von Miriam Neuber

Altgermanist (Lehrschwerpunkte: Mediävisitk, deutsche Grammatik, Alexandersage u.v.m.)
geboren: 15. Februar 1816 in Obernigk/Schlesien
gestorben: 23. März 1887 in Halle (Saale)
- Besuch des Elisabeth-Gymnasiums in Breslau
- 1836-1839 Studium der evangelischen Theologie an der Breslauer Universität, Wechsel am 01. November 1836 zur philosophischen Fakultät
- 1844 Staatsexamen in Berlin für gymnasiales Lehramt
- 1844 Promotion in Halle (Saale) mit seiner Arbeit „De Alexandri magni historia fabulosa“
- 1847 Kustodenstelle der Universitätsbibliothek in Halle (Saale)
- 1849 Heirat
- 1853 Habilitation „Disquisitionis grammaticae de alphabeti gothici ulphilani origine atque indole particula I.“ in Halle (Saale)
- 1856-59 Professor für Deutsche Sprache und Literatur in Halle (Saale)
- 1859-1863 Oberbibliothekar in Königsberg i. Pr.
- 1863-1887 Professor für Deutsche Philologie in Halle (Saale)
- 1875 Mitbegründer und erster Direktor des Seminars für Deutsche Philologie in Halle (Saale)
Fundstück
Als Mitbegründer des Seminars für Deutsche Philologie verfasste Julius Zacher auch ein Reglement. Datiert ist die Handschrift auf den 21. Oktober 1875. Es besteht aus 11 Unterpunkten über Aufnahmevoraussetzungen, Regeln, Anforderungen, Mitgliedszahlen, … – also Regeln und Vorgaben, die dem Seminar Struktur liefern sollten. Zudem diente es als Vorbildreglement für das englische und romanistische Seminar.
Damit wurde der Zweck verfolgt „strebsamen Studierenden anregende Gelegenheit und methodische Anleitung zu fruchtbarer selbstständiger Arbeit auf dem Gebiete deutscher Philologie, unter Berücksichtigung des Bedürfnisses der Gymnasien und anderen höheren Lehranstalten zu geben.“
Handschriftliches Seminarreglement für das Seminar für deutsche Philologie der Universität zu Halle.



Was hält dieses Seminarreglement fest?
- Am Anfang liegt die Betonung auf der Möglichkeit der selbstständigen Arbeit, die den Studierenden in diesem Seminarrahmen endlich möglich sein soll. Weiterhin werden Formalitäten wie Mitgliedsanzahl, Bewerbungsinformationen oder Aufnahmebedingungen festgehalten. Außerdem wird Wert darauf gelegt, dass die Teilnehmenden regelmäßig in den Kursen erscheinen, ihre Aufgaben vor- und nachbereiten und am Ende eine Prüfungsleistung ablegen.
- Julius Zacher hält also wichtige Rahmenbedingungen und Regeln fest, die dem neuen Seminar eine Struktur geben und die potenziell Teilnehmenden informieren sollen. Dies war vor allem notwendig, da ein Seminar in dieser Form so noch nicht stattfand.
Gedruckte Version des Seminarreglements für das Seminar für deutsche Philologie der Universität zu Halle.




Weshalb war Julius Zacher so eine wichtige Person für das Seminar der deutschen Philologie?
- Zacher sah sich in seiner Studienzeit ähnlichen Hindernissen gegenüber wie seine Studierenden, er konnte sich gut in deren finanzielle Notlagen versetzen und wusste, wie schwierig sich unter diesen Voraussetzungen lernen ließ. In Artikeln von Manfred Lemmer wird er als jemand beschrieben, der nah an seinen Studierenden war und einen herzlichen Umgang mit ihnen pflegte. Außerdem war eins seiner Ziele, seine Studierenden zur aktiven Arbeit zu bewegen, sie sollten eigene Arbeiten verfassen statt immer nur passiv Wissen aufzunehmen. Doch genau dafür waren viel Zeit und ein geeignetes Lernumfeld nötig. Teilweise lehrte er sogar in seinen Privaträumen oder stellte seine eigene Privatbibliothek zur Verfügung. All dies machte ihn sicher zu einer Person, die sich gut in die Probleme der Studierenden hineinversetzen konnte und genau deshalb suchte er nach einer konkreten Lösung, um ihnen zu helfen. Daraus resultierte der Plan, das Seminar zu gründen, was durch Zachers Engagement und Beharrlichkeit auch umgesetzt wurde.
- Zacher forderte weiterhin bare Studienunterstützung für die Teilnehmenden des Seminars der deutschen Philologie. Somit wäre ein Großteil der Belastung von den Studierenden genommen worden, da sie sich nicht um zusätzliche Nebenverdienste zur Studienfinanzierung hätten kümmern müssen. Nur leider wurde die Forderung dieser Dotation zuerst für die Vermehrung der Bibliothek und andere sächliche Anschaffungen genutzt. Nur das, was davon blieb, konnte an Seminarmitglieder gegeben werden, zum Beispiel als Auszeichnung für hervorragende Arbeiten.
- Kernfakten zum Mitnehmen:
- Zacher durchlebte ähnliche Probleme in seiner Studienzeit wie seine Studierenden.
- Er wollte Studierende dazu anregen, selbst zu forschen.
- Er wollte eine Studienfinanzierung erwirken.
Wieso wollte Julius Zacher ein Seminar für die deutschen Philologie gründen?
- Julius Zacher studierte Theologie und neben klassischen Philologien auch die Geschichte der deutschen Sprache. Somit war er selbst mit den möglichen Umständen des damaligen Studienalltags vertraut. Nebenher musste er Privatstunden geben, um seine Finanzen aufzustocken. Dieser Unterricht benötigte natürlich viel Zeit und 1839 musste er sein Studium vorzeitig aufgeben und eine Hauslehrerstelle antreten, da seine finanzielle Lage dennoch prekär blieb. Später nahm er sein Studium zwar wieder auf, bemühte sich aber um einen schnellen Abschluss, um rasch Geld im Lehramt verdienen zu können.
- Er kannte demnach die Schwierigkeit, mit wenigen, oft nicht ausreichenden Hilfsmitteln zu studieren. Vor allem die finanziellen Nöte erschwerten die Konzentration auf das Studium – bloße Vermittlung von Wissen war also nicht die Lösung. Zacher wollte seine Studierenden oft zu schriftlichen Arbeiten motivieren, doch der Zeitmangel, bedingt durch die Arbeit nebenbei, ließ dies meist nicht zu. Er wollte daher einen Seminarrahmen schaffen, in dem genug Lehrmaterialien, zeitliche Kapazitäten und im Idealfall auch finanzielle Unterstützung gegeben wären. Letzteres ließ sich jedoch nicht oder nur unzureichend durchsetzen.
- Kernfakten zum Mitnehmen:
- Viele Studierende hatten Geldnöte und mussten nebenbei arbeiten.
- Studierende hatten folglich nicht ausreichend Zeit, um sich umfassend auf ihr Studium zu konzentrieren.
- Julius Zacher kannte diese Hürden und wollte den Studierenden einen Rahmen liefern, in dem sie Zeit, Anleitung und Materialien zum Lernen hätten.
Welche Schwierigkeiten gab es während des Gründungsprozesses des Seminars für deutsche Philologie?
- Julius Zacher war am Lernfortschritt seiner Studierenden interessiert, doch eine germanistische Ausbildung war damals schwierig. Man brauchte neue Einrichtungen und Räume, um neue Formen des selbstständigen Arbeitens entwickeln zu können. Es entwickelten sich Arbeitsgemeinschaften mit seminarähnlichen Strukturen, die aber keine tiefergehende Forschung anstellten, sondern eher auf Vorbereitungsebene blieben. Eine Veranstaltungsart mit strengeren Anforderungen wurde nötig – ein Seminar.
- Zacher führte Verhandlungen mit verschiedenen Verwaltungs- und Regierungsstellen und arbeitete schließlich auch einen Entwurf für das Seminarreglement aus. Damit wollte er höhere Anforderungen an das neue Seminar stellen, sodass es sich von vorherigen Veranstaltungen abhob. Schwierig wurde es jedoch, geeignete Räume zu finden. Es gab beispielsweise keine Mittel, um eine passende Bibliothek einzurichten. Wurden Bücher benötigt, wurden sie oft von den Dozierenden aus einer Bibliothek geliehen oder von sich zuhause mitgebracht.
- Kernfakten zum Mitnehmen:
- Es gab keine geeigneten Räumlichkeiten für die eigenständige Arbeit.
- Es gab noch keine ausreichend ausgestattete Bibliothek.
Warum war es schwierig die Germanistik als eigenständiges Fach zu etablieren?
- Das Fach Germanistik hatte es lange Zeit schwer und wurde als wissenschaftliches Gebiet nicht ausreichend ernst genommen. Es war oft nur ein „Nebeninteresse“ der Lehrenden. Manche Universitäten forderten bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, dass Dissertationen auf Latein abgegeben werden sollten. In den Gymnasien war der Lateinunterricht ein zentraler Lehrbestandteil, während das Deutsche vernachlässigt wurde und nicht als „Sprache der Bildung“ betrachtet wurde. Mit Personen wie A. H. Francke, C. Wolff oder C. Thomasius konnte die vorherrschende Stellung des Latenischen jedoch durchbrochen werden und das Deutsche und die deutsche Literatur fanden nach und nach einen Platz im universitären Kontext. Zuerst mangelte es noch an Fachvertretenden, da sich oft nur Liebhabende der deutsche Sprache und Literatur, aus persönlichem Interesse für dieses Forschungsgebiet entschieden.
- Ein Problem stellte außerdem die sogenannte „Goldgräberstimmung“ dar, denn es wurde oft unbekanntes Material aus der Zeit des Mittelalters veröffentlicht, jedoch ohne vorhergehende kritische Sichtung und Einordnung. Dass die Germanistik zudem ihre Ursprünge in der Romantik hatte, man denke hier vor allem an die Märchensammlungen der Gebrüder Grimm, untergrub die wissenschaftliche Autorität des Faches zusätzlich. Märchen galten während der Zeit der Aufklärung noch als „Ammengeschwätz“. Somit wurde die Wissenschaftlichkeit im Bereich der deutschen Philologie zusätzlich in Frage gestellt. In den 1840ern trat mit Emil Sommer dann der erste Germanist in der Linie der hallischen Germanistik auf und langsam entwickelte sich ein eigenes wissenschaftliches Fach mit Fachvertretenden.
- Kernfakten zum Mitnehmen:
- Germanistik war lange Zeit kein eigenständiges Fach, sondern wurde nur „belächelt“ und das Deutsche stand hinter dem Lateinischen.
- Man sah deshalb noch keine Notwendigkeit für gesonderte Seminare oder eine eigenständige Wissenschaftsrichtung.
Quellen:
Eberle, Henrik: Julius Zacher, in: Catalogus Professorum Halensis; https://www.catalogus-professorum-halensis.de/zacherjulius.html [zuletzt aufgerufen am: 04.09.2025]
König, Christopher (Hrsg.): Internationales Germanistenlexikon 1800-1950, De Gruyter: Berlin, New York, 2003, S. 2082-2083.
Lemmer, Manfred: Deutsche Sprache und Literatur an den Universitäten Wittenberg und Halle (1502-1945), in: Rupieper, Hermann-J. (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der Martin-Luther-Universität 1502-2002, Mitteldeutscher Verlag: Halle 2002, S. 147-166.
Lemmer, Manfred: Die hallische Universitätsgermanistik, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Jahrgang VIII Band 3, Halle 1959, S. 359-388.
Lemmer, Manfred: Julius Zacher und die Gründung des Seminars für deutsche Philologie an der Universität Halle, in: Wissenschaftliche Zeitschrift. Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe, Band 5 (1955/56), 1951: Univ.-Halle-Wittenberg, S. 613-622.