Die Literarische Welt ...

„Deutsche“ Wissenschaft

Der Vorstehende des Hochschulverbandes äußert sich – im Namen des gesamten Verbandes – pro-faschistisch. Wo sind die Gegenstimmen?

________________________________________________________________________

Von W. T., in: Jg. 7, 1931, Nr. 21

Originalwerbung d. Ausgabe

Seit Entdeckung der Toleranz wird auch die Wissenschaft von Jahr zu Jahr voraussetzungsloser. Besonders in Deutschland. Hier ist sie bereits so voraussetzungslos geworden, daß sie sich nicht einmal mehr den Argumenten von Trillerpfeifen, Stinkbomben und Stiefelabsätzen ganz verschließen kann. Denn nicht wahr, wenn das Leben selbst an ihren Pforten lärmt, kann doch die Wissenschaft nicht so vorverstorben sein und sich vor dem Leben taub stellen. Dieser Meinung war wenigstens der Vorsitzende des Verbandes deutscher Hochschulen, Professor Tillmann, Bonn, in seinem Brief an die Vertreter jenes organisierten Ungeistes, der sich „Deutsche Studentenschaft‘“ nennt. Aber nicht das ist das Erstaunliche, daß dieser Theologe sich persönlich auf die Seite der jungen Rowdies stellte und in ihrem Kampf gegen die Geschichtschreibung des politischen Mordes und gegen die sachliche Kritik des Heidelberger Professors Gumbel sein Herz für völkische

Originalwerbung d. Ausgabe

Ideale entdeckte, das heißt: für die ehrenfeste Wissenschaft der Fäuste. Erstaunlicher und ein schlimmes Symptom für die geistige Verfassung vieler unserer Hochschullehrer ist der Umstand, daß sich Professor Tillmann auch nur einen Augenblick lang mit dieser seiner Auffassung tatsächlich als Sprecher des Verbandes deutscher Hochschulen, also als Vertreter der gesamten Hochschullehrerschaft, fühlen konnte. Und noch erstaunlicher, daß seither – es sind inzwischen Wochen vergangen – dem Protest von Professor Einstein sich aus ganz Deutschland im ganzen zwanzig (sind es schon zwanzig?) deutsche Universitätsprofessoren angeschlossen haben. Und die Vereinigung sozialistischer Hochschullehrer in Wien. Die anderen schweigen. Die anderen sind also dafür, daß „die deutsche Jugend“, d. h. eine Schar von Hitler blind fanatisierter 19 jähriger Couleurfähiger, die sich in

Originalwerbung d. Ausgabe

Bierbegeisterung als die hoffnungsvollste Zukunft dieses Landes fühlt, vor der gesamten Kulturwelt politische Totschlägerei verteidigen, die Geschichtsschreibung der Fememorde verbieten und den deutschen Hochschullehrern mit Gebrüll vorschreiben darf, was allein als patentecht „deutsche“ Wissenschaft zu gelten habe. Wobei es als undeutsch gilt, die Argumente der Gegner auch nur zu kennen. Denn der Geist, jeder Geist, beeinträchtigt nach den Erfahrungen dieser Jugend das gesunde triebsichere Wissen ihres Blutes. Ob das wohl gegen den Adel des Geistes zeugt oder vielleicht gegen die Weisheit des Blutes? Zum mindesten gegen die Weisheit dieses Blutes? Wir möchten die Mitglieder des deutschen Hochschullehrer-Verbandes, die sich durch ihr Schweigen zu kompromittieren beginnen, zum Nachdenken hierüber anregen.









Welchen Einfluss darf Politik auf Wissenschaft haben? Ist es richtig, dass sich die Wissenschaft politisch positioniert?
































Der Begriff „Fememord“ bezeichnet vor allem in den 1920er Jahren Morde, die innerhalb rechtsextremer Gruppen im Rahmen der Selbstjustiz an „Verrätern“ der Gruppe begangen werden. Anders als politische Morde richten sie sich nicht gegen politisch andersdenkende Menschen. 1926 wurde der Begriff auch auf Morde innerhalb der linksextremen Szene angewendet. Heute kommt der Begriff im Kontext der radikalen, palästinensischen Untergrundorganisationen wie bspw. der Hamas oder der PLO wieder auf.  

Originalwerbung d. Ausgabe
Originalwerbung d. Ausgabe
Originalinserat d. Ausgabe