{"id":425,"date":"2024-11-26T21:06:10","date_gmt":"2024-11-26T20:06:10","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/?p=425"},"modified":"2024-12-04T13:28:30","modified_gmt":"2024-12-04T12:28:30","slug":"wichert_hoffmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/wichert_hoffmann\/","title":{"rendered":"Queering Hoffmann &#8211; Ilya Wichert"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-cover alignwide has-background-dim-20 has-background-dim is-position-center-center\" style=\"background-image:url(https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/09\/IMG-20240824-WA0018.jpg);background-position:40% 26%;min-height:375px\"><div class=\"wp-block-cover__inner-container\">\n<p style=\"font-size:50px\"><p class=\"has-text-align-center has-text-color\" style=\"line-height:1.1;font-size:50px;color:#fffffa\"><strong>Queering Hoffmann<\/strong><br><em>\u00dcber den homoromantischen Subtext in E.T.A. Hoffmanns \u00bbDer Artushof\u00ab<\/em><\/p><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\n[A]us dem Gesichte des holden J\u00fcnglings strahlte ihm [Traugott] eine ganze Welt s\u00fc\u00dfer\nAhnungen entgegen.<\/em><sup>1<\/sup>\n\n<\/span><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p class=\"has-drop-cap\">\nSo beschreibt die Erz\u00e4hlinstanz aus E.T.A. Hoffmanns <i>Der Artushof<\/i> den Anblick des\nnamenlosen J\u00fcnglings. Eine m\u00e4nnliche Figur, die in einer anderen m\u00e4nnlichen Figur \u00bbs\u00fc\u00dfe\nAhnungen\u00ab ausl\u00f6st, mag aus heutiger Sicht nichts Unnat\u00fcrliches sein, jedoch wurde\nHoffmanns Erz\u00e4hlung bereits im Jahr 1816 ver\u00f6ffentlicht. Zu dieser Zeit waren queere\nIdentit\u00e4ten wie Homosexualit\u00e4t und Transgeschlechtlichkeit \ngesellschaftlich keineswegs integriert und doch wurde ein Text mit aus heutiger Sicht eindeutig queerem\nSubtext herausgegeben. Im Verlauf des vorliegenden Aufsatzes wird die kurze jedoch tiefe Verbindung\nzwischen Traugott und dem J\u00fcngling, welcher sich zu sp\u00e4terem Zeitpunkt als Felizitas in\njungenhafter Kleidung herausstellt, untersucht. F\u00fcr meine Analyse ist dabei die Unterscheidung von\n\u203aSexualit\u00e4t\u2039 und \u203aRomantik\u2039, die heutzutage innerhalb der queeren Subkultur g\u00e4ngig ist,\nzentral. Da diese in anderen Teilen der Gesellschaft noch wenig bekannt ist, gilt es\nzun\u00e4chst den Begriff \u203aHomoromantik\u2039 zu kl\u00e4ren. Daraufhin wird auf den meist im \u203akomischen\u2039\nRegister thematisierten Akt des Crossdressings eingegangen, welcher es im 18.&nbsp;Jahrhundert\n\u00fcberhaupt erm\u00f6glichte, Texte mit homoerotischem oder homoromantischem Subtext zu\nverfassen, da das Beschriebene aus Sicht des Lesers so letztlich doch eine\nheteronormative Romanze blieb, es also keinen Grund f\u00fcr homophobe Kritik am jeweiligen\nText gab.\n<\/p>\n\n<p>Im Zentrum der Untersuchung der Erz\u00e4hlung von E.T.A. Hoffmann gilt es aufzuzeigen,\nwelche Inhalte der Erz\u00e4hlung einen homoromantischen Subtext aufweisen, wobei der Frage\nnachgegangen werden soll, inwiefern die Beziehung zwischen Traugott und dem J\u00fcngling als\nhomoromantisch betrachtet werden kann. Den Schluss bildet ein Ausblick auf das <i>queering<\/i> des\nKanon und dessen Relevanz f\u00fcr die LGBTQIA+-Community.\n<\/p>\n\n<h2>Homoromantik und die Methodik der Queer Studies\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Im Folgenden sollen die Fremdwortteile des Titels erkl\u00e4rt werden. Die romantische\nOrientierung \u203ahomoromantisch\u2039<sup>2<\/sup> ist \u00e4hnlich zu verstehen wie das Wort \u203aHomosexualit\u00e4t\u2039, welches sich allerdings auf die sexuelle Orientierung bezieht. Eine homoromantische Person f\u00fchlt sich\nzu Personen des gleichen Geschlechts auf emotionaler Ebene hingezogen, wobei es\nvorkommen kann, dass die sexuelle Orientierung von der romantischen abweicht, wie es\nbeispielsweise bei der Asexualit\u00e4t der Fall ist, bei der wenig bis gar kein Interesse an sexuellen\nBeziehungen besteht, was nicht bedeutet, dass asexuelle Personen keine romantischen Gef\u00fchle\nempfinden oder keine Bindungen aufbauen k\u00f6nnen.\n<\/p>\n\n<p>Die Germanistin Barbara Becker-Cantarino besch\u00e4ftigt sich in ihrem Buch zur Genderforschung<sup>3<\/sup> mit Johann Ludwig Gleims sogenannte <i>Freundschaftstexten<\/i>, darunter unter anderem mit der im Jahr\n1768 erschienenen Publikation <i>Briefe von den Herren Gleim und Jacobi<\/i>.<sup>4<\/sup> \nBecker-Cantarino beschreibt darin den Tenor der Texte als \u00bberotisch-emotional\u00ab,<sup>5<\/sup> was sich aus heutigem Stand der Queer-Studies durchaus als Paradigma f\u00fcr die homoromantische\nOrientierung einordnen l\u00e4sst. In den Texten des Briefromans kommen h\u00e4ufig Gru\u00dfformeln wie \u00bb[i]ch\numarme, dr\u00fccke, k\u00fcsse Sie, bester Freund, ewig\u00ab vor.<sup>6<\/sup> Auch weitere Inhalte\ndieser Briefe weisen einen liebevollen Umgangston auf, der Vergleiche mit heterosexuellen\nBeziehungen anstellt, wie etwa:\n<\/p>\n\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nGelesen, empfunden, gepriesen [\u2026]; und dann gek\u00fcsset, wie ein Liebhaber in der\ns\u00fcssesten Entz\u00fcckung seiner Liebe sein M\u00e4dchen k\u00fcsset.<\/em><sup>7<\/sup>\n\n<\/span><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nZwar ergibt sich nun Diskussionsbedarf, ob diese \u00bbs\u00fc\u00df[e] Entz\u00fcckung\u00ab auch als Ausdruck von\nsexuellem Verlangen angesehen werden kann, jedoch schlie\u00dfen sich die sexuelle und\nromantische Orientierung nicht aus. Wieso dieser Text sich also explizit mit der Homoromantik\nauseinandersetzt, ist nicht, um zu behaupten, dass es zwischen den Figuren der hier erw\u00e4hnten\nErz\u00e4hlungen keine erotischen Spannungen g\u00e4be, vielmehr aber die Emotionen dieser in den\nFokus gestellt werden.\n<\/p>\n\n<p>Ein gutes Beispiel f\u00fcr die Differenz zwischen Sexualit\u00e4t und Romantik wird vom\nLiteraturwissenschaftler Edward T. Potter in <i>Marriage, Gender, and Desire<\/i> aufgegriffen.<sup>8<\/sup> Im Kapitel <i>Sickness Masks Desire<\/i> in Quinstorps Kom\u00f6die <i>Der Hypchondrist<\/i> greift Potter die\nGeschichte von Ernst Gotthard auf, welcher zun\u00e4chst aufgrund seiner Homosexualit\u00e4t keine\nFrau heiraten m\u00f6chte. Jedoch verliebt Ernst sich zum Ende des St\u00fcckes in die Jungfer\nFr\u00f6hlichin und will sie sogar zur Frau nehmen. Der Protagonist lernt w\u00e4hrend seiner Zeit an\nder Universit\u00e4t, welche zur damaligen Zeit ein homosoziales Umfeld war, sein Verlangen zum\ngleichen Geschlecht kennen und versp\u00fcrt nun das Verlangen, ausschlie\u00dflich mit einem Mann\nan seiner Seite zu leben. Doch wird ihm sp\u00e4ter klar, dass er neben der homoerotischen Neigung\nauch dazu f\u00e4hig ist, eine Frau romantisch zu lieben.<sup>9<\/sup>\n<\/p>\n\n<p>Bei der dekonstruktivistischen Methode in <i>Queering the Canon<\/i> vom Philosophen Christoph\nLorey und dem Linguisten John Plews werden Texte auf Spuren von queeren Subtexten\nuntersucht und analysiert.<sup>10<\/sup> Es handelt sich also um eine Re-Lekt\u00fcre, welche sich besonders\nauf gewisse Unstimmigkeiten oder bisher konservative Zuordnungen oder Bez\u00fcge \u203azwischen\nden Zeilen\u2039 konzentriert.\n<\/p>\n\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr ist der folgende Ausschnitt aus E.T.A. Hoffmanns <i>Der Artushof<\/i>:\n<\/p>\n\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n[U]nd die Laster, gar wundersch\u00f6ne Frauen [\u2026], traten recht verf\u00fchrerisch hervor und\nwollten dich verlocken mit s\u00fc\u00dfem Gelispel. Du wandtest den Blick lieber auf den\nschmalen Streif [\u2026] auf dem sehr anmutig lange Z\u00fcge buntgekleideter Miliz [\u2026]\nabgebildet sind. (A, 43)\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n\n\n<p>Von einem m\u00e4nnlichen Adressaten ausgehend weicht die Textstelle von heteronormativen\nVerlangen ab, da die angesprochene Person sich lieber die aus anderen M\u00e4nnern bestehende\nMiliz anstatt der Frauen \u2013 oder der \u00bbLaster\u00ab \u2013 ansieht.\n<\/p>\n\n<p>Aus Sicht der Queer-Studies konstituiert <i>Der Artushof<\/i> das <i>queering<\/i> der Figuren durch\nCrossdressing und bringt es in einen homoromantischen Kontext. Anhand von G. E. Lessings\n<i>Kom\u00f6die Der Misogyne<\/i> er\u00f6rtert Potter die Funktion des Crossdressing in der Literatur des 18.\nJahrhunderts.<sup>11<\/sup> Allgemein hatte das Verkleidungsspiel f\u00fcr Frauen mehrere n\u00fctzliche Aspekte,\nwie die M\u00f6glichkeit zu verreisen, ohne bel\u00e4stigt zu werden, Arbeit in m\u00e4nnerdominierten\nBranchen zu finden oder um im Verborgenen sexuelle Beziehungen zu anderen Frauen zu\npflegen.<sup>12<\/sup> Potter zeigt auf, dass damals wie heute das Geschlecht nicht mehr als ein\ngesellschaftliches Konstrukt ist mit der Begr\u00fcndung, dass die Hauptfigur der Kom\u00f6die die\ndurch ihre m\u00e4nnliche Verkleidung gewonnene \u203aMacht\u2039 in der Gesellschaft verliert, nachdem\ndas Verkleidungsspiel ein Ende nimmt.<sup>13<\/sup> Ganz \u00e4hnlich verh\u00e4lt es sich in <i>Der Artushof<\/i>:\nTraugott, welcher den J\u00fcngling als Freund, wenn nicht potenziellen Liebhaber betrachtet, denkt\nab dem Moment, in welchem er Felizitas zum ersten Mal leibhaftig sieht, nicht mehr an ihn (A,\n65).\n<\/p>\n\n<p>Im Text folgt ab dem Zeitpunkt nur noch Traugotts fast wahnhafte Jagd nach der Frau. Dass\nFelizitas den Helden \u00bbhalb wahnsinnig vor Lust\u00ab (A, 65) macht, h\u00e4ngt unter anderem mit dem\nNarrativ der Frau als Wesen mit \u00bb\u00fcberm\u00e4chtig destruktivem Potenzial\u00ab<sup>14<\/sup> zur Zeit der Romantik\nzusammen und kommt so auch in mehreren von Hoffmanns Erz\u00e4hlungen vor.\n<\/p>\n\n<h2>Kunst als Allegorie f\u00fcr die Homoromantik\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">In den n\u00e4chsten Abschnitten wird auf die Erz\u00e4hlung selbst eingegangen und der queere Subtext\ndarin n\u00e4her beleuchtet. Dabei soll sich mit Traugotts Innerem, nicht nur in Bezug auf den\nJ\u00fcngling, sondern auch auf die Kunst, besch\u00e4ftigt werden. In einer Re-Lekt\u00fcre kommen\nPhrasen und Aspekte \u00fcber Traugotts auferstandene Leidenschaft zur Kunst auf, welche als die\nSuche nach sexueller Orientierung queerer Personen gelesen werden k\u00f6nnen. Mit Kunst ist\nhierbei nicht nur Malerei, Dichtung oder Handwerk gemeint, sondern auch eine Form der\nSelbstdarstellung. In der Interpretation dieses Aufsatzes jedoch ist Kunst als Traugotts\nhomoromantische Neigung zu lesen, wie er zu ihr steht und wie er mit ihr umgeht. Doch vorerst\nwird die Erscheinung des J\u00fcnglings sowie das Treffen beider Figuren beleuchtet.\n<\/p>\n\n<p>Obwohl nicht g\u00e4nzlich klar ist, wie der alte Maler Berklinger die mehrere hundert Jahre alten\nFiguren im Artushof gemalt haben soll, ist es unzweifelhaft, dass zwei der Figuren im Gem\u00e4lde\ndas Ebenbild von ihm und dem J\u00fcngling darstellen, da Traugott die beiden erkannt hat (A, 45)\nund dazu sp\u00e4ter die Best\u00e4tigung des Malers selbst erh\u00e4lt (A, 58). Die Erz\u00e4hlinstanz spricht\nfolgenderma\u00dfen von den gemalten Doppelg\u00e4ngern:\n<\/p>\n\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n[K]onntest du nicht umhin [\u2026] mit Tinte und Feder jenen pr\u00e4chtigen B\u00fcrgermeister mit\nseinem wundersch\u00f6nen Pagen abzukonterfeien. (A, 44)\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nUnd auch Traugott, der schon mehrfach vor dem Gem\u00e4lde stand, beschreibt den J\u00fcngling als\neine Sch\u00f6nheit, indem er Vergleiche zum anderen Geschlecht zieht:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n[D]essen Z\u00fcgel ein wundersamer J\u00fcngling f\u00fchrte, der in seiner Lockenf\u00fclle und zierlicher\nbunter Tracht beinahe weiblich anzusehen war. (A, 45)\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nInteressant daran ist, dass es f\u00fcr die Erz\u00e4hlinstanz nicht n\u00f6tig ist, den Vergleich zum\nWeiblichen zu ziehen, um den J\u00fcngling als subjektiv \u00bbwundersch\u00f6n\u00ab zu beschreiben. F\u00fcr\nTraugott allerdings scheint es wichtig zu sein, den J\u00fcngling mit dem \u00bbheiratbaren\u00ab Geschlecht\nzu vergleichen, m\u00f6glicherweise um seine Gef\u00fchle f\u00fcr einen Mann zu verarbeiten. Die\nErz\u00e4hlung f\u00e4hrt fort mit:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n[A]us dem Gesichte des holden J\u00fcnglings strahlte ihm eine ganze Welt s\u00fc\u00dfer Ahnungen\nentgegen. (A, 45, 8\u20139)\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nUnd auch hier kann man behaupten, dass \u00bbeine ganze Welt\u00ab eine vergleichbare Gr\u00f6\u00dfe zur\nEwigkeit bzw. zur Bindung bis zum Tod ist.\n<\/p>\n\n<p>Nachdem Traugott den Pagen und den B\u00fcrgermeister zeichnet, kommen sein Arbeitgeber und\nbis dato zuk\u00fcnftiger Schwiegervater Elias Roos sowie Professor <i>physices<\/i> und dessen Neffe zu\nihm. Als die M\u00e4nner infolge einer geteilten Mahlzeit planen, spazieren zu gehen, m\u00f6chte\nTraugott sich der Gesellschaft entziehen. Er sp\u00fcrt, wie sich in seinem Inneren \u00bbviel\nVerwunderliches [regt]\u00ab (A, 50), doch entgehen kann er der Gesellschaft am Ende nicht. Durch\ndie Wortwahl von \u00bbverwunderlich\u00ab entsteht der Eindruck, es handle es sich um ein\n\u00fcberraschendes Ereignis. Dabei ist es jedoch schwer vorstellbar, dass das Interesse am\nZeichnen \u00fcberraschend ist, wenn man bedenkt, dass Traugott an diesem Tag nicht zum ersten\nMal gezeichnet hat. Nur wenig sp\u00e4ter in der Erz\u00e4hlung \u00bb[holt er] alles hervor, was er je\ngezeichnet [hat]\u00ab (A, 54), worunter sich auch eine \u00e4ltere Zeichnung von selbigem Pagen und\nB\u00fcrgermeister befindet. Die beiden Figuren sind keine Neuerung in Traugotts Leben, genauso\nwenig wie das Zeichnen. Was allerdings dieses Mal anders ist und diese \u00bbverwunderlichen\nRegungen\u00ab ausgel\u00f6st haben k\u00f6nnte, ist, dass Traugott an diesem Tag den J\u00fcngling leibhaftig\nvor sich sehen konnte, \u00bbdenn mit Blitzes Gewalt hatte ihn die seltsame Erscheinung der\nFremden durchzuckt, und es war ihm, als wisse er nun alles deutlich\u00ab (A, 50). Die fr\u00fche\nAuseinandersetzung Traugotts mit seiner Regung f\u00fcr den J\u00fcngling und die Klarheit, die ihm\ndiese verschafft, k\u00f6nnen Grund daf\u00fcr sein, dass er f\u00fcr den restlichen Verlauf der Erz\u00e4hlung\nnicht ein einziges Mal anzweifelt, ob seine Liebe zum J\u00fcngling echt ist. Damit ist gemeint, dass\nTraugott seine Gef\u00fchle als nichts \u203aFalsches\u2039 empfindet, wie es im homophoben Diskurs der\nZeit erwartbar w\u00e4re. Des Weiteren ist diese \u203aKlarheit\u2039 in Bezug auf die Liebe zum Mann ein\noffensichtlicher Gegensatz zu dem \u203awahnsinnig machenden Frauenbild\u2039 in Hoffmanns\nErz\u00e4hlungen. Auf besagtem Spaziergang unterh\u00e4lt Traugott sich mit dem Neffen, welcher\nseinen Neid zu Traugotts k\u00fcnstlerischem Talent zum Ausdruck bringt (A, 51). Auch er w\u00fcrde\ngern zeichnen, doch es wird deutlich, dass er sich mit seiner Rolle in der Gesellschaft und\nseinen Verpflichtungen zum Gesch\u00e4ft abgefunden hat. Es ist auch zu heutiger Zeit nicht\nun\u00fcblich f\u00fcr Menschen, sich ihrer Neigung zum eigenen Geschlecht zu entziehen und\nheteronormativen gesellschaftlichen Erwartungen unterzuordnen. Der Ausdruck \u00bbNeigung\u00ab\nkommt auch im Zusammenhang mit der Kunst in <i>Der Artushof<\/i> vor:\n<\/p>\n\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n[S]obald man wahres Genie, wahre Neigung zur Kunst versp\u00fcre, solle man kein anderes\nGesch\u00e4ft kennen. (A, 51)\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n\n\n<p>Im Zusammenhang mit dem Homoromantischen lie\u00dfe sich dies als Appell verstehen, man solle\nsich auf seine Neigung einlassen und mit dieser leben. Das weist der Neffe allerdings zur\u00fcck.\nSo behauptet er, die Kunst als Hauptprofession sei \u00bbentgegen der Natur der Sache\u00ab (A, 52) und\nbeschreibt, was seiner Meinung nach im Leben erstrebenswert sei, folgenderma\u00dfen:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n[K]eine Schulden, sondern viel Geld haben, gut Essen und Trinken, eine sch\u00f6ne Frau und\nauch wohlartige Kinder. (A, 53)\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nDas Thema Familie wird auch in heutigen Tagen zur Unterdr\u00fcckung Angeh\u00f6riger der queeren\nCommunity genutzt, da die meisten gleichgeschlechtlichen Paare keine Kinder auf nat\u00fcrlichem\nWeg bekommen k\u00f6nnen. Und auch Traugott findet keinen Gefallen an dieser Beschreibung\ndes \u203aguten Lebens\u2039, denn ihm \u00bbschn\u00fcrte das die Brust zu\u00ab (A, 53). Traugott f\u00fchlt sich in seiner\njetzigen Situation gefangen. So fragt er sich, was ihn davon abhalte, sich von seiner verhassten\nLebenssituation loszusagen (A, 54). Es entstehen die Fronten von Arbeit und Kunst, aber auch\ndie zwischen einer heteronormativen Ehe mit Elias Roos\u2019 Tochter Christine und eine \u00bbganze\nWelt s\u00fc\u00dfer Ahnungen\u00ab (A, 45) mit dem J\u00fcngling, zwischen denen Traugott sich entscheiden\nmuss.\n<\/p>\n\n<p>Zun\u00e4chst verbringt Traugott weiterhin einen Gro\u00dfteil seiner Zeit mit der Arbeit, besucht\nBerklinger und den J\u00fcngling allerdings jeden Tag und setzt sich mit der Kunst auseinander.\nSchlussendlich ist Traugott so ungl\u00fccklich bei Elias Roos, dass er seiner Arbeit kaum noch\nnachgeht (A, 63).\n<\/p>\n\n<p>Auch Elias Roos bemerkt schlie\u00dflich, dass Traugott sich weder f\u00fcr die Arbeit noch f\u00fcr seine\nTochter interessiert, und als er den Grund daf\u00fcr auch nicht herausfinden kann, sagt er:\n<\/p>\n\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nDas ist ein absonderlicher Homo der Traugott, aber man muss ihn gehen lassen nach\nseiner Weise. (A, 53)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n\n<p>Das Pr\u00e4fix \u00bbHomo\u00ab hat nat\u00fcrlich mehrere Bedeutungen, die im Kontext der Zeit differenziert\ngelesen werden m\u00fcssen. Anzumerken ist jedoch, dass Elias damit fortf\u00e4hrt, dass er Traugott\nl\u00e4ngst entlassen h\u00e4tte, h\u00e4tte dieser sein Geld nicht bei Roos investiert. Normalerweise erwartet\nman von der Figur des Schwiegervaters, dass dieser aufgrund seiner Tochter Gnade \u00fcber den\nmissratenen Schwiegersohn walten l\u00e4sst, nicht wegen der Gesch\u00e4fte. Eventuell ist dem\nGesch\u00e4ftsmann tats\u00e4chlich Traugotts Desinteresse an seiner Tochter aufgefallen und\ninterpretiert dieses nun als Zeichen der gleichgeschlechtlichen Gesinnung des jungen\nKaufherrn. Nach diesem Ansatz w\u00e4re es sinnvoll, wenn Roos \u00bbHomo\u00ab tats\u00e4chlich als queeren\nMarker meint. Letzten Endes scheint es, als w\u00fcrde keine der an der Hochzeit beteiligten\nParteien gro\u00dfes Interesse an der Verm\u00e4hlung haben. Auch Christine verabschiedet sich von\nihrem ehemaligen Verlobten mit den Worten:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nSie gefallen mir so nicht sonderlich seit einiger Zeit, und gewisse Leute werden es ganz\nanders zu sch\u00e4tzen wissen, wenn sie mich [\u2026] heimf\u00fchren k\u00f6nnen als Braut! \u2013 Adieu!\u00ab\n(A, 63)\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nTraugott selbst beschreibt die Heirat als \u00bbde[n] traurige[n] Abschied von allen sch\u00f6nen\nHoffnungen und Tr\u00e4umen\u00ab (A, 56), was f\u00fcr einen Mann, welcher romantische Gef\u00fchle f\u00fcr\neinen anderen Mann hegt, durchaus plausibel w\u00e4re.\n\n<\/p>\n\n<p>Betrachtet man also den Begriff der Kunst als Decknamen f\u00fcr eine homoromantische\nOrientierung, \u00e4ndert sich zwar die Bedeutung einzelner Passagen, aber der Verlauf der\nGeschichte verliert dennoch nicht seinen Sinn. Sei es die Malerei oder die Selbsterkenntnis\nseiner romantischen Neigung, die ihn dazu veranlasst, den Artushof, also die B\u00f6rse, zu\nverlassen, um sein Gl\u00fcck zu finden, ist der Grund relativ. Traugott w\u00e4hlt die Erkundung seiner\nunerforschten \u00bbRegungen\u00ab und kehrt der (traditionellen) Heirat sowie der verhassten Arbeit\nden R\u00fccken.\n<\/p>\n\n<h2>Traugotts Partnerwahl\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Die Erscheinung des J\u00fcnglings wurde bereits erl\u00e4utert, doch Traugotts Gef\u00fchle f\u00fcr ihn gehen\nnoch \u00fcber die subjektive Sch\u00f6nheit dessen hinaus. Es kann behauptet werden, dass es f\u00fcr\nTraugott Liebe auf den ersten Blick war, denn in dem Moment im Hof, in welchem die Figuren\ndes B\u00fcrgermeisters und seines Pagen hinter ihm auftauchen, hei\u00dft es:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\n[U]nd neben [dem d\u00fcsteren Mann] stand der zarte, wundersch\u00f6ne J\u00fcngling und l\u00e4chelte\nihn an wie mit unbeschreiblicher Liebe. (A, 45)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nAls Traugott dann zum ersten Mal im Hause Berklinger erscheint und nach seinem Streit mit\ndem Maler vom J\u00fcngling in ein Nebenzimmer gef\u00fchrt wird, sieht er zum ersten Mal das\nGem\u00e4lde von Felizitas. Bei erster Betrachtung f\u00e4llt ihm auf, dass die Dame im Gesicht ganz\ngenauso aussieht wie der J\u00fcngling (A, 61). In dieser Formulierung wird Felizitas aktiv mit dem\nJ\u00fcngling verglichen, wobei sich im sp\u00e4teren Verlauf die Dynamik \u00e4ndert, da dann der J\u00fcngling\nmit Felizitas verglichen wird:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nTraugott empfand [die durch Berklinger geschaffene Distanz zum J\u00fcngling] umso\nschmerzlicher, als er den J\u00fcngling seiner auffallenden \u00c4hnlichkeit mit Felizitas halber\naus voller Seele liebte. (A, 64)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nEs erscheint nicht nachvollziehbar, dass ein Mensch einen anderen nur aufgrund des Gesichtes\n\u00bbaus voller Seele\u00ab lieben kann. Allerdings k\u00f6nnte die neue \u00bbRegung\u00ab Traugotts leichter zu\nrechtfertigen sein, indem er einen Vergleich zu einer Frau herstellt und somit heteronormative\nMuster bedient. Eventuell hat auch das Gespr\u00e4ch mit dem Neffen dazu gef\u00fchrt, dass Traugott\nsich seiner nicht bewusst werden will oder sich sogar f\u00fcr diese Gef\u00fchle sch\u00e4mt. Schlie\u00dflich\nwurde ihm sein Vorhaben, sein Leben der Neigung zur Kunst zu widmen, direkt abgesprochen.\nSo oder so sieht Traugott Felizitas sofort als \u00bbdie Geliebte [seiner] Seele\u00ab (A, 62) an. Und mit\nihrem Auftritt tritt auch die Wichtigkeit der Differenzierung zwischen romantischer und\nsexueller Orientierung hervor: Trotz der Liebe zum J\u00fcngling wird die Lust nur im Kontext mit\nder Frau erw\u00e4hnt. Man kann auch behaupten, dass Traugotts sonst zur\u00fcckhaltendes Wesen sich\nin Felizitas\u2019 Umgebung in Wahn ver\u00e4ndert wie in jenem Moment, in welchem er ihr Gem\u00e4lde\nsieht: \u00bbDa rief Traugott wie von wahnsinniger Lust ergriffen\u00ab (A, 62).\n<\/p>\n\n<p>So entstehen also die Oppositionen zwischen dem J\u00fcngling und Felizitas, (Homo-) Romantik\nund Lust sowie Klarheit und Wahnsinn. Am Ende entscheidet Traugott sich f\u00fcr die\nwahnsinnige Lust und sobald Traugott die Frau vor sich stehen sieht, denkt er nicht mehr an\nden J\u00fcngling. Er erf\u00e4hrt erst im sp\u00e4teren Verlauf, dass der J\u00fcngling und Felizitas dieselbe\nPerson sind, weshalb die fehlenden Gedanken an den J\u00fcngling nicht mit diesem Wissen erkl\u00e4rt\nwerden k\u00f6nnen (A, 68).\n<\/p>\n\n<p>Es erscheint sogar, als w\u00fcrde er selbst nicht die Oberhand \u00fcber seine getroffene Wahl haben.\nSo hei\u00dft es:\n<\/p>\n\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\nTraugott h\u00e4tte nun in der Kunst ein wahres Sonnenleben gef\u00fchrt, wenn die gl\u00fchende\nLiebe zur sch\u00f6nen Felizitas, die er oft in wunderbaren Tr\u00e4umen sah, ihm nicht die Brust\nzerrissen h\u00e4tte. (A, 64)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n\n<p>Von dem Standpunkt ausgehend, der bis jetzt er\u00f6rtert wurde, kann also behauptet werden, dass\nauch der Erz\u00e4hler die Position einnimmt, Traugotts Leidenschaft der Frau gegen\u00fcber sei sein\nUntergang. Wie wir wissen, verschwindet Felizitas mit ihrem Vater, nachdem Traugott sie sah,\nauf das Landgut Sorrent. Traugott, der dabei an die Ortschaft in Italien denkt, verl\u00e4sst das Land,\num sie zu finden. Dieses Missverst\u00e4ndnis f\u00fchrt dazu, dass der Held in dieser Erz\u00e4hlung nicht\ndie Frau seiner Wahl bekommt, denn in der Zeit seiner einj\u00e4hrigen Reise trifft Felizitas einen\nanderen Mann, den sie heiratet. Doch auch Traugott findet am Ende eine Ehefrau, n\u00e4mlich\nDorina, deren Relevanz f\u00fcr die Analyse im Folgenden kurz dargelegt werden soll.\n<\/p>\n\n<p>In der Zeit seiner Italienreise schafft es Dorina, Traugotts Suche nach Felizitas zu beeinflussen,\nwobei besonders nennenswert ist, dass sie \u00bbdie Z\u00fcge der Felizitas\u00ab (A, 71) hat, was demnach\nauch mit der \u00c4hnlichkeit zum J\u00fcngling gleichzusetzen ist. Das ist auch der Grund, wieso ein\nFreund von Traugott ihn zu ihr f\u00fchrte. Doch nicht allein das Aussehen der jungen Frau\nverbindet sie mit Felizitas; auch Dorina ist die Tochter eines alten und verarmten Malers. Durch\nein Missverst\u00e4ndnis kommt Traugott in die Obhut von Dorinas Familie, wodurch sich mehrere\nParallelen zum vorherigen Verlauf der Geschichte ergeben. So will Traugott von Dorinas Vater\ndas Malen erlernen, wie er von Felizitas\u2019 Vater Berklinger unterrichtet wurde, und entwickelt\nnebenbei eine tiefere Beziehung zu Dorina so wie damals zum J\u00fcngling. Demnach \u00e4hnelt\nDorina nicht nur \u00e4u\u00dferlich dem J\u00fcngling oder Felizitas, sondern nimmt auch ihre Stelle in der\nFigurenkonstellation ein, was den Eindruck erweckt, sie diene als Ersatz. Ob Dorina Traugott\nnun an Felizitas oder den J\u00fcngling erinnert, wird aus dem Text nicht ersichtlich, doch so oder\nso wird sie am Ende seine \u00bbgeliebte Braut\u00ab (A, 79), nachdem er in Danzig erf\u00e4hrt, dass er v\u00f6llig\numsonst nach Sorrent ging und seine Angebetete bereits eine andere Familie gegr\u00fcndet hat.\n<\/p>\n\n<h2>E.T.A. Hoffmann und ein Ausblick auf das queering von Literatur\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Betrachtet man E.T.A. Hoffmanns Der Artushof nach der Definition der Homoromantik ist\nleicht aufzuzeigen, dass die Erz\u00e4hlung Spuren solcher Orientierungen aufweist, angefangen\nmit der Figur Felizitas, die durch die Methode des Crossdressings den J\u00fcngling erschafft. Die\nSchwierigkeit in meiner These liegt also nicht darin, zu er\u00f6rtern, ob der queere Subtext in der\nErz\u00e4hlung existiert, sondern diesen Subtext einer Begrifflichkeit bzw. einer Orientierung\nzuzuordnen. Als Teil der LGBTQIA+-Community strebe ich nicht an, \u00fcber die Neigungen,\nVorlieben oder das Gender von Personen zu urteilen, seien sie fiktiv oder nicht. Letztlich habe\nich mich f\u00fcr \u203ahomoromantisch\u2039 entschieden, um die Beziehung der \u2013 vermeintlichen \u2013 M\u00e4nner\nin den Vordergrund zu r\u00fccken. Tats\u00e4chlich ist es so, dass z.&nbsp;B. \u203abiromantisch\u2039 (also die\nromantische Orientierung zu mehreren Gendern) ebenfalls passen k\u00f6nnte, denn allgemein\nbetrachtet sind Genderidentit\u00e4ten und sexuelle bzw. romantische Orientierungen Spektren, auf\ndenen sich jeder Mensch befindet, und keine schwarz-wei\u00df Betrachtung.\n<\/p>\n\n<p>Inwiefern kann nun die Beziehung der beiden Figuren als homoromantisch betrachtet werden?\nDa Traugott nichts vom Verkleidungsspiel wei\u00df und sich doch derart zu dem J\u00fcngling\nhingezogen f\u00fchlt, ist anzunehmen, dass der Held dem m\u00e4nnlichen Geschlecht nicht von Grund\nauf abgeneigt ist. Des Weiteren ist ihm der Gedanke der ewigen Verbindung mit einer Frau zu\nBeginn der Erz\u00e4hlung zuwider, nicht aber bei jenen Damen, die \u00c4hnlichkeit zum J\u00fcngling\naufweisen. Die Gef\u00fchle, die in der Erz\u00e4hlung aufgeschl\u00fcsselt werden, gehen damit klar \u00fcber\nden normalerweise eher unscheinbaren Subtext beim <i>queering<\/i> von Werken hinaus.\n<\/p>\n\n<p>Die Motivation, diesen Aufsatz zu verfassen, war eine pers\u00f6nliche: Als Mitglied der queeren\nCommunity ist die Besch\u00e4ftigung mit der eigenen Sexualit\u00e4t oder den eigenen romantischen\nNeigungen zentral. F\u00fcr Menschen heutzutage wird es immer nat\u00fcrlicher, sich mit ihrer\nSexualit\u00e4t, ihrem Gender oder der romantischen Orientierung auseinanderzusetzen. Das wird\nuns u.&nbsp;a. durch die steigende Akzeptanz gegen\u00fcber der LGBTQIA+-Community erm\u00f6glicht \u2013\nwar zu Lebzeiten vieler bekannter Autoren allerdings noch nicht verbreitet. Sollte es also so\nsein, dass gewisse Themen der queeren Szene im Subtext \u00e4lterer Erz\u00e4hlungen stecken, werden\ndiese innerhalb der Queer Forschung aufgeschl\u00fcsselt. Auch falls die queeren Zeichen im Text\nnie von den Autoren intendiert waren, sehe ich im <i>queering<\/i> dieser ein gro\u00dfes Potenzial.\nLiteratur mit queeren Inhalten bedient sich einer immer gr\u00f6\u00dferen Beliebtheit, und\nInterpretationsans\u00e4tze wie dieser machen \u00e4ltere Literatur wom\u00f6glich zug\u00e4nglicher f\u00fcr j\u00fcngeres\nPublikum und schaffen Interesse am Lesen bzw. Re-Lesen von jahrhundertealten Werken. Dies\nk\u00f6nnte auch einen Wandel im literarischen Kanon zur Folge haben, der auch heutzutage immer\nnoch stark von hetero-cis M\u00e4nnern dominiert wird.\n<\/p>\n\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\"><figure class=\"aligncenter size-medium is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Foto_Ilya-Pascal-Wichert-300x300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-737\" width=\"215\" height=\"215\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Foto_Ilya-Pascal-Wichert-300x300.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Foto_Ilya-Pascal-Wichert.jpg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Foto_Ilya-Pascal-Wichert-150x150.jpg 150w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Foto_Ilya-Pascal-Wichert-768x768.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Foto_Ilya-Pascal-Wichert-510x510.jpg 510w\" sizes=\"(max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/><figcaption>Ilya Wichert<\/figcaption><\/figure><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p style=\"text-align: center\"><i><strong>Ilya<\/strong> (geb. 2000) studiert im Bachelor Deutsche Sprache und Literatur kombiniert mit Philosophie. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf Methoden und Themen der Queer- und Gender-Studies sowie auf Literatur, Autor:innen, Stoffen und Themen der Romantik.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><i>Kontakt: ilya.wichert@student.uni-halle.de; wichertilya@gmail.com<\/i><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2>Anmerkungen<\/h2>\n\n\n\n<p><sup>1<\/sup>E.T.A. Hoffmann, <i>Die Bergwerke zu Falun. Der Artushof<\/i> [1816], Stuttgart 2021, 45. Im Folgenden durch die Sigle A gekennzeichnet.<br><sup>2<\/sup>Vgl. Queer Lexikon (o. J.), <i>Homoromantisch<\/i>; www.queer-lexikon.net\/2017\/06\/15\/homoromantik\/ [letzter Zugriff 17.03.2024].<br><sup>3<\/sup>Vgl. Barbara Becker-Cantarino, <i>Genderforschung und Germanistik. Perspektiven von der Fr\u00fchen Neuzeit bis zur Moderne<\/i>, Berlin 2010, 158.<br><sup>4<\/sup>Ebd.<br><sup>5<\/sup>Ebd.<br><sup>6<\/sup>Ebd.<br><sup>7<\/sup>Ebd. 78.<br><sup>8<\/sup>Vgl. Edward T. Potter, <i>Marriage, Gender, and Desire in Early Enlightenment German Comedy<\/i>, Rochester, NY 2012.<br><sup>9<\/sup>Vgl. ebd. 143.<br><sup>10<\/sup>Vgl. Christoph Lorey, John L. Plews (Hg.), <i>Queering the Canon. Defying Sights in German Literature and Culture<\/i>, Columbia 1998.<br><sup>11<\/sup>Potter, <i>Marriage, Gender, and Desire in Early Enlightenment German Comedy<\/i>, 114.<br><sup>12<\/sup>Ebd. 138.<br><sup>13<\/sup>Ebd.<br><sup>14<\/sup>Johannes G Pankau, <i>Sexualit\u00e4t und Modernit\u00e4t. Studien zum deutschen Drama des Fin de Si\u00e8cle<\/i>, W\u00fcrzburg 2005, 59.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[A]us dem Gesichte des holden J\u00fcnglings strahlte ihm [Traugott] eine ganze Welt s\u00fc\u00dfer Ahnungen entgegen.1 So beschreibt die Erz\u00e4hlinstanz aus E.T.A. Hoffmanns Der Artushof den Anblick des namenlosen J\u00fcnglings. 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