AUFBRUCH DER NATION
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Von Friedrich Muckermann, in: Jg. 6, 1930, Nr. 13
Warum man der Frontgeneration besonderes Vertrauen entgegenbringt? Weil sie ihren Willen zur Nation bekannt hat im Antlitz des Todes. Kriegsbücher, die Anspruch auf Kunst erheben, dürfen sich nicht erschöpfen in der Wiedergabe von bloßen Schilderungen, sondern sie müssen die Wiedergeburt der Wirklichkeit in einer Künstlerseele darstellen. Eine solche Wiedergeburt der Kriegsereignisse aber konnte nur stattfinden in Seelen, die fähig waren, nicht bloß zum Leben sondern auch zum Tode „ja“ zu sagen. So war der Krieg ein Hochgericht für alle Philosophie, die mit dem Tode nicht fertig wird.

Hat man als Katholik für diese Unbedingtheit des Willens zur Nation auch volles Verständnis, so kann man sich doch nicht dabei beruhigen. In den Schriften der Frontgeneration kommt immer wieder zum Ausdruck, daß ihr neues Wollen unaussprechbar und also irrationaler Natur sei. Der Katholik kommt aber aus einer rationalen Welt, und sieht in einem noch so unbedingten Idealismus, der sich über seine Ziele nicht klar ist, etwas Bedrohliches.
Es wird also notwendig sein, den Begriff der Deutschheit genauer zu untersuchen. Was ist deutsch? Eine bestimmte Eigenschaft, wie etwa treu, verantwortungsbewußt, pünktlich usw. läßt sich nicht als Charakteristikum einer Nation anführen. Ueberhaupt ist es schwer, namentlich wenn man etwa das Buch des Amerikaners Hayes über den Nationalismus gelesen hat, das Wesen einer Nation zu beschreiben. Am ehesten spricht sich vielleicht das Deutsche in dem berühmten „Stirb’ und Werde“ aus, ein Wort, in dem allerdings das Geheimnis allen Lebens schwingt, so daß wir bescheidener noch hinzufügen müssen, es liege das Deutsche nur in einem besonderen Verständnis eben dieses Wortes. Nun ist es freilich ein Unterschied, ‚ob ein Knabe in einem Sandhaufen Figuren werden und vergehen läßt, oder ob wir vom „Stirb’ und Werde“ eines Baumes sprechen, der seinen Frühling hat und seinen Winter. In dem Baum ist eben das Geheimnis des Lebens. Es ist aber doch nicht so vorhanden, daß da in unendlicher Abfolge und in willkürlicher Weise Werden und Sterben einander ablösten. Sondern es wird die Entwicklung bestimmt und begrenzt durch eine dritte Größe, nämlich das Sein. So’ ersetzen wir das Wort irrational durch das entsprechendere „organisch“‘. Auch Goethe hat es so aufgefaßt, und es bleibt ewig typisch für das, was hiergemeint ist jene denkwürdige Unterredung, die Schiller und Goethe einander zu Freunden machte. Goethe kam von der Welt des Organischen her, Schiller aus dem Reich Leibnitzens und der Idee, und Schiller konnte dem erstaunten Goethe mit Recht sagen: das, was Sie da aussprechen, ist eine Idee. Die Verbindung von Idee und Erfahrung führt im Bereich großer Kulturen zur Gestalt, und nur wer über der wogenden Entwicklung ewige Ideen sieht, der bringt es zu einer gestalteten Kultur.

Dem Katholiken ist Nation nicht das letzte. Vielmehr sieht er über der Nation die ‘unveränderlichen Ideen einer religiösen und sittlichen Weltordnung, denen auch die Nation sich zu unterwerfen und denen sie zu dienen hat. Auch für eine bestimmte Zeitepoche sieht er das Wesen ‚der Nation sich darin erfüllen, daß sie dem Neuen, wie es sich jeweils Bahnbrechen will, demütig sich hingebe. Für diese unsere Zeit seien hier drei große Aufgaben angedeutet:
Es ist erstens die Verständigung unter den Völkern. Undeutsch wäre eine mechanische Lösung; deutsch eine organische. Organisches Denken geht nicht von der abstrakten Idee eines Völkerbundes aus, sondern von der Familie, ihrer Erweiterung im Volke und darüber hinaus in der Völkerfamilie. Es war ein ebenso deutscher wie katholischer Gedanke, den: vor allem der Prälat Dr. Schreiber in die internationalen Beziehungen gebracht hat, der Gedanke des Volkstums, von dem allein aus wir unsere Minderheiten schützen können. Es ist zweitens die Verständigung unter den Klassen. Auch hier scheidet sich die deutsche organische Lösung von der undeutschen mechanischen. Ein neuer Stand strebt heute aus Sklavenjoch und unwürdiger Abhängigkeit hinauf zur Anteilnahme an Menschenrechten und an Menschenwürde. Das ist keine Frage der Tarife und auch keine der Bildungsgüter allein. EBs ist vielmehreine des Menschen und der lebendigen Gemeinschaft. Organisches Empfinden zeigt hier Verständnis für das Kommende und bringt es nicht durch brutale Unterdrückung in einen tödlichen Gegensatz zu den heiligen Werten der Tradition. Da ist endlich die Verständigung der Herzen, die zum Ausdruck kommt in dem religiösen Problem der Verständigung unter den Kirchen. Auch hier lehnt deutsches Denken jede mechanische Lösung ab, und will die organische. Lausanne und Stockholm sind Wahrzeichen dafür, daß nun von allen Seiten lebendige Kräfte hinüber – und herüber wirken. Hat Rom in diesen Auseinandersetzungen die Idee der einen Kirche Christi festgehalten, so hat es nicht nur dadurch eine klare Situation geschaffen sondern obendrein etwas ausgesprochen, was einst für Luther eine Selbstverständlichkeit war. Nur eine Kirche kann die wahre sein, und nur eine hat Christus gründen wollen. So sieht man vom Katholizismus aus die deutschen Dinge. Wir bejahen den Staat, wir bejahen die Nation, wir wollen beides in großer, starker Gestalt, aber wir wissen, daß über diesen Reichen der Natur noch höhere Welten liegen, die in die unteren ihr Licht und ihre Kraft ausstrahlen. —

Die Hälfte aller Deutschen, die den mitteleuropäischen Raum bewohnen und mehr als die Hälfte derer, die über die weite Welt hin zerstreut leben, sind katholisch. Glaubt irgend jemand im Ernst, die deutsche Fragelösen zu können unter Ausschaltung der Hälfte ‚aller Deutschen? Sind Deutschtum und Katholizismus wesenhaft miteinander unvereinbar, was sagen dann die Verfechter dieser Lehre zu ihren eigenen Vorfahren, die ausnahmslos einmal katholisch waren? War ihr Blut, das gleiche Blut, das in den Adern ihrer Nachfahren rollt, undeutsch? Sollten wir aus dem Fronterlebnisheraus, das allen gemeinsam ist, nicht die Gemeinschaft aller Deutschen begründen und gibt es überhaupt einen anderen Weg? Betrachten wir die Aufgaben unserer Zeit als uns alle verpflichtend‚ setzen wir alle noch unbestimmte Unbedingtheit an ihre konkrete Lösung, so wird uns die Einheit der Nation als Geschenk von selber hinzugelegt.

Friedrich Muckermann baut den Kerngedanken seines Textes auf der Prämisse auf, die Nation als unter den unveränderlichen Ideen angesiedelt, habe sich der religiösen und sittlichen Weltordnung unterzuordnen und zu dienen. Dabei stellt er für seine Zeit drei Forderung an die Menschen: Der Kampf nach der Verständigung der Völker (Minderheiten zu schützen), der Verständigung unter den Klassen (das Arbeitsjoch beenden) und die Verständigung der Herzen (d.h. die Verständigung der Kirchen).
