1796, 2). Selbst zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt w\u00e4hrend der K\u00e4mpfe findet Hagen Gelegenheit, den K\u00f6nig der Hunnen \u00fcber dessen Unt\u00e4tigkeit zu verspotten und Kriemhild vor der gesamten Gefolgschaft zu beschimpfen. Diese wiederholt ihren Aufruf zum Kampf gegen Hagen, doch als sich erneut kein Hunne zu trauen scheint, ist sie bis zum Auftauchen Irings dem Spott Volkers und einer erneuten Erniedrigung ausgesetzt (vgl. NL, 2017\u20132023). Hagen hingegen kann einen Nimbus der Unantastbarkeit aufbauen. Er besitzt \u00fcber das ganze Werk hinweg bis hin zur Endsequenz eine emotionale Dominanz gegen\u00fcber Kriemhild.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch andere Personen sind vor dem ver\u00e4chtlichen Zynismus des grimmigen Tronjers nicht sicher. So verst\u00f6rt dieser beim Festessen alle Anwesenden mit seiner kalten Voraussage von Ortliebs baldigem Tod, unmittelbar nachdem Etzel seinen Stolz auf seinen Sohn kundgetan hat (vgl. NL, 1915). Die Nachricht von Bl\u00f6dels Ableben wird vom ihm spottend kommentiert, da dies <em>ein schade kleine<\/em> sei (NL, 1951, 1) und sein als unr\u00fchmlich aufgefasster Tod keine gro\u00dfe Trauer ausl\u00f6sen werde. Somit schockiert Hagen in unmittelbarer Abfolge die Anwesenden, indem er vor der Hofgesellschaft zwei direkte Verwandte des K\u00f6nigs und Gastgeber \u00f6ffentlich diskreditiert. W\u00e4hrend der K\u00e4mpfe im Festsaal schl\u00e4gt Hagen dem Spielmann W\u00e4rbel im Blutrausch die Hand ab. Dessen Klagen und Unschuldsbeteuerungen k\u00f6nnen den Tronjer jedoch zu keiner Antwort bringen (vgl. NL, 1962, 1). Das durch ihn verursachte Leid anderer, sofern sie nicht seine Freunde oder Herren sind, l\u00e4sst ihn kalt. \u00c4hnliches l\u00e4sst sich aus seinem Verhalten nach dem fehlgeschlagenen Mordversuch am Kaplan ableiten. Die w\u00fctenden Reaktionen Gernots und Giselhers (vgl. NL, 1573f.), der beiden eindeutig positiv besetzen K\u00f6nige, k\u00f6nnen Hagen keine Antwort oder gar ein Einlenken abringen, und es zeigt sich seine Ignoranz gegen\u00fcber christlichen Moralvorstellungen, die eine Rechtfertigung f\u00fcr diese Tat verlangen w\u00fcrden.<a href=\"#_edn39\">[39]<\/a> Vielmehr signifiziert Hagens wiederholt verletzendes und r\u00fccksichtsloses Verhalten und die sich hieraus ableitende Dominanz seine Verortung im germanisch-heidnischen Heldensystem, dem dichotomische Auffassungen von Gut und B\u00f6se fremd sind. Hagens Missachtung moralischer Normen spiegelt sich weiterhin in seinem Vorschlag, das Blut der Toten zur Stillung des Durstes zu trinken, wider (vgl. NL, 2111, 1ff.), und nach seinem Triumph im Kampf gegen Hildebrand verspottet Hagen diesen in Gegenwart Dietrichs wiederholt, wodurch Hildebrand in einem erniedrigenden Kontrollverlust von seinem K\u00f6nig zur Zur\u00fcckhaltung gezwungen werden muss (vgl. NL, 2342, 3f.).<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt jedoch noch eine weitere Seite von Hagens emotionaler Dominanz, die sich insbesondere in seiner ersten Begegnung mit Siegfried zeigt. Hagen geht auf dessen wiederholte Provokationen nur sehr bedacht ein. Sein langes Schweigen erz\u00fcrnt sogar Gunther, bis Hagen schlie\u00dflich Siegfried mit diplomatischem Tonfall f\u00fcr dessen Beleidigungen tadelt (vgl. NL, 119). Der <em>helt<\/em> <em>von Tronege<\/em> tritt also nicht nur als r\u00fccksichtsloser Zyniker auf, sondern ist auch zu kontrollierter Zur\u00fcckhaltung und diplomatischen Ausdr\u00fccken imstande.<a href=\"#_edn40\">[40]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Hagen und das Schicksal<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Aspekt des Schicksals<a href=\"#_edn41\">[41]<\/a> ist im <em>Nibelungenlied<\/em> stark an die Prophezeiung der Meerfrauen (vgl. NL, 1536\u20131539) gekoppelt, die dem finsteren Tronjer den unvermeidlichen Tod aller mit ihm Reisenden, mit Ausnahme des Kaplans, voraussagt. Doch bereits vor dieser Offenbarung des Untergangs zeigt sich Hagens Umgang mit dem Schicksal. Als die K\u00f6nigsmutter Ute im Traum sieht, wie alle V\u00f6gel in Burgund sterben, deutet sie dies als Allegorie f\u00fcr die anstehende Reise der Burgunden und bittet diese deswegen, nicht aufzubrechen. Hagen jedoch schmettert ihre Sorgen ab, denn <em>swer sich an troume wendet [\u2026],\/ der enweiz der rehten m\u00e6re niht ze sagene,\/ wenn es im ze \u00earen volleclichen st\u00ea <\/em>(NL, 1507, 1ff.). F\u00fcr ihn ist die Beachtung von vermeintlichen Prophezeiungen \u201enicht vereinbar mit der ritterlichen Ehre\u201c.<a href=\"#_edn42\">[42]<\/a> Hagen wird von der Angst um den Ehrverlust, der ihm vermeintlich droht, wenn er seine K\u00f6nige ohne ihren treuesten Gefolgsmann in eine Falle reiten l\u00e4sst, angetrieben. Ebendiese Furcht ist Hagens Motivation, seine eigenen Vorbehalte bez\u00fcglich der b\u00f6sen Intentionen Kriemhilds beiseitezulassen und der Reise energisch zuzustimmen. Daher ignoriert er die ihm offensichtlichen Gefahren und bevorzugt es, dem eventuellen Ende mutig entgegenzutreten und dabei gegebenenfalls an der Seite seiner K\u00f6nige zu fallen. Er verk\u00fcndet eine Unvermeidbarkeit der Reise, die die Burgunden durchf\u00fchren <em>m\u00fcezen <\/em>(NL, 1508, 3); er erhebt sie zum Schicksal. Dass der Besuch am Etzelhof nur im Blutvergie\u00dfen enden kann, ist f\u00fcr Hagen eine Tatsache, die er bereitwillig annimmt, denn<em> \u00ea sol von m\u00eenen handen ersterben manic man\/ in Etzelen landen<\/em> (NL, 1527, 3f.). Er zeigt keinerlei Furcht, sondern eine unersch\u00fctterliche Kampfbereitschaft ob des unvermeidlich scheinenden Gemetzels, in dem er die Chance auf noch gr\u00f6\u00dfere Kriegertaten sieht.<a href=\"#_edn43\">[43]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Am Ufer der Donau kommt es zu der Begegnung des k\u00f6niglichen Beraters mit den Meerfrauen. Nur kurz zweifelt Hagen die Vorhersage der Wasserfrauen an, und mit dem Verweis, dass er seine K\u00f6nige trotzdem nicht von einer Umkehr \u00fcberzeugen k\u00f6nne, setzt er eine untrennbare Verbindung zwischen seinem eigenen Schicksal und dem seiner K\u00f6nige (vgl. NL, 1540, 2f.). Die \u00dcberquerung \u00fcber die Donau ist somit als \u00dcbersetzen ins Reich des (baldigen) Todes anzusehen; Hagen ist der F\u00e4hrmann Charon, der die Burgunden \u00fcber den Fluss Styx setzt.<a href=\"#_edn44\">[44]<\/a> Schlie\u00dflich unternimmt der tapfere Recke einen letzten Versuch, das prophezeite Ende abzuwenden. Sein Mordversuch am Kaplan scheitert jedoch, und somit sein Bem\u00fchen, das Schicksal auszutricksen. Stattdessen entscheidet er sich, die Unvermeidlichkeit des Schicksals zu einer Tatsache zu erheben, indem er durch die Zerst\u00f6rung des Bootes eine Umkehr unm\u00f6glich macht (vgl. NL, 1572\u20131576; 1673, 3).<a href=\"#_edn45\">[45]<\/a> Die Prophezeiung kontrolliert sein Handeln, und doch ist er entschlossen, dem Schicksal gegen\u00fcber souver\u00e4n aufzutreten und durch eine aufrechte Haltung dem Tod gegen\u00fcber Dominanz in dieser Welt zu erreichen. Das Schicksal bestimmt seinen Weg und dennoch schafft es Hagen, stets in Kontrolle \u00fcber das menschlich Beherrschbare zu bleiben, mit einem unabl\u00e4ssigen Dominanzstreben als Handlungsmotivator<strong>.<\/strong><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem es nun keine M\u00f6glichkeit zur Umkehr mehr gibt, offenbart Hagen den ihm Folgenden ihr unvermeidliches Ableben. Hagen stimmt jedoch nicht in die gro\u00dfe Trauer der Ritter ob dieser Schreckensnachricht ein. Es folgt kein Moment des Innehaltens, sondern ein grimmiges Vorbereiten auf die anstehenden K\u00e4mpfe und ein Appell zur Bewaffnung (vgl. NL, 1585). Hagens mangelnde Furcht vor dem Tod zeigt sich auch in seinen Reaktionen auf die Warnungen Eckewarts und Dietrichs vor der zu erwartenden Feindschaft am Hunnenhof, welche er beide verharmlost, vermutlich, um seine souver\u00e4ne Ausstrahlung zu wahren (vgl. NL, 1633; 1722). Verwirrend scheint zudem seine konsequente Weigerung, Etzel von den blutigen Rachepl\u00e4nen seiner Gemahlin zu unterrichten und so eventuell das Gemetzel zu verhindern.<a href=\"#_edn46\">[46]<\/a> Selbst seine eigenen K\u00f6nige versucht Hagen, nachdem diese seine Bedenken in Worms noch abgewiesen haben, nicht von der ihnen drohenden Gefahr zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der stolze Tronjer m\u00f6chte dringlichst vermeiden, als wankelm\u00fctig zu gelten \u2013 sowohl vor seinen K\u00f6nigen wie auch vor dem Schicksal. Wenn das Ende in all seiner Grausamkeit schon nicht abzuwenden sei, dann sollen die Burgunder ihm geschlossen entgegentreten. Hagens Aufforderung an die Burgunden, sich vor dem Kirchgang zu bewaffnen (vgl. NL, 1850f.), ist nicht nur ein R\u00fcsten f\u00fcr den Kampf gegen die Hunnen, sondern auf einer abstrakten Ebene auch f\u00fcr den Kampf gegen das Schicksal selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Hagens Scheitern: Ende am Etzelhof<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So kommt es schlie\u00dflich zur letzten Konfrontation Hagens, in welcher er und Gunther sich nun Dietrich von Bern gegen\u00fcbersehen. Erneut zeigt sich Hagens Verbissenheit, das ihm heraufbeschworene Schicksal zu provozieren. Der finstere Tronjer schlie\u00dft Dietrich gegen\u00fcber jegliche Kapitulation aus (vgl. NL, 2235), <em>ez ens\u00ee, daz mir <\/em>[Hagen] <em>zebreste daz Nibelunges swert <\/em>(NL, 2344, 3) und geht bereitwillig den Zweikampf mit diesem ein. Auff\u00e4llig ist hierbei die Missachtung der normativen Rangfolge, denn es ist Hagen alleine, der die Kapitulation ausschl\u00e4gt, eine Entscheidung, die ihm als Untergebenen nicht zust\u00fcnde; nun ist es der Vasall, der trotz Ersch\u00f6pfung und Verwundung den letzten Kampf der Burgunden beschlie\u00dft. Neben der <em>triuwe<\/em> ist f\u00fcr den stolzen Recken von Tronje die <em>\u00eare<\/em> die h\u00f6chste Tugend, und diese m\u00f6chte er durch einen Sieg gegen den weithin bekannten Dietrich erringen oder zumindest durch einen heldenhaften Kampfestod bewahren; er besitzt ein \u201eIneinander von Todesbereitschaft und unbezwingbarem Lebens- und Kampfeswillen\u201c.<a href=\"#_edn47\">[47]<\/a> Eine Kapitulation w\u00fcrde nicht nur das Eingest\u00e4ndnis von Unsicherheit und Unterlegenheit bedeuten, sondern auch einen \u201aunehrenhaften\u2018 Tod au\u00dferhalb des Kampfes riskieren. Seinem eigenen Ableben m\u00f6chte Hagen keine Dominanz einr\u00e4umen, sondern dieses stattdessen als perfekten, letzten Akt inszenieren, weswegen er dem unvermeidlichen Tod gegen\u00fcber frei von Furcht ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz Hagens m\u00e4chtiger Hiebe und seines aggressiven Kampfstils unterliegt sein hitziges Gem\u00fct dem klugen, defensiven Kampfstil Dietrichs. Entgegen seiner arroganten Ank\u00fcndigung, dass nur ein Zerbrechen des Schwertes ihn vom Kampf abhalten k\u00f6nne (vgl. NL, 2344, 3),<a href=\"#_edn48\">[48]<\/a> wird Hagen nun gefesselt und somit jeglichen Handlungspotenzials beraubt. Der stolze Tronjer wird durch die Niederlage, die nicht im Heldentod, sondern einer Dem\u00fctigung endet, faktisch zum Zuschauer degradiert. Er kann nur wehrlos zusehen, wie sein K\u00f6nig ebenfalls im Kampf unterliegt, gefesselt und schlie\u00dflich mit ihm zusammen vor Kriemhild gebracht wird. Das Leben Hagens und seines schutzbefohlenen K\u00f6nigs ist nun dem Willen seiner Todfeindin schutzlos ausgeliefert.<\/p>\n\n\n\n<p>So muss Hagen hilflos miterleben, wie sein K\u00f6nig vor seinen Augen enthauptet wird. Der Schutz Gunthers war nach au\u00dfen Hagens zentrales Handlungsmotiv f\u00fcr gro\u00dfe Teile der Handlung, und an dieser f\u00fcr ihn heiligen Aufgabe ist er nun gescheitert.<a href=\"#_edn49\">[49]<\/a> Sein Versagen wird ihm in Form von Gunthers abgeschlagenem Kopf wortw\u00f6rtlich vor die Augen gehalten, womit die Dem\u00fctigung maximiert wird. Hier findet sich die zweite Stelle im <em>Nibelungenlied<\/em> (neben Volkers Tod), in der Hagen durch einen pers\u00f6nlichen Verlust gro\u00dfen Schmerz empfindet, <em>d\u00f4 wart im leide genuoc<\/em> (NL, 2366, 4), er also aus seiner zynischen, ver\u00e4chtlichen Haltung herausbricht. Sein Leid zeigt seine Verwundbarkeit und den Machtwechsel in der Handlung. Den Part der das Geschehen dominierenden Person f\u00fcllt nun Kriemhild aus, eine Figur, die den Gro\u00dfteil der Handlung nicht nur dominiert wurde, sondern konkret unter Hagens Dominanz zu leiden hatte. Trotzdem gelingt es letzterem, die Konversation zu kontrollieren und erneut auf Kriemhilds Schmerz zu lenken; \u201eHohn und Spott sind Waffen des zum Untergang Verurteilten und Bereiten\u201c.<a href=\"#_edn50\">[50]<\/a> So gelingt ihm ein letzter Triumph, indem er der <em>v\u00e2lendinne <\/em>(NL, 2368, 4) trotzig verk\u00fcndet, dass er das Geheimnis um den Nibelungenhort mit ins Grab nehmen werde. Kriemhild m\u00f6ge vielleicht ihren Racheakt vollziehen, doch eine Wiedergutmachung ihrer enormen Verluste wird nie erfolgen, da sowohl ihr Mann wie auch der Schatz f\u00fcr immer verloren sind. So erringt Hagen ein letztes Mal die emotionale Dominanz \u00fcber Kriemhild, die sich durch das gesamte Werk zieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Interpretationen, nach denen Hagen als \u201aSieger\u2018 aus dem Konflikt mit Kriemhild hervorgehen w\u00fcrde, sind jedoch zur\u00fcckzuweisen.<a href=\"#_edn51\">[51]<\/a> Zwar preist Etzel ihn nach seinem Ableben als <em>aller beste degen<\/em> (NL, 2371, 2) und Hildebrand lobt seine Tapferkeit (vgl. NL, 2373, 4), jedoch ist Hagens Tod kein heldenhafter, sondern die Hinrichtung eines Machtlosen; ihm bleibt \u201edie Erf\u00fcllung seiner heldischen Existenz versagt\u201c.<a href=\"#_edn52\">[52]<\/a> Dieser Aspekt der Hinrichtung verdeutlicht sich durch die Art der T\u00f6tung: wie ein wehrloser, zu richtender Verbrecher wird er gek\u00f6pft, noch dazu durch Kriemhild (vgl. NL, 2370, 2f.). Diese Enthauptung ist nicht nur Kriemhilds Rache, sondern indirekt auch Siegfrieds, der durch das Richtwerkzeug, sein Schwert Balmung, ebenfalls pr\u00e4sent ist und Genugtuung erf\u00e4hrt. Durch seinen Tod verfehlt Hagen auch seine dritte Leitlinie, Kriemhilds Rache zu vermeiden, und wird f\u00fcr seine Taten zur Rechenschaft gezogen, da die Hinrichtung durch Kriemhild gleich einer durch einen K\u00f6nig beorderten Exekution als Urteil f\u00fcr schwerste Vergehen zu lesen ist. Die Schmach in Hagens Exekution wird ma\u00dfgeblich durch die Person des Richters verst\u00e4rkt: Kriemhild, deren Rache er unbedingt verhindern wollte, und die als Frau sowohl im heroisch-germanischen wie auch im christlich-h\u00f6fischen Wertesystem weder als gro\u00dfe K\u00e4mpferin, noch als juristische Autorit\u00e4t auftreten kann.<a href=\"#_edn53\">[53]<\/a> Kurzum: Kriemhild besa\u00df nicht den Rang, Hagen zu richten, und die Exekution durch eine derart untergeordnete Person, deren Dem\u00fctigung und Degradierung zentrale Motivation f\u00fcr gro\u00dfe Teile seines Handelns waren, beraubt Hagen jeglicher Dominanz. Es ist ein dreifacher Kollaps von Hagens Macht zu konstatieren, welcher zwar sich selbst treu geblieben ist, aber in all seinen anderen pers\u00f6nlichen Leitlinien, der Vermeidung von Kriemhilds Rache, dem Schutz seiner K\u00f6nige und dem Erlangen eines heldenhaften Todes, g\u00e4nzlich versagt hat.<a href=\"#_edn54\">[54]<\/a> Der <em>helt von Tronege<\/em> stirbt zwar standhaft und selbstbehauptend, doch ist sein Triumph, Kriemhild die Wiedergutmachung zu verwehren und ihre anschlie\u00dfende Zerst\u00fcckelung durch Hildebrand, in seinem Ausma\u00df zu schwach, um sein Scheitern auszugleichen. Hagens Scheitern in der durch ihn verursachten Trag\u00f6die ist das Scheitern des nach Dominanz strebenden, germanisch-heidnischen Helden, und anstelle von Bewunderung erklingt eine grenzenlose Klage.<a href=\"#_edn55\">[55]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Fazit<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn des Werkes fungiert Hagen von Tronje als wichtigster Berater und Besch\u00fctzer seiner K\u00f6nige. Aus diesem Hintergrund heraus vermag er es, gro\u00dfen Einfluss auf das Geschehen am Wormser Hof zu nehmen. Seine herausragenden Charaktereigenschaften sind \u00fcber die Grenzen Burgunds hinaus bekannt. Schlie\u00dflich kommt es jedoch zum Verlust seiner dominanten Position an den \u00fcbermenschlich erscheinenden Siegfried von Xanten. Erst mit einer Intrige gelingt es ihm, auf \u00e4u\u00dferst brutale und kaltherzige Art seine Dominanz wiederherzustellen und permanent zu festigen. Von nun an agiert Hagen zunehmend im Vordergrund. Er ist nicht mehr nur Initiator, sondern immer h\u00e4ufiger Hauptakteur, was schlie\u00dflich zu einer offenen F\u00fchrungsrolle im zweiten Teil des Werkes f\u00fchrt. Hagen ist nur noch dem Namen nach Untergebener, in Wirklichkeit beherrscht er jedoch seine Umgebung und seine K\u00f6nige.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>helt von Tronege<\/em> f\u00fchrt und kontrolliert die Menschen um ihn herum, entmutigt seine Feinde durch eine \u00fcberlegene Kampfkraft und setzt bei\u00dfenden Spott ein, um diese emotional zu verletzen, w\u00e4hrend ihn das Leid Dritter kalt l\u00e4sst. Letzteres tritt besonderes in seinem Verhalten Kriemhild gegen\u00fcber hervor, welche er nach dem Mord an ihrem Ehemann bei nahezu jeder Gelegenheit mit seinem Zynismus peinigt. Als klassischer, wenn nicht gar \u00fcberspitzter germanischer Heros empfindet er f\u00fcr keine seiner Taten Schuld oder gar Reue, da er sein Handeln mit dessen Erfolg in einem auf <em>triuwe<\/em> und <em>\u00eare<\/em> ausgelegten Wertesystem begr\u00fcndet, welches sich nicht nur von heutigen Moralvorstellungen l\u00f6st, sondern auch damalige Vorstellungen von Tugend und Ritterlichkeit ablehnt.<a href=\"#_edn56\">[56]<\/a> All dies erlaubt ihm, sein Umfeld zu unterwerfen und sich selbst \u00fcber dieses emporzusetzen. Dem ihm prophezeiten Tod begegnet er nicht mit Furcht, sondern erkennt in diesem die M\u00f6glichkeit eines ruhmreichen Endes.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch all diese Gr\u00f6\u00dfe und Dominanz k\u00f6nnen sein Scheitern nicht verhindern. Es ist Hagens unzerst\u00f6rbarer Stolz, der diesen gr\u00f6\u00dften aller Helden geradewegs und erhobenen Hauptes in seinen Untergang schreiten l\u00e4sst, einen Untergang, in den er auch seine K\u00f6nige und damit die gesamte Gefolgschaft hineinf\u00fchrt.<a href=\"#_edn57\">[57]<\/a> Am Hunnenhof gelingen ihm gro\u00dfe Taten im Kampf, die Hagen den Nimbus eines unaufhaltbaren Anf\u00fchrers in der Abwehr schier unendlicher Wellen von Gegnern verleihen. Hagens Dominanz hat die Handlung des <em>Nibelungenliedes<\/em> bestimmt und ihn zur beherrschenden Figur des Werkes emporgehoben, bevor sie in sich selbst kollabierte. Sein Stolz ist ungebrochen, doch am Ende steht neben der Katastrophe der Burgunden auch der vollst\u00e4ndige Kontrollverlust und somit das Scheitern des grimmigen Mannes von Tronje.<br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref1\">[1]<\/a>Vgl. Helmut de Boor, Richard Newald, <em>Geschichte der deutschen Literatur. Teil 3<\/em>, M\u00fcnchen <sup>3<\/sup>1957, 156.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\">[2]<\/a>Zur Gattungszugeh\u00f6rigkeit und den jeweiligen Gattungsmerkmalen im NL, siehe vgl. De Boor, Newald, <em>Geschichte der deutschen Literatur<\/em>, 159\u2013164; Otfrid Ehrismann, <em>Erwartung und Erf\u00fcllung. Unzuverl\u00e4ssiges im Nibelungenlied<\/em>, in: Volker Gall\u00e9 (Hg.), <em>Sch\u00e4tze der Erinnerung. Geschichte, Mythos und Literatur in der \u00dcberlieferung des Nibelungenliedes<\/em>, Worms 2009, 19\u201340, hier 22; Francis G. Gentry, <em>Hagen and the Problem of Individuality in the Nibelungenlied<\/em>, in: <em>Monatshefte<\/em>, 68(1976)1, 5\u201312, hier 5; Edward R. Haymes, <em>Das Nibelungenlied<\/em>, M\u00fcnchen 1999, 91f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\">[3]<\/a>Vgl. Haymes, <em>Nibelungenlied<\/em>, 99.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\">[4]<\/a>Zur wissenschaftlichen Rezeptionsgeschichte in der Hagens siehe vgl. Sabine B. Sattel, <em>Das \u201eNibelungenlied&#8220; in der wissenschaftlichen Literatur zwischen 1945 und 1985. Ein Beitrag zur Geschichte der Nibelungenforschung<\/em>, Frankfurt\/Main (u.a.) 2000, 376f. und Jan-Dirk M\u00fcller, <em>Spielregeln f\u00fcr den Untergang. Die Welt des Nibelungenliedes<\/em>, T\u00fcbingen 1998, 7\u201311. Zur popul\u00e4ren Rezeptionsgeschichte siehe vgl. M\u00fcller, Spielregeln, 6ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\">[5]<\/a>Vgl. Holger Homann, <em>The Hagen Figure in the Nibelungenlied. Know Him by His Lies<\/em>, in: <em>Modern Language Notes<\/em>, 97(1982)3, 759\u2013769, hier 759f.; Elisabeth Lienert, <em>K\u00f6nnen Helden sich \u00e4ndern? Starre Muster und flexibles Handeln im Nibelungenlied<\/em>, in: <em>Zeitschrift f\u00fcr deutsches Altertum und deutsche Literatur<\/em>, 144(2015)4, 477\u2013491, hier 478; Elmar Schilling, <em>Konzepte und Inszenierungen des Heroischen im Nibelungenlied<\/em>, Dortmund 2021, 111.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref6\">[6]<\/a>Haymes, <em>Nibelungenlied<\/em>, 111.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref7\">[7]<\/a>Die Figureninterpretation und damit auch Psychologisierung der Figuren ist ein Angebot, welches der Autor den Rezipierenden durch die Leerstellen des Textes unweigerlich macht, vgl. Ursula Schulze, <em>Das Nibelungenlied<\/em>, Stuttgart 1987, 115; Winder McConnell, <em>The Nibelungenlied. A Psychological Approach<\/em>, in: Winder McConnell (Hg.), <em>A Companion to the Nibelungenlied<\/em>, Columbia 1998; Hermann Reichert, <em>Das Nibelungenlied. Text und Einf\u00fchrung, Nach der St. Gallener Handschrift<\/em>, Berlin\u2013New York 2005, 529.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Problematik einer Psychologisierung des Nibelungenliedes siehe vgl. M\u00fcller, <em>Spielregeln<\/em>, 201f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref8\">[8]<\/a>Vgl. De Boor\/Newald, <em>Geschichte der deutschen Literatur<\/em>, 156.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref9\">[9]<\/a>Vgl. Sattel, <em>Das \u201eNibelungenlied\u201c in der wissenschaftlichen Literatur<\/em>, 404; Otfrid Ehrismann, <em>Nibelungenlied. Epoche, Werk, Wirkung<\/em>, M\u00fcnchen <sup>1<\/sup>1987, 59; Jean Firges, <em>Das Nibelungenlied. Ein Epos der Stauferzeit<\/em>. Annweiler am Trifels 2001, 21.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref10\">[10]<\/a>Eine Auswahl: vgl. M\u00fcller, <em>Spielregeln<\/em>, 292; Werner Hoffmann: <em>Das Nibelungenlied<\/em>, Frankfurt 1987, 86, 89ff.; Werner Schr\u00f6der, <em>Die Trag\u00f6die Kriemhilts im Nibelungenlied<\/em>, in: <em>Zeitschrift f\u00fcr deutsches Altertum und deutsche Literatur<\/em>, 90(1960)2, 123\u2013160, hier 124.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref11\">[11]<\/a>Vgl. Sattel, <em>Das \u201eNibelungenlied\u201c in der wissenschaftlichen Literatur<\/em>, 392; Siegfried Grosse, <em>Kommentar<\/em>, in: Ursula Schulze (Hg.), <em>Nach der Handschrift B hrsg. von Ursula Schulze, Ins Neuhochdeutsche \u00fcbersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse<\/em>, Stuttgart 2011. 689\u2013987, hier 824; Ursula R. Mahlendorf, Frank J. Tobin, <em>Hagen. A Reappraisal<\/em>, in: <em>Monatshefte<\/em> 63(1971)2, 125\u2013140, hier 134; Schilling, <em>Konzepte und Inszenierungen des Heroischen<\/em>, 114.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref12\">[12]<\/a>Vgl. Haymes, <em>Nibelungenlied<\/em>, 11; Homann, <em>The Hagen Figure<\/em>, 764; Lienert, <em>K\u00f6nnen Helden sich \u00e4ndern?<\/em>, 477; Hermann Reichert, <em>Das Nibelungenlied. Text und Einf\u00fchrung, Nach der St. Gallener Handschrift<\/em>, Berlin\u2013New York <sup>1<\/sup>2005, 529; Mahlendorf, Tobin, <em>Hagen<\/em>, 139.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref13\">[13]<\/a>Zur Begr\u00fcndung dieser Zweiteilung in der Wissenschaft siehe vgl. Haymes, <em>Nibelungenlied<\/em>, 92\u201396.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref14\">[14]<\/a>Siehe beispielsweise vgl. Max Weber, <em>Wirtschaft und Gesellschaft<\/em>. T\u00fcbingen <sup>5<\/sup>1976, 28; Byung-Chul Han, <em>Was ist Macht? <\/em>Stuttgart 2015, 11\u201318.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref15\">[15]<\/a>Vgl. Hanna Feichel Pitkin, <em>Wittgenstein and Justice<\/em>. Berkeley\u2013Los Angeles <sup>1<\/sup>1972, 276; Gerhard G\u00f6hler, <em>Macht. II. Politiktheoretische Perspektiven<\/em>, in: <em>Staatslexikon<sup>8<\/sup> online<\/em>; https:\/\/www.staatslexikon-online.de\/Lexikon\/Macht [letzter Zugriff 06.03.2023].<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref16\">[16]<\/a>Vgl. <em>Dominanz<\/em>, in: <em>Brockhaus. Die Enzyklop\u00e4die in vierundzwanzig B\u00e4nden. Band 5 CRO-DUC<\/em>, Leipzig u.a. 2001, 610; Werner Stangl, <em>Dominanzverhalten,<\/em> in: <em>Online Lexikon f\u00fcr Psychologie &amp; P\u00e4dagogik<\/em>; https:\/\/lexikon.stangl.eu\/15133\/dominanzverhalten [letzter Zugriff 03.03.2023].<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref17\">[17]<\/a>Grosse, <em>Kommentar<\/em>, 719; vgl. Gentry, <em>Hagen<\/em>, 7.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref18\">[18]<\/a>Im Folgenden mit der Sigle NL abgek\u00fcrzt. F\u00fcr diesen Aufsatz wird die Versz\u00e4hlung von Ursula Schulze \u00fcbernommen, vgl. <em>Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch\/Neuhochdeutsch<\/em>, nach der Handschrift B hrsg. von Ursula Schulze. Ins Neuhochdeutsche \u00fcbersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse, Stuttgart 2011.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref19\">[19]<\/a>Vgl. Grosse, <em>Kommentar<\/em>, 717.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref20\">[20]<\/a>Vgl. ebd., 711; Ehrismann, <em>Nibelungenlied<\/em>, 47.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref21\">[21]<\/a>Vgl. Firges, <em>Nibelungenlied<\/em>, 16f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref22\">[22]<\/a>Vgl. Hoffmann, <em>Nibelungenlied<\/em>, 75f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref23\">[23]<\/a>Hagens Kontrolldrang zeigt sich u. a. in <em>NL, <\/em>404; 528; 694f.; 1475; 1617; 1742,3\u20131743, 4.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref24\">[24]<\/a>Zwar vergehen zwischen Siegfrieds Abreise aus Xanten und seiner R\u00fcckkehr 13 Jahre, in denen Hagen wahrscheinlich wieder die Position des obersten Berater eingenommen hat, doch sorgt die R\u00fcckkehr Siegfrieds f\u00fcr eine erneute St\u00f6rung.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref25\">[25]<\/a>Siegfrieds \u00dcbermacht wird durch die Symbolik der Waffen verst\u00e4rkt: Ist der Schild eigentlich ein Werkzeug der Defensive gegen frontale Angriffe, wird er nun genutzt, um einen aus dem Hinterhalt angreifenden Meuchelm\u00f6rder beinahe zu t\u00f6ten, vgl. Grosse, <em>Kommentar<\/em>, 782.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref26\">[26]<\/a>Vgl. ebd., 782.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref27\">[27]<\/a>Vgl. Hoffmann, <em>Nibelungenlied<\/em>, 80.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref28\">[28]<\/a>Die Rolle der drei K\u00f6nige ist bei diesen Taten widerspr\u00fcchlich geschildert, wenn auch von einer Beteiligung auszugehen ist, vgl. Grosse, <em>Kommentar<\/em>, 793; M\u00fcller, <em>Spielregeln<\/em>, 287.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref29\">[29]<\/a>Es ist gut m\u00f6glich, dass die Verbannung Hagens nur eine symbolische war, um so durch die Illusion einer Bestrafung Kriemhild milde zu stimmen und die eigene Rechtsordnung aufrecht zu halten, vgl. M\u00fcller, <em>Spielregeln<\/em>, 207. Letztendlich k\u00fchlt das Verh\u00e4ltnis zu den K\u00f6nigen nur tempor\u00e4r ab, vgl. Hoffmann, <em>Nibelungenlied<\/em>, 82.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref30\">[30]<\/a>Vgl. Firges, <em>Nibelungenlied<\/em>, 21.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref31\">[31]<\/a>Hagens Motive f\u00fcr die Entscheidung zum Antritt der Reise sind seine unzerbrechliche Vasallentreue und sein enormes Ehrgef\u00fchl, das ihm den Vorwurf der Feigheit nicht gestattet, vgl. Walter Haug, <em>Montage und Individualit\u00e4t im Nibelungenlied<\/em>, in: Walter Haug (Hg.), <em>Strukturen als Schl\u00fcssel zur Welt. Kleine Schriften zur Erz\u00e4hlliteratur des Mittelalters<\/em>, T\u00fcbingen 1989, S. 326\u2013338, hier 334f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref32\">[32]<\/a>Auch wenn die Rolle des Wegf\u00fchrers \u00f6stlich der Donau an den mit der Umgebung vertrauten Volker f\u00e4llt, vgl. <em>NL, <\/em>1583, 4.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref33\">[33]<\/a>Dietrich verleiht Hagen diesen Titel in <em>NL, <\/em>1723, 4.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref34\">[34]<\/a>Gem\u00e4\u00df <em>NL, <\/em>1829, 4 ist Hagens Motivation f\u00fcr das Halten der Nachwache die <em>triuwe<\/em> zu seinen Herren.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref35\">[35]<\/a>Vgl. Ehrismann, <em>Erwartung und Erf\u00fcllung<\/em>, 36ff.; Hoffmann, <em>Nibelungenlied<\/em>, 88f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref36\">[36]<\/a>Zwar wird Hagens Aktion erst durch den von Kriemhild veranlassten \u00dcberfall auf die Knappen und Dankwart ausgel\u00f6st, es ist jedoch Hagen, der die K\u00e4mpfe von einem \u00dcberfall auf das Gefolge zu einem blutigen Gemetzel unter allen anwesenden Helden eskaliert, in welchem Kriemhild sich ohne die Intervention Dietrichs einem sicheren Tod ausgesetzt sah.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref37\">[37]<\/a>Vgl. Helmut K. Krausse, <em>Die Darstellung von Siegfrieds Tod und die Entwicklung des Hagenbildes in der Nibelungendichtung<\/em>, in: <em>GRM<\/em> 21 (1971), 245\u2013257, hier 249.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref38\">[38]<\/a>Vgl. Haug, <em>Montage und Individualit\u00e4t<\/em>, 335; M\u00fcller, <em>Spielregeln<\/em>, 292.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref39\">[39]<\/a>Vgl. M\u00fcller, <em>Spielregeln<\/em>, 137f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref40\">[40]<\/a>Vgl. Hoffmann, <em>Nibelungenlied<\/em>, 75; Ehrismann, <em>Nibelungenlied<\/em>, 47.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref41\">[41]<\/a>Zwar herrscht in der Forschung Konsens, dass es sich beim Untergang der Burgunden weniger um eine Unvermeidlichkeit des Schicksals und vielmehr um die Folge von individuellen Fehlentscheidungen und starren Handlungskonzepten handelt, aufgrund der expliziten Nutzung des Konzeptes durch den Autor sowie der Natur der Prophezeiung wird der Begriff in dieser Arbeit trotzdem f\u00fcr Hagens Umgang mit dem ihm vorhergesagten Untergang verwendet, vgl. Lienert, <em>K\u00f6nnen Helden sich \u00e4ndern?<\/em>, 477\u2013491; Hoffmann, <em>Nibelungenlied<\/em>, 101f., hier 106.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref42\">[42]<\/a>Grosse, <em>Kommentar<\/em>, 823.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref43\">[43]<\/a>\u201eDie furchtlose Haltung angesichts des Todes ist eine Kardinaltugend des germanischen Helden\u201c, Krausse, <em>Die Darstellung von Siegfrieds Tod<\/em>, 253.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref44\">[44]<\/a>Vgl. Ehrismann 1987, 38; Firges 2001, 20; Haymes 1999, 103.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref45\">[45]<\/a>Vgl. Reichert, <em>Nibelungenlied<\/em>, 529.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref46\">[46]<\/a>W\u00e4hrend dies zu Beginn des Aufenthaltes am Hunnenhof noch mit der Angst vor einer Br\u00fcskierung Etzels begr\u00fcndet werden kann, so kann ein Verschweigen des n\u00e4chtlichen Angriffsversuchs durch Kriemhilds M\u00e4nner und die L\u00fcge, dass die Bewaffnung der Burgunden zu Hofe deren Brauchtum sei, in dieser Hinsicht nicht gerechtfertigt werden. Vgl. Hoffmann, <em>Nibelungenlied<\/em>, 89.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref47\">[47]<\/a>Krausse, <em>Die Darstellung von Siegfrieds Tod<\/em>, 248.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref48\">[48]<\/a>Vgl. Hoffmann, <em>Nibelungenlied<\/em>, 93.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref49\">[49]<\/a>Friedrich Maurer, <em>Das Leid im Nibelungenlied<\/em>, in: Friedrich Maurer (Hg.), <em>Angebinde. John Meier zum 85. Geburtstag am 14. Juni 1949<\/em>, Lahr 1949, 80\u2013115, hier 86.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref50\">[50]<\/a>Schr\u00f6der, <em>Die Trag\u00f6die Kriemhilts<\/em>, 124. Siehe au\u00dferdem vgl. Schilling, <em>Konzepte und Inszenierungen des Heroischen<\/em>, 209; G\u00fcnther Serfas, <em>Kriemhilds Widerfahrnis \u2013 Hagens letzte Finte. Zur Deutung der Schlussszene der 39. Aventiure im Nibelungenlied<\/em>, in: <em>Deutsche Vierteljahrsschrift f\u00fcr Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte<\/em> 94 (2020), 445\u2013463, hier 455.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref51\">[51]<\/a>Allgemein scheint es in der Forschung doch weit verbreitet, hier von einem Sieg Hagens auszugehen. Dass dem im Angesicht all seiner Niederlagen in der Schluss\u00e2ventiure nicht zuzustimmen ist, haben beispielsweise bereits vgl. Krausse, <em>Die Darstellung von Siegfrieds Tod<\/em>, 247 und Mahlendorf\/Tobin, <em>Hagen<\/em>, 135 hervorgehoben.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref52\">[52]<\/a>Krausse, <em>Die Darstellung von Siegfrieds Tod<\/em>, 247.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref53\">[53]<\/a>Vgl. Grosse, <em>Kommentar<\/em>, 872; Asya A. Sarakaeva, <em>Gunther\u2019s Head and Hagen\u2019s Heart. Royal Sacrifice in the Lay of Nibelungs<\/em>, in: <em>Corpus Mundi<\/em> 1(2020)1, 135\u2013152, hier 140; Schr\u00f6der, <em>Die Trag\u00f6die Kriemhilts<\/em>, 156.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref54\">[54]<\/a>Von einem Sieg Kriemhilds zu sprechen w\u00e4re jedoch ebenso inkorrekt. Kriemhild vermag es, Rache zu nehmen und ihre Peiniger zu richten, doch weder kann sie so erlittenes Leid wiedergutmachen, noch kann sie diesen Triumph auskosten. Die brutale Art, mit der Hildebrand sie zur Strafe f\u00fcr ihren Mord an Hagen t\u00f6tet, zeigt die \u201eFalschheit\u201c ihres Handelns. Mangels fehlender juristischer Autorit\u00e4t sowie aufgrund mehrfachen Eidbruchs, Hagen und Gunther am Leben zu lassen, hat Kriemhild eine unverzeihliche Schuld auf sich geladen, vgl. Grosse, <em>Kommentar<\/em>, 873.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref55\">[55]<\/a>Vgl. Albrecht Classen, <em>Siegfried\u2019s Self-Destruction and the End of Heroism in the \u201eNibelungenlied\u201c<\/em>, in: <em>German Studies Review<\/em> 26(2003)2, 295\u2013314, hier 308.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Hoffmann, <em>Nibelungenlied<\/em>, 106; Serfas, <em>Kriemhilds Widerfahrnis,<\/em> 449f.; Mahlendorf, Tobin, <em>Hagen<\/em>, 139.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref56\">[56]<\/a>Vgl. Firges, <em>Nibelungenlied<\/em>, 21.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref57\">[57]<\/a>Mahlendorf\/Tobin, <em>Hagen<\/em>, 139. Siehe auch die Anmerkung Krausses, dass Hagen letzten Endes nicht f\u00fcr seine K\u00f6nige und seine Leute stirbt, sondern dass diese Schutzbefohlenen f\u00fcr ihn sterben, vgl. Krausse, <em>Kommentar<\/em>, 253.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan Rutten Ein grimmiger Anf\u00fchrer Hagen von Tronje unter dem Aspekt der Dominanz Das um das Jahr 1200 von einem anonymen Autor verfasste Nibelungenlied gilt als eines der bedeutendsten Dichtwerke des deutschen Mittelalters. 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