Wie explizite Sexszenen toxische Männlichkeit entblößen
Arte/Anna-Lena Barner
Ich würge, meine Augen tränen, Verunsicherung und Freude an der Heftigkeit der Herausforderung halten sich die Waage, unendlich viel Speichel läuft aus meinem Mund, ich bin ein in zahllose Mundfalten gealterter Hund, der Jahre auf Pawlows Klingel gewartet hat. Der Speichel läuft in großen viskosen Tropfen auf unsere Schuhe, auf das speckige weiße Ledersofa. Zack! Der Unbekannte kommt. In meinem Gesicht vermischen sich panische salzige Tränen, überforderter gewürgter Speichel und Instant-Sperma.[1]
Sascha Rijkeboer schreibt mit Camping, Cruising, Cumslut keinen queeren Tumblr-Smut, wie es der Titel und obiger Ausschnitt vermuten lassen. Nein, der Text ist Teil des kontroversen Sammelbands Oh Boy, welcher sich mit modernen Männlichkeiten beschäftigt. Doch was hat diese ausführliche Beschreibung eines Blowjobs in einem schwulen Cruising-Spot mit einem feministischen Ansatz von Männlichkeit zu tun, um den es, wie uns der Klappentext von Oh Boy verkaufen möchte, hier geht? Ist übergriffiger Oralverkehr feministische Praxis, nur weil die Beteiligten queer sind? Warum tut Mann sich das an? Welche Funktionen übernehmen explizite Sex-Szenen in der Vermittlung queerer Erfahrungen und der (De-)Konstruktion von Männlichkeit? Ist es okay, dass ich mir diese Fragen stelle und beim Lesen trotzdem horny werde? Diesen Fragen wird dieser Essay nachgehen und sie mehr oder weniger beantworten. Genau genommen spielt das aber gar keine Rolle, denn wie wir aus übersexualisierten Werbungen wissen: sex sells. Ihr werdet meinen Text also so oder so lesen, da bin ich mir sicher. Alles andere ist anti-feministisch, da es hier ja auch um hegemoniale Männlichkeit geht. Also: stay tuned.
Aber gehen wir noch einmal ein paar Schritte zurück. Was passiert im oben zitierten Text eigentlich? Sascha sitzt auf einem Campingplatz in Cavalaire und sinniert darüber, wie sich die Wahrnehmung der fremden Menschen bezüglich theys Geschlecht verändert hat. Denn je nachdem, wie they sich kleidet und spricht, wird Sasha eines der beiden binär verstandenen Geschlechter zugeschrieben: Mann oder Frau. Dabei ist Sascha trans*maskulin und nicht-binär. Weil die meisten Menschen sich jedoch offene Geschlechterkategorien nicht vorstellen können – oder wollen –, werden nicht-binäre Personen meist weder als solche gesehen noch behandelt. Die am wenigsten binäre Reaktion, die zu erwarten ist, ist eine allgemeine Verwirrung und die darauffolgende Frage, was man denn nun sei. Also ein Mann oder eben doch eine Frau. Ob man jetzt als nicht-binäre Person androgyn genug ist, um zumindest als Geschlechter-Verwirrung wahrgenommen zu werden, kann nur durch Außenstehende validiert werden.
Das gilt auch für theys sexuelle Identität: Um sich schwul zu fühlen, also so richtig, richtig schwul, hat they den Drang, an gewaltvollen cis schwulen Praktiken teilnehmen zu müssen. So let’s fucking (Name ist Programm) go in einen schwulen Cruising-Space: Gesichtslos und in sich übergriffig, denn die Frage nach Consent stellt bereits eine Grenzüberschreitung dar. Saschas schwule Begleitung erklärt: »Wenn dir einer übers Bein fährt oder dich im Schritt berührt und du das willst, dann erwiderst du’s. Ansonsten weißt du die Hand von dir. Alles klar?«[2] Die ultimative Validierung erhält Sascha dann von einem namenlosen, übergriffigen, schwulen cis Mann:
Ich streiche zurück und ehe ich’s mich versehe, hat er mir gewaltvoll seinen Penis in den Mund geschoben. Ich mag diese Grenzüberschreitung – insbesondere mir selbst gegenüber […] Ich kriege aber nicht mehr als diese wenigen Sekunden bewusste Wahrnehmung ab; dieses Fleisch fickt meinen Mund sofort und hart.[3]
Saschas direkte, rohe Sprache entblößt die erlebte Gewalt mit schonungsloser Klarheit. Obwohl Sex heutzutage überall ist, sind solche unmittelbaren Beschreibungen doch schockierend. Sie brechen ein Tabu. Und sie machen noch etwas: Sie vollbringen einen Drahtseilakt zwischen dem Hinterfragen und dem Reproduzieren einer aggressiven schwulen Männlichkeit. Denn überraschenderweise fasst Sascha die Erfahrungen nicht als rücksichtlosen Übergriff auf, sondern bezieht diese auf die eigene Identität und verklärt somit die tatsächlich stattfindende Gewalt:
Er kam nach circa drei Minuten. Mehr begriff ich nicht von ihm. Und doch bin ich wahnsinnig stolz und erfüllt, dass ein Typ unter all den Orgasmen, die er im Darkroom hätte haben können […] ausgerechnet meinem Mund seine Munition geschenkt hat. Was für eine Anerkennung![4]
Das Perverse an dieser Situation ist jedoch nicht der pornoeske Charakter der expliziten Beschreibungen, sondern das eindeutig beschriebene Machtgefälle, welches zwischen den ›etablierten‹ cis Schwulen und Sascha als trans*maskulinem ‚Eindringling‘ herrscht. Saschas Selbstwert und Identität hängen am seidenen Spermafaden aus theys Mundwinkel.[5] They nimmt die Beteiligung an dieser schwulen Praxis als Ehre wahr und setzt sich so der Willkür der trans*feindlichen, trans*freundlichen oder trans*ignorierenden ›richtigen‹ Schwulen aus, die Sascha und theys Identität entweder anerkennen oder ablehnen. Sascha räkelt sich vor den urteilenden Blicken der nackten, verschwitzten Männerkörper. Die Macht über das Selbstbewusstsein der eigenen Identität ist so direkt geknüpft an das Begehrt werden von schwulen Männern. Das Abladen des Spermas in Saschas Mund fungiert so als Ehrenplakette sondergleichen: »Was für eine Anerkennung!«
Diese Art der Machtausübung über die eigene Identität wird auch in anderen, nicht-sexuellen Szenen in Saschas Essay beschrieben, doch nur in der physischen Unterwerfung im Darkroom wird die Drastik dieser Praxis klar. Saschas Erfahrungen sind jedoch nicht nur eine juicy Anekdote, sondern ein Symbol für die gesamtgesellschaftlichen Strukturen und Machtverhältnisse, die in der Konstruktion und Anerkennung von Identität bestehen. Sascha erlebt Vorstellungen von Männlichkeit in Räumen, die sich selbst als Erweiterung vom cis-heteronormativen Rest der Welt verstehen. Ganz ohne Cis-Heteronormativität wird hier eine Sexualität reproduziert, die genauso gewaltvolle Skripte abspielt, wie man sie bei cis-hetero Paaren findet: Es gibt Tops oder Bottoms, aktiv oder passiv, Bären oder Twinks, Butches oder Femmes. Die Teilnahme an diesen kulturellen Praktiken hält die Identität aufrecht und manifestiert dabei Geschlechterrollen und sexuelle Skripte. Was für cis Personen wie gottgegeben unhinterfragt gelebt oder auch abgelehnt wird, ist für trans* Personen ein konstanter Kampf um die Daseinsberechtigung.
Dieser Drang nach der Akzeptanz der eigenen Existenz führt dazu, dass sich Menschen wie Sascha in grenzüberschreitende Situationen begeben:
Bald würde ich dorthin zurück gehen wollen, weiß ich. Ich bin jetzt süchtig, weiß ich, das war eine berauschende Grenzerfahrung! Ich will zurück in dieses Paradies der Geschlechtsteile, wo man sich austobt und schamlos lustvoll ist. Sind wir nicht alle Teenager, die neue Dinge ausprobieren wollen? Oder ist es Selbsthass, der uns antreibt? Sind wir in diesen queeren Spaces […] durchtränkt von Selbsthass, dass wir uns, qua Abwesenheit eines gesunden Narrativs und qua Anwesenheit eines Traumas, selbstverletzenden Grenzüberschreitungen eskapistisch aussetzen?[6]
Sascha konstruiert ein ›uns‹, welches sich in riskante Situationen begibt, um die Sucht nach Anerkennung und Bestätigung des eigenen Selbst zu befriedigen. Doch wer ist dieses ›uns‹? Sind es trans* Personen in einer trans*feindlichen Welt, die wortwörtlich darum kämpfen, in den cis-hetero Spaces nicht (körperlich) angegriffen zu werden? Oder sind es explizit schwule Menschen, die von ihrer toxischen Vorstellung von Männlichkeit durchzogen sind und selbstverletzendes Verhalten in Kauf nehmen, um ihre Identität durch kulturelle Praktiken zu konstruieren? Oder nehmen wir alle an eskapistischen und gewaltvollen Handlungen teil, die uns zwar verletzen, aber auch berauschen, weil wir zu etwas dazugehören, weil wir akzeptiert werden, ohne zu merken, dass wir die Gewalt dadurch reproduzieren?
Szenen wie diese zeigen die Dringlichkeit des menschlichen Bedürfnisses, eine Identität zu besitzen und zu einer Gruppe dazuzugehören. Die sexuelle Natur der Erzählung ist hierbei ein eindrückliches Werkzeug, um die Verletzbarkeit zu zeigen, die solchen Prozessen zugrunde liegt. Zudem wird durch die rohe Beschreibung sichtbar gemacht, wie viel Gewalt in einem solchen, für die Akzeptanz notwendigen Reproduzieren der Rollen und Skripte steckt. Saschas Erzählungen machen deutlich, wie unerlässlich es ist, sich mit kulturellen Praktiken in der Identitätskonstruktion kritisch auseinanderzusetzen, anstatt sich diesen unhinterfragt anzuschließen und berauscht zu sein, wenn man in den exklusiven Club aufgenommen worden ist.
Wir können uns solche Fragen stellen und Szenen analysieren und uns Gedanken darüber machen, wie Identität funktioniert und welche Identifizierungselemente vielleicht gewaltvoll sind und welche nicht. Letztendlich geht es aber immer nur ums Aussehen der beteiligten Körper. Sascha beschreibt, was viele genderqueere Menschen erfahren. Sascha ist zu dominant für Hetero-Sex und außerdem fehlen dem Gegenüber die durch Mastektomie losgewordenen Brüste. Für Schwulen-Sex fehlt Sascha allerdings der Penis. Da reicht eine durch Testo vergrößerte Klit einfach nicht. Auch hier kann sich diese Ablehnung aufgrund von scheinbar nicht ausreichenden körperlichen Attributen auf alle anderen Lebensbereiche beziehen. Da jedoch diese Situationen zwischenmenschlicher Natur sind und ausgelebte Sexualität, auch auf spermaversifften, klebrigen, weißen Ledercouches im Darkroom, zumeist als private Handlung mit scheinbarem Ausschluss der Öffentlichkeit verstanden wird, deckt offen, dass die Gesellschaft eben nie ausgeklammert werden kann. Nicht einmal beim Sex. Denn dort gibt es, wie überall anders auch, Rollen und Skripte, die durchlaufen werden und notwendig sind, um Identität zu stiften.
Insgesamt zeigen Saschas Ausführungen, dass sich im Sex alle gesellschaftlichen Problematiken finden lassen. Die Verletzlichkeit der Beteiligten wirkt wie ein Katalysator, der die Konflikte konzentriert und dadurch eindrucksvoll sichtbar macht. Die Sex-Szenen als literarisches Mittel sind nicht nur eine Provokation, um Tabus zu brechen und die Leser:innen bei Laune zu halten, obwohl das auch super nebenher funktioniert, sondern sie werfen Licht in die Darkrooms dieser Welt, um problematische Strukturen aufzudecken und darüber ins Gespräch zu kommen, um sie zu erkennen und im besten Falle im Anschluss abzulegen. Identität ist immer ein Diskurs, in dem jeder Mensch als Redner:in auftritt. Identität ist Überzeugungsarbeit. Identität ist Performanz.
Sascha Rijkeboers Essay lässt sich leicht als Sensationshascherei der Identitätspolitik mit edgy eingebauten Sexszenen abstempeln. Doch bei genauerer Betrachtung können diese als tiefgehende, analytische Werkzeuge erkannt werden, die den Blick auf die innersten menschlichen Bedürfnisse lenken und offenlegen, was wir noch über Rollenbilder, Skripte, Macht und Identität durchbrechen müssen.
Aber voll blöd, ich dachte, hier geht es um Sex und nicht um langweilige Identitätsfindung? Wozu habe ich jetzt fünf Seiten gelesen, wenn ich damit nicht mal masturbieren kann? Was soll das?!

[1] Sascha Rijkeboer, Camping, Cruising, Cumslut, in: Valentin Moritz, Donat Blum, Oh Boy. 16 Erzählungen von Männlichkeit*en heute, Berlin 2023, 152–168, S. 157.
[2] Ebd., 155.
[3] Ebd., 156.
[4] Ebd., 157.
[5] Vgl. ebd..
[6] Ebd., 158.