Meine Meinung

Was soll man von den faschistischen Kunstvorstellungen halten? Neben einer Darlegung seiner Meinung wirbt Haas voller Enthusiasmus um seine Leserschaft.

W. H. 

Das sehr weitläufige, genau ausgearbeitete kulturpolitische Aktionsprogramm der deutschen politischen Rechten, mit dem Endzweck, jeden kleinsten Rest republikanischen Fühlens, Denkens und Formens energisch und ein für allemal auszurotten – dieses Programm hat eine kleine Abänderung erfahren. Man wollte, versteht sich mit aktiver Hilfe der Demokratischen Partei, erstmal noch ein paar kulturpolitische Gesetze im Reichstag durchbringen. Die Reinigung des Berliner Kunstlebens, wo man sich immerhin noch eine Art öffentlicher Blamage holen konnte, sollte erst später erfolgen.

Aber dem halbe Mißerfolg des in der Tat recht exzentrischen „Hamlet“-Experiments im Staatstheater unter Leopold Jessners Regie bot einen gar zu günstigen Anhaltspunkt. Man wird also schon jetzt mit Berlin Ernst machen. Erster Schritt: Landtagsinterpellation der Deutschnationalen Partei über den „Fall Leopold Jessner“; wegen Verletzung des „ethisch-ästhetischen Empfindens aller christlich-germanisch gerichteten Theaterbesucher“. Weitere Schritte in dieser Richtung werden zweifellos noch folgen.

Jessner hat, Hamlet hin, Hamlet her, das verblödetste deutsche Kunstinstitut zu einer der interessantesten und modernsten Bühnen umgewandelt. Jahrzehntelang, unter Wilhelm III., haben doch die Herren ausführlich genug zeigen können, wie ihr christlich-germanisches Fühlen, in Theaterkunst umgesetzt, aussieht. Und wie hat es ausgesehen? Na, wie eben ein Drama von Josef Lauff oder Wildenbruch aussieht.

„Christlich-germanisches Empfinden“! Hat sich was! Will man vielleicht Kierkegaard spielen oder Suso oder Hroswitha oder den alten Strindberg, die in der Tat geniale Repräsentanten christlich-germanischen Fühlens sind? Die Herren kennen sie ja nicht mal!

Sie kennen sie ja nicht mal, sie kennen ihre dichterischen und denkerischen Genies ja nicht mal!! Das ist der springende Punkt!! Sie haben ihre Rechnung auf die Verdummung, auf die Geistlosigkeit, auf das phrasendampfende, instinktiv kunstfeindliche Kleinbürgerhirn, auf die ödeste Familienblattliteratur gestellt. Das, nicht ihre konservative Gesinnung, hat ihnen das literarische Gewissen vor allem vorzuwerfen; jenseits aller politischen Gegnerschaft. Die Deutschnationale Partei ist die dümmste, phrasengeschwollenste, geistfeindlichste konservative Partei der Welt. Man denke an einen Nationalisten wie Maurras, an einen chauvinistischen Pamphletisten wie Léon Daudet, an einen ganz rabiaten Völkischen wie Rochefort, man denke an konservative Denker und Politiker wie de Maistre, Bonald, Rivarol, Burke, Dostojewsky, Beaconsfield – – wäre sowas im Rahmen der Deutschnationalen Partei von heute auch nur denkbar? Darauf kann man nur mit Gelächter antworten.

Kurzum: sie möge sich erst einmal ihre eigenen Parlamentsregisseure ansehen. Ihre „sich an die niedrigsten Instinkte wendenden Inszenierungen“ – wie es in der Interpellation heißt – sind in der Tat in höchstem Maße geeignet, das ethische, ästhetische und jedes andere Empfinden nicht nur eines „christlich-germanischen“ Publikums, sondern überhaupt jedes geistig etwas anspruchsvollen Menschen auf das tiefste zu verletzen und wirken in der Tat, wie es eben dort heißt, „geradezu als Parodien“ auf das christlich-germanische Empfinden. Diese Regisseure müßten vorerst mal ausgewechselt werden, bevor eine Debatte über den Juden Jessner auf einer halbwegs paritätischen Grundlage überhaupt möglich ist.

Nein, meine Herren! Wir wollten lieber sechsmal in der Woche, wenn es denn sein müßte, Goethes „Faust“ mit Tillergirls oder Shakespeares „Mohr von Venedig“ mit Josephine Baker als Othello fressen, als diese stinkende Kohlrübensuppe, die ihr uns servieren wollt: vorerst in Form von Literatur „fürs deutsche Heim“, später, wenn der Magen sich erst mal gewöhnt hat, in ihrer leibhaftigen strahlenden Reinkarnation vom Kohlrübenwinter 1917 –: in dem neuen Weltkrieg, den ihr auch auf diese Art schrittweise vorbereitet!

Leopold Jessner, mag er auch hie und da geirrt haben, ist und bleibt einer der Unsrigen, der Jungen, der Republikaner! Das Karree um ihn wird sich unter eurem Angriff schließen. Wir alle werden ihn decken, die Skeptiker ebenso wie die begeisterten Anhänger seiner Regiekunst!

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Mit der heutigen Nummer endet der zweite, mit der folgenden beginnt der dritte Jahrgang der „L. W.“.

Der Herausgeber, dem vielleicht Reklamesucht in eigener Sache nicht vorzuwerfen ist, möchte zu diesem Anlaß ein paar persönliche Worte an die Leser richten:

Nicht nur jene, die ihm und seinen Kameraden vorbehaltlos glauben, sind ihm wertvolle Leser, um deren Erhaltung er besorgt und bemüht ist; sondern in nicht geringerem Maße solche, die im einzelnen Fall Ablehnung, ja Zorn fühlen. Ihnen gilt seine redaktionelle Bemühung, eine redliche pädagogische Absicht hoher Art, sogar vielleicht am allermeisten. Im heutigen Deutschland ist nichts wichtiger als die Erziehung zu einer Selbstachtung, die auch die entgegengesetzte Meinung achtet und den Widerspruch verträgt. Er selbst verträgt ihn, und nicht nur das: er läßt sich gern vom Widerspruch belehren. Sein höchstes redaktionelles Ziel wäre es, daß Leser, Mitarbeiter und Herausgeber sich auf diesem wahrhaft menschenwürdigen, wahrhaft produktiven Plateau immer wieder, von Nummer zu Nummer, finden.

Was mit den Gleichgültigen geschieht, die die Nummer gedankenlos durchblättern, ist ihm höchst gleichgültig. Aber er wünscht sich, und kein falscher Stolz wird ihn daran hindern, diesen Wunsch zugleich als persönliche Bitte auszusprechen: Er möchte im neuen Jahr nicht nur keinen Freund, er möchte auch keinen ehrlichen Gegner, keinen ehrlichen Widersprecher, keinen ehrlichen, wenn auch noch so scharfen, Kritiker verlieren!

Auch im neuen Jahr werden wir keinen farblosen „Liberalismus“ pflegen. Jeder Mitarbeiter wird sich ganz aussprechen können, ohne jede Rücksicht auf herrschende Mächte und Anschauungen.

Aber: Mitarbeiter wird auch im neuen Jahr jeder sein können, der etwas geistig Belangvolles, Grundsätzliches zur literarischen Gegenwart zu sagen hat – über alle politischen, nationalen, konfessionellen Grenzen hinweg!

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Zum Schluß noch eine notwendige kleine interpretative Bemerkung des Schriftleiters:

In dem „Kalender“ dieser Nummer wird Der und Jener aus der heutigen Literatur verulkt. Der Schriftleiter legt Wert auf die Feststellung, daß diesem Neujahrs-Ulk grundsätzliche polemische Absichten nicht zugrunde liegen. Mehr als einer der dort so liebevoll von Walter Benjamin Besungenen hat es vom Herausgeber selbst gehört, mit welcher Schätzung er ihren Werken gegenübersteht; und mehr als einer war ja schon einmal oder öfters hochwillkommener Mitarbeiter der „L.W.“. Nichts erfordert mehr Sorgfalt, als die Auswahl der Feinde; diese Sorgfalt hat im vorliegenden Fall die Schriftleitung nicht üben zu müssen geglaubt. Weder Leser noch Objekt also mögen in jenen Scherzversen eine prinzipielle Kritik der Schriftleitung sehen.

Doch Herr Fulda darf das ohne weiteres tun.

Jg. 2, 1926, Nr. 52



Der deutsche Theater- und Filmregisseur Leopold Jessner (1878–1945) war in der 1920er Jahren einer der wichtigsten Vertreter des politischen Theaters. Es gab immer wieder antisemitische und reaktionär-nationalistische Proteste gegen seine Person.
















 
Die Nationalsozialisten strebten eine Gleichschaltung der Kultur an. Gemeint ist damit eine Anpassung der Kultur an die nationalsozialistische Ideologie. In der Folge wurden Kunstwerke, Texte etc., die den Auffassungen derselben entgegenstanden, verboten. Betroffen waren dabei nicht nur explizite Werke, die das Regime kritisierten oder dessen kulturellen Vorstellungen entgegenstehen, sondern auch und vor allem die Kulturschaffenden, die – wenn sie als Jüd*innen, politische Gegner o.ä. erkannt wurden – mit schwerwiegenden Konsequenzen zu rechnen hatten. Obwohl diese Gleichschaltung erst mit der Machtergreifung Hitlers 1933 in vollem Umfang durchgesetzt werden konnte, hat sie sich schon in den Jahren vorher angebahnt.
Welchen Stellwert hat Kunstfreiheit heute? Warum ist die Vielfalt von Kunst wichtig?