{"id":85,"date":"2023-07-25T13:46:54","date_gmt":"2023-07-25T11:46:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/?p=85"},"modified":"2023-12-07T08:29:55","modified_gmt":"2023-12-07T07:29:55","slug":"rosen-luegen-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2023\/2023\/07\/rosen-luegen-nicht\/","title":{"rendered":"Rosen l\u00fcgen nicht &#8211; Gordon Prager"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Gordon Prager<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-large-font-size\"><strong>Rosen l\u00fcgen nicht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-normal-font-size\"><em>Gedanken zu Louise Gl\u00fccks Gedichtband \u201eThe Wild Iris\u201c (1992)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Einleitung<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Gedichte der nordamerikanischen Nobelpreistr\u00e4gerin Luise Gl\u00fcck sind Dialoge. Ein <em>Ich<\/em> spricht zu einem <em>Du<\/em>, ein <em>Wir<\/em> zu einem <em>Ihr<\/em> oder der Text in einem kr\u00e4ftigen Imperativ direkt zu seiner Leserschaft. Wer jedoch zu welchem Zeitpunkt mit wem spricht, l\u00e4sst sich in keinem der Texte mit Sicherheit sagen, worin mitunter der besondere Reiz des Gedichtbands <em>The Wild Iris<\/em> (1992) liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Gl\u00fccks Gedichten treten zwei Dialogformen besonders h\u00e4ufig auf: In den meisten F\u00e4llen \u2013 wie auch im titelgebenden Anfangsgedicht \u2013 spricht eine personifizierte Wildblume: Sie erz\u00e4hlt ihre Geschichte, klagt die menschliche Hybris an und mahnt zur Demut gegen\u00fcber der g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfung. In den anderen F\u00e4llen wiederum findet ein direkter Dialog zwischen der Natur und ihrem Sch\u00f6pfer statt. Die Bezeichnungen dieser Instanz als \u201eunnahbarer Vater\u201c<a href=\"#_edn1\">[1]<\/a>, \u201etrauriger Gott\u201c oder \u201eHerr im Himmel\u201c lassen viele dieser Gedichte in einem fast schon sakralen \u2013 ja, gebetstauglichen \u2013 Lichte erscheinen. Sie sind in einem Kontext von (Wieder-)Geburt, (Wieder-)Auferstehung, g\u00f6ttlicher Sch\u00f6pfung und anderen religionstheoretischen Diskursen anzusiedeln. In mal mehr und mal weniger variierender Form funktionieren die meisten Texte des Bandes in einer dieser beiden Weisen recht \u00e4hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben diesem gro\u00dfen thematischen Feld im Band existiert aber auch ein weitaus kleinerer Korpus von f\u00fcnf Gedichten, der in Form einer Binnengeschichte den Verlauf einer Liebesbeziehung erz\u00e4hlt. Zum dem Liebespaar geh\u00f6rt die Figur John, dessen Name zugleich auch der Name des Ehemanns von Louise Gl\u00fcck ist und dem dieser Gedichtband gewidmet ist. Durch die Mehrdeutigkeit von John als fiktive Figur und reale Person zugleich erscheint er in den betreffenden Gedichten als St\u00f6rinstanz der Kunstfiktion und als Widersacher der fiktionalen Beschaffenheit des Werkes, dessen Teil er unweigerlich geworden ist. Der Konflikt zwischen ihm und dem Lyrischen Ich, der mit mehreren Stimmen und aus verschiedenen Perspektiven ausgetragen wird, artikuliert in Gl\u00fccks Gedichtband <em>The Wild Iris<\/em> aus meiner Sicht einen poetologischen Diskurs, der zentral f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Werkes ist. Im Folgenden soll durch die Analyse des spezifischen Textkorpus mittels vergleichender Betrachtungen der intertextuellen Bez\u00fcge zwischen den einzelnen Texten der Band um eine neue Lesart zu bereichern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Der Garten<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Neben den f\u00fcnf Texten, in denen der Name John explizit genannt wird, existieren weitere Gedichte im Band, in denen der Bezug zur Figur auch implizit hergestellt wird. Als Anfangspunkt der Liebesbeziehung kann das vierzehnte Gedicht des Bandes mit dem Titel \u201eDer Garten\u201cangesehen werden, zumal sich der titelgebende Ort in den weiteren Gedichten noch als zentraler Schauplatz der Binnengeschichte erweisen wird. Formal gesehen handelt es sich bei diesem Text um ein siebenstrophiges Gedicht mit unterschiedlicher Strophenl\u00e4nge. Wie in allen Gedichten des Bandes ist weder ein Reim- noch ein Versschema gegeben. Mit zahlreichen Enjambements und durch einen betont einfachen Sprachgebrauch zeugt der Text von einer auff\u00e4llig gesprochenen Qualit\u00e4t und stellt sich somit gegen die Leseerwartungen eines klassischen Gedichts. Der thematische Kern des \u201eGartens\u201c betrifft \u201edas junge Paar\u201c, das w\u00e4hrend der Gartenarbeit \u201egro\u00dfe Schwierigkeiten\u201c zu bew\u00e4ltigen versucht. Wie in den meisten Gedichten des Bandes wird aus der Perspektive eines <em>Ichs<\/em> geschrieben, das sich zwar im ersten Vers zu erkennen gibt und in einer \u00fcbergeordneten Perspektive auf das streitende Paar blickt, seine Identit\u00e4t jedoch nicht preisgibt. Der Redeanteil am Anfang des Gedichtes \u201eNoch mal k\u00f6nnte ich das nicht. \/ ich halte es kaum aus, auch nur hinzuschauen \u2013 \u201c schafft die Vorstellung, das <em>Ich<\/em> habe eine gleiche Situation bereits erlebt. In den anderen Gedichten des Bandes wird die unsterbliche Beschaffenheit oft zum Thema gemacht. Spricht hier also m\u00f6glicherweise der Ort des Gartens, der das Handeln seiner menschlichen Besucher kommentiert?<\/p>\n\n\n\n<p>Die markanteste Stelle in diesem Gedicht ist der Vers: \u201eSie m\u00f6chte aufh\u00f6ren; \/ er m\u00f6chte fertig werden, \/ bei der Sache bleiben \u2013\u201c. Hier ist die Ambiguit\u00e4t des Dialogs besonders spannend, denn \u00fcber welche Sache streitet das Paar: Tats\u00e4chlich \u00fcber das Erbsens\u00e4en oder doch \u00fcber ihre Beziehung? In diesem zwischenmenschlichen Konflikt ergibt sich eine st\u00f6rende Differenz in der sonst so idyllischen Natur der vorangegangenen Gedichte. Die zwischen dem Paar beschlossene \u201eWaffenruhe\u201c, die noch durch das Streicheln der Wange in der f\u00fcnften Strophe bekr\u00e4ftigt wird, ist in der n\u00e4chsten Strophe bereits zu einem \u201eBild des Abschieds\u201c verdorben. Auch das \u00fcbergeordnete <em>Ich<\/em> des Gedichtes kommentiert in den letzten Versen zynisch: \u201eund sie glauben, \/ es stehe ihnen frei, diese Tristesse \/ zu \u00fcbersehen.\u201c<br>Das Gedicht \u201eDer Garten\u201cwirkt schon zu Beginn der Binnengeschichte wie das unfreiwillige Eingest\u00e4ndnis einer dysfunktionalen Liebesbeziehung, dessen Scheitern sowohl dem Paar als auch der sprechenden Instanz des personifizierten Gartens bereits am Anfang der Beziehung klar wird. An das Schicksal der Liebenden wird in den folgenden Gedichten angekn\u00fcpft, wodurch das Gedicht \u201eDer Garten\u201c f\u00fcr die Binnengeschichte die Funktion des Prologs \u00fcbernimmt. In den folgenden Gedichten wird der Konflikt des Paares im Garten in variierender und stilisierter Form immer wieder Gegenstand des Bandes sein. Durch den gleichbleibenden Ort, das zeitliche Voranschreiten im Kalenderjahr und die thematische Entfaltung gravierender Unterschiede zwischen den Liebenden wird die Zusammengeh\u00f6rigkeit der Gedichte im Weiteren deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Lied<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das \u201eLied\u201c ist der erste Text des Bandes, in dem explizit von John zu lesen ist. Hervorgehoben ist dieses Gedicht bereits dadurch, dass der Titel nicht den Gattungsnamen einer Blume tr\u00e4gt, wie es sonst im Band \u00fcblich ist. So wird die Andersartigkeit des Gedichtes schon im Titel markiert. In zw\u00f6lf Enjambements sind lediglich zwei S\u00e4tze aneinandergereiht, die das Gedicht inhaltlich und formal in zwei H\u00e4lften unterteilen. Das Gedicht beginnt mit einem romantisch anmutenden Gesang an eine rote Rose, die im ersten Vers mit einem Herz verglichen wird und somit als konventionelle Metapher f\u00fcr die Liebe gesehen werden kann. \u201eJede \u00fcberstandene \/ Not vertieft \/ nur ihre Farbe.\u201c hei\u00dft es and\u00e4chtig \u00fcber die Rose, bevor die Figur John in der Mitte des Gedichts den romantischen Liebesgesang der Sprechenden Instanz scharf unterbricht: \u201eer [John] meint, \/ w\u00e4re dies hier kein Gedicht, \/ sondern tats\u00e4chlich ein Garten, \/ w\u00fcrde von der roten Rose \/ verlangt, nichts \/ zu \u00e4hneln\u201c. Die zuvor beschriebene Idylle der Welt der Blumen, die von dem Herzen und der Liebe handelt, wird durch diesen starken semantischen Bruch durchbrochen, welcher durch John eingeleitet wird. Die Welt der Natur kollidiert mit der Welt des Menschen, die Welt der Lyrik kollidiert mit der Welt des Greifbaren. Der Glaube der Sprecherin an die Liebe, die sich durch jede Not nur noch weiter zu intensivieren versucht, kollidiert mit dem rationalen Weltbild Johns. Die beiden Lager scheinen zu diesem Zeitpunkt unvers\u00f6hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder ist der Ort des Gartens Schauplatz f\u00fcr die Interaktion des Paares. Interessant ist dabei Johns Aussage \u201ew\u00e4re dies hier kein Gedicht, \/ sondern tats\u00e4chlich ein Garten\u201c, die in diesem Zusammenhang metaleptisch einen Diskurs \u00fcber die Lyrik er\u00f6ffnet. Diese beiden Verse sind erstaunlich, da John, indem er sich selbst als ein Teil des Textes begreift, eine autoreflexive Rolle einnimmt und somit die Eigenschaft besitzt, dem Text auf einer erh\u00f6hten Metaebene zu begegnen. John scheint daher nicht einfach nur eine fiktionale Figur in Louise Gl\u00fccks belebter Naturwelt zu sein, sondern vielmehr in einer <em>\u00fcber<\/em>nat\u00fcrlichen Art die Grenzen der Kunstfiktion \u00fcbertreten zu k\u00f6nnen und so den Text unabh\u00e4ngig von der Autorin zu kommentieren. Diese F\u00e4higkeit ist ihm jedoch nur im Ort des Gartens m\u00f6glich, der in seiner Dialektik von Natur-Mensch und Fiktion-Realit\u00e4t den Konflikt des Paares des Gedichts \u201eDer Garten\u201c weiter fortsetzt. Er tritt nur in Kombination mit der Figur John auf und scheint daher in einer Art von Interdependenz-Verh\u00e4ltnis mit ihm zu stehen. In den vier weiteren Gedichten, in denen John alleine auftritt, befindet sich dieser ebenfalls im Garten. Neben \u201eLied\u201c ist dies auch in \u201eHimmel und Erde\u201c der Fall: \u201eWie kann ich meinen Mann [John] \/ im Garten stehen lassen\u201c, \u201eVespern\u201c [Nr. 4\/10]:<a href=\"#_edn2\">[2]<\/a>\u201eDu bist im Garten, du bist, wo John ist\u201c und \u201eVespern\u201c [10\/10]: \u201eHitze \/ wie ein Zelt \u00fcber \/ Johns Garten.\u201c. Das Possessivpronomen \u201emeinen\u201c und die Kongruenz des Namens mit dem des realen Ehemann Gl\u00fccks er\u00f6ffnet die Lesart, dass die Autorin hier sich selbst als Sprecherin sieht, was hier im Essay weiterverfolgt werden soll. Der Garten fungiert f\u00fcr die aufgestellte These einer poetologischen Motivation des Gedichtbandes als ein domestizierter Gegenentwurf zur freiliebenden Natur, die in den anderen Gedichten des Bandes beschrieben wird. Johns kunstkritische Positionierung findet in der freiliebenden Poesie Luise Gl\u00fccks keinen Platz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>&nbsp;Himmel und Erde<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnf Gedichte sp\u00e4ter im Band hat sich das ungleiche Verh\u00e4ltnis zwischen John und der sprechenden Instanz im Gedicht \u201eHimmel und Erde\u201cweiter verschlechtert. Anders als in \u201eDer Garten\u201c gibt sich das <em>Ich<\/em> hier ganz deutlich durch die Bezeichnung Johns als \u201emeinen Mann\u201c in der f\u00fcnften Strophe als Stimme der erz\u00e4hlenden Instanz zu erkennen. Es wird nun deutlich, dass es sich beim <em>Ich<\/em> konkret um Johns Ehefrau, Louise Gl\u00fcck, handeln muss. Wenn wir diese Lesart weiter verfolgen, wirken alle Aussagen die nun von der sprechenden Instanz getroffen werden, wie ein direkter Kommentar der Autorin zum Geschehen, was auch Einfluss auf die Rezeption der vergangenen und folgenden Texte \u00fcber das Paar im Garten hat. Die Thematik des Konflikts zwischen den beiden Figuren wird an dieser Stelle ebenfalls konkreter. In dem f\u00fcnfstrophigen Gedicht, das mittig durch einen einzigen Vers in zwei Teile geteilt wird, steht John erneut in seinem Garten und sehnt sich nach Unerreichbarem: \u201eer will \/ beides auf einmal, er will \/ alles auf einmal.\u201c Durch die Wiederholung und den Parallelismus von \u201eer will\u201c am Ende der Verse der zweiten Strophe wird sein Verlangen eindringlich best\u00e4rkt. Mit dem grafisch abgesetzten Vers: \u201eHei\u00dft: nie wieder wird das Leben enden.\u201c wird Johns ma\u00dfloser Wille nach unsterblichem Leben ins Sarkastische gesteigert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stimmen im Gedicht wechseln abrupt. Auf die Sichtweise Johns folgt der Kommentar des <em>Ichs<\/em>, der sich in der zweiten H\u00e4lfte inhaltlich wie formal stark von dem ersten unterscheidet. Sterblichkeit, Wiedergeburt und Referenzen zu einem fr\u00fcheren Leben sind ein prominenter und immer wiederkehrender Topos in Gl\u00fccks Texten. Dieser wurde bereits in den vorangegangenen Gedichten \u201eRispenhirse\u201c, \u201eFeldblumen\u201cund auch im Titelgedicht \u201eWilde Iris\u201c thematisiert. Jedoch besteht der Unterschied, dass diese Thematik dort aus der metaphysischen Perspektive der Blumen aufgegriffen wurde, w\u00e4hrend in \u201eHimmel und Erde\u201cdie Aneignung der Utopie der Unsterblichkeit nun aus der menschlichen Perspektive Johns thematisiert wird. Das <em>Ich<\/em>, welches hier als Stimme Luise Gl\u00fccks gesehen werden soll, billigt diese Aneignung nicht, da sie nur den Blumen vorbehalten ist. Nach diesem Wendepunkt im zweiten Teil des Gedichtes fragt sich Luise: \u201eWie kann ich meinen Mann \/ im Garten stehen lassen, \/ wenn er solche Sachen tr\u00e4umt\u201c. Das Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr John manifestiert sich an dieser Stelle weiter, was auch durch den Titel des Gedichtes deutlich wird, in dem zwei Gegenpole gegen\u00fcbergestellt werden. Schwebt John mit seiner menschlichen Hybris im Wolkenhimmel, w\u00e4hrend Louise meint, dass sich Unsterblichkeit nur auf Muttererde im Einklang mit der Natur vollziehen kann? Oder ist sie es, die mit ihrem Kopf in die Wolken der Kunst ragt, w\u00e4hrend John auf der Erde und dem Boden geblieben ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Figur des <em>Ichs<\/em> gewinnt in \u201eHimmel und Erde\u201c auch der Ort des Gartens an Komplexit\u00e4t. Als Konsequenz f\u00fcr das gegenseitige Unverst\u00e4ndnis will die Sprecherin ihren Mann \u201eim Garten stehen lassen\u201c. Nicht nur stehen John und der Garten in einem Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis, auch ist es immer John, der im Garten die Arbeit verrichtet und im Akt der Domestizierung seine \u00fcberlegende Rolle als Herr(scher) des Orts best\u00e4rkt. Dem <em>Ich <\/em>beziehungsweise Louise bleibt der Zugang zum Garten verwehrt, es kann in ihm lediglich eine kommentierende Rolle einnehmen. Die Sonnenstrahlen in \u201eHimmel und Erde\u201cenden genau \u201ean der Grenze des Gartens\u201c, wobei die Strahlen bezeichnenderweise auch die letzten Worte des Gedichtes sind. In der literaturwissenschaftlichen Untersuchung erweisen sich Grenzen und Schwellen meist als besonders relevante Elemente eines literarischen Textes. In diesem Fall werden John und die Sprecherin durch die Grenze des Gartens getrennt. Ihre Trennung vollzieht sich damit nicht nur lokal, sondern auch ideologisch, emotional und weltanschaulich. Es ist die gleiche un\u00fcbertretbare Grenze, die auch im Titel des Gedichtsangedeutet ist: Ein \u00dcbertritt vom System <em>Himmel<\/em> in das System <em>Erde<\/em> ist beiden Figuren unm\u00f6glich. Beide geh\u00f6ren den unvers\u00f6hnbaren Extremen an \u2013 \u201eLediglich \/ die Mitte ist ein R\u00e4tsel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Vespern <\/em>[10\/10]<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Sprung in das letzte Viertel des Bandes, in welchem Gedanken des Abschieds mit den Texten \u201eSonnenuntergang\u201c, \u201eSchlaflied\u201c oder \u201eD\u00e4mmerung im September\u201c dominieren. Im Gedicht \u201eVespern\u201c [10\/10] lesen wir das letzte Mal von John und seiner Frau im Garten, bevor der Gedichtband endet. Der lyrische Text besteht dabei nur aus einer einzigen Strophe mit zahlreichen Enjambements, die teilweise f\u00fcr Versl\u00e4ngen von zwei W\u00f6rtern sorgen. Schon auf formaler Ebene wirkt der Text daher wie ein knappes Fazit der vorausgegangenen Entwicklung. Der zeitliche Fortschritt der Beziehung zu den bisherigen Texten der Binnengeschichte ist deutlich markiert: War das Paar im Gedicht \u201eDer Garten\u201c noch von einem \u201ek\u00fchlen Fr\u00fchlingsregen\u201c umgeben, so ist hier bereits der Herbst des Jahres mit dem Vers \u201eEnde August. Hitze \/ wie ein Zelt \u00fcber \/ Johns Garten.\u201c eingeleitet. Das Fortschreiten der Jahreszeiten innerhalb der Binnengeschichte steht parallel zu der Entwicklung der Beziehung des Paares. War diese am Anfang des Jahres und des Bandes noch frisch und zuversichtlich, neigt sie sich hier ihrem gewissem Ende zu. Deutlich wird dies hier auch durch die Beschreibung von Gartenarbeiten, deren Aussicht auf Ertrag gering ist: \u201eTomaten, die nie reifen, Lilien, \/ die im Winter sterben, im Fr\u00fchjahr \/ nicht wiederkehren.\u201c Ein pessimistischer Klang umgibt die Verse dieses Textes, der auf die Aussichten des Paares hindeutet. Weitere anstrengende Arbeit werde nichts bringen. Zweifelnde rhetorische Fragen an ein fiktives <em>Du <\/em>unterbrechen diese Beschreibungen: \u201efindest du, \/ dass ich zu viel Zeit damit verbringe, nach vorn zu schauen\u201c, \u201esagst du, ich kann \/ bl\u00fchen, auch \/ ohne Hoffnung \/ auf Dauer?\u201c. Wer ist das <em>Du<\/em>, an das sich die sprechende Instanz wendet?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit \u201eVespern\u201c [10\/10] kommt eine weitere Variation der Kommunikationssituation innerhalb der Binnengeschichte hinzu. In \u201eDer Garten\u201ck\u00f6nnte es die Stimme des Gartens gewesen sein, die sich an die Lesenden gewandt hatte, in \u201eLied\u201c die Stimme Johns, die die Verse der sprechenden Instanz unterbrach und in \u201eHimmel und Erde\u201c die weibliche Stimme Louises, die \u00fcber ihren Ehemann John klagte. In \u201eVespern\u201c [10\/10] ist zum einen denkbar, dass der Adressat der Zweifel und der Fragen nun ganz unmittelbar die Figur John ist, der die Fragen seiner Frau nicht zu beantworten wei\u00df. Der direkte Dialog zwischen den beiden Figuren wird auch hier nicht ausgetragen. Es w\u00e4re das einzige und letzte Mal, dass Louise in dem Band direkt zu John spricht. Doch ist es f\u00fcr diese Auseinandersetzung bereits zu sp\u00e4t? Zum anderen k\u00f6nnte Louise hier auch den Versuch wagen, sich auf die Ebene der Natur zu begeben und die Antworten auf ihre Fragen mit den Mitteln der Kunst und der Fiktion zu ergr\u00fcnden. Die Anrufung eines (g\u00f6ttlichen) Herrn in Form eines <em>Dus<\/em> ist in den weiteren Gedichten des Bandes typisch und in fast jedem Text vorhanden. Sie unterscheiden sich durch ihren anderen thematischen und lokalen Kontext zwar deutlich, doch richten auch die Blumen ihre Zweifel, ihre Trauer und ihre Wut an eine h\u00f6herstehende <em>Du<\/em>-Instanz. Trennt sich Louise Gl\u00fcck von den Grenzen des Gartens und entscheidet sich f\u00fcr den \u00dcbertritt in die vollkommende Fiktion?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Diskussion \u00fcber den Adressaten der rhetorischen Fragen hat f\u00fcr die Aussagekraft dieses letzten Textes jedoch nur eine sekund\u00e4re Rolle \u2013 eine Antwort wird von niemandem, weder von John, noch von einem (g\u00f6ttlichen) Herrn erwartet. \u201e[E]r m\u00f6chte fertig werden, \/ bei der Sache bleiben \u2013\u201c, hie\u00df es noch in \u201eDer Garten\u201c\u00fcber John. Der letzte Redebeitrag der Sprecherin innerhalb der Binnengeschichte in \u201eVespern\u201c [10\/10]: \u201eaber warum \/ so kurz vor dem Ende \/ mit etwas beginnen?\u201c, darf als unmittelbare Reaktion auf das Anfangsgedicht verstanden werden. Sowohl der Gedichtband als auch die Liebesbeziehung des Paares findet an dieser Stelle ihr Ende. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Schlussbetrachtung<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Louise Gl\u00fcck und John Dranow waren von 1977 an verheiratet, bis sie sich 1996 scheiden lie\u00dfen. Es kann nur reine Spekulation sein, dar\u00fcber nachzudenken, ob Gl\u00fcck nicht schon w\u00e4hrend des Schreibens ihres Gedichtbandes <em>The Wild Iris<\/em> die Konflikte in ihrer Ehe reflektiert hat und die Trennung von Dranow gewisserma\u00dfen mit diesem Werk vorbereitet hat. Das Liebespaar im Band funktioniert aber auch, wenn wir es v\u00f6llig losgel\u00f6st von der real existierenden Autorin und ihrem Ehemann lesen. Dabei muss auch bedacht werden, dass der Teil der Leserschaft, der nicht \u00fcber das Privatleben von Louise Gl\u00fcck informiert ist, ohnehin die pers\u00f6nliche Tragweite der Verwendung des Namen Johns bei der Lekt\u00fcre nicht begreifen wird. Es ist daher auch ohne Kontextwissen eine wundersch\u00f6ne, frische, zugleich aber auch tragische Beziehung zwischen v\u00f6lligem Unverst\u00e4ndnis und Liebe f\u00fcreinander, von der wir in den einzelnen Gedichten Gl\u00fccks lesen k\u00f6nnen, die im Fr\u00fchling mit dem Erwachen einer Wildblume beginnt und mit dem Sonnenuntergang im Herbst endet. Die Liebesbeziehung und der meteorologischer Jahresverlauf sind eng miteinander verwoben. Es lohnt sich, weitere Gedichte des Bandes unter diesem Gesichtspunkt erneut zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders interessant bei der Betrachtung der sich entwickelnden Beziehung sind die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Bruch, die meiner Meinung nach prim\u00e4r unter einem poetologischen Gesichtspunkt zu lesen sind. Die rationale menschenbezogene Weltsicht Johns und die traumreiche naturbezogene Weltsicht Louises stehen sich in den Texten des Korpus sowohl inhaltlich als auch formal streng gegen\u00fcber und scheinen sich bis zum Ende des Bandes nicht zu vereinen, sondern \u2013 im Gegenteil \u2013 weiter zu verh\u00e4rten. Es ist immer John, der mit seiner Gartenarbeit der Domestizierung der erz\u00e4hlten Welt nachgehen will, w\u00e4hrend die sprechende Instanz schon am Anfang des Bandes \u00fcberzeugt war, damit aufh\u00f6ren zu wollen. \u00dcberall, wo die Figur John in seinem begrenzten Gartenst\u00fcck, deren Zugang ihr verwehrt bleibt, auftritt, erscheint er als St\u00f6rinstanz. In seinem st\u00e4ndigen Bestreben nach Rationalit\u00e4t und seiner latenten Ignoranz gegen\u00fcber der Sch\u00f6nheit der Natur und der Kunst als solchen, steht er genau kontr\u00e4r zu dem, wof\u00fcr Gl\u00fccks Gedichte stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>John sieht die Blume nur als Blume, als Pflanze, als Organismus \u2013&nbsp;ein Gedicht nur als Text, als eine Reihung von W\u00f6rtern, als Zeichensysteme. Luise hingegen sieht mehr. F\u00fcr sie sind die Blumen Manifestation der (g\u00f6ttlichen) Sch\u00f6pfung, Anw\u00e4rter des (ewigen) Lebens und Beweis einer nat\u00fcrlichen Sch\u00f6nheit. Fragen der Verg\u00e4nglichkeit und des Subjekts versucht Gl\u00fcck mit den Mitteln der Kunst und der Lyrik zu ergr\u00fcnden, f\u00fcr welche die Figur John in den Texten kein Verst\u00e4ndnis aufbringen kann. Mit dieser Figur ist innerhalb des Bandes eine wichtige Instanz gegeben, die im Kontrast zur sonst so mystisch verkl\u00e4rten Welt der Gedichte von <em>The<\/em> <em>Wild Iris<\/em> steht. Er hat die Funktion einer Identifikationsfigur f\u00fcr all jene, die die Lyrik f\u00fcr ein sinnloses, dekadentes und \u00fcberfl\u00fcssiges Gut ansehen. Somit wird im Konflikt des Paares nicht nur das Fortbestehen einer Liebesbeziehung diskutiert, sondern auch die Legitimation der Kunst in einer aufgekl\u00e4rten Welt \u00fcberhaupt. Johns Stimme zweifelt vehement an ihr und stellt sie in Frage.Die Stimme des <em>Ichs<\/em> hingegen sch\u00e4tzt und verteidigt sie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><em>Epilog<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich oft: Vielleicht hat John recht, mit dem was er sagt? Eine Rose verlangt nach nichts. Sie ist ein sinnloses, ma\u00dflos kitschiges Objekt, \u00fcber welches jedes weitere Gedicht oder Lied unserer Kulturgeschichte \u00fcberfl\u00fcssig erscheint. Wozu eine Pflanze besingen, die nicht h\u00f6ren oder reagieren kann? Ich finde aber, die Welt der Lyrik w\u00e4re eine \u00e4rmere, wenn sie sich nur auf weltliche, logische und nachvollziehbare Pr\u00e4missen beschr\u00e4nken m\u00fcsste. Louise Gl\u00fccks Gedichte werden in unserer Welt, die entfernt der Natur im st\u00e4ndigen Bestreben nach Erkenntnis, Mehrwert und Leistung steht, mehr als ben\u00f6tigt. Wir sollten mehr auf die Ges\u00e4nge der Blumen und weniger auf die Johns unserer Welt h\u00f6ren, die die subtilen Botschaften der Rosen immerzu als L\u00fcgen entlarven wollen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref1\">[1]<\/a>Zur besseren Integration der w\u00f6rtlichen Zitate in Anf\u00fchrungszeichen wurde die \u00dcbersetzung ins Deutsche von Ulrike Draesner aus dem Band Louise Gl\u00fcck:<em> Wilde Iris<\/em>,M\u00fcnchen2020 verwendet.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\">[2]<\/a>Bei den <em>Vespern<\/em>-Texten handelt es sich um eine Gruppe von insgesamt zehn Gedichten im Gedichtband. Um diese auseinander halten zu k\u00f6nnen, ist ihre jeweilige Nummer in diesem Essay in eckigen Klammern angegeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gordon Prager Rosen l\u00fcgen nicht Gedanken zu Louise Gl\u00fccks Gedichtband \u201eThe Wild Iris\u201c (1992) Einleitung Die Gedichte der nordamerikanischen Nobelpreistr\u00e4gerin Luise Gl\u00fcck sind Dialoge. Ein Ich spricht zu einem Du, ein Wir zu einem Ihr oder der Text in einem kr\u00e4ftigen Imperativ direkt zu seiner Leserschaft. 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