Die Literarische Welt
Ernst Rowolth und Willy Haas gründen 1925 die Kulturzeitschrift Die Literarische Welt. Am 09. Oktober 1925 erscheint die erste Ausgabe in der Weimarer Republik. Bis 1932 fungiert Willy Haas als Herausgeber der Zeitschrift. Aufgrund seiner jüdischen Vorfahren muss Haas zurücktreten: Er emigriert 1933 aus Deutschland. Sein Nachfolger ist Karl Rauch. Unter ihm erscheint die Zeitung zunächst weiter mit leichtem Zusatz als Neue Folge der Literarischen Welt, bevor sie 1934 im Rahmen der nationalsozialistischen Gleichschaltung den neuen Titel Das deutsche Wort erhält. 1941 wird die Herausgabe schließlich vollkommen eingestellt. Seit 1998 erscheint Die Literarische Welt wieder als eine Samstagsbeilage in der Zeitschrift Die Welt. Im Rahmen der Wiederaufnahme des Titels wurde explizit auf den ursprünglichen Herausgeber Willy Haas verwiesen.

Mit diesen Worten begrüßt Willy Haas 1925 unter dem Titel AN UNSERE LESER UND FREUNDE seine Leserschaft:
„Wir haben einen doppelten Ehrgeiz.
Erstens: wir wollen eine Zeitung machen.
Zweitens: wir wollen das Gegenteil einer Zeitung machen.
Auf den ersten Blick mag dieser widerspruchsvolle Doppelwunsch unerfüllbar erscheinen. Er ist es nicht.
Die Zeitung will auf das öffentliche Leben einwirken. Auch wir wollen das. Gewiß, der Kopf unseres Blattes scheint das Wirkungsgebiet auf einen relativ engen und wenig einflußreichen Winkel dieses öffentlichen Lebens einzuschränken, nämlich auf die Literatur. Das möge unsere Freunde nicht beirren. Man braucht, rein äußerlich gesehen, eine Fahne, ein Firmenschild, ein Abzeichen, eine Benennung; und man braucht, innerlich gesehen, einen festen Boden oder zumindest einen Ausgangspunkt. Das, was man im großen ganzen als „Literatur“ bezeichnet, ist immerhin noch die reinlichste oder doch eine der reinlicheren Partien dieses öffentlichen Lebens. Und wäre sie nicht einmal das: sie wäre gleichwohl unser Boden, unser Ausgangspunkt, weil sie eben die uns gemäße Art ist, unser Gewissen zu befragen, unsere Gedanken reine Wege zu führen, uns starken und klaren Formen eines höheren Lebens innerlich anzunähern. Wir gehören dazu und bekennen uns offen dazu.
Und wir sind, um einen der tiefsten Köpfe des 18. Jahrhunderts zu zitieren, der Meinung, daß ein guter Köhlerjunge, der von seiner Kohle spricht, ein guter Bauer, der von seinem Acker spricht, ein guter Kutscher, der von seinen Pferden spricht und ein guter Literat (– dieses Wort hat keinerlei Schrecken für uns –) der von Literatur spricht, daß jeder von diesen mehr Lebendiges und Lebensnahes aussprechen wird als mancher andere, weil er eben von dem spricht, was seinem Leben das Nächste ist.
Wir erwarten wenig von der Wirkung der bloßen sachlichen Argumentation, aber alles von der Haltung, von der Methode, von der Gewissenhaftigkeit; oder, um mit den Worten unseres berühmten Freundes Paul Valery zu sprechen: „Notre philosophie est définie par son appareil, et non par son objet.“
Kurz: unsere Zeitung soll eine Zeitung ohne jede journalistische Taktik sein, eine Zeitung der offensten Diskussion, eine Zeitung, die sich selbst widersprechen, sich selbst korrigieren, ja, sich selbst offen dementieren wird, wo es nötig erscheint, weil uns nichts an der äußeren Konsequenz liegt, wo die innere Konsequenz der gewissenhaften Sachlichkeit eine äußere Inkonsequenz fordert. Sie soll also das Gegenteil dessen bieten, was man im Allgemeinen von einer Zeitung verlangt.
Auch in der Richtung, daß wir unseren Lesern die Pflicht, sich selbst zu entscheiden, nicht nehmen und nicht einmal erleichtern, sondern sogar erschweren werden. Wer Wert darauf legt, sich schnell und mühelos zu entscheiden, mag sein Parteiblatt lesen, das ihm die Schwierigkeit jeder großen Entscheidung hinlänglich vertuscht und verschweigt; nicht unser Blatt.
Wie viele Nummern und Jahrgänge dieser Nummer folgen werden, das hängt ausschließlich von der Bereitwilligkeit des lesenden Publikums ab, auf ein Programm der Selbstbesinnung, der literarischen Gewissenhaftigkeit, des publizistischen Pflichtbewußtseins einzugehen.“
Finden Sie die gesamte, digitalisierte Die Literarische Welt hier: Die Literarische Welt: unabhängiges Organ für das deutsche Schrifttum, 04.07.2026