LEKTION 2: DAS KULTURELLE UND DIE MEMES

Memes und Kultur sind also unweigerlich miteinander verbunden – das zeigen die Definitionen aus Lektion 1. Und auch der Name unserer Lern-Website kommt natürlich nicht von ungefähr. Doch was ist denn das „Kulturelle“ an diesen Bildern? Ist es die Sprache, das Foto oder irgendwie alles auf einmal?

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MEMEKULTUR HAUTNAH

Na, nach dem Anschauen der Memes schon kräftig über sie gelacht? Wahrscheinlich nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass du jedes der oberen Memes verstehst – und genau das setzt schließlich voraus, dass du über sie lachen kannst – geht vermutlich gegen null. Woran liegt das? Die naheliegendste Antwort darauf ist natürlich zunächst die Verwendung verschiedenster Sprachen. Von links nach rechts sind die Memes auf Englisch, Schwedisch, Deutsch, Polnisch, Französisch und Spanisch erstellt worden.

Aber das ist natürlich noch nicht alles! Die von Memes widergespiegelte Thematik spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Zwar dienen sie oft durch Wortwitze und Ironie der einfachen Unterhaltung, doch setzen sich ihre Autoren auch mit alltäglichen Lebenssituationen, Kommentaren zu Filmen, Songs oder Serien oder der Bewertung des aktuellen Weltgeschehens auseinander. Zum Teil auch, um bewusst gegen gesellschaftliche Normen und Sitten zu verstoßen (vgl. Johann/Bülow 2019, S. 28 / Milner 2016, S. 26). So dienen Memes auch der bewussten Kritik und Verspottung an zum Beispiel unbeliebten Personen aus Politik, Wirtschaft oder Kultur.

[Memes] ermöglich[en], dass mitunter anonyme Individuen in kreativer Form eine breite Masse mit ihrer politischen Botschaft bzw. Kritik erreichen können.

Michael Johann und Lars Bühlow in "Politische Internet-Memes: theoretische Herausforderungen und empirische Befunde"

Die Beispiele zeigen, dass Memes nicht so unkompliziert funktionieren wie angenommen. Stelle dir einmal vor, du würdest Donald Trump nicht kennen. Würdest du das Meme verstehen können? Generell lässt sich also sagen, dass für das Verständnis von Memes oftmals mehr Grundlagen als lediglich die Sprache notwendig sind. Das Verständnis eines Memes ist also auch abhängig von unserem Verständnis von der Welt, ganz so, als müssen wir für sie eine eigene Sprache lernen. Es ist nötig um die eigentliche "Message" hinter dem Bild zu decodieren, dafür ist es immer nötig, auch den Kontext zu kennen (vgl. Osterroth 2019, S. 57)

DER KULTURBEGRIFF

Dieser Kontext, das ist einfach gesagt auch die Kultur, der wir angehören. Aber wovon sprechen wir eigentlich, wenn es um Kultur geht?

Welche der Komponente gehören zur Definition von Kultur?

Mehrfachnennung möglich.

Kultur beschreibt zunächst das Partizip Perfekt Passiv des lateinischen Wortes colere. Das Wort lässt sich mit insgesamt vier verschiedenen Bedeutungskontexte setzen – weshalb es auch so unglaublich viele Möglichkeiten gibt, das Konstrukt zu interpretieren und zu beschreiben:

Die verschiedenen Bedeutungen sind bewusst voneienander geteilt. Überlege doch einmal – Was könnte der Unterschied sein?

Die Antwort ist: Je nach Bedeutung wird Kultur als ein Konstrukt gesehen, das sich von anderen abgrenzt (enger Kulturbegriff) bzw. alle Auswirkungen der Kultur zu erfassen versucht (weiter Kulturbegriff).

Der enge Kulturbegriff  grenzt vor allem im deutschen Sprachraum das Kultivierte, die „Kultur“ vom Unkultivierten, der „Zivilisation“ ab. Einer der ersten Vertreter dieser Theorie war z.B. Immanuel Kant. Unter der Auffassung eines engen Kulturbegriffes versteht man also Kultur als Hochkultur im Sinne von geistigen oder künstlerischen Tätigkeiten (z.B. Kunst, Musik oder Theater). Alle Individuen, die diese Art von Kultur nicht pflegen, sind damit auch nicht kultiviert. Jürgen Bolten kritisiert aus diesem Grund: „Ein in diesem Sinne auf „Hochkultur“ zielender Kulturbegriff wirkt schon deshalb verengend, weil er sich logisch nur durch die Setzung seines Gegenteils, eben des „Nicht-Kultivierten“, der „Unkultur“ (der Masse), erhalten kann“ (Bolten 2007, S. 16). 

Mittlerweile bezieht man sich häufiger auf das Verständnis eines „erweiterten“ Kulturbegriffs. Er unternimmt den Versuch, weniger zu werten als zu beschreiben und umfasst generell alle Lebensumstände. Hierzu zählen z.B. die Weltansicht, Werte und Normen, das Bildungssystem und Rechte.

Dabei lässt sich zusätzlich in eine geschlossene und eine offene Variante unterscheiden. Die (mehr oder minder) geschlossenen Varianten des erweiterten Kulturbegriffs ist eine recht pragmatische Ansicht. Er versucht Kulturen durch z.B. Nationengrenzen, Religionen, Sprachen und Ideologien voneinander abzugrenzen. Diese Sichtweise ist ziemlich absolut: Entweder du gehörst diesem Kreis an oder nicht, entweder bist du z.B. Deutsche*r oder du bist es nicht.

Zuletzt also zum erweiterten, „offenen“ Kulturbegriff: Dabei wird Kultur als alles, was sich auf zwischenmenschlicher Ebene abspielt, und daraus hervorgehende Normen und Konventionen gewertet. Dies bietet den Vorteil gegenüber dem geschlossenen Kulturbegriff, da in dieser Ansicht berücksichtigt wird, dass auch zwischen Menschen unterschiedlicher Nationen entsteht. Jürgen Bolten formuliert dazu: „Lebensgeschichten werden dementsprechend auch nicht mehr von einem Ort oder einem „Land“ aus gedacht, sondern vom Lebensprozess selbst“ (Bolten 2007, S. 18).

Offener Kulturbegriff

Geschlossener Kulturbegriff

Zum besseren Verständnis haben wir die Aufteilung für dich noch mal etwas übersichtlicher dargestellt:

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Es wird deutlich, dass eine Definition von Kultur auch immer vom Kontext abhängig ist, in dem von Kultur die Rede ist. Es gibt keine richtige oder falsche Definition. Das ist auch im Bezug auf Memes so: Jeder hat innerhalb des Verständnisprozesses andere Assoziationen, die ihm vor seinem kulturellen Hintergrund als erstes ins Gedächtnis kommen.

 

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TIPPS ZUM NACHSCHLAGEN

„Was ist Kultur?“: Ein Erklärungsvideo von Kulturkonfetti.

„Mem-Kampagnen schaffen eine Sub-Kultur“: Ein Interview von Deutschlandfunk mit Florian Cramer.

LITERATURVERZEICHNIS

Bolten, Jürgen 2007: Interkulturelle Kompetenz. Erfurt.

Johann, Michael/Bühlow, Lars 2019: Politische Internet-Memes: Erschließung eines interdisziplinären Forschungsfeldes. In: Bühlow, Lars/Johann, Michael: Politische Internet-Memes: theoretische Herausforderungen und empirische Befunde. Berlin, S. 13-40.

Milner, Ryan M. 2016: The world made meme: Public conversations and participatory media. Cambridge, Massachusetts.

Osterroth, Andreas 2019: How to do things with meme? – Internet-Memes als multimodale Sprechakte. In: Bühlow, Lars/Johann, Michael: Politische Internet-Memes: theoretische Herausforderungen und empirische Befunde. Berlin, S. 41-60.