Personelle Relationen im ‚Journal der Physik‘

Inhaltsverzeichnis des ersten Bandes, 1790 (Ausschnitt).

Von den 484 im ‚Journal der Physik‘ zwischen 1790 und 1794 erschienenen Beiträgen verfügen 299 über Autorenkennzeichnungen. Diese ermöglichen es, einen Teil des personellen Netzwerks dieses Journals zu rekonstruieren.

Der Herausgeber des Journals, Friedrich Albrecht Gren verfügte bereits über einen relativ stabilen Kommunikationskreis, den er auch für die Etablierung seiner Zeitschrift nutzte.

Betrachtet man alle am Journal beteiligten Autoren nur in Hinblick auf ihre persönlichen Beziehungen ergibt sich ein relativ großer Kern gut vernetzter Akteure, der zugleich die fachlich hervorstechenden bzw. polarisierenden Forscher abbildet. Daneben finden sich eine Vielzahl von Beiträgern unverbunden am Rand des Netzwerkes.

Gesamtnetzwerk der Autoren des ‚Journals der Physik‘, mit ihren persönlichen Relationen.

Zwischen den hier dargestellten, miteinander verbundenen Autoren bestanden wissenschaftliche oder persönliche Beziehungen auf individueller Ebene. Die zentralen zeitgenössischen Akteure finden sich in ihrer Größe nach Betweenness-Centrality gewichtet im Zentrum des Netzwerkes.

Eine weitere Option die Beziehungen zwischen den Akteuren des Journals zu hinterfragen besteht in ihrer räumlichen Verortung. In diesem Fall steht die Frage im Vordergrund, in welchem geographischen Raum die entsprechenden Akteure agierten, was unter Umständen einen persönlichen Kontakt erleichtert haben könnte.

Räumliche Verortung der Autoren des ‚Journals der Physik‘. Blau = Akteure; violett = Länder; orange = Orte.

Aus dieser Darstellung wird ersichtlich, dass der geographische Raum offensichtlich kaum einen entscheidenden Einfluss geltend machen konnte. Zwar kann Paris als eines der zeitgenössischen Zentren naturwissenschaftlicher Forschung ausgemacht werden, doch keinesfalls mit einer solchen Zentralität wie sie einzelne Akteure (wie z.B. Antoine Laurent de Lavoisier) entwickeln konnten. Gleichzeitig zeigt sich bspw. an der Zuordnung zu ‚Deutschland‘, dass sich kein eindeutiges geographisches Zentrum ausmachen lässt, das einer Vielzahl von Forschern gleichermaßen attraktiv erschienen wäre. Die Länder selbst erscheinen als Cluster (relativ stark voneinander separiere Teilnetzwerke), die nur durch einzelne Personen zusammengeführt werden, diese können dabei keine tiefgreifenden Verbindungen gewährleisten, sondern verbinden im Rahmen ihrer Möglichkeiten nur einzelne, individuelle Kommunikationsstränge, keineswegs jedoch ganze Cluster.

Insgesamt problematisch ist die relativ große Anzahl von Autoren, die sowohl in der Darstellung der persönlichen Beziehungen als auch der räumlichen Verortung unverbunden bleiben.  Sie widersprechen auf den ersten Blick der engen Kooperation der zeitgenössischen Forscher und auch dem Bild der kleinen herausragenden und gut vernetzten intellektuellen Elite der Zeit. Gleichzeitig offenbart sich die Schwierigkeit, wie eine räumlich doch relativ weit gestreute Personengruppe überhaupt miteinander in Kontakt treten sollte.

Gerade diese Lücke zu überbrücken war ein zentrales Anliegen des ‚Journals der Physik‘ und ihres Herausgebers. Denn vor allem die Mitarbeit an einer Zeitschrift brachte Forscher aus unterschiedlichen Teilen der Welt miteinander in Kontakt. Die Journale waren in der Lage Beziehungen zwischen Personen entstehen zu lassen, die sich bisher eventuell noch nicht wahrgenommen hatten.

Gleichzeitig benötigten auch die Journale für die Etablierung dieser ’neuen‘ Beziehungen einige wenige, hervorstechende Akteure, die als Multiplikatoren in unterschiedliche Richtungen wirken konnten – diese wurden im Idealfall durch den Verleger oder Herausgeber mit eingebracht – und erhöhten häufig die Erfolgsaussichten für ein Bestehen des Produktes am Markt.

Vernetzung durch das ‚Journal der Physik‘ (strukturiert nach Bänden). Blau = Akteure; grün = Bände des Journals.

Durch die gemeinsame Beteiligung an einer periodischen Publikationen (im Optimalfall noch mit einer entsprechenden inhaltlich-thematischen Schwerpunktlegung in einzelnen Bänden) wurden Personen miteinander in Beziehungen gesetzt, dass heißt zwar nicht zwingend dass zwischen ihnen Kommunikation auf einer individuellen Ebene entstand – wohl aber eine gewisse Wahrnehmung. Erst durch das ‚Journal der Physik‘ (und eine Vielzahl weiterer periodisch erscheinender Publikationen) konnte die Verknüpfung zahlreicher Gelehrter, die Verbreitung von Wissen in einer neuen räumlichen Dimension und eine belastbare Verknüpfung einzelner Cluster innerhalb bestehender Netzwerke, realisiert werden. Insofern trugen Zeitungen und Zeitschriften dazu bei, die Welt kleiner werden zu lassen. Zusätzlich stabilisierend wirkte sich die Beteiligung an mehreren Bänden eines Journals aus. Diese Option wurde auch von den Autoren des ‚Journals der Physik‘ wahrgenommen.

Zeitschriften gehören zweifelsohne zu den entscheidenden Medien des 18. Jahrhunderts und können in ihrer Funktion als Multiplikatoren von Kommunikation und Wissen kaum überschätzt werden – denn erst durch sie war eine Erweiterung der bis dahin dominierenden Gelehrtenrepublik (getragen durch persönliche und brieflich-individuelle Kontakte) möglich geworden.

Hällische (Hallische) Zeitungen – Inhalte

Bei den Hallischen Zeitungen (1708-1786) handelte es sich um eine Länderrundschau mit einem Schwerpunkt auf ‚politischer‘ Berichterstattung. Ziel war die Verbreitung wichtiger Informationen und Mitteilungen in kurzer Form und zum Nutzen der Leser, andererseits wurde diese Zielsetzung in den Dienst eines finanziellen Erfolges gestellt, der zu einer besseren Absicherung des Waisenhauses beitragen sollte.1

Franckesche Stiftungen: Historisches Waisenhaus (Kupferstich, 1749).

Die vorausgegangene Hallische Correspondentz hatte noch die Absicht verfolgt, die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Bereichen des Waisenhauses zu verbessern und zwischen halleschen und auswärtigen Freunden und Förderern zu vermitteln – zudem diente sie der Verbreitung pietistischer Überzeugungen. Die Hallischen Zeitungen konzentrierten sich im Unterschied dazu verstärkt auf Kriegsberichte und politische Ereignisse. Die Interessen des Waisenhauses wurden demgegenüber nicht mehr erwähnt, wie sich auch keine regionale Berichterstattung über Halle mehr fand. Anscheinend hielt Francke es nicht länger für erforderlich eine publizistische Verbreitung seiner Ideen zu forcieren, materielle Interessen überwogen, denn er beabsichtigte mit einer, in hoher Auflage erscheinenden Zeitung, ihrer Verbreitung über Halle hinaus und unter unter Nutzung der weitläufigen Verbindungen und Freunde des Waisenhauses, einen finanziellen Gewinn, zum Besten der Franckeschen Anstalten, zu erzielen.

Great Northern War, clockwise from top: Battle of Narva 1700, Düna 1701, Poltava 1709, Gadebusch 1712, Gangut 1714.

Mit einer ähnlich eng gefassten thematischen Ausrichtung wie in der Hallischen Correspondentz wären wohl kaum ausreichend Leser zu gewinnen gewesen. Im Unterschied zu dieser standen somit nicht länger Vorgänge und Ereignisse an den halleschen Fakultäten und der Stadt im Vordergrund. Die Berichterstattung konzentrierte sich vielmehr auf einen europäischen Kontext, hinzu kamen Berichte aus anderen Weltteilen wie Asien, Amerika und Afrika. Ebenso fanden sich nicht länger Beispiele göttlicher Errettung und Vorsorge oder erbauliche Relationen und Lebensläufe, wie sie den Schwerpunkt der Hallischen Correspondentz gebildet hatten.2

Jean Baptiste Martin: Die Schlacht bei Cassano (Heeresgeschichtliches Museum Wien).

Die Hallische Zeitungen legten im Unterschied dazu besonderen Wert auf eine schnelle Nachrichtenverbreitung. Zu Beginn ihres Erscheinens wurden die Berichte von den verschiedenen europäischen Kriegsschauplätzen dominiert, so durch den seit 1700 ausgetragenen Großen Nordischen Krieg zwischen Russland, Polen-Sachsen und Dänemark gegen Schweden und den 1701 begonnenen Spanischen Erfolgekrieg.

Grundlegend schienen die Hallischen Zeitungen damit dem Geschmack des Publikums zu entsprechen. Regelmäßig erreichten Francke und seine Mitarbeiter Bitten von unterschiedlichen Korrespondenzpartnern aus dem europäischen Ausland, die Zeitung zu übersenden. So z.B. bereits im November 1708 durch den Hofprediger des dänischen und norwegischen Königs Friedrich IV. und Professor der Theologie Franz Julius Lütkens (1650-1712) aus Kopenhagen3 oder durch Johann Zacharias Kiernander, einen in Indien tätigen Missionar.4

Conrad Mel. Künstler: Georg Paul Busch. (Quelle: Porträtsammlung der Uni Trier http://www.tripota.uni-trier.de/single_picture.php?signatur=121_port_2745).

Neben diesen Wünschen finden sich im Briefwechsel Franckes aber auch Anregungen zur Verbesserung der Hallischen Zeitungen, Conrad Mel (1666-1733), ein  Schüler Franckes und Begründer des Waisenhauses in Hersfeld, regte bereits 1711 eine Rubrik mit Berichten über wissenschaftliche Arbeiten an5 – dieser Vorschlag erfuhr jedoch keine Umsetzung.

Gleichzeitig lassen sich auch durchaus kritische Stimmen in der franckeschen Korrespondenz ausmachen. Einigen Freunden und Förderern Franckes erschien der Unterschied zur Hallischen Correspondentz zu groß, sie hatten auch in den Hallischen Zeitungen auf Mit-teilungen aus Halle, über Franckes Waisenhaus und seine Arbeit, wie auf theologische und wissenschaftliche Beiträge gehofft. Da diese Erwartungen nicht erfüllt wurden, lehnte bspw. Johannes Kawatzki, Pfarrer an der Heiligen Geist Kirche in Frauenburg/Ermland,  nach einer Probesendung ein Abonnement ab – wobei er auch die hohen Portokosten bemängelte.6

Trotz dieser auch kritischen Stimmen etablierten die Hallischen Zeitungen in ihrer Berichterstattung einen konstanten Rahmen. Es fanden sich mit sehr unterschiedlichem Gewicht:

  1. Politische Nachrichten deren Schwerpunkt Kriegsberichtserstattung und Militärpolitik bildeten,
  2. Wirtschaftliche Nachrichten,
  3. Vermischte Nachrichten und Sensationen,
  4. Genealogische Mitteilungen
  5. Anzeigen und obrigkeitliche Bekanntmachungen

Auffallend ist das völlige Fehlen lokaler Informationen. Berichte aus Halle innerhalb der Hallischen Zeitungen beschränkten sich auf die Publikation von Todesanzeigen sowie die Erwähnung von Feuern oder hohen Besuchen. In diese Lücke stießen 1729 die von Ludewig herausgegebenen Wöchentlichen Hallischen Anzeigen.

 

 

  1. Vgl. Schreiben Franckes an die Bezieher der ‚Correspondentz‘ vom Juli 1705, abgedruckt in Gustav Kramer, August Hermann Francke – Ein Lebensbild, Bd. 2 1882, S. 42. []
  2. Vgl. Arthur Bierbach, Die Geschichte der Halleschen Zeitung – Landeszeitung für die Provinz Sachsen für Anhalt und Thüringen, Eine Denkschrift aus Anlaß des 200jährigen Bestehens der Zeitung am 25. Juni 1908, Halle, 1908, S. 15. []
  3. Vgl. Brief vom 16.11.1708, Archiv der Franckeschen Stiftungen, Sign.: AFSt/M 1 C 1 : 66. []
  4. Vgl. Brief vom 28.9.1790, Archiv der Franckeschen Stiftungen, Sign.: AFSt/M 2 E 47 : 12. []
  5. Vgl. Brief Mels vom 24.1.1711 Archiv der Franckeschen Stiftungen, Sign.: Stab/F 15,1/5 : 11. []
  6. Vgl. Briefe Kawatzkis vom 16.7.  und 24.7.1744, Archiv der Franckeschen Stiftungen, Sign.: Stab/F 28/17 : 2 und Stab/F 28/17 : 3. []

Neujahrswünsche der halleschen Journale

Der Beginn eines neuen Jahres bildete in den halleschen Journalen einen sehr viel entscheidenderen Orientierungspunkt als Weihnachten. Zahlreiche Zeitschriften befassten sich zu Beginn eines neuen Jahres mit Betrachtungen zu Leben, Zeit und Glauben, Beginn und Ende.

Eine besondere Stellung nahmen in diesem Umfeld die Moralischen Wochenschriften ein. Im dritten Theil des Geselligen (1748-1750; hrsg. von Georg Friedrich Meier und Samuel Gotthold Lange) erschien im 96. Stück des Jahres 1749 eine Betrachtung zum Beginn des neuen Jahres:

Anonymus, Neujahrswunsch des Geselligen, in: Der Gesellige, 96. Stück, 3. Theil Halle 1749, S. 1.

„Wir theilen unser ganzes Leben, und den ganzen Inbegriff aller unserer Geschäfte, in gewisse Abschnitte ein. Bey dem Anfange eines jeden Abschnitts einer jeden Periode wünschen wir das Ende desselben zu erreichen; und sind wir endlich an das Ende gelangt, so stehen wir gleichsam auf einem Ruhepuncte.“1

Der Verfasser des Beitrags verbindet mit diesem Tag einen sehr konkreten Wunsch an seine Leser: „Möchten doch nur alle Menschen an dem ersten Tage dieses Jahrs, (denn es ist doch nun einmal die Gewohnheit, daß man vornehmlich an diesem Tage Betrachtungen über die Zeit anstelt); möchten doch nur, sage ich, alle Menschen an diesem Tage zu sich selbst kommen, und gleichsam in diesem Ruhepuncte ihrer Zeit vernünftige Betrachtungen anstellen!“2

Titelblatt Der Gesellige, 3. Theil, Halle 1749.

Von diesem Wunsch leitet er zwei Regeln ab: „Einmal, man sehe mit einem vernünftigen Blick auf die verflossene Zeit zurück; und zum andern, man thue einen Blick in die Zeit, die vor uns liegt.“3

Vollkommen der intendierten Aufgabe der moralischen Wochenschriften entsprechend betont der Autor, dass nicht Glück oder Unglück bei dem Rückblick auf das vergangene Jahr im Vordergrund stehen sollten, sondern vielmehr solle ein tugendhafter Mensch „an dem Neujahrstage vornehmlich untersuchen, ob er in dem alten Jahre an Einsicht und Tugend zugenommen.“4 und sich die folgenden Fragen stellen:

  • „Wie viele nützliche Wahrheiten haben wir in dem vorigen Jahre gelernt?
  • Wie viel Gutes haben wir gethan?
  • Sind wir frömmer, gerechter, großmüthiger, geselliger geworden?
  • Was für Vortheile haben wir dem Vaterlande, dem Orte, wo wir leben, unsern Freunden, und allen denen, mit denen uns das Band einer engern Gesellschaft verknüpft, geschaft?“5

    Samuel Gotthold Lange, Gemälde von Joseph Ignatius Span, 1758.

Ähnlich gelagert sind auch die in der moralischen Wochenschrift der Glückselige (1763 – 1768; hrsg. von Samuel Gotthold Lange und Georg Friedrich Meier) erschienenen Beiträge zum neuen Jahr,6  die Betrachtungen zur Gottgegebenheit der menschlichen Zeit gipfeln hier in dem Wunsch „Ich könte wol bey diesem neuen Jahreseintritt meinen Lesern keinen bessern Glückwunsch thun, als wenn ich ihnen wünsche, daß das Zeugniß ihrer vorherigen Tage, so böse es auch lauten möge, durch das Zeugniß der künftigen möge überwogen werden.“7

Ebenfalls stark religiös konnotiert sind die Neujahrbetrachtungen in der von Christoph Christian Sturm herausgegebenen Zeitschrift

Christoph Chrisitan Sturm, abgedruckt in: Betrachtungen über die Werke Gottes im Reiche der Natur und der Vorsehung auf alle Tage des Jahres, 1. Band, Vierte Auflage, Halle 1797.

Betrachtungen über die Werke Gottes im Reiche der Natur und der Vorsehung auf alle Tage des Jahres (1772). Hier dominiert die Überzeugung, dass Gott allein das Werden und Vergehen der Menschen bestimmt, so dass in Hinblick auf den Beginn eines neuen Jahres und die bevorstehenden Aufgaben, Prüfungen und Herausforderungen keine Bedenken zu bestehen brauchen – und Wünsche somit überflüssig erscheinen:

Christoph Chrisitan Sturm, Neujahrsbetrachtungen, in: Betrachtungen über die Werke Gottes im Reiche der Natur und der Vorsehung auf alle Tage des Jahres, 1. Band, Halle 1772, S. 1-3

„Was hindert mich also, daß ich nicht mit stiller Gelassenheit dieses Jahr antreten sollte? Ohne Bekümmerniß will ich auf die kommenden Tage blicken und dem Herrn die Regierung meiner Schicksale überlassen. Ich will die Wege gehen, die er mir zeigt, und bey jedem Schritt, den ich thue, ihm dancken, daß er mich so wunderbar und selig führet.“8

Ein weiterer Beitrag aus dem Journal Der Andächtige: ein Sonntagsblatt zur Beförderung der häuslichen Frömmigkeit (1773-1774), herausgegeben von Jakob Friedrich Feddersen und Christoph Christian Sturm nimmt genau die gleiche Position ein, indem er seiner Andacht am Neujahrstag folgendes Gedicht voranstellt:

„Herr, du hast im verfloßnen Jahr                                                 Mich väterlich geleitet,                                                                          Und wenn mein Herz voll Sorgen war,                                            Mir Hülf und Trost bereitet.                                                                Von ganzer Seele preis ich dich;                                                       Aufs neue übergeb ich mich,                                                               Gott deiner weisen Führung:“9

 

Neben diese religiös-moralischen Betrachtungen, die mit dem Jahr 1773 endeten, traten seit 1787 ganz anders gelagerte Publikationen und damit auch Wünsche.

Titelblatt der Monatsschrift für Damen. Zum Besten des Roseninstituts für Witwen und Waisen, 2. Jahrgang, 1. Band, Berlin und Nürnberg 1787.

Die von Franz Rudolph von Großing herausgegebene und in ihrem ersten Stück noch in Halle erschienene Zeitschrift Monatsschrift für Damen (1786-1787) publizierte in ihrem zweiten Jahrgang eine Neujahrsode an Friedrike Charlotte Königliche Prinzessin von Preußen10 Wenn auch nicht ohne religiöse Bezüge, so doch mit einer vollkommen anderen Intention. Wahrscheinlich bezugnehmend auf die Scheidung ihrer Eltern (des späteren Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen und dessen erster Gemahlin Elisabeth, geborene Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel) und deren Folgen finden sich kurz nach dem Regierungsantritt ihres Vaters, in der Ode die Zeilen und Wünsche des Verfassers an die Prinzessin:

„Es werde Deutschland, werde unserm Volk,
Und unserm Vielgeliebten, werde Dir
Du junge Sonne! die so lieblich – mild,
Uns aufgeht – Dir, der Brennen Töchter Schönste,
Geweihte Blume! in des Thrones Schatten
Entfaltet – Deines großen Vaters Stolz!
Und seines Diadems erhabne Zierde!“11

Auch im Journal London und Paris: eine Zeitschrift mit Kupfern, zwischen 1798 und 1810 herausgegeben von Friedrich Justin Bertuch finden sich zwei Beiträge im Umfeld des Neujahrstages. Zum einen eine Beschreibung der Christ- und Neujahrswoche. Charwoche12 in Paris aus dem Jahr 1799 (zeitlich versetzt durch die Einführung des Revolutionskalenders) und zum anderen eine Beschreibung der Neujahranstalten13 in Paris im Jahr 1808, unter Betonung der Rückkehr zur Bedeutung dieses Tages nach dem Ende der Revolutionszeit – in diesem Fall jedoch ohne Wünsche.

  1. Anonymus, Neujahrswunsch des Geselligen, in: Der Gesellige, 96. Stück, 3. Theil Halle 1749, S. 1f. []
  2. Anonymus, Neujahrswunsch des Geselligen, in: Der Gesellige, 96. Stück, 3. Theil Halle 1749, S. 4 []
  3. Anonymus, Neujahrswunsch des Geselligen, in: Der Gesellige, 96. Stück, 3. Theil Halle 1749, S. 4f. []
  4. Anonymus, Neujahrswunsch des Geselligen, in: Der Gesellige, 96. Stück, 3. Theil Halle 1749, S. 5 []
  5. Anonymus, Neujahrswunsch des Geselligen, in: Der Gesellige, 96. Stück, 3. Theil Halle 1749, S. 6 []
  6. Hier erscheinen zwei Beiträger: Anonymus, Neujahrsgedanken, in: Der Glückselige, 18. Stück, 1. Theil Halle 1763, S. 193-208, hier: S. 206 und Anonymus, Von den Neujahrswünschen, in: Der Glückselige, 282. Stück, 9. Theil Halle 1767, S. 193-200. []
  7. Anonymus, Neujahrsgedanken, in: Der Glückselige, 18. Stück, 1. Theil Halle 1763, S. 193-208, hier: S. 206. []
  8. Christoph Christian Sturm, Der erste Jänner. Neujahrsbetrachtungen, in: Betrachtungen über die Werke Gottes im Reiche der Natur und der Vorsehung auf alle Tage des Jahres, 1. Band, Halle 1772, S. 1-3, hier: S. 3 []
  9. Anonymus, Andachten am Neujahrstage. Heilsame Entschließungen, in: Der Andächtige: ein Sonntagsblatt zur Beförderung der häuslichen Frömmigkeit, 27. Stück, 1. Theil, Halle 1773. []
  10. J. G. H., An Friedericke Charlotte, Königl. Prinzessin von Preußen. Eine Neujahrsode, in: Monatsschrift für Damen, 1. Stück, 2. Jahrgang, Berlin und Nürnberg, S. 3-6. []
  11. J. G. H., An Friedericke Charlotte, Königl. Prinzessin von Preußen. Eine Neujahrsode, in: Monatsschrift für Damen, 1. Stück, 2. Jahrgang, Berlin und Nürnberg, S. 3-6, hier: S. 5. []
  12. Anonymus, Christ- und Neujahrswoche. Charwoche, in: London und Paris, 3. Band, Weimar 1799, S. 154-156. []
  13. Anonymus, Neujahrs-Anstalten in Paris, in: London und Paris, 22. Band, Rudolstadt 1808, S. 120-126. []

Weihnachten in den halleschen Journalen

Zwischen den Jahren 1688 und 1815 nahmen das Weihnachtsfest und die heutzutage damit assoziierten Bräuche, Rituale und insbesondere Geschenke einen eher untergeordneten Stellenwert ein.

In 290 halleschen Journalen finden sich in diesem Zusammenhang gerade einmal vier Titel, die den Begriff ‚Weihnachten‘ im Titel führen. Zu diesen gehört ein „Auszug aus den Zollbüchern von Weihnachten 1698 bis dahin 1754 über die ein- und ausgehenden Waaren“, veröffentlicht im Magazin für die neue Historie und Geographie (1767-1793) von Anton Friedrich Büsching. Dieser Beitrag erschien im 8. Teil im Jahr 1774 – und wirkt mit seiner 50seitigen Auflistung der Ein- und Ausfuhren vollkommen ‚unweihnachtlich‘; Weihnachten stellt hier ausschließlich einen zeitlichen Fixpunkt dar.

Auszug aus den Zollbüchern von Weihnachten 1698 bis dahin 1754 über die ein- und ausgehenden Waaren, Magazin für die neue Historie und Geographie, 8. Band 1774, S. 149.
Auszug aus den Zollbüchern von Weihnachten 1698 bis dahin 1754 über die ein- und ausgehenden Waaren, Magazin für die neue Historie und Geographie, 8. Band 1774, S. 150.

 

 

 

Zwei deutlich ältere Beiträge aus dem Jahr 1729 befassen sich mit der religiösen Dimension dieses Festes – wenn auch hauptsächlich in Rücksicht auf Studenten der Theologie. Unter den Titeln ‚Eine Vorbereitung auf das heilige Weyhnacht-Fest‚ und ‚Eine Vorbereitung auf das Heil. Weyhnachts-Fest‘ erschienen im 3. Teil der Lectiones Paraeneticae, oder, Oeffentliche Ansprachen, an die Studiosos Theologiae auf der Vniversität zu Halle, in dem so genannten Collegio Paraenetico (1726-1736, herausgegeben von August Hermann Francke)zwei Reden August Hermann Franckes (gehalten in den Jahren 1714 und 1715) mit Hinweisen auf Verhalten und religiöse Einkehr an den Feiertagen. „gedenck ich denn erstlich vorzustellen: was uns bewegen soll, uns zu dem bevorstehenden Fest, so, wie sichs gebühret, zuzubereiten, und das Fest würdiglich unserm Beruf zu feyern; zum andern, die Art und Weise zuzeigen, wie ein ieglicher sich recht dazu bereiten möge.“1

Verblüffend bleibt die Tatsache, dass dies die Einzigen religiösen Abhandlungen zum Weihnachtsfest in mehr als 21.000 Beiträgen der halleschen Zeitschriften bleiben.

Der vierte Beitrag hingegen gewährt Einblicke in die ‚Weihnachtsfreuden in Englischen Familien…‘ und bietet sogar ein Rezept zu einer Pastete an. Er wurde im Jahr 1799 im Dritten Band der Zeitschrift London und Paris: eine Zeitschrift mit Kupfern (zwischen 1798 und 1810 herausgegeben von Friedrich Justin Bertuch) publiziert. Zu diesem Zeitpunkt erschien das Journal noch in Weimar, erst im Jahr 1804 wechselt der Verlag in die Neue Societäts-Buch- u. Kunsthandlung nach Halle.

Artikel: Weihnachtsfreuden in Englischen Familien. Characteristischer Zug Deutscher Handwerker in London. Recept zu einer Pastete., in: London und Paris, 3. band 1799.
Deckblatt London und Paris, Dritter Band 1799.

 

 

 

Aber wie sah es denn nun aus, das Weihnachten 1799 in englischen Familien?

 

„London den 8. Januar 1799

 

Weihnachten ist eine der angenehmsten Zeiten, die ein sittenbeobachtender Ausländer hier erleben kann. Es scheint, als ob sich alles durch einen stillschweigenden Vertrag verglichen hätte seines Lebens froh zu werden. Vom Könige bis zum Bettler wirft Jeder seine Geschäfte, Sorgen und Steckenpferde weg, um sich von dem allgemeinen Taumel des Landes begeistern zu lassen. Dieß ist so wenig eine gehaltlose, hochtönende Redensart, daß sie – der Kenner mag richten – vielmehr wörtlich wahr ist. In einem katholischen Lande würde dieß nicht einmal Erwähnung verdienen; aber hier, wo, vergleichsweise, die Religion weniger, als in jedem andern protestantischen Lande, in das öffentliche Thun und Lassen des Volkes eingreift, ist diese Entfesselung, diese allgemeine Vereinigung zum Genusse gesellschaftlicher Hausfreuden merkwürdig. Man weiß hier, wie bekannt, nichts von Feyertagen; das Weihnachtsfest ist der erste und letzte; nicht einmal der Neujahrstag wird gefeyert, wo auf dem festen Lande die Leute quecksilbern geworden zu seyn scheinen, und sich mit Glückwünschen einander das Haus einrennen. […] Aber dennoch ist von Weihnachten bis auf den heil. Dreykönigstag, den man twelfth day nennt, bey den Großen und Reichen ganz, und bey den übrigen Ständen so viel als thunlich, die Zeit der Erholung und der Ergötzlichkeit gewidmet.

Georg III., gemalt von William Beechery (1799/1800).

Um von dem Throne anzufangen, der König ist der erklärteste Verehrer des Herkommens in diesem Stücke; er verlebt diese holy days in seinem Windsor, spricht dann, in Gesellschaft einer seiner Söhne, zu Fuße bey den Stadt- und Landleuten ein, speist selbst die seit undenklicher Zeit eingeführten Christ-mas-Gerichte, und lebt mit seiner Familie ganz nach Alt-Englischer Art.

Porträt der Königin Charlotte. Thomas Lawrence 1789-1790.

Die Königin giebt meistens dem hohen Adel ein prächtiges Fest auf ihrem Lustschlosse zu Frogmore, wo die Belustigungen der Landleute auf den alten Englischen Leisten geschlagen sind. Dennoch würde diese gute Frau vielleicht lieber im Stillen sich der frohen Zeit erinnert haben.

Der Landsitz Chequers.

Der hohe Adel, die Gentry und die großen Landbesitzer eilen, fast ohne Ausnahme, in diesen Feyertagen auf ihre Landsitze, wo die Tage lange vorher mit den umliegenden Freunden zu Festen und Schmäusen abgeredet sind, und wo selbst der kargste Mann willig die Börse zieht. Man redet in allen Ländern von der alten Gastfreyheit, die nun verloren sey. In England hat man wahrhaftig großes Recht, der ehemaligen Gastfreundschaftlichkeit rühmliche Erwähnung zu thun, weil diese außerordentlich gewesen seyn muß, da doch die Ueberreste derselben, wovon man besonders um Weihnachten so schöne Beyspiele sieht, völlig dem Rufe der Großmuth und Freygebigkeit entsprechen, den sich der Britte in Europa erworben hat. Zu dieser Jahreszeit sind die großen, geräumigen Schlösser […] gedrängt voll Besucher. Die Speicher, die Keller, die Vorrathskammern, der Forst, der Teich, der Stall, und eine lange Reihe Krämer aus der nächsten Stadt, müssen zu der Hülle und Fülle beytragen, die dann überall herrscht. […]

Wer von den Großen und Reichen aus mancherley Ursachen nicht ins Land auf seine Güther gehen kann oder will, der reist wenigstens nach Bath.

Royal Crescent Bath.

Dieser einzige, glückliche, glänzende und höchst anziehende Ort hat nicht etwa, wie andre Badeörter, eine Zeit; nein, seine großen Vorzüge haben ihm wohl vier regelmäßige Besuchszeiten verschafft, so daß er nie leer wird. Außer den Irländischen Familien, die eine eigne, zahlreiche Colonie ausmachen (und, im Vorbeygehen, die schönsten Frauen, die es in Europa giebt haben), kommt besonders der Londoner Hagestolz, der etwas ausschreitende Mittelmann, der selbstgeschaffne Gentleman, die rechtlichen Städter aus Wiltshire, Sommersetshire und Wales, manche Londoner Bürger, und besonders die gedrängte Liste der sich bis zum Sterben ermüdenden Genießer hier zu Weihnachten an.  Lassen wir aber die Großen seyn! Jedermann weiß doch wohl, daß viele darunter zu verstimmt, verwöhnt, gelähmt und abgenutzt sind, um von ganzer Seele, mit ihrer ganzen, vollen Menschheit zu genießen.

Aber die Volksstände, diese sind’s eigentlich, von denen ich ausgieng, und bey denen wir nun bloß verweilen wollen. Man weiß, daß hier Weihnachten die große Zahlungszeit ist. Die Haushofmeister, Verwalter und Ausgeberinnen erhalten dann die langen Rechnngen des im vergangenen Jahre Verbrauchten und Nichtverbrauchten […] und die Banquiers haben dann mehr als gewöhnlich Anweisungen zu honoriren. Aus diesem schönen Weihnachtssegen, dem Erwerbe eines langen, schweren Jahres, giebt nun der Hausvater mit vollen Händen der lieben Hausehe, um alles herbey zu schaffen, was nöthig ist, um die liebe Müßiggangszeit recht zu feyern. Es werden eine fette Truthenne, gutes Rostbeef, Schinken und Rosinenpuddings, als vor allem andern Mince pies angeschafft. Denn ohne letztere eine Christmesse hinzubringen, ist unmöglich. Hat man auf dem Lande Freunde, so laufen von ihnen Hasen, Truten, und Schinken ein. Unter diesen Zurüstungen kommen die Töchter und Söhne aus den Boarding-schools nach Hause, und ersetzen reichlich, was die magre Schulkost ihnen an Nahrung der Lebensgeister entzogen hatte, nachdem Vater und Mutter den schönen Englischen oder Französischen Brief gelobt haben, in welchem, nach alter Sitte, zu nicht geringer Plage der Lehrer und Usher’s, die Kinder ihren Eltern zu dem herannahenden Feyertagren gratuliren, und den lange erwünschten Besuch ins liebe Heim anmelden. Wo keine Kinder sind, kommen eingeladene Freunde von nah und fern,

The Christmas Visit. Postcard, 1910.

und halten sich eine Woche lang oder länger im wirthbaren Hause auf. […] Weil die junge Welt die kurze Feyertagszeit mit so viel Freuden als möglich ausfüllen will, so wird alles in London besucht, was nur Unterhaltung für sie gewähren kann. […] Besonders aber lassen die beyden großen Theater irgend ein abenteuerliches Entertainment, das oft die unsäglichsten Summen kostet, entweder ganz neu zusammenfassen, dichten, schreiben und setzten, oder wieder ausstaffiren. Man sieht dann die Kinder schaarenweise in die Comödie gehen, und nie wird mehr geklatscht, wie herzlicher genossen. Mehrere Handwerker feyern die ganzen zwölf Tage über von Weihnachten bis zum großen Neujahrstage, und wenn man ihnen noch so viel böte, so würden sie sich diese Erholungszeit nicht nehmen lassen. […]

Die ärmsten Höcker, welche Gemüse, Blumen, Matten, …, Pfefferkuchen u.s.w. verkaufen; ferner die Schornsteinfeger, Gassenkehrer, Bierkärrner, Kohlenleute und andre, welche in diese Classe gehören, haben lange auf Weihnachten gesammelt, und manche von ihnen haben die Freyheit durch die Straßen zu gehen, und mit dem erschrecklichsten Geschrey um milde Gaben zu bitten. Man bemerkt um diese Zeit weit weniger Bettler, als sonst; denn in ihren Quartieren, worein sich niemand anders, ohne Lebensgefahr, wagen würde, begehen sie die festliche Zeit in vollem Genusse aller guten Dinge, welche das Land darbeut. Endlich ist der reiche Londoner zu keiner Zeit freygebiger gegen die wirklich Bedürftigen. Kohlen, Fleisch, Brod und Porter werden von mehrern wohlgesinnten Leuten häufig ausgetheilt; so wie die mehresten Lords ihre ärmern Unterthanen damit bedenken. Die Christmasboxes, d.i. die Weihnachtsgeschenke oder heil. Christe, sind auch fast noch durchgängig gewöhnlich, obschon die Krämer und der mittlere Handelsstand sehr, und mit Recht, dawider eifern.2

Fehlt nur noch das im Beitrag versprochene

Rezept zu einer Mince pye,

vom Verfasser des Beitrags ‚abgeschrieben‘ aus einem Kochbuche, „das zu den neuesten gehört“, dem The Housekeeper’s instructor.3

Christmas Pie, by William Henry Hunt.

„Nehmt drey Pfund vom besten Schweineschmalz, und schneidet und hackt es so klein ihr könnt; nehmt zwey Pfund ausgetiente große Rosinen und hackt sie fein; eben so viel kleine Rosinen, wohl gelesen, gewaschen, abgerieben und am Feuer getrocknet; schälet funfzig der besten Borstorfer Aepfel (pippins), nehmt die Kröbse heraus, viertelt sie, und backt sie ganz klein; nehmt ein halb Pfund des feinsten Zuckers, und stoßt ihn gut; ein halb Loth Muskatblüthen, ein halb Loth Nelken, und zwey große Muskatnüsse, alle aufs kleinste gestossen; thut alles das zusammen in ein großes Gefäß, gießt ein Nößel Franzbranntwein und ein halb Nößel Sect dazu und dann mengt alles wohl unter einander.

Wenn ihr dieß in einen Topf von Steingut thun wollt, so hält sichs drey bis vier Monate, nur müßt ihrs gut zubinden. Wenn ihr nun Pasteten davon machen wollt, so nehmt eine Schüssel, etwas größer als einen Suppenteller, und überlegt sie mit einer ganz dünnen Teigdecke, hierüber eine dünne Lage Fleisch, dann eine Lage dünne Citronenscheibchen, ferner eine Lage des oben beschriebenen Gemengsels, und endlich eine Lage dünner Apfelsinenscheibchen, hierüber etwas Fleisch: drückt den Saft aus einer guten Pommeranze oder Citrone darauf, überlegt es dann mit einer Rinde, und backt es sorgfältig.“4

  1. Lectiones Paraeneticae, 3. Theil 1729. []
  2. Weihnachtsfreuden in Englischen Familien. Characteristischer Zug Deutscher Handwerker in London. Recept zu einer Pastete.“ In: London und Paris, 3. Band, S. 124-129. []
  3. Weihnachtsfreuden in Englischen Familien. Characteristischer Zug Deutscher Handwerker in London. Recept zu einer Pastete.“ In: London und Paris, 3. Band, S. 125. []
  4. Weihnachtsfreuden in Englischen Familien. Characteristischer Zug Deutscher Handwerker in London. Recept zu einer Pastete.“ In: London und Paris, 3. Band, S. 125f. []

Hällische (Hallische) Zeitungen – Entwicklung

Die Hällischen, später (Privilegirten) Hallischen Zeitungen erschien seit dem 25. Juni 1708 und erreichte mit ihren Fortsetzungen eine Lebensdauer von 75 Jahren. Den Hällischen Zeitungen vorausgegangen war die Hallische Correspondentz, die zwischen 1704 und 1710 monatlich handgeschrieben erschien. August Hermann Francke begründete seine Correspondentz in Folge zahlreicher Briefe, die ihn aufforderten ‚mancherlei Nachrichten‘ über seine Anstalten bekannt zu machen, die Vorgänge an Universität und Waisenhaus zu schildern und neue Schriften und Bücher anzukündigen. Aus diesen Anfragen ging die Idee einer – noch handgeschriebenen – Korrespondenz hervor. Sie erschien am Ende jedes Monats und erreichte einen beschränkten Leserkreis von ca. 40 Abonnenten.

Doch bereits seit Beginn seiner Tätigkeit in Halle, hatte sich Francke um die Einrichtung einer an das Waisenhaus angegliederten Druckerei bemüht und nachdem er 1692 in Berlin eine Filialbuchhandlung der Franckeschen Stiftungen eröffnet hatte, schien er besonders daran interessiert, eine Zeitung herauszugeben, um dadurch auch die Einnahmen des Waisenhauses zu erhöhen.1

Kniehebelpresse, Baujahr 1845 Hersteller: Dingler’sche Maschinenfabrik AG, Zweibrücken-Pfalz Foto aus dem Deutschen Museum in München. Foto Clemens PFEIFFR, Vienna.

Francke verfügte in der Druckerei des Waisenhauses seit 1701 über zwei Handpressen, die eine gedruckte Zeitschrift mit geringem Kostenaufwand ermöglichten. „Noch ist beim Waysen-Hause eine Buchdruckerey, welche nicht allein mit völligen Pressen und allen in Teutschland befindlichen Typis, als Teutschen, Lateinischen, Griechischen, sondern auch Orientalischen, als Hebräischen, Syrischen und Aethiopischen, ingleichen auch mit Sclavonischen versehen ist. Sie hat ihren eigenen Faktor, vier Gesellen, vier Lehr-Jungen und einen Aufwärter“.2

Neueinlauffende Nachricht von Kriegs- und Welt-Händeln, Leipzig 1660, Nr. 1.

Die bisher in Preußen erscheinenden Zeitungen beschränkten sich mehrheitlich auf Berlin und wiesen häufig eine nur geringe Lebensdauer auf. Und trotz der Tatsache, dass in Leipzig seit 1656 die Leipziger Post- und Ordinar-Zeitung und seit 1660 die Neueinlaufenden Nachrichten von Kriegs- und Welthändeln erschienen, die auch nach Halle gelangten, glaubte Francke sowohl an das finanzielle als auch das informative Potential einer eigenständigen Hallischen Zeitung bzw. einer Zeitung für Preußen.

Aus diesem Grund richtete er ein Gesuch um Erlaubnis der Herausgabe einer Zeitung an den Monarchen Friedrich I. Im Juli 1703 folgte die entsprechende Genehmigung. Diese umfasste dabei nicht nur die Erlaubnis des Drucks, sondern ebenso einen eingeschränkten Schutz vor Nachdrucken, „nicht allein gedachtem Waysenhause das Privilegium […] ertheilen, Sondern auch allen in unsern Landen wohnenden Buchdruckern und Buchführern, wie auch andern Unsern Unterthanen bey Vermeydung Unserer Ungnade und wilkürlicher harter Bestraffung solche Zeitungen nicht nachzudrucken, noch deren Verlag und Verkauffung sonst auff einige Weise zu hindern“3.

Nach Überwindung verschiedener Schwierigkeiten, „wegen allerhand unvermuthet in den Weg gekommener Verhinderungen“4, konnte der Plan der Hällischen Zeitungen am 25. Juni 1708 realisiert werden. Am 25. 8.1708 erfolgte die Titeländerung in Hallische Zeitungen und mit Beginn des Jahres 1709 führte die Zeitung den Zusatz ‚Privilegirt‘ im Titel.

Als ein Hauptproblem im weiteren Verlauf der Herausgabe erwies sich der hallesche Postmeister Duncker, er verdiente mehr am Verkauf ausländischer Zeitungen und stellte sich aus diesem Grund, trotz des königlichen Patents, lange Zeit gegen die Hällischen Zeitungen.

In der Ausgabe vom 29.7.1708 finden sich nähere Hinweise auf die Erscheinungsmodalitäten der Zeitung: „Wöchentlich drei Stück bei Stephan Orban (Buchdrucker in der Taubengasse) zu bekommen: Und zwar das erste Stück am Montag früh von 6. bis 9. Das andere am Mittwoch nachmittag von 4. bis 7. und das dritte am Freytag nachmittag zu vorbenanter Zeit.“5

August Hermann Francke selbst war an der Herausgabe der Hällischen Zeitungen dabei nicht aktiv beteiligt. Von Beginn an engagierte Francke einen festen Redakteur. Dieser erhielt ein Gehalt von 150 Talern jährlich, zugleich einen Bedienten, Stube, Licht, und Holz.6 Als wahrscheinlich erster Redakteur der Hällischen Zeitungen war August Schürmann, wenn auch nur sehr kurze Zeit, mit der Herausgabe betraut.

Titelblatt der ältesten Nummer der Hällischen Zeitungen, Anlage zu

Noch im selben Jahr ging diese Aufgabe an Jacob Gabriel Wolff über, der die Redaktion von 1708 bis 1732 inne hatte. Wolff war seit 1724 Professor der ordentlichen Rechte in Halle und widmete sich neben seiner juristischen Tätigkeit vor allem dem Verfassen geistlicher Lieder.7 Ihm folgte Johann Lucas Niekamp der die Zeitung bis zu seinem Tod im Jahr 1742 betreute. Im Anschluss bekleidete Johann Friedrich Joachim die Position des Redakteurs bis 1744. Der aus Halle stammende Jurist hatte an der hiesigen Universität studiert und wurde 1748 zum außerordentlichen Professor juris et historiarum ernannt.8 Joachim bemühte sich um eine stärkere Gliederung und Strukturierung der Beiträge innerhalb der Hallischen Zeitungungen und war bestrebt, die inhaltliche Ausrichtung zu straffen.

Kupferstich Frontispiz aus MELISSANTES, GEOGRAPHIA NOVISSIMA, Teil 2, Frankfurt, Leipzig [und Erfurt] 1713 mit Darstellung einer Poststation und ankommender reitender Post um 1708.
In den Jahren 1744 bis 1748 hatte Karl Dacheritz die Redaktion in seinen Händen, ihm folgte bis 1749 Daniel Gottfried Schreber.

Ein Redaktionswechsel wurde dabei meist nur durch äußere Veränderungen erkennbar, während die inhaltliche Struktur der Zeitungen, mit Ausnahme von Joachim, nicht angetastet wurde.

 

Johann Peter von Ludewig

In den ersten Jahren ihres Bestehens wurden die Hallischen Zeitungen von der staatlichen Zensur kaum beschränkt,9 jedoch fehlen Nachrichten über interne Vorgänge am Preußischen Königshaus, wie auch eine kritische Berichterstattung, die die Aufmerksamkeit der Zensur auf sich gelenkt hätten, fast völlig. Wann die Zensur gegenüber den Hallischen Zeitungen aktiv wurde, kann nicht eindeutig bestimmt werden. Im Jahr 1713 wurde die Privilegierung unter dem neuen Monarchen Friedrich Wilhelm I. bestätigt, die Zeitung sollte jedoch der Zensur unterworfen sein. Der zu diesem Zeitpunkt für Halle verantwortliche Zensor Johann Peter von Ludewig war jedoch eng mit der Universität Halle verbunden und wies vielfältige persönliche Kontakte, auch zum Waisenhaus auf. Zugleich fungierte er seit 1722 als Herausgeber der Wöchentlichen Hallischen Anzeigen und war keineswegs unkritisch gegenüber politischen Abläufen und Entwicklungen, seine Zensur dürfte infolgedessen eher wohlwollend ausgefallen sein, zumal Kommentare und Stellungnahmen in den Hallische Zeitungen nur sehr selten einen tendentiellen Charakter annahmen.

Zu Beginn des Jahres 1749 verschwand der Zusatz ‚Privilegirt‘ aus dem Titel der Hallischen Zeitungen. Wenn auch das Waisenhaus das Zeitungsprivileg erst im Jahr 1768 abgab.10 Im selben Jahr gingen die Hallischen Zeitungen in den Verlag Bertram über, wo sie noch bis zum Jahr 1783 herausgegeben wurden.

Die Stabilität der Hallischen Zeitungen, trotz zunehmender Konkurrenz z.B. durch die Wöchentlichen Hallischen Anzeigen (1729-1811) lag neben der Privilegierung und der damit eher mäßigen Zensur vor allem im Grundzug einer national patriotischen Gesinnung und einer hohen Uneigennützigkeit der leitenden Kreise der Zeitungen begründet.11

 

 

  1. Vgl. Arthur Bierbach, Die Geschichte der Halleschen Zeitung – Landeszeitung für die Provinz Sachsen für Anhalt und Thüringen, Eine Denkschrift aus Anlaß des 200jährigen Bestehens der Zeitung am 25. Juni 1908, Halle, 1908, S. 5. []
  2. Carl Hildebrand Canstein, Die II. Fortsetzung der wahrhaften und umständlichen Nachricht vom Wäysen-Hause und übrigen Anstalten zu Glaucha vor Halle, den 14. Novembris A. 1706 in einem frantzösischen Send-Schreiben, Halle 1709, S. 16. []
  3. Königliches Patent, zitiert nach Hans-Ulrich Reincke, Die Hallesche Tagespresse bis zum Jahre 1848 – mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte der ‚Halleschen Zeitung‘, Halle 1926, S. 12. []
  4. Rudolf Schmidt, Art: Francke, August Hermann, in: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker – Beiträge zu einer Firmengeschichte des deutschen Buchgewerbes, Berlin 1903, Bd. 2, 1903, S. 260-262. []
  5. Hällische Zeitungen, 29.7.1708 []
  6. Vgl. Gustav Kramer, August Hermann Francke – Ein Lebensbild, Bd. 2, Halle 1870, S. 38. []
  7. Vgl. Herrmann Arthur Lier, Art. Wolff, Jacob Gabriel, in: ADB Bd. 44, 1898, S. 37-38. []
  8. Vgl. Otto Hartwig, Art. Joachim, Johann Friedrich, in: ADB Bd. 14, 1881, S. 94-95. []
  9. Vgl. Reincke, Tagespresse, S. 10. []
  10. Vgl. Schmidt, Art: Francke, S. 261. []
  11. Vgl. Bierbach, Geschichte, S. 163f. []

Journal der Physik (1790-1794)

Das Journal der Physik wurde zwischen 1790 und 1794 von Friedrich Albrecht Carl Gren (1760-1798) herausgegeben. Die ersten beiden Bände erschienen ‚auf Kosten des Herausgebers‘ in Halle, gedruckt bei Francke, danach erfolgte ein Wechsel zum Verlag Barth nach Leipzig, wo bereits die ersten Bände in Commission erhältlich gewesen waren. Insgesamt umfasste das Journal 8 Bände mit 24 Heften.

Titelblatt des ersten Heftes des Journals der Physik, 1790.

Schon als Student an der Universität Halle hatte Gren chemische Vorlesungen gehalten und wurde hier kurz nach seiner Promotion im Jahr 1786 zum außerordentlichen Professor der Arzneiwissenschaften ernannt. Mit der Herausgabe seines Journals, das später durch das Neue Journal der Physik und die Annalen der Physik fortgeführt wurde, beabsichtigte er der deutschen Leserschaft vor allem Kenntnisse über die aktuellen Arbeiten im Ausland (Verbrennungslehre und Galvanismus) zu vermitteln. Im Laufe seiner eigenen Beschäftigung mit der Phlogistontheorie1 wandte sich Gren immer mehr von dieser Auffassung ab und wurde zu einem bedingten Anhänger der neuen Lehre von der Verbrennung.

Das Journal der Physik sollte monatlich erscheinen, wobei jeweils drei Hefte einen Band bildeten. Für Pränumeranten kostete der Jahrgang 5 Reichstaler in Gold. Jeder Band umfasste ca. 500 Seiten;  die ursprüngliche Absicht des Herausgebers, einer monatlichen Erscheinungsweise konnte jedoch nicht realisiert werden. So erschienen zwischen 1790 und 1792 jährlich sechs Hefte, in den Jahren 1793 und 1794 jeweils drei.

Journal der Physik, Umfang je Band und Heft.

Gren beabsichtigte mit seinem Journal nicht „nur zu unterhalten und eine bloß zeitvertreibende Lectüre abzugeben […] nicht so wohl eine Modelectüre zu liefern, als vielmehr denkende Physiker zu beschäftigen und zur Verbreitung nützlicher Entdeckungen beyzutragen“2 aus diesem Grund lag sein inhaltlicher Schwerpunkt auf gelehrten Artikeln, denn „nicht, zu hoffender Gewinn, sondern Liebe für die Naturwissenschaften“3 trieb ihn an.

Friedrich Albrecht Carl Gren

Die inhaltliche Strukturierung des Journals der Physik folgte zugleich einer zeitgenössischen Notwendigkeit, denn die Vielzahl der erscheinenden Schriften und Journale machten es dem Einzelnen (auch finanziell) nahezu unmöglich, an allen Publikationen zu partizipieren. „Da die Anschaffung der Denkschriften von Societäten und Akademien der Wissenschaften dem Privatmanne oft nur gar zu schwer fällt“4 hielt es Gren für notwendig, dieser Schwierigkeit durch vollständige Auszüge aus den betreffenden Schriften zu begegnen. Publiziert wurden in Folge dessen: selbstständige Abhandlungen, Auszüge, Abhandlungen und Übersetzungen aus den Denkschriften der Societäten und Akademien der Wissenschaften, Auszüge aus Journalen physikalischen Inhalts und Literarische Anzeigen.

Auszug aus dem Abonnenten-Verzeichnis, Band 1, Heft 3, unpag.

Für das Jahr 1790 findet sich in Heft drei des ersten Bandes eine Abonnentenliste an der exemplarisch u.a. die Reichweite des Journals abgelesen werden kann.5 Verzeichnet wurden der Nachname des Abonnenten, gegebenenfalls sein Titel, sein Beruf und sein Wohnort. Betrachtet man das daraus resultierende Verbreitungsgebiet des Journal der Physik wird ersichtlich, dass Gren seiner Absicht, einer „Ausbreitung des Studiums der Physik in Deutschland“6 mit seinem Journal durchaus gerecht werden konnte.

Trotz der Intention des Herausgebers, sich an ein Fachpublikum zu wenden, reflektiert die entsprechende Aufstellung der Abonnenten, dass es dem Journal gelang eine Vielzahl von interessierten Laien als Leser zu gewinnen. So finden sich unter den Abonnenten Kaufleute, Studenten, Angehörige des Militärs, eine große Anzahl Apotheker (11%), Staatsdiener (28%) und Professoren (18%).

Die regionale Verteilung der Abonnenten spiegelt zugleich die beeindruckende Reichweite des Journals wieder. Besondere Schwerpunkte entwickelten sich in Rostock und Breslau.

Regionale Verteilung der Abonnenten des Journal der Physik, 1790. (Visualisierung DARIAH-GeoBrowser).

Vom Erfolg des Journals der Physik bei einer breiten Leserschaft zeugen auch die Fortsetzungen, zwischen 1795 und 1797 gab Gren in Leipzig das Neue Journal der Physik heraus, das seit 1799, nun unter dem Titel Annalen der Physik, von Ludwig Wilhelm Gilbert weitergeführt wurde und bis 1824 Bestand hatte.

 

  1. Bei Phlogiston handelt es sich um eine von Georg Ernst Stahl eingeführte hypothetische Substanz, von der man vermutete, dass sie allen brennbaren Körpern bei der Verbrennung entweiche. Sie stellte zwischen 1770 und 1775 die vorherrschende chemische Lehre dar und wurde erst durch die Oxidationstheorie verdrängt []
  2. Friedrich Albrecht Carl Gren, Vorrede, in: Journal der Physik, Band 1, Heft 3, unpag. []
  3. Friedrich Albrecht Carl Gren, Vorrede, in: Journal der Physik, Band 1, Heft 3, unpag. []
  4. Friedrich Albrecht Carl Gren, Vorrede, in: Journal der Physik, Band 1, Heft 3, unpag. []
  5. Leider finden sich trotz Grens Versprechen, auch in späteren Heften Abonnenten-Verzeichnisse zu publizieren, keine weiteren Aufstellungen. []
  6. Friedrich Albrecht Carl Gren, Vorrede, in: Journal der Physik, Band 1, Heft 3, unpag. []

Christoph Schmidt genannt Phiseldek

„Christoph Schmidt genannt Phiseldek gehörte in seiner Zeit zu den wenigen qualifizierten Rußlandkennern. Er hat nicht nur einige Jahre in Rußland gelebt, sondern sich dort auch die Kenntnisse der russischen Sprache angeeignet, was damals bei den Ausländern, wie die Klagen Schlözers erkennen lassen, durchaus nicht selbstverständlich war.“1

Der am 9.5.1740 geborene Christoph Schmidt, genannt Phiseldek besuchte seit 1757 die Universität Göttingen und studierte u.a. bei Georg Ludwig Böhmer, Johann Stephan Pütter und Gustav Bernhard Becmann Rechtwissenschaften.2 Parallel dazu betrieb er geschichtliche, sprachwissenschaftliche und philosophische Studien.

Burchard Christoph Graf von Münnich.

Auf Anton Friedrich Büschings Empfehlung hin erhielt er eine Hauslehrerstelle bei den Söhnen des russischen Geheimrats Grafen Münnich und trat diese im August 1759 in Wologda an.3 1762 übersiedelte er gemeinsam mit der Familie des Grafen nach St. Petersburg – Einzelheiten über seinen Rußlandaufenthalt sind hingegen nicht bekannt.4

Nach Göttingen zurückgekehrt nahm er seine juristischen Studien wieder auf und ergänzte diese durch praktische Tätigkeiten bei Arenhold in Hannover. Mitte 1764 wurde ihm der juristische Doktorgrad für eine Arbeit mit dem Titel: ‚De variis legum positivarum speciebus earum interpretatione et ad facta occurrentia adplicatione‘ verliehen. Nach seinem Abschluss ging Schmidt nach Helmstedt und hielt an der dortigen Universität Vorlesungen über juristische Gegenstände, Naturrecht und Statistik. Schmidts Pläne zielten zu diesem Zeitpunkt jedoch noch in eine vollkommen andere Richtung. Er beabsichtigte, sein in Rußland erworbenes Wissen über die Juchtenfabrikation zu nutzen und zusammen mit Geheimrat Schrader von Schliestedt eine entsprechende Umsetzung anzustreben – dieses Projekt wurde jedoch nie realisiert.5 Zeitgleich widmete er sich immer intensiver der russischen Geschichte und Gegenwart und begann seine publizistische Tätigkeit mit Werken über diesen Gegenstand. Am 15.4.1765 erhielt Schmidt (nach dem Tod Baudiß) eine ordentliche Professur des Staatsrechts und der Geschichte am Collegium Carolinum zu Braunschweig.6

Gelehrten Beyträge zu den Braunschweigischen Anzeigen, 1stes Stück, 2.1.1762.

Dort war er zunächst auch an der Herausgabe der Gelehrten Beyträge zu den Braunschweigischen Anzeigen (1761-1787) beteiligt. Seine schwache Gesundheit nötigte ihm hingegen eine ruhigere Tätigkeit ab, sodass er am 2.8.1779 eine Stelle als zweiter Archivar am herzoglichen Landeshauptarchiv Wolfenbüttel antrat.7 Nach dem Tod von Sigm. Ludw. Woltereck wurde er im Juni 1796 zum ersten Archivar. Im Rahmen dieser Tätigkeit machte sich Schmidt insbesondere um die Neustrukturierung des Archivs verdient. Am 24.4.1789 erfolgte seine Erhebung in den erblichen Adelsstand durch Kaiser Joseph II.8

Einer seiner publizistischen Schwerpunkte lag in der Auseinandersetzung mit der Geschichte Rußlands. Ein anonym erschienener Nachruf identifiziert ihn bspw. als den Herausgeber der ebenfalls anonym erschienenen Materialien zur russischen Geschichte seit dem Tode Kaiser Peters des Großen zwischen 1777-1788.9

Materialien zur russischen Geschichte seit dem Tode Kaiser Peters des Großen. Erster Theil, Riga 1777.

Dieser thematische Schwerpunkt wurde im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Archivar aber immer stärker durch ein Interesse an den historischen Hilfswissenschaften und der Reichsgeschichte in den Hintergrund gedrängt. So erfolgte 1782 durch Schmidt eine vollständige Überarbeitung des Handbuchs der vornehmsten historischen Wissenschaften von Hederich.

 

Die zwischen 1783 und 1784 in Halle von Schmidt herausgegebenen Historischen Miszellaneen bedienen dabei bereits beide Interessengebiete Schmidts. Ein deutlicher Fokus lag auf Fragen der russischen Geschichte, da Schmidt jedoch häufig Originalquellen abdruckte, diese kommentierte und mit Hinweise auf die historische Methodik versah, wird auch sein hilfswissenschaftliches Interesse erkennbar.

Historische Miscellaneen. Erster Theil. Halle 1783.

 

Ebenfalls sehr aktiv war Schmidt als Rezensent für unterschiedliche Zeitschriften– auch hier lag sein Augenmerk auf historischen Publikationen. So arbeitete er bspw. unter dem Kürzel ’27‘ für die Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Literatur (1772-1781) hsrg. von Carl R. Hausen in Lemgo 1772-1781 und in ähnlicher Intensität (unter zahlreichen permanent wechselnden Chiffren) für die Allgemeine deutsche Bibliothek (1765-1794) und die Allgemeine Literaturzeitung (1785-1849). Ein weiteres Interessengebiet bildeten im Laufe seines Lebens Fragen der Diplomatik.10 Ebenfalls engagiert war er als Übersetzer geschichtlicher Werke aus dem Französischen.

Aufgrund zunehmender Schwermut und Hypochondrie zog sich Schmidt in den letzten Jahren seines Lebens immer stärker aus der Öffentlichkeit und seinem Amt zurück.11 Er starb am 9.9.1801 in Wolfenbüttel.

 

Werke in Auswahl:

Schmidt dictus Phiseldek, Christophorus (1764): De Variis Legvm Positivarvm Speciebvs Earvm Interpretatione Et Ad Facta Occvrrentia Adplicatione. Dissertatio Inavgvralis Ivridica ; Ad D. XXX. Ivn. MDCCLXIV. Goettingae: Litteris Pockwitz-Barmeierianis.

Schmidt-Phiseldek, Christoph von (1770): Briefe über Rußland. 2 Bände. Braunschweig: Schröder.

Schmidt-Phiseldeck, Christoph von (1774): Kurzes russisch-teutsches und teutsch-russisches Wörterbuch. Braunschweig.

Schmidt-Phiseldek, Christoph von (1773-1774): Versuch einer neuen Einleitung in die Russische Geschichte. Nach bewährten Schriftstellern. 2 Bände. Riga: Hartknoch.

[Schmidt gen. Phiseldek, Christoph] (1777-1788): Materialien zu der Russischen Geschichte seit dem Tode Kaisers Peters des Großen. 3 Teile. Riga: Hartknoch.

Schmidt-Phiseldek, Christoph von (1780): Denkwürdigkeiten der Regierung Catharina der Zweyten als eine Fortsetzung des neuveränderten Rußlands [hrsg. von A. L. von Schlözer]. Riga: Hartknoch.

Schmidt-Phiseldek, Christoph von (1782): Handbuch der vornehmsten historischen Wissenschaften. Mit Kupfern. Unter Mitarbeit von Benjamin (Begründer) Hederich. 2 Teile. Berlin: Nicolai.

Schmidt-Phiseldek, Christoph (1782): M. Benjamin Hederichs Rectors der Schule zu Großenhain Anleitung zu den vornehmsten historischen Wissenschaften. 2 Teile, nur 1. von S.P. Berlin: Nicolai.

Prévost D, Antoine François (1783): Geschichte der Königinn Margareta von England, aus dem Hause Anjou. Unter Mitarbeit von Übersetzer Schmidt genannt Phiseldek. Altenburg: Richter.

Schmidt-Phiseldek, Christoph von (1783-1784): Historische Miscellaneen. Halle: Gebauer.

Schmidt, Christoph (1785): Geschichte der Streitigkeiten, welche über die Baierische Erbfolge entstanden und durch den Friedensschluß zu Teschen beygelegt sind. Halle: Gebauer.

Schmidt-Phiseldek, Christoph von (1786): Hermäa. Leipzig: Crusius.

Sénac de Meilhan, Gabriel (1787): Denkwürdigkeiten der Pfalzgräfin Anna von Gonzaga. Unter Mitarbeit von Übersetzer Schmidt genannt Phiseldek. Halle: Gebauer.

Schmidt-Phiseldek, Christoph von (1789-1794): Repertorium der Geschichte und Staatsverfassung von Teutschland nach Anleitung der Häberlinschen ausführlichen Reichshistorie. 8 Abteilungen. Halle: Gebauer.

 

  1. Wiegand, Günther, Rußland im urteil des Aufklärers Christoph Schmidt genannt Phiseldek, in: Erna Lesky / Strahinja K. Kostic / Josef Matl / Georg von Rauch (Hrsg.), Die Aufklärung in Ost- und Südosteuropa – Aufsätze, Vorträge, Dokumentationen, Köln, Wien 1972, S. 50-86, hier: S. 52f []
  2. Zimmermann, Paul, Schmidt, Christoph, in: ADB, Bd. 32 (1891), S. 19-20, hier: S. 19 []
  3. Zimmermann, S. 19 []
  4. Wiegand, S. 55 []
  5. Wiegand, S. 55 []
  6. Zimmermann, S. 19 []
  7. Zimmermann, S. 19 []
  8. Zimmermann, S. 20 []
  9. Anonym, Zum Andenken an den verstorbenen Hofrath und Archivar von Schmidt, genannt Phiseldek, in: Braunschweigisches Magazin, 4. St., 23.1.1802, Sp. 49-62, hier: Sp. 53f. []
  10. Anonym, Andenken, Sp. 57 []
  11. Anonym, Andenken, Sp. 60 []

Die halleschen Zeitungen und Zeitschriften der Aufklärungsepoche (1688-1815) – Netzwerkanalyse und TopicModeling