{"id":526,"date":"2024-11-26T21:08:04","date_gmt":"2024-11-26T20:08:04","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/?p=526"},"modified":"2024-12-09T09:04:56","modified_gmt":"2024-12-09T08:04:56","slug":"harter_kassandra","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/harter_kassandra\/","title":{"rendered":"Kassandra: Zwischen Ekstase und Sinnesverlust  &#8211; Annalena Harter"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-cover alignwide has-background-dim-20 has-background-dim is-position-center-center\" style=\"background-image:url(https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/10\/Lady_Emma_Hamilton_as_Cassandra_by_George_Romney.jpg);background-position:40% 26%;min-height:375px\"><div class=\"wp-block-cover__inner-container\">\n<p style=\"font-size:50px\"><p class=\"has-text-align-center has-text-color\" style=\"line-height:1.1;font-size:50px;color:#fffffa\"><strong>Zwischen Ekstase und Sinnesverlust<\/strong><br><em>Feministische Neuverarbeitungen des<br>Kassandra-Mythos bei Christa Wolf und<br>Florence + The Machine<\/em><\/p><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p class=\"has-drop-cap\">\nJohann Wolfgang von Goethes <i>Prometheus<\/i> und <i>Iphigenie auf Tauris<\/i>, Heinrich Kleists <i>Penthesilea<\/i>,\nJames Joyces <i>Ulysses<\/i>, Christa Wolfs <i>Kassandra<\/i> und Florence + the Machines <i>Cassandra<\/i> \u2013 gemeinsam ist all diesen Werken, dass sie sich mit Mythen besch\u00e4ftigen, und zwar vorrangig mit den\nGeschichten der griechischen Mythologie. Der Philosoph Hans Blumenberg spricht davon, dass\nes eine der wesentlichen Funktionen des Mythos sei, das Unerkl\u00e4rbare zu erkl\u00e4ren, den Menschen die\nAngst vor einer scheinbar allgegenw\u00e4rtigen \u00dcbermacht in der Welt zu nehmen.<sup>1<\/sup>\n<\/p>\n\n<p>Ausgehend von dieser These verbunden mit der Beobachtung, dass die oben aufgef\u00fchrten Werke in einer Zeit\nentstanden sind, in welcher die Wissenschaft als Welt erkl\u00e4rende Instanz den Mythos eigentlich\nentbehrlich gemacht hat, stellt sich die Frage, wieso der Mythos dennoch weiterhin wiederholt, oder genauer:\nverarbeitet wird. Gerade das 20. und 21. Jahrhundert bieten revolution\u00e4re Erkenntnisse in den\nNaturwissenschaften, man denke beispielsweise an die Entwicklung der Quantentheorien im fr\u00fchen\n20. Jahrhundert \u2013 wieso also noch den Mythos bem\u00fchen? Es scheint ein gewisses produktives\nMoment im Mythos an sich, wie auch in dessen literarischer und intermedialer Wiederholung gegeben zu sein, dessen Funktion nicht (mehr) ausschlie\u00dflich in der Erkl\u00e4rung der Welt besteht. Im vorliegenden Aufsatz stelle ich daher die zun\u00e4chst einfach anmutende Frage, wieso Mythen so\nbest\u00e4ndig wiederholt werden.\n<\/p>\n\n<p>Der Fokus liegt dabei zum einen auf dem Aspekt der Wiederholung in Form eines feministisch\nmotivierten Umschreibens. Welcher Effekt wird hervorgerufen, wenn ein bereits verarbeiteter Stoff\nerneut aufgegriffen, ein bereits bestehendes Werk erneut literarisch, nun mit Fokus auf\nGenderverh\u00e4ltnissen, erz\u00e4hlt wird? Welchen \u203aMehrwert\u2039 erh\u00e4lt ein literarisches Werk durch die\nvariierende Wiederholung antiker Stoffe \u2013 weshalb ist gerade eine mythische Neuverarbeitung\nweitaus mehr als ein simples Nochmal-Erz\u00e4hlen? Zum anderen wird untersucht, wieso sich gerade\ndie \u203aTextsorte\u2039 Mythos als so beliebt f\u00fcr genderbezogene k\u00fcnstlerische Bearbeitungen herausstellt.\nWas zeichnet den Mythos aus und welcher Vorteil f\u00fcr die Erzeugung von Bedeutung ergibt sich, wenn\nstatt einer einfachen Schilderung eines Zustandes ein mythologisches Geschehen als Metapher oder\nAllegorie zur Veranschaulichung genutzt wird?\n<\/p>\n\n<p>Als Textgrundlage werden dabei zwei moderne Verarbeitungen des Kassandramythos verwendet:\nChrista Wolfs Erz\u00e4hlung <i>Kassandra<\/i> sowie das Lied <i>Cassandra<\/i> der englischen Alternative-Band\nFlorence + the Machine. Beide Werke werden bez\u00fcglich des feministischen Umschreibens und der\nFunktion des Mythos untersucht.\n<\/p>\n\n<h2>Der verschm\u00e4hte Mann und die verfluchte Frau \u2013 Kassandra in der Antike: Aischylos\u2019 \u00bbAgamemnon\u00ab\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Kassandra ist in der griechischen Mythologie, so auch im <i>Agamemnon<\/i>, die Seherin, welche ihre\nProphetinnengabe durch den Gott Apoll erlangt. Um Seherin zu werden, verspricht Kassandra, die\nsexuellen Begierden des Gottes, die dieser f\u00fcr sie hegt, zu erf\u00fcllen. Da sie dieses Versprechen jedoch\nnicht einh\u00e4lt, verf\u00fcgt Apoll als Strafe, dass niemand ihren (wahren) Prophezeiungen Glauben\nschenkt.<sup>2<\/sup>\n<\/p>\n\n<p><i>Agamemnon<\/i> ist die erste der drei Trag\u00f6dien in der <i>Orestie<\/i> und wurde von dem griechischen Dichter\nAischylos verfasst. Der <i>Agamemnon<\/i> behandelt das Ankommen desselben und Kassandras an der Burg\nder Atriden in Mykene. Dort wartet bereits Agamemnons Ehefrau Klytaimnestra, um beide zu\nermorden. Grund daf\u00fcr ist einerseits die Opferung Iphigenies, Agamemnons und Klytaimnestras\nTochter, durch Agamemnon (vgl. O, 21) sowie das au\u00dfereheliche Verh\u00e4ltnis Agamemnons und\nKassandras, welches im Zuge des Troianischen Krieges entsteht (vgl. O, 105).\n<\/p>\n\n<p>Anders als in Prosatexten ist es typisch f\u00fcr die Gattung des Dramas, und damit der Trag\u00f6die, dass\nkeine direkt erz\u00e4hlende Instanz vorliegt. Die Handlung wird durch den \u00bbWechsel zwischen Gesang\nund dramatischer Rede\u00ab, das hei\u00dft Redebeitr\u00e4ge der beteiligten Figuren, vermittelt.<sup>3<\/sup> Zwar kann der\nChor als Organ, welches das Geschehen \u00fcberblickt und den Zuschauer:innen wichtiges Vorwissen\nzukommen l\u00e4sst, als eine solche Instanz agieren (vgl. O, 11), jedoch ist gerade das Sprechen der\nFiguren ohne eine ordnende Erz\u00e4hlinstanz charakteristisch f\u00fcr Drama und Trag\u00f6die. Wann und in\nwelchem Ausma\u00df Kassandra im Drama eine Stimme findet, ist dabei abh\u00e4ngig vom Verfasser\nAischylos. Wichtig zu beachten ist auch, dass die Darstellung Kassandras und ihre Erfahrung als Frau\nin der Trag\u00f6die selbst aus einem m\u00e4nnlichen Standpunkt \u2013 der Perspektive des Aischylos \u2013 heraus\nkonzipiert sind. Es gilt daher zu untersuchen, wie die Figur der Kassandra und ihr Sprechen aus der\nm\u00e4nnlichen Perspektive des Aischylos heraus dargestellt werden und vor allem welche Unterschiede\nzur Verarbeitung desselben Stoffes aus einer weiblichen Perspektive heraus bestehen.\n<\/p>\n\n<p>Kassandra tritt erst in der zweiten H\u00e4lfte des <i>Agamemnon<\/i> auf, doch nimmt sie daraufhin \u2013 bis zu\nihrem Tod \u2013 einen recht gro\u00dfen Anteil der Gesamtrede ein. Auff\u00e4llig ist, dass Kassandras erstes\nSprechen eigentlich keine ganzen S\u00e4tze, sondern vielmehr einzige Laute der Klage sind: \u00bbO oh o\nweh, o weh, ach!\/Apollon, Apollon!\u00ab (O, 75). Kassandra mag im Drama eine Stimme haben, gerade\nzu Beginn ihrer Anwesenheit hat es aber den Anschein, als k\u00f6nne sie sich mit der menschlichen\nSprache gar nicht richtig ausdr\u00fccken. W\u00e4hrend des weiteren Verlaufs der Handlung werden ihre S\u00e4tze\njedoch zusammenh\u00e4ngender und wohlartikulierter. Kassandra wird anfangs vor allem als eine \u00fcber\nihr Schicksal trauernde Frau dargestellt. Sie klagt: \u00bbApollon, o Heilgott,\/Wegf\u00fchrer, Unheilgott f\u00fcr\nmich:\/In Unheil warfst du mich ja ganz zum zweitenmal!\u00ab (O, 75) und \u00bbO weh, o der Unselgen\nd\u00fcstres Todeslos!\/Mein eignes klag ich laut, mein Leid misch ich darein.\/Wozu hast du mich hier \u2013\ndie Arme \u2013 hergef\u00fchrt?\/Allein doch, da\u00df ich mit hier sterbe: wozu sonst?\u00ab (O, 79, 81). Sp\u00e4ter f\u00fcgt\nsich Kassandras Klage eine Wut \u00fcber ihre Seherinnengabe bei, die sie veranlasst, sich von ihrem\nPriesterinnentum loszusagen:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nWozu, die mich zu aller Spott gemacht, trag ich sie noch:\/Den Stab hier und am Hals die\nSeherbinde da?\/Dich, eh mein Los sich mir erf\u00fcllt, zerbrech ich so!\/Zur H\u00f6ll mit euch! Da liegt\nihr! So zahl ich euch heim!\/Eine andre macht an meiner Statt an Unheil reich! (O, 91)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nDen Titel als Seherin und das damit verbundene Ungl\u00fcck, dass niemand ihren Prophezeiungen glaubt,\nwelches auch zu ihrer gegenw\u00e4rtigen Situation f\u00fchrte, weist sie somit explizit von sich. Dass\nKassandras Rede tendenziell wenig Glauben geschenkt wird, zeigt sich im <i>Agamemnon<\/i> vor allem\ndurch die Interaktionen zwischen Kassandra und dem Chor, besonders dem Chorf\u00fchrer. Zuweilen\nscheint der Chor fast von ihrer Rede \u00fcberzeugt: \u00bbUns wahrlich scheinst glaubw\u00fcrdig du zu\nprophezein.\u00ab (O, 87). Das Misstrauen des Chores \u00fcberwiegt allerdings. Er bezeichnet sie als\n\u00bbsinnesgest\u00f6rt\u00ab und ihren gegenw\u00e4rtigen Zustand des Sehens als Wahn (vgl. O, 81). Die falsche\nBetrachtung von Kassandras Sinnen, die die Wahrheit erkennen und kommunizieren, als nicht\nfunktional, ist der exakte Ausdruck ihres Schicksals. Niemand au\u00dfer Kassandra ist von der Wahrheit\nihrer Rede \u00fcberzeugt. Somit befindet Kassandra sich automatisch in einer Situation der Ausgrenzung.\nSie als alleinige Person, welche die Wahrheit in ihrem Sehen erkennt, steht dem Rest des Volkes, das\nan diesem Erkennen scheitert, gegen\u00fcber. Die gesellschaftliche Randposition wird auch durch die\nAntithese \u00bbApollon, o Heilgott,\/Wegf\u00fchrer, Unheilgott f\u00fcr mich\u00ab deutlich (O, 75). Im normalen\nKontext des Alltags der Griech:innen wird Apollon als Heilgott angesehen, lediglich die gestrafte\nKassandra sieht in ihm einen (pers\u00f6nlichen) Unheilgott.\n\n<\/p>\n\n<p>Die Handlungen der Kassandra im Drama beschr\u00e4nken sich auf das Klagen sowie die Konversationen\nmit dem Chor. Sie hat au\u00dfer diesem Akt des Lossagens von ihrem Priesterinnentum keinen Anteil an\nTaten, die die Handlung des Dramas explizit vorantreiben. Ebenso wenig kann sie die Handlung des\nDramas ver\u00e4ndern oder gar verhindern. Die Literaturwissenschaftlerin Svenja Schmidt erw\u00e4hnt in\ndiesem Kontext auch, Kassandra lenke durch ihre Vorhersagen lediglich die Erwartungen der\nZuschauer:innen.<sup>4<\/sup> Der Titel der Trag\u00f6die, <i>Agamemnon<\/i>, verdeutlicht bereits, dass dieser die\nHauptfigur darstellt. Kassandra nimmt in der Trag\u00f6die eher die Rolle einer Nebenfigur ein und\nfungiert als Gegenspielerin Klytaimnestras.\n<\/p>\n\n<p>Aufgrund der Form der Trag\u00f6die kann die Figur der Kassandra nur durch ihr eigenes Sprechen oder\ndie Reden der anderen Figuren charakterisiert werden. So wird sie zu Beginn durch die\nZuschreibungen Klytaimnestras und denen des Chors skizziert. Erstere meint, \u00bbrasend ist sie, blo\u00df\nverbohrt in b\u00f6sen Trotz\u00ab (O, 73). F\u00fcr Klytaimnestra stellt Kassandra also eine sture und intrinsisch\nb\u00f6se Frau dar. Die Bewertung Kassandras als eitel und \u00bbsinnesgest\u00f6rt\u00ab durch den Chor integrieren\nsich in dieses Bild. Kassandra wiederum erwidert diese Antipathie. Sie sieht Klytaimnestra als\n\u00bbverha\u00dfte[s] Untier\u00ab, als \u00bbrasende H\u00f6llenmutter\u00ab (O, 87). F\u00fcr die Rezipient:innen ist demnach\noffensichtlich, dass die Frauen Klytaimnestra und Kassandra sich verfeindet gegen\u00fcberstehen und\nAischylos sie gewisserma\u00dfen gegeneinander ausspielt. Der Grund f\u00fcr die Feindschaft scheint das\nBegehren ein und desselben Mannes, des Agamemnon, zu sein. Die direkte Gegenspielerin und\nFeindin ist Kassandra deshalb, da sie diejenige ist, mit welcher Agamemnon den Ehebruch begeht:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nDie Kriegsgefangne \u2013 hier! Die Zeichendeuterin\/Und Beischl\u00e4frin von dem dort, die\nWahrsagerin,\/Getreuer Bettschatz ihm, die Schiffsverdeckes Bank\/Mit ihm gedr\u00fcckt! Doch\nungestraft nicht taten sie\u2019s. (O, 105)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nDer <i>Agamemnon<\/i> zeigt ebenfalls, dass die Figuren verschiedenen, komplexen, nicht ausschlie\u00dflich\npatriarchalen Machtverh\u00e4ltnissen unterstehen. Als Zweifachm\u00f6rderin steht Klytaimnestra in einem\nmatriarchalen Machtverh\u00e4ltnis zu Kassandra und Agamemnon. Kassandra wiederum steht unter\ndreifacher Gewalt. Zum einen ist sie die Sklavin Agamemnons und damit in ihrer Handlungsfreiheit\neingeschr\u00e4nkt. Durch den Fluch Apolls ist sie auch diesem untergeordnet. Apoll verf\u00fcgt \u00fcber die\nMacht, die Rede der Frau in der Gesellschaft glaubhaft oder unglaubhaft wirken zu lassen. Diese\nVerh\u00e4ltnisse sind als patriarchal zu beschreiben. Gleichzeitig unterliegt sie durch ihren Tod jedoch\nauch Klytaimnestras Macht.\n\n<\/p>\n\n<p>Zusammenfassend wird Kassandra im <i>Agamemnon<\/i> als ein tragisches Frauenschicksal dargestellt.\nFamilien und ganze St\u00e4dte gehen unter, da die Wahrheit sprechende Frau kein Geh\u00f6r findet. Diese\nStrafe erh\u00e4lt sie von dem von ihr verschm\u00e4hten Mann (und Gott) Apollon: Die Abweisung eines\nMannes durch die Frau Kassandra wird zum Ausl\u00f6ser f\u00fcr Leid. Sie selbst ger\u00e4t bereits in Troia in eine\nSituation der gesellschaftlichen Ausgrenzung, welche in Griechenland durch die Feindschaft mit\nKlytaimnestra best\u00e4rkt wird. Die Feindschaft zwischen den beiden Frauen ist hier pers\u00f6nlich\nmotiviert. Beide zeigen Interesse an oder empfinden, in Kassandras Fall, Sympathie gegen\u00fcber\nAgamemnon.<sup>5<\/sup> Die Rede der Kassandra besteht in der Trag\u00f6die zum Gro\u00dfteil aus Klage, dem \u203aSehen\u2039\nund Dialogen mit dem Chor. Gem\u00e4\u00df dem Mythos wird Kassandras Prophezeiung auch bei Aischylos\nin Abrede gestellt. Dieser Umstand veranlasst sie schlussendlich dazu, sich von ihrer Identit\u00e4t als\nSeherin loszusagen. Als Nebenfigur kann Kassandra die Handlung des Dramas nicht aktiv ver\u00e4ndern.\nZudem steht sie im Drama unter dreifacher, teils matriarchaler und teils patriarchaler Gewalt, was\nihre Handlungsf\u00e4higkeit in der Trag\u00f6die zus\u00e4tzlich einschr\u00e4nkt.\n<\/p>\n\n<h2>Christa Wolfs <i>Kassandra<\/i> \u2013 die literarische Emanzipation einer Figur\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Christa Wolfs Erz\u00e4hlung <i>Kassandra<\/i>, 1983 erstmals in der BRD erschienen, ist ein innerer Monolog\nKassandras. Diese rekapituliert \u2013 auf dem Beutewagen des Agamemnon vor der Burg Mykene sitzend\nund auf ihren Tod wartend \u2013 ihr Leben in Troia als K\u00f6nigstochter und Seherin bis zum Untergang der\nStadt und der Ankunft in Griechenland. Da in Bezug zur Forschungsfrage vor allem die Unterschiede\nzwischen Wolfs Werk und Aischylos <i>Agamemnon<\/i> von Relevanz sind, soll im Folgenden nur\nsummarisch auf die Gemeinsamkeiten und ausf\u00fchrlicher auf die vor allem feministisch motivierte\nVariation des Mythos in der Erz\u00e4hlung mit Aischylos\u2019 Drama eingegangen werden.\n<\/p>\n\n<p>Wie auch im <i>Agamemnon<\/i> ist Kassandras Leben bei Christa Wolf von einer deterministischen\nSchicksalhaftigkeit gepr\u00e4gt. So reflektiert sie zu Beginn der Erz\u00e4hlung: \u00bbHier ende ich, ohnm\u00e4chtig,\nund nichts, nichts was ich h\u00e4tte tun oder lassen, wollen oder denken k\u00f6nnen h\u00e4tte mich an ein andres\nZiel gef\u00fchrt\u00ab.<sup>6<\/sup> Zudem wird Kassandras Warnungen, zumindest in den entscheidenden Augenblicken,\nimmerhin Beachtung, aber kein Glauben geschenkt. Als die Troianer das Kriegsgeschenk der\nGriechen in die Stadt ziehen und Kassandra \u00bbschrie, bat, beschwor und [\u2026] in Zungen [redete]\u00ab,\nglaubt ihr der Anf\u00fchrer Eumelos nicht (K, 176). Sie begreift, \u00bbwas der Gott [Apoll] verf\u00fcgte: Du\nsprichst die Wahrheit, aber niemand wird dir glauben\u00ab (K, 177). Kassandra ist eine respektierte\nTraumdeuterin (vgl. K, 177), sie wird aber, sobald sie in politischen Angelegenheiten (berechtigte)\nWarnungen ausspricht, der \u00d6ffentlichkeit entzogen und als wahnsinnig erkl\u00e4rt. Ihre Prophezeiungen\nfinden kein Geh\u00f6r. So erkennt Kassandra beispielswiese als einzige, dass das Vornehmen des Paris,\nMenelaos\u2019 Ehefrau Helena zu entf\u00fchren, nur im Krieg enden kann. Als sie schreit, \u00bbWehe, wehe. La\u00dft\ndas Schiff nicht fort!\u00ab, wird sie \u00bbaus dem Saal geschleift\u00ab und es kursiert das Ger\u00fccht, sie sei\nwahnsinnig (K, 79).\n<\/p>\n\n<p>Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Kassandrafiguren ist die Verortung in spezifischen\nMachtverh\u00e4ltnissen. Zwar werden in Christa Wolfs Erz\u00e4hlung explizit matriarchale Orte als\nGegenr\u00e4ume zum patriarchalen Troia entworfen (siehe dazu beispielsweise die Kybele-Gemeinschaft\nder troianischen Frauen),<sup>7<\/sup> in einem k\u00f6rperlichen Sinn untersteht Kassandra aber vor allem dem Mann\nPanthoos, einem griechischen Priester (vgl. K, 87). Weiterhin steht Kassandra als troianische B\u00fcrgerin\ntrotz ihrer k\u00f6niglichen Herkunft unter dem troianischen Gesetz und muss sich dem Willen des K\u00f6nigs,\nihrem Vater, und dessen Dienern f\u00fcgen.\n<\/p>\n\n<p>Da in diesen Beispielen immer ein m\u00e4nnlicher Part Gewalt \u00fcber die weibliche Kassandra aus\u00fcbt, sind\ndiese Machtverh\u00e4ltnisse ebenfalls als patriarchal zu beschreiben. Eine Macht von Frauenfiguren \u00fcber\nM\u00e4nnerfiguren ist in Wolfs Erz\u00e4hlung allerdings ebenfalls dargestellt. So liegt ein Vorteil der Frauen\nTroias in einer Art intellektueller \u00dcbermacht gegen\u00fcber den troianischen M\u00e4nnern, vor allem\ngegen\u00fcber K\u00f6nig Priamos. Kassandra scheint beispielsweise mehr \u00fcber ihre Mitmenschen zu wissen,\nals diese von sich selbst wissen oder wahrhaben wollen. Ihrem Vater wirft sie vor: \u00bbDu liegst [\u2026] mit\ndir selbst im Widerstreit. H\u00e4ltst dich selbst in Schach. L\u00e4hmst dich\u00ab (K, 88).\n<\/p>\n\n<p>Die wichtigsten Unterschiede zwischen der Kassandra bei Christa Wolf zur Kassandra des Aischylos\nliegen in der literarischen Form der Darstellung der Kassandrageschichte und den bei Wolf\nvorliegenden feministischen Z\u00fcgen des Textes. Wolfs Erz\u00e4hlung weist, anders als Aischylos\u2019\nTrag\u00f6die, eine Erz\u00e4hlerin auf: die Hauptfigur Kassandra, Tochter des troianischen K\u00f6nigs Priamos.\nDie Erz\u00e4hlinstanz ist demnach eine homo- und autodiegetische, intern fokalisierte. Die Erz\u00e4hlung\nselbst, der innere Monolog Kassandras, beginnt <i>in medias res<\/i> und liegt als meist analeptisches\nErz\u00e4hlen ihres Lebens in Troia mit gelegentlichen Einsch\u00fcben des gleichzeitigen Erz\u00e4hlens, also\nSchilderungen aus der Erz\u00e4hlgegenwart, vor.\n<\/p>\n\n<p>Durch die Gattung der Prosa kann bereits die erste elementare Weiterentwicklung in der literarischen\nDarstellung Kassandras vollzogen werden: Kassandra selbst hat eine allgegenw\u00e4rtige Stimme und\ndamit die Freiheit, zu entscheiden, in welcher Sprache, auf welche Weise und in welchem Umfang\nEreignisse geschildert werden. So ist die gesamte Erz\u00e4hlung ein Zeugnis der ausgepr\u00e4gten\nArtikulation Kassandras und ihrer Lebenserfahrung (als Frau).\n<\/p>\n\n<p>Diese Lebenserfahrung schildert sie vergleichsweise ehrlich und direkt: So bringt sie sowohl zur\nSprache, dass \u00bbAchill das Vieh\u00ab (K, 104) die tote Penthesilea vergewaltigt (vgl. K, 156), als auch,\ndass Agamemnon seine eigene Tochter ermordet. Die Bezeichnung \u00bbAchill das Vieh\u00ab zieht sich dabei\ndurch den gesamten Monolog und stellt Kassandras Wunsch dar, die Dichter m\u00f6gen aufh\u00f6ren,\nruhmreiche Heldenlieder \u00fcber den (in vielerlei Hinsicht) T\u00e4ter Achill zu singen (Vgl. K, 104.). Sie\nlegt ebenfalls besonderen Wert darauf, dass Iphigenies Ermordung nicht etwa durch Formulierungen\nwie <i>opfern<\/i> oder \u00c4hnliche verschleiert wird (K, 71). Schonungslos entlarvt sie als m\u00e4nnlich codierte\nVerhaltensweisen und Psychologie: \u00bbDie Frau schinden, um den Mann zu treffen\u00ab, und die\nDynamiken der patriarchalen, troianischen Gesellschaft: \u00bbDie M\u00e4nner, schwach, zu Siegern\nhochgeputscht, brauchen, um sich \u00fcberhaupt noch zu empfinden, uns [die Frauen] als Opfer\u00ab (K,\n156). Im Kontext der Geschichte betrachtet, in welcher Kassandra der \u00d6ffentlichkeit jedes Mal\nentzogen wird, sobald sie beginnt, Tatsachen auszusprechen, die ein m\u00e4nnlicher Part als solche nicht\nanzuerkennen scheint, ist gerade das Aussprechen mit der Erz\u00e4hlung ein Akt der Auflehnung gegen\npatriarchale (Rede-)Verh\u00e4ltnisse, wie sie im Text selbst existieren.\n<\/p>\n\n<p>In Anbetracht der literarischen Form ist ebenfalls der poetologische Aspekt der <i>Kassandra<\/i>\nanzumerken. Kassandra bezeichnet ihre Gedanken explizit als \u00bbErz\u00e4hlung\u00ab, mit welcher sie \u00bbin den\nTod\u00ab geht (K, 7). Da Erz\u00e4hltexte immer einen mindestens impliziten Adressaten oder eine implizite\nAdressatin voraussetzen, ist anzunehmen, dass auch Kassandra ihre Gedanken an eine\nZuh\u00f6rer:innenschaft richtet. Die Erz\u00e4hlung ist demnach nicht mehr nur reine pers\u00f6nliche\nRekapitulation eines Lebens, sondern ein Umstand, ein Beispiel, welches f\u00fcr eine gewisse\nAdressat:innengruppe aufgrund eines bestimmten Zweckes aufbereitet wird.\n<\/p>\n\n<p>Gleichzeitig spielt der Aspekt der Zeug:innenschaft f\u00fcr sich selbst sowie das Bewusstsein und\nkognitive Verarbeiten der eigenen Erfahrungen bis zum letzten Moment des eigenen Lebens eine\nenorme Rolle im Umgang mit dem eigenen Selbst und Schicksal der Kassandra. So erkl\u00e4rt sie: \u00bbIch\nwill die Bewu\u00dftheit nicht verlieren, bis zuletzt\u00ab (K, 31) und \u00bbIch will Zeugin bleiben, auch wenn es\nkeinen einzigen Menschen mehr geben wird, der mir mein Zeugnis abverlangt\u00ab (K, 32). Es scheint\nsinnvoll, anzunehmen, dass ein Teil der Autonomie Kassandras als Frau daraus hervorgeht, die\nZeug:innenschaft nur f\u00fcr sich selbst ablegen zu k\u00f6nnen, unabh\u00e4ngig von der Existenz potenzieller\nAdressat:innen und Rezipient:innen \u2013 schlie\u00dflich erlangt sie diese Autonomie nicht zuletzt durch den\nUmstand, dass die Erz\u00e4hlung ihr eine Stimme verleiht. Die Frau kann eine Stimme haben, die f\u00fcr sie\nSelbstzweck und nicht nach einem m\u00e4nnlichen Rezipienten ausgerichtet ist. Dies entspricht einem\nneuen Verh\u00e4ltnis von Frauen und M\u00e4nnern (von Geschlechterbinarit\u00e4t ausgegangen), in welchem die\nFrau und vor allem die Rede der Frau nicht in Relation zu einem m\u00e4nnlichen Counterpart, sondern\nf\u00fcr sich alleine steht. Die Frau ist als Frau ohne R\u00fcckgriff auf einen m\u00e4nnlichen Part definierbar.\n<\/p>\n\n<p>Zur Rede der Kassandra bei Christa Wolf geh\u00f6rt ebenfalls, dass f\u00fcr die Darstellung von Kassandras\nSchicksal und gegenw\u00e4rtige Situation kein klagender Ton verwendet wird. Sofern ihre Rekapitulation\nvon einer Emotion unterbrochen wird, dann von der der Angst (vgl. K, 32). Generell wird die Figur\nder Kassandra im Gegensatz zur tragischen Darstellung bei Aischylos eher in einem positiven Sinn\nkonstruiert; sie beschreibt sich selbst als umg\u00e4nglich, bescheiden und anspruchslos, als aufrecht, stolz\nund wahrheitsliebend (vgl. K, 18). Hier wird demnach kein der Kunstform des antiken Dramas wegen\ntragisches Frauenschicksal dargestellt. Die Frau wird als Person beschrieben, die f\u00fcr ihre\ngesellschaftliche Gruppe relevante und kennzeichnende Erfahrungen macht.\n<\/p>\n\n<p>Christa Wolfs <i>Kassandra<\/i> ist in einer weiteren Hinsicht feministisch konzipiert. So schafft Kassandra\nin ihrer Erz\u00e4hlung Raum f\u00fcr die Darstellung explizit weiblicher Erfahrungen. Im Kontext der\nVergewaltigung Penthesileas durch Achill spricht sie von einem kollektiven, weiblichen Gef\u00fchl der\nAnteilnahme: \u00bbUnd ich st\u00f6hnte. Warum. Sie hat es nicht gef\u00fchlt. Wir f\u00fchlten es, wir Frauen alle\u00ab (K,\n156). Aus dieser kollektiven Anteilnahme am Leid der Penthesilea heraus entsteht ein Zug,\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nder Penthesileas Leiche trug und sich auf dem Weg vom Flu\u00df her, wo sie [die Anh\u00e4ngerinnen\nPenthesileas] sie herausgezogen hatten, immer mehr vergr\u00f6\u00dferte. Amazonen, Troianerinnen,\nalles Frauen. (K, 157)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nDass Achill die tote Penthesilea noch sch\u00e4ndet, l\u00f6st bei den Frauen einen schieren Wahnsinn aus.\nW\u00e4hrend der Totenwache derselben entwickelt sich aus der rasenden Wut \u00fcber Achill und die\ngleichzeitige Verehrung Penthesileas bei den Frauen ein rauschartiger Zustand, welcher in der Ekstase\ngipfelt:\n\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nDie Frauen, die im Kreis standen, [\u2026]. Begannen sich zu wiegen. Wurden lauter, zuckten. Eine\nwarf den Kopf, die andern folgten. Krampfhaft zogen die K\u00f6rper sich zusammen. Eine taumelte\nin den Kreis, neben der Leiche begann sie zu tanzen, stampfend, die Arme schleudernd und sich\nsch\u00fcttelnd. Ohrenbet\u00e4ubend wurde das Gekreisch. Die Frau im Kreis verlor die\nSelbstkontrolle. Schaum trat ihr vor den Mund, der sperrweit aufgerissen war. Zwei, drei, vier\nandre Frauen waren, ihrer Glieder nicht mehr m\u00e4chtig, an dem Punkt, da h\u00f6chster Schmerz\nund h\u00f6chste Lust sich treffen. Ich sp\u00fcrte, wie der Rhythmus auf mich \u00fcberging. Wie in mir der\nTanz anfing, eine heftige Versuchung, nun, da nichts mehr helfen konnte, alles, auch mich selber\naufzugeben und aus der Zeit zu gehn. Meine F\u00fc\u00dfe gingen lieber aus der Zeit, so hie\u00df der\nRhythmus, und ich war dabei, mich ihm ganz zu ergeben. [\u2026] Tanze, Kassandra, r\u00fchr dich!\nJa, ich komme. Alles in mir dr\u00e4ngte zu ihnen hin. (K, 157f.)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nDass dieser Rausch, diese Ekstase eine explizit weibliche ist, kann damit begr\u00fcndet werden, dass der\nRauschzustand nur aufgrund von spezifisch weiblichen Erfahrungen zustande kommen kann: dem\nGef\u00fchl der Ohnmacht, der wahnsinnigen Wut gegen das m\u00e4nnliche Handeln der Frau gegen\u00fcber. In\nder <i>Kassandra<\/i> stellt sich dies im Gef\u00fchl der wahnsinnigen Wut der Frauen \u00fcber Penthesileas\nErmordung und Vergewaltigung dar. Der ekstatische H\u00f6hepunkt der Frauen markiert zugleich den\nH\u00f6hepunkt in der ver\u00e4nderten, auf weibliche Lebensrealit\u00e4ten und Erfahrungen fokussierten\nDarstellungsweise, nicht nur der Kassandra, sondern der gesamten Frauen Troias. Die Erz\u00e4hlung\nerweist sich als das Zeugnis einer weiblichen Lebensrealit\u00e4t im generellen sowie weiblicher\nGrenzerfahrungen, exemplarisch durchgef\u00fchrt am Mythos der Kassandra von Troia.\n<\/p>\n\n<p>Verbunden mit der Beobachtung, dass sich der Text explizit selbst als Erz\u00e4hlung ausweist, und somit\neine gewisse, allerdings unklar definierte Adressat:innengruppe impliziert, kann das \u203aAnsprechen\u2039\nund \u203aAussprechen\u2039 der gesellschaftlichen Missst\u00e4nde, der von Benachteiligung zeugenden\nErfahrungen der Frauen, als politisierend betrachtet werden. Die Adressierten werden vor allem f\u00fcr\nvon der heutigen Gesellschaft als fundamental betrachtete Themen, die Lebensrealit\u00e4t der Frau,\nsensibilisiert.\n<\/p>\n\n<p>Ein weiteres Gef\u00fchl, das als weiblich codiert dargestellt wird, ist der Moment des Verstehens des\nDreierverh\u00e4ltnisses von Agamemnon, Kassandra und Klytaimnestra zwischen Letzteren, als\nKlytaimnestra das Gegenst\u00fcck ihrer Halskette an Kassandras Hals entdeckt: \u00bbMit der gleichen Geste\ngriffen wir danach, blickten uns an, verstanden uns, wie nur Frauen sich verstehn\u00ab (K, 135). Im\nVergleich mit Aischylos\u2019 Konzeption der Frauenfiguren, welche sich als \u00e4u\u00dferste Feindinnen\ngegen\u00fcberstehen, und damit kein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Situation der jeweils anderen empfinden k\u00f6nnen,\nliegt hier eine interessante Weiterentwicklung in der Darstellung der Frauenfiguren und deren\nVerh\u00e4ltnis zueinander vor. Das gegenseitige Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Position der Anderen, diese Art der\nSolidarit\u00e4t, steigert sich noch in der Erkl\u00e4rung Kassandras:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\nDurch ein Schulterzucken gab sie mir zu verstehn, da\u00df, was geschah, nicht mir pers\u00f6nlich galt.\nNichts h\u00e4tte zu andern Zeiten uns hindern k\u00f6nnen, uns Schwester zu nennen, das las ich der\nGegnerin vom Gesicht ab, [\u2026] in den Mundwinkeln der Klytaimnestra erschien das gleiche\nL\u00e4cheln wie in den meinen. Nicht grausam. Schmerzlich. Da\u00df das Schicksal uns nicht auf die\ngleiche Seite gestellt hat. (K, 57)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nDurch das gegenseitige Trauern \u00fcber die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde \u2013 der Krieg Troias mit den Griechen \u2013\nzeigt sich, dass beide Frauen sich im Klaren dar\u00fcber sind, dass einzig die sozialpolitischen Umst\u00e4nde\ndie Gr\u00fcnde f\u00fcr ihre Gegenspielerinnenposition sind. Der Mord an Kassandra, welcher bei Aischylos\nnoch deutlich aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden hervorging, scheint hier lediglich politisch motiviert und\neine reine Formalit\u00e4t zu sein \u2013 ein Umstand, welchen beide Frauen aus ihrem Wissen um die\npatriarchalen Gesellschaften heraus, in welchen sie existieren, verstehen und akzeptieren. Auch hierin\nsind die beiden Frauenfiguren weiterentwickelt. Beide werden, anders als bei Aischylos, nicht auf ihr\nVerh\u00e4ltnis zu einem Mann reduziert, aus welchem dann zus\u00e4tzlich eine Feindschaft resultiert, sondern\nals Figuren in bestimmten politischen Geflechten konstruiert. Zugleich sind die Frauen komplex\ngenug angelegt, um sich dieser Verh\u00e4ltnisse bewusst zu werden und sie zu akzeptieren, mit Fassung\nanzunehmen. Beide Frauen befinden sich in keiner emotionalen Abh\u00e4ngigkeit zu Agamemnon, sind\nnicht von ihren Gef\u00fchlen geleitet, was die Verbundenheit von Kassandra und Klytaimnestra\nerm\u00f6glicht. Die auf romantischer Liebe basierende Abh\u00e4ngigkeit von einem Mann und die damit oft\neinhergehende Einschr\u00e4nkung in den Handlungen wird damit \u00fcberwunden.\n\n<\/p>\n\n<p>Ein weiterer Unterschied in der Verarbeitung des Kassandrastoffes liegt bei Christa Wolf in\nKassandras Verh\u00e4ltnis zu ihrer Seherinnengabe. Obwohl diese ihre Gabe letztendlich akzeptiert, sogar\n\u00bbLust aus allem [zog], was [sie] sah \u2013 Lust; Hoffnung nicht! \u2013 und [\u2026] weiter [lebte], um zu sehn\u00ab\n(K, 8), was der schlussendlichen Lossagung von der Identit\u00e4t als Seherin bei Aischylos diametral\ngegen\u00fcbersteht, schildert Kassandra den Weg zur Annahme der Seherinnenidentit\u00e4t als schwierig. Ihr\nanf\u00e4nglicher Wunsch, \u00bbdiesen verbrecherischen K\u00f6rper, in dem die Todesstimme ihren Sitz hatte\u00ab,\n(K, 80) auszuhungern, auszud\u00f6rren, wandelt sich allm\u00e4hlich um in eine Gew\u00f6hnung an das Sehen, in\nein Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit (vgl. K, 128f.) und schlie\u00dflich zu einer allumfassenden Lust (vgl. K,\n8).\n<\/p>\n\n<p>Obwohl auch Christa Wolfs Kassandra daran zugrunde geht, dass ihr im entscheidenden Augenblick\nniemand Glauben schenkt, so besteht die (auch feministische) Ver\u00e4nderung bei Wolfs Kassandra in\nder selbstbestimmten Praxis derselben, sich der Seherinnengabe anzunehmen, sie zum elementaren\nBestandteil der eigenen Identit\u00e4t zu machen. Obwohl die Gabe durch den Fluch des Apollon ihren\nprim\u00e4ren Sinn, die Menschen zu warnen, verloren hat, sagt sich Kassandra nicht von ihr und dem mit\nihr einhergehenden Leid los.\n<\/p>\n\n<p>Auch hier wird die Abh\u00e4ngigkeit, die Fremdbestimmung durch den Mann Apollon \u00fcberwunden,\nindem das verh\u00e4ngte Los nicht nur passiv angenommen, sondern f\u00fcr sich selbst aktiv umgedeutet\nwird \u2013 das Leid des Sehens wird zu Lust. Interessant w\u00e4re in diesem Kontext auch die \u00dcberlegung,\nob mit dem Begriff der Lust gleichzeitig der Gedanke der sexuellen Emanzipation mitschwingt, oder\nob Lust in der Erz\u00e4hlung lediglich als Gegenst\u00fcck zu Leid fungiert.\n<\/p>\n\n<p>Christa Wolfs <i>Kassandra<\/i> ist in vielerlei Hinsicht eine Weiterentwicklung der literarischen Darstellung\nder Kassandrafigur im Vergleich zur Darstellung der Kassandra im <i>Agamemnon<\/i> des Aischylos.\nW\u00e4hrend Kassandra bei Aischylos nur eine Nebenrolle einnimmt, ist die <i>Kassandra<\/i> Wolfs ein\neinziges ungefiltertes Zeugnis der Lebenserfahrung einer Frau im antiken Troia. Die Erz\u00e4hlung ist\ninsofern feministisch zu lesen, als eine zweifach weibliche Perspektivierung vorliegt. Zum einen wird\ndie Geschichte um Kassandra textintern durch Kassandra selbst geschildert. Sie berichtet ausf\u00fchrlich\nvon einer weiblichen Lebensrealit\u00e4t und weiblichen (Grenz-)Erfahrungen. Ihre Rede ist wesentlich\nautonom und autark. Die Kassandrafigur ist von Wolf \u2013 einer weiblichen Autorin \u2013 zum anderen in\neiner Komplexit\u00e4t dargestellt, welche die des Aischylos \u00fcberschreitet: Kassandra ist ausgesprochen\nselbstreflexiv und komplex in ihrer pers\u00f6nlichen Entwicklung. Mit ihrer Figur wird die emotionale\nAbh\u00e4ngigkeit von Agamemnon und das Verh\u00e4ltnis mit dem Gott Apollon, der ihr die Seherinnengabe\nals Art Fluch auferlegt, \u00fcberwunden. Sie klagt nicht mehr und deutet das Leid des Sehens zum\nLustempfinden um. Christa Wolf greift zudem andere vielschichtige Themenbereiche auf, die sich\ndurch die gesamte Erz\u00e4hlung ziehen. Fragen der Politik, Kultur und Gesellschaft sowie des Glaubens,\nder Sprache und des Sprachverlustes, der Identit\u00e4tsfindung und Ich-Gespaltenheit bis hin zu Themen\ndes Rausches, matriarchalen Strukturen und queeren Diskursen vereinen sich in der <i>Kassandra<\/i>.\n<\/p>\n\n\n<h2>Feministisches Umschreiben bei Wolf \u2013 Warum sich der Mythos eignet\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Mit den Frankfurter Poetik-Vorlesungen, welche Christa Wolf 1982 an der Goethe-Universit\u00e4t hielt,\nlassen sich das Interesse und die Ideologie der Autorin hinter der Kassandra-Erz\u00e4hlung hinreichend\nnachvollziehen. Diese werden im Folgenden als leitende Interpretation des Textes betrachtet. In den\nvier Vorlesungen berichtet Wolf von ihrer Griechenlandreise, deren Einfluss auf ihre Vorstellung der\nKassandra und von dem Schreibprozess der Erz\u00e4hlung. Die Reflexionen \u00fcber feministische,\nsoziokulturelle und erz\u00e4hltheoretische Themen bieten die Grundlage zur folgenden Er\u00f6rterung der\nFrage, was an der literarischen Technik der \u2013 vor allem feministisch motivierten \u2013 Wiederholung so\nproduktiv ist.\n<\/p>\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Lekt\u00fcre von Aischylos\u2019 <i>Orestie<\/i> beginnt sich die Figur der Kassandra in Wolfs\nVorstellung zu entwickeln.<sup>8<\/sup> Wolf berichtet davon, dass sie der Kassandrastoff regelrecht gefangen\nnehme,<sup>9<\/sup> sie die mythologische Frau auf eine bestimmte Art und Weise verstehen und sich in sie\nhineinversetzen kann.<sup>10<\/sup> Diese anf\u00e4ngliche Faszination wandelt sich w\u00e4hrend der Besch\u00e4ftigung\nWolfs mit den soziokulturellen und politischen Gegebenheiten der historischen, nicht mythischen\nKassandra in eine Art der produktiven Distanz:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\"> Die Figur ver\u00e4ndert sich andauernd, indem ich mich mit Material befasse; immer mehr schwindet der tierische Ernst, alles Heroische, Tragische, demzufolge schwinden auch Mitleid und einseitige Parteinahme f\u00fcr sie. Ich sehe sie n\u00fcchterner, sogar mit Ironie und Humor. Durchschaue sie.<\/span><\/em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\"><sup>11<\/sup><\/span><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\"> <\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nProduktiv ist diese Distanz, das geringere Mitf\u00fchlen daher, als eine aus Mitgef\u00fchl resultierende\ntragisch-pathetische Darstellung des Schicksals der Kassandra, wie sie eher bei Aischylos vorliegt,\ndas eigentliche Vorhaben Christa Wolfs eher behindern w\u00fcrde: die \u00bbR\u00fcckf\u00fchrung aus dem Mythos in\ndie (gedachten) sozialen und historischen Koordinaten\u00ab.<sup>12<\/sup> Ziel des Umschreibens mag also eine\nm\u00f6glichst realistische Darstellung der Frau Kassandra sein, losgel\u00f6st von literarisch-tragischen, und\ndamit oft k\u00fcnstlichen Konzeptionen, die beispielsweise (reale) relevante Gender-Problematiken\nverdecken.\n\n<\/p>\n\n<p>Ihr Anliegen, das Leben und Wahrnehmen der Kassandra wiederholt zu erz\u00e4hlen, nur anders,\nm\u00f6glichst historisch akkurat und aus einer weiblichen Perspektive heraus, zeigt sich unter anderem\nin der Weiterentwicklung des Verh\u00e4ltnisses zwischen Kassandra und Klytaimnestra. Die Solidarit\u00e4t\nder Frauen untereinander sowie das gegenseitige Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Situation der jeweils anderen ist\nChrista Wolfs Antwort darauf, wie \u00bbder m\u00e4nnliche Dichter diese Frauen sehen [will]: ha\u00dfvoll\neifers\u00fcchtig, kleinlich gegeneinander \u2013 wie Frauen werden k\u00f6nnen, wenn sie aus der \u00d6ffentlichkeit\nvertrieben, an Haus und Herd zur\u00fcckgejagt werden\u00ab.<sup>13<\/sup> Diese Antwort zeigt sich auch in Wolfs\nkomplexen Konstruktionen der beiden Frauenfiguren, die ohne bestimmte von Abh\u00e4ngigkeit\ncharakterisierte Verbindungen zu einem Mann definiert werden k\u00f6nnen. Die Bedeutsamkeit des\nPerspektivwechsels von m\u00e4nnlich zu weiblich, von Aischylos zu Christa Wolf, begr\u00fcndet letztere\nfolgenderma\u00dfen:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\"> Inwieweit gibt es wirklich \u203aweibliches\u2039 Schreiben? Insoweit Frauen aus historischen und biologischen Gr\u00fcnden eine andre Wirklichkeit erleben als M\u00e4nner. Wirklichkeit anders erleben als M\u00e4nner, und dies ausdr\u00fccken. Insoweit Frauen nicht zu den Herrschenden, sondern zu den Beherrschten geh\u00f6ren, jahrhundertelang, zu den Objekten der Objekte, Objekte zweiten Grades, oft genug Objekte von M\u00e4nnern, die selbst Objekte sind, also, ihrer sozialen Lage nach, unbedingt Angeh\u00f6rige der zweiten Kultur; insoweit sie aufh\u00f6ren, sich an dem Versuch abzuarbeiten, sich in die herrschenden Wahnsysteme zu integrieren. Insoweit sie, schreibend und lebend, auf Autonomie aus sind.<\/span><\/em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\"><sup>14<\/sup><\/span><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\"> <\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\n\nDass Frauen aufgrund ihrer unterdr\u00fcckten Positionen in patriarchalen Gesellschaften eine andere\nWahrnehmung der Wirklichkeit aufweisen als M\u00e4nner, auf deren Weiterentwicklung und Vorteil\npatriarchale Gesellschaften prim\u00e4r ausgelegt sind, ist der Grund, wieso auch literarische\nDarstellungen von weiblichen Erfahrungen aus einer m\u00e4nnlichen Perspektive nicht hinreichend\nad\u00e4quat sind. Sie k\u00f6nnen Missst\u00e4nde nie authentisch problematisieren und zur Sprache bringen.\nInteressant ist dabei doch, dass gerade Mythen in vielerlei Hinsicht m\u00e4nnlich gepr\u00e4gt sind: M\u00e4nner\nproduzieren Quellen, sind verantwortlich f\u00fcr deren \u00dcberlieferung, und es gibt kaum aus weiblicher\nPerspektive verfasste Texte. Zudem existieren in den meisten Mythen, so auch in der Kassandra-Figur\ndes Aischylos, von m\u00e4nnlichen Personen gepr\u00e4gte Frauenbilder.<sup>15<\/sup>\n\n<\/p>\n\n<p>Zugleich geht mit dem Schreiben, dem \u203aAussprechen\u2039 von explizit weiblichen Erfahrungen und\nProblemsituationen eine gewisse Autonomie und Selbsterm\u00e4chtigung einher. So definiert Christa\nWolf die \u00bbinnere Geschichte\u00ab der Kassandra als \u00bbdas Ringen um Autonomie\u00ab.<sup>16<\/sup> Auch die\nLiteraturwissenschaftlerin Heike Bartel spricht davon, dass ein \u2013 wenn nicht sogar der wichtigste \u2013\nBestandteil der feministischen Auseinandersetzungen mit Mythen der Perspektivenwechsel vom\nm\u00e4nnlichen zum weiblichen Blick und die Freilegung der weiblichen Stimme sei.<sup>17<\/sup> Obgleich die\nKassandra bei Wolf selbst noch Teil des patriarchal organisierten Troia ist, ist die Weiterentwicklung\nin der literarischen Darstellung in eine feministische Richtung durch die Stimme der Kassandra in\nder Erz\u00e4hlung gesichert. Die Erz\u00e4hlung k\u00f6nnte, wie oben bereits beschrieben, sogar in dem Sinn als\npolitisierend beschrieben werden, als die Erz\u00e4hlerin Kassandra mit ihrer Rede im Mindesten ihre\nRezipient:innen f\u00fcr Themen feministischer Bewegungen sensibilisiert.\n<\/p>\n\n<p>Zudem ordnet sich die Kassandrafigur Wolfs durch die poetologischen Verweise, die Ausweisung des\nGedankenmonologs als \u203aErz\u00e4hlung\u2039, selbst in den Kunstdiskurs ein. Dies ist insofern\nbedeutungstragend, als zum einen Christa Wolf selbst die Ansicht vertritt, dass nur Sprache, nur\nLiteratur die wirklichen Mitteilungen \u00fcber menschliches Zusammenleben bringe.<sup>18<\/sup> Zum anderen\nerkl\u00e4rt schon Simone de Beauvoir, dass von Mythen transportierte Blicke, Definitionen und\nDenkmodelle im Verlauf der Zeit weitertransportiert werden und dadurch ihre Best\u00e4ndigkeit\nentfalten.<sup>19<\/sup> Die marxistische Literaturwissenschaft nimmt an, dass in der Literatur vertretene gute\nWerte die rezipierende Gesellschaft beeinflussen k\u00f6nnen und sollen.<sup>20<\/sup> Wird Wolfs <i>Kassandra<\/i> in\ndiesem Kontext gelesen, scheint die Erz\u00e4hlung sowie die Figur der Kassandra selbst die ben\u00f6tigte\n(feministisch motivierte) Stimme zu sein, die die vom Mythos bisher vermittelten Werte und\nParadigmen durch neue Aussagen \u00fcber Gesellschaft und Kultur \u00fcberlagert.\n<\/p>\n\n<p>Da Mythen \u00bbwesentlich dazu bei[tragen], retardierende Denkmuster zu vermitteln, die Gesellschafts-\nund Geschlechterordnungen affirmieren, stabilisieren und perpetuieren\u00ab, ist gerade die\nWiederholung, das erneute, doch Anders-Erz\u00e4hlen und Umdeuten des Mythos so aussagekr\u00e4ftig.<sup>21<\/sup>\nZwar gibt es, Hans Blumenberg zufolge, keine Korrektur, keine Richtigstellung von Mythen, da diese\nnie Original, vielmehr schon immer Variation waren,<sup>22<\/sup> jedoch kann die poetologische Erz\u00e4hlung\nChrista Wolfs als ein Versuch gewertet werden, diese von Mythen kommunizierten und im Mythos\nkumulierten Denkmuster und Perspektiven auf verschiedene gesellschaftliche Zust\u00e4nde in eine\nandere \u2013 feministische \u2013 Richtung zu lenken. Somit wird der Kassandramythos im Gesamten mit\neiner weiteren, anderen Bedeutungsebene angereichert. Diese \u00dcberlagerungen oder Anreicherungen\nvon verschiedenen Bedeutungen eines Mythos, die aus verschiedenen Rezeptionen in verschiedenen\nKontexten entstehen,<sup>23<\/sup> begr\u00fcnden ebenfalls, wieso das Wiederholen, Anders-Sagen, Umdeuten von\nbereits Bestehendem sogar aussagekr\u00e4ftiger sein kann, als beispielsweise ein inhaltlich neues Werk\nmit feministischer Motivik.\n<\/p>\n\n<p>Dass es gerade der Mythos ist, welcher Denkmuster und Gesellschaftsordnungen so zuverl\u00e4ssig durch\ndie Jahrhunderte transportiert, erkl\u00e4rt auch, wieso <i>Mythen<\/i> wiederholt werden. Gerade bei einem\nMedium mit beispielsweise problematischen Geschlechterbildern ist ein wiederholendes,\nvariierendes Aufgreifen durchaus produktiv \u2013 m\u00f6glicherweise produktiver und effektiver als ein\nVerhandeln von Geschlechterbildern an einem v\u00f6llig neuen literarischen Beispiel. Da der Mythos\nimmer die Gesellschaft als Ganze betrifft, betrifft auch eine Variation des Mythos mit der Aussage,\ndass sich die Welt auch anders deuten l\u00e4sst, die Gesellschaft als Ganze. In den folgenden Kapiteln\nsoll der zweiten Frage, wieso gerade der Mythos wiederholt, immer wieder aufgegriffen und neu\nverarbeitet wird, ausf\u00fchrlicher an einem Beispiel der zeitgen\u00f6ssischen popul\u00e4ren Musik\nnachgegangen werden.\n<\/p>\n\n<h2>Eine singende Kassandra? Florence + the Machines <i>Cassandra<\/i> im Vergleich mit Aischylos und\nWolf\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Der Song <i>Cassandra<\/i> ist der sechste Titel des 2022 erschienenen f\u00fcnften Studioalbums <i>Dance Fever<\/i>\nder britischen Alternative-Band <i>Florence + The Machine<\/i> und soll im Folgenden als Beispiel f\u00fcr das\nWiederaufgreifen des Kassandramythos in einem anderen Medium als dem der Literatur dienen \u2013 der\nMusik. Dabei werde ich auch hier den Fokus der Untersuchung auf Aspekte des feministischen\nUmschreibens oder Weiterschreibens des Mythos legen. Aufgrund der Gedicht-\u00e4hnlichen Form des\nTextes, wie auch aufgrund des Aspekts, dass das Lied <i>Cassandra<\/i> auch als \u203aPoem Version\u2039 auf der\n\u203aComplete Edition\u2039 des Albums existiert, wird der Liedtext im Folgenden wie ein Gedicht analysiert;\ndas \u203aIch\u2039 im Song wird dabei ebenfalls als \u203alyrisches Ich\u2039 bezeichnet.\n<\/p>\n\n<p>Die namentlich nicht bekannte Stimme des Liedes ist wie in Christa Wolfs <i>Kassandra<\/i> eine weibliche.\nDer fundamentale Unterschied zu Wolfs und Aischylos Werken liegt allerdings darin, dass das\nlyrische Ich selbst nicht Kassandra darstellt. Dies wird durch die Zeile \u00bbCryin\u2019 like Cassandra\u00ab\ndeutlich.<sup>24<\/sup> Das Ich im Song vergleicht sich demnach lediglich mit der mythologischen Figur\nKassandra. Durch diesen namentlichen Vergleich im Song und den Titel <i>Cassandra<\/i> wird jedoch\neindeutig auf den Mythos angespielt. Mit Gerard Genettes Terminologie der Intertextualit\u00e4t (im engen\nSinn) l\u00e4sst sich festhalten, dass der Kassandra-Mythos \u2013 einschlie\u00dflich aller Varianten und\nVerarbeitungen des Mythos \u2013 in den Lyrics der <i>Cassandra<\/i> effektiv pr\u00e4sent ist. Dies schlie\u00dft nach\nHeike Bartel alle Varianten und Verarbeitungen eines Mythos ein.<sup>25<\/sup>\n<\/p>\n\n<p>Das lyrische Ich weist einige Gemeinsamkeiten mit der mythologischen Figur der Kassandra auf, vor\nallem der Kassandra bei Wolf, in Teilen aber auch mit der des Aischylos. Zum einen ist das lyrische\nIch ebenfalls die Protagonistin des Textes. Es berichtet prim\u00e4r von eigenen Erfahrungen und\nWahrnehmungen. Dabei treten die offensichtlichen \u00c4hnlichkeiten zur mythologischen Kassandra\nrecht schnell hervor: Das lyrische Ich ist eine weibliche Person, die in der Vergangenheit eine\nSeherinnengabe besa\u00df: \u00bbI used to see the future\u00ab (C, 1). Dabei ist hervorzuheben, dass die Frau \u2013 wie\nChrista Wolfs Kassandra \u2013 die Seherinnengabe annimmt und wertsch\u00e4tzt. Sie bezeichnet die\nF\u00e4higkeit, in die Zukunft zu schauen als \u00bbtreasure in my hands\u00ab und macht sie zum Teil ihrer Identit\u00e4t\n(C, 9). Lediglich der Prozess der Annahme dieser Gabe ist nicht so ausf\u00fchrlich wie in <i>Kassandra<\/i>\ndargestellt.\n<\/p>\n\n<p>Dass das lyrische ich eine weibliche Stimme ist, bringt einen zus\u00e4tzlich emanzipatorischen Effekt in\ndie Verarbeitung des Mythos. Wie auch bei Christa Wolf scheint das Schildern aus der eigenen,\nweiblichen Perspektive heraus ganz zentral f\u00fcr das Werk. Zudem liegt auch hier eine zweifach\nweibliche Perspektivierung der Erfahrungen vor: einerseits durch die weibliche Stimme des Liedes\nund andererseits durch die Songwriterin Florence Welch. Besonders hervorzuheben ist in diesem\nZusammenhang auch, dass das Ich des Liedes trotz herausgeschnittener Zunge von den eigenen\nErlebnissen berichtet (Vgl. C, 5). Das Lied kann somit als eine Art Auflehnen gegen die erlebte\nGewalt gelesen werden.\n<\/p>\n\n<p>Untermalt wird dies zus\u00e4tzlich von dem Fakt, dass der Aspekt des laut Aussprechens und des\nPerformativen bei einem Lied noch wesentlicher ist, als bei einer literarischen Erz\u00e4hlung, wie sie mit\nWolfs Kassandra vorliegt, die vorrangig leise gelesen, nicht laut artikuliert vorgetragen wird. Dieser\nUmstand erlangt zus\u00e4tzliche Bedeutung, wenn die Parallele zwischen dem Kassandra-\u00e4hnlichen Ich\nbetrachtet wird, dem die Stimme tats\u00e4chlich genommen wird, und der Kassandra bei Wolf und\nAischylos, denen die Stimme auf eine symbolische Art genommen wird (indem man ihrer Rede\nkeinen Glauben schenkt). Das Lied setzt sich durch diesen Parallelismus also auch \u00fcber den Mythos,\nwie ihn Aischylos aufgreift und fortschreibt, hinweg, und f\u00fcgt eine neue Bedeutungsebene hinzu, in\nwelcher eine Frau, \u00e4hnlich der Kassandra trotz aller Hindernisse spricht.\n<\/p>\n\n<p>Eine interessante Besonderheit des <i>Cassandra<\/i>-Songs ist weiterhin die doppelte Adressierung von\nRezipient:innen sowohl auf textinterner Ebene [\u00bbthere\u2019s no one left to sing to\u00ab (C, 21)] als auch auf\neher textexterner Ebene [\u00bbcan you see me?\u00ab und \u00bbcan you hear me?\u00ab (C, 14, 18)]. Wenngleich unklar\nist, welchen ontologischen Status das lyrische Ich einnimmt, ist festzuhalten, dass auch das Lied von\nWelch dezidiert ein Zeugnis weiblicher Erfahrungen darstellt, die an eine spezielle\nAdressat:innengruppe gerichtet sind. Mit Beginn des Liedes \u00bbI used to see the future and now I see\nnothin\u2019\u00ab (C, 1) wird allerdings klar, dass sich der Zustand des lyrischen Ichs im Gegensatz zu der\nfr\u00fcheren Zeit, in welcher es noch in die Zukunft sehen konnte, deutlich verschlechtert hat: Es kann\nnicht(s) mehr sehen. Direkt im zweiten Vers zeigt sich, dass die Unf\u00e4higkeit zu sehen im Lied keine\nMetapher, sondern Resultat einer Gewalttat ist. Ein namentlich unbekanntes \u00bbthey\u00ab entfernte dem Ich\ndie Augen \u2013 der Verlust des Sehsinns, in einem engen Sinn der Seherinnengabe, hat also rein\nphysische Ursachen. Dabei wird ebenfalls deutlich, dass das lyrische Ich, wie auch die Kassandra bei\nWolf und Aischylos, in einem Machtverh\u00e4ltnis, hier mit dem (geschlechtlich) unbekannten \u00bbthey\u00ab,\nsteht.\n<\/p>\n\n<p>Diese Misshandlung integriert sich in das Bild des lyrischen Ichs, welches \u00e4hnlich wie die beiden\nKassandrafiguren eine Position der Isolation im Lied einnimmt. Es berichtet: \u00bbNow I creep out when\nthere\u2019s no one about\/\u2018Cause they put crosses on the doors to try and keep me out\u00ab (C, 10f.). Die\nMissbilligung des lyrischen Ichs und der Versto\u00df aus der Gesellschaft, zu welcher auch das namenlose\n\u00bbthey\u00ab zu geh\u00f6ren scheint, bezeugen diesen isolierten Zustand des Ichs. Auch in diesem Kontext kann\ndas Lied an sich als Auflehnen gegen bestehende Machtverh\u00e4ltnisse gelesen werden, in denen die\nFrau Opfer von Gewalt ist und aus der Gesellschaft ausgegrenzt wird.\n<\/p>\n\n<p>Im Punkt der Sinnesverluste geht die Darstellung des Kassandra-\u00e4hnlichen Ichs im Lied allerdings\n\u00fcber den Kassandramythos hinaus. Die Frau des Liedes kann nicht nur nicht mehr in die Zukunft\nsehen, sie kann ebenfalls weder sinnlich sehen noch h\u00f6ren. Dies dr\u00fcckt sich wiederholt im Chorus\naus:\n<\/p>\n\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nWell, can you see me?\/I cannot see you\/Everything I thought I knew has fallen out of view\/In\nthis blindness I\u2019m condemned to\/Well, can you hear me?\/I cannot hear you\/Every song I\nthought I knew,\/I\u2019ve been deafened to\/And there\u2019s no one left to sing to. (C, 14\u201321)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\n\nDas Ich des Liedes weist insgesamt einige Gemeinsamkeiten mit der mythologischen Kassandra, vor\nallem der Kassandra bei Christa Wolf auf. Zum einen ist der Zustand des Ichs von einer gewissen\nSchicksalhaftigkeit gepr\u00e4gt. Das textinterne Kassandra-\u00e4hnliche Ich ist seiner Seherinnengabe und\nseiner Stimme beraubt. Es befindet sich zudem in einem Zustand der Einsamkeit durch die\ngesellschaftliche Isolierung sowie in einem Zustand der Orientierungslosigkeit durch den Verlust der\nSinne. Was Florence + the Machines <i>Cassandra<\/i> mit der <i>Kassandra<\/i> Christa Wolfs eint, ist die\nBejahung und Akzeptanz der Seherinnengabe, welche als Teil der Identit\u00e4t des lyrischen Ichs fungiert.\nDiese Identit\u00e4tsbildung durch das Sehen steht dem rhetorischen und performativen Versto\u00dfen der\nGabe im Aischylos gegen\u00fcber. Auch die Umdeutung der Bedeutung der Seherinnengabe f\u00fcr die Frau\nin <i>Cassandra<\/i> (das Sehen als positives Erlebnis) ist \u00e4hnlich wie in Christa Wolfs <i>Kassandra<\/i> ein\nemanzipatorischer Aspekt des Werkes. Als Protagonistin, welche allerdings mehr Empf\u00e4ngerin als\nInitiatorin von Handlungen ist, steht das lyrische Ich in <i>Cassandra<\/i> wie auch die Frauen bei Wolf und\nAischylos in bestimmten Machtverh\u00e4ltnissen.\n<\/p>\n\n<p>Der elementare Unterschied zu Wolf ist allerdings, dass <i>Cassandra<\/i> kein Umschreiben, das hei\u00dft auch\nkeine Nacherz\u00e4hlung des Mythos darstellt: Durch die Erw\u00e4hnung Kassandras im Titel und den\nVergleich des lyrischen Ichs mit dieser wird dem Song lediglich der Mythos als Bedeutungsverweis\n\u203abeigelegt\u2039. Es geht nicht um das Erz\u00e4hlen nach neuen Ma\u00dfst\u00e4ben, wie dies bei Christa Wolf der Fall\nist, sondern rein um die Anspielung auf den Mythos, durch welche dieser mit all seinen kumulierten\nBedeutungen im Text pr\u00e4sent ist. Trotzdem wird er durch den Parallelismus des lyrischen Ichs und\nder Kassandra mit feministisch lesbaren Elementen angereichert.\n<\/p>\n\n<h2>Der Mythos als Weltverarbeitung bei Florence + the Machine\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Das Lied <i>Cassandra<\/i> der Band Florence + the Machine bietet sich f\u00fcr die Lesart an, dass das\nKassandra-\u00e4hnliche Ich des Textes mit der realen Songwriterin Florence Welch identisch ist. Anlass\nzu dieser Lesart und Interpretation bieten Welchs Eigenaussagen w\u00e4hrend des <i>John Kennedy\u2019s Track\nBy Track Podcasts<\/i>, in dem sie unter anderem davon berichtet, wie sie die Zeit der Pandemie und des\nLockdowns wahrgenommen und verarbeitet hat. Diese Erfahrungen \u00e4hneln denen des lyrischen Ichs\nim Song deutlich. So erinnert sie sich beispielsweise: \u00bbI remember running down this completely\nempty stretch and seeing roses blooming\u00ab.<sup>26<\/sup> Das lyrische Ich des Liedes berichtet ebenfalls davon,\ndes Nachts alleine durch Stra\u00dfen zu rennen (vgl. C, 13) und greift die bl\u00fchenden Rosen auf, welche\nauch Welch im Gespr\u00e4ch mit John Kennedy erw\u00e4hnt: \u00bbI try to still look with wonder on the world\/As\nthe roses bloom\u00ab (C, 26f.). Die These von der Identit\u00e4t des lyrischen Ichs mit der Fronts\u00e4ngerin\nFlorence Welch wird zudem durch deren Eigenaussage bez\u00fcglich der Zeit des Lockdowns, als keine\n\u00f6ffentlichen Veranstaltungen wie Konzerte stattfinden konnten, untermalt: \u00bbI was sort of singing\nabout it, [\u2026] this sort of sense of being kinda condemned to then sing to nobody [\u2026] and to have a\nvoice but no one to sing to and songs but no one to hear them\u00ab.<sup>27<\/sup> Das Singen ohne Adressat:innen\nentspricht exakt der Erkl\u00e4rung des lyrischen Ichs \u00bband there\u2019s no one left to sing to\u00ab (C, 21).\n<\/p>\n\n<p>F\u00fcr Welch stellt das Performen eine Art der Spiritualit\u00e4t und der Kommunikation mit der Welt dar: \u00bbI\nthink, songwriting for me, or even live performances have been always a way of I guess [\u2026] my\nsense of spirituality in the world, or how I\u2019m communicating with something outside of myself\u00ab.<sup>28<\/sup>\nDies konnte sie zur Zeit der Pandemie jedoch nicht praktizieren. Die pers\u00f6nliche Funktion von Musik\nf\u00fcr Welch \u00e4hnelt den Leistungen des Mythos sehr \u2013 vor allem die Verarbeitung von (prima facie\nunerkl\u00e4rlichen und damit furchteinfl\u00f6\u00dfenden) Welterfahrungen \u2013\n, wie sie Blumenberg bestimmt hat.\nDieser sieht Mythen als \u00bbKunstgriffe\u00ab<sup>29<\/sup> zur Benennung des Unbenennbaren, Erkl\u00e4rung des\nUnerkl\u00e4rlichen,<sup>30<\/sup> sie seien im Wesentlichen \u00bbVerarbeitungsformen fr\u00fcher \u00dcbermachterfahrungen\u00ab<sup>31<\/sup>\nund dienen dazu, dem Menschen die anf\u00e4nglich fremde, angsteinfl\u00f6\u00dfende Welt vertraulich zu machen\nund so Angst zu depotenzieren. Dass Mythen immer wieder verarbeitet und damit best\u00e4ndig\naktualisiert werden, erkl\u00e4rt Blumenberg folgenderweise:\n<\/p>\n\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\"> Die Grundmuster von Mythen sind eben so pr\u00e4gnant, so g\u00fcltig, so verbindlich, so ergreifend in jedem Sinne, da\u00df sie immer wieder \u00fcberzeugen, sich immer noch als brauchbarster Stoff f\u00fcr jede Suche nach elementaren Sachverhalten des menschlichen Daseins anbieten.<\/span><\/em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\"><sup>32<\/sup><\/span><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\"> <\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\n\nDie Wiederholung des Mythos sei nicht nur \u00bbBerufung auf Autorit\u00e4t, sondern Anrufung einer\ngemeinsamen vertrauten Instanz f\u00fcr die ein \u203aSystem\u2039 tragende menschliche Erfahrung\u00ab.<sup>33<\/sup> In dieser\nLesart bietet der Mythos seine Wiederholung (und Variation) also aufgrund dessen an, weil er\nmitunter eine der bew\u00e4hrtesten Formen der Erkl\u00e4rung und Vers\u00f6hnung mit der Welt darstellt. Die\nArbeit mit dem und am Mythos, dessen Themen aufgrund ihrer Fundamentalit\u00e4t \u00fcber Jahrhunderte\nhinweg relevant bleiben, ist demnach eine auf Vertrautheit begr\u00fcndete, kollektive soziale Praxis des\nMenschen, Welterfahrung zu verarbeiten. Dass Welch bei dieser Art der Verarbeitung \u00fcber\nWeltzust\u00e4nde auf mythisches Material zur\u00fcckgreift, erkl\u00e4rt sie wie folgt:\n\n<\/p>\n\n\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\"> Ich habe sie [Kassandra] als Metapher eingesetzt [\u2026]: Alben und Tourneen zu planen hat mein gesamtes bisheriges Erwachsenenleben bestimmt. Dadurch wusste ich immer schon, was in den n\u00e4chsten Monaten, manchmal Jahren geschieht. Mit Eintritt der Pandemie konnte ich pl\u00f6tzlich gar nichts mehr vorhersehen. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie die Zukunft sich gestalten w\u00fcrde. Der prophetische Geist meiner Songs hatte mich verlassen, ich fischte im Tr\u00fcben. Als h\u00e4tten die G\u00f6tter mich meiner Gabe beraubt.<\/span><\/em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\"><sup>34<\/sup><\/span><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\"><\/span><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\n\nDer Mythos als pers\u00f6nliche Metapher, als besondere Ausdrucksweise und M\u00f6glichkeit zur\nVeranschaulichung von pers\u00f6nlichen Erfahrungen mit der Welt, entspricht Blumenbergs These des\nMythos, welcher aufgrund seiner best\u00e4ndigen Pr\u00e4gnanz und G\u00fcltigkeit so attraktiv als Werkzeug zur\nBeschreibung und Verarbeitung von weltlichen Erfahrungen des Menschen ist. Auch Welch selbst\nsieht ihre Musik als eine Form der auf Weltereignisse bezogene und interpersonelle Kommunikation,\nist sich jedoch zugleich bewusst: \u00bbSongs are kind of about making the personal universal\u00ab.<sup>35<\/sup> Die\nAllvertrautheit des mythischen Materials stiftet eine Gemeinschaft, deren gemeinsame Praxis mit\nHans Blumenbergs Terminologie in der Erkl\u00e4rung des Nicht-Erkl\u00e4rbaren besteht \u2013 der Mythos stellt\nsich als pers\u00f6nliches Hilfsmittel zur Bew\u00e4ltigung der Welt und Verarbeitung von\nWirklichkeitserfahrungen heraus.\n\n<\/p>\n\n<p>Im Kontext dieses Aufsatzes ist allerdings eine m\u00f6glicherweise implizitere Lesart des Textes nicht als\npers\u00f6nliche Metapher zur Weltverarbeitung, sondern als (feministisch motiviertes) Weiterschreiben\ndes Mythos interessanter: Denn der Mythos an sich ist nicht nur wesentlich vertraut, er ist ebenfalls\numfassend in dem Sinn, als er, wie oben schon erw\u00e4hnt, die Gesellschaft als Ganze betrifft. Der\nMythos ist ein fr\u00fches Produkt kollektiver Bew\u00e4ltigung der Welt und damit bleibt die Implikation\nbestehen, dass er auch in seiner Variation \u00fcber Jahrhunderte hinweg eine Angelegenheit der\nGesellschaft als Ganzer ist. Indem der Mythos best\u00e4ndig und aus verschiedenen gesellschaftlichen\nPerspektiven heraus wiederholt wird, bleibt er immer \u203aProblematik\u2039 aller Menschen \u2013 ein Konzept,\ndas Gegebenheiten verhandelt, welche die Gesellschaft und nicht unbedingt das Individuum\nbetreffen.\n<\/p>\n\n<p>Die Musikwissenschaftlerin Birgit Wertenson zeigt diesbez\u00fcglich in ihrer Publikation <i>Mythos &amp; Neue\nMusik: die Faszination am Mythos als Ort kulturellen Wissens<\/i> auf, inwiefern der Mythos als\n\u00bbkollektive Kulturform\u00ab verstanden werden kann.<sup>36<\/sup> Obgleich sich ihre Forschung auf Werke aus der\nklassischen Musik des 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhunderts beschr\u00e4nkt, sind ihre Ausarbeitungen auch auf\neinige Beispiele der zeitgen\u00f6ssischen Pop-Musik, vor allem das Lied <i>Cassandra<\/i> von Florence + the\nMachine, anwendbar. So versteht sie den Mythos insofern als eine kollektive Kulturform, als er ein\nMedium darstelle, welches Wissen speichere, insbesondere Wissen, welches die gesellschaftlichen\nWirklichkeits- und Weltvorstellungen betreffe.<sup>37<\/sup> Diese Bestimmung sowie ihre Erkl\u00e4rung, \u00bbwenn der\nmythische Stoff angewandt und f\u00fcr ein Ereignis gezielt anverwandelt wird, wird der Mythos stets\naufs Neue best\u00e4tigt und akkumuliert weitere Bedeutungsschichten\u00ab,<sup>38<\/sup> decken sich zudem mit Heike\nBartels Definition des Mythos als Ansammlung vieler Bedeutungsebenen, welche erst durch die\nRezeption und Neuverarbeitung in verschiedenen zeitlichen, soziokulturellen und politischen\nKontexten entsteht.\n<\/p>\n\n<p>Mythisches Material wie das der Kassandra eignet sich also besonders gut f\u00fcr beispielsweise\nfeministische \u203aWeitererz\u00e4hlungen\u2039 oder besser gesagt \u203aAnderserz\u00e4hlungen\u2039, da es eben aufgrund\nseiner Pr\u00e4gnanz, seines best\u00e4ndigen Daseins wegen und als gemeinsam vertrautes Kultursystem, das\ndie gesamte Gesellschaft betrifft, die optimale Grundlage f\u00fcr Umdeutungen, neue Definitionen bietet.\nEs erzeugt Wirkm\u00e4chtigkeit, wenn der Mythos nicht korrigiert, aber variiert wird, vor allem von\nkompetenten Sprecher:innen einer f\u00fcr die Situation relevanten gesellschaftlichen Gruppe, hier den\nFrauen. Dies deckt sich beispielsweise mit der schon angef\u00fchrten Beobachtung, dass es a) die Frau\nKassandra selbst ist, die spricht und dies b) durch die Worte der weiblichen Autorin Christa Wolf.\n<\/p>\n\n<p>Der Mythos im Lied wird zum einen (in Kongruenz mit der Leseart, die Welchs Erfahrungen mit den\nErfahrungen des lyrischen Ichs identifiziert) zur Verarbeitung von Lebenserfahrungen verwendet und\nzum anderen (mit einer sich auf den feministischen Fokus st\u00fctzende Leseart) durch gewisse\nVer\u00e4nderungen in der Darstellungsweise des lyrischen Ichs umgedeutet: Das Sehen wird (wie bei\nWolf) angenommen und zum Teil der Identit\u00e4t gemacht, wobei das Rauben dieses Identit\u00e4tsteils\ngleichzeitig subversiv mit dem Song an sich bezeugt wird. Auch die geraubte Stimme steht dem\nAuflehnen des lyrischen Ichs durch das Sprechen \u00fcber die eigenen Erfahrungen entgegen und richtet\nsich so aktiv gegen bestehende (textexterne) Machtgef\u00e4lle. So kann der Song auch als Auflehnung\ngegen die erfahrene Gewalt gelesen werden. Auch hier tritt also wieder der Zweck der Zeugenschaft\nweiblicher Erfahrungen in den Vordergrund. Diese Version einer Kassandra oder eines der Kassandra\n\u00e4hnlichen Ichs ist im Mythos als Objekt von \u00fcberlagerten Bedeutungen nur eher peripher verortet, als\nder Song nur indirekt am Mythos selbst \u203aweiterschreibt\u2039. Es wird nicht Kassandra selbst mit neuer\nBedeutung angereichert, sondern der Kassandra-Mythos als Mittel zur Bedeutungsanreicherung\nverwendet.\n<\/p>\n\n<h2>Fazit\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Dass der Mythos kein isoliertes Gebilde f\u00fcr sich, sondern vielmehr ein nicht abgeschlossener, durch\nWiederholung stetig mit neuer Bedeutung aufgeladener Textk\u00f6rper ist, hat sich im Verlauf des\nvorliegenden Aufsatzes anhand des Kassandramythos deutlich gezeigt. W\u00e4hrend die Kassandra bei\nAischylos noch Nebenfigur der Trag\u00f6die <i>Agamemnon<\/i> ist und als <i>dramatis personae<\/i> lediglich eine\nbestimmte Handlungsfunktion zu erf\u00fcllen hat, ist die komplexe Darstellung der Kassandra bei Christa\nWolf eine literarische Weiterentwicklung, die eine gewisse Beachtung verdient: Kassandra ist im\nGegensatz zum <i>Agamemnon<\/i> ein ausf\u00fchrliches und ehrliches Zeugnis weiblicher Erfahrungen in einer\npatriarchalen Gesellschaft und die Darstellung der Entwicklung einer vielschichtigen Pers\u00f6nlichkeit.\n<i>Kassandra<\/i> vereint Themen des Feminismus, der Homosexualit\u00e4t und Sexualit\u00e4t im Generellen, der\nSelbstakzeptanz und Identit\u00e4t, Fragen des Glaubens, der Politik und Kultur sowie Themen des\nRausches und Reflexionen \u00fcber die Sprache. Besonders hervorzuheben ist die zweifach weibliche\nPerspektivierung des Werkes: Zum einen ist es Kassandra selbst, die ihr Schicksal schildert. Zudem\n\u2013 dies ist einer der Fortschritte im Vergleich zu Aischylos \u2013 ist die Perspektive der Kassandra selbst\nvon einer weiblichen Autorin, nicht einem m\u00e4nnlichen Dichter verfasst.\n<\/p>\n\n<p>Eine m\u00f6gliche Antwort auf die Frage, weshalb der Kassandramythos \u00fcberhaupt wiederholt, das hei\u00dft\nmit neuem Fokus erz\u00e4hlt wird, liegt in mehreren Aspekten. Die Wiederholung im Sinn des Anders-,\nnicht nur Erneut-Erz\u00e4hlens, schafft eine Variante des Kassandramythos, welche eher an der\nHistorizit\u00e4t der Kassandrafigur orientiert ist, bestehende Geschlechterbilder durch die weibliche\nPerspektive Christa Wolfs revidiert und neue weibliche Selbstverst\u00e4ndnisse etabliert. Zum anderen\ngeht mit der Freilegung der weiblichen Stimme, wie dies in der <i>Kassandra<\/i> geschieht, eine gewisse\nAutonomie und Selbstbehauptung daher. Weibliches Schreiben ist in diesem Fall sensibilisierendes\nSchreiben, insofern es weibliche Lebenserfahrungen authentisch problematisiert. Die Wiederholung\ndes Kassandramythos ist damit vielmehr ein Zur\u00fcckerlangen der Macht von Selbstzuschreibungen\nund der F\u00e4higkeit, Zeugnis \u00fcber die eigene (weibliche) Lebensrealit\u00e4t abzulegen. Zuletzt ordnet sich\ndie Kassandraerz\u00e4hlung durch ihre poetologische Komponente selbst in den Kunstdiskurs ein, und\nkann so als ein Beispiel f\u00fcr ein literarisches Werk angef\u00fchrt werden, welches die von Mythen\ntransportieren Werte und Gesellschaftsverst\u00e4ndnisse durch eine neue Erz\u00e4hlart mit einer neuen\nBedeutungsebene \u00fcberlagert, neue Definitionen vorschl\u00e4gt.\n<\/p>\n\n<p>Der <i>Cassandra<\/i>-Song von Florence + the Machine ist weniger ein modernes <i>Retelling<\/i> des\nKassandramythos in pop-musikalischer Form, als ein Exempel f\u00fcr eine Art der indirekten Variation\neines Mythos. Der Figur Kassandra wird im Lied keine eigene Stimme verliehen, sie ist lediglich die\nmythische Figur, mit welchem sich das Ich des Songs vergleicht. Durch diesen Vergleich, die\nGemeinsamkeiten des lyrischen Ichs mit der mythologischen Kassandra und den Titel des Liedes \u2013\n<i>Cassandra<\/i> \u2013 liegt eindeutig eine Anspielung auf den antiken Mythos vor. Dieser ist demnach mit all\nseinen Bedeutungsebenen effektiv in den Lyrics des Songs <i>Cassandra<\/i> pr\u00e4sent und beeinflusst so die\nRezeption derselben.<sup>39<\/sup>\n<\/p>\n\n<p>Der Mythos ist f\u00fcr die Verarbeitung in der Kunst so beliebt, da er eine der fr\u00fchsten kollektiv\npraktizierten Formen der Menschen ist, sich die Welt zu erkl\u00e4ren, und eigene Erfahrungen mit der\nWirklichkeit zu verarbeiten. In Florence Welchs Fall ist diese M\u00f6glichkeit zur Verarbeitung einerseits\ndadurch gegeben, andererseits auch durch den Umstand, dass f\u00fcr sie auch die Musik sowie das\n\u203aPerformen\u2039 an sich eine pers\u00f6nliche Art der Kommunikation und Verhandlung mit der Welt darstellt.\nDer Mythos ist als fr\u00fche kollektive Form der Bew\u00e4ltigung der Welt ebenfalls in seinem Wesen\numfassend, meint: Er betrifft die Gesellschaft als Ganze. Er bleibt damit auch \u00fcber Jahrhunderte der\nVariation hinweg ein relevantes kulturelles Medium, dass Kulturen und Gesellschaften als Ganze,\nund nicht lediglich eine spezielle, von gewissen Problematiken betroffene Gruppe von Individuen\nanspricht. Gerade bei feministisch motivierten Um- und Weiterschreibungen ist das Umdeuten des\nMythos zudem wirkm\u00e4chtig: Die Figur der Kassandra wendet sich subversiv gegen eine (fr\u00fchere)\nVariante ihres Selbst.\n<\/p>\n\n<p>Dass im Kassandramythos eine Ekstase und durch Sehen Lust erlebende Kassandra neben einer Form\nder Kassandra existieren kann, welche ihren Seh- und H\u00f6rsinn verloren hat, ist der Beschaffenheit\ndes Mythos zu verdanken, welcher in der Varianz existiert, wobei sich diese Varianz erst in der\nWiederholung desselben entfalten kann. Gerade durch weibliches Andersschreiben oder auch die\nReferenz beispielsweise auf einen Mythos durch weibliche K\u00fcnstlerinnen wird die Aufmerksamkeit\nder angesprochenen kulturellen Gruppe in einer authentischen und emanzipierenden Weise auf\ngesamtgesellschaftlich relevante Probleme gelenkt.\n<\/p>\n\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\"><figure class=\"aligncenter size-medium is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Harter_Bild_ZsB-300x300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-623\" width=\"215\" height=\"215\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Harter_Bild_ZsB-300x300.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Harter_Bild_ZsB-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Harter_Bild_ZsB-150x150.jpg 150w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Harter_Bild_ZsB-768x768.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Harter_Bild_ZsB-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Harter_Bild_ZsB-510x510.jpg 510w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Harter_Bild_ZsB.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/><figcaption>Annalena Harter<\/figcaption><\/figure><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p style=\"text-align: center\"><strong><em>Annalena<\/em><\/strong><em> (geb. 2003) studiert im Bachelor Deutsche Sprache und Literatur und Philosophie. Dabei besch\u00e4ftigt sie sich vor allem mit Gender, Weiblichkeitsdarstellungen und weiblichen Stimmen in der Literatur und visuellen Kultur, hat aber auch ein Faible f\u00fcr \u203aleidenschaftliche\u2039 Literatur wie die des Sturm und Drang oder der Romantik. Nebenbei unterst\u00fctzt Annalena die Altgermanistik und die Neuere Deutsche Literaturwissenschaft als Tutorin.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><i>Kontakt: annalena.harter@student.uni-halle.de; <\/i><i>anna.2507lena@gmail.com<\/i><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2>Anmerkungen<\/h2>\n\n\n\n<p><sup>1<\/sup>Hans Blumenberg, <i>Arbeit am Mythos<\/i>, Frankfurt\/Main 2001, 11.<br><sup>2<\/sup>Vgl. Aischylos, <i>Orestie. Griechisch und Deutsch<\/i>, hg. von Oskar Werner, Bamberg 1948, 85, 87. Im weiteren Text durch die Sigle O gekennzeichnet.<br><sup>3<\/sup>J\u00fcrgen K\u00fchnle, Nikolas Immer, <i>Trag\u00f6die<\/i>, in: Dieter Burdorf, Christoph Fasbender, Burkhard Moennighoff (Hg.), <i>Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen<\/i>, 3., v\u00f6llig neu bearbeitete Auflage, Stuttgart 2007, 777\u2013779, hier 777.<br><sup>4<\/sup>Vgl. Svenja Schmidt, <i>Kassandra \u2013 ein Mythos im Wandel der Zeit. Antiker Mythos und moderne Literatur am Beispiel der \u00bbKassandra\u00ab von Christa Wolf<\/i>, Marburg 2004, 17.<br><sup>5<\/sup>Zum Sympathieempfinden siehe Aischylos, <i>Orestie<\/i>, 95.<br><sup>6<\/sup>Christa Wolf, <i>Kassandra<\/i>, Frankfurt\/Main 2021, 7. Im weiteren Text durch die Sigle K gekennzeichnet.<br><sup>7<\/sup>Vgl. Heike Bartel, <i>Mythos in der Literatur<\/i>, M\u00fcnster 2004, 87.<br><sup>8<\/sup>Vgl. Christa Wolf, <i>Voraussetzungen einer Erz\u00e4hlung. Kassandra<\/i>, Frankfurt\/Main 2008, 14.<br><sup>9<\/sup>Vgl. ebd. 15.<br><sup>10<\/sup>Siehe beispielsweise ebd. 18f.<br><sup>11<\/sup>Ebd. 162.<br><sup>12<\/sup>Ebd. 152.<br><sup>13<\/sup>Ebd. 57.<br><sup>14<\/sup>Ebd. 156f.<br><sup>15<\/sup>Vgl. Bartel, <i>Literatur<\/i>, 76.<br><sup>16<\/sup>Wolf, <i>Voraussetzungen<\/i>, 162.<br><sup>17<\/sup>Vgl. Bartel, <i>Literatur<\/i>, 78f.<br><sup>18<\/sup>Vgl. Wolf, <i>Voraussetzungen<\/i>, 89.<br><sup>19<\/sup>Vgl. Bartel, <i>Literatur<\/i>, 77.<br><sup>20<\/sup>Vgl. ebd. 22.<br><sup>21<\/sup>Ebd. 77.<br><sup>22<\/sup>Hans Blumenberg, <i>Wirklichkeitsbegriff und Wirkungspotenzial des Mythos<\/i>, in: Manfred Fuhrmann (Hg.), <i>Terror und Spiel. Probleme der Mythenrezeption<\/i>, M\u00fcnchen 1971 (Poetik und Hermeneutik 4), 11\u201366, hier 18.<br><sup>23<\/sup>Vgl. Bartel, <i>Literatur<\/i>, 33f.<br><sup>24<\/sup>Florence + the Machine, <i>Cassandra<\/i>, in: Florence + the Machine, <i>Dance Fever<\/i>, Polydor Records 2022, Vers 4. Im weiteren Text durch die Sigle C und Versangabe gekennzeichnet.<br><sup>25<\/sup>Vgl. Bartel, <i>Literatur<\/i>, 36.<br><sup>26<\/sup>Vgl. John Kennedy, Florence Welch, <i>Florence + The Machine. Dance Fever<\/i>, in: <i>John Kennedy&#8217;s Track By Track Podcast<\/i>, 31.10.2022; https:\/www.globalplayer.com\/podcasts\/episodes\/7DreavL\/ [letzter Zugriff 19.08.2023].<br><sup>27<\/sup>Vgl. ebd.<br><sup>28<\/sup>Vgl. ebd.<br><sup>29<\/sup>Blumenberg, <i>Arbeit<\/i>, 11.<br><sup>30<\/sup>Vgl. ebd.<br><sup>31<\/sup>Ebd. 30.<br><sup>32<\/sup>Ebd. 166.<br><sup>33<\/sup>Ebd. 88.<br><sup>34<\/sup>Torsten Gross, Florence Welch, <i>\u00bbMit der Pandemie hat mich der prophetische Geist meiner Songs verlassen\u00ab<\/i>, in: <i>Annabelle<\/i>, 23.06.2022; https:\/\/www.annabelle.ch\/kultur\/florence-welch-mit-der-<br>pandemie-hat-mich-der-prophetische-geist-meiner-songs-verlassen\/ [letzter Zugriff 19.08.2023]. Da das Interview nur in \u00fcbersetzter Form ver\u00f6ffentlicht wurde, werden deutschsprachige Zitate verwendet.<br><sup>35<\/sup>Kennedy, <i>Florence<\/i>.<br><sup>36<\/sup>Birgit Johanna Wertenson, <i>Mythos &amp; Neue Musik: die Faszination am Mythos als Ort kulturellen Wissens<\/i>, W\u00fcrzburg 2018, 24.<br><sup>37<\/sup>Vgl. ebd.<br><sup>38<\/sup>Ebd. 24.<br><sup>39<\/sup>Bartel, <i>Literatur<\/i>, 34.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johann Wolfgang von Goethes Prometheus und Iphigenie auf Tauris, Heinrich Kleists Penthesilea, James Joyces Ulysses, Christa Wolfs Kassandra und Florence + the Machines Cassandra \u2013 gemeinsam ist all diesen Werken, dass sie sich mit Mythen besch\u00e4ftigen, und zwar vorrangig mit den Geschichten der griechischen Mythologie. 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