Klang und Identität

Musik und Identität im Fokus medienpädagogischer Forschung

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Clau­dia Kut­tner

Tagebuchausschnitt

Abb.1: Tage­buchein­trag (Tage­bucher­he­bung der Studie ‚Musik und Gefühl‘)

 “Schlaf – egal. Musik :-)” – Dieses Mot­to galt wohl auch für so manchen Naum­burg­er Tagungs­gast. Umso erfreulich­er war es, am frühen Son­ntag­mor­gen den­noch in muntere Gesichter blick­en und – gemessen an der abschließen­den Diskus­sion – wachen Geis­tern begeg­nen zu kön­nen. Beste Bedin­gun­gen also, im let­zten Ver­anstal­tungs­block die vielfälti­gen bere­its disku­tierten Per­spek­tiv­en auf das The­men­feld ‘Musik und Iden­tität’ auch noch um die Per­spek­tive der medi­en­päd­a­gogis­chen Forschung zu erweit­ern. Im Fokus ste­ht dabei die Medi­en­aneig­nung[1] von Men­schen und deren Bedeu­tung für vielfältige Prozesse etwa im Kon­text von Bil­dung, (poli­tis­ch­er und kul­tureller) Par­tizipa­tion, sozialer Inter­ak­tion und Iden­tität­skon­struk­tion. Angesichts der mitunter großen Bedeu­tung von musik­me­di­alen Ange­boten für Iden­titäts­bil­dung­sprozesse über­rascht es also wenig, dass das Span­nungs­feld Musik und Iden­tität immer wieder auch als wichtiges Sujet im medi­en­päd­a­gogis­chen Diskurs erscheint.

Dass mein Vor­trag im Block “Jugend­kul­tur” einge­bet­tet und nicht mit “Klang und Biografie” oder “Musik und Alter(n)” über­schrieben war, ist eben­falls wenig ver­wun­der­lich: In Wis­senschaft und Prax­is sind es noch vor allem Kinder und Jugendliche, die als Ziel­gruppe beständig im Fokus ste­hen. Ein wesentlich­er Grund hier­für ist die Erken­nt­nis, dass erzieherische und päd­a­gogis­che Maß­nah­men des Jugendme­di­en­schutzes und der all­seits geforderten Medi­enkom­pe­ten­zförderung nur dann den gewün­scht­en Erfolg und nach­haltige “Effek­te” ver­sprechen, wenn deren method­isch-konzep­tionelle Aus­gestal­tung auf fundierten Ken­nt­nis­sen zum Medi­en­han­deln Her­anwach­sender fußt.

Der Stel­len­wert und die Bedeu­tung von Musik im höheren Leben­salter ger­at­en dage­gen erst in jüng­ster Zeit stärk­er in den Fokus der medi­en­päd­a­gogis­chen Forschung[2]: Nicht zulet­zt seit sich die zahlre­ichen Diskurse um den demografis­chen Wan­del auch in bil­dungspoli­tis­chen Debat­ten und Ini­tia­tiv­en nieder­schla­gen, lassen sich zunehmend Bemühun­gen fest­stellen, die diesem Desi­darat zu begeg­nen suchen (vgl. etwa Reiß­mann 2009).

Und doch gibt es viele Gründe, in der Medi­en­päd­a­gogik auch weit­er­hin den Blick auf Kinder und Jugendliche zu richt­en und sich sog­ar ver­stärkt dem The­men­feld ‚Musik und Iden­tität‘ zuzuwen­den. Zwar zeigt sich, dass sich die Funk­tio­nen von Musik nicht grundle­gend verän­dert haben (vgl. hierzu etwa Münch / Bom­mer­sheim / Müller-Bach­mann 2005, S. 188), wohl aber fand und find­et eine quan­ti­ta­tive und modale Erweiterung der Erfahrungsräume statt. Die Motive für eine ver­tiefende Auseinan­der­set­zung mit jugendlich­er Musikaneig­nung vervielfachen sich dabei ins­beson­dere durch die Entwick­lun­gen im Inter­net. Hier entste­hen stetig nicht nur neue Zugangswege zu Musik als akustis­chem Mate­r­i­al, son­dern auch neue poten­tielle Hand­lungsräume, in denen Her­anwach­sende selb­st musikalisch pro­duk­tiv wer­den, musik­be­zo­gene Infor­ma­tio­nen (z.B. Song-Texte, Kün­st­lerIn­nen-Biografien) recher­chieren, sich mit anderen über Musik aus­tauschen oder aber Präferen­zen im Sinne ein­er jugend­kul­turellen Veror­tung ander­weit­ig nach außen tra­gen kön­nen.

Vor dem Hin­ter­grund ein­er zunehmenden Dig­i­tal­isierung ist musik­me­di­ales Han­deln heute zudem enger denn je mit der sozialen Lebenswelt (nicht nur) von Her­anwach­senden verknüpft und gewin­nt, so ist anzunehmen, gle­ich­sam an Bedeu­tung für die Bewäl­ti­gung von Entwick­lungsauf­gaben – vor allem im Kon­text von Iden­titäts­bil­dung­sprozessen.

Um nun Musikaneig­nung in ihrer Gesamtheit erfassen zu kön­nen, müssen die kom­plex­en Ver­schränkun­gen zwis­chen den sozialen und medi­alen Räu­men kon­textsen­si­tiv berück­sichtigt wer­den, also zum Beispiel auch, wie das Medi­en­han­deln in die indi­vidu­ellen All­t­agsstruk­turen einge­bet­tet ist. (Ohne diesen Ein­bezug dro­hen Stu­di­en am Sub­jekt vor­bei zu forschen!) Darüber hin­aus gilt es, auch der medi­alen Ange­botsstruk­tur aus­re­ichend Aufmerk­samkeit zu schenken, bildet diese doch den Ref­eren­zrah­men jugendlichen Medi­en­han­delns. So ist etwa die Bedeu­tungsvielfalt von YouTube (als Tuto­r­i­al-Kanal, Erin­nerungsspe­ich­er, Mediathek usw.) in erster Lin­ie zwar Folge der Aneig­nung dieses Raums durch die Sub­jek­te selb­st, die vielfälti­gen Umgangsweisen wären ohne die Mul­ti­funk­tion­al­ität und kon­ver­gente Struk­tur des Ange­bots jedoch nicht möglich (vgl. Kut­tner / Jünger 2014).

Medi­en­päd­a­gogis­che Forschung ste­ht damit mehr denn je vor der Her­aus­forderung, adäquate method­is­che Zugänge zu entwick­eln, die es ermöglichen, diesen immer kom­plex­eren Medi­en­aneig­nung­sprozessen nachzus­püren. Zum großen Teil lassen sich diese Hür­den durch method­is­che Tri­an­gu­la­tion nehmen – ins­beson­dere in der Ver­schränkung mit qual­i­ta­tiv­en Ansätzen, die darauf aus­gerichtet sind, Medi­en­aneig­nung (vor dem Hin­ter­grund indi­vidu­eller Leben­skon­texte) ver­ste­hend nachzu­vol­lziehen und den Sub­jek­ten beispiel­sweise mit Blick auf geeignete Ver­bal­isierungsmöglichkeit­en adres­satenori­en­tiert zu begeg­nen.

Um einen Ein­blick in mögliche method­is­che Herange­hensweisen zu geben, habe ich im Ver­lauf meines Vor­trages exem­plar­isch drei Stu­di­en vorgestellt (‘Musik und Gefühl’ sowie zwei Teil­stu­di­en des ‘Medi­enkon­ver­genz Mon­i­tor­ings’). Diese wur­den an der Uni­ver­sität Leipzig durchge­führt und näherten sich dem musik­be­zo­ge­nen Medi­en­han­deln Her­anwach­sender auf der Grund­lage deut­lich diver­gen­ter Unter­suchungs­de­signs an. Im Fol­gen­den werde ich die benan­nten Forschungsar­beit­en lediglich anhand einiger Eck­dat­en skizzieren. Für eine detail­lierte Auseinan­der­set­zung mit den Forschungs­de­signs und ‑ergeb­nis­sen ver­weise ich auf die entsprechen­den Pub­lika­tio­nen.

 Studie “Musik und Gefühl”

… im Auf­trag der Säch­sis­chen Lan­desanstalt für pri­vat­en Rund­funk und neue Medi­en (SLM) durchge­führt an der Pro­fes­sur für Medi­en­päd­a­gogik und Weit­er­bil­dung der Uni­ver­sität Leipzig (Prof. Dr. Bernd Schorb)

Laufzeit: 24 Monate (2006 bis 2008)

Erken­nt­nis­in­ter­esse: gefühls­be­zo­gene Aneig­nung von Musik im Kindes- und Jugen­dal­ter unter beson­der­er Berück­sich­ti­gung des Hör­funks

Unter­suchungs­de­sign: kom­plex­es Forschungsarrange­ment, das sich durch eine große Nähe zur Lebens- und Erfahrungswelt der Unter­suchung­steil­nehmenden (10 bis 17 Jahre) ausze­ich­net

Untersuchungsdesign_Musik und Gefühl

Abb. 2: Unter­suchungs­de­sign der Studie ‚Musik und Gefühl‘ (vgl. Har­tung / Reiß­mann / Schorb 2009, S. 58)

 Medi­enkon­ver­genz Mon­i­tor­ing (MeMo)

… im Auf­trag der Säch­sis­chen Lan­desanstalt für pri­vat­en Rund­funk und neue Medi­en (SLM) durchge­führt an der Pro­fes­sur für Medi­en­päd­a­gogik und Weit­er­bil­dung der Uni­ver­sität Leipzig (Prof. Dr. Bernd Schorb)

Laufzeit: 2003 bis 2013 (ins­ge­samt 7 Erhe­bungswellen)

Erken­nt­nis­in­ter­esse des MeMo als Langzeit­forschung­spro­jekt: Aneig­nung des kon­ver­gen­ten Medi­enensem­bles durch 12- bis 19-Jährige und die Bedeu­tung des Medi­en­han­delns für die per­son­elle und soziale Iden­tität­sar­beit Her­anwach­sender; die einzel­nen Erhe­bungswellen wid­me­ten sich zudem wech­sel­nden The­men­schw­er­punk­ten

MeMo_Erhebungswellen

Abb. 3: Erhe­bungswellen und The­men­schw­er­punk­te des ‚Medi­enkon­ver­genz Mon­i­tor­ings‘

Unab­hängig vom The­men­fokus waren der Zugang zu musik­be­zo­ge­nen Ange­boten sowie die Bedeu­tung von Musik für die indi­vidu­ellen Leben­skon­texte der Her­anwach­senden in allen Teil­stu­di­en des Pro­jek­tes zen­trale Erhe­bungs- und Auswer­tungsaspek­te. In der Ergeb­nis­darstel­lung jedoch beson­ders her­vorge­hoben wur­den diese in den bei­den Forschungsar­beit­en des ‚Medi­enkon­ver­genz Mon­i­tor­ings III‘, deren Ergeb­nisse 2012 unter dem Titel “Klan­graum Inter­net” und 2013 in der Pub­lika­tion “Jugend – Infor­ma­tion – Medi­en” online veröf­fentlicht wur­den.

Unter­suchungs­de­sign: Meth­o­d­en­mix aus funk­tionaler Ange­bots­beobach­tung, quan­ti­ta­tiv­en Online-Befra­gun­gen und qual­i­ta­tiv­en Inten­siv­in­ter­views

Untersuchungsdesign_Medienkonvergenz Monitoring

Abb. 4: Unter­suchungs­de­sign des ‚Medi­enkon­ver­genz Mon­i­tor­ings‘

Vor allem die Inten­siv­in­ter­views soll­ten genutzt wer­den, um die kom­plex­en Medi­en­aneig­nungsstruk­turen mit Blick auf sub­jek­tiv rel­e­vante The­men und deren soziale Ein­bet­tung bess­er nachzu­vol­lziehen. Zu diesem Zweck wurde im Ver­lauf der Gespräche ein soge­nan­ntes Präferenz­bild ange­fer­tigt, mit dem die Jugendlichen ihr Medi­en­han­deln zu ein­er aus­gewählten Präferenz auch grafisch darstellen kon­nten. Für das Gespräch war dieses Bild struk­turgebend und kom­mu­nika­tion­ss­tif­tend zugle­ich.

Präferenzbild MeMo

Abb. 5: Exem­plar­isches Präferenz­bild zur Lieblings­band ‚Tocotron­ic‘ (Erhe­bung: MeMo 2007)

Als Alle­in­stel­lungsmerk­mal gegenüber anderen Stu­di­en ist zudem die Langzeit­per­spek­tive des Medi­enkon­ver­genz Mon­i­tor­ings her­vorzuheben: Medi­enkon­ver­genz wurde aus der Sicht von Her­anwach­senden und in ihrer Rel­e­vanz für Jugendliche über viele Erhe­bungswellen hin­weg unter­sucht. Die qual­i­ta­tive Erhe­bung war vor diesem Hin­ter­grund auch als Pan­el-Unter­suchung angelegt, in der die inter­viewten Her­anwach­senden über einen län­geren Zeitraum in ein­er wesentlichen Phase ihres Aufwach­sens begleit­et wur­den. Das machte es möglich, Medi­en­han­deln in sein­er kom­plex­en Verzah­nung mit sich stetig wan­del­nden Ange­botsstruk­turen und indi­vidu­ellen Lebenssi­t­u­a­tio­nen greif­bar zu machen.

Clau­dia Kut­tner, M.A., Studi­um der Kom­mu­nika­tions- und Medi­en­wis­senschaft sowie der Anglis­tik an der Uni­ver­sität Leipzig. Wis­senschaftliche Mitar­beit in ver­schiede­nen medi­en­päd­a­gogis­chen Forschung­spro­jek­ten an der Uni­ver­sität Leipzig (z.B. ‚Medi­enkon­ver­genz Mon­i­tor­ing III‘), später an der Hochschule für Tech­nik, Wirtschaft und Kul­tur Leipzig in der ESF-geförderten Forschungs­gruppe ‚Bar­ri­ere­freie Medi­en – Gen­er­a­tio­nenüber­greifende Nutzungskonzepte‘ (GeNu­Me­dia). Seit 07/2015 wis­senschaftliche Mitar­bei­t­erin an der Europa-Uni­ver­sität Flens­burg im Forschungs- und Entwick­lung­spro­jekt „Media­Mat­ters!“. Aktuelle Inter­essen und Arbeitss­chw­er­punk­te: Medi­en­aneig­nungs­forschung, Alter(n) und Medi­en sowie (inter­gen­er­a­tive) Medi­en­bil­dung in der Schule. Dem let­zt­ge­nan­nten The­men­feld wid­met sie sich auch in ihrem Pro­mo­tionsvorhaben (Uni­ver­sität Leipzig).


 [1] ver­standen als Prozess der „Nutzung, Wahrnehmung, Bew­er­tung und Ver­ar­beitung von Medi­en aus der Sicht der Sub­jek­te unter Ein­bezug ihrer – auch medi­alen – Leben­skon­texte“ (Schorb / The­unert 2000, S. 35)

[2] Anders ver­hält sich dies mit Blick auf Stu­di­en zur Bedeu­tung von Musik für Men­schen unter­schiedlichen Alters in ther­a­peutis­chen Zusam­men­hän­gen.

Lit­er­atur

Har­tung, Anja / Reiß­mann, Wolf­gang / Schorb, Bernd (Hg.) (2009): Musik und Gefühl. Eine Unter­suchung zur gefühls­be­zo­ge­nen Aneig­nung von Musik im Kindes- und Jugen­dal­ter unter beson­der­er Berück­sich­ti­gung des Hör­funks. Schriften­rei­he der SLM, Band 17. Berlin.

Kut­tner, Clau­dia / Jünger, Nadine (2014): Medi­en­päd­a­gogis­che Forschung im Span­nungs­feld von Medi­en­wan­del und Medi­en­han­deln. Forschung­sprak­tis­che Umset­zung im Medi­enkon­ver­genz Mon­i­tor­ing. In: Har­tung, Anja / Schorb, Bernd / Niesy­to, Horst / Moser, Heinz / Grell, Petra (Hg.): Jahrbuch Medi­en­päd­a­gogik 10. Method­olo­gie und Meth­o­d­en medi­en­päd­a­gogis­ch­er Forschung. Wies­baden, 93–107.

Münch, Thomas / Bom­mer­sheim, Ute / Müller-Bach­mann, Eckart (2005): Jugendlich­es Musikver­hal­ten. Musik­in­volve­ment, Nutzungsmo­tive und Musikpräferen­zen. In: Boehnke, Klaus / Münch, Thomas (Hg.): Jugend­sozial­i­sa­tion und Medi­en. Lengerich u.a., 167–199.

Reiß­mann, Wolf­gang (2009): Musik und Hörme­di­en im höheren Leben­salter. In: Schorb, Bernd / Har­tung, Anja / Reiß­mann, Wolf­gang (Hg.): Medi­en und höheres Leben­salter. The­o­rie – Forschung – Prax­is. Wies­baden, 243–258.

Schorb, Bernd (Hg.) (2013): Jugend – Infor­ma­tion – Medi­en. Report des Forschung­spro­jek­tes Medi­enkon­ver­genz Mon­i­tor­ing zur Aneig­nung von Infor­ma­tion von 12- bis 19-Jähri­gen. Uni­ver­sität Leipzig.

Schorb, Bernd (Hg.) (2012): Klan­graum Inter­net. Report des Forschung­spro­jek­tes Medi­enkon­ver­genz Mon­i­tor­ing zur Aneig­nung kon­ver­gen­ter Hörme­di­en und hör­me­di­aler Online-Ange­bote durch Jugendliche zwis­chen 12 und 19 Jahren. Uni­ver­sität Leipzig.

Schorb, Bernd / The­unert, Hel­ga (2000): Kon­textuelles Ver­ste­hen der Medi­en­aneig­nung. In: Paus-Haase, Ingrid / Schorb, Bernd (Hg.): Qual­i­ta­tive Kinder- und Jugendme­di­en­forschung. The­o­rie und Meth­o­d­en: ein Arbeits­buch. München, 33–57.

Dies war ein Beitrag von Clau­dia Kut­tner, Keynote speak­er auf der Tagung “Klang und Iden­tität”.

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