Die Literarische Welt ...

DAS DEUTSCHE

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Von Heinrich Mann

Gewisse Bücher haben einen besonders heimatlichen Ton. Sie geben zu verstehen, daß sie nur hier spielen können. In anderen liegt es an den Gestalten, ihnen ist sozusagen viel Boden an den Füßen mitgegeben, und aus demselben Stoff sollen sie selbst vor allem gemacht sein, ihre übrigen Eigenschaften ergeben sich später. Das Deutsche kann Natur sein, dann kommt es aus dem Volk; die Gestalt des Romans, vielleicht auch der Autor, hatten als Vater einen Arbeiter. Andererseits gibt es gelernte Deutsche, die es gewiß auch von Natur, -aber immer noch mehr durch literarische Vorliebe als von Natur sind. Sie haben zum Beispiel den alten Raabe gelesen. Dazukommen die Fälle, in denen jemand schreibt wie alle Welt, aber was er wiedergibt, soll deutsche Lebensstimmung sein; — meint er nun die Stimmung einer Schicht, Klasse oder Generation, sie kennzeichnet dies Land.

Ein Buch wie „Jossa und die Junggesellen“ von Willy Seidel, erschienen im Albert Langen Verlag, München, heißt mit Recht „ein heiterer Roman“. Es ist wirklich heiter, weil es aus echten Schmerzen herrührt. Fünfundvierzigjährige Privatgelehrte, die früher Geld hatten, können heute, da sie durchaus proletarisiert werden sollen, aus der Spärlichkeit ihres Daseinseinen heiteren Stil machen. Sie sehen die Gegenwart durch die Wände von Büchern, die ihnen geblieben sind, und sehen sie daher weniger trostlos. Ihre Art zu leben und sich auszudrücken ähnelt ganz alten Menschen aus den hungrigen Zeiten Deutschlands. Altfränkisch, kraus, voll Vergangenheitswehmut und vor dem Leben etwas fremd, etwas ängstlich: — sehr merkwürdig, so können jetzt manche Leute im besten Alter sein. Es ist nur eine Abart, aber sie ist seit den schweren Zeiten da, Willy Seidel hat sie glaubhaftgestaltet. Nun fügt es sich aber bei ihm, daß ein junges, schönes Geschöpf doch Sinn hat für einen solchen verfrüht Alternden. Sie schlägt, da sie sich ihm zuneigt, eine Brücke von 1930 zu 1913. Sie beglückt und verjüngt ihn, das ist freundlich und liebenswert. Zugleich erinnert es an Stimmungen und Vorgänge bei dem Franzosen Anatole France. Welt der Bücher, liebende Jugend und das Lächeln der Wehmut, alles ist auch dort gruppiert. Es ist etwas anders gruppiert, aber jeder, France und Seidel, macht das Seine und bemüht sich nicht nur um seine Landsleute, sondern in Ton und Gebärde sogar um die ältere Ueberlieferung seiner Heimat. Der eine hat zweifellos das Bewußtsein, besonders französisch, der andere, besonders deutsch zu sein. Zuletzt aber ist es dasselbe—oder ist wenigstens mit Einschränkung dasselbe. Dies verdient festgehalten zu werden.

Aehnliche Anklänge ergibt der schöne, stimmungsvolle Roman „So gehen sie hin“ von Hanns Johst, gleichfalls bei Albert Langen. Wer dahingeht und nicht wiederkehrt, ist der deutsche Adel. Bevor dies Buch beginnt, hat er verzichtet, und als es schließt, ist er verklungen. Alle in dem Roman vorgeführten Personen sind schweigend abgetreten. Wir wissen, daß die Wirklichkeit anders ist; daß viele Angehörige des früheren Adels sich keineswegs friedlich ergeben, sondern zu der Unruhe Deutschlands manches beitragen. Aber ein Romandichter kann ebensogut auch die Stillen und Wehrlosen heraussuchen — die alten Eheleute, die sich trennen, weil kein standesgemäßes Zusammenleben mehr möglich ist, und ferner eine nach Glück noch hungernde Frau, ihre schuldvolle Liebe, nebst den törichten Versuchen ihres Gatten, ein Geschäftemacher zu werden. Die tragische Vertreibung der nicht mehr Lebenstüchtigen, ’sie wirkt auf das Herz wie die Blätter im Herbst. Wir können nicht verhindern, daß sie verwelken, und Abschiedsgefühle durchdringen uns. Wer dahingeht, ist vornehmer, als wer bleibt und sich erhält, es braucht dafür keinen Adel, unser eigenes Vorgefühl des unausbleiblichen Verfalles adelt auch den anderen.

So war es immer. Wem ist nicht bange geworden beim Lesen des „Raritätenkabinetts‘‘ von Balzac. Auch dort, es ist hundert Jahre her, waren Menschen derselben Klasse, noch kürzlich reich und mächtig, von der Gesellschaft (in einen toten Winkel geschoben, saßen nun und verkümmerten. Balzac, ein Legitimist, wie man meint, ist gleichwohl gegen seine Adelstypengrausamer als Johst, — was sich daraus erklärt, daß es dem großen Soziologenmehr auf die Gesellschaft ankommt, als auf ihre Opfer. „Was habe ich ihnen getan, fragte der Hereingelegte, und das fragen immer nur die Schwachen.‘“ So schließt einer der Romane Balzacs. Hanns Johst steht vielmehr auf Seiten der Schwachen. Das ist nicht nur sein Recht, es zeigt auch, wie verschieden die gleichen Tatsachenerlebt worden sind in Frankreich und in Deutschland. Wenn es nicht doch wieder andere Beispiele dafür gäbe, daß sie im Gegenteil drüben mit Rührung aufgenommen wurden und hierbei uns sachlich! Die Gesetze der Geschichtesind nicht weniger unausweichlich als die der Natur, und wie sie sich an uns erproben, hängt von Landesgrenzen nicht ab.

Noch tiefer dringen wir in das Reich der menschlichen Zusammengehörigkeit ein, wenn wir zu den kleinen Leuten gehen. Da ist das so ehrliche, ernste Buch des jungen Gottfried Kapp, „Das Loch im Wasser“, im Verlag Philipp Reclam jun. Eine gewisse Treuherzigkeit leitet darin das Geschehen ein, gerade sie scheint unübersetzbar in eine andere Sprache und Gefühlswelt. Der Landstrich, in dem diese armen Bergarbeiter leben und leiden, kann denn auch nichts Zufälliges sein; so bedenkt einer der ihren, der mehr gelernt hat und ihnen entwachsen ist. Das Deutsche scheint ihm ein Gegengewicht für seine Zweifel in sozialer Hinsicht. Das Deutsche wäre das Heilmittel für ihn, der die Welt nicht mehrliebt. Dann doch wenigstens noch diesen Fleck Erde lieben! Indessen heißt die Straße der Arbeiter die Plackenstraße, und das ist ein übersetzbares, überall verständliches Wort. Sich empören gegen die Abhängigkeit, trotz sozialem Aufstieg wieder einmal furchtbargrob werden, überall kennen das die Genossen dieses aus dem Volk hervorgegangenen Baumeisters, Dann der merkwürdige Haß gegen einen anderen, auch dem Elend entflohenen Mann, der nicht mehr wissen will, daß er doch nur ein gehobener Sklave ist, —welches Land lieferte nicht solche zwei Gegner. Die Empörung tritt allerdings verschieden auf, unter anderem auch in zeitgemäß deutschem Gewand. Dieser deutsche Arbeitersohn bemitleidet sein Volk, weil es vom freien Land in die Städte vertrieben worden ist. Sie ahnen es auch selbst, wie ihm scheint. Die Sehnsucht derer, die noch unlängst Bauern waren, oder statt der Sehnsucht das dunkle Gefühl einer unverschuldeten Entartung, vielleicht ist das ein deutscher Schmerz, man weiß es nicht. Der von ihnen, der das Denken erlernt hat, begreift den Schmerz tiefer, wird tiefer verwirrt und geht in den Tod aus Lebensangst. Das stimmt, diese Lebensangst, woher sie auch komme, ist etwas Deutsches heute. „Wir, die Arbeiter, sind wichtiger als die Fabrik‘“, — das ist im Gegenteil das Internationale.


Jg. 6, 1930, Nr. 44

Heinrich Mann, der ältere Bruder Thomas Manns beschäftigt sich mit dem heimatlichen, deutschen Ton. Aber was macht ihn eigentlich aus, und woher kommt er? Verwunderlich ist, dass Mann gerade nicht nur Texte deutscher Autoren bespricht, sondern auch große französische Namen wie Honoré de Balzac (1799–1850) anbringt.