Emine Sevgi Özdamars Karriere einer Putzfrau – Erinnerungen an Deutschland: Die Selbstermächtigung der migrantischen Putzfrau
verena schmitt
Karriere als Leistungsnarrativ verweist in einer kapitalistischen Gesellschaft auf ein Verständnis von Arbeit, das an Produktivität, Konkurrenz und individuellem Aufstieg orientiert ist und Menschen nach ihrer wirtschaftlichen Nützlichkeit bewertet. Dieses Narrativ wird vom weißen Mann dominiert – hat man es als Frau dann geschafft, die gläserne Decke zu durchbrechen, ist man ein Girl-Boss. Die Parameter, nach denen diese Bewertung erfolgt, haben sich dadurch jedoch nicht geändert.
Doch was passiert, wenn dieses Narrativ in einer literarischen Erzählung dekonstruiert wird? Diese Frage stellt sich bei der Rezeption der Erzählung Karriere einer Putzfrau – Erinnerungen an Deutschland der Autorin Emine Sevgi Özdamar. Die Erzählung ist Teil des 1990 veröffentlichten Prosabandes Mutterzunge, der in vier Erzählungen die Erfahrung von Migration, Sprachverlust und Identitätsbildung der Erzählinstanz aus einer weiblichen, migrantischen Perspektive literarisch verarbeitet. Das Essay geht der Frage nach, was passiert, wenn eine marginalisierte Sichtweise sich eines besetzten Narrativs – dem der Karriere – bedient und dieses als Mittel der Selbstermächtigung nutzt.
»Ich bin die Putzfrau, wenn ich hier nicht putze, was soll ich denn sonst tun?«[1] Die Erzählung Karriere einer Putzfrau – Erinnerungen an Deutschland beginnt mit dieser Selbstbezeichnung der Erzählinstanz. Es geht um eine Putzfrau, die putzt, was soll sie denn auch sonst tun? »Schwarze Haare und weiße Plastiktüte, das reicht[ ]« (MZ, 105), um zu beschreiben, wen wir vor uns haben: die migrantische Putzfrau. In dieser Figur kulminieren verschiedene Diskriminierungskategorien: race, class und gender. Sie nimmt in der öffentlichen Wahrnehmung eine ambivalente Stellung ein – einerseits ist ihre Arbeit unerlässlich, andererseits bleibt diese oftmals unsichtbar und erfährt nicht selten eine herabsetzende Bewertung. In einer weißen, kapitalistischen, patriarchalen Gesellschaft ist die migrantische Putzfrau eine Person, die aufgrund ihrer mehrfachen Diskriminierung in eine subalterne Rolle gedrängt wird. In Emine Sevgi Özdamars Erzählung befreit sich die migrantische Putzfrau aus dieser ihr zugeschriebenen Rolle, indem sie kulturelle, soziale und auch literarische Grenzen aktiv überschreitet.
Bereits mit dem Titel der Erzählung wird eine Rahmung für die weitere Rezeption geschaffen. Durch die Gegenüberstellung der ambivalenten Begriffe Karriere und Putzfrau wird ein Spannungsfeld eröffnet, das die stereotype Wahrnehmung der migrantischen Putzfrau dekonstruiert. Özdamar stellt die beiden Begriffskonzepte kontrastiv gegenüber und dekontextualisiert dadurch die Vorstellung einer Karriere im herkömmlichen Sinne. Somit wird eine Neuinterpretation von Karriere möglich: Im Kontext der Erzählung meint Karriere nicht allein den sozialen oder beruflichen Aufstieg, sondern vielmehr den Akt der Selbstbestimmung, der die migrantische Putzfrau aus ihrer passiven Objektposition befreit und ihr eine aktive Subjektposition zuspricht. Dies zeigt sich auch im Untertitel Erinnerungen an Deutschland – durch die Rahmung und Verortung im Kontext autobiografischer Memoiren wird die soziale Rolle der Erzählerin nicht nur als erinnerungswürdig, sondern auch als aufschreibenswert hervorgehoben. Der Akt des Schreibens und Memorierens ist ein emanzipatorischer Akt, mit dem sich die migrantische Putzfrau aus der Unsichtbarkeit einer diskriminierenden Gesellschaft widersetzt.
Die Befreiung aus der subalternen Position wird auch durch die Gestaltung der Erzählperspektive deutlich. Als autodiegetische Erzählinstanz ist die migrantische Putzfrau sowohl Ich-Erzählerin als auch Protagonistin. Dadurch übernimmt sie narrative Kontrolle über ihre Geschichte und die Art und Weise, wie diese erzählt wird. Das zeigt sich deutlich, wenn die Grenze zwischen Fakt und Fiktion verschwimmt. So bringt sie als Putzfrau eines Tages den Müll herunter, »machte den Mülltonnendeckel auf, drinnen war eine tote Frau, der Kopf unten, die Beine schauten zum Himmel« (MZ, 110.). Die Situation wird von zwei vorbeilaufenden Gastarbeitern als »Standard« kommentiert (MZ, ebd.). Durch die Bemerkung der Gastarbeiter entsteht der Eindruck einer Validierung des Erzählten; die Erzählinstanz lässt jedoch offen, ob dies wirklich der Wahrheit entspricht. Als Leser:in changiert man dadurch zwischen Glaub- und Unglaubwürdigkeit, zwischen Identifikation und Distanzierung mit dem Erzählten und der Erzählerin. Die Erzählinstanz behält somit die Kontrolle über die Erzählung und eröffnet verschiedene Interpretationsmöglichkeiten ihrer Erzählung.
Das gelingt ihr auch dann, wenn sie auf verschiedene Gattungen zurückgreift, um von ihren Erinnerungen zu berichten. Durch das Überschreiten literarischer Grenzen bricht sie mit den ›klassischen‹ Gattungen und verweist gleichzeitig auf deren Konstruiertheit. So nimmt sie sich eines klassischen dramatischen Stoffes an und erzählt Shakespeares Drama Hamlet nun aus der Perspektive Ophelias und als Prosaerzählung neu. »Als Ophelia« (MZ, 105) ist sie in ihrem Land ertrunken, um »in Deutschland als Putzfrau« (MZ, ebd.) wieder auf die Welt zu kommen. Sie muss ihre Rolle der Ophelia also zurücklassen, um sich in Deutschland als Putzfrau neu zu erfinden. Die Bühne ist ein Ort, an dem »alle anderen Toten […] ihre Rollen spielen« (MZ, 111). So spielt sie als migrantische Putzfrau lediglich eine Rolle auf der ›Bühne Deutschland‹. Als Tote gehört sie zwar nicht zu den Gewinner:innen im Leben, jedoch darf sie »auf der Bühne ihren Blödsinn machen« (MZ, ebd.). Mit dem Blödsinn, von dem sie »selbst genug« (MZ, 112) hat, beschreibt sie nun eine Dramenhandlung, indem sie sich als ertrunkene Ophelia neben andere tote Personen und Figuren der Geschichte gemeinsam auf eine Bühne stellt:
Hamlet, Ophelia, Richard der Dritte, Nathan der Weise, Georg Heym, die Stumme Kathrin, Woyzeck, das Pferd, Danton, Robespierre, Frl. Julie, Van Gogh, Artaud, Marie, Rimbaud, die Totengräber, alle Narren von Shakespeare, alle toten Boten, Matrosen, Medea, Cäsar …
(vgl. MZ, 111).
Die Figuren werden aus ihren literarischen und geschichtlichen Kontexten gerissen und verschränken durch ihr gemeinsames Auftretet auf der ›Bühne Deutschland‹ verschiedene zeitliche sowie kulturelle Ebenen neu miteinander. Mit Charakteren wie Medea aus der griechischen Mythologie, Shakespeare-Figuren aus der englischen Literatur, oder Danton aus der Französischen Revolution sind es jedoch ausschließlich Figuren aus der ›westlichen‹ Kultur, die die Bühne bespielen. Diese eurozentristische Perspektive und das Fehlen kultureller Bezüge wird jedoch dadurch gebrochen, dass es die migrantische Putzfrau ist, die nun als Regisseurin entscheidet, welche Geschichte wie auf der Bühne erzählt wird und den Toten damit eine Stimme gibt.
Emine Sevgi Özdamar zeigt in ihrer Erzählung Karriere einer Putzfrau, wie die migrantische Putzfrau die ihr zugeschriebene subalterne Rolle überwindet, indem sie aktiv soziale, literarische und kulturelle Grenzen überschreitet und sich durch den Akt des Schreibens und Erzählens selbst zum handelnden Subjekt jenseits ihrer Tätigkeit als Putzfrau macht. Die Rolle der migrantischen Putzfrau ist eine wiederkehrende Figur bei Özdamar – in ihrem 2021 veröffentlichten Roman Ein von Schatten begrenzter Raum tritt die Erzählinstanz mit ihrem Gegenüber in ein Gespräch: »Mich hat keiner gezwungen zur Putzfrauenrolle. Ich habe mich selbst in Stücke als Putzfrau geschlichen, ich, allein ich. Es hat mir Spaß gemacht, auch den anderen. Ist Putzfrau keine Rolle? Glaubst du, dass es anders ist, diese Rolle zu spielen als Ophelia?«[2] Die Rolle der migrantischen Putzfrau ist auch hier keine passive Setzung von außen, sondern vielmehr ein bewusster performativer Akt: »Ich bin die Putzfrau, wenn ich hier nicht putze, was soll ich denn sonst tun?« (MZ, 102) kann somit auch als rhetorische und provokative Frage verstanden werden, mit der Leser:innen mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontiert werden. So wird ein Reflexionsraum eröffnet, in dem die gängige Wahrnehmung von Arbeit, Migration und Sichtbarkeit neu verhandelt wird. Das Narrativ von Karriere, das eng mit kapitalistischen und patriarchalen Vorstellungen verknüpft ist, wird aufgelöst, umgedeutet und neu besetzt.

[1] Özdamar, Emine Sevgi, Mutterzunge [1990], Berlin 1993, 102. Nachfolgend zitiert als MZ.
[2] Özdamar, Emine Sevgi, Ein von Schatten begrenzter Raum, Berlin 2021, 545.