Ausstellung: GedankenGÄNGE im Schreiben
Konstruktionen des Schreibens in Kindertexten
Überlegungen zur Methodologie und Methodik
„Weil sprachlich-literarische Verarbeitung von Erfahrungen diese aus ihrem konkreten Kontext herauslöst, stützt sie die Fähigkeit und das Bedürfnis des Menschen, im Raum der Erinnerung und Imagination Erfahrenes aufzubewahren und auch dem Ersehnten eine Gestalt zu geben. Darin darf man die grundlegende anthropologische Funktion literarischer Produktivität sehen.“ (Kaspar H. Spinner 2004, 194)
Wir gehen davon aus, dass Kinder in ihren eigenen Texten – egal ob in fantastischen oder realistischen Erzählungen, Gedichten, Berichten, Nachdenkereien o. Ä. – eigene Erfahrungen, Vorstellungen und kulturelle Muster miteinander verbinden. Ihre Texte sind dabei immer zweierlei:
(I) Einschreibungen in eine kulturelle Tradition (und damit auch Fortschreibungen eben dieser Tradition) und (II) Subjektivierungsprozesse. Schreiben ist in diesem Sinne eine Form der Auseinandersetzung mit Selbst und Welt im Medium der Sprache.
Unser (methodischer) Zugang versteht infolgedessen Kindertexte als Ergebnisse literarischer Produktivität. Wir betrachten Texte hier also nicht primär aus der Perspektive einer (schulischen) Aneignungsperspektive und in diesem Sinne als zunehmende Annäherungen an einen konventionellen (Schrift-)Sprachgebrauch. Wir möchten „Kindertexte unter ästhetischem Aspekt“ betrachten und folgen dabei einem Vorschlag von Kaspar H. Spinner, diese Texte „wie einen literarischen Text“ zu untersuchen (Spinner 2004, 187). Dabei verzichtet Spinner auf ein striktes methodisches Instrumentarium. Er richtet seinen Blick eher auf die „positiven Qualitäten“ (ebd.; im Sinne von bemerkenswerten Besonderheiten) der Texte.
Norbert Kruse konkretisiert dieses Vorgehen mit Blick auf das Verhältnis der (erwachsenen) Lesenden zum Text. Zuerst geht es darum, „sich den Text des Kindes fremd [zu] machen“ (Kruse 2011, 77) und diesen fremden Blick für die Entdeckung der Besonderheiten der Texte der Kinder zu nutzen (vgl. ebd.; auch Herrmann 2023, 2024). Seine dezidiert unterrichtsbezogenen Überlegungen wollen wir von der Notwendigkeit des didaktisch-methodischen Handelns abkoppeln und diese Betrachtungen als Wissenschaftler:innen vollziehen. Damit geht es uns auch weniger um ein normatives Sprachkönnen, das zu identifizieren ist. Uns interessiert eher deskriptiv, wie Kinder das Schreiben nutzen, um spezifische (vorgestellte) Erfahrungen (vgl. Schüler 2019) darin zu thematisieren und zu verarbeiten – also ihre konkrete literar-ästhetische Produktivität. Der Aspekt der „Befremdung“ bei Kruse erscheint uns dabei wichtig, denn er verweist darauf, dass die Betrachtung des Textes als literarischen Text immer auch in einem Verhältnis zu uns Lesenden zu denken ist (vgl. Iser 1994), also unsere eigene Lesart (vgl. Ritter & Wunderlich 2013, 25) betrifft. Es geht also immer auch darum, das eigene Verhältnis und den eigenen Zugang zum Text zu reflektieren – und die Interpretation des Textes als eine subjektive anzuerkennen.
Motivisch interessiert uns, wie Kinder das Schreiben als Erfahrung in ihren Texten verhandeln. In der literarischen Überformung vermuten wir Zugänge zur Bedeutung, die das Schreiben für die schreibenden Kinder entfaltet.
Forschungsfragen: GedankenGÄNGE im Schreiben
- Wie zeigt sich das Schreiben als vorgestellte Erfahrung in den Texten von Kindern? Wie wird das Schreiben narratologisch bearbeitet?
- Welche Bedeutung wird dem Schreiben im Text zugedacht?
- Welche Wirkungen werden dadurch entfaltet
Vorgehen: (im Wechsel individuelle Interpretation und intersubjektive Validierung)
- Induktive (sequenzanalytisch/narratologische) Rekonstruktion des Kindertextes
- Verdichtung der Ergebnisse anhand der Forschungsfrage(n)
- Zusammenfassung der Interpretationergebnisse
- Erarbeitung eines Textkommentars