{"id":431,"date":"2024-11-26T21:05:40","date_gmt":"2024-11-26T20:05:40","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/?p=431"},"modified":"2024-12-04T13:21:41","modified_gmt":"2024-12-04T12:21:41","slug":"fiest_wigalois","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/fiest_wigalois\/","title":{"rendered":"Kontraste der Weiblichkeit im Wigalois &#8211; Luzie Fiest"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-cover alignwide has-background-dim-20 has-background-dim is-position-center-center\" style=\"background-image:url(https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/09\/Wigalois-Leiden-f071v-072r.jpg);background-position:26% 31%;min-height:375px\"><div class=\"wp-block-cover__inner-container\">\n<p style=\"font-size:50px\"><p class=\"has-text-align-center has-text-color\" style=\"line-height:1.1;font-size:50px;color:#fffffa\"><strong>Kontraste der Weiblichkeit<\/strong><br><em>Das Waldweib Ruel und die Ideale h\u00f6fischer Frauen im \u00bbWigalois\u00ab<\/em><\/p><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nJeder Vierte f\u00fchlt sich durch Sch\u00f6nheitsideale unter Druck gesetzt.<\/em>\n<sup>1<\/sup>\n<\/span><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p class=\"has-drop-cap\">\nEs sind alarmierende Ergebnisse, die im August dieses Jahres vom MDR ver\u00f6ffentlicht wurden.\nLaut einer Studie, an der etwa 20.000 Menschen aus Mitteldeutschland teilgenommen haben,\nf\u00fchlt sich jede vierte Person durch Sch\u00f6nheitsideale unter Druck gesetzt.<sup>2<\/sup> Frauen sind davon\ndoppelt so h\u00e4ufig betroffen wie M\u00e4nner. Die Ergebnisse der Studie sind auf den ersten Blick\n\u00fcberraschend, haben wir in den letzten Jahren doch eine immer gr\u00f6\u00dfer werdende Bewegung zur Akzeptanz\nunterschiedlicher K\u00f6rperformen erlebt. Die \u203aBody Positivity\u2039 ist eine dieser\nBewegungen. Sie wendet sich gegen ungesunde Sch\u00f6nheitsideale und versucht eine positive\nGrundeinstellung zum eigenen K\u00f6rper zu erzielen. Vor dem Hintergrund dieser weltweiten Bewegung ist\nes umso bedenklicher, dass vor allem Frauen immer noch unter Sch\u00f6nheitsidealen leiden. Ein Grund\nhierf\u00fcr sind die unrealistischen Bilder, die durch Social Media verbreitet werden. Im M\u00e4rz 2023\nger\u00e4t beispielsweise ein neuer TikTok-Filter mit dem Namen \u203aBold Glamour\u2039 in die\nSchlagzeilen, der das Gesicht der Nutzer:innen so stark ver\u00e4ndert, dass Psycholog:innen vor\nmentalen Auswirkungen auf die Gesundheit warnen.<sup>3<\/sup> Gro\u00dfe volle Lippen, eine schmale Nase,\nhervortretende Wangenknochen, weiche Haut und ein symmetrisches Gesicht \u2013 dieses unrealistische Sch\u00f6nheitsideal setzt der Filter als vermeintliche Realit\u00e4t. Die Gefahren, die von diesen Idealen vor allem\nf\u00fcr Jugendliche ausgehen, d\u00fcrfen nicht untersch\u00e4tzt werden. Der Filter bewirkt n\u00e4mlich, dass\n\u00bbwir nach dieser engen Definition von Sch\u00f6nheit streben und das Gef\u00fchl haben, dass mit uns\netwas nicht stimmt, wenn wir sie nicht erreichen\u00ab.<sup>4<\/sup> Die Folgen k\u00f6nnen nicht nur\nUnzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen, sondern auch Essst\u00f6rungen, ein geringes\nSelbstwertgef\u00fchl und gravierende psychische Probleme sein.<sup>5<\/sup>\n<\/p>\n\n<p>Sch\u00f6nheitsideale wie diese sind jedoch nichts Neues \u2013 es gab sie schon immer und es wird sie\nauch in Zukunft geben. So lassen sich bereits im Mittelalter Ideale der Weiblichkeit und\nM\u00e4nnlichkeit finden. Die klassischen Rollenbilder in der mittelalterlichen Literatur sind in der\nMedi\u00e4vistik bereits viel erforscht worden. In Wirnt von Grafenbergs <i>Wigalois<\/i> lassen sich diese\nSch\u00f6nheitsideale ebenso finden wie in anderen mittelalterlichen Werken. Dort sind an vielen\nStellen genaue Beschreibungen sch\u00f6ner Frauen zu lesen, die ein explizites, weibliches Idealbild\nvermitteln. Besonders spannend ist hierbei allerdings, dass im <i>Wigalois<\/i> zudem auch Andersartigkeit thematisiert\nwird. So sticht das Waldweib Ruel durch eine detaillierte Beschreibung ihres ungew\u00f6hnlichen\nund von der Norm abweichenden Aussehens besonders hervor. Mit Blick auf die heutigen\nBewegungen zur Akzeptanz unterschiedlicher K\u00f6rperformen, stellt sich die Frage, ob es nicht\nbereits im Mittelalter einen Ansatz zum Aufbruch konventioneller Frauenbilder gegeben hat\nund ob das Waldweib Ruel somit einen revolution\u00e4ren Charakter darstellt.\n<\/p>\n\n<p>Der folgende Aufsatz besch\u00e4ftigt sich tiefergehend mit der Darstellung Ruels im Vergleich zu\nden beiden h\u00f6fischen Frauen Larie und Florie. Dabei soll zun\u00e4chst auf die Konzeptionen idealer\nWeiblichkeit in der h\u00f6fischen Epik geblickt werden. Im Anschluss an den theoretischen Aspekt\nfolgen meine Ausarbeitungen zum <i>Wigalois<\/i>, im Rahmen derer die drei ausgew\u00e4hlten\nweiblichen Charaktere und ihr Aussehen in ihrer Chronologie analysiert werden. Abschlie\u00dfend wird\ndie Frage gekl\u00e4rt, ob Ruel durch ihr ungew\u00f6hnliches Aussehen einen Ansatz zum Aufbruch\nkonventioneller Frauenbilder darstellt.\n<\/p>\n\n<h2>Konzeptionen idealer Weiblichkeit in der h\u00f6fischen Epik\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Im Hochmittelalter etablieren h\u00f6fische Dichter ein neues Frauenbild, welches sich von dem\nvorherigen stark abwendet. Bevor sich das neue Bild entwickelt, werden Frauen als\nminderwertig und bed\u00fcrftig dargestellt.<sup>6<\/sup> Frauen sind demnach unrein und s\u00fcndig. Sie sind das\n\u203aschwache\u2039 Geschlecht und den M\u00e4nnern in allen Punkten unterlegen. Sie m\u00fcssen den M\u00e4nnern\ndienen und stehen in der Pflicht, sich ihnen unterzuordnen. Begr\u00fcndet wird diese\nmittelalterliche Ansicht damit, dass die Nachrangigkeit der Frau bereits Konsequenz ihrer\nErschaffung aus der Rippe des Mannes ist.<sup>7<\/sup> Dar\u00fcber hinaus besitzen Frauen laut der\nmittelalterlichen Sicht eine vermeintliche geistige und moralische Schw\u00e4che, weshalb sie unter\nder Vormundschaft des Mannes stehen m\u00fcssen.\n<\/p>\n\n<p>In der h\u00f6fischen Epik entwickelt sich schlie\u00dflich ein neues Bild des weiblichen Geschlechts.\nEs entsteht das Ideal der h\u00f6fischen Frau. Sie wird zur unerreichbaren <i>vrouwe<\/i>, die vom Mann\nhoffnungslos angebetet wird und seinen Kampfesmut steigert.<sup>8<\/sup> Bevor ein Blick auf die h\u00f6fische\nFrau geworfen wird, muss zuerst der Begriff <i>h\u00f6fisch<\/i> betrachtet werden. Das Wort kommt von\ndem Substantiv <i>Hof<\/i>. Es bedeutet so viel wie \u00bbdem Hofe gem\u00e4\u00df\u00ab oder \u00bbden guten Eigenschaften\nund Gewohnheiten und Sitten des Hofes gem\u00e4\u00df\u00ab.<sup>9<\/sup> Die h\u00f6fische Frau stammt also aus adeligen\nVerh\u00e4ltnissen und besitzt besonders positive Charaktereigenschaften verbunden mit einem\nguten Benehmen. In der mittelalterlichen Literatur zeichnet sich die h\u00f6fische Frau durch\nEigenschaften wie Tugendhaftigkeit, G\u00fcte und moralische Vollkommenheit aus.<sup>10<\/sup> Die innere\nTugend der Dame steht dabei im Zusammenhang mit der \u00e4u\u00dferlichen Sch\u00f6nheit. Des Weiteren\ngeh\u00f6ren eine h\u00f6fische Bildung sowie Treue und F\u00fcgsamkeit gegen\u00fcber den Eltern oder dem\nEhemann zu den Eigenschaften einer <i>vrouwe<\/i>. So zeigt sich die weibliche Treue h\u00e4ufig in einer\n(langanhaltenden) Trauer oder Klage, wenn der Partner der Dame get\u00f6tet wird oder verstirbt.<sup>11<\/sup> In der h\u00f6fischen Dichtung manifestiert sich die h\u00f6fische Frau als das weibliche Idealbild \u2013 in\ngewisser Weise auch als Traumbild. Die h\u00f6fische Frau stellt dar, wie die damalige Dame sein\nsoll und fungiert als Vorbild. Die Dame wird als Inbegriff der Vollkommenheit dargestellt und\nteilweise sogar verg\u00f6ttert. Im Gegensatz zum vorherigen Frauenbild ist die h\u00f6fische Frau dem\nMann vor allem im Minnesang \u00fcbergeordnet. Zudem zeichnet sie sich durch ihre Idealit\u00e4t und\nUnerreichbarkeit aus, wodurch sie bei den M\u00e4nnern zu einem Wunschobjekt wird.<sup>12<\/sup>\n<\/p>\n\n<p>Das neue Frauenbild stellt allerdings in keiner Weise die Realit\u00e4t der mittelalterlichen Zeit dar.\nDie Frauenverehrung ist lediglich eine literarische Konstruktion, in der Gesellschaft ist die Frau\nweiterhin dem Mann untergeordnet. Einer der Hintergr\u00fcnde der h\u00f6fischen Idealisierung ist die\nchristliche Vorstellungswelt. So gibt es im Mittelalter eine starke Marienverehrung, die sich\nvor allem in literarischen Werken finden l\u00e4sst.<sup>13<\/sup> Dementsprechend kann davon ausgegangen\nwerden, dass sich die Verehrung der Gottesmutter Maria auf eine allgemeine Frauenverehrung\nausgeweitet hat.\n<\/p>\n\n<p>In der Verehrung der Frau l\u00e4sst sich eine wichtige gesellschaftliche Funktion erkennen. \u00bbDurch\nihre Sch\u00f6nheit und Vollkommenheit weckt sie im Mann die Kraft der hohen Minne\u00ab.<sup>14<\/sup> Sie\nvermittelt den M\u00e4nnern ein Hochgef\u00fchl h\u00f6fischer Freude und soll sie zum Minnedienst\nanimieren. Allerdings bleibt es die einzige Funktion der Frau, den Mann zur\nSelbstverwirklichung zu bewegen. Eine eigene Aufgabe hat die Frau in der mittelalterlichen\nLiteratur nicht.\n<\/p>\n\n<p>Ein Kennzeichen der h\u00f6fischen Frau ist ihre au\u00dferordentliche Sch\u00f6nheit. In der germanistisch-\nmedi\u00e4vistischen Forschung wird k\u00f6rperliche Sch\u00f6nheit auf Tugend projiziert.<sup>15<\/sup> Demnach ist\nSch\u00f6nheit der \u00bbSpiegel der inneren Vollkommenheit\u00ab.<sup>16<\/sup> Dies l\u00e4sst sich damit begr\u00fcnden, dass\ndas \u00bbnormbildende h\u00f6fische Frauenideal dies verlangt und weil es der Rolle der Umworbenen\nund Liebespartnerin entspricht, welche die Frauen in den Dichtungen der Zeit meist\ninnehaben\u00ab.<sup>17<\/sup> Im Zentrum der h\u00f6fischen Epik steht die \u00dcberzeugung, dass Liebe durch den\nAnblick von Sch\u00f6nheit entsteht und zur Vervollkommnung des Mannes f\u00fchrt. Das Aussehen\nder Frau ist das ausschlaggebende Kriterium, weshalb sich ein Mann f\u00fcr sie entscheidet. In der\nRegel sind sch\u00f6ne Frauen auch h\u00f6fische Frauen. So offenbart sich in der k\u00f6rperlichen Sch\u00f6nheit\ndie innere Tugend der Dame.<sup>18<\/sup>\n<\/p>\n\n<p>Es stellt sich nun die Frage, was in der h\u00f6fischen Literatur als \u00e4u\u00dfere Sch\u00f6nheit verstanden\nwird. In der mittelalterlichen Epik wird Sch\u00f6nheit oft nur behauptet, ohne dass diese genau\ndefiniert wird. Generell l\u00e4sst sich jedoch sagen, dass das Sch\u00f6ne als etwas Objektives aufgefasst\nwird.<sup>19<\/sup> Stellenweise lassen sich stereotype Zuschreibungen finden. So werden blasse, junge und\nschlanke Frauen besonders oft als sch\u00f6n bezeichnet. Zudem kann kostbare Kleidung zu \u00e4u\u00dferer\nSch\u00f6nheit beitragen.<sup>20<\/sup>\n<\/p>\n\n<p>In der mittelalterlichen Literatur lassen sich \u00fcberwiegend sch\u00f6ne Frauen finden. Eine h\u00e4ssliche\nDame widerspr\u00e4che dem h\u00f6fischen Frauenbild. Trotzdem k\u00f6nnen in manchen h\u00f6fischen\nWerken auch von der Norm abweichende Frauenbeschreibungen gefunden werden.\n<\/p>\n\n<p>Es stellt sich daher die Frage, was im Mittelalter unter dem Begriff \u203ah\u00e4sslich\u2039 verstanden wird.\nIm Alt- und Mittelhochdeutschen ist ein Wort mit der heutigen Bedeutung nicht nachweisbar.<sup>21<\/sup>\nZwar existiert ein Adjektiv mit der gleichen Lautform <i>heszlich<\/i>, doch \u00bbdieses Adjektiv fungiert\nnicht, wie heute, als Gegenbegriff zu sch\u00f6n\u00ab.<sup>22<\/sup> Stattdessen l\u00e4sst es sich mit feindselig oder\nhassenswert \u00fcbersetzen. In der h\u00f6fischen Literatur k\u00f6nnen trotzdem Begriffe gefunden werden,\ndie f\u00fcr unsere heutige Auffassung von h\u00e4sslich genutzt werden. So werden unsch\u00f6ne Menschen\nals <i>undaere<\/i>, <i>ungev\u00fcege<\/i>, <i>ungehiure<\/i> oder <i>boese<\/i> bezeichnet. Wie bereits erw\u00e4hnt, ist Sch\u00f6nheit\nein Attribut, welches der h\u00f6fischen Gesellschaft zugeordnet wird. H\u00e4sslichkeit dagegen wird\nmit dem Nicht-H\u00f6fischen oder den niederen St\u00e4nden in Verbindung gebracht.\n<\/p>\n\n<p>Ebenso wie es f\u00fcr die weibliche Sch\u00f6nheit eine Idealvorstellung gibt, lassen sich bestimmte\nAspekte f\u00fcr die H\u00e4sslichkeit finden. Es k\u00f6nnen drei Merkmalskomplexe f\u00fcr die H\u00e4sslichkeit\nfestgehalten werden. Das erste Merkmal stellt die Tier\u00e4hnlichkeit dar.<sup>23<\/sup> In der\nsp\u00e4tmittelalterlichen Literatur kommt vermehrt die <i>wilde frouwe<\/i> vor.<sup>24<\/sup> Sie ist ein\nZwischenglied zwischen einem Menschen und einem Tier. Die weibliche H\u00e4sslichkeit wird\ndort mit Riesenhaftigkeit und Gewalt verbunden.<sup>25<\/sup> Das Wort <i>wilde<\/i> kann laut dem\nmittelalterlichen W\u00f6rterbuch mit Adjektiven wie beispielsweise <i>w\u00fcst<\/i>, <i>fremd<\/i>, <i>seltsam<\/i>,\n<i>d\u00e4monisch<\/i>, <i>untreu<\/i> oder auch <i>irre<\/i> \u00fcbersetzt werden. Das mittelalterliche Wort <i>wilde<\/i> hat also\neindeutig eine negative Konnotation. Auch bei der Verwendung des Wortes wird dies deutlich,\nso wird damit eine starke Normabweichung ausgedr\u00fcckt.<sup>26<\/sup> In Bezug auf die <i>wilde frouwe<\/i> l\u00e4sst\nsich festhalten, dass diese nicht den h\u00f6fischen Idealen entspricht und sich au\u00dferhalb der sozialen\nOrdnung befindet.\n<\/p>\n\n<p>Auch eine dunkle Hautfarbe ist ein Merkmal von H\u00e4sslichkeit. Die dunkle Haut verweist aus\nmittelalterlicher Perspektive auf die Finsternis der H\u00f6lle.<sup>27<\/sup>\n<\/p>\n\n<h2>Die h\u00f6fischen Damen Florie und Larie als Idealbilder der Weiblichkeit im Wigalois\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Die Frauenfiguren im <i>Wigalois<\/i> sind laut dem Medi\u00e4visten Christoph Fasbender durch ihre\nSch\u00f6nheit und ihr h\u00f6fisches Auftreten gekennzeichnet. Sie \u00bbspornen dadurch M\u00e4nner zu Taten\nan, die entweder zum Guten f\u00fchren oder ins Ungl\u00fcck\u00ab.<sup>28<\/sup> Florie und Larie geh\u00f6ren zu den\nh\u00f6fischen Frauen im <i>Wigalois<\/i>, welche den mittelalterlichen Idealvorstellungen entsprechen.\nDen beiden Frauen wird eine Sonderstellung zugeschrieben, da sich ihre\nSch\u00f6nheitsbeschreibungen von denen anderer Damen abgrenzen. Durch die h\u00e4ufigen\nErz\u00e4hlerkommentare werden Florie und Larie als besonders relevante Figuren hervorgehoben.\nIm Folgenden soll ein \u00dcberblick \u00fcber die Idealisierung beider Frauen gegeben werden.\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\nSi was benamen \u00e2ne str\u00eet \/ diu sch\u0153nest die er ie gesach; \/ des pr\u00eeses ir\ndiu werlt jach (V.&nbsp;726ff.).\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nAls Gawein zum ersten Mal der h\u00f6fischen Dame Florie begegnet, ist er fasziniert von ihrer\nSch\u00f6nheit. Sie ist die <i>schoenest die er ie gesach<\/i> (V.&nbsp;726). Nicht nur Gawein schreibt Florie\neine au\u00dferordentliche Sch\u00f6nheit zu; der Erz\u00e4hler betont, dass alle Welt dies genauso sehe. Zu\nBeginn des Zusammentreffens beider Figuren wird Flories Sch\u00f6nheit nur behauptet, ohne\nbeschrieben zu werden. Schon alleine ihr Aussehen reicht, um Gaweins Herz zu entflammen.\nZudem werden ihr Eigenschaften wie <i>gewizzen und ganziu tugent \/ geburt unde sinne<\/i> (V.&nbsp;732)\nzugeschrieben.\n<\/p>\n\n<p>Es folgt eine \u00fcber 200 Verse lange Sch\u00f6nheits-<i>descriptio<\/i>. Solche detaillierten Aufz\u00e4hlungen\nzum Aussehen von Figuren lassen sich in der mittelalterlichen Literatur h\u00e4ufig finden. Die\nNennung wesentlicher Z\u00fcge erfolgt von Kopf bis Fu\u00df und auch die Kleidung der h\u00f6fischen\nDame wird genau beschrieben.<sup>29<\/sup>\n<\/p>\n\n<p>Florie ist au\u00dferordentlich gut gekleidet, <i>als sin ein edel maget sol<\/i> (V.&nbsp;745). Alleine die\nBeschreibung ihrer Kleidung fasst \u00fcber 100 Verse, wobei auch auf den Schmuck der h\u00f6fischen\nDame ausf\u00fchrlich eingegangen wird. Florie <i>truoc einen roc w\u00eeten, \/ von zwein sam\u00eeten \/\ngesniten vil gel\u00eeche, \/ eben unde r\u00eeche<\/i> (V.&nbsp;746ff.). Flories Kleid ist \u00fcberzogen von Hermelin\nund besitzt einen G\u00fcrtel, <i>daz was ein borte guot genuoc \/ von golde und von gesteine \/ gr\u00f4z\nunde kleine<\/i> (V.&nbsp;771ff.). An ihrer Kleidung l\u00e4sst sich deutlich erkennen, dass sie der adeligen\nGesellschaft angeh\u00f6rt. Auff\u00e4llig an der Beschreibung ist, dass diese durch Erz\u00e4hlerkommentare\nunterbrochen wird. Der Erz\u00e4hler hebt durch seine Kommentare Flories Sch\u00f6nheit hervor, indem\ner sagt: <i>ichn gesach ir nie deheine \u2013 \/ geworht \u00e2ne zungen \u2013 \/ diu s\u00f4 wol bedrungen \/ mit\ngezierde w\u00e6re \/ als an disem m\u00e6re<\/i> (V.&nbsp;787ff.).\n<\/p>\n\n<p>Bemerkenswert ist zudem, dass in der Beschreibung Flories an mehreren Stellen auf ihre\ngl\u00e4nzende oder leuchtende Kleidung sowie ihren Schmuck hingewiesen wird. An ihrem Hals\ntr\u00e4gt sie einen <i>herre Amor<\/i> (V.&nbsp;831), also ein Schmuckst\u00fcck aus Stein. Das besondere hierbei\nist, dass der Stein der Jungfrau den Weg in der Nacht leitet und keine Finsternis zul\u00e4sst\n(V.&nbsp;842ff.). Nicht nur ihre Kleidung und ihr Schmuck werden in der <i>descriptio<\/i> zur Lichtquelle,\nauch ihr K\u00f6rper scheint vor lauter Sch\u00f6nheit zu leuchten. Ihr ganzer K\u00f6rper ist <i>l\u00fbter als ein\nspiegelglas<\/i> (V.&nbsp;949). Ihre blonden Haare und ihre gl\u00e4nzende Haut lassen Florie einem Engel\ngleichen. Florie besitzt feines, gelocktes Haar, sowie rosenfarbige bis wei\u00dfe Haut. Vollendet\nwird ihr Gesicht durch ihre makellos geformten Ohren und ihre ebenso wohlgeformte Nase.\nDer Erz\u00e4hler hebt zudem ihren lieblichen Mund hervor, der bei einem Kuss jeden Kummer\nvergessen l\u00e4sst (V.&nbsp;915). Florie scheint perfekt, makellos und fast sogar g\u00f6ttlich zu sein. Passend\ndazu wird ihre \u00fcberm\u00e4\u00dfig leuchtende Gestalt mit der <i>saelde<\/i> (V.&nbsp;850) gleichgesetzt, \u00bbdenn der\nvon ihr ausgehende Glanz wird in einen religi\u00f6sen Diskurs \u00fcbertragen, wenn die g\u00f6ttlichen\nFertigkeiten ihr Antlitz <i>\u203agemischet het begarwe\u2039<\/i>\u00ab.<sup>30<\/sup> In der mittelalterlichen Literatur lassen sich engelsgleich strahlende Figuren als \u00bbRealabstraktionen\u00ab des H\u00f6fischen verstehen.<sup>31<\/sup> Sie sorgen f\u00fcr eine <i>vroide<\/i> auf Seiten des Mannes. So zeigt sich auch bei Florie, dass alleine ihr Anblick zu einer Hochgestimmtheit f\u00fchrt. Ihre strahlende Sch\u00f6nheit wirkt sich insbesondere auf ihren\nGeliebten Gawein aus. Flories Anblick ist ihm eine Freude und l\u00e4sst ihn jeden Kummer\nvergessen: <i>wan si erliuht daz herze m\u00een \/ rehte als\u00f4 der sunnen sch\u00een \/ tuot den liehten\nsumertac<\/i> (V.&nbsp;985ff.). Ihr Geliebter Gawein ist begeistert von ihrer atemberaubenden Sch\u00f6nheit\nund macht deutlich, welche Wirkung Florie auf ihn hat. Er liebt sie von ganzem Herzen (V.&nbsp;952).\nHier zeigt sich deutlich die Liebeskonzeption des Minnesangs. Doch nicht nur Gawein scheint\nvon ihrer Sch\u00f6nheit begeistert, denn <i>ez w\u00e6re w\u00eep oder man, \/ swen si g\u00fcetl\u00eeche an \/ mit\nlachenden ougen sach, \/ swaz dem leide sie geschach, \/ des was zehant vergezzen<\/i> (V.&nbsp;879ff.).\nAlle Traurigkeit und jedes Leid wird vergessen, sobald jemand Florie ansieht.\n<\/p>\n\n<p>Neben ihrem makellosen Aussehen, macht sie auch ihr Verhalten zu einer h\u00f6fischen Dame.\nEigenschaften wie <i>gewizzen unde ganzer tugent<\/i> (V.&nbsp;994) werden ihr von Gawein\nzugeschrieben. Nach dem Tod ihres Vaters und ihres Sohnes trauert sie \u00fcber zwei Jahrzehnte\nlang.<sup>32<\/sup> Sie z\u00e4hlt damit als Vorbild einer treuen und liebenden Frau.\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\nDar \u00fbf ist diu vrouwe m\u00een, \/ daz niht sch\u0153ners m\u00f6hte s\u00een \/ in dirre werlte\ndan si ist (V.&nbsp;3639ff.).\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nDie zweite h\u00f6fische Dame im <i>Wigalois<\/i> ist die Jungfrau Larie. Die erste Begegnung von\nWigalois mit der <i>sch\u0153nen maget<\/i> (V.&nbsp;4127) erfolgt im Festsaal Roimunts. Larie betritt mit\nf\u00fcnfzig weiteren Jungfrauen den Saal, in dem sich auch der Ritter Wigalois befindet. Von der\nVielzahl junger Frauen zieht der Erz\u00e4hler jedoch drei\u00dfig ab, <i>wan si niht in der w\u00eese \/ gel\u00eech\nden zweinsic w\u00e2ren \/ an geburt noch an geb\u00e2ren, \/ an sch\u0153ne noch an r\u00eecheit<\/i> (V.&nbsp;4109ff.). Es\nbleiben zwanzig Damen \u00fcbrig, die reich gekleidet sind und durch ihre Sch\u00f6nheit herausstechen.\nWigalois sieht sich im Saal um und erblickt die sch\u00f6ne Jungfrau Larie. Sie ist die Sch\u00f6nste aller\nFrauen und <i>geliutert als ein spiegelglas<\/i> (V.&nbsp;4135). Die erste Begegnung mit der Dame Larie\nsteht im Zeichen der Minne, denn der Ritter Wigalois verliert beim ersten Blick auf die Sch\u00f6ne\nsein Herz. Sie wird als <i>vrou Minne<\/i> (V.&nbsp;4139) bezeichnet und zieht Wigalois in ihren Bann.\nEs wird sogar angedeutet, dass der Ritter f\u00fcr sie in den Kampf ziehen w\u00fcrde. Ihre Sch\u00f6nheit\nwird an dieser Stelle jedoch nur behauptet, ohne dass hier bereits eine <i>descriptio<\/i> vorliegt. Im\nweiteren Verlauf der Handlung wird die sch\u00f6ne Larie immer wieder erw\u00e4hnt. Ihre\nau\u00dferordentliche Sch\u00f6nheit wird sogar mit dem Leuchten der Sonne gleichgesetzt: <i>ir sch\u0153ne\ngegen der sunnen streit<\/i> (V.&nbsp;10530). Der Erz\u00e4hler l\u00e4sst bei der Figur Larie zun\u00e4chst allerdings\nviel Interpretationsspielraum bez\u00fcglich ihres \u00c4u\u00dferen. Zwar wei\u00df der textinh\u00e4rente Betrachter\nWigalois, wie Larie aussieht, der Rezipient erf\u00e4hrt es allerdings nicht.<sup>33<\/sup>\n<\/p>\n\n<p>Eine n\u00e4here Beschreibung ihres Aussehens erfolgt erst ab Vers 10560. Larie befindet sich auf\ndem Heereszug nach Namur. Hier liegt eine detailliertere <i>descriptio<\/i> vor, wobei in dieser nur\nauf ihren Schmuck und ihre Kleidung eingegangen wird: <i>diu vrouwe h\u00eat umb sich geleit \/\neinen riemen von Iberne; \/ als die liehten sterne \/ daz edel[ge]steine dar\u00fbffe lac<\/i> (V.&nbsp;10556ff.).\nZudem tr\u00e4gt die Minnedame Larie einen Rubin, der so hell leuchtet wie der Tag, und eine\nSpange aus Metall (V.&nbsp;10560ff.). Ihr Rock und ihr Mantel geh\u00f6rten zur franz\u00f6sischen Mode und\nbesitzen offene Schn\u00fcre (V.&nbsp;10548ff.).\n<\/p>\n\n<p>Als schlie\u00dflich Gawein die Minnedame zum ersten Mal sieht, ist auch er von ihrer Sch\u00f6nheit\nbegeistert. So sagt er: <i>swaz ich vrouwen h\u00e2n erkant \/ od mit den ougen ie gesach, \/ der sch\u0153ne\nmacht d\u00een sch\u0153ne swach. \/ du bist ir aller spiegel<\/i> (V.&nbsp;9725ff.). Ihre Sch\u00f6nheit ist von Gott\ngeschaffen und soll als Vorbild f\u00fcr alle Frauen dienen. Larie ist selbst f\u00fcr Gawein die sch\u00f6nste\nFrau, die er je gesehen hat, obwohl er vorher bereits Florie begegnet ist.\n<\/p>\n\n<p>Die Beschreibungen Laries ziehen sich durch die ganze Geschichte. Immer wieder lassen sich\nBez\u00fcge zu der sch\u00f6nen Frau finden, wenn der Ritter Wigalois beim Anblick anderer Frauen\nden Vergleich zu ihr zieht oder wenn er sich in Kampfessituationen befindet und durch die\nVorstellung von Larie neue Kraft bekommt. Doch au\u00dfer der <i>descriptio<\/i> ihres Schmuckes und\nihrer Kleidung, lassen sich nur wenige Beschreibungen zu ihrem \u00c4u\u00dferen finden. Bis zum Ende\ndes <i>Wigalois<\/i> muss der Rezipient ihre Sch\u00f6nheit hinnehmen, ohne sich ein eigenes Bild machen\nzu k\u00f6nnen. \u00bbIm Hinblick auf Laries fehlende <i>descriptio<\/i> bei ihrer Einf\u00fchrung in den Text und\nim Kontrast zu Flories ausf\u00fchrlicher Beschreibung kann Larie durchaus als \u203ablass\u2039 bezeichnet\nwerden\u00ab.<sup>34<\/sup> Sie wird zwar \u00e4hnlich wie Florie als engelsgleich und makellos beschrieben, doch\ndie Figur Laries scheint nur einen Zweck zu erf\u00fcllen: Sie ist der <i>\u00e2ventiure<\/i>-Preis f\u00fcr den Ritter\nWigalois, der aufgrund ihrer Sch\u00f6nheit zum Kampf motiviert wird. Im sp\u00e4teren Verlauf wird\nihr noch die Funktion einer treuen Ehefrau zugeschrieben. Eine eigene Aufgabe hat Larie nicht,\nweswegen sie vielfach in der Forschung als Nebenfigur betrachtet wird. Ihre Figur k\u00f6nnte ohne\nweiteres durch eine der zahlreichen anderen sch\u00f6nen Frauen im <i>Wigalois<\/i> ersetzt werden.\n<\/p>\n\n<h2>\u00bbUngeheuer\u00ab und \u00bbTeufelin\u00ab: Das Waldweib Ruel als Gegenentwurf zur h\u00f6fischen Frau\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Die Begegnung von Wigalois mit Ruel erfolgt am Anfang der zweiten Avent\u00fcrereihe, nachdem\nWigalois gegen den Drachen Pfetan gek\u00e4mpft hat und aus Joraphas abgereist ist.<sup>35<\/sup> Der Held ist\nauf dem Weg zur Befreiung Korntins im Dienste der sch\u00f6nen Larie. Auf seiner Reise kommt\nWigalois allerdings in Gedanken versunken vom Weg ab, sodass er an der Felsh\u00f6hle am\nFlussufer an Ruel vorbei geht. Das Treffen mit Ruel ist reiner Zufall, wodurch sich diese Szene\nvon anderen Kampfszenen abgrenzt. Alle anderen Gegner von Wigalois geh\u00f6ren zu seiner\nAufgabe oder stellen sich ihm absichtlich in den Weg zur Schlussavent\u00fcre.<sup>36<\/sup> Das Waldweib\nRuel tritt aus ihrer H\u00f6hle heraus. Bereits auf den ersten Blick wird dem Helden deutlich, dass\nihr \u00c4u\u00dferes nicht den h\u00f6fischen Vorstellungen von Weiblichkeit entspricht.\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\u00dbz dem hole sach er ein \/ w\u00eep gegen im loufen dar, \/ diu was in einer varwe\ngar \/ swarz, r\u00fbch als ein ber. (V.&nbsp;6285ff.)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>Das sind die ersten Verse, in denen Ruel beschrieben wird und schon hier wird deutlich, dass\nsie den h\u00f6fischen Idealen nicht entspricht. Interessant ist, dass Ruel zu allererst als <i>w\u00eep<\/i>\neingef\u00fchrt wird. Erst nach dieser Bezeichnung beginnt die ausf\u00fchrliche Beschreibung ihres\nAussehens.\n<\/p>\n\n<p>Ruel hat auff\u00e4llig schwarze Haut und ist behaart wie ein B\u00e4r. Ihr \u00c4u\u00dferes ist vergleichbar mit\ndem eines Tieres, wodurch Ruel als unmenschlich charakterisiert wird. Mehr als f\u00fcnfzig Verse\nwidmet Wirnt von Grafenberg der Beschreibung ihres Auftretens und ihrer H\u00e4sslichkeit. Nicht\nnur die Versl\u00e4nge ist dabei beachtlich, sondern auch die Detailf\u00fclle und die qualitative\nAusgestaltung der Beschreibungen.<sup>37<\/sup> Wirnt von Grafenberg folgt der typischen Beschreibung\ndes \u00c4u\u00dferen nach der <i>descriptio<\/i>. Dies ist ungew\u00f6hnlich, denn die Beschreibung wird\n\u00fcblicherweise nur bei h\u00f6fischen Damen verwendet. Im Falle des Waldweibs Ruel wird die\n<i>descriptio<\/i> allerdings gebraucht, um ihr h\u00e4ssliches Aussehen zu verdeutlichen.\n<\/p>\n\n<p>Ruel wird als <i>ungehiure<\/i> (V.&nbsp;6291) dargestellt. Ihr Haar ist <i>enpflohten unde lanc, \/ zetal in ir\nbuoc ez swanc<\/i> (V.&nbsp;6292f.) und ihr Gesicht wird als <i>houbet groz, ir nase vlach<\/i> beschrieben\n(V.&nbsp;6294). Hinzukommt, dass ihr Gesicht, ebenso wie ihr restlicher K\u00f6rper, behaart ist und ihre\nAugen wie brennende Kerzen aussehen. Durch diesen Vergleich wird die Gefahr, welche von\nRuel ausgeht, verdeutlicht und die Abscheulichkeit des Waldweibs hervorgehoben. Des\nWeiteren wird sie mit <i>ir br\u00e2 lanc unde gr\u00e2, gr\u00f4ze zene, w\u00eeten munt<\/i> beschrieben (V.&nbsp;6297f.).\nZudem besitzt sie einen krummen R\u00fccken und Br\u00fcste, die ihr bis zur H\u00fcfte h\u00e4ngen, sowie\n<i>starkiu bein, krumbe v\u00fceze<\/i> (V.&nbsp;6348).\n<\/p>\n\n<p>In den darauffolgenden Ausf\u00fchrungen zu ihrem \u00c4u\u00dferen werden weitere Vergleiche zu Tieren\ngezogen: \u00bbFell und Handballen wie die eines B\u00e4ren, Greifenklauen, dazu die Ohren eines\nHundes\u00ab.<sup>38<\/sup> Die Vergleiche unterstreichen, dass Ruel einem Tier \u00e4hnlicher ist als einem\nMenschen. So l\u00e4sst sich das Waldweib aufgrund ihrer Hybridit\u00e4t in die N\u00e4he des Monstr\u00f6sen\neinordnen. Sie \u00e4hnelt mehr einem Mischwesen als einem <i>w\u00eep<\/i>. Es stellt sich daher die Frage,\nwarum Ruel im ersten Vers als Frau vorgestellt wurde, wenn sie dem weiblichen Ideal in keiner\nWeise entspricht. Obwohl sie nicht explizit so bezeichnet wird, liegt die Vermutung nahe, dass\nRuel als <i>wildes w\u00eep<\/i> gesehen werden kann. Wie bereits erw\u00e4hnt, leben Wildleute in der\nmittelalterlichen Literatur im Wald und sind durch eine starke Behaarung gekennzeichnet.\nZudem sind sie ein Zwischenglied zwischen Tier und Mensch, was auch auf Ruel zutrifft.\nDagegen spricht jedoch, dass Wildleute in der mittelalterlichen Literatur in der Regel dem\nm\u00e4nnlichen Geschlecht zugeordnet werden.<sup>39<\/sup> In der Forschung ist diese These bereits diskutiert\nworden. So folgt der Literaturforscher Michael Veeh der anthropologischen Deutung, dass Ruel\ndas weibliche Pendant des \u203awilden Mannes\u2039 darstellt. Seiner Meinung nach ist Ruel ein\nanthropomorphes Wesen, das allein und zur\u00fcckgezogen im Wald lebt, v\u00f6llig verwildert ist und\n\u00fcber Riesenkr\u00e4fte verf\u00fcgt.<sup>40<\/sup> Ihre au\u00dferordentliche H\u00e4sslichkeit l\u00e4sst sich dadurch erkl\u00e4ren, dass\nwilde Menschen oft d\u00e4monisiert und als Verk\u00f6rperung des Teufels dargestellt werden. So wird\ndas Waldweib im Laufe der Beschreibung nicht nur als <i>ungehiure<\/i> (V.&nbsp;6291), sondern auch\nals <i>tiuvelin<\/i> (V.&nbsp;6379) bezeichnet. \u00bbDiese \u00dcbereinstimmungen r\u00fccken Ruel in die N\u00e4he eines\nUngeheuers und deuten an, wie weit sie von den Normen nicht nur h\u00f6fischen, sondern auch\ngenerell menschlich-weiblichen Auftretens und Verhaltens entfernt ist\u00ab.<sup>41<\/sup>\n<\/p>\n\n<p>An einigen Stellen unterbricht Wirnt von Grafenberg die Beschreibungen Ruels, um\nintertextuelle Vergleiche mit den h\u00f6fischen Damen herzustellen. Beispielsweise vergleicht er\ndas Waldweib mit Larie: <i>als uns diu \u00e2ventiure seit, s\u00f4 was diu schoene L\u00e2r\u00eee schoener danne\nir dr\u00eee<\/i> (V.&nbsp;6301\u20136304). Larie ist demnach dreifach so sch\u00f6n wie Ruel, wenn nicht sogar noch\nsch\u00f6ner. Die Gegen\u00fcberstellung der h\u00fcbschen Minnedame Larie mit dem Waldweib erscheint\nunn\u00f6tig, denn die extreme H\u00e4sslichkeit Ruels wird bereits durch die ausf\u00fchrliche Beschreibung\ndeutlich. Es lassen sich trotzdem noch weitere Vergleiche mit anderen Minnedamen finden.\nWirnt von Grafenberg nutzt die Beschreibung Ruels, um mit den Werken etablierter Vorg\u00e4nger\nin den Dialog zu treten. Er setzt der h\u00e4sslichen Ruel Hartmanns Enite und Wolfgangs Jeschute\ngegen\u00fcber. Im Gegensatz zu Ruel entsprechen beide Frauen den mittelalterlichen Idealen: <i>h\u00eat\niemen von ir h\u00f4hen muot, \/ dern sach der vrouwen \u00can\u00eeten niht, \/ wan der herre Hartman giht,\n\/ daz w\u00e6r gar \u00fbz dem str\u00eete \/ ezn w\u00e6re vrouwe \u00can\u00eete \/ ze Karid\u00f4l diu sch\u0153nste maget, \/ als im\ns\u00een meister h\u00eat gesaget<\/i> (V.&nbsp;6307\u20136313). Durch den Vergleich wird noch einmal deutlich\ngemacht, dass Ruel in keiner Weise liebensw\u00fcrdig ist und man sich nur in sie verlieben kann,\nwenn man der sch\u00f6nen Enite nie begegnet ist.\n<\/p>\n\n<p>Nicht nur Ruels \u00c4u\u00dferes, sondern auch ihr Auftreten, entspricht keineswegs den weiblichen\nIdealen. Im Aufeinandertreffen des Waldweibs Ruel mit dem Ritter Wigalois \u00e4u\u00dfern sich ihre\nunh\u00f6fischen Verhaltensweisen.\n<\/p>\n\n<p>Wigalois hat nach der Abreise aus Joraphas bereits einige K\u00e4mpfe hinter sich, beispielsweise\ngegen den Drachen Pfetan. So hat er schon einige Kampfeskraft eingeb\u00fc\u00dft, als er auf Ruel trifft.\nDas Waldweib ist unbewaffnet, weswegen der Ritter seine Waffe nicht zieht. Aufgrund des\nKampfverbots gegen Frauen ist es Wigalois ohnehin untersagt, mit ihr zu k\u00e4mpfen. Ruel greift\nden Ritter unbewaffnet an und \u00fcberrumpelt ihn mit ihrer k\u00f6rperlichen Kraft. Sie tr\u00e4gt ihn davon\nund fesselt ihn an einen Baum. Die h\u00e4ssliche Frau m\u00f6chte ihn enthaupten, doch genau in diesem\nMoment wiehert Wigalois\u2019 Pferd \u00bbso markersch\u00fctternd, dass Ruel in der Annahme, der Drache\nsei noch am Leben, in ihre H\u00f6hle flieht\u00ab.<sup>42<\/sup> Das Waldweib l\u00e4sst den gefesselten Wigalois\nzur\u00fcck, um ihr eigenes Leben vor dem vermeintlichen Drachen zu retten.\n<\/p>\n\n<p>Ruel weist eine starke Brutalit\u00e4t auf, welche durch die Trauer um ihren Mann Feroz, der von\nFloj\u00eer von Belamut get\u00f6tet wurde (vgl. V.&nbsp;6355f.), begr\u00fcndet wird. Ruel m\u00f6chte sich nun r\u00e4chen.\nSie w\u00e4hlt Wigalois als Opfer ihres Racheaktes aus, da sie ihn aufgrund seiner Ritteridentit\u00e4t\nmit Floj\u00eer von Belamut verbindet. Aus ihrer Sicht steht Wigalois in dieser Szene stellvertretend\nf\u00fcr alle Ritter, \u00bbdie in ihren Augen alle gleich und alle gleichsam die M\u00f6rder ihres Mannes sein\nm\u00fcssen\u00ab.<sup>43<\/sup>\n<\/p>\n\n<p>Alleine das Angreifen des Helden kann als unh\u00f6fisch angesehen werden. Hierbei darf jedoch\nnicht au\u00dfer Acht gelassen werden, dass es sich um die Rache f\u00fcr ihren verstorbenen Ehemann\nhandelt. Ruel kann daher zu den trauernden Witwen gez\u00e4hlt werden, zu denen im <i>Wigalois<\/i> auch\nFlorie, Beleares, Liameres und Japhite z\u00e4hlen. Die Trauer der anderen Frauen ist jedoch\ngekennzeichnet durch Passivit\u00e4t und Hilfslosigkeit bis hin zum Suizid.<sup>44<\/sup> Die Art und Weise,\nwie Ruel mit ihrer Trauer umgeht, steht daher in gro\u00dfem Kontrast zu den h\u00f6fischen Damen.\nDas Waldweib reagiert aktiv und greift den Ritter Wigalois an, um sich zu r\u00e4chen. \u00bbWenngleich\ndie willk\u00fcrliche \u203aRache\u2039 an Wigalois in ihrer Sinnlosigkeit befremdlich erscheint, ist der\nWaldfrau und den Damen doch die <i>triuwe<\/i> zum jeweiligen Ehemann gemeinsam\u00ab.<sup>45<\/sup> Die\nGewalttat Ruels richtet sich gegen h\u00f6fische Verhaltensmuster. Das Idealbild der Frau setzt in\nder mittelalterlichen Literatur voraus, dass Damen sich gewaltfrei verhalten. Ruel dagegen\ngreift den Ritter unbewaffnet an und besiegt ihn dank ihrer K\u00f6rperkraft.\n<\/p>\n\n<p>Die k\u00f6rperliche Kraft Ruels ist ein weiterer Punkt, der sie von den h\u00f6fischen Damen abgrenzt.\nIhre gro\u00dfe K\u00f6rperkraft entspricht den tierischen Elementen, durch den Angriff kommt ihre\nHybridit\u00e4t zum Vorschein. Das Waldweib weist ein deutliches raubtierhaftes Verhalten auf,\nwelches sich in ihrer Schnelligkeit bei der \u203aJagd\u2039 zeigt. Hinzu kommt, dass Ruel ihren\nGefangenen fesselt. Das Fesseln ist im Mittelalter ein typisches Verhalten des Teufels. So treten\nTeufel und D\u00e4monen in Aktion, \u00bbum Menschen beziehungsweise ihre Seelen davon zu\nschleppen\u00ab.<sup>46<\/sup> Ruel verk\u00f6rpert also nicht nur durch ihr Aussehen eine <i>tiuvelin<\/i> (V.&nbsp;6379),\nsondern verf\u00fcgt auch \u00fcber teuflische Verhaltensweisen. Das Waldweib kann demnach als\nVerk\u00f6rperung des Teufels angesehen werden.\n<\/p>\n\n<p>Die Eigenschaften der K\u00f6rperkraft und der Gewalt werden im Mittelalter nicht dem weiblichen,\nsondern dem m\u00e4nnlichen Geschlecht zugeschrieben. So geh\u00f6rt die k\u00f6rperliche Gewaltaus\u00fcbung\nzu den etablierten Verhaltensmustern eines adligen Mannes.<sup>47&lt;\/<sup> Ruel stellt damit nicht nur durch\nihr h\u00e4ssliches \u00c4u\u00dferes das Gegenbild h\u00f6fischer Weiblichkeit dar. Ihre Verhaltensweisen\ngleichen eher denen eines Ritters als denen einer Frau.\n<\/p>\n\n<p>All diese Punkte lassen auch Wirnt von Grafenberg immer wieder zu dem gleichen Fazit\nkommen: <i>Daz w\u00eep d\u00fbht in uns\u00fceze<\/i> (V.&nbsp;6347) oder <i>guotes w\u00eebes minne \/ was ir tr\u00fbten\nungel\u00eech<\/i> (V.&nbsp;6402f). Sowohl ihr Aussehen als auch ihr Verhalten sind f\u00fcr Wirnt von\nGrafenberg Gr\u00fcnde, dass Ruel nicht liebensw\u00fcrdig ist. \u00bbEine erotische Begegnung mit ihr\nw\u00fcrde einem Mann ein \u203a<i>s\u00fbrez tr\u00fbten<\/i>\u2039 (V.&nbsp;6324) bescheren und ihn schlagartig altern lassen\n(V.&nbsp;6350f)\u00ab.<sup>48<\/sup> K\u00f6rperliche und emotionale N\u00e4he zu Ruel f\u00fchrt dementsprechend zu einem\nverk\u00fcrzten Leben. An dieser Stelle wird die starke Bedrohung, welche von Ruel ausgeht,\ndeutlich.\n<\/p>\n\n<p>Ruels Rolle im <i>Wigalois<\/i> ist in der Medi\u00e4vistik bereits vielfach diskutiert worden. Mittlerweile\ngibt es unterschiedliche, teilweise sogar widerspr\u00fcchliche Meinungen und Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze\nbez\u00fcglich ihrer Funktion. Laut dem Literaturwissenschaftler Stephan Fuchs ist das Waldweib\nRuel f\u00fcr den Gang der Handlung unerheblich.<sup>49<\/sup> Seiner Meinung nach ist sie nur ein Umweg\nder Geschichte, wobei sie nicht grunds\u00e4tzlich unn\u00f6tig ist. Das Waldweib hat n\u00e4mlich eine\nrelevante Funktion f\u00fcr den Helden Wigalois. Der Ritter findet am Ende der Ruel-Szene sein\nGottvertrauen, als sein Pferd wiehert und das Waldweib dies f\u00fcr das Schnauben des Drachen\nh\u00e4lt, weshalb sie in ihre H\u00f6hle flieht. Die Hinwendung zum Gottvertrauen kann also als eine\nwichtige Funktion Ruels angesehen werden.\n<\/p>\n\n<p>Die wohl einfachste Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Figur Ruels ist allerdings, dass sie das Gegenbild einer\nh\u00f6fischen Dame darstellt. In der Figur Ruels finden sich die Oppositionen \u203amenschlich und\ntierisch\u2039, \u203agut und b\u00f6se\u2039 sowie \u203aweiblich und m\u00e4nnlich\u2039 wieder. Diese kategorialen\nUnterschiede lassen sich \u00bbparadigmatisch als Inszenierung von Ambivalenz bzw.\nEntdifferenzierung verstehen\u00ab.<sup>50<\/sup> Die Aufgabe des Helden ist es demnach, diese\nEntdifferenzierung r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen und die h\u00f6fische Welt vor den Gefahren der\nAu\u00dfenwelt zu besch\u00fctzen \u2013 in dem Fall stellt Ruel die Gefahr dar.\n<\/p>\n\n<p>Zuletzt nutzt Wirnt von Grafenberg die Figur Ruels, um sein K\u00f6nnen als Autor zu zeigen. \u00bbOft\nerkl\u00e4ren mittelalterliche Autoren die <i>descriptiones<\/i> zu einer Messlatte f\u00fcr einen Raum der\nReflexion \u00fcber das k\u00fcnstlerische Schaffen an sich\u00ab.<sup>51<\/sup> Wie bereits erw\u00e4hnt, ist es ungew\u00f6hnlich,\neine h\u00e4ssliche Frau so detailliert zu beschreiben. Der Autor zieht zudem immer wieder\nintertextuelle Vergleiche zu sch\u00f6nen Frauen aus anderen literarischen Werken. Es kann davon\nausgegangen werden, dass Wirnt von Grafenberg durch die Figur Ruels bewusst von der Norm\nabweicht, um von anderen Autoren Wertsch\u00e4tzung und Anerkennung zu erhalten.\n<\/p>\n\n<h2>Fazit: Ablehnung der Andersartigkeit und Verst\u00e4rkung des etablierten Frauenbilds\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Im <i>Wigalois<\/i> lassen sich verschiedene Frauenbilder finden. Der Unterschied zwischen den\nsch\u00f6nen Damen Florie und Larie und dem Waldweib Ruel k\u00f6nnte nicht gr\u00f6\u00dfer sein. Bereits in\nder <i>descriptio<\/i> der Frauen werden Gegens\u00e4tze sichtbar. So werden Florie und Larie zu Beginn\nals sch\u00f6n hingestellt, ohne genauer beschrieben zu werden. Erst im Laufe der Geschichte folgen\ndetailliertere Beschreibungen, die sich allerdings vor allem auf die Kleidung der h\u00f6fischen\nDamen beziehen. Zudem werden immer wieder Vergleiche zu den sch\u00f6nen Frauen gezogen,\nwodurch ihre Sch\u00f6nheit an vielen Stellen hervorgehoben wird. Die Beschreibungen der beiden\nFrauen lassen viel Vorstellungsfreiheit, wie es in der mittelalterlichen Literatur \u00fcblich ist. Bei\nRuel dagegen wird der komplette K\u00f6rper von Kopf bis Fu\u00df beschrieben. Ihre <i>descriptio<\/i> ist im\nVergleich zu den Beschreibungen der beiden sch\u00f6nen Frauen deutlich l\u00e4nger. Durch die\nausschlie\u00dflich negative Darstellung von Ruels Aussehen und Verhalten werden ihre\nAndersartigkeit und ihre Ausgrenzung aus dem h\u00f6fischen Leben betont, was sich ebenfalls in\nihrem Lebensraum, dem Wald, widerspiegelt.\n<\/p>\n\n<p>Auch die ersten Begegnungen der Ritter mit den jeweiligen Frauen weisen deutliche\nUnterschiede auf. So stehen das erste Treffen von Florie und Gawein sowie Larie und Wigalois\nim Zeichen der Minne. In der Szene von Ruel dagegen findet ein Kampf statt, bei dem das\nWaldweib den Ritter Wigalois angreift. Der Ritter macht bei diesem Aufeinandertreffen an\nvielen Stellen deutlich, wie abscheulich Ruel ist. Das Waldweib kann daher als \u203aFrau Unminne\u2039\nbezeichnet werden.\n<\/p>\n\n<p>Ihr Verhalten \u00e4hnelt dem von Tieren oder m\u00e4nnlichen Verhaltensmustern, sodass sie als Hybrid\nangesehen werden kann. Zudem geht von Ruel eine teuflische Gefahr aus, die sich in ihrem\nAussehen und ihrem Verhalten widerspiegelt. Das Waldweib fungiert somit als Gegenbild einer\nh\u00f6fischen Frau. Ruels Andersartigkeit wird im <i>Wigalois<\/i> keinesfalls positiv dargestellt. Die\nanf\u00e4ngliche Frage, ob das Waldweib durch ihr au\u00dfergew\u00f6hnliches Auftreten einen\nrevolution\u00e4ren Charakter hat, muss somit verneint werden. Dem Waldweib werden eindeutig\nnegative Charaktereigenschaften zugeschrieben, sie wird sogar mit dem Teufel verglichen.\nAndersartigkeit ist im <i>Wigalois<\/i> also ein Grund zur Ausgrenzung und kein Versuch gegen die\nh\u00f6fischen Idealvorstellungen einer Frau vorzugehen. Stattdessen werden die idealen\nFrauenbilder durch die negative Auslegung von Andersartigkeit verst\u00e4rkt und verh\u00e4rtet. Wirnt\nvon Grafenberg m\u00f6chte mit der Figur Ruel nicht zur Akzeptanz unterschiedlicher\nK\u00f6rperformen beitragen. Stattdessen kann davon ausgegangen werden, dass der Autor das\nWaldweib zur kreativen Ausgestaltung seiner Geschichte nutzt, um Anerkennung von anderen\nmittelalterlichen Autoren zu erhalten.\n<\/p>\n\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\"><figure class=\"aligncenter size-medium is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Luzie_Fiest_Quadrat-1-300x300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-610\" width=\"215\" height=\"215\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Luzie_Fiest_Quadrat-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Luzie_Fiest_Quadrat-1-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Luzie_Fiest_Quadrat-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Luzie_Fiest_Quadrat-1-768x768.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Luzie_Fiest_Quadrat-1-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Luzie_Fiest_Quadrat-1-2048x2048.jpg 2048w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Luzie_Fiest_Quadrat-1-510x510.jpg 510w\" sizes=\"(max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/><figcaption>Luzie Fiest<\/figcaption><\/figure><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p style=\"text-align: center\"><i><strong><em>Luzie<\/em><\/strong><em> (geb. 2000) studiert Sekundarschullehramt f\u00fcr die F\u00e4cher Deutsch und Geschichte und hat vor Kurzem erfolgreich ihr 1. Staatsexamen abgelegt. Ihre wissenschaftlichen Interessen sind dabei Rollenbilder in der deutschen Literatur und Sprechangst sowie\u00a0 funktionaler Analphabetismus in der Schule. Letzteres entstand besonders durch Luzies T\u00e4tigkeit als Nachhilfedozentin an Grundschulen. Daneben unterst\u00fctzte sie das Germanistische Institut der MLU als wissenschaftliche Hilfskraft und war dabei f\u00fcr die Websites der Germanistik zust\u00e4ndig.<\/em><br \/><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><i>Kontakt: luzie.fiest@student.uni-halle.de<\/i><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2>Anmerkungen<\/h2>\n\n\n\n<p><sup>1<\/sup>Anna Siebenhaar, <i>MDR fragt. Jeder Vierte f\u00fchlt sich durch Sch\u00f6nheitsideale unter Druck gesetzt<\/i>; https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/deutschland\/gesellschaft\/mdrfragt-umfrage-ergebnis-body-positivity-fitness-gesundheit-102.html#:~:text=Dabei%20ist%20der%20Anteil%20derjenigen,m%C3%A4nnlichen%20Befragungsteilnehmern%20nur%2015%20Prozent [letzter Zugriff 16.01.2024].<br><sup>2<\/sup>Vgl. ebd.<br><sup>3<\/sup>Maria Windisch, <i>\u00bbBold Glamour\u00ab. Falsche Sch\u00f6nheit durch neuen Tiktok-Filter<\/i>; https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/news\/taeuschend-echt-tiktok-filter-bold-glamour-macht-jeden-zur-schoenheit-li.323393 [letzter Zugriff 16.01.2024].<br><sup>4<\/sup>Denise Primbet, <i>Toxische Beautystandards. Der \u00bbBold Glamour\u00ab-Filter ist der Beweis daf\u00fcr, dass Sch\u00f6nheit immer noch nach \u00bbwestlichen\u00ab Beauty-Standards bemessen wird \u2013 und ich habe genug davon<\/i>; https:\/\/www.glamour.de\/artikel\/bold-glamour-filter [letzter Zugriff 16.01.2024].<br><sup>5<\/sup>Ebd.<br><sup>6<\/sup>Vgl. Joachim Bumke, <i>H\u00f6fische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter<\/i>, M\u00fcnchen 1999, 451.<br><sup>7<\/sup>Vgl. Heinz Sieburg, <i>Literatur des Mittelalters<\/i>, 2. aktualisierte Auflage, Berlin 2012, 183.<br><sup>8<\/sup>Vgl. Heike Sievert, <i>Die Konzeption der Frauenrolle in der Liebeslyrik Walthers von der Vogelweide<\/i>, in: Ingrid Bennewitz (Hg.), <i>Das frouwen bouch. Versuche zu einer feministischen Medi\u00e4vistik<\/i>, G\u00f6ppingen 1989, 135\u2013158, hier 136.<br><sup>9<\/sup>Leslie Peter Johnson, <i>Geschichte der deutschen Literatur von den Anf\u00e4ngen bis zum Beginn der Neuzeit. Vom hohen zum sp\u00e4ten Mittelalter. Die h\u00f6fische Literatur der Bl\u00fctezeit (1160\/70\u20131220\/30)<\/i>, Bd. 2, Teil 1, T\u00fcbingen 1999, 5.<br><sup>10<\/sup>Bumke 1999, 451.<br><sup>11<\/sup>Vgl. Sieburg 2012, 184.<br><sup>12<\/sup>Vgl. Edith Wenzel, <i>\u00bbH\u00eare vrouwe\u00ab und \u00bb\u00dcbelez w\u00eep\u00ab. Zur Konstruktion von Frauenbildern im Minnesang<\/i>, in: Ingrid Bennewitz, Helmut Tervooren (Hg.), <i>Manl\u00eechiu w\u00eep, w\u00eepl\u00eech man. Zur Konstruktion der Kategorien \u203aK\u00f6rper\u2039 und \u203aGeschlecht\u2039 in der deutschen Literatur des Mittelalters<\/i>, Berlin 1999, 264\u2013283, hier 264.<br><sup>13<\/sup>Vgl. Sieburg 2012, 183.<br><sup>14<\/sup>Bumke 1999, 453.<br><sup>15<\/sup>Vgl. Fabian David Scheidel, <i>Sch\u00f6nheitsdiskurse in der Literatur des Mittelalters. Die Prop\u00e4deutik des Fleisches zwischen \u203aasisthesis\u2039 und \u00c4sthetik<\/i>, Berlin 2022, 124.<br><sup>16<\/sup>Ebd.<br><sup>17<\/sup>Ingrid Kasten, <i>H\u00e4\u00dfliche Frauenfiguren in der Literatur des Mittelalters<\/i>, in: Bea Lundt (Hg.), <i>Auf der Suche nach der Frau im Mittelalter. Fragen, Quellen, Antworten<\/i>, M\u00fcnchen 1991, 255\u2013276, hier 256.<br><sup>18<\/sup>Vgl. Bumke 1999, 452.<br><sup>19<\/sup>Vgl. Kasten 1991, 256.<br><sup>20<\/sup>Vgl. Sieburg 2012, 184.<br><sup>21<\/sup>Vgl. Kasten 1991, 257.<br><sup>22<\/sup>Ebd.<br><sup>23<\/sup>Vgl. ebd.<br><sup>24<\/sup>Vgl. Kasten 1991, 256.<br><sup>25<\/sup>Vgl. ebd.<br><sup>26<\/sup>Larissa Schulter-Lang, <i>Wildes Erz\u00e4hlen \u2013 Erz\u00e4hlen vom Wilden. Parzival, Busant und Wolfdietrich<\/i>, Berlin 2014, 13.<br><sup>27<\/sup>Vgl. ebd. 162.<br><sup>28<\/sup>Christoph Fasbender, <i>Der \u203aWigalois\u2039 Wirnts von Grafenberg. Eine Einf\u00fchrung<\/i>, Berlin 2010, 175.<br><sup>29<\/sup>Vgl. Ines Palau, <i>Bild \u2013 Macht \u2013 Gender. Blicke, Bilder und Geschlechterrollen in der h\u00f6fischen Epik<\/i>, Bonn 2022, 4.<br><sup>30<\/sup>Palau 2022, 165.<br><sup>31<\/sup>Vgl. Armin Schulz, <i>Erz\u00e4hltheorie in medi\u00e4vistischer Perspektive<\/i>, Berlin 2012, 32.<br><sup>32<\/sup>Carmen Stange, <i>Florie und die anderen. Die Frauenfiguren im \u203aWigalois\u2039 Wirnts von Grafenberg<\/i>, in: Monika Costard, Jacob Klingner, Carmen Stange (Hg.), <i>Mertens lesen. Exemplarische Lekt\u00fcren f\u00fcr Volker Mertens zum 75. Geburtstag<\/i>, G\u00f6ttingen 2012, 127\u2013146, hier 128.<br><sup>33<\/sup>Bianca H\u00e4berlein, <i>Gestimmte R\u00e4ume. Zur Poetizit\u00e4t und Interpassivit\u00e4t im \u203aWigalois\u2039 Wirnts von Grafenberg<\/i>, Berlin 2021, 171.<br><sup>34<\/sup>Vgl. ebd.<br><sup>35<\/sup>Vgl. Cordula B\u00f6cking, <i>\u00bbdaz w\u00e6r ouch noch guot w\u00eebes sit, \/ daz si iht harte wider strit\u00ab Streitbare Frauen in Wirnts \u203aWigalois\u2039<\/i>, in: Brigitte Burrichter u.&nbsp;a. (Hg.), <i>Aktuelle Tendenzen der Artusforschung<\/i>, Berlin 2013, 363\u2013380, hier 365.<br><sup>36<\/sup>J\u00f6ran Balks, <i>Verhandlungen h\u00f6fischer Identit\u00e4t. Intersektionale Deutungs- und Zuordnungsprozesse in Artusromanen um 1200. Iwein \u2013 Lanzelet \u2013 Gwigalois<\/i>, G\u00f6ttingen 2021, 246.<br><sup>37<\/sup>Annette Gerok-Reiter, <i>Waldweib, Wirnt und \u203aWigalois\u2039. Die Inklusion von Didaxe und Fiktion im parataktischen Erz\u00e4hlen<\/i>, in: Henrike L\u00e4hnemann, Sandra Linden (Hg.), <i>Dichtung und Didaxe. Lehrhaftes Sprechen in der deutschen Literatur des Mittelalters<\/i>, Berlin 2009, 155\u2013172, hier 166.<br><sup>38<\/sup>B\u00f6cking 2013, 368.<br><sup>39<\/sup>Vgl. Schulter-Lang 2014, 18.<br><sup>40<\/sup>Vgl. Michael Veeh, <i>Auf der Reise durch die Erz\u00e4hlwelten hochh\u00f6fischer Kultur. Rituale der Inszenierung h\u00f6fischer und politischer Vollkommenheit im \u203aWigalois\u2039 des Wirnt von Grafenberg<\/i>, Berlin 2013, 190.<br><sup>41<\/sup>B\u00f6cking 2013, 369.<br><sup>42<\/sup>Fasbender 2010, 88.<br><sup>43<\/sup>Balks 2021, 250.<br><sup>44<\/sup>Vgl. B\u00f6cking 2013, 371.<br><sup>45<\/sup>Ebd.<br><sup>46<\/sup>Vgl. Veeh 2013, 192.<br><sup>47<\/sup>Vgl. Sieburg 2012, 184.<br><sup>48<\/sup>B\u00f6cking 2013, 369.<br><sup>49<\/sup>Vgl. Stephan Fuchs, <i>Hybride Helden. Gwigalois und Willeham. Beitr\u00e4ge zum Heldenbild und zur Poetik des Romans im fr\u00fchen 13. Jahrhundert<\/i>, Heidelberg 1997, 159.<br><sup>50<\/sup>Armin Schulz, <i>Das Nicht-H\u00f6fische als D\u00e4monisches. Die Gegenwelt Korntin im Wigalois<\/i>, in: Friedrich Wolfzettel, Cora Dietl, Matthias D\u00e4umer (Hg.), <i>Artusroman und Mythos<\/i>, Berlin 2011, 391\u2013408, hier 402.<br><sup>51<\/sup>Palau 2022, 7.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder Vierte f\u00fchlt sich durch Sch\u00f6nheitsideale unter Druck gesetzt. 1 Es sind alarmierende Ergebnisse, die im August dieses Jahres vom MDR ver\u00f6ffentlicht wurden. Laut einer Studie, an der etwa 20.000 Menschen aus Mitteldeutschland teilgenommen haben, f\u00fchlt sich jede vierte Person durch Sch\u00f6nheitsideale unter Druck gesetzt.2 Frauen sind davon doppelt so h\u00e4ufig betroffen wie M\u00e4nner. 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