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Weihnachten in den halleschen Journalen

Zwischen den Jahren 1688 und 1815 nahmen das Weihnachtsfest und die heutzutage damit assoziierten Bräuche, Rituale und insbesondere Geschenke einen eher untergeordneten Stellenwert ein.

In 290 halleschen Journalen finden sich in diesem Zusammenhang gerade einmal vier Titel, die den Begriff ‚Weihnachten‘ im Titel führen. Zu diesen gehört ein „Auszug aus den Zollbüchern von Weihnachten 1698 bis dahin 1754 über die ein- und ausgehenden Waaren“, veröffentlicht im Magazin für die neue Historie und Geographie (1767-1793) von Anton Friedrich Büsching. Dieser Beitrag erschien im 8. Teil im Jahr 1774 – und wirkt mit seiner 50seitigen Auflistung der Ein- und Ausfuhren vollkommen ‚unweihnachtlich‘; Weihnachten stellt hier ausschließlich einen zeitlichen Fixpunkt dar.

Auszug aus den Zollbüchern von Weihnachten 1698 bis dahin 1754 über die ein- und ausgehenden Waaren, Magazin für die neue Historie und Geographie, 8. Band 1774, S. 149.
Auszug aus den Zollbüchern von Weihnachten 1698 bis dahin 1754 über die ein- und ausgehenden Waaren, Magazin für die neue Historie und Geographie, 8. Band 1774, S. 150.

 

 

 

Zwei deutlich ältere Beiträge aus dem Jahr 1729 befassen sich mit der religiösen Dimension dieses Festes – wenn auch hauptsächlich in Rücksicht auf Studenten der Theologie. Unter den Titeln ‚Eine Vorbereitung auf das heilige Weyhnacht-Fest‚ und ‚Eine Vorbereitung auf das Heil. Weyhnachts-Fest‘ erschienen im 3. Teil der Lectiones Paraeneticae, oder, Oeffentliche Ansprachen, an die Studiosos Theologiae auf der Vniversität zu Halle, in dem so genannten Collegio Paraenetico (1726-1736, herausgegeben von August Hermann Francke)zwei Reden August Hermann Franckes (gehalten in den Jahren 1714 und 1715) mit Hinweisen auf Verhalten und religiöse Einkehr an den Feiertagen. „gedenck ich denn erstlich vorzustellen: was uns bewegen soll, uns zu dem bevorstehenden Fest, so, wie sichs gebühret, zuzubereiten, und das Fest würdiglich unserm Beruf zu feyern; zum andern, die Art und Weise zuzeigen, wie ein ieglicher sich recht dazu bereiten möge.“1

Verblüffend bleibt die Tatsache, dass dies die Einzigen religiösen Abhandlungen zum Weihnachtsfest in mehr als 21.000 Beiträgen der halleschen Zeitschriften bleiben.

Der vierte Beitrag hingegen gewährt Einblicke in die ‚Weihnachtsfreuden in Englischen Familien…‘ und bietet sogar ein Rezept zu einer Pastete an. Er wurde im Jahr 1799 im Dritten Band der Zeitschrift London und Paris: eine Zeitschrift mit Kupfern (zwischen 1798 und 1810 herausgegeben von Friedrich Justin Bertuch) publiziert. Zu diesem Zeitpunkt erschien das Journal noch in Weimar, erst im Jahr 1804 wechselt der Verlag in die Neue Societäts-Buch- u. Kunsthandlung nach Halle.

Artikel: Weihnachtsfreuden in Englischen Familien. Characteristischer Zug Deutscher Handwerker in London. Recept zu einer Pastete., in: London und Paris, 3. band 1799.
Deckblatt London und Paris, Dritter Band 1799.

 

 

 

Aber wie sah es denn nun aus, das Weihnachten 1799 in englischen Familien?

 

„London den 8. Januar 1799

 

Weihnachten ist eine der angenehmsten Zeiten, die ein sittenbeobachtender Ausländer hier erleben kann. Es scheint, als ob sich alles durch einen stillschweigenden Vertrag verglichen hätte seines Lebens froh zu werden. Vom Könige bis zum Bettler wirft Jeder seine Geschäfte, Sorgen und Steckenpferde weg, um sich von dem allgemeinen Taumel des Landes begeistern zu lassen. Dieß ist so wenig eine gehaltlose, hochtönende Redensart, daß sie – der Kenner mag richten – vielmehr wörtlich wahr ist. In einem katholischen Lande würde dieß nicht einmal Erwähnung verdienen; aber hier, wo, vergleichsweise, die Religion weniger, als in jedem andern protestantischen Lande, in das öffentliche Thun und Lassen des Volkes eingreift, ist diese Entfesselung, diese allgemeine Vereinigung zum Genusse gesellschaftlicher Hausfreuden merkwürdig. Man weiß hier, wie bekannt, nichts von Feyertagen; das Weihnachtsfest ist der erste und letzte; nicht einmal der Neujahrstag wird gefeyert, wo auf dem festen Lande die Leute quecksilbern geworden zu seyn scheinen, und sich mit Glückwünschen einander das Haus einrennen. […] Aber dennoch ist von Weihnachten bis auf den heil. Dreykönigstag, den man twelfth day nennt, bey den Großen und Reichen ganz, und bey den übrigen Ständen so viel als thunlich, die Zeit der Erholung und der Ergötzlichkeit gewidmet.

Georg III., gemalt von William Beechery (1799/1800).

Um von dem Throne anzufangen, der König ist der erklärteste Verehrer des Herkommens in diesem Stücke; er verlebt diese holy days in seinem Windsor, spricht dann, in Gesellschaft einer seiner Söhne, zu Fuße bey den Stadt- und Landleuten ein, speist selbst die seit undenklicher Zeit eingeführten Christ-mas-Gerichte, und lebt mit seiner Familie ganz nach Alt-Englischer Art.

Porträt der Königin Charlotte. Thomas Lawrence 1789-1790.

Die Königin giebt meistens dem hohen Adel ein prächtiges Fest auf ihrem Lustschlosse zu Frogmore, wo die Belustigungen der Landleute auf den alten Englischen Leisten geschlagen sind. Dennoch würde diese gute Frau vielleicht lieber im Stillen sich der frohen Zeit erinnert haben.

Der Landsitz Chequers.

Der hohe Adel, die Gentry und die großen Landbesitzer eilen, fast ohne Ausnahme, in diesen Feyertagen auf ihre Landsitze, wo die Tage lange vorher mit den umliegenden Freunden zu Festen und Schmäusen abgeredet sind, und wo selbst der kargste Mann willig die Börse zieht. Man redet in allen Ländern von der alten Gastfreyheit, die nun verloren sey. In England hat man wahrhaftig großes Recht, der ehemaligen Gastfreundschaftlichkeit rühmliche Erwähnung zu thun, weil diese außerordentlich gewesen seyn muß, da doch die Ueberreste derselben, wovon man besonders um Weihnachten so schöne Beyspiele sieht, völlig dem Rufe der Großmuth und Freygebigkeit entsprechen, den sich der Britte in Europa erworben hat. Zu dieser Jahreszeit sind die großen, geräumigen Schlösser […] gedrängt voll Besucher. Die Speicher, die Keller, die Vorrathskammern, der Forst, der Teich, der Stall, und eine lange Reihe Krämer aus der nächsten Stadt, müssen zu der Hülle und Fülle beytragen, die dann überall herrscht. […]

Wer von den Großen und Reichen aus mancherley Ursachen nicht ins Land auf seine Güther gehen kann oder will, der reist wenigstens nach Bath.

Royal Crescent Bath.

Dieser einzige, glückliche, glänzende und höchst anziehende Ort hat nicht etwa, wie andre Badeörter, eine Zeit; nein, seine großen Vorzüge haben ihm wohl vier regelmäßige Besuchszeiten verschafft, so daß er nie leer wird. Außer den Irländischen Familien, die eine eigne, zahlreiche Colonie ausmachen (und, im Vorbeygehen, die schönsten Frauen, die es in Europa giebt haben), kommt besonders der Londoner Hagestolz, der etwas ausschreitende Mittelmann, der selbstgeschaffne Gentleman, die rechtlichen Städter aus Wiltshire, Sommersetshire und Wales, manche Londoner Bürger, und besonders die gedrängte Liste der sich bis zum Sterben ermüdenden Genießer hier zu Weihnachten an.  Lassen wir aber die Großen seyn! Jedermann weiß doch wohl, daß viele darunter zu verstimmt, verwöhnt, gelähmt und abgenutzt sind, um von ganzer Seele, mit ihrer ganzen, vollen Menschheit zu genießen.

Aber die Volksstände, diese sind’s eigentlich, von denen ich ausgieng, und bey denen wir nun bloß verweilen wollen. Man weiß, daß hier Weihnachten die große Zahlungszeit ist. Die Haushofmeister, Verwalter und Ausgeberinnen erhalten dann die langen Rechnngen des im vergangenen Jahre Verbrauchten und Nichtverbrauchten […] und die Banquiers haben dann mehr als gewöhnlich Anweisungen zu honoriren. Aus diesem schönen Weihnachtssegen, dem Erwerbe eines langen, schweren Jahres, giebt nun der Hausvater mit vollen Händen der lieben Hausehe, um alles herbey zu schaffen, was nöthig ist, um die liebe Müßiggangszeit recht zu feyern. Es werden eine fette Truthenne, gutes Rostbeef, Schinken und Rosinenpuddings, als vor allem andern Mince pies angeschafft. Denn ohne letztere eine Christmesse hinzubringen, ist unmöglich. Hat man auf dem Lande Freunde, so laufen von ihnen Hasen, Truten, und Schinken ein. Unter diesen Zurüstungen kommen die Töchter und Söhne aus den Boarding-schools nach Hause, und ersetzen reichlich, was die magre Schulkost ihnen an Nahrung der Lebensgeister entzogen hatte, nachdem Vater und Mutter den schönen Englischen oder Französischen Brief gelobt haben, in welchem, nach alter Sitte, zu nicht geringer Plage der Lehrer und Usher’s, die Kinder ihren Eltern zu dem herannahenden Feyertagren gratuliren, und den lange erwünschten Besuch ins liebe Heim anmelden. Wo keine Kinder sind, kommen eingeladene Freunde von nah und fern,

The Christmas Visit. Postcard, 1910.

und halten sich eine Woche lang oder länger im wirthbaren Hause auf. […] Weil die junge Welt die kurze Feyertagszeit mit so viel Freuden als möglich ausfüllen will, so wird alles in London besucht, was nur Unterhaltung für sie gewähren kann. […] Besonders aber lassen die beyden großen Theater irgend ein abenteuerliches Entertainment, das oft die unsäglichsten Summen kostet, entweder ganz neu zusammenfassen, dichten, schreiben und setzten, oder wieder ausstaffiren. Man sieht dann die Kinder schaarenweise in die Comödie gehen, und nie wird mehr geklatscht, wie herzlicher genossen. Mehrere Handwerker feyern die ganzen zwölf Tage über von Weihnachten bis zum großen Neujahrstage, und wenn man ihnen noch so viel böte, so würden sie sich diese Erholungszeit nicht nehmen lassen. […]

Die ärmsten Höcker, welche Gemüse, Blumen, Matten, …, Pfefferkuchen u.s.w. verkaufen; ferner die Schornsteinfeger, Gassenkehrer, Bierkärrner, Kohlenleute und andre, welche in diese Classe gehören, haben lange auf Weihnachten gesammelt, und manche von ihnen haben die Freyheit durch die Straßen zu gehen, und mit dem erschrecklichsten Geschrey um milde Gaben zu bitten. Man bemerkt um diese Zeit weit weniger Bettler, als sonst; denn in ihren Quartieren, worein sich niemand anders, ohne Lebensgefahr, wagen würde, begehen sie die festliche Zeit in vollem Genusse aller guten Dinge, welche das Land darbeut. Endlich ist der reiche Londoner zu keiner Zeit freygebiger gegen die wirklich Bedürftigen. Kohlen, Fleisch, Brod und Porter werden von mehrern wohlgesinnten Leuten häufig ausgetheilt; so wie die mehresten Lords ihre ärmern Unterthanen damit bedenken. Die Christmasboxes, d.i. die Weihnachtsgeschenke oder heil. Christe, sind auch fast noch durchgängig gewöhnlich, obschon die Krämer und der mittlere Handelsstand sehr, und mit Recht, dawider eifern.2

Fehlt nur noch das im Beitrag versprochene

Rezept zu einer Mince pye,

vom Verfasser des Beitrags ‚abgeschrieben‘ aus einem Kochbuche, „das zu den neuesten gehört“, dem The Housekeeper’s instructor.3

Christmas Pie, by William Henry Hunt.

„Nehmt drey Pfund vom besten Schweineschmalz, und schneidet und hackt es so klein ihr könnt; nehmt zwey Pfund ausgetiente große Rosinen und hackt sie fein; eben so viel kleine Rosinen, wohl gelesen, gewaschen, abgerieben und am Feuer getrocknet; schälet funfzig der besten Borstorfer Aepfel (pippins), nehmt die Kröbse heraus, viertelt sie, und backt sie ganz klein; nehmt ein halb Pfund des feinsten Zuckers, und stoßt ihn gut; ein halb Loth Muskatblüthen, ein halb Loth Nelken, und zwey große Muskatnüsse, alle aufs kleinste gestossen; thut alles das zusammen in ein großes Gefäß, gießt ein Nößel Franzbranntwein und ein halb Nößel Sect dazu und dann mengt alles wohl unter einander.

Wenn ihr dieß in einen Topf von Steingut thun wollt, so hält sichs drey bis vier Monate, nur müßt ihrs gut zubinden. Wenn ihr nun Pasteten davon machen wollt, so nehmt eine Schüssel, etwas größer als einen Suppenteller, und überlegt sie mit einer ganz dünnen Teigdecke, hierüber eine dünne Lage Fleisch, dann eine Lage dünne Citronenscheibchen, ferner eine Lage des oben beschriebenen Gemengsels, und endlich eine Lage dünner Apfelsinenscheibchen, hierüber etwas Fleisch: drückt den Saft aus einer guten Pommeranze oder Citrone darauf, überlegt es dann mit einer Rinde, und backt es sorgfältig.“4

  1. Lectiones Paraeneticae, 3. Theil 1729. []
  2. Weihnachtsfreuden in Englischen Familien. Characteristischer Zug Deutscher Handwerker in London. Recept zu einer Pastete.“ In: London und Paris, 3. Band, S. 124-129. []
  3. Weihnachtsfreuden in Englischen Familien. Characteristischer Zug Deutscher Handwerker in London. Recept zu einer Pastete.“ In: London und Paris, 3. Band, S. 125. []
  4. Weihnachtsfreuden in Englischen Familien. Characteristischer Zug Deutscher Handwerker in London. Recept zu einer Pastete.“ In: London und Paris, 3. Band, S. 125f. []

Hällische (Hallische) Zeitungen – Entwicklung

Die Hällischen, später (Privilegirten) Hallischen Zeitungen erschien seit dem 25. Juni 1708 und erreichte mit ihren Fortsetzungen eine Lebensdauer von 75 Jahren. Den Hällischen Zeitungen vorausgegangen war die Hallische Correspondentz, die zwischen 1704 und 1710 monatlich handgeschrieben erschien. August Hermann Francke begründete seine Correspondentz in Folge zahlreicher Briefe, die ihn aufforderten ‚mancherlei Nachrichten‘ über seine Anstalten bekannt zu machen, die Vorgänge an Universität und Waisenhaus zu schildern und neue Schriften und Bücher anzukündigen. Aus diesen Anfragen ging die Idee einer – noch handgeschriebenen – Korrespondenz hervor. Sie erschien am Ende jedes Monats und erreichte einen beschränkten Leserkreis von ca. 40 Abonnenten.

Doch bereits seit Beginn seiner Tätigkeit in Halle, hatte sich Francke um die Einrichtung einer an das Waisenhaus angegliederten Druckerei bemüht und nachdem er 1692 in Berlin eine Filialbuchhandlung der Franckeschen Stiftungen eröffnet hatte, schien er besonders daran interessiert, eine Zeitung herauszugeben, um dadurch auch die Einnahmen des Waisenhauses zu erhöhen.1

Kniehebelpresse, Baujahr 1845 Hersteller: Dingler’sche Maschinenfabrik AG, Zweibrücken-Pfalz Foto aus dem Deutschen Museum in München. Foto Clemens PFEIFFR, Vienna.

Francke verfügte in der Druckerei des Waisenhauses seit 1701 über zwei Handpressen, die eine gedruckte Zeitschrift mit geringem Kostenaufwand ermöglichten. „Noch ist beim Waysen-Hause eine Buchdruckerey, welche nicht allein mit völligen Pressen und allen in Teutschland befindlichen Typis, als Teutschen, Lateinischen, Griechischen, sondern auch Orientalischen, als Hebräischen, Syrischen und Aethiopischen, ingleichen auch mit Sclavonischen versehen ist. Sie hat ihren eigenen Faktor, vier Gesellen, vier Lehr-Jungen und einen Aufwärter“.2

Neueinlauffende Nachricht von Kriegs- und Welt-Händeln, Leipzig 1660, Nr. 1.

Die bisher in Preußen erscheinenden Zeitungen beschränkten sich mehrheitlich auf Berlin und wiesen häufig eine nur geringe Lebensdauer auf. Und trotz der Tatsache, dass in Leipzig seit 1656 die Leipziger Post- und Ordinar-Zeitung und seit 1660 die Neueinlaufenden Nachrichten von Kriegs- und Welthändeln erschienen, die auch nach Halle gelangten, glaubte Francke sowohl an das finanzielle als auch das informative Potential einer eigenständigen Hallischen Zeitung bzw. einer Zeitung für Preußen.

Aus diesem Grund richtete er ein Gesuch um Erlaubnis der Herausgabe einer Zeitung an den Monarchen Friedrich I. Im Juli 1703 folgte die entsprechende Genehmigung. Diese umfasste dabei nicht nur die Erlaubnis des Drucks, sondern ebenso einen eingeschränkten Schutz vor Nachdrucken, „nicht allein gedachtem Waysenhause das Privilegium […] ertheilen, Sondern auch allen in unsern Landen wohnenden Buchdruckern und Buchführern, wie auch andern Unsern Unterthanen bey Vermeydung Unserer Ungnade und wilkürlicher harter Bestraffung solche Zeitungen nicht nachzudrucken, noch deren Verlag und Verkauffung sonst auff einige Weise zu hindern“3.

Nach Überwindung verschiedener Schwierigkeiten, „wegen allerhand unvermuthet in den Weg gekommener Verhinderungen“4, konnte der Plan der Hällischen Zeitungen am 25. Juni 1708 realisiert werden. Am 25. 8.1708 erfolgte die Titeländerung in Hallische Zeitungen und mit Beginn des Jahres 1709 führte die Zeitung den Zusatz ‚Privilegirt‘ im Titel.

Als ein Hauptproblem im weiteren Verlauf der Herausgabe erwies sich der hallesche Postmeister Duncker, er verdiente mehr am Verkauf ausländischer Zeitungen und stellte sich aus diesem Grund, trotz des königlichen Patents, lange Zeit gegen die Hällischen Zeitungen.

In der Ausgabe vom 29.7.1708 finden sich nähere Hinweise auf die Erscheinungsmodalitäten der Zeitung: „Wöchentlich drei Stück bei Stephan Orban (Buchdrucker in der Taubengasse) zu bekommen: Und zwar das erste Stück am Montag früh von 6. bis 9. Das andere am Mittwoch nachmittag von 4. bis 7. und das dritte am Freytag nachmittag zu vorbenanter Zeit.“5

August Hermann Francke selbst war an der Herausgabe der Hällischen Zeitungen dabei nicht aktiv beteiligt. Von Beginn an engagierte Francke einen festen Redakteur. Dieser erhielt ein Gehalt von 150 Talern jährlich, zugleich einen Bedienten, Stube, Licht, und Holz.6 Als wahrscheinlich erster Redakteur der Hällischen Zeitungen war August Schürmann, wenn auch nur sehr kurze Zeit, mit der Herausgabe betraut.

Titelblatt der ältesten Nummer der Hällischen Zeitungen, Anlage zu

Noch im selben Jahr ging diese Aufgabe an Jacob Gabriel Wolff über, der die Redaktion von 1708 bis 1732 inne hatte. Wolff war seit 1724 Professor der ordentlichen Rechte in Halle und widmete sich neben seiner juristischen Tätigkeit vor allem dem Verfassen geistlicher Lieder.7 Ihm folgte Johann Lucas Niekamp der die Zeitung bis zu seinem Tod im Jahr 1742 betreute. Im Anschluss bekleidete Johann Friedrich Joachim die Position des Redakteurs bis 1744. Der aus Halle stammende Jurist hatte an der hiesigen Universität studiert und wurde 1748 zum außerordentlichen Professor juris et historiarum ernannt.8 Joachim bemühte sich um eine stärkere Gliederung und Strukturierung der Beiträge innerhalb der Hallischen Zeitungungen und war bestrebt, die inhaltliche Ausrichtung zu straffen.

Kupferstich Frontispiz aus MELISSANTES, GEOGRAPHIA NOVISSIMA, Teil 2, Frankfurt, Leipzig [und Erfurt] 1713 mit Darstellung einer Poststation und ankommender reitender Post um 1708.
In den Jahren 1744 bis 1748 hatte Karl Dacheritz die Redaktion in seinen Händen, ihm folgte bis 1749 Daniel Gottfried Schreber.

Ein Redaktionswechsel wurde dabei meist nur durch äußere Veränderungen erkennbar, während die inhaltliche Struktur der Zeitungen, mit Ausnahme von Joachim, nicht angetastet wurde.

 

Johann Peter von Ludewig

In den ersten Jahren ihres Bestehens wurden die Hallischen Zeitungen von der staatlichen Zensur kaum beschränkt,9 jedoch fehlen Nachrichten über interne Vorgänge am Preußischen Königshaus, wie auch eine kritische Berichterstattung, die die Aufmerksamkeit der Zensur auf sich gelenkt hätten, fast völlig. Wann die Zensur gegenüber den Hallischen Zeitungen aktiv wurde, kann nicht eindeutig bestimmt werden. Im Jahr 1713 wurde die Privilegierung unter dem neuen Monarchen Friedrich Wilhelm I. bestätigt, die Zeitung sollte jedoch der Zensur unterworfen sein. Der zu diesem Zeitpunkt für Halle verantwortliche Zensor Johann Peter von Ludewig war jedoch eng mit der Universität Halle verbunden und wies vielfältige persönliche Kontakte, auch zum Waisenhaus auf. Zugleich fungierte er seit 1722 als Herausgeber der Wöchentlichen Hallischen Anzeigen und war keineswegs unkritisch gegenüber politischen Abläufen und Entwicklungen, seine Zensur dürfte infolgedessen eher wohlwollend ausgefallen sein, zumal Kommentare und Stellungnahmen in den Hallische Zeitungen nur sehr selten einen tendentiellen Charakter annahmen.

Zu Beginn des Jahres 1749 verschwand der Zusatz ‚Privilegirt‘ aus dem Titel der Hallischen Zeitungen. Wenn auch das Waisenhaus das Zeitungsprivileg erst im Jahr 1768 abgab.10 Im selben Jahr gingen die Hallischen Zeitungen in den Verlag Bertram über, wo sie noch bis zum Jahr 1783 herausgegeben wurden.

Die Stabilität der Hallischen Zeitungen, trotz zunehmender Konkurrenz z.B. durch die Wöchentlichen Hallischen Anzeigen (1729-1811) lag neben der Privilegierung und der damit eher mäßigen Zensur vor allem im Grundzug einer national patriotischen Gesinnung und einer hohen Uneigennützigkeit der leitenden Kreise der Zeitungen begründet.11

 

 

  1. Vgl. Arthur Bierbach, Die Geschichte der Halleschen Zeitung – Landeszeitung für die Provinz Sachsen für Anhalt und Thüringen, Eine Denkschrift aus Anlaß des 200jährigen Bestehens der Zeitung am 25. Juni 1908, Halle, 1908, S. 5. []
  2. Carl Hildebrand Canstein, Die II. Fortsetzung der wahrhaften und umständlichen Nachricht vom Wäysen-Hause und übrigen Anstalten zu Glaucha vor Halle, den 14. Novembris A. 1706 in einem frantzösischen Send-Schreiben, Halle 1709, S. 16. []
  3. Königliches Patent, zitiert nach Hans-Ulrich Reincke, Die Hallesche Tagespresse bis zum Jahre 1848 – mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte der ‚Halleschen Zeitung‘, Halle 1926, S. 12. []
  4. Rudolf Schmidt, Art: Francke, August Hermann, in: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker – Beiträge zu einer Firmengeschichte des deutschen Buchgewerbes, Berlin 1903, Bd. 2, 1903, S. 260-262. []
  5. Hällische Zeitungen, 29.7.1708 []
  6. Vgl. Gustav Kramer, August Hermann Francke – Ein Lebensbild, Bd. 2, Halle 1870, S. 38. []
  7. Vgl. Herrmann Arthur Lier, Art. Wolff, Jacob Gabriel, in: ADB Bd. 44, 1898, S. 37-38. []
  8. Vgl. Otto Hartwig, Art. Joachim, Johann Friedrich, in: ADB Bd. 14, 1881, S. 94-95. []
  9. Vgl. Reincke, Tagespresse, S. 10. []
  10. Vgl. Schmidt, Art: Francke, S. 261. []
  11. Vgl. Bierbach, Geschichte, S. 163f. []

Journal der Physik (1790-1794)

Das Journal der Physik wurde zwischen 1790 und 1794 von Friedrich Albrecht Carl Gren (1760-1798) herausgegeben. Die ersten beiden Bände erschienen ‚auf Kosten des Herausgebers‘ in Halle, gedruckt bei Francke, danach erfolgte ein Wechsel zum Verlag Barth nach Leipzig, wo bereits die ersten Bände in Commission erhältlich gewesen waren. Insgesamt umfasste das Journal 8 Bände mit 24 Heften.

Titelblatt des ersten Heftes des Journals der Physik, 1790.

Schon als Student an der Universität Halle hatte Gren chemische Vorlesungen gehalten und wurde hier kurz nach seiner Promotion im Jahr 1786 zum außerordentlichen Professor der Arzneiwissenschaften ernannt. Mit der Herausgabe seines Journals, das später durch das Neue Journal der Physik und die Annalen der Physik fortgeführt wurde, beabsichtigte er der deutschen Leserschaft vor allem Kenntnisse über die aktuellen Arbeiten im Ausland (Verbrennungslehre und Galvanismus) zu vermitteln. Im Laufe seiner eigenen Beschäftigung mit der Phlogistontheorie1 wandte sich Gren immer mehr von dieser Auffassung ab und wurde zu einem bedingten Anhänger der neuen Lehre von der Verbrennung.

Das Journal der Physik sollte monatlich erscheinen, wobei jeweils drei Hefte einen Band bildeten. Für Pränumeranten kostete der Jahrgang 5 Reichstaler in Gold. Jeder Band umfasste ca. 500 Seiten;  die ursprüngliche Absicht des Herausgebers, einer monatlichen Erscheinungsweise konnte jedoch nicht realisiert werden. So erschienen zwischen 1790 und 1792 jährlich sechs Hefte, in den Jahren 1793 und 1794 jeweils drei.

Journal der Physik, Umfang je Band und Heft.

Gren beabsichtigte mit seinem Journal nicht „nur zu unterhalten und eine bloß zeitvertreibende Lectüre abzugeben […] nicht so wohl eine Modelectüre zu liefern, als vielmehr denkende Physiker zu beschäftigen und zur Verbreitung nützlicher Entdeckungen beyzutragen“2 aus diesem Grund lag sein inhaltlicher Schwerpunkt auf gelehrten Artikeln, denn „nicht, zu hoffender Gewinn, sondern Liebe für die Naturwissenschaften“3 trieb ihn an.

Friedrich Albrecht Carl Gren

Die inhaltliche Strukturierung des Journals der Physik folgte zugleich einer zeitgenössischen Notwendigkeit, denn die Vielzahl der erscheinenden Schriften und Journale machten es dem Einzelnen (auch finanziell) nahezu unmöglich, an allen Publikationen zu partizipieren. „Da die Anschaffung der Denkschriften von Societäten und Akademien der Wissenschaften dem Privatmanne oft nur gar zu schwer fällt“4 hielt es Gren für notwendig, dieser Schwierigkeit durch vollständige Auszüge aus den betreffenden Schriften zu begegnen. Publiziert wurden in Folge dessen: selbstständige Abhandlungen, Auszüge, Abhandlungen und Übersetzungen aus den Denkschriften der Societäten und Akademien der Wissenschaften, Auszüge aus Journalen physikalischen Inhalts und Literarische Anzeigen.

Auszug aus dem Abonnenten-Verzeichnis, Band 1, Heft 3, unpag.

Für das Jahr 1790 findet sich in Heft drei des ersten Bandes eine Abonnentenliste an der exemplarisch u.a. die Reichweite des Journals abgelesen werden kann.5 Verzeichnet wurden der Nachname des Abonnenten, gegebenenfalls sein Titel, sein Beruf und sein Wohnort. Betrachtet man das daraus resultierende Verbreitungsgebiet des Journal der Physik wird ersichtlich, dass Gren seiner Absicht, einer „Ausbreitung des Studiums der Physik in Deutschland“6 mit seinem Journal durchaus gerecht werden konnte.

Trotz der Intention des Herausgebers, sich an ein Fachpublikum zu wenden, reflektiert die entsprechende Aufstellung der Abonnenten, dass es dem Journal gelang eine Vielzahl von interessierten Laien als Leser zu gewinnen. So finden sich unter den Abonnenten Kaufleute, Studenten, Angehörige des Militärs, eine große Anzahl Apotheker (11%), Staatsdiener (28%) und Professoren (18%).

Die regionale Verteilung der Abonnenten spiegelt zugleich die beeindruckende Reichweite des Journals wieder. Besondere Schwerpunkte entwickelten sich in Rostock und Breslau.

Regionale Verteilung der Abonnenten des Journal der Physik, 1790. (Visualisierung DARIAH-GeoBrowser).

Vom Erfolg des Journals der Physik bei einer breiten Leserschaft zeugen auch die Fortsetzungen, zwischen 1795 und 1797 gab Gren in Leipzig das Neue Journal der Physik heraus, das seit 1799, nun unter dem Titel Annalen der Physik, von Ludwig Wilhelm Gilbert weitergeführt wurde und bis 1824 Bestand hatte.

 

  1. Bei Phlogiston handelt es sich um eine von Georg Ernst Stahl eingeführte hypothetische Substanz, von der man vermutete, dass sie allen brennbaren Körpern bei der Verbrennung entweiche. Sie stellte zwischen 1770 und 1775 die vorherrschende chemische Lehre dar und wurde erst durch die Oxidationstheorie verdrängt []
  2. Friedrich Albrecht Carl Gren, Vorrede, in: Journal der Physik, Band 1, Heft 3, unpag. []
  3. Friedrich Albrecht Carl Gren, Vorrede, in: Journal der Physik, Band 1, Heft 3, unpag. []
  4. Friedrich Albrecht Carl Gren, Vorrede, in: Journal der Physik, Band 1, Heft 3, unpag. []
  5. Leider finden sich trotz Grens Versprechen, auch in späteren Heften Abonnenten-Verzeichnisse zu publizieren, keine weiteren Aufstellungen. []
  6. Friedrich Albrecht Carl Gren, Vorrede, in: Journal der Physik, Band 1, Heft 3, unpag. []

Journale in Zahlen – Das Zeitschriftenkorpus

Publikums- und Fachausrichtung

Zwischen 1688 und 1815 werden in Halle 360 Journale herausgegeben. Um diesen Bestand besser überblicken und bearbeiten zu können, wurde eine inhaltliche Zuordnung der periodisch erscheinenden Schriften nach Sichtung vorgenommen. Sie basiert auf höchstens drei Ebenen und nimmt zunächst eine Einordnung nach Publikumsausrichung, als „Fach- oder Publikumszeitschrift“ bzw. „Sonstige“ vor. In der letzteren Kategorie finden sich neben Katalogen, Verzeichnissen und Kalendern auch Universitätsschriften. Eine Sondergruppe bildet die „Compendiöse Bibliothek“; sie wurde mit ihren 27 Bänden in der Gruppe „Anthologie“ zugeordnet – zum einen um ihren spezifischen Charakter zu betonen, zum anderen um die durch sie entstehenden Verzerrungen besser reflektieren zu können.

Damit ergibt sich folgendes Gesamtbild:

Klassifikation der halleschen Journale nach Publikumsausrichtung

Diese relativ grobe Einteilung wird auf der zweiten Ebene um eine fachliche Zuordnung, bzw. eine nähere Charakterisierung der Journale ergänzt. Es wurde versucht, die fachliche Ausdifferenzierung an dieser Stelle nicht zu groß werden zu lassen, gleichzeitig aber den durchaus hybriden Ausrichtungen der aufgeklärten Journale zu entsprechen, so dass Mehrfachzuweisungen möglich sind, besonders erforderlich erschien dies in Hinblick auf die Rezensions- und staatswissenschaftliche Zeitschriften.

Aus dieser Differenzierung resultiert für die Fachzeitschriften über den Gesamtzeitraum folgende Verteilung.

Fachliche Ausrichtung der Fachzeitschriften.

Spiegelt man diese Verteilung analog an den Publikumszeitschriften ergeben sich durchaus Überschneidungen, gleichzeitig wird bereits an dieser Stelle die grundlegend unterschiedliche inhaltliche Ausrichtung beider Gruppen erkennbar.

Fachliche Ausrichtung der Fach- und Publikumszeitschriften im Vergleich.

Laufzeiten

Betrachtet man die Erscheinungsdauer der halleschen Journalen, ergibt sich eine durchschnittliche „Lebensdauer“ von 7,8 Jahren, dabei muss jedoch die beachtliche Streuung berücksichtigt werden. Gleichzeitig ruhten zahlreiche Zeitschriftenprojekte wiederholt mehrere Jahre oder waren in ihrem Erscheinen so unregelmäßig, dass allein von ihrer Lebensdauer nicht auf ihre Relevanz oder ihren Erfolg geschlossen werden kann. Einige Zeitschriftenprojekte waren zudem von Beginn an auf eine begrenzte Zeit ausgerichtet (z.B. bei den moralischen Wochenschriften).

Eine Vielzahl von Journalen konnten sich hingegen offensichtlich nicht am Markt etablieren und scheiterte nach ein bis zwei Ausgaben. Dennoch finden sich – meist fachlich herausragende Zeitschriften – die auf eine durchaus beachtliche Erscheinungsdauer verweisen können.

Erscheinungsdauer der halleschen Journale in Jahren.

Kombiniert man bereits auf dieser Ebene die Publikumsausrichtung der Zeitschriften mit ihrer Erscheinungsdauer ergibt sich folgendes Bild:

Erscheinungsdauer der halleschen Presseerzeugnisse unterschieden nach ihrer Publikumsausrichtung.