{"id":691,"date":"2024-11-26T20:58:37","date_gmt":"2024-11-26T19:58:37","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/?p=691"},"modified":"2024-12-04T13:22:11","modified_gmt":"2024-12-04T12:22:11","slug":"franke_morisco","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/franke_morisco\/","title":{"rendered":"Morisco: Zukunftspessimismus und Gegenstimmen &#8211; Anna Maria Franke"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-cover alignwide has-background-dim-20 has-background-dim is-position-center-center\" style=\"background-image:url(https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/\u00a9GeraldGrosse_1975_HaNEu.jpg);background-position:44% 100%;min-height:375px\"><div class=\"wp-block-cover__inner-container\">\n<p><p class=\"has-text-align-center has-text-color\" style=\"line-height:1.1;font-size:50px;color:#fffffa\"><strong>Alfred Wellms<em>Morisco<\/em><\/strong><br><em>Zukunftspessimismus und Gegenstimmen aus Halle-Neustadt<\/em><\/p><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9Gerald Gro\u00dfe<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\nDas Literaturhaus Halle ist gef\u00fcllt wie noch nie zuvor. Die T\u00fcren des Gr\u00fcnen Salons bleiben offen, es\nwerden noch einige St\u00fchle hinzugeholt, sodass alle Besucher:innen einen Platz finden. Wer h\u00e4tte\ngedacht, dass ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Halle-Neustadt in Literatur und Photographien so viele Menschen\ninteressiert? Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die Vergangenheit und (vergangene) Zukunft des Stadtteils, das\nvielerlei Reaktionen im Publikum hervorruft. Vor allem zustimmendes Nicken und Lachen, sobald von\nder \u203aGummistiefelzeit\u2039 und anderen pr\u00e4gnanten Erinnerungen gesprochen wird. Doch bei diesen\nReaktionen bleibt es nicht. Ein literarischer Text sorgt f\u00fcr Kopfsch\u00fctteln und keineswegs zustimmende\nReaktionen. Vielmehr wirkt es, als ob die Besucher:innen nur einen Gedanken haben: \u203aWie kann man\nso etwas sagen \u00fcber diesen Stadtteil, in dem wir so viel erlebt haben und mit dem wir uns seit\nJahrzehnten verbunden f\u00fchlen?\u2039 <br>\n(Vignette, Anna Maria Franke)\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p class=\"has-drop-cap\">\n\nAls kleine Gruppen von Studierenden fanden wir uns Ende 2023 zusammen, um mehr \u00fcber Halle-\nNeustadts Vergangenheit und (vergangene) Zukunftsvorstellungen herauszufinden. Einen\nVeranstaltungsort sowie ein festes Datum f\u00fcr die Pr\u00e4sentation unserer Ergebnisse standen von Anfang\nan fest, doch was und wie wir es pr\u00e4sentieren, war zu dem Zeitpunkt noch v\u00f6llig unklar. Schnell\nentstand jedoch der Entschluss, dass wir uns auf wenige ausgew\u00e4hlte literarische Werke fokussieren.\nDarunter befanden sich Werner Br\u00e4unigs <i>Der sch\u00f6ne Monat August<\/i>, Hans-J\u00fcrgen Steinmanns <i>Zwei\nSchritte vor dem Gl\u00fcck<\/i>, Alfred Wellms <i>Morisco<\/i> sowie Brigitte Reimanns <i>Franziska Linkerhand<\/i>. Jeder der Texte trug dabei auf seine eigene Art und Weise zu einem vielseitigen Blick auf Halle-Neustadt bei,\nsei es durch atmosph\u00e4rische Beschreibungen, Fokussieren auf die negativen Aspekte des Stadtteils und\ndessen Erbauung oder teilweise hoffnungsvolle Vorhaben f\u00fcr die Zukunft. Doch wollten wir es nicht\nbei diesen Quellen belassen. Uns schien es zentral zu ber\u00fccksichtigen, dass es sich bei unserem\n\u203aUntersuchungsgegenstand\u2039 um einen Heimatort f\u00fcr viele Personen handelt, deren Stimmen wir \u2013 als\nAu\u00dfenstehende, nicht in Halle-Neustadt Lebende \u2013 nicht ignorieren d\u00fcrfen und wollen, weswegen es\nuns wichtig war, Anwohner:innen in Form von Interviews die M\u00f6glichkeit zu geben, selbst \u00fcber ihre\nHeimat zu sprechen. Dabei fanden kurze Textausschnitte aus den von uns ausgew\u00e4hlten Werken sowie\nPhotographien von Gerald Gro\u00dfe, der die Aufbauzeit intensiv dokumentiert hat, Verwendung, die als\nAnregung f\u00fcr die Interview-Teilnehmer:innen dienten, um von ihren Erfahrungen, Erinnerungen und\nMeinungen zu Halle-Neustadt zu berichten. Dieser Essay ist ein Versuch, das literarische Werk\n<i>Morisco<\/i> \u2013 als dasjenige mit den scheinbar polarisierendsten Aussagen \u2013 mit den Anwohner:innen aus\nHalle-Neustadt in ein Gespr\u00e4ch treten zu lassen, um so herauszufinden, inwiefern der Stadtteil in der\nLiteratur dargestellt wird, dieser ein Spiegel einer (vergangenen) Realit\u00e4t sein kann und in welchem\nVerh\u00e4ltnis heutige, \u00fcberwiegend positive Stimmen zu dem kritisch-literarischen Blick stehen.\n\n<\/p>\n\n<h2>Halle-Neustadts Ansehen und <i>Morisco<\/i> als literarische Verarbeitung der (vergangenen) Realit\u00e4t\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Im Jahre 1964 legte Horst Sindermann den Grundstein f\u00fcr Halle-Neustadt \u2013 die als eine Stadt des\nSozialismus und der Zukunft erbaut werden sollte, in der viele Hoffnungen lagen; Hoffnungen die sich\nnicht vollst\u00e4ndig realisieren lie\u00dfen. Die Meinungen \u00fcber diesen Stadtteil Halles k\u00f6nnten nicht\nunterschiedlicher sein und sie scheinen weiterhin so pr\u00e4sent zu sein, dass die interviewten\nBewohner:innen Halle-Neustadts diesen anhaltenden Dissens mehrfach thematisierten. So berichtete\nbeispielsweise eine Interview-Teilnehmerin:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\nUnd da kann ich Ihnen jetzt noch erz\u00e4hlen, dass ich eine Freundin verloren habe. Eigentlich eine\ngute Freundin [\u2026]. Und wir waren sehr gut befreundet [\u2026]. Und die ist aber nie hierher\ngekommen. Und da habe ich sie dann mal gefragt. \u203aSag mal, warum? Kannst du doch mal\nkommen?\u2039 \u203aAlso Gudrun wei\u00dft du, ich mag Neustadt nicht. Ich bin da noch nie gewesen und ich\nkomme auch nicht zu euch. Ich mag Neustadt nicht\u2039.<br>\nUnd es gibt ja so viele Menschen, die hier gewohnt haben. Gucken Sie mal an, Neustadt hatte mal\nfast 95.000 Einwohner. Ja, das sind alles Menschen. Und da sind viele weggezogen, aber viele\ndenken gerne&#8230; Also solche Menschen habe ich auch erlebt. Und ich habe Ihnen das erz\u00e4hlt mit\neiner Freundin, die meint \u203anach Neustadt, komme ich nicht.\u2039 Das ist gut, das sind dann\nEinzelpersonen, aber es gibt auch viele, die gerne nach Neustadt kommen [\u2026].\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nDabei wird das bestehende kontr\u00e4re Meinungsbild deutlich: Viele blicken gerne auf die Erbauungszeit\nzur\u00fcck, sehnen sich nach der damaligen Zeit und f\u00fchlen sich bis heute mit diesem Wohnort sehr\nverbunden. Einige Menschen betrachten diesen Ort, dessen Geschichte, Baustil oder auch Bewohner\nallerdings kritisch. Abseits von derartigen Meinungsbekundungen im allt\u00e4glichen Leben fand Halle-\nNeustadt \u2013 oder auch generell alle \u203aNeust\u00e4dte\u2039, die erbaut wurden \u2013 als Thema und Handlungsort ihren\nWeg in zahlreiche literarische Werke.\n\n<\/p>\n\n<p>Zu diesen literarischen Zeugnissen geh\u00f6rt unter anderem der 23 Jahre nach der Grundsteinlegung\nerstver\u00f6ffentlichte Roman <i>Morisco<\/i> (1987) von Alfred Wellm \u2013 ein Autor, der besonders f\u00fcr seine\nKinder- und Jugendliteratur bekannt war. Halle-Neustadt findet in diesem Text keine namentliche\nErw\u00e4hnung und dient somit nicht als spezifischer Ort der Handlung. Stattdessen ist von einer\nnamenlose sozialistische Planstadt die Rede, deren Darstellung und Geschichte jedoch deutlich auf\nHalle-Neustadt bezogen werden k\u00f6nnen. Der Protagonist Andreas Lenk \u2013 ein Arbeiterkind und\nArchitektur-Student, der nach erfolgreichem Studium zum Bauleiter in dieser namenlosen Stadt wird\nund mit der Zeit in Rang und Ansehen aufsteigt \u2013 sieht sich im Laufe seines Lebens mit\nWiderspr\u00fcchen, Zwiespalt sowie Desillusionierung konfrontiert. Zun\u00e4chst widmet er sich seiner Arbeit\nnoch voller Elan und Zuverl\u00e4ssigkeit, denn \u00bbes machte [ihm] einen unheimlichen Spa\u00df, zuverl\u00e4ssig zu\nsein, zu reagieren, wie [er] reagieren mu\u00dfte\u00ab.<sup>1<\/sup> Er bem\u00fcht sich um die bestm\u00f6gliche, den Vorschriften entsprechende Umsetzung der Projekte, um so den Bau der Stadt voranzutreiben. Doch sind es\nschlie\u00dflich genau diese Vorschriften, die f\u00fcr ihn zum Problem werden und zunehmend daf\u00fcr sorgen,\ndass Lenks eigene Arbeit ihn nicht mehr erf\u00fcllt.\n<\/p>\n\n<h2>Die Industrie verlangt eine Stadt\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Die im Roman vorherrschende Unzufriedenheit mit dem Stadtbau ist dabei durch Umst\u00e4nde bedingt,\ndie sich auch bei dem Bau Halle-Neustadts wiederfinden lassen. Dieser war vor allem von\nwirtschaftlicher Notwendigkeit gepr\u00e4gt, wie es auch in den Interviews mehrfach erkl\u00e4rt wurde:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nNeustadt sollte urspr\u00fcnglich eine eigene Stadt werden und eigentlich f\u00fcr die Arbeiter in Buna\nund Leuna. Aber durch die Gr\u00f6\u00dfe und N\u00e4he zu Halle wurde das dann ein Teil von Halle. [&#8230;] wir\nhaben auch unser eigenes Rathaus hier noch.<br><br>\nDie damaligen Baustile, der sogenannte P2 Ratio, [\u2026] war einfach dem geschuldet, dass man eine\nBautechnologie entwickeln musste, womit man sehr schnell Wohnraum schafft. Es ging darum,\nsehr schnell Wohnraum zu schaffen.\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nAufgrund der Industriestandorte Buna und Leuna in der N\u00e4he ben\u00f6tigte man f\u00fcr die zahlreichen\nArbeiter schnellstm\u00f6glich gen\u00fcgend Wohnraum. Dementsprechend ist sowohl in der Realit\u00e4t als auch\nim Roman die \u00bbStadt [\u2026] ein Verlangen der Industrie\u00ab (229). Es herrschten strikte Vorgaben bez\u00fcglich\ndes Aussehens und der Ausstattung von Geb\u00e4uden und einzelnen Wohnungen, sowie zeitliche Fristen,\ndie bei dem Bau eingehalten werden mussten. Dies betont auch Lenk in <i>Morisco<\/i>, wenn er von dem\nZeitdruck spricht, unter dem der Bau steht:\n\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nNicht l\u00e4nger darf gez\u00f6gert werden. Jeder Tag hie\u00dfe Terminverlust, hie\u00dfe die Betongrundplatte\nsp\u00e4ter gie\u00dfen; dies aber w\u00fcrde ernsthaft unsere Taktstra\u00dfe gef\u00e4hrden, in deren Flu\u00df wir stehen,\nWohnbl\u00f6cke errichten, Wohnblock um Wohnblock f\u00fcr: die neue Stadt. \u2014 Schlimmer noch w\u00e4re\neine irrt\u00fcmliche Entscheidung. (92)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nAllein in diesen wenigen Zeilen wird der vorherrschende Zeitdruck deutlich, denn Z\u00f6gern oder \u2013 noch\nschlimmer \u2013 Fehler werden als hinderlich empfunden. Stattdessen soll der Bau perfekt und schnell,\ndem Plan und zeitlichen Vorgaben entsprechend Vollendung finden. Lenk bewertet seine Projekte unter\ndiesen Umst\u00e4nden r\u00fcckblickend mit folgenden Worten: \u00bbWir [Bauleute] waren bereit, auf das alles\neinzugehen, und da\u00df dies ein Teufelspakt war, das sollten wir viel sp\u00e4ter erst erfahren, Jahre danach\u00ab\n(164). W\u00e4hrend er selbst am Tag auf der Baustelle und gegen\u00fcber den Kollegen im Namen der\nbaulichen Regelungen agiert und diese verteidigt, sitzt er nachts am Entwurf einer Ideal-Stadt der\nZukunft, <i>Helianthea<\/i>, den er einst mit seinem mittlerweile verstorbenen Studienfreund Marinello\nbegonnen hat. Zugunsten der sozialistischen Planstadt und der Einhaltung der Vorgaben vernachl\u00e4ssigt\ner mit der Zeit zunehmend seine individuellen Architektenw\u00fcnsche und -vorstellungen und \u00bbhatte\n[s]eine Absicht, ein Architekt zu sein, wenn auch nicht v\u00f6llig aufgegeben, so doch weit in die Zukunft\nhinausgeschoben\u00ab (164). Sein Leben spaltet sich mehr und mehr in zwei Teile \u2013 ein Zwiespalt, den er\nletztendlich auch akzeptiert.\n\n<\/p>\n\n<h2>Monotone Neustadt vs. Dekorierte Altstadt\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Dass in Realit\u00e4t eine gewisse Monotonie aufgrund des planm\u00e4\u00dfigen Aneinanderreihens von\nWohnbl\u00f6cken vorherrschte, wird sowohl durch diverse Bilder Gerald Gro\u00dfes best\u00e4tigt als auch durch\nInterview-Aussagen wie \u00bbdie [Geb\u00e4ude] waren alle eigentlich Einheitsbrei. [\u2026] Jedes Haus sah gef\u00fchlt\ngleich aus. [\u2026] einfach Plattenbauten, gleichfarbig und so hochgezogen\u00ab. Dieser Aspekt wird ebenso\nim Roman deutlich, da die Einhaltung der Vorgaben die Entstehung einer monotonen\nGeb\u00e4udelandschaft bewirkt:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\nWohnblock reiht sich an Wohnblock, Zeile an Zeile, nur das gestatten unsere bautechnischen,\nbautechnologischen Bedingungen. Jetzt aber, da der erste Wohnkomplex sich seiner\nFertigstellung n\u00e4hert, wollen wir den Gleichlauf durchbrechen, wollen wir der Monotonie\nentgegentreten, der stumpfsinnigen, t\u00f6tenden Ereignislosigkeit (182f.).\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nLenk bemerkt diese einschr\u00e4nkenden Vorgaben somit auch selbst. Doch der angestrebte und\naufw\u00e4ndige Versuch, die vorherrschende Monotonie der Geb\u00e4ude zu durchbrechen und seinen\nindividuellen Architektenw\u00fcnschen in der Realit\u00e4t zumindest ansatzweise nachzukommen, scheitert\nletztlich. \u00dcbrig bleibt lediglich ein neidvoller Blick auf die Altstadt:\n\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\nBlicken nur neidisch und flu\u00dfaufw\u00e4rts auf die Altstadt \u2014 mit ihren Unzul\u00e4nglichkeiten. Ihren\nM\u00e4ngeln aus Jahrhunderten, ihren zahllosen Verkr\u00fcppelungen, die uns r\u00fchren. Wir neiden\ndieser Stadt das alles, neiden ihr die tausend Jahre, die sie hatte zu entstehen. Neiden ihr die\nKindheit und die Jugendjahre. Urspr\u00fcnglich war nur der Flu\u00df, der hier zwei gro\u00dfe Reiche\n(Welten) voneinander trennte, wissen wir. (183)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nIm Gegensatz zu der Neustadt war es der Altstadt m\u00f6glich, sich ohne jeglichen Zeitdruck oder Bindung\nan akribische Planung zu entfalten. Aufgrund der Notwendigkeit schnell Wohnraum zu schaffen ist in\nder Neustadt kaum Platz f\u00fcr eine freie Entwicklung der neuen Stadt und ebenso wenig f\u00fcr eine\nindividuellere Gestaltung der Geb\u00e4ude. Auch hierzu \u00e4u\u00dfern sich die Interviews:\n\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nUnd jetzt sage ich mal, ich habe [\u2026] das so als schlimm empfunden, wie kaputt Halle war. Und\ndas wird ja alles heute ein bisschen verschwiegen. Und [\u2026] da musste schnell was gebaut werden.\nDie Stadt konnte so schnell nicht saniert werden. Da gab es nicht die Mittel dazu, da gab es nicht\ndie Leute, die bereit waren. Also [\u2026] es ist ja jahrelang nichts gemacht worden. [\u2026] Ja, und da\nwar es in Halle ganz schwer. Was wir f\u00fcr Wohnungen angeboten gekriegt haben, das darf man\nnicht vergessen. Und wie gl\u00fccklich wir dann waren, als wir eine Chance hatten, nach Neustadt zu\nziehen.<br><br>\nEs musste sehr schnell gehen, dass man da nicht mit kleinen T\u00fcrmchen, wie in der Altstadt von\nHalle oder in anderen St\u00e4dten arbeiten konnte, mit Schn\u00e4rzelchen [&#8230;]. Das [\u2026] durfte keine\nRolle spielen. Schnellstens Wohnraum f\u00fcr die Leute, warum? Buna und Leuna.\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\n\nIm Vergleich zu Halles Altstadt, die von individuellen Geb\u00e4uden mit Wiedererkennungswert aber auch\nvon zur damaligen Zeit sanierungsbed\u00fcrftigen H\u00e4usern gepr\u00e4gt war, schien Halle-Neustadt aufgrund\ndes Wohnungsbedarfs und raschen Aufbaus gem\u00e4\u00df Vorschriften zwar zu einem monotonen Dasein\nverdammt, die dort neu gebauten Geb\u00e4ude waren aber nicht ohne Vorteil, denn \u00bbflie\u00dfend warmes\nWasser, das war ein Segen\u00ab. Zudem entstand trotz fehlender Individualit\u00e4t der Geb\u00e4ude das Gef\u00fchl\neines Zuhauses, denn\n\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\nes war unsere Wohnung, es war unser Bereich und da haben wir uns wohlgef\u00fchlt. Wir haben\nauch nicht erwartet, dass wir jetzt in irgendeinem sanierten, mit Stuckdecke und Pipapo und\nriesen R\u00e4ume, hohe R\u00e4ume.\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\n\nDiese Aussage zeigt, dass Halles und Halle-Neustadts Bewohner:innen ihre Erwartungshaltung\ndiesbez\u00fcglich nicht zu hoch setzten. Stattdessen waren sie sich der damaligen Realit\u00e4t bewusst und\nhielten ihre Erwartungen eher gering. Dabei darf jedoch nicht unerw\u00e4hnt bleiben, dass sie der Neustadt\nviel Positives abgewinnen konnten:\n\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nWir haben die Infrastruktur genossen in Neustadt. Der Paulick hat so eine sinnvolle\nInfrastruktur hier gemacht. Es war alles fu\u00dfl\u00e4ufig erreichbar. [\u2026] Aber es waren immer f\u00fcr\n10.000 bis 15.000 Menschen alle Sachen, die gebraucht wurden, vorhanden. Vom Kindergarten,\nZahnarzt, Bank, Kaufhalle, Schule.\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\n\nDie Infrastruktur hatte also auch vorteilhafte Aspekte, die man aus heutiger Sicht vermutlich viel\nweniger nachvollziehen kann als die Menschen, die eine zerst\u00f6rte Altstadt miterlebt haben. F\u00fcr sie war\ndieser neu gebaute Stadtteil ein wahrer Fortschritt, der neue M\u00f6glichkeiten bot und durch das\nUnterbringen vieler Familien au\u00dferdem zu einem starken \u00bbsoziale[n] Zusammenhalt[,] [\u2026] eine[r]\nrichtige[n] soziale[n] Gemeinschaft\u00ab f\u00fchrte.\n<\/p>\n\n<p>Betrachtet man a die Bilder Gerald Gro\u00dfes, so l\u00e4sst sich erkennen, dass Halle-Neustadt kein vollst\u00e4ndig\nmonotoner Ort war, wie es der Roman vermuten l\u00e4sst. Diverse Aufnahmen beweisen, dass auch\nausgefallene Geb\u00e4ude wie der damalige Delta-Kindergarten oder Schreberg\u00e4rten vor Ort existierten. Zu\nden G\u00e4rten in Halle-Neustadt \u00e4u\u00dferte sich zudem ein Interview-Teilnehmer:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nEs wurden hier also Gartenkolonien gegr\u00fcndet und man hat also durchaus festgestellt, dass die\nMenschen was brauchen, wo sie sich individuell verwirklichen k\u00f6nnen. Das haben die\nStadtoberen eben auch erkannt. Bei allem was sie sich bem\u00fchten, das Wohnen so wohnlich wie\nm\u00f6glich und so angenehm wie m\u00f6glich zu gestalten, haben sie schon gemerkt, dass die Leute\nirgendwelche Freir\u00e4ume brauchen.\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nIn Form der G\u00e4rten waren somit auch Orte zur freien Entfaltung der menschlichen Individualit\u00e4t\nvorhanden, die einen Gegenpol zu und Fluchtort weg von den eint\u00f6nigen Plattenbauten und typisierten\nWohnungen boten. Dementsprechend widerspricht die Realit\u00e4t Halle-Neustadt sowie anderer\nsozialistischer Planst\u00e4dte der reinen Monotonie, die in Wellms Roman in einem extremen Ausma\u00df\ndargestellt wird.\n\n<\/p>\n\n<h2>Nicht-realisierbares Ideal und verlorene Hoffnungen\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Lenks Sicht auf die neue Stadt, an deren Aufbau er beteiligt ist, ist hingegen durchg\u00e4ngig negativ und\nhoffnungslos. Dass er mit dieser Wahrnehmung und Unzufriedenheit nicht allein ist, offenbart sich in\n<i>Morisco<\/i> in einer zentralen Szene. Bei dem Geburtstag des Chefarchitekten versammeln sich zahlreiche\nG\u00e4ste, sagen in einem freien, geradezu performativen Sprechen Trinkspr\u00fcche auf und sto\u00dfen auf die\nneue Stadt an. So beginnt zun\u00e4chst eine Lobrede auf die in der Zukunft dann vollendete Stadt:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\u00bbAuf unsre Stadt, die wir f\u00fcr Kind und Kindeskind erbauen!\u00ab Wir hoben unsere Gl\u00e4ser hoch und\ntranken.\n\u00bbAuf unser Werk, mit dem wir unsre Spuren hinterlassen\u00ab, sagte der Direktor Deutscher,\n\u00bbfortan, in alle Ewigkeit!\u00ab [\u2026]\n\u00bbDie eine Perle unter allen St\u00e4dten werde!\u00ab rief Frau Hoppenrade.\n\u00bbUnd Ausdruck eines aufrichtigen Geistes!\u00ab rief Le Frong. [\u2026]\n\u00bbSo wir dem Anbruch einer neuen Zeit ein Denkmal setzen\u00ab, sagte Benjamin, \u00bbdas Denkmal\neines neuen \u00c4ons!\u00ab (177)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nAlle Anwesenden bezeugen auf diese Art ihre (einstigen) Hoffnungen f\u00fcr die von ihnen erbaute Stadt.\nDass diese von dem vorherrschenden sozialistischen Ideal der Zeit gepr\u00e4gt sind, macht sich bemerkbar,\nwenn sie im gleichen Atemzug auch \u00bbIm Namen der Gewerkschaft!\u00ab ausrufen (177). Doch bald schl\u00e4gt\ndie Stimmung um und die G\u00e4ste bedauern eben diese Stadt und sprechen Gedanken aus, die sie\nnormalerweise zur\u00fcckhalten:\n\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\n\u00bbIch trinke auf die arme, auf die armselige Stadt, die keiner lieben wird.\u00ab [\u2026]<br>\n\u00bbAuf die Stadt, mit der wir unsere Hoffnungen begraben!\u00ab sagten wir und tranken.<br>\n\u00bbJawohl, und unsere Selbstachtung und unsere Ehre!\u00ab<br>\n\u00bbUnd unseren Stolz und alles, was wir h\u00e4tten bauen k\u00f6nnen.\u00ab<br>\n\u00bbAuf die saudumme Stadt\u00ab, rief Le Frong, \u00bbdie uns auf dem Gewissen hat!\u00ab [\u2026]<br>\n\u00bbMit der wir die historische Herausforderung verpassen\u00ab, sagte Hoppenrade, \u00bbdie einmalige\nChance, die wir nur haben. Ist das nicht wahr?\u00ab<br>\n\u00bbAuf die Stadt, die wir statt ihrer h\u00e4tten bauen k\u00f6nnen!\u00ab [\u2026]<br>\n\u00bbAuf unsere Illusionen\u00ab, sagte Frau Benjamin, \u00bbauf die ewigen, niemals erh\u00f6rten Illusionen \u2026\u00ab\n(178f.)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\nSo zeigen sie ihre inneren, dem Ideal der Zeit diametral entgegenstehenden Gedanken und sind sich im\nKollektiv \u00fcber die Unzufriedenheit mit der Stadt und deren Bauweise einig, da sie sich eigentlich etwas\nBesseres erhofft haben. Die sozialistischen Hoffnungen und Versprechungen k\u00f6nnen letztendlich nicht\neingel\u00f6st werden, und alle Anwesenden holen einander auf den Boden der Tatsachen zur\u00fcck, in dem sie\ndie tats\u00e4chlichen Zust\u00e4nde in diesem kleinen halb\u00f6ffentlichen Rahmen einvernehmlich aussprechen.\nZuletzt \u00e4u\u00dfert sich noch der Direktor mit folgenden, die Situation abschlie\u00dfenden Worten:\n\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\n\u00bbNein\u00ab, fiel der Direktor ihr ins Wort, \u00bbwir trinken auf die Realit\u00e4t! Auf die Stadt, wie wir sie\njetzt real gemeinsam bauen.\u00ab [\u2026] \u00bbJawohl, auf die elende Stadt, der wir alles opfern, unsere\nTr\u00e4ume, unsere Seele und den Verstand, aber wir werden sie bauen, diese elende Stadt, und wir\nwerden sie akkurat und termingerecht auf die Zigeunerwiesen stellen, und ich will nicht h\u00f6ren,\nda\u00df noch einer einmal elende Stadt sagt, zu dieser verfluchten, elenden, armseligen Stadt, die wir\njetzt bauen.\u00ab (179)\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\n\nEs wird deutlich, dass zumindest in <i>Morisco<\/i> individuelle Vorstellungen nicht mit realen Umst\u00e4nden\nund Vorgaben vereinbar sind. Die Erschaffung der Neustadt ist die Priorit\u00e4t, alles Pers\u00f6nliche und\nIndividuelle nur zweitrangig. Hoffnungen und W\u00fcnsche haben in diesem Rahmen keinen Platz und\nwerden regelrecht zerst\u00f6rt.\n\n<\/p>\n\n<p>Lenk verlagert die Realisierung seiner eigenen W\u00fcnsche, wie erw\u00e4hnt, in die Planung seiner Idealstadt\n<i>Helianthea<\/i>, \u00bbdie Stadt der Zukunft\u00ab (112). Dem gegen\u00fcber betont er immer wieder die negativen\nSeiten der Bauweise der neuen Stadt wie \u00bbdie schnurgerade Ausrichtung der H\u00e4user, die Typenreinheit,\nder Zeilenbau\u00ab (164) oder er merkt an, dass \u00bb[d]ie Erde [\u2026] zerkerbt [ist] mit Gr\u00e4ben, f\u00fcr Leitungen,\nf\u00fcr Heizungsrohre, inmitten klafft die Baugrube wie eine tiefe unheilbare Wunde\u00ab (91) \u2013 ein Zitat, das\nein Interview-Teilnehmer auf eine \u00fcberraschende Art und Weise reinterpretiert:\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\nAber so eine Baugrube beinhaltet meiner Ansicht nach auch immer die Hoffnung, hier w\u00e4chst\nmal was. Hier wird mal was entstehen. Also nicht so pessimistisch.\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\n\nDie interviewte Person widerspricht dem Zitat aus <i>Morisco<\/i> nicht vollst\u00e4ndig, denn die Realit\u00e4t Halle-\nNeustadts war gepr\u00e4gt von Baugruben, die die Erde aufrissen. Stattdessen stellt die Aussage sich gegen\ndie negative Sicht des Romans und zeigt so, dass man in den Gr\u00e4ben nicht nur eine Zerst\u00f6rung sehen\nkann und unterstreicht damit eine zukunftsoptimistische Sicht, aus der heraus Baustellen und -gruben\nimmer mit der Erschaffung von etwas Zuk\u00fcnftigem einhergehen. Dieser optimistische Blick auf die\nDinge fehlt Lenk im Roman, der weiterhin seine kritische und pessimistische Meinung vertritt:\n\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\nWei\u00dft du, was unseren Bl\u00f6cken fehlt, sie haben keinen Charakter, sie sind weder h\u00e4\u00dflich, noch\nsind sie \u2026 Sie sind ohne Zeit, sie haben nichts, keine Vergangenheit und keine Zukunft \u2026\nManchmal denke ich, und wenn wir die Buden aus Blech und Kn\u00fcppeln bauen w\u00fcrden, vielleicht\nk\u00f6nnte der Mensch in ihnen \u00fcberleben, aber in unseren Bl\u00f6cken, versteh mich, auf die Dauer\nkann er es nicht.\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\n\nDie Geb\u00e4ude scheinen somit in seinen Augen nicht einmal h\u00e4sslich zu sein, sondern sie sind lediglich\nneutrale, nichts aussagende Bl\u00f6cke, die in keiner Weise herausstechen. Auf die \u00fcberspitzte\nFormulierung, dass Menschen in ihnen nicht einmal \u00fcberleben k\u00f6nnen, reagiert auch eines der\nInterviews:\n\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\n\n\u203aJa, sie haben keinen Charakter\u2039, das stimmt nat\u00fcrlich. \u203aSie haben nichts, keine Vergangenheit\nund keine Zukunft.\u2039 Keine Zukunft, w\u00fcrde ich nicht\u2026. Hatten wir gerade das Thema, die\nZukunft der Plattenbauten in der Bundesrepublik Deutschland. Aber es gab mal eine Sendereihe\nim Fernsehen \u00fcber solche schlechten Wohnkomplexe. [\u2026] Da war aber K\u00f6ln dabei, da waren\nauch Westdeutsche St\u00e4dte dabei. Und da haben wir manchmal gestaunt, Mensch, die haben ja\nauch sowas. Warum machen die uns dann so fertig?\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>\n\nDiese Aussage er\u00f6ffnet eine weitere Ebene der Probleme, n\u00e4mlich dass besonders Halle-Neustadt als\nOpfer f\u00fcr Unmutsbekundungen \u00fcber Neust\u00e4dte herhalten muss, w\u00e4hrend diese Art von St\u00e4dten doch in\nganz Deutschland existieren. Daneben wird deutlich, dass auch in den Augen der Anwohner:innen\n\u00dcberleben und Leben in diesen Wohnungen und Geb\u00e4uden definitiv m\u00f6glich sind, auch wenn deren\nBauweise von wirtschaftlichen Umst\u00e4nden sowie dem sozialistischen Ideal gepr\u00e4gt ist und eine\nschnelle Erbauung zu einer \u00fcberwiegend eint\u00f6nigen Geb\u00e4udelandschaft f\u00fchrt. Dennoch sind sie f\u00fcr ein\nlangfristiges Dasein gedacht, f\u00fcr n\u00e4chste Generationen, \u00bbf\u00fcr Kind und Kindeskind\u00ab, wie bereits in den\nTrinkspr\u00fcchen thematisiert wird (177).\n\n<\/p>\n\n<p>Mit dieser Intention und dem Bauen der Stadt erschaffen die am Bau Beteiligten eine Br\u00fccke in die\nZukunft und machen aus der sozialistischen Planstadt \u2013 und auch aus Halle-Neustadt \u2013 eine Stadt f\u00fcr\nalle nachfolgenden Generationen. Doch Lenks pessimistischer Blick auf die Zukunft steht in Kontrast\nzu der Br\u00fccke zu den n\u00e4chsten Generationen, rei\u00dft sie gewisserma\u00dfen wieder ein. Was als Stadt f\u00fcr die\nZukunft beginnt, verwandelt sich in seinen Augen in eine Stadt ohne Zukunft, die auch zu der Altstadt\nkeine wirkliche Verbindung besitzt und lediglich Neid ihr gegen\u00fcber aufkommen l\u00e4sst. Hinzu kommt,\ndass auch zwischen der Neustadt und den W\u00fcnschen der Bewohner:innen sowie Erbauer:innen keine\nBr\u00fccke entstehen kann, wenn alles nur nach vorgegebenem Plan erbaut wird. So erweist sich <i>Morisco<\/i>\nals Roman, der einen kritischen Blick auf die Erbauungszeit einer sozialistischen Planstadt, die\nUmst\u00e4nde der Erbauung sowie die nicht erf\u00fcllten Hoffnungen wirft. Individualit\u00e4t und pers\u00f6nliche\nVorstellungen k\u00f6nnen anscheinend nur im Widerspruch zur Realit\u00e4t der Planst\u00e4dte und dem\nsozialistischen Ideal stehen und sind kaum miteinander vereinbar.\n<\/p>\n\n<h2>Pessimismus und Sprechen \u00fcber die Zukunft\n<\/h2>\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Was kann man nun aus einer solch negativen Perspektive auf sozialistische Planst\u00e4dte, deren Erbauung\nsowie nicht realisierte Hoffnungen f\u00fcr die jetzige Zukunftsvorstellung und das Sprechen \u00fcber die\nZukunft mitnehmen? <i>Moriscos<\/i> pessimistischer Blick auf die Erbauung einer solchen Stadt \u2013 und im\n\u00fcbertragenen Sinn auf Halle-Neustadt \u2013 dient als Kontrastbild zu \u00fcberm\u00e4\u00dfig positiven und im Sinne der\nsozialistischen Ideologie stehenden Darstellungen. Im Gegensatz zu einem alleinigen Fokus auf diesen\nText, kann das Betrachten von literarischen Texten mit optimistischer wie auch pessimistischer Sicht\nsowie der Bilder von Gerald Gro\u00dfe einen vielseitigen Blick auf Halle-Neustadt erm\u00f6glichen und uns\nreale Verh\u00e4ltnisse sowie positive und negative Aspekte einer \u203aNeustadt\u2039 n\u00e4her bringen. Es l\u00e4sst uns\nrealisieren, dass Dinge nicht nur positiv oder negativ, sondern viel komplexer sind. Hierzu \u00e4u\u00dfern sich\nalle Interview-Teilnehmer:innen, bemerken, wie gr\u00fcn, fu\u00dfl\u00e4ufig, aber auch ethnisch vielf\u00e4ltig Halle-\nNeustadt ist und wie sich die Verbindung zu Halles Altstadt gebessert hat. Demgegen\u00fcber bem\u00e4ngeln\nsie allerdings die h\u00e4ufige Schlie\u00dfung von L\u00e4den, das Leerstehen und Verfallen von Geb\u00e4uden, sowie\ndas nachlassende Gemeinschaftsgef\u00fchl aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung \u2013 Dinge, die mit\nEngagement leicht behoben und verbessert werden k\u00f6nnen. All diese Seiten muss man pers\u00f6nlich vor\nOrt erleben, um sich ein realistisches Bild von Halle-Neustadt machen zu k\u00f6nnen und seine Meinung\nnicht von einem schlechten Ruf und Vorurteilen bestimmen zu lassen. Dazu neigen Menschen h\u00e4ufig,\nblicken von au\u00dfen oder oben auf Dinge, ohne jemals damit in Verbindung gekommen zu sein. Eine\nInterview-Teilnehmerin \u00e4u\u00dfert sich diesbez\u00fcglich auch und meint: \u00bbUnd meistens sind es die, die \u00fcber\nNeustadt negativ reden, die gar nicht in Neustadt wohnen\u00ab. Exakt diesen externen sowie\nverallgemeinernden Blick gilt es zu \u00fcberwinden.\n<\/p>\n\n<p>Hoffnungen und Erwartungen f\u00fcr die Zukunft sind dementsprechend ebenso vielseitig, aber nicht\nimmer realisierbar \u2013 zumindest nicht auf Anhieb. Allerdings hilft es, der Zukunft nicht rein\npessimistisch gegen\u00fcberzustehen, wie es bei Lenk in <i>Morisco<\/i> der Fall ist, sondern optimistisch zu sein, um selbst in einer wunden-\u00e4hnlichen Baugrube einen Zukunftsoptimismus finden zu k\u00f6nnen. Dennoch\ndarf man die Realit\u00e4t nicht aus den Augen verlieren, denn es steckt vermutlich auch Wahrheit in dem\nvon Lenk bemerkten Problem, dass Realit\u00e4t und Vorstellungen nicht immer miteinander vereinbar sind.\nDie Zukunft ist aber nicht in Stein gemei\u00dfelt und nie zu Ende geschrieben, wird sie doch immer wieder\nzu einer neuen Gegenwart mit anderen Zukunftsvorstellungen. So bleibt auch Halle-Neustadts Zukunft\nunvollendet und kann immer weiter ver\u00e4ndert werden. Was diesen Stadtteil ausmacht, sind dessen\nBewohner:innen mit all ihren gegenw\u00e4rtigen Ideen und Hoffnungen aber auch Taten, die die Zukunft\nbeeinflussen. Es sind genau diese Hoffnungen, die es zu erh\u00f6ren und denen entsprechend es zu handeln\ngilt. Halle-Neustadts Gegenwart und Zukunft m\u00f6gen momentan aus der Sicht vieler Menschen wenig\nPositives versprechen, aber unser gegenw\u00e4rtiges Handeln hat das Potenzial, die Zukunft zu\nbeeinflussen, zu ver\u00e4ndern, und f\u00fcr eine bessere Gegenwart zuk\u00fcnftiger Generationen zu sorgen.\n<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><em><span style=\"color:#495358\" class=\"has-inline-color\">\nWir sind alle mit Schuld, wenn die St\u00e4dte so runtergehen. Und da m\u00fcssen wir Ursachen finden,\nwie das kommt und dann m\u00fcssen wir dagegen angehen. Und wenn da jeder einen kleinen Beitrag\nleistet, dann ist das schon-.\n\n<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\"><figure class=\"aligncenter size-medium is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Anna_Maria_Franke_Quadrat-300x300.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-739\" width=\"207\" height=\"207\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Anna_Maria_Franke_Quadrat-300x300.jpeg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Anna_Maria_Franke_Quadrat-150x150.jpeg 150w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Anna_Maria_Franke_Quadrat-768x768.jpeg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Anna_Maria_Franke_Quadrat-510x510.jpeg 510w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zsbblog2024\/files\/2024\/11\/Anna_Maria_Franke_Quadrat.jpeg 772w\" sizes=\"(max-width: 207px) 100vw, 207px\" \/><figcaption>Anna Maria Franke<\/figcaption><\/figure><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p style=\"text-align: center\"><i>Nach einem Bachelor in Deutsche Sprache und Literatur sowie Anglistik und Amerikanistik studiert <strong>Anna<\/strong> (geb. 2000) jetzt Komparatistik sowie Englische Sprache und Literatur im Master. Dabei interessiert sie sich besonders f\u00fcr die Gegenwartsliteratur, feministische Literaturwissenschaft und Gender Studies, Identit\u00e4tsdarstellung und -verarbeitung in Literatur, sowie Digitale Literaturwissenschaft \u2013 im letzteren Bereich arbeitet sie momentan als wissenschaftliche Hilfskraft bei einem Projekt zur Recherche der Sprachkenntnisse bei deutsch-baltischen Autor:innen des 19. Jahrhunderts. In ihrer Freizeit \u00fcbernimmt Anna liebend gern das Lektorat und Korrektorat bei Texten von Freund:innen.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Kontakt: <\/em><i>anna.franke@student.uni-halle.de; <\/i><i>anna.franke.amf@gmail.com<\/i><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2>Anmerkungen<\/h2>\n\n\n\n<p><sup>1<\/sup>Alfred Wellm, <i>Morisco. Roman<\/i>, Berlin 1987, 103. Im Folgenden nachgewiesen mit Seitenzahlen in Klammern direkt im Text.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gro\u00dfer Dank gilt hier Gerald Gro\u00dfe f\u00fcr die gro\u00dfz\u00fcgige Erlaubnis, seine Fotos im Rahmen unserer Zeitschrift abzubilden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a9Gerald Gro\u00dfe Das Literaturhaus Halle ist gef\u00fcllt wie noch nie zuvor. Die T\u00fcren des Gr\u00fcnen Salons bleiben offen, es werden noch einige St\u00fchle hinzugeholt, sodass alle Besucher:innen einen Platz finden. Wer h\u00e4tte gedacht, dass ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Halle-Neustadt in Literatur und Photographien so viele Menschen interessiert? 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