Anton Friedrich Büsching

Anton Friedrich Büsching (1724-1793) studierte Theologie in Halle und finanzierte sich sein Studium durch Lehrtätigkeiten am Franckeschen Waisenhaus. 1749 ging er als Hauslehrer mit der Familie von Lynar einige Monate nach St. Petersburg, kehrte 1750 nach Deutschland zurück und arbeitete zwischen 1752 und 1754 bei seinem Freund, dem Theologen Eberhard David Hauber (1695-1765), in Kopenhagen an einer Erdbeschreibung. In dieser Zeit kam er besonders mit dem Grafen Berkenthin und dem russischen Gesandten Baron von Korff in intensiven Kontakt.1 1754 wurde er in Göttingen zum Professor der Philosophie und kurze Zeit später auch der Theologie berufen, er hielt jedoch nicht nur Vorlesungen zu diesen zwei Disziplinen, sondern ebenso zur Geographie,2 zunächst der deutschen Länder, später weitete sich dieses Themenfeld deutlich aus.

Anton Friedrich Büsching, ca. 1760.

Im Jahr 1761 nahm Büsching den Ruf als Prediger und Leiter der Schule der Peters-Gemeinde in St. Petersburg an. Nach Deutschland zurückgekehrt, arbeitete er 1765-1766 als Privatgelehrter in Altona, 1766 folgte seine Berufung an das Berliner Gymnasium Zum Grauen Kloster, dessen Leitung er bis kurz vor seinem Tod, im Jahr 1793, innehaben sollte.

Bedingt durch vielfältige Reisen und die Beobachtung  geographischer Expeditionen wandte sich Büsching intensiv der Beschreibung unterschiedlicher geographischer Räume und Länder zu, wobei für ihn die bürgerliche / politische Geographie im Vordergrund stand, insbesondere sein Aufenthalt in Russland wirkte prägend. So machte er es sich zur Aufgabe, Informationen über dieses im deutschen Kontext noch weitgehend unbekannte Land zu sammeln und zu erschließen. Büsching selbst hatte in St. Petersburg vier Jahre verbracht, die in eine wechselhafte Zeit fielen. Er hatte drei Regierungen (Elisabeth, Peter III. und Katharina) erlebt und war mit den wichtigsten Männern der Zeit in nähere Verbindung getreten, so bspw. mit dem deutschstämmigen Ingenieur, Generalfeldmarschall und Politiker Burkhard Christoph Graf von Münnich (1683-1767), dem russischen Außenminister unter Zarin Katharina II. Graf Nikita Iwanowitsch Panin (1718-1783), dem Feldmarschall Graf Pjotr Alexandrowitsch Rumjanzew-Sadunajski (1725-1796) und ebenso dem Schriftsteller, Etatsrat, Historiker und Geographen Gerhard Friedrich Müller.3

Gerhard Friedrich Müller.

In Folge dieser Bekanntschaften erhielt Büsching auch nach seiner Rückkehr teilweise umfangreiche Nachrichten aus Russland, die er häufig in seinem Magazin für die neue Historie und Geographie (Halle 1767-1793) publizierte, zeitgleich bezog er von unterschiedlichen russischen Gönnern auch eine umfangreiche finanzielle Unterstützung.4 Neben diesem geographischen Schwerpunkt widmete sich Büsching vor allem der Historie, so publizierte er bspw. sechs Bände der Beyträge zu der Lebensgeschichte denkwürdiger Personen, insonderheit gelehrter Männer, Halle 1783-1789.

Beyträge zu der Lebensgeschichte denkwürdiger Personen, Erster Theil, Halle 1783.

Seine Hauptaufgabe verstand er neben einer intensiven pädagogischen Arbeit im Grauen Kloster jedoch in der Sammlung und Systematisierung von Wissen und Informationen im Sinne einer additiven Zusammenstellung. Dieser Intention kam er vor allem mit seinen unterschiedlichen periodischen Schriften nach. Seine schriftstellerischen Arbeiten umfassten dabei zahlreiche Wissensgebiete, so die Theologie, die Geschichte, die Pädagogik und die Geographie. In diesem Bestreben kann er als eng der Aufklärung verhafteter Publizist beurteilt werden, wie sich auch sein literarisches Gesamtwerk durch den Wunsch des Darstellens und des Erschließens von Wissen für seine Leser erklären lässt. Unter seinen Publikationen sticht vor allem seine Neue Erdbeschreibung (1754-1768) hervor. In dieser Zeitschrift wurde erstmals versucht, Angaben zur territorialen Gliederung, Beschreibungen von Städten, politischen Systemen, Klima, Wirtschaft und Kultur unterschiedlicher Länder systematisch zusammenzustellen.

Büschings Neue Erdbeschreibung. Zweyter Theil, Schaffhausen 1768.

Denn auf seinen Reisen hatte Büsching die Mängel der bisherigen Erdbeschreibungen, z.B. Johann Hübners, Vollständige Geographie, Hamburg 1736 und deren antiquierter Beschreibungen erkannt. Mit seiner Fähigkeit politische Geographie und statistische Methoden zu kombinieren und sich zugleich durch einen umfangreichen und kostspieligen Briefwechsel neue Quellen zu erschließen, wurde nun Büsching zum Vorbild neuer Erdbeschreiben, so bspw. für August Wilhelm Hupel5. Büsching konnte das von ihm begonnene Werk jedoch nicht vollenden, so umfasst seine Erdbeschreibung nur Europa und einen Teil Asiens, dennoch wurde sein Name durch diese Schrift in Europa bekannt, da die Erdbeschreibung noch zu seinen Lebzeiten in unterschiedliche Sprachen übersetzt wurde und eine Vielzahl von Neuauflagen erlebte.

Magazin für die neue Historie und Geographie. Achter Theil, Halle 1774.

Seine Bekanntheit trug Büsching wiederum neue Gönner und Korrespondenten zu. Diese Kontakte konnte er auch für sein Magazin für die neue Historie und Geographie nutzen. Gleichzeitig weist das Magazin Büschings zahlreiche Parallelen zu seiner Erdbeschreibung auf, teilweise überarbeitete er Beiträge aus der Erdbeschreibung und nahm sie erneut auf, wie er auch die Methode der politischen Geographie und der detaillierten Beschreibung der Länder im Magazin fortsetzte.

 

Werke in Auswahl:

Büsching, Anton Friedrich (1748): Gründliche und erbauliche Abhandlung von der Freude im Herrn, der Gläubigen Stärke. Halle: Schneider.

Büsching, Anton Friedrich (1749): Nützliches und angenehmes Lehrbuch für die Jugend. Zürich: Füeßli.

Büsching, Anton Friedrich (1752): Anton Friderich Büschings, der Weltweisheit Doctors u. der freyen Künste Magisters, … Kurzgefassete Staats-Beschreibung der Herzogthümer Holstein und Schleswig. Mit einer Nachricht von seiner neuen allgemeinen zuverläßigern Erdbeschreibung. Hamburg: Bohn.

Büsching, Christian Friedrich (1754): Dissertatio historico geographica vindicias septentrionis continens. Halae: Hilliger.

Büsching, Anton Friedrich (1754-1768): D. Anton Friderich Büschings neue Erdbeschreibung. Hamburg: Bohn.

Büsching, Anton Friedrich (1758): Vorbereitung zur gründlichen Kenntniß der geographischen Beschaffenheit und Staatsverfassung der Europäischen Reiche … Hamburg: Bohn.

Büsching, Anton Friedrich (1760): Grundris eines Unterrichts wie besondere Lehrer und Hofmeister der Kinder und Jünglinge sich pflichmäßig, wohlanständig und klüglich verhalten müssen. Nebst einer Abhandlung von dem Vorzug der öffentlichen Schulen vor den besondern Lehrern. Altona und Lübeck: Iversen.

Büsching, Anton Friedrich (1766): D. Anton Friedrich Büschings Geschichte der evangelisch-lutherischen Gemeinen im Rußischen Reich. Altona: Iversen.

Büsching, Anton Friedrich (1767-1793): Magazin für die neue Historie und Geographie. Halle: Curt.

Büsching, Anton Friedrich (1771): Chronologischer Grundriß der allgemeinen Weltgeschichte. Zum Gebrauch der Gymnasien. Berlin [u.a.]: Selbstverl. A. Büsching.

Büsching, Anton Friedrich (1772): D. Anton Friederich Büschings … Geschichte und Grundsätze der schönen Künste und Wissenschaften, im Grundriß. Berlin: Winter.

Büsching, D. Anton Friedrich (1772): Versuch die Kenntniß der Natur den Kindern leicht und faßlich zu machen. Berlin: Bosse.

Büsching, Anton Friedrich (1774): Aesthetische Lehrsätze und Regeln. Hamburg: Buchenröder & Ritter.

Büsching, Anton Friedrich (1775): Anton Friderich Büschings, Königl. Preußl. Oberconsistorialraths [et]c. Beschreibung seiner Reise von Berlin über Potsdam nach Rekahn unweit Brandenburg, welche er vom dritten bis achten Junius 1775 gethan hat. Mit Landcharten und andern Kupferstichen. Leipzig: Haude und Spener.

Büsching, Anton Friedrich (1775): Unterricht in der Naturgeschichte, für diejenigen, welche noch wenig oder gar nichts von derselben wissen. Berlin: Boßische Buchdruckerey.

Büsching, Anton Friderich (1775): Vollständige Topographie der Mark Brandenburg. Berlin: Verl. der Buchhandlung der Realschule.

Büsching, Anton Friderich (1776): Gesammlete Nachrichten von dem Character und den merkwürdigsten Lebensumständen des berühmten morgenländischen Fürsten Schiek Daher Omar, zu Acca in Palästina. Berlin: Haude und Spener.

Büsching, Anton Friedrich (1776): Grundriss der allgemeinen Hausshaltungswissenschaft. Hamburg.

Büsching, Anton Friedrich (1779): Geschichte der jüdischen Religion, oder des Gesetzes. ein Grundriß. Berlin: Eisfeld.

Büsching, Anton Friedrich (1783-1789): Beyträge zu der Lebensgeschichte denkwürdiger Personen, insonderheit gelehrter Männer. Halle: Curt.

Büsching, Anton Friedrich (1785): Neueste Geschichte der Evangelischen beyder Confeßionen im Königreich Polen und Großherzogthum Litauen, nebst der besonderen Geschichte der evangelisch-lutherischen Gemeine zu Warschau. Halle: Curt.

Büsching, Anton Friedrich (1785): Vergleichung der griechischen Philosophie mit der neuern. ein Versuch und eine Probe. Berlin: Haude und Spener.

Büsching, Anton Friederich (1788): Character Friederichs des zweyten, Königs von Preussen. Halle: Curt.

Büsching, Anton Friedrich (1789): D. Anton Friderich Büsching, königl. preußisch. Oberconsistorialraths, Directors des vereinigten berlinischen und cölnischen Gymnasiums, und der beyden Schulen desselben, eigene Lebensgeschichte. In vier Stücken. Halle: Curt.

 

 

 

 

 

  1. Rese, Art. Büsching, Anton Friedrich, in: J. S. Ersch / J. G. Gruber (Hrsg.), Allgemeine-Encyklopädie der Wissenschaften und Künste, 13. Theil, Leipzig 1824, S. 385-389, hier: S. 385. []
  2. Rese 1824, S. 385. []
  3. Rese 1824, S. 386. []
  4. Rese 1824, S. 389. []
  5. Jürjo, Indrek, Aufklärung im Baltikum. Leben und Werk des livländischen Gelehrten August Wilhelm Hupel (1737-1819), Köln 2006, S. 125f. []

Journale in Zahlen – Das Zeitschriftenkorpus

Publikums- und Fachausrichtung

Zwischen 1688 und 1815 werden in Halle 360 Journale herausgegeben. Um diesen Bestand besser überblicken und bearbeiten zu können, wurde eine inhaltliche Zuordnung der periodisch erscheinenden Schriften nach Sichtung vorgenommen. Sie basiert auf höchstens drei Ebenen und nimmt zunächst eine Einordnung nach Publikumsausrichung, als „Fach- oder Publikumszeitschrift“ bzw. „Sonstige“ vor. In der letzteren Kategorie finden sich neben Katalogen, Verzeichnissen und Kalendern auch Universitätsschriften. Eine Sondergruppe bildet die „Compendiöse Bibliothek“; sie wurde mit ihren 27 Bänden in der Gruppe „Anthologie“ zugeordnet – zum einen um ihren spezifischen Charakter zu betonen, zum anderen um die durch sie entstehenden Verzerrungen besser reflektieren zu können.

Damit ergibt sich folgendes Gesamtbild:

Klassifikation der halleschen Journale nach Publikumsausrichtung

Diese relativ grobe Einteilung wird auf der zweiten Ebene um eine fachliche Zuordnung, bzw. eine nähere Charakterisierung der Journale ergänzt. Es wurde versucht, die fachliche Ausdifferenzierung an dieser Stelle nicht zu groß werden zu lassen, gleichzeitig aber den durchaus hybriden Ausrichtungen der aufgeklärten Journale zu entsprechen, so dass Mehrfachzuweisungen möglich sind, besonders erforderlich erschien dies in Hinblick auf die Rezensions- und staatswissenschaftliche Zeitschriften.

Aus dieser Differenzierung resultiert für die Fachzeitschriften über den Gesamtzeitraum folgende Verteilung.

Fachliche Ausrichtung der Fachzeitschriften.

Spiegelt man diese Verteilung analog an den Publikumszeitschriften ergeben sich durchaus Überschneidungen, gleichzeitig wird bereits an dieser Stelle die grundlegend unterschiedliche inhaltliche Ausrichtung beider Gruppen erkennbar.

Fachliche Ausrichtung der Fach- und Publikumszeitschriften im Vergleich.

Laufzeiten

Betrachtet man die Erscheinungsdauer der halleschen Journalen, ergibt sich eine durchschnittliche „Lebensdauer“ von 7,8 Jahren, dabei muss jedoch die beachtliche Streuung berücksichtigt werden. Gleichzeitig ruhten zahlreiche Zeitschriftenprojekte wiederholt mehrere Jahre oder waren in ihrem Erscheinen so unregelmäßig, dass allein von ihrer Lebensdauer nicht auf ihre Relevanz oder ihren Erfolg geschlossen werden kann. Einige Zeitschriftenprojekte waren zudem von Beginn an auf eine begrenzte Zeit ausgerichtet (z.B. bei den moralischen Wochenschriften).

Eine Vielzahl von Journalen konnten sich hingegen offensichtlich nicht am Markt etablieren und scheiterte nach ein bis zwei Ausgaben. Dennoch finden sich – meist fachlich herausragende Zeitschriften – die auf eine durchaus beachtliche Erscheinungsdauer verweisen können.

Erscheinungsdauer der halleschen Journale in Jahren.

Kombiniert man bereits auf dieser Ebene die Publikumsausrichtung der Zeitschriften mit ihrer Erscheinungsdauer ergibt sich folgendes Bild:

Erscheinungsdauer der halleschen Presseerzeugnisse unterschieden nach ihrer Publikumsausrichtung.

Nutzung des TopicExplorers zu den halleschen Journalen

Der TopicExplorer zu den halleschen Journalen kann in einer eingeschränkten Prototypversion und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass erst 290 von 360 Journalen eingepflegt wurden, bereits genutzt werden. Dennoch muss darauf hingewiesen werden, dass die Topic-Modellierung noch Schwachstellen aufweist, gleichzeitig aber sowohl die Vorverarbeitung als auch die Funktionsweise des TopicExplorers permanent überarbeitet, angepasst und verbessert werden. Vorhandene Schwierigkeiten (z.B. der Sprachmix innerhalb der Journale) sollen in den kommenden Testläufen überwunden werden.

Ausgehend von der gesamten Nutzeroberfläche werden im Folgenden einzelne Funktionsweisen erklärt.

Screenshot der Benutzungsoberfläche des TopicExplorers

Ein zentrales Anliegen des TopicExplorers besteht im ähnlichkeitsbasierten Layout der Themen.

Ähnlichkeitsbasiertes Layout der Themen.

Ein Algorithmus berechnet dafür ein hierarchisches Clustering der Themen, wobei jedes Thema ein Element auf der untersten Stufe der berechneten Hierarchie darstellt. Die dadurch erzeugte Themenreihenfolge wird als Regenbogenskala dargestellt. Die Farbe dient in dieser Umsetzung als visuelle Hash-Funktion, d.h. eine ähnliche Farbe weist auf ein ähnliches Thema hin. Die farbliche Zuordnung selbst bietet dem Nutzer Orientierung auf drei Ebenen:

1. der Themen,

2. für das Durchsuchen und Ordnen der Dokumente und

3. für die Wortzuordnung in den einzelnen Dokumenten.

Die Topics selbst werden durch Wortlisten umrissen, deren Wörter nach absteigender Wahrscheinlichkeit sortiert sind, so dass die häufigsten Wörter in einem Topic oben stehen. Diese Liste kann für jedes Thema vollständig durchgescrollt werden.

Durch das Klicken auf den Kopf einer Topic-Wortliste wird im zentralen Bereich der Benutzeroberfläche ein Dokumenten-Ranking geöffnet. Die dargestellten Links zu den Dokumenten sind absteigend nach der Anzahl der Wörter sortiert, die dem gewählten Topic zugeordnet sind. Für jedes Dokument werden neben dem Titel durch maximal vier farbige Kreise die wichtigsten Topics angezeigt.

Dokumente des Themas 0.

Fährt man mit dem Mauszeiger über die einzelnen Punkte erscheint die Nummer des entsprechenden Themas. Mittels Anklicken des Punktes verschiebt sind die untere Leiste zum entsprechenden Topic.

Mit Klick auf einen Dokumententitel öffnet sich die Vollansicht des Dokumentes.

Detailansicht eines Dokuments aus dem Thema 0.

An dieser Stelle kann zugleich eine Dokumentenprüfung erfolgen, da die Themenzuordnung einzelner Begriffe in einem Dokument durch farbige Unterstreichungen hervorgehoben wird. Auch in diesem Fall führt ein Klick auf die entsprechende Farbe zur Darstellung des Themas in der Themenübersicht. Weil häufige und seltene Wörter ebenso wie grammatische Funktionswörter nicht Teil der Eingabe des Topic-Modells sind, haben nicht alle Wörter eine Topic-Zuordnung. Eine Besonderheit der Anwendung auf das Gesamtkorpus der halleschen Zeitungen und Zeitschriften liegt in dem Versuch, zunächst ausschließlich mit den Artikelüberschriften, ergänzt um den Titel der Zeitschriften und wenn möglich den Namen der Autoren zu arbeiten.

Durch die integrierte Suchfunktion kann deutlich gemacht werden, dass Wörter in verschiedenen Kontexten benutzt werden. Diese Kontexte werden bei der Auto-Vervollständigung als eine Liste von Topics angezeigt, denen ein Wort in verschiedenen Dokumenten zugeordnet wurde. So ist der Wortstamm „Erzieh“ Teil von mehreren Topics.

Suchfunktion mit Auto-Vervollständigen.

Da eine Textanalyse immer verschiedene thematische Granularitäten erfordert, können im Topic-Explorer Topics interaktiv zusammengefasst und aufgeteilt werden. Auf diese Weise ist es für den Nutzer sehr einfach, innerhalb der Topic-Hierarchie, die schon für die Bestimmung der linearen Anordnung der Topics nach Wortähnlichkeit genutzt wurde, interaktiv zu navigieren .

Hierarische Themen – Ausgangssituation.

Fährt man mit dem Mauszeiger auf die Verbindungslinie zwischen Thema 7 und 11 wird in einer Vorschau der Themenzusammenführung angezeigt, welche Topics zusammengefasst würden, diese sind jetzt in der gleichen Farbe dargestellt, in diesem Fall würde auf Grund der hohen Ähnlichkeit auch Thema 14 mit eingeschlossen werden.

Hierarchische Themen – Vorschau.

Durch einen Klick auf die Vorschau wird die Zusammenführung bestätigt und es ergibt sich folgendes Bild:

Hierarchische Themen – Zusammenführung.

Der Effekt der Zusammenfassung wird sofort in den anderen Ansichten visualisiert, z. B. in der Darstellung der zeitlichen Entwicklung.

Durch einen Klick auf das Symbol  können die drei Themen in Einzelschritten wieder getrennt werden.

Da alle Zeitschriftenbeiträge mit einem Zeitstempel versehen sind, kann die zeitliche Entwicklung derTopics visualisiert werden. Ein Klick auf das Symbol  öffnet die entsprechende Ansicht. Das Beispiel zeigt die Evolution von Thema 14 im Umfeld der seit 1780 publizierten galvanischen Experimente und Versuche, deren Auswertung und zunehmende Verbreitung. Die verschiedenen Reaktionen werden durch die Topics kategorisiert. Die Grafik zeigt die zeitliche Entwicklung mit den jeweils wichtigen Wörtern für jeden Zeitabschnitt.

Zeitliche Entwicklung des Themas 14 mit Beispiel für die Anzeige zentraler Begriffe.

Problematisch an dieser Darstellung ist die Tatsache, dass der TopicExplorer in seiner Entwicklung für aktuelle Medien (Twitter, Facebook, Tageszeitungen etc.) angedacht war. Eine Anpassung in der Visualisierung an die historischen Zeiträume konnte – wenn auch als weiterer Fortschritt von zentraler Bedeutung – noch nicht erfolgen. Aktuell basiert der zeitliche Verlauf auf einer Umrechnung der Jahre zwischen 1688 und 1824 auf jeweils eine Kalenderwoche zwischen dem 1.1.2011 und dem 31.7.2015 die dadurch bedingten Ungenauigkeiten und der teilweise Verlust der durchaus detaillierten Zeitangaben der historischen Journale wird schnellstmöglich durch eine entsprechende Verbesserung des TopicExplorers behoben.

 

Topic Modellierung historischer Texte

Die Halleschen Journale – Erschließung

Ausgehend von der Grundüberlegung, dass, um alle Beiträge und Inhalte zu überblicken informatische Verfahren zwingend benötigt werden, beginnen an dieser Stelle bereits die ersten Schwierigkeiten. Da die Quellen nicht in ihrer Gesamtheit als Volltexte vorliegen, muss eine Möglichkeiten gesucht und gefunden werden, die es ermöglicht, auch ohne umfassende Digitalisierungen und OCR-Bearbeitungen einen modellierbaren Korpus zu generieren. Da für die grundlegende Erschließung der Zeitungen und Zeitschriften alle Inhaltsverzeichnisse erfasste wurden / werden sollen, entstand die Idee bereits auf dieser Ebene den TopicExplorer zum Einsatz zu bringen. Die Aufnahme der detaillierten Inhaltsverzeichnisse erfolgte händisch und in mühevoller „Abschreibe-Arbeit“.

Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis der Annalen der Physik, Halle 1806, 22. Band.

Alle Beiträge wurden strukturiert in einer relationalen Datenbank erfasst, die es ermöglicht, für jeden einzelnen Beitrag detaillierte bibliographische Informationen zu generieren; Autoren mit allen von ihnen publizierten Beiträgen zu erfassen, die Verlaufsgeschichte einzelner Journale zu rekonstruieren und vieles mehr. Aktuell weist die Datenbank rund 30.000 Beitragseinträge auf, die mit rund 1.800 Personen auf unterschiedlichen Ebenen verknüpft sind.

 

TopicExplorer und Vorarbeiten

Die Artikelüberschriften der aufgeklärten Journale sind häufig relativ umfangreich, so dass die Hoffnung besteht, dass eine Vielzahl der für den Gesamtbeitrag relevanten Schlagwörter bereits an dieser Stelle aufgefunden werden können. Der durchschnittliche Umfang der Beitragsüberschriften beträgt 64 Zeichen. Diese eher gering anmutende Zahl ergibt sich dabei hauptsächlich durch eine kleine Anzahl sehr stark strukturierter Zeitschriften. Eine besondere Schwierigkeit stellen die in Halle anscheinend beliebten biographischen Mitteilungen dar, die mit unterschiedlichen Schwerpunkten bspw. über das Leben (berühmter) Rechtsgelehrter, Mediziner, Naturkundler etc. berichten und deren Artikelüberschriften nur jeweils aus dem Vollständigen Namen der betrachteten Person bestehen.

Samlung von merkwürdigen Lebensbeschreibungen, Erster Theil, Halle 1754.

Ebenfalls problematisch sind die mehrmals wöchentlich erscheinenden Zeitungen, deren Beiträge als Überschrift meist nur den Ort der eingehenden Nachricht umfassen. Für diese Gruppen von Journalen müssen tiefergreifende Erschließungsmethoden gefunden werden, um sie gleichberechtigt in die Topic-Modellierung einbeziehen zu können. Im Unterschied dazu müssen und können die naturwissenschaftlichen Journale als positive Beispiele herangezogen werden. Ihre Beitragsüberschriften erreichen eine durchschnittliche Länge von 97 Zeichen und erklären in den meisten Fällen detailliert die Gegenstände der folgenden Betrachtungen.

Für die Arbeit mit dem TopicExplorer wurden die Artikelüberschriften um weitere Informationen ergänzt, die aus der bestehenden Datenbank abfragt wurden – dies betrifft: das Publikationsdatum, den Autor und den Titel des Journals in dem der jeweilige Beitrag erschien. Diese zusätzlichen Informationen werden bei der Themengenerierung nicht berücksichtigt, ermöglichen aber eine nachträgliche Zuordnung, bzw. SQL-Abfragen für verschiedene Dokumentenrangkings.

Nach einer relativ mühevollen Bereinigung der Wortlisten, die insbesondere durch zahlreiche Abkürzungen, Autoreninitialen und Ortsnamen erschwert wurde, liefern die ersten Versuche einer Topic-Modellierung durchaus vielversprechende Ergebnisse – und zugleich zahlreiche Hinweise auf Verbesserungsnotwendigkeiten in der Vorverarbeitung.

 

Zu überwindende Schwierigkeiten

Inhaltsverzeichnis der Observationvm Selectarvm Ad Rem Litterariam Spectantivm, Band 1, 1707.

Als spezifisches Problem bei der Betrachtung der ersten Ergebnisse erwies sich die Sprache. Eine nicht geringe Anzahl von Dokumenten beinhaltet lateinische oder französische Titelüberschriften. Diese wurden zwar gleichberechtigt in die Analyse einbezogen und entsprechend Themen zugeordnet, doch besteht noch keine Möglichkeit einer automatisierten Übersetzung. Daher wurden bspw. zwischen synonymen lateinischen Begriffen und deutschsprachigen Bezeichnungen keine Beziehungen hergestellt. Dies führt dazu, dass sich insbesondere die französischsprachigen Beiträge nahezu ausschließlich in eigenständigen Themen wiederfinden, ohne einen Bezug zu ähnlichen Themen deutschsprachiger Dokumente aufzuweisen. Diese Beobachtung lässt es als zwingend notwendig erscheinen, eine sprachliche Angleichung (Übersetzung) vorzulagern. In unserem Beispiel betrifft dies mindestens ein Zehntel der Dokumente.

Anders gelagerte Schwierigkeiten ergeben sich aus den variierenden Schreibweisen. In einzelnen Fällen verursachte bereits die Genitiv-Form Probleme (Christenthum/Christenthums). An dieser Stelle könnte es durchaus vielversprechend sein, den mittlerweile zur Verfügung stehenden Cascaded Analysis Broker für historische Texte anzuwenden, um eine Normierung der Schreibweisen vorzunehmen. Bei naturwissenschaftlichen Dokumenten war diese Problematik deutlich geringer ausgeprägt, da hier differierende Schreibweisen ein deutlich kleineres Spektrum einnehmen und sich bei zahlreichen fachwissenschaftlichen Begriffen eine Standardisierung bereits zu Mitte des 18. Jahrhunderts durchgesetzt zu haben scheint. Zudem löste die deutsche Sprache in den Naturwissenschaften das gelehrte Latein schneller und nachhaltiger ab als in anderen Bereichen.

 

Ergebnisse

Trotz der oben skizzierten Probleme ergeben sich in der Modellierung bereits sehr überzeugend erscheinende Themen. Insbesondere die naturwissenschaftlichen Themen überzeugen in ihrer sowohl zeitlichen, als auch inhaltlichen Ausprägung. Beispielsweise reflektieren die Themen 7, 14 und 10 unterschiedliche Ausprägungen naturwissenschaftlicher Versuche. Thema 7 (940 Beiträge) legt einen Schwerpunkt auf Elektrizität und Alessandro Volta, Thema 10 (999 Beiträge) auf Versuche zu Wärme/Temperatur, Flüssigkeiten und Gasen und Thema 14 (1020 Beiträge) auf Magnetismus und Galvanismus. Für alle diese Topics können die zeitlichen Verläufe der jeweils dahinterstehenden rund 3.000 Beiträge betrachtet werden.

Themen 7, 10 und 14

Ein zweiter thematischer Schwerpunkt der halleschen Journale liegt in historischen Abhandlungen (Themen 9, 13 und 27), wobei hier die Schwerpunkte zwischen Lebensbeschreibungen, Staatshistorie und Betrachtungen der Antike variieren. Alle drei Themen finden sich mit einer ähnlichen Virulenz in den Dokumenten repräsentiert, wenn auch im Vergleich mit den ‚Versuchsthemen‘ mit deutlich weniger Konjunkturen.

Themen 9, 13 und 27.

Die relativ erfolgreich erscheinenden halleschen Rezensionszeitschriften sind u.a. in den Themen 23, 20 und 6 repräsentiert. Eine inhaltliche Differenzierung erfolgt zwischen wissenschaftlichen Themen (Thema 23, 970 Beiträge), Poesie/schöner Literatur (Thema 20, 1.132 Beiträge) und Theologie/Religion (Thema 6, 1.149 Beiträge). In ihrer zeitlichen Repräsentanz offenbaren sich bei diesen Themen deutliche Unterschiede.

Thema 23,20 und 6.

Entgegen dem Erwartungshorizont spiegeln sich in der Topic-Modellieren keine klar religiös/theologisch dominierten Themen wider. Hinterfragt man innerhalb des Topic-Explorers dezidiert Begriffe, die einen religiösen Kontext implizieren (z. B. Religion, Gott, Theologie, Kirche, Glaube, Gebet, Predigt), wird nachvollziehbar, dass sich diese in einer Vielzahl von Themen wiederfinden und in unterschiedlichsten Kontexten verortet werden. Beschränkt man sich dabei nur auf die oben aufgeführten Begriffe, werden bereits 19 von 30 Themen abgedeckt.

 

Weitere Schritte

In der kontinuierlichen Anpassung, sowohl in der Vorbereitung der Dokumente als auch der Topic-Modellierung im TopicExplorer, um eine bessere Verarbeitung historischer Dokumente zu gewährleisten, liegt eine zentrale Aufgabe. Andererseits fokussiert das Projekt auf die Interpretation der gefunden Themen und einen Vergleich zwischen ihnen. Dafür sollen weitere zur Verfügung stehende Metadaten über die Netzwerkanalyse mit den identifizierten Themen in Bezug gesetzt werden.

Der zeitliche Rahmen

Das Projekt bewegt sich in der „Aufklärungsepoche“ – doch wie diese zeitlich eingrenzen? Dabei ist der Beginn dieser „Epoche“ im Projekt noch relativ einfach zu bestimmen. Im Januar des Jahres 1688 erscheint (noch mit Verlagsort Franckfurth und Leipzig, bei dem Buchhändler Moritz Georg Weidmann) der erste Band der von Christian Thomasius herausgegebenen und verfassten Zeitschrift:

Schertz- und ernsthaffter, vernünfftiger und einfältiger Gedancken über allerhand lustige und nützliche Bücher und Fragen„.

Schertz- und Ernsthaffter, Vernünfftiger und Einfältiger Gedanken, über allerhand Lustige und nützliche Bücher und Fragen, Deckblatt der Aprilausgabe 1688.

Die Märzausgabe führt als Verlagsort nur noch Leipzig und mit dem Monat April wechselt Thomasius‘ Zeitschrift nach Halle in den Verlag des Chur-Fürstlich Brandenburgischen Hoff- und Regierungs Buchdruckers, Christoph Salfelden.

Für die folgenden Jahrzehnte erfasst das Projekt alle Zeitungen und Zeitschriften , deren Verlagsort in Halle  (Hall in Sachsen, Halae, Halle im Magdeburgischen etc. – um nur einige der zahlreichen Synonyme aufzuführen) gefunden werden kann. Einige Journale erscheinen nur mit einer einzigen Ausgabe, andere unregelmäßig über mehrere Jahre und Jahrzehnte, wieder andere kontinuierlich über Jahrhunderte hinweg. Somit drängt sich die Frage nach dem „Ende“ der Aufklärungsepoche auf.

Obwohl in der Literaturwissenschaft das „Ende der Aufklärung“ meist um 1800 verortet wird, und auch in der halleschen Presselandschaft ein deutlicher Einbruch der Journalneugründungen um 1802 zu verzeichnen ist, reicht der Projektzeitraum aus unterschiedlichen Gründen bis zum Jahr 1815. Zum einen bringen die napoleonische Besatzung und die Befreiungskriege auch für die Journale vollkommen neue Herausforderungen mit sich, deren Bewältigungsstrategien sich stark unterscheiden. Einige Verleger in Halle stellen die Herausgabe von Zeitschriften und Zeitungen vollkommen ein. Zum einen da Zeitschriften nun ebenfalls als Luxusprodukte gelten, deren Absatz in Krisensituationen deutlich zurückgeht, zum anderen da mit der Schließung der Universität Halle im Jahr 1806 Herausgeber, Autoren und Leser verloren gehen und die Produktion auf Grund der gestiegenen Produktionskosten nicht mehr kostendeckend sein kann. Erstaunlicher Weise nutzt kein hallescher Verleger die Möglichkeit, den Wünschen des Publikums, nach aktuellen und zeitnahen Informationen zu entsprechen, sodass keine Verstärkung des Zeitungsmarktes in Halle zu beobachten ist – hier scheint die räumliche Nähe zu Leipzig ein stärkeres Engagement verhindert zu haben. Denn aktuelle Nachrichten gelangten weniger schnell nach Halle und ihre Publikation hätte keinesfalls gegen die Konkurrenz der Leipziger Nachrichtenblätter bestehen können.

Anzahl der jährlich in Halle begründeten Journale (1688-1815)

Andere Verleger hingegen prägen ihre inhaltlichen Schwerpunkte gerade in dieser Zeit stärker aus. Anstatt auf ein umfassendes Sortiment thematisch verschiedener Journale zu setzen, konzentrieren sie sich auf die Publikation fachlich herausragender Journale – in Halle überdauern vor allem naturkundliche, medizinische und staatswissenschaftliche Zeitschriften die Schließung der Universität.

Um die Reaktion auf elementare wirtschaftliche, politische und alltägliche Krisenphasen abbilden zu können, wurde das Ende der „Aufklärungsepoche“ bis zum Ende der napoleonischen Kriege 1815 ausgedehnt.

Deutsches Archiv für die Physiologie, Band 1, Heft 1, 1815.

Das letzte der 360 in Halle herausgegebenen Journale war die von Johann Friedrich Meckel begründete Zeitschrift: „Deutsches Archiv für die Physiologie„, die bis 1823 Bestand hatte.

 

 

 

 

 

 

Die halleschen Zeitungen und Zeitschriften der Aufklärungsepoche (1688-1815)

Im Rahmen eines am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA) in  – verständlicher Weise – Halle an der Saale, begonnenen Projektes sollte zunächst ein Verzeichnis der in Halle periodisch erschienenen Druckwerke entstehen, um die Bedeutung der Universitätsstadt als Verlagsstandort, in unmittelbarer Nähe zur Messestadt Leipzig im 18. Jahrhundert zu verdeutlichen.

Durch die intensiver werdende Auseinandersetzung mit den halleschen Journalen drängten sich diese aber immer stärker selbst in den Vordergrund, wollten nicht nur verzeichnet, sondern auch gesichtet sein, nicht nur um- und beschrieben, sondern auch gelesen und in ihrer ganzen Bandbreite als herausragende literarische, kulturelle, wissenschaftliche, unterhaltende, belehrende und informierende Produkte wahrgenommen werden.

‚Der Gesellige‘ 2. Band, Halle bey Johann Justinus Gebauer 1764.

Der durchaus eigenständigen Dynamik der periodischen Presse während der Aufklärung folgend, wandelte sich das ursprünglich geplante ‚Handbuch der Halleschen Zeitungen und Zeitschriften‘ zu einem Projekt, dass noch weit über die zu Grunde liegenden Medien hinausgeht und nun die „Gesellschaftliche Wissensproduktion in der Aufklärung“ hinterfragen möchte.

 

Die halleschen Zeitungen und Zeitschriften der Aufklärungsepoche (1688-1815)