Ein Blog für literatur-, kultur- und sprachwissenschaftliche Beiträge der MLU Halle

Halle-Neustadt: Konturen eines Lebensortes – Hannah Schnelle

Gespräche über die Konturen eines Lebensortes
(Vergangene) Zukünfte in Halle-Neustadt

©Gerald Große

Vom Brücken-Bauen


Es ist Freitag. 10:01 Uhr betrete ich den Raum in der Neustädter Passage 13. Fast alle anderen sind schon da, denn meine Bahn kam zu spät. Ich fühle mich ein wenig gehetzt. Abgeschirmt vom kühlen Herbstwind durch eine Wand mit riesigen Fenstergläsern richten wir uns im kleinen Besprechungsraum mit Teppichboden und Küchenzeile ein. Es gibt Nüsse, Kekse und Tee. Noch-verworrene Gedanken und bunte Stifte, um sie auf weißen Papieren zu sortieren. Fast niemand von uns ist regelmäßig hier. Durch die Fenstergläser ist beinahe unsichtbar, dass wir uns im Zentrum von Halle-Neustadt befinden, denn wir sitzen eine Etage unterhalb der fünf 18-geschossigen, von Westen nach Osten angeordneten Hochhaus-Scheiben, die als Stadtkrone in den Novemberhimmel emporragen. In den folgenden Stunden beginnen wir unseren Dialog mit Halle-Neustadt. Wir versuchen, die Stadt zu lesen und zu erfahren.
(Vignette, H. Schnelle)


Jenseits der Altstadt von Halle im Westen der Saaleaue liegt die ›Chemiearbeiterstadt‹ Halle- Neustadt. Am 15. Juli 1964 fand die feierliche Grundsteinlegung der Stadt statt, die als größtes städtebauliches Projekt der DDR bekannt wurde und dazu diente, Arbeiter:innen der petrochemischen Anlagen in Buna und Leuna mit Wohnungen zu versorgen.1 »Es sollen solche Lebensbedingungen geschaffen werden […], die den Menschen Zeit und Muße für ihre kulturelle Bildung, für eine sinnvoll genutzte Freizeit bieten – eine Stadt, […] in der zu leben für jeden Glücklichsein heißt«, proklamierte Horst Sindermann, SED Bezirkssekretär in Halle, an ebendiesem Tag.2 So wurden im 1990 eingemeindeten Stadtteil von Halle insgesamt neun Wohnkomplexe mit etwa 35.000 Wohnungen für 94.000 Einwohner:innen errichtet.3 Beinahe 60 Jahre nach der Errichtung der sozialistischen Planstadt blickt Halle-Neustadt auf eine wechselhafte Geschichte zurück. Seit 1989 erlebt der Stadtteil einen extremen Bevölkerungsrückgang durch Abwanderung und ist inzwischen geprägt vom Zuzug migrantischer Personen, steigender Arbeitslosigkeit und starker sozialer Segregation.4 Dennoch steht das sogenannte Ha-Neu mit seiner aus weitgehend baugleichen Gebäuden konstruierten Silhouette noch heute dem historischen und sanierten Architekturbestand des Zentrums von Halle gegenüber und kündet von vergangenen Zukünften.5

Ausgehend von literarischen Texten aus der Entstehungszeit von Halle-Neustadt und Fotografien von Gerald Große widmete sich im Wintersemester 2023/24 ein literaturwissenschaftliches Projektseminar am Germanistischen Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg vergangenen Imaginationen der Zukunft des Stadtteils. Was lernen wir aus vergangenen Zukunftsperspektiven und -visionen für gegenwärtige und zukünftige Zukunftsbilder und – erzählungen an einem Ort, an dem sich die Zeiten verschränken? Welche Stimmen werden gehört, wenn wir von Zukunft sprechen? Wie ist ein gemeinsames, (stadt-)gesellschaftliches Sprechen über Zukunft möglich, und welche Sprache kann Zukunft sprechen?

Unter dem Leitthema des Brücken-Bauens versuchte das Seminar (Vergangene) Zukünfte nicht nur Verbindungen zwischen den Zeiten zu schaffen, sondern auch Brücken zwischen Generationen, Personen(gruppen), Stadtteilen und Zukunftsvisionen zu bauen. In unseren Rollen als Sammler:innen von Zukunftsbildern erstellten wir in eigenständiger Recherchearbeit ein Konvolut der vergangenen und gegenwärtigen Zukünfte. Als Seminargruppe trafen wir uns zum gemeinsamen Arbeiten in regelmäßigen Abständen zu Blockterminen. Zwischen unseren Treffen, bei denen wir stets versuchten, Verbindungen zwischen unseren Wissenselementen zu erkennen, arbeiteten wir in kleineren Gruppen oder in Einzelarbeit an verschiedenen Aufgaben, um unseren Blick für den Ort zu schärfen. Im Sinne des Brücken-Bauens entschieden wir uns anschließend an das Lesen, Untersuchen und Diskutieren der zuvor erwähnten literarischen Texte und Fotografien, mit in Halle-Neustadt wohnenden Personen ins Gespräch zu kommen. Insbesondere ein einmaliges Treffen des Seminars in Halle-Neustadt, das in der einleitenden Vignette beschrieben wird, machte deutlich, wie wichtig der direkte Kontakt mit den Lebens- und Wohnwirklichkeiten vor Ort sein würde, die wir zuvor nur durch Bücher und Fotografien erfahren konnten. Hierfür entwickelte ein kleines Projektteam einen auf dem Ausgangsmaterial basierenden Gesprächsleitfaden, um mit Halle-Neustädter:innen ins Gespräch über (vergangene) Zukunftsentwürfe zu kommen. Der nun folgende Beitrag gibt einen Einblick in die Methodologie, Überlegungen zur Positionalität und den Verlauf der Unterhaltungen mit sieben Neustädter:innen.

Gespräche in der Großwohnsiedlung: Forschen über (vergangene) Zukünfte in Halle-Neustadt Methodologische Überlegungen: Partizipative Leitfadeninterviews und Elizitationsverfahren

Um die Informationen, die wir im Rahmen des Projektes aus literarischen Texten wie beispielsweise Werner Bräunigs Gewöhnliche Leute: Erzählungen (1969), Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand (1974), Alfred Wellms Morisco (1987) oder Hans-Jürgen Steinmanns Zwei Schritte vor dem Glück (1980) erlesen konnten, einerseits besser kontextualisieren und andererseits um (vergangene) Zukunftserzählungen aus einer gegenwärtigen Perspektive ergänzen zu können, planten eine Kommilitonin und ich im Herbst 2023 das Vorgehen für die angedachten Interviews mit Personen aus Halle-Neustadt. Da die Gespräche vor allem zum Ziel hatten, Alltagsrealitäten zu erfahren, die häufig subtil stattfinden und mehrdimensional sowie dicht miteinander verwoben sind, bedurfte es einer geeigneten Methodik, um bedeutsame Augenblicke, Prozesse und Bilder im Zusammenhang mit Zukunftsvorstellungen vom Stadtteil Halle-Neustadt zu untersuchen.6 Aus diesem Grund griffen wir auf raumwissenschaftliche Forschungsmethodiken zurück.

Offene, narrative sowie leitfadengestützte Interviews sind ein etabliertes Instrument der verbalen Datenerhebung, bei der durch sprachliche Kommunikation Wissen zu subjektiven Erfahrungen, Lebenswelten und Handlungsmotiven generiert wird.7 Insbesondere im Kontext von raumbezogenen Forschungen zu Alltagswirklichkeiten sind Leitfadeninterviews daher geeignete Erhebungstechniken. So bietet die Entwicklung von Leitfäden die Möglichkeit, in einem durch wenige, offene Fragen angeregten Gespräch subjektive, relevante Informationen zu Themen wie Zukunftsimaginationen herauszuarbeiten.

Allerdings hatten wir darüber hinaus zum Ziel, eine Methode zu finden, die berücksichtigt, dass es schwierig sein kann, Alltagserfahrungen und implizites Wissen wie Atmosphären und Gefühle zu verbalisieren.8 So kann in Interviews häufig nur das besprochen werden, »was im diskursiven Bewusstsein abrufbar ist«.9 Der alleinige Einsatz klassischer, verbaler Datenerhebungsmethoden wie Leitfadeninterviews ist in solchen Momenten nur begrenzt sinnvoll, denn verbale Erhebungsformen erfordern oft ein gutes Erinnerungsvermögen und andererseits ein ausgeprägtes erzählerisches Geschick. Die ergänzende Verwendung visueller Materialien kann einen niedrigschwelligen Zugang zu implizit gewussten Lebenswirklichkeiten und Zukunftsimaginationen bieten und insofern weitere Erfahrungsebenen erschließen.10 Aus diesem Grund entschieden wir uns schlussendlich, angelehnt an das Handbuch qualitative und visuelle Methoden der Raumforschung,11 für eine Kombination der verbalen mit visuellen Erhebungstechniken. Beim Einsatz sogenannter Foto-Elizitationen12 werden »ausgewählte Bilder [genutzt], um den interviewten Personen Aspekte zu entlocken, die bei rein kognitiv-sprachlichen Impulsen oftmals latent bleiben«.13 Insbesondere im Zusammenhang mit raumsensiblen Forschungen sind bildgestützte Methoden sinnvoll, da das Visuelle der Vorstellung von Räumen stets immanent ist.14 In unserem Anwendungsfall nutzen wir allerdings nicht nur eine Auswahl der uns zur Verfügung gestellten Halle-Neustadt Fotografien von Gerald Große, sondern verwendeten darüber hinaus auch Zitate aus den literarischen Texten im Sinne eines verbal elizitativen Verfahrens, um verschiedene Kommunikationsebenen anzusprechen und Gesprächsimpulse zu setzen. Die Fotografien sowie die Textpassagen als bereits existierende visuelle Artefakte unseres Ausgangsmaterials ermöglichen einen raumbezogenen Zugang zu den subjektiv relevanten Momenten und Zukunftserzählungen. Diese Methodentriangulation ist besonders geeignet, um Zukunftsnarrative aus unterschiedlichen zeitlichen und räumlichen Rahmen anzuregen, da nicht nur der verbale Austausch im Mittelpunkt der Treffen mit den interviewten Personen steht.15

Auf diese Weise können imaginierte Vorstellungen von Halle-Neustadt als komplexer, materiell sowie sozial konstruierter Forschungsgegenstand sinnvoll erfasst werden. Zugleich ermöglichte uns das Vorgehen, unsere eigenen Lesarten der Fotografien und Texte mit den Lesarten verschiedener Neustädter:innen abzugleichen. Dies ist insbesondere aufgrund unserer Positionalität als nicht in Halle-Neustadt aufgewachsene, wohnende oder lebende studierende Personen von hohem Wert. Die Reflexion unserer Positionalität nahm im Arbeitsprozess insgesamt eine wichtige Stellung ein und wird deshalb im nächsten Abschnitt gesondert thematisiert.

Gedanken zum verantwortungsvollen Forschen: Reflexive Positionalität und Situiertheit von Wissen

Forschungsprozesse können nie vollständig neutral sein.16 Auch während unseres Projektseminars beschäftigte uns von Beginn an unsere Positionalität in Verbindung mit dem Projekt stark. Wie schon in der einleitenden Vignette beschrieben, ist keines der Seminargruppenmitglieder regelmäßig in Halle-Neustadt. Vor allem qualitative, feministische Forschungsansätze gehen davon aus, dass Wissen in Machtstrukturen entsteht und von ihnen beeinflusst wird.17 So muss auch das im Rahmen des Seminars erarbeitete Wissen als in gesellschaftliche Strukturen eingebettet, situiert18 und verkörpert betrachtet werden.19 Reflexivität als Grundprinzip einer machtkritischen Forschung geht mit der Idee einher, dass im Rahmen von Forschungsprozessen durch forschende Personen nie objektive Fakten generiert, sondern von Kontext und Position abhängige und damit situierte Interpretationen von Themen ko-konstruierend herausgearbeitet werden.20 Vor allem in Forschungsprozessen, die wie das durchgeführte Seminar teilweise partizipativ stattfinden, kommt Reflexivität eine große Bedeutung zu, weil die Subjektivität aller an Forschungssituationen beteiligten Personen einen Einfluss auf Forschungsprozesse und die Beschaffenheit von Erkenntnissen hat.21

Für das durchgeführte Projekt war unserer Seminargruppe vor allem wichtig, keine Annahmen über den Stadtteil von außen zu treffen. Aus diesem Grund entschieden wir uns auch, wie bereits dargelegt, Gespräche mit Einwohner:innen von Halle-Neustadt zu führen. Das ›Raus-ins-Feld-Gehen‹ wirft häufig grundlegende Fragen von Raumverständnissen auf, da es meist mit dem Erheben eines Anspruchs auf eine unverstellte Wirklichkeit einhergeht.22 Jedoch sind Räume keine Container, sondern stets durch die Konstruktionsleistung von Subjekten bei ihrer Erfahrung und Wahrnehmung der Welt geschaffen.23 So ist es wichtig, sich durch die Gespräche der multiperspektivischen Wahrnehmung von Zukünften und den Räumen, in denen sie stattfinden (werden), bewusst zu werden und dadurch einer Reproduktion von stereotypisierendem Containerdenken entgegenzuwirken. Im durchgeführten Projekt versuchten Gespräche mit verschiedenen Personengruppen diesem Anspruch gerecht zu werden.

Hinsichtlich der Konzeption der Gespräche sei schließlich auch erwähnt, dass, wie Janina Dobrusskin et al. (2021) beschreiben, die Vorauswahl des Elizitationsmaterials kritisch reflektiert werden muss.24 Grund hierfür ist, dass das verwendete Material in Gesprächen stark richtungsweisend wirken und so die erhobenen Daten beeinflussen kann. Im Rahmen des Projektes wurde die Auswahl des Materials vor allem so getroffen, dass möglichst viele Themenfelder, die in der Literatur sowie den Fotografien auftauchen, abgedeckt werden. Die Bilder sollten in ihrer Kombination möglichst freien Interpretationsspielraum zulassen, sodass die interviewten Personen nicht in bestimmte Richtungen, beispielsweise der Bestätigung von Vorurteilen zu Halle-Neustadt, gelenkt werden, sondern frei von ihren Alltagserfahrungen und Zukunftsimaginationen berichten können. Ausgehend vom Forschungsdesign wird nachfolgend ein Einblick in die konkrete Umsetzung der methodologischen Überlegungen unter Einbettung der Gedanken dazu, wie unsere subjektiven Erfahrungen unsere Sichtweise auf das Forschungsthema sowie die Wissensproduktion haben, gegeben.

Forschungsdesign: Ablauf der Gespräche und Feldzugang

Zur inhaltlichen Orientierung, der Herstellung von Vergleichbarkeit zwischen den Gesprächen sowie der Möglichkeit, die getroffenen Aussagen von Neustädter:innen, mit Zitaten aus den literarischen Texten und den Fotografien zu verbinden, erstellten wir einen Gesprächsleitfaden. Der Leitfaden operationalisiert das Thema der Zukunftsvorstellungen mit verschiedenen Leitfragen zu thematischen Aspekten, die für unser Forschungsprojekt interessant waren. Ziel der Gespräche war es, unter dem Thema ›Brücken-Bauen‹ Blicke aus der Vergangenheit auf gegenwärtige und vergangene Zukünfte und Blicke aus der Gegenwart (auf Vergangenheit) und Zukunft zu werfen. Hierfür teilten wir die Gespräche in insgesamt drei thematische Blöcke ein.

Block 1: Vergangene Zukünfte

Nach einem organisatorischen Einstieg und dem Abfragen biografischer Informationen befragten wir die interviewten Personen zunächst zu ihrem Eindruck aus der Erbauungszeit und ihren Hoffnungen, Visionen und Erwartungen an die Entwicklung von Halle-Neustadt und das Leben im Stadtteil. Hierfür stellten wir vier Zitate und acht Fotografien bereit, mit deren Hilfe die Befragten uns von ihren Eindrücken, Erinnerungen und Geschichten berichten konnten.

»Die Erde ist zerkerbt mit Gräben, für Leitungen, für Heizungsrohre, inmitten klafft die Baugrube wie eine tiefe, unheilbare Wunde«. (Wellm 1987: 91)

»Mit einem Lineal fuhr er auf dem Bebauungsplan herum, umriß die Wohnkomplexe des neuen Stadtteils – sechs Komplexe waren geplant, drei fertiggestellt, der vierte noch im Bau – und das gedrängte Hausgewimmel der Altstadt«. (Linkerhand 1974: 140)

»Laßt uns den Straßen gute Namen geben. Laßt uns Gärten für alle bauen statt Schrebergärten. Laßt uns nicht Zäune errichten, sondern Brücken«. (Bräunig et al. 1969)

»Aber die Straßen waren leer. In fast allen Häusern fast immer die gleichen Fenster erleuchtet vom gleichen schwächlichen Fernsehlicht, die Straßenbeleuchtung verlor sich, die Stadt wirkte unbewohnt und kulissenhaft«. (Bräunig 1969: 76)



Abb. 1: Material Vergangene Zukünfte (Fotografien: Gerald Große)

Block 2: Vergangene Gegenwart

In einem zweiten thematischen Block fragten wir die Personen auf Basis von fünf weiteren Textpassagen und elf der Fotografien von Gerald Große nach dem tatsächlichen Leben in Halle- Neustadt zu DDR-Zeiten.

»Merkwürdige Vorstellung: daß die winzigen Rechtecke auf dem
Plan Häuser sein sollten, Häuser, in denen längst Menschen wohnten, aber auch solche, die in einem Jahr oder zwei, in fünf Jahren vielleicht erst erbaut würden. ›Ich finde mich hier nicht zurecht‹, sagte Renate«. (Steinman 1978: 291)

»Städte ohne Vergangenheit sind wie Menschen ohne
Geschichte«. (Bräunig 1969)

»›Wenn man die Häuser aber als Ausdruck für Lebensbeziehungen ihrer Bewohner verstünde, so ließe sich auch jetzt schon manches erkennen. Angefangen damit, dass in den neuen Häusern – und das wäre nun beileibe keine selbstverständliche Sache! – Menschen verschiedenster Herkunft und sozialer Stellung Wand an Wand miteinander wohnten, nicht nach Gassen, Straßen oder Stadtvierteln getrennt […]‹«. (Steinmann 1978: 303)

»Weißt du, was unseren Blöcken fehlt, sie haben keinen
Charakter, sie sind weder häßlich noch sind sie … Sie sind ohne
Zeit, sie haben nichts, keine Vergangenheit und keine Zukunft … Manchmal denke ich, und wenn wir die Buden aus Blech und Knüppeln bauen würden, vielleicht könnte der Mensch in ihnen überleben, aber in unseren Blöcken versteh mich, auf die Dauer kann er es nicht«. (Wellm 1987: 353)


Abb. 2: Material Vergangene Gegenwart (Fotografien: Gerald Große)

Block 3: Brücken zwischen den Zeiten

Abschließend interessierten uns Perspektiven auf das gegenwärtige Leben in Halle-Neustadt. Hierfür arbeiteten die Interviewten unter Einbezug aller zuvor genutzten textlichen und fotografischen Materialien Veränderungen zwischen den Zeiten heraus. Außerdem fragten wir nach ihren gegenwärtigen Zukunftsvorstellungen.

Für die Gespräche interessierte uns eine möglichst breite Perspektivenvielfalt auf (vergangene) Zukünfte in Halle-Neustadt. Für die Antwort auf die Frage, wen wir interviewen wollten, legten wir daher zunächst fest, dass die Personen in Halle-Neustadt leben sollten und orientierten uns über verschiedene Stadtteilinitiativen wie das Quartiermanagement für unsere Suche nach Interviewpartner:innen. Obwohl wir anfangs überlegten, auch mit Kindern über Zukunftsbilder zu sprechen, entschieden wir uns letztlich aufgrund des erschwerten Feldzugangs25 sowie des methodischen Vorgehens, das auf der Verwendung der mehrheitlich aus den 1960er bis 1980er Jahren stammenden literarischen Texte und Fotografien basierte, dafür, nur mit erwachsenen Personen zu sprechen. Letztlich konnten wir über Gatekeeper:innen Kontakt zu verschiedenen Menschen aufnehmen und drei Gesprächstermine vereinbaren. Die Gespräche werden im folgenden Kapitel jeweils kurz skizziert.

Erzählungen aus Halle-Neustadt: Lebenswirklichkeiten und Perspektiven auf die Zukunft des größten DDR-Städtebauprojekts

Im Dezember 2023 und Januar 2024 führten wir insgesamt drei Interviews mit Neustädter:innen. Die Gespräche wurden aufgezeichnet, sodass sie für die spätere Auswertung transkribiert werden konnten. Um einen Einblick in die verschiedenen Orte und Perspektiven zu erhalten, die wir dabei kennenlernten, werden die Treffen nachfolgend jeweils knapp porträtiert.

Das Nachbarschaftsfrühstück im Blauen Wunder


Wir überqueren ein nächstes Mal die Brücke nach Neustadt. Es ist Montagmorgen und normalerweise würde ich um diese Uhrzeit schon am Campus sein. Schon nach dem Verlassen der Magistrale fühlen wir uns ein wenig desorientiert; wir suchen das Blaue Wunder. Wir entscheiden uns, vorher noch ein paar Lebkuchen zu kaufen. Bald ist Weihnachten und wir möchten gern etwas zum Frühstück beisteuern, zu dem uns Johanna eingeladen hat. Als wir ankommen, öffnet uns eine unbekannte Frau die Tür einer kleinen Wohnung mit Balkon. Kommt rein, sagt sie und winkt uns in den hinteren Raum. Am Tisch sitzen bereits vier Personen. Eine eloquente, junge Frau springt auf und sagt begeistert, dass sie uns bereits auf dem Weg von der Haltestelle entdeckt habe und sich fragte, ob wir auf dem Weg zu ihnen sind. Wie schön es sei, dass wir da sind. Komisch, denke ich, dass wir hier so sehr auffallen. Ich habe Bedenken, wie wir als Seminargruppe mit den Erzählungen, die wir heute hören werden, umgehen, wenn wir sie auf der anderen Seite der Saale in unserem Seminarraum am Steintor besprechen. Ich muss an das Machtgefälle denken, das ich nicht reproduzieren will. Die Atmosphäre ist herzlich. Wir frühstücken fast drei Stunden lang. Die Gerüche von Kaffee, frischen Brötchen und südkoreanischen Instant-Nudeln vermischen sich in der Luft. Es geht um Alltäglichkeiten, die mir aus meinem Leben nicht unbekannt vorkommen. Die gesprächige Frau sucht einen Ort für ihre Chili-Pflanzen. Ein Mann zeigt das Kunstprojekt, an dem er gerade arbeitet. Mehrere Personen planen eifrig die Einladungen und eine Bastelaktion für die Stadtteil-Weihnachtsfeier. Jemand hat Schwierigkeiten mit einem Formular, das vor Wochen in seinem Briefkasten steckte. Wir frühstücken, und die Zeit verfliegt so schnell, dass wir gerade einmal fünf Minuten dazu kommen, unsere Fotos auszupacken. Alle durchforsten begeistert die auf kleinen Papieren eingefangene Vergangenheit des Ortes, an dem wir uns gerade befinden. Direkt erinnern sie sich an persönliche Erlebnisse und Geschichten. Wir müssen los und verabreden uns für das Frühstück in der nächsten Woche.
(Vignette, H. Schnelle)


Am 11. und 18. Dezember 2023 besuchten die Kommilitonin, mit der ich alle Interviews gemeinsam plante und durchführte, und ich den Quartiersladen der AWO. Im Laden, der sich in einer freistehenden 3-Raum-Wohnung in dem Block befindet, der wegen seiner Fassadenfarbe auch als Blaues Wunder bekannt ist, findet wöchentlich ein Nachbarschaftsfrühstück für erwerbslose Personen aus Halle-Neustadt statt. Die Quartiermanagerin Johanna Ludwig erzählte uns bei einem Telefonat von diesem Frühstück. Da bei unserem ersten Besuch mit den Teilnehmenden des Frühstücks nicht fest abgesprochen war, dass wir Interviews führen, entschieden wir uns während des Treffens dazu, in der darauffolgenden Woche wiederzukommen. Am 18. Dezember trafen wir dann beim Frühstück insgesamt drei Personen aus Halle-Neustadt – alle drei Personen kannten wir bereits aus der Woche davor, sodass sich der Einstieg in das Gespräch wesentlich niederschwelliger und hierarchiegelöster gestaltete. Außerdem war eine Mitarbeiterin der AWO anwesend, die auch am Gespräch teilnahm und ihre Eindrücke mit uns teilte. Neben der in der Vignette erwähnten jungen Frau waren ein junger Vater mit seinem Kleinkind und ein etwa sechzigjähriger Mann anwesend. Obwohl die meisten der Personen die DDR-Zeit in Halle-Neustadt nur wenig erlebten, konnten uns alle drei Personen von vielen Erlebnissen – größtenteils aus dem familiären Umfeld oder Bekanntenkreis – berichten. Beispielsweise berichtete uns die junge Frau aus der Erbauungszeit von Halle-Neustadt von folgendem Erlebnis ihrer Mutter:


Anna26: Meine Mutter ist– , war in Eisleben geboren, aber lebte auch schon seit ihrer Kindheit in Halle-Neustadt. Sie hat auch hier in der–, irgendwo hier in der Ecke ist ein Kindergarten und da hat sie, als das noch sehr schlammig war, einen Schuh verloren, hat sie erzählt. Und der ist da irgendwo immer noch in dem Boden drin /Andere Personen: (lachen)/, weil das halt noch teils sumpfig war.

Peter: Da gehen wir mal suchen, was?


Anna: Wie viele Meter willst du graben?


Stephan: Nicht, dass da irgendein Haus draufsteht, mittlerweile.


Beim zweiten Frühstück luden uns die Teilnehmenden zur Weihnachtsfeier im Mehrgenerationenhaus Pusteblume in Halle-Neustadt ein, wo wir am 20. Dezember 2023 alle Personen wiedertrafen.

Umgeben von DDR-Geschichte(n) in der Geschichtswerkstatt Halle-Neustadt


Es regnet in Strömen. Schon den ganzen Tag lang. Draußen ist es bereits dunkel, und wir sitzen in einem kleinen Raum in der westlichen Neustadt, dessen Wände von Geschichtstafeln und anderen Zeitzeugnissen behangen sind. Die Geräusche sind dumpf, denn der Raum ist bestückt mit allerlei orangefarbenen Alltagsgegenständen aus den 1970er Jahren. Ostalgisch. Der Tisch, an dem wir sitzen, ist auf grauem Teppichboden platziert. Ich erinnere mich an das Haus meiner Großeltern. Wir sitzen hier gemeinsam mit einem älteren Mann, der 1973 als Landschaftsgärtner nach Halle-Neustadt gezogen ist. In unerschütterlicher Ruhe berichtet er uns von seinem Lebensweg. Von den Geschichten der ehemaligen Chemiearbeiterstadt. Seine Frau und er, sie fühlten sich immer wohl, berichtet er. Alles sei in der Nähe gewesen, die Straßen niemals leer. Krippen. Schulen. Spielplätze. Die Bäume, die er damals gepflanzt hatte, seien heute groß, sagt uns der Achtzigjährige stolz nickend und isst ein Stück vom Lebkuchen.
(Vignette, H. Schnelle)


Am 19. Dezember 2023 trafen wir Herrn Müller im Ausstellungsraum der Geschichtswerkstatt Halle- Neustadt. Ein Teil der Seminargruppe hatte ihn bereits bei einem Treffen im Herbst kennengelernt, bei dem er sich gemeinsam mit einer älteren Frau und dem Leiter der Geschichtswerkstatt Zeit nahm, um über das Leben im Quartier zu sprechen. Er erklärte sich bereit, in einem weiteren Treffen gemeinsam mit uns seine Perspektiven auf die Fotografien und Textstellen zu teilen. Herr Müller arbeitete als Abteilungsleiter für Technologie und Projektierung und verantwortete die Begrünung in der neuen Stadt. Nach der Geburt seiner drei Töchter und dem Renteneintritt lebt er noch gemeinsam mit seiner Frau in Halle-Neustadt. Mit Blick auf die Zukunft berichtet er:


[I]ch denke, dass das Zusammenwachsen der Altstadt mit der Neustadt aufgrund schon des ÖPNV, […] dass das also mehr und mehr zusammenwächst, ja. […] Man hat ja also verschiedene Ausbildungsstätten auch hier geschaffen, sodass auch junge Leute ständig, ja, siehe die volle Straßenbahn, ja, die verlängerten Straßenbahnen und so weiter. Dann der neue Brückenbau, der Elisabethbrücke, ja, die dritte inzwischen, die da gebaut wird. Das sind ja alles Verbindungen, die geschaffen werden zwischen den beiden Städten. Und also man hat, es ist ein langwieriger Prozess und es ist auch ganz ein zäher Prozess, aber es ist ein Prozess, der stattfindet, ja.


Ein Fotoarchiv in der eigenen Wohnung


Ich telefoniere mit einer älteren Neustädterin. Eine Woche später stehen wir klingelnd vor ihrer Haustür. Ein Mann spricht durch die Gegensprechanlage zu uns. Zweiter Stock. Draußen ist es eisig und wir sind froh, als uns das ältere Ehepaar die Tür öffnet. Im Wohnzimmer ist es pudelig warm. Eine intime Situation, dafür, dass wir uns noch nie gesehen haben, denke ich. Ich bin beeindruckt vom Vertrauen, das uns die beiden schenken, indem sie uns hier willkommen heißen. Wieder muss ich an meine Großeltern denken. Wir setzen uns an den Esstisch. Im Hintergrund läuft leise klassische Musik, die Uhr tickt sanft im Sekundentakt. Ich blicke hinter mich. Um uns herum stehen deckenhohe Regale, dicht befüllt mit Mappen und Büchern. Das hier ist mein Fotoarchiv, sagt die ältere Frau zu uns. Sie deutet auf zwei Urkunden an der Wand. Zu DDR-Zeiten war sie Leiterin des Fotoateliers in Halle-Neustadt und arbeitete später als Stadtfotografin. Wir essen Kuchen und Frau Hoffmann berichtet von all jenen Augenblicken, die sie in den 70er und 80er Jahren, auf ihrem Dienstrad radelnd, durch ihre Linse eingefangen hatte. Nebenbei schauen wir die Fotografien von ihrem Kollegen Gerald Große an, den sie wohl nie persönlich kennenlernen konnte. Sie ist auch Sammlerin, überlege ich beeindruckt. Sammlerin von Gegenwart. Ihre Wohnung ein Archiv der vergangenen Gegenwart. Draußen färbt sich der Himmel langsam golden und die Sonne geht unter. Noch mindestens eine Stunde sitzen wir und lauschen gespannt den Erzählungen des Paares.
(Vignette, H. Schnelle)


Über eine Arbeitskollegin, die als freie Redakteurin aktiv ist, erhielt ich im Dezember den Kontakt zur ehemaligen Stadtfotografin von Halle. Telefonisch vereinbarten wir einen Termin für den 5. Januar 2024. Das Treffen fand im Zuhause der älteren Frau in Halle-Neustadt statt. Nach der Ankunft entschied sich ihr Mann, der ebenfalls zugegen war, spontan dazu, auch am Gespräch teilzunehmen. Dieser Umstand war für uns insofern glücklich, als dass sich bereits bei den beiden vorherigen Gesprächen abzeichnete, wie befruchtend und gesprächsanregend das gemeinsame Anschauen der Texte und Bilder sein kann. Sie erinnerten sich gemeinsam an viele Momente aus der Erbauungszeit von Halle-Neustadt sowie dem Leben vor Ort bis in die heutige Zeit. Unter anderem berichteten sie vom nachbarschaftlichen Miteinander früher und heute:


Hr. Hoffmann: Also der soziale Zusammenhalt war sehr stark. Ob nur aus der Not geboren heraus oder was, weiß ich nicht, aber er war da. Und es wurde keiner verachtet, und es wurde keiner ausgeschlossen. Es war also eine richtige soziale Gemeinschaft, würde ich sagen.

Fr. Hoffmann: Also wir sind da auch Menschen, die dafür sehr zu haben sind. Also wir haben noch immer was gemacht und ich habe auch jetzt gerade wieder… Weihnachten und Neujahr. Und da hat zum Beispiel jemand unten in Blumenstrauß, in der Adventszeit, einen Adventsstrauß hingestellt. Das erste Mal, dass wir so was erleben. Jetzt haben wir alle gerätselt, viele haben es mir zugetraut, ich war aber jetzt nicht in der Lage. Und jetzt kam es raus. Und da haben wir uns so gefreut, ich wollte eigentlich gerade einen Zettel hinschreiben, ›danke und super‹. Und da habe ich aber die Familie getroffen, die es gemacht hat. Und da bin ich gegangen und habe gesagt, ›das habt ihr ganz toll gemacht‹. Und da hat jetzt die Frau schon gesagt, ›da können wir das ja zu Ostern wieder machen‹. Und das ist doch schön.


In ihren Erzählungen wird klar, dass noch heute beide sehr begeistert von Halle-Neustadt sind. So erzählte uns Frau Hoffmann am Schluss des Interviews:


Und ich habe ja vor ein paar Jahren mal wieder eine [Ausstellung] im Neustadtzentrum gehabt. Und da kam eine Frau auch mal auf mich zu und sagt, sie wohnt zwar heute nicht mehr in Neustadt, aber sie muss sagen, sie hat sehr gerne in Neustadt gewohnt. Jetzt haben sie eben ein Haus und da ist das alles anders. Aber die Zeit in Neustadt vergisst sie nicht. Und das höre ich mir dann auch gerne an.


Aus Platzgründen können an dieser Stelle keine weiteren Eindrücke aus den Gesprächen geteilt werden. Für die stadtöffentliche Projektpräsentation, die am 24. Januar 2024 im Literaturhaus im Zentrum von Halle stattfand, wurde eine Audiocollage mit weiteren Stimmen zu Halle- Neustadt erstellt. Bei Interesse kann der Zugang zur Audiodatei per Mail angefragt werden: wohnraum.interviews@systemausfall.org.

Die Suche nach dem Sprechen über (vergangene) Zukünfte

Zukunftsbilder sind vielfältig. So ist für den gesellschaftlichen Austausch von Zukunftsimaginationen die Suche nach einer gemeinsamen Sprache fundamental. Die durchgeführten Gespräche in Halle- Neustadt zeigen nicht nur, wie sich Visionen für die Zukunft im Laufe der Zeit verändern können. Die Geschichte von Halle-Neustadt sowie die Transformation des Stadtteils bis in die heutige Zeit macht auch deutlich, wie Zukunftsnarrative scheitern können, was wiederum Wege für neue Dialoge über Zukunft eröffnet. Für einen Blick in die Zukunft ist daher auch immer wichtig, die Gegenwart und vergangene Zukunftsszenarien einzubeziehen. Überdies zeigt das Projekt auch die Bedeutung des Sammelns verschiedener Stimmen. Wenn sich verschiedene Personen(-gruppen) über ihre Wahrnehmungen städtischer Wirklichkeiten verständigen, ergibt sich ein Möglichkeitsraum, gemeinschaftliche Visionen auszuhandeln.

Resümierend lässt sich feststellen, dass sowohl visuelle als auch textliche Sprachen dabei helfen können, Vorstellungen zu ordnen, zu entwerfen oder zu diskutieren. Methodisch eignen sich daher Elizitationsverfahren als Herangehensweise, um über raumbezogene Zukunftsfragestellungen zu diskutieren. Das Hineinversetzen in Bild- und Textmaterialien ermöglicht das Erinnern an eigene Erlebnisse und das Bewusstwerden über eigenes Wissen. Obgleich das Vorsortieren und -bestimmen der visuellen und textlichen Erhebungsmaterialien durch die Forschenden kritisch betrachtet werden muss, unterstützt das Vorgehen insgesamt eine machtsensible Gesprächsstrukturierung und Forschungsweise, indem die befragten Personen emanzipatorisch dazu ermutigt werden, an der inhaltlichen Steuerung des Gesprächs teilzuhaben. Das regt wiederum nicht nur zur Reflexion des eigenen Erlebens an, sondern kann auch Impulse für den gegenseitigen Austausch zwischen Einzelpersonen liefern, wenn Gruppeninterviews durchgeführt werden. Auf diese Weise wird der Notwendigkeit einer gesprächslenkenden forschenden Person entgegengewirkt und das innewohnende Machtungleichgewicht zwischen Forschenden und interviewten Personen reduziert.27 Die elizitierenden Gespräche lieferten Informationen darüber, wie verschiedene Menschen Räume erfahren, aneignen und produzieren, konstruieren und nutzen.28 Eine Grenze der Methode ist, dass Fotografien und Texte nicht das evozieren können, was Räume evozieren. Im Kontext des Projektes war es allerdings sinnvoll, mit den Fotografien und Textstellen zu arbeiten, um die Seminarmaterialien mit einem Blick aus der Perspektive von in Halle-Neustadt lebenden Personen zu verbinden. So konnten wir persönlichen, potentiell stereotyp-reproduzierenden Gedanken entgegenwirken und als Sammler:innen im Sinne eines Sprechens-Mit anstatt eines Sprechens-Über wirken. In weiteren Projekten könnten auch Vor-Ort-Spaziergänge mit Personen ausgetestet werden, um ins Gespräch über (vergangene) Zukünfte zu kommen.

Zukünfte sind immer unscharf. In dieser Unbestimmtheit liegt die Chance, aus festgefahrenen Strukturen auszubrechen. Im Gespräch mit Menschen verschiedener Generationen, Lebenswirklichkeiten und gesellschaftlichen Positionalitäten können gemeinsame Ideen entstehen und zu pluralen Zukunftsbildern kollektiviert werden. So liegt in der Suche nach dem Sprechen über (vergangene) Zukünfte die Chance, eine intersektional-machtsensible, generationenübergreifende, interkulturell gedachte, antirassistische, sozial-ökologische Zukunft zu gestalten.


Hannah Schnelle

Nach einem Geographiestudium im Bachelor studiert Hannah (geb. 1998) jetzt International Area Studies – Global Change Geography. Ihr Interesse gilt feministischer Wohnforschung, kritischer Stadtgeographie, digitalen Geographien, Science and Technology Studies sowie visuellen, ethnographischen und künstlerischen Methoden. Nebenbei ist Hannah studentische Hilfskraft am Institut für Geowissenschaften und Geographie.

Kontakt: hannah.schnelle@student.uni-halle.de; wohnraum.interviews@systemausfall.org


Anmerkungen

1Christiane Lütgert, Lars Goern, Strukturkonzept Stadtteilzentrum Neustadt. Neue Impulse aus der Mitte, Halle/Saale 2021, 4.; Peer Pasternack, 50 Jahre Halle-Neustadt. Vorwort, in: Peer Pasternack et al. (Hg.), 50 Jahre Streitfall Halle-Neustadt: Idee und Experiment. Lebensort und Provokation, Halle/Saale 2014, 11–14, hier 11f.
2Karlheinz Schlesier, Autorenkollektiv, Halle-Neustadt. Plan und Bau der Chemiearbeiterstadt, Berlin 1971, 11.
3Vgl. StadtumMig Projektteam, Vom Stadtumbauschwerpunkt zum Einwanderungsquartier; https://stadtummig.de/wp-
content/uploads/2023/03/StadtumMig-Handbuch-2022_Projektphase-1.pdf [letzter Zugriff: 22.03.2024], 18.
4Vgl. ebd. 18.; Annette Harth, Erwartet, unerwünscht, eingetreten. Segregation in Halle-Neustadt, in: Peer Pasternack et al. (Hg.), 50 Jahre Streitfall Halle-Neustadt: Idee und Experiment. Lebensort und Provokation, Halle/Saale 2014, 411–413, hier 411.
5Vgl. Lütgert, Goern, Strukturkonzept Stadtteilzentrum Neustadt, 4.; Peer Pasternack, 50 Jahre Halle-Neustadt, 12f.
6Vgl. Felix Bentlin, Sarah Klepp, Visuell-biografische Interviews zur Analyse von Lern- und Raumerfahrungen, in: Anna J. Heinrich et al. (Hg.), Handbuch qualitative und visuelle Methoden der Raumforschung, Bielefeld 2021, 165–183, hier 165.
7Vgl. Cornelia Thierbach, Zum Einsatz von Leitfadeninterviews in der Raumforschung, in: Anna J. Heinrich et al. (Hg.), Handbuch qualitative und visuelle Methoden der Raumforschung, Bielefeld 2021, 183–194, hier 183.
8Vgl. ebd. 183.; Bentlin, Klepp, Visuell-biografische Interviews zur Analyse von Lern- und Raumerfahrungen, 170.
9Thierbach, Zum Einsatz von Leitfadeninterviews in der Raumforschung, 183.
10Vgl. Bentlin, Klepp, Visuell-biografische Interviews zur Analyse von Lern- und Raumerfahrungen, 170.
11Anna J. Heinrich et al. (Hg.), Handbuch qualitative und visuelle Methoden der Raumforschung, Bielefeld 2021.
12Vgl. Douglas Harper, Talking about Pictures: A Case for Photo Elicitation, in: Visual Studies, 17(2022)1, 13–26.
13Janina Dobrusskin, Ilse Helbrecht, Anthony M. Born, Carolin Genz, Bildgestützte Interviews am Beispiel der Foto-Elizitation, in: Anna J. Heinrich et al. (Hg.), Handbuch qualitative und visuelle Methoden der Raumforschung, Bielefeld 2021, 209–221, hier 212f.
14Vgl. ebd. 209.
15Vgl. Bentlin, Klepp, Visuell-biografische Interviews zur Analyse von Lern- und Raumerfahrungen, 167.
16Vgl. Kristine Beurskens, Judith Miggelbrink, Frank Meyer, Ins Feld und zurück. Begegnen, sich positionieren, entscheiden, in: Frank Meyer, Judith Miggelbrink, Kristine Beurskens (Hg.), Ins Feld und zurück. Praktische Probleme qualitativer Forschung in der Sozialgeographie, Berlin 2018, 1–12, hier 5.; Robert Nadler, Kathrin Hörschelmann, Ein schmaler Grat. Neutralität und Positionierung in der wissenschaftlichen Praxis, in: Frank Meyer, Judith Miggelbrink, Kristine Beurskens (Hg.), Ins Feld und zurück. Praktische Probleme qualitativer Forschung in der Sozialgeographie, Berlin 2018, 103–110, hier 104.
17Vgl. Gilian Rose, Situating Knowledges. Positionality, Reflexivities and other Tactics, in: Human Geography, 21(1997)3, 305–320, hier 305.
18Der Begriff ›situiert‹ geht auf Donna Haraway (1988) zurück, die davon ausgeht, dass Wissen immer nur eine bestimmte Perspektive auf Wirklichkeit aufzeigt.
19Vgl. Alexander Vorbrugg, Sarah Klosterkamp, Vanessa Thompson, Feldforschung als soziale Praxis. Ansätze für ein verantwortungsvolles und feministisch inspiriertes Forschen, in: Autor*innenkollektiv Geographie und Geschlecht (Hg.), Handbuch Feministische Geographien, Opladen, Berlin 2021, 76–96, hier 80.
20Vgl. ebd. 79.
21Vgl. Hella von Unger, Partizipative Forschung. Einführung in die Forschungspraxis, Wiesbaden 2014, 87.
22Vgl. Nils Grube, Katja Thiele, Kritische Stadtexkursionen. Annäherung an eine reflexive Exkursionspraxis, in: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung, 8(2020)3, 215–230, hier 215.
23Vgl. ebd. 217.
24Vgl. Dobrusskin, Helbrecht, Born, Genz, Bildgestützte Interviews am Beispiel der Foto-Elizitation, 212.
25Der erschwerte Feldzugang ergab sich vor allem daraus, dass uns Kontaktpersonen von Kinderbegegnungsräumen in Halle-Neustadt darauf aufmerksam machten, dass wir für Gespräche mit Kindern häufig Dolmetscher:innen brauchen würden. Zudem war der Rahmen des Projekts zu kurzfristig, sodass nicht genügend Vorlauf für den zusätzlichen Organisationsschritt vorhanden war, die Erziehungsberechtigten der Kinder nach ihrem Einverständnis zu fragen.
26Aus Datenschutzgründen sind die Namen der interviewten Personen anonymisiert.
27Vgl. Dobrusskin, Helbrecht, Born, Genz, Bildgestützte Interviews am Beispiel der Foto-Elizitation, 213.
28Vgl. Thierbach, Zum Einsatz von Leitfadeninterviews in der Raumforschung, 192.

Ein großer Dank gilt Gerald Große für die großzügige Erlaubnis, seine Fotos im Rahmen unserer Zeitschrift abzubilden.