Was bedeutet es, ein großes Orchester zu managen?
Und welche Rolle spielen organisatorische, finanzielle und tarifliche Rahmenbedingungen, wenn man über neue Konzertformate nachdenkt?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich Philipp Barczewski, Orchesterdirektor der Staatskapelle Halle, in seinem Arbeitsalltag. Den Studierenden gab im Rahmen des StudiLab Einblicke in seine Arbeit und vermittelte ein Gefühl für die Produktionsrealitäten eines Sinfonieorchesters.
Kreativität zwischen Institution und freier Szene
Philipp Barczewski teilt die Beobachtung vieler Kulturschaffende: Auf der einen Seite stehen große, fest etablierte Theater- und Orchesterinstitutionen mit gewachsenen Strukturen, auf der anderen Seite eine freie Szene, die bewusst mit diesen Strukturen bricht oder sich in einer Art und Weise verhält, die im oft stark vordefinierten strukturellen Rahmen nur schwer realisierbar ist.
Sein eigener Anspruch liegt darin, Synergien zwischen beiden Welten zu schaffen; neue Formate zu entwickeln, ohne die institutionellen Realitäten auszublenden, sondern sie produktiv zu nutzen, um neue Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Er arbeitet also an der Schnittstelle vom theoretischen Konzertdesign zum konkreten Aufführen.
Die Staatskapelle: Klangkörper für Halle
Die Staatskapelle Halle ist mit 115 Musiker*innen das größte Orchester in Sachsen-Anhalt. Deutschlandweit einzigartig: Mit dem Händelfestspielorchester ist der Staatskapelle Halle ein professionelles Barockorchester angegliedert, das auf historischen Musikinstrumenten spielt. Die Staatskapelle entstand 2006 aus der Zusammenlegung des Opernorchesters und der Philharmonie. Organisatorisch ist sie Teil der Theater, Oper und Orchester Halle (TOOH), die als GmbH anteilig von der Stadt getragen wird. Das Land Sachsen-Anhalt verfügt über kein Staatstheater. Die Kulturfinanzierung liegt überwiegend auf kommunaler Ebene. Dieser Rahmen prägt alle Entscheidungen – auch solche, die auf den ersten Blick rein künstlerisch erscheinen.
Was ist Orchestermanagement?
Orchestermanagement umfasst weit mehr als Terminplanung. Philipp Barczewski beschreibt den Orchesterbetrieb als komplexes Zusammenspiel verschiedener Bereiche:
- künstlerische Leitung und Programmplanung
- Produktion und Disposition
- Kommunikation (Marketing, Presse, Musikvermittlung)
- Administration (Personal, Finanzen)
Das Orchestermanagement fungiert dabei als Schnittstelle zwischen künstlerischer Idee und organisatorischer Umsetzung.
Programmplanung heißt auch Reduktion
Besonders relevant für die Studis im StudiLab waren Philipp Barczewskis Hinweise zur Programm- und Formatentwicklung:
- Die Musiker*innen der Staatskapelle haben Tarifverträge. Diese regeln unter anderem Orchestergrößen, Probenzeiten und sogenannte „Dienste“ – also Proben und Aufführungen. Dabei gibt es gewisse Regeln zu beachten, etwa die Anzahl von Diensten in einem bestimmten Zeitraum.
- Schwierigkeit der Werke und Probenzeit müssen zusammenpassen.
- Große Besetzungen sind kein Selbstzweck. Auch kleinere Ensembles können sehr wirkungsvoll sein.
- Sonderinstrumente oder zusätzliche Musiker*innen verursachen Aufwand und Kosten.
- Solistische Aufgaben aus dem Orchester heraus müssen extra vergütet werden.
Deutlich wurde: Gute Programmplanung bedeutet aus künstlerischer und organisatorischer Sicht nicht unbedingt „mehr ist mehr“, sondern bewusst auszuwählen.
Vom Konzept zur Musik
Wie entsteht nun ein Programm?
Philipp Barczewski hat selbst unterschiedliche Zugänge: vom intensiven Hören und Recherchieren zu Musik, über konzeptuelles Arbeiten bis hin zu Inspirationen aus Literatur oder bildender Kunst. Wichtig sei, zunächst groß zu denken, analytische Einschränkungen auszublenden und Ideen zu sammeln – etwa mithilfe von Design-Thinking-Methoden oder Storytelling.
Er plädiert für abwechslungsreiche Programme, für Kontraste und für die bewusste Einbindung vielfältiger, auch bislang unterrepräsentierter Stimmen.
Popmusik könne dabei durchaus eine Rolle spielen – wenn sie konzeptuell begründet sei.
Konzertdesign trifft Orchestermanagement
Am Ende schließt sich der Kreis zum Thema Konzertdesign. Philipp greift Kritikpunkte auf, die auch in der Konzertdesign-Debatte eine Rolle spielen: die „blinde Addition“ von Elementen, die nicht aus dem Konzept heraus gedacht sind, sei zu vermeiden.
Stattdessen gelte auch hier: wenige, gut gewählte Zutaten überzeugend kombinieren – wie beim Kochen! Die Parameter eines Konzerts bewusst analysieren, die Situation ernst nehmen und Gestaltung nicht mit Beliebigkeit verwechseln.
Für Studierende war besonders aufschlussreich, wie stark die betrieblichen und tariflichen Regelungen des Orchesters die Gestaltungsfreiheit beeinflussen. Nicht jede Idee ist automatisch umsetzbar, nicht jede Besetzung sinnvoll. Innovation bedeutet oft, innerhalb klarer Grenzen kreativ zu werden. Die Praxis zeigt aber auch: Gute Ideen entstehen oft nicht trotz organisatorischer Grenzen, sondern gerade durch sie.

