Achim Küpper, Franz Kafka. Schrift und Medialität. edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2024, 303 S.
Lucas fach
Eine Studie zu Franz Kafka und seinem Wirken als Schriftsteller – eine unter hunderten. Kann es denn noch neue Erkenntnisse zu dem Prager Jahrhundertschriftsteller geben? Die 2024 zu seinem 100. Todestag erschienene Studie von Achim Küpper jedenfalls will dies leisten: »Es lohnt sich also nach wie vor, über Kafka nachzudenken. […]. Es verbirgt sich etwas Dauerhaftes in Kafkas Texten« (9).
Wie sich aus diesem »Dauerhaften« bisher nicht Erforschtes herausarbeiten lässt, das versucht das vorliegende Buch Franz Kafka. Schrift und Medialität zu leisten und pendelt sich dabei zwischen Bekanntem und Interessatem ein. Das Buch versteht sich als Schlüssel durch »einige Türen« (10) des Rätsels Kafka, hinter denen weitere Rätsel warten. Küpper weiß dabei um die »unüberwindliche« und »unabänderliche Distanz« zu Kafkas Schaffen (ebd.). Sein Anspruch ist es deshalb, durch seine Annäherung einen »Gang zum Horizont« der Kafka-Forschung zu unternehmen: »unterwegs [ändert] sich die Aussicht, werden Sehweisen und Blickwinkel unaufhörlich angepasst«, ohne das Ziel jemals endgültig zu erreichen (ebd.).
Die acht Kapitel der Monografie sind das Ergebnis einer über zehn Jahre andauernden Beschäftigung Küppers mit Kafka und tragen bereits veröffentlichte (aber überarbeitete) Aufsätze mit neuen Erkenntnissen zusammen (vgl. 12). Ausgangs- und Schwerpunkt der Studie liegt auf dem »Nexus von Schrift und Medialität« und einer »Korrelation zwischen Gegenstand und Gestaltung« (13), die sich für Küpper in Kafkas literarischem Verfahren ausdrückt: die stete Veränderung, Neugestaltung und »Rekombination« vorheriger Schöpfungen (vgl. 12) und eine Intermedialität in seiner Werkproduktion (beispielsweise Film und Literatur) bilden diese »Korrelation« (18) zwischen Schrift und Medialität ab.
Die Fragen, denen Küpper in der Studie nachgeht, sind zwar in Teilen bereits häufig gestellt worden, aber konzeptuell doch spannend: die Idee, Kafka und sein Werk nicht ausschließlich anhand starrer Hermeneutik zu erklären ist ebenso wenig neu wie die Erkenntnis, dass es eine »Zusammengehörigkeit und konstitutive Wechselwirkung von Werk und Bewegung« bei Kafka gibt (16). Interessant ist die Idee einer »Dynamik des Schreibens«, die nur vermeintlich mit dem Druck eines Manuskriptes endet; durch intertextuelle, intermediale und »eigenreferenzielle Verfahren« wirkt der Schreibprozess weiter (17) – freilich ist auch diese Erkenntnis einer »Paradoxie des Kafka’schen Schreibprogramms« nicht grundsätzlich neu (ebd.). Der Aufbau der acht Kapitel folgt dieser Idee »miteinander verflochtenen Phänomene« (17): den Einstieg macht Küppers mit den »Vor- und Torbauten« (23) bei Kafka, zu deren Untersuchung er die Überlegung aufstellt, den Text als komplexes »Bauwerk« zu betrachten, welches sowohl als Bild in mehreren Kafka-Texten auftaucht (z.B. die Türe aus der Legende Vor dem Gesetz) als auch ein textuelles Konzept darstellt: den »Eingang« eines Werkes als prägnante »hereinführende Komponente« (25). Dabei konzentriert sich Küpper nicht nur auf die Werke Kafkas, sondern spannt einen größeren Bogen textlicher Bauten von der Antike bis zu Goethe. Um die »Schrift und das Nomadische« dreht sich das zweite Kapitel, das sich zwischen einer direkten Textuntersuchung und Analogien auf das Schreibverfahren einpendelt (65). Der Fokus liegt dabei auf nomadischen Figuren in den drei Werken Jäger Gracchus, Beim Bau der chinesischen Mauer und Ein altes Blatt, deren Existenzen zu einer »nomadischen Textproduktion« ins Verhältnis gesetzt werden, um so einen bildlichen, miteinander verwobenen Nomadismus zu erhalten (vgl. 67f.). Küppers Ansinnen ist es, die Widersprüchlichkeit eines »›antinomadischen‹ Status der Schrift« mit einem nomadischen Schreibstil Kafkas in Einklang zu bringen (68). Gekonnt umgeht Küpper dabei die Gefahr, ein »Nomadentum« bei Kafka auf dessen Heimatlosigkeit und jüdische Herkunft zu reduzieren, indem er ein rein textorientiertes, »produktionsästhetisches« Nomadismus-Konzept zu Grunde legt (70).
In ähnlicher Weise verfährt Küpper auch in den weiteren Kapiteln, die sich stets gegensätzlichen Komplexen widmen und diese anhand von Kafka-Texten und theoretischen Überlegungen auflösen beziehungsweise miteinander verbinden. So geht es um »Eis und Wüste« (93), des »Verhältnis von Sehen und Hören« (125) und den Zirkus (155). Dadurch werden beständig Spannungsfelder aufgebaut, die bisweilen textexterne Themen behandeln, meist aber durch die Lektüre von Kafka-Werken untersucht und aufgelöst werden und dadurch den von Küpper behaupteten »Zusammenhang von Schrift und Medialität« (15) eindrücklich aufzeigen. Dieser Zusammenhang kumuliert schließlich im Kapitel über »Kafkas Ankunft« (215) und dem abschließenden »Ausgang« (247). Die »Ankunft« behandelt dabei – dem Aufbau der übrigen Kapitel ähnlich – nicht nur die ›Ankunft‹ von Figuren in den Romanen Der Verschollene und Das Schloß, sondern auch eine »Ankunft [Kafkas] in der Gegenwartsliteratur« (216), exemplarisch dargestellt am Werk des Franz-Kafka-Preisträgers Christoph Ransmayr, der sich in seinen Texten explizit dem Topos der ›Ankunft‹ widmet (vgl. 233), sowie das Verhältnis von Text und Film (vgl. 216). Küpper legt seinen Fokus dabei explizit auf ein »Nichtstattfinden der Ankunft« (226) sowie auf die »Ankunft im Roman« (227), die bei Kafka regelmäßig den Beginn eines Erzählwerks markiert. Zugleich wird durch die Untersuchung von Kafkas Tagebuchproduktion auch deutlich gemacht, dass dort ein »›Festhalten‹ des eigenen Ichs« und damit eine Ankunft bei sich selbst möglich ist – entgegen den gescheiterten Ankünften im Roman (225).
Im »Ausgang« betrachtet Küpper vor allem »abgebrochene Enden« (247), die gerade für das Œuvre Kafkas von großer Bedeutung sind. Dabei wird a0075f formal beendete, auf der Handlungsebene aber unentschlossene Texte wie Der Landarzt, und formal offene wie Das Schloß verwiesen, bei denen es »doch ein gewisses Ende« gibt (ebd.). Die »abgebrochenen Enden« zeugen bei Küpper auch von einer den Kafka-Werken inhärenten Unabgeschlossenheit der Protagonisten, dem Nicht-Auflösen von Rätseln und Mysterien (vgl. 253). So gelingt es Küpper gerade mit dieser Wendung der abgebrochenen Enden das ebenso widersprüchliche wie miteinander verknüpfte Paradoxon des Kafka’schen Schaffens hervorzuheben: »Dem Loch entspricht die Lücke in und zwischen den Fragmenten« (254).
Die »Schlusswendung« unterstreicht noch einmal Kafkas Produktionsverfahren, das auf einer steten Wiederaufnahme früherer Textelemente beruht – Küpper bezeichnet dies als »invertierende Rekursion bzw. rekursive Inversion« (272) und weist darauf hin, dass die Schluss-wendung zwischen einem Ende und einer Wende steht (vgl. 269), die als »Strukturverfahren« Kafkas Schaffen »zwischen Schrift und Medialität« verdeutlicht, welches den »Horizont des Vergangenen auf einen Horizont des Gegenwärtigen und des Zukünftigen hin öffnet« (274).
Wo sich Andreas Kilcher in seiner ebenfalls 2024 erschienenen Kafka-Studie noch auf eine ebenso überschaubare wie vor allem neuartige Perspektive konzentrierte – nämlich die Feststellung, dass für Kafkas Schaffensprozess Lesen und Schreiben als Symbiose aus Lesen und Verarbeiten von Bedeutung ist[i] – bietet Küpper – trotz seines Schwerpunktes auf Schrift und Medialität – eine Fülle von Themen, die bisweilen von dem eigentlichen Anliegen der Studie ablenken, welches durch einen etwas strafferen roten Faden expliziter und verständlicher herausgearbeitet worden wäre; auch die Vielzahl an Texten Kafkas als Referenz tragen zu einer stellenweisen Überfrachtung der Arbeit bei. Andererseits unterstreicht der Aufbau des Buches Achim Küppers Ansicht, eines der Grundmerkmale von Kafkas Œuvre sei die »Unabschließbarkeit des Interpretationsprozesses« (9) und die »Wiederaufnahme und Variation eigener Textelemente« (12). In diesem Sinne ist Franz Kafka. Schrift und Medialität ein lesenswerter und aufschlussreicher, wenn auch nicht einzigartiger, Beitrag zum ›unerreichbaren Horizont‹ einer abgeschlossenen Kafka-Forschung und unterstreicht die bis heute »anhaltende Aktualität Franz Kafkas« (18).

[i] Andreas Kilcher, Kafkas Werkstatt. Der Schriftsteller bei der Arbeit, München 2024.