Waschbärmaschine

‚Trompe Le Monde‘ von den Pixies

Wenn ich auf manche CDs in meinem Regal gucke, frag ich mich durchaus: „Fuck, wie ist das hier gelandet??“1. Da liegen Obskuritäten rum wie eine schäbig in irgendeinem Keller zusammengepappte CD mit christlichem Reggea, und ein hassenswertes Magdeburger Songwriter-Album in Kleinstauflage mit Songs direkt aus der Hölle. Eigentlich verachte ich diese Sachen, aber gleichzeitig sind sie so bizarr, dass ich mich nicht von ihnen lösen kann. Die Geschichten, die mich zu diesen Schauerwerken gebracht haben, hoffe ich eines Tages zu vergessen.

Bei ‚Trompe Le Monde‘, dem letzten Album der Pixies, erinnere ich hingegen genau wo und wann ich es besorgt habe. Das war in einem Plattenladen in München, in der ‚Independent‘-Ecke, im Herbst 2015. Ich stand vor der Wahl zwischen diesem Album und ‚The Fragile‘ von den Nine Inch Nails. Für das Pixies-Werk hab ich mich eigentlich nur entschieden, weil ich schon einige Nine-Inch-Nails-CDs hatte (nicht dass letztgenannte meine Lieblingsband waren zu der Zeit, aber aus irgendeinem Grund landete ihre Musik immer auf dem Grabbeltisch beim Mediamarkt in meinem Kaff, und dann war es besser als gar kein Alternative).

Ich kannte zu dem Zeitpunkt höchstens ein oder zwei Songs von ‚Trompe Le Monde‘ aus einer Best-Of-Zusammenstellung. Die Pixies verband ich hauptsächlich mit den für ihre Zeit bahnbrechenden Alben ‚Surfer Rosa‘ und ‚Dolittle‘. Während diese Alben als Meister*innenwerke des frühen Alternative Rock gelten, der in den 90ern dann richtig florierte, wird ‚Trompe Le Monde‘ oft als weniger wichtig, aber dennoch gut bezeichnet. Einiges spricht gegen das Album, wenn man es im Pixies-Kosmos betrachtet, so der Punkt, dass es stilistisch fast schon ein Frank-Black-Soloalbum ist. Ein Kumpel meinte mal zu mir, als ich die CD im Auto drin hatte, er hätte es zunächst gar nicht als Pixies-Album erkannt.
Diese Einwände sind sicher nicht ganz von der Hand zu weisen, trotzdem ist es mein Lieblingsalbum der Pixies. Dafür gibt es viele Gründe: Zuallererst verbinde ich es mit einigen schönen Erinnerungen, davon abgesehen mag ich den Spannungsverlauf, der sich über die einzelnen Songs zieht. Vor allem aber sehe ich es als ein wunderschönes, spielfreudiges, kreatives und witziges Stück Rockmusik. Und das von einer Band kurz vor dem eigenen Zusammenbruch.

Als das Album im September 1991 in die Ladenregale gespült wurde, wurde es von zahlreichen zeitgenössischen Alternative-Alben überschattet, mit denen es kommerziell und künstlerisch scheinbar nicht ganz mithalten konnte. Da wäre natürlich das nur einen Tag später erschienene ‚Nevermind‘, aber auch geniale Platten wie ‚Goo‘ von Sonic Youth, ‚Sebadoh III‘ oder ‚Green Mind‘ von Dinosaur Jr.
‚Trompe Le Monde‘ hatte es also nicht so leicht, als der neue Shit angesehen zu werden, angesichts der fleißigen Konkurrenz und dem Ruhm der vorangegangenen drei Pixies-Alben. Andererseits ist so eine Einordnung auch sehr ökonomisch orientiert und dafür anfechtbar. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Album viele Fans hat, die es wertschätzen für das was es ist, ohne all die oben genannten Vergleiche.

Es geht los mit dem Titeltrack, einem ziemlich geradlinigen Rockgetüm. Trompe Le Monde ist übrigens das erste Studioalbum der Pixies, was sich den Titel mit einem Lied auf derselben Scheibe teilt. Planet Of Sound steigert den Rockigkeitsfaktor in luftige Höhen mit jede menge Geschrei und verzerrten Gitarren, sehr fetzig das alles. Die ersten beiden Songs und Alec Eiffel gehen fast pausenlos ineinander über und sind durch hohes Tempo gekennzeichnet. Solche Dreierkonstellationen von ähnlichen Songs gibt es häufiger auf dem Album. Ich finde das eine hochinteressante Alternative gegenüber herkömmlichen Tracklists auf Rock- und Popalben, die möglichst abwechslungsreich daherkommen wollen und gleichzeitig Mustern folgen wie ‚Opener – Single – Filler – Feuerzeugballade – Filler – Filler‘ usw.

The Sad Punk beginnt ähnlich rasant, durchläuft dann aber mehrere Tempowechsel. Nach zwei Strophen, die fast schon Hardcore Punk sein könnten, geht es in eine gemächliche und melodische Bridge über, wiederholt das Ausgangsmotiv am Ende auf langsame Art, und das alles in gerade mal drei Minuten.

Dann kommt Head On! Wenn ihr mich fragt, einer der besten Coversongs überhaupt. Während das tolle Original von The Jesus And Mary Chain einigermaßen lässig und cool rüberkommt, wirkt die Pixies-Version wie ein verliebter Teenager kurz nach dem ersten Kuss: Ruhelos, überdreht und euphorisch.

„Yeah, the world could die in pain
And I wouldn’t feel no shame“

U-Mass bezieht sich auf die University of Massachusetts Amherst, an der sich Teile der Bandmitglieder kennengelernt haben. Das erste, etwas unbeholfene Ausüben von Gesellschaftskritik wird im Text ebenso thematisiert wie obskure Balzrituale und der schmale Grad zwischen berechtigter Expertise und nervigem Elitarismus. Beim letzten Hören musste ich an diesen Artikel denken, der die Überheblichkeit von einigen akademischen Menschen gegenüber der Land- und Kleinstadtbevölkerung thematisiert.

Palace of the Brine, Letter to Memphis und Bird Dream of the Olympus Mons bilden wieder so eine dreiteilige Suite ähnlicher Songs, die stilistisch gut miteinander harmonieren. Besonders Bird Dream… ist für mich ein kleiner Höhepunkt des Albums. Insgesamt klangen die Pixies selten so hemmungslos melodisch wie auf diesen drei Stücken (vielleicht teilweise noch auf ‚Dolittle‘), die ohne große Breaks, Tempo- oder Rythmuswechsel auskommen. Mit einem ganzen Album in dem Stil hätten sie vielleicht doch noch die Charts stürmen können, bleibt nur die Frage ob das irgendwer gewollt hätte und ob ein gutes Gesamtwerk bei rausgekommen wäre.

Space (I Believe In), Subbacultcha und Distance Equals Rate Times Time schlagen schließlich ruppigere Töne an, die sich wieder stärker an das erste Fünftel des Albums annähern. Subbacultcha war dabei den Nerds bereits von der ersten Pixies-Demo, dem ‚Purple Tape‘, bekannt. Mir egal ob es hier ein Filler sein könnte, ich mag es. Ich mag fast alles an dem Album. Im Grunde ließe sich ‚Trompe Le Monde‘ so beenden, und allen wäre gedient. Die gesellschaftlich aktzeptierte Mindestlänge für Rockalben wäre eingehalten, ausreichend Abwechslung ist locker drin und alles wirkt schon ganz rund und die Fans werdens eh kaufen. Wahrscheinlich war vielen der Beteiligten jedoch klar, dass es sich hier um das letzte Pixies-Album handeln würde. Und so legen die letzten Stücke nochmal eine Schippe drauf!

Lovely Day erinnert ebenfalls an ganz frühe ‚Come On Pilgrim‘- oder ‚Purple Tape‘-Zeiten. Dann kommt mit Motorway to Rosswell ein Song um die Ecke, den wohl keine*r an der Stelle mehr erwartet hätte. Franck Black Francis, oder wie er sich zu der Zeit auch immer genannt hat, zaubert einen eingängigen Classic-Rock-Gassenhauer hervor, der sich dramatisch zuspitzt, bis die tragende Piano-Melodie ganz alleine steht. So eine Facette überrascht einmal mehr, und so entsteht ein erinnernswerter Schluss für ein großartiges Album.
Was, es gibt noch einen Song? Die Band muss bekloppt sein! The Navajo Know ist aber auch supertoll, und es würde mich nicht wundern, wenn es ebenfalls aus der Frühphase der Pixies stammt.

Unterm Strich ist beeindruckend, was mit ‚Trompe Le Monde‘ entstanden ist. Mit einem Album kurz vor ihrem Ende2 waren die Pixies immer noch so gut wie viele andere Bands auf ihren Höhepunkten. Ich kann kaum mehr aufzählen, in wie vielen Situationen mir dieses Album Spaß gemacht, Trost gespendet und Energie gegeben hat. Die CD war und ist quasi nie kalt, während die Devotional-Reggae-Compilations langsam Schimmel ansetzen.

If one of the very old and maybe desperate pixies members of the future googles their own shit and reaches page 4000 or otherwise lands on this page: Thank you for the music!

1 Werden durch den Gebrauch von ‚Fuck‘ jetzt 1000 Pornbots auf diesen Blog aufmerksam? Naja, besser als gar keine Fanpost.

2Mir ist bewusst, dass es zum aktuellen Zeitpunkt mehrere Pixies-Reunions und zwei neue Alben gab. Arroganterweise ignoriere ich das im Hauptteil.

 

es lebt! muahahahaha

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