Musikvermittlung beinhaltet weitaus mehr als ein Kinderkonzert am Sonntagnachmittag. Emma Würzebesser, Musikvermittlerin der Staatskapelle Halle, gibt im StudiLab Einblicke in ihre vielfältigen Tätigkeitsbereiche und die damit verbundene strategische Planung.
Musikvermittlung: Viele Rollen, viele Ziele
Musikvermittlung bewegt sich zwischen verschiedenen Bereichen. Sie hat mit Marketing zu tun („Wie bringe ich Musik zu den Menschen?“), mit Didaktik (etwa im Schulkontext), mit Netzwerken und nicht zuletzt mit Kunst selbst.
Gerade der letzte Aspekt ist entscheidend: Musikvermittlung fragt danach, wie Konzerte gedacht, gerahmt und erlebt werden können, um Musik möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen – und ist damit eng mit Konzertdesign verbunden.
Das verbreitete Vorurteil, Musikvermittlung richte sich ausschließlich an Kinder und Familien, greift Emma Würzebesser bewusst auf. Denn auch wenn diese Zielgruppen eine wichtige Rolle spielen, geht es letztlich darum, Menschen jeden Alters für analoge Kunsterfahrungen zu gewinnen.
Die Staatskapelle Halle als Vermittlungs-Orchester
Die Staatskapelle Halle nimmt im Bereich der Musikvermittlung eine besondere Stellung ein. Bereits seit 1946 ist das Orchester mit Kinderprogrammen im Umland unterwegs. In den frühen 2000er-Jahren wurde erstmals eine feste Stelle für Musikvermittlung geschaffen. Nach einer längeren Unterbrechung wird der Bereich seit 2023 von Emma Würzebesser neu aufgebaut.
Mit dem Education-Programm „Hai! Klassik“ entwickelte sie Familien- und Schulkonzerte mit begleitenden Angeboten wie Stempelkarten für Kinder. In der Saison 2024/25 konnten so rund 10.000 Kinder erreicht werden.
Und Emma Würzebesser ist immer mittendrin: Bei allen Kinderkonzerten steht sie selbst auf der Bühne, moderiert, spielt Rollen, schafft Nähe. „Da bin ich als Qualle“, freut sie sich über ein früheres Projekt im Volkspark.

Nähe, Identifikation und Rahmenprogramme
Ein zentrales Ziel der Musikvermittlung ist es, Identifikation zu ermöglichen: „Meine Staatskapelle“ als vertrauter Partner. Nähe entsteht dabei nicht allein durch das Konzert, sondern durch das, was davor und danach passiert.
Workshops zur Vorbereitung, Begegnungen mit Musiker*innen, niedrigschwellige Einstiege oder informelle Ausklänge gehören genauso zur Konzeption wie das eigentliche Konzert. Musikvermittlung denkt Konzerte als soziale Ereignisse, nicht als isolierte Aufführungen.
Musik für alle – auch jenseits des Konzertsaals
Emma Würzebesser betont, dass Musikvermittlung nicht nur in und um den Konzertsaal stattfindet. Konzerte in Krankenhäusern oder Seniorenheimen für Menschen, die nicht mehr mobil sind, gehören ebenso dazu wie ungewöhnliche Kooperationen.
Ein Beispiel aus dem Kontext von StudiLab blieb besonders in Erinnerung: Ein Straßencellist, der regelmäßig vor einem Drogeriemarkt in der halleschen Innenstadt spielt, wurde für das erste StudiLab-Projekt unter Vertrag genommen und gestaltete eine musikalische Einstimmung im Außenraum des Volksparks. Vermittlung bedeutet auch, bestehende musikalische Realitäten ernst zu nehmen und einzubeziehen.

Learnings aus der Praxis
Aus ihrer Berufserfahrung formuliert Emma Würzebesser zentrale Erkenntnisse:
- Ankommen und Ausklang sind essenziell, Konzerte brauchen Einbettung und Übergänge,
- Kleinere Formate schaffen mehr Nähe.
- Kürzere Konzerte funktionieren oft besser,
- Gutes Marketing ist unverzichtbar,
- Es gibt kein vollkommen inklusives Konzertformat – jede Idee schließt auch andere Zielgruppen aus. Das ist okay, muss aber bewusst passieren.
- Nicht jedes Format funktioniert. Scheitern gehört dazu.
In diesem Zusammenhang erinnert Emma Würzebesser sich daran, dass auch Komponisten wie Georg Friedrich Händel sich immer wieder neu erfunden haben. Händel scheiterte in London mit mehreren Opernprojekten und riskanten Unternehmungen und schlug immer wieder neue künstlerische Wege ein – bis er sich schließlich von der italienischen Oper abwandte, sich auf englische Oratorien konzentrierte und damit großen Erfolg hatte. Konzertdesign ist kein moderner Sonderfall, sondern ein essentielles historisches Erfolgskonzept.
Ihre wichtigsten Tipps an die Studis: Setzt Themen klar, baut Kontakte auf und pflegt sie – gerade über Multiplikator*innen. Musikvermittlung ist Beziehungsarbeit. Und diese beginnt lange vor dem ersten Ton.

