Project Zero

Prolog

Er fühlt sich wohl an diesem Ort. Die Stille zwischen dem Schutt beruhigt seine
aufgewühlte Seele. Die Stille der Überreste. Trümmerhaufen am Rande eines kleinen
Sees.
Er weiß nicht, was hier passiert war. Vielleicht sind es Überbleibsel einer alten Siedlung oder doch nur Trümmer eines alten Steinbruchs. Aber genau das hält ihn an
diesem Ort. Nichts war hier definiert. Nichts festgelegt. Hier konnte er sein, wer auch
immer er sein wollte. Er konnte er selbst sein.
Er war natürlich zu alt für Rollenspiele in dem Sinne. Aber wenn die Weltüber ihm
einzustürzen drohte, zog er sich in die Abgelegenheit des kleinen Tals zurück. Die
Lichtung war umgeben von Wäldern und es gab nur wenige Pfade, über welche man
sein kleines Eden erreichen konnte. Er hatte sich eine kleine Hütte aus Trümmern am
Seeufer errichtet. Gute Verstecke für seine Sachen gab es zuhauf. So haben
sich seine Eltern gefragt, was mit manchen Tellern, Pfannen und Töpfen passiert ist.
Campingstühle hat er in weiser Voraussicht auch schon in seiner Welt untergebracht.
Normalerweise kam er hierher um zu entspannen. Heute jedoch traf er Vorbereitungen.
Er wollte in naher Zukunft eine längere Zeit in seinem Utopia verbringen. Also
holte er sich die kleine Axt, die in dem Baumstumpf vor der Hütte steckte, und
machte sich auf dem Weg zum Waldrand. Nach wenigen Stunden musste er sein
Unterfangen jedoch frühzeitig abbrechen. Sein Handy hat geklingelt. Er wurde gebraucht.
Er trug noch das Holz zum See und schlichtete es. Dann machte er sich auf
dem Heimweg.
Mit dem richtigen Pfad dauert der Fußmarsch etwa eine Stunde. Danach befand
man sich wieder in der Zivilisation. Zumindest wenn man die grauen, von Menschen überfüllten Wohnblöcke so nennen möchte. Die Stadt wird nicht ohne Grund von allen
nur C.C. genannt. Die Straßen quollen über mit Händlern, Touristen, Passanten
und sind gesäumt von Ramschläden und Restaurants.
Er kämpfte sich durch die Massen, biegt in eine Seitenstraße und öffnet eine Haustür.
„Wo bist du so lange gewesen?“, eine empörte Frauenstimme hallte durch den Flur. „Ich war zum lernen in der Bib.“, antwortete er knapp, „Also? Was gibt´s so dringendes?“ Ein Kopf wurde aus einem Türrahmen an der Seite des Flurs geschoben und die Frau sagte nur: „Du hast versprochen mit Edward auf den Spielplatz zu gehen. Hast du das schon vergessen? Es wird bald dunkel!“

Wie konnte er nur Ed vergessen? „Okay, Mom. Ich nehm ihn gleich mit. Wann sollen wir wieder da sein?“ „Um Fünf gibt es Essen.“ „Gut, dann sind wir da wieder zurück.“ „Ach und Tobi. Camille hat vorhin angerufen. Klang nicht dringend, aber melde dich mal bei ihr.“ „Alles klar, danke. Bis später!“

Er ging eine Etage nach oben und klopfte an Eds Tür. „Hey Großer, Lust spielen zu gehen?“ „Tobi!“ Ein kleiner, vielleicht fünf Jahre alter, brünetter Junge kam aus dem Zimmer gestürmt und schlang die Arme um seinen großen Bruder. Dieser nahm ihn auf den Arm: „Auf geht´s, Großer. Wir gehen noch ein bisschen raus, bevor es Abendessen gibt.“ Ein breites Grinsen zog sich über das Gesicht des Jungen und sie machten sich auf den Weg. Es ist jedes Mal eine Herausforderung den kleinen, aufgeweckten Jungen nicht in dem Gewirr der Straßen zu verlieren. Er war viel zu neugierig um auch nur daran zu denken ruhig durch die Massen zu gehen. Aber irgendwie wirkte der Junge heute anders. Er blieb durchgehend dicht bei Tobi und sah sich kaum um. Natürlich viel es Tobi auf, aber er ließ es unkommentiert.

Auf dem Spielplatz angekommen war Ed wie ausgewechselt. Er erblühte beim Spielen mit seinem großen Bruder. Er war das sprühende Leben, sodass Tobi die ganze Sache schon wieder vergessen hatte. Kurz bevor sie gehen mussten, rief Tobi Ed zu sich: „Hey Eddy! Soll ich dir was cooles zeigen?“ Der kleine Junge sah ihn nur verwundert an und so kramte der ältere zwei Steine aus seiner Tasche. Er schlug sie aneinander und es entsprangen Funken. Die Augen des Zwerges wurden riesig und glänzten vor Bewunderung. Tobi war das Größte und der Tollste für ihn. Er wollte irgendwann einmal genauso sein wie er. „Na komm, lass uns nach Hause gehen.“ Gesagt getan. Die beiden waren sogar pünktlich. Die dreiköpfige Familie aß zusammen und dann ging Tobi in sein Zimmer.

Das Haus besaß insgesamt drei Stockwerke. Während Formalitäten und ähnliches im Erdgeschoss abgehandelt wurden, lebten Tobis Mutter und Ed im ersten Stock. Tobi hatte den Dachboden samt Dachterrasse für sich allein. Es gab fast schon ein idyllisches Bild ab, wie er dort saß, den Sonnenuntergang beobachtete und Mundharmonika spielte. Er war gerne allein. Allein mit seinen Gedanken und genoss die Ruhe. Natürlich liebte er seinen kleinen Bruder, aber ab und an war die Stille einfach nötig. Das Vibrieren seines Handys brachte sein Spielen zum Stoppen. Drei neue Nachrichten. Die eine war unwichtig. Aber die anderen beiden waren von Camille. Er hatte sie komplett vergessen. Die erste Nachricht war: „Hoffe du hast heute Abend nicht vergessen.“ Die zweite war ein Standort mit dem Kommentar „Komm im Anzug“. Verdammt, dachte er, die Gala, und begann sich umzuziehen.

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