Die Literarische Welt ...

Untergang der Ehe

Gemeinschaft vor Ehe
Die Autorin weiß: Hätten wir eine Gesellschaft, die auf Mitmenschlichkeit beruht, bräuchten wir die
Ehe schon lange nicht mehr…

Von Alice Rühle-Gerstel, in: Jg. 6, 1930, Nr. 24

Die Grundstruktur der Ehe ist: der Mann als Ernährer von Frau und Kindern, die Frau als Verwalterin des Hauses, Bettgefährtin und Mutter. Aus dieser Grundstruktur hat sich die Psychologie der Eheleute entfaltet. Der Mann sucht und findet in der Ehe das Podium, auf dem er sein Selbstgefühl errichten kann. Die Frau sucht und findet in ihr den Anschluß an das Leben, den die männlich orientierte
Gesellschaft und Moral direkt ihr nicht zubilligt. Mann und Frau, oben und unten, verzinkt ineinander mit der stumpfen, zuverlässigen Dichtigkeit von Schraube und Schraubenmutter… So ist die Ehe
gemeint gewesen als Humus und zugleich Gewächs der bürgerlichen Männerkultur. Und wir wollen uns eingestehen, daß sie auch heute noch in den allermeisten Fällen so gemeint ist und so funktioniert, trotz etlicher Unstimmigkeiten. Zwar gibt es in Deutschland etwa vier Millionen berufstätiger Ehefrauen, deren Ehe also soziologisch schon unter einem anderen Gesetz zu stehen scheint. Aber nur scheint.

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Solange das Einzelpaar Versorger der Kinder bleibt, bleibt auch der Einzelmann, zumindest prinzipiell, der „Obere“. Denn auch die berufstätige Frau ist für die Zeit der Schwangerschaft und
Säuglingsaufzucht zum größten Teil der materiellen Obsorge des Mannes anheimgestellt. Nur die grundsätzliche Trennung von Ehe und Elternschaft — die durchaus keine persönliche Trennung mit
sich zu bringen braucht — kann an den Tag fördern, wie es mit der rein seelisch-körperlichen Beziehung zwischen Mann und Frau „eigentlich“ bewandt ist. Erst wenn in einer anders organisierten
Gesellschaft auch die Elternschaft „Öffentlich gemacht“ wird, kann vom gleichen Start aus wie der Mann die dann entlastete Frau zur Ehe wirklich Stellung nehmen.

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[…] Wir müssen, jeder einzeln, zur Ehe als gegebener Mann-Weib-Beziehung Stellung nehmen. Wir
können dies freilich auch, indem wir die Ehe vermeiden. Nur ist diese Stellungnahme meist überzahlt.
Deshalb sehen wir immer wieder auch jene Menschen sich zur Ehe entschließen, die die Ehe gerade
wegen ihrer sozialen Verstricktheiten prinzipiell ablehnen. Wenn man die Verquicktheit mit der
Elternschaft einmal aus dem Auge läßt, wenn man auch an Ehen denkt, bei denen die übliche „Oben
Unten“- Akzentuierung sehr wenig oder gar nicht mehr betont ist, bleibt doch als „Ehe“ etwas
Heutiges übrig: ein auf Dauer zugeschnittenes Zusammenleben zweier Menschen, Zusammenleben
unter bestimmten Normen, zu denen meist auch der Trauschein gehören wird, Zusammenleben mit
gemeinsamem Haushalt, der Haushalt bleibt, auch wenn er noch so rationell betrieben. wird,
Zusammenleben in jener Lebensenge, die zwei Menschen in eine unwiederholbare Ausschließlichkeit
zueinanderstellt und sie allen anderen Menschen abwendig macht, mag auch die persönliche Freiheit,
die man sich nimmt oder einander einräumt, noch so groß sein; es bleibt ein privates Verhältnis, das privateste, das unsere Privatkultur eingerichtet hat. Und die Menschen sind eben auch so privat, daß sie ohne Dauerbesitz wenigstens eines einzigen Privatmenschen seelisch nicht auskommen.

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Sucht der Mann auch nicht mehr in der Ehe eine Tribüne seines Selbstgefühls (aber auch das sucht er noch!), sucht die selbständiger gewordene Frau nicht mehr den sonst versagten Anschluß an das Leben
— sie beide suchen Erfüllung der sonst unerfüllbaren, ja oft schon unfaßbaren Wünsche nach Oeffentlichkeit, nach Geltung, Selbstbestätigung. Sie suchen sie unbewußt gerade in der Ehe, das heißt
am allerfalschesten Platz, weil es ja der unöffentlichste ist; sie suchen dies alles in der Ehe, weil die übrigen Bezirke des Lebens voll Gefahren sind und voll Langeweile.

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Wo ist denn eine Oeffentlichkeit, für die es sich lohnte, sein Gesicht herzuzeigen? Wo ist denn eine Gemeinschaft, die es wert wäre, daß man der süßen Privatheit zu Zweien entsagt? (Süß noch in der strindbergischsten Bitterkeit!) Die Welt um uns ist sehr leer für den einzelnen, es ist schwer für
Schwachmütige, abends allein in eine Privatwohnung schlafen zu gehen.

Also wäre die Ehe ganz recht am Ort, als Kompensationsplatz für Weltfremde? Und es bliebe zu fragen, warum sie denn nicht funktioniert, warum sie zum Problem wird, so daß Hunderte von Büchern über ihre Führung, Verschönerung, Errettung oder aber das Gegenteil geschrieben und gelesen werden müssen? Ich glaube, das Hauptspannungsmoment zwischen den Ehepartnern sitzt dort,
wo es um den Gleichheitsanspruch geht. Früher war die Ehe, so paradox dies klingt, nicht so sehr in die Privatheit eingetaucht, wiewohl andererseits die „Welt“ lange nicht so öffentlich war wie heute.
Mit der zunehmenden Individualisierung der Institutionen und der Personen wächst das Unbehagen und das Kältegefühl. Der Mann ist längst durchindividualisiert. Aber die Frau ist noch auf dem Marsch zur Persönlichkeit und dadurch ist in der Ehe Zugluft entstanden. Zuerst hat die Frau die Stufe der beruflichen Gleichberechtigung erklettert. Dann erwarb sie den Persönlichkeitsboden im Öffentlichen Leben. Diese Frau, auf einen Begriff zusammengepreßt, war der Ehe abhold; deshalb tritt das Problem
der Gleichberechtigung in der Ehe bedeutend später auf. Und da zunächst nur in Gestalt der Forderung nach einem Wandel im Ehe- und Familienrecht, nach gleichen Kompetenzen bei der Kindererziehung,
nach Beibehaltung des Namens und der Staatsbürgerschaft, also nach der soziologischen Seite hin.
Und erst neuerdings ist die sexuelle Gleichberechtigung ein Problem geworden — nicht das alte liberale Problem der „doppelten Moral“, sondern das der Liebesführung. Alle Beglückungsregeln für
Eheleute laufen doch immer auf die Bitte hinaus: lasset das Weib zu seiner sexuellen Individualität
aufsteigen! […]

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Wenn auch alle Hemmnisse, als da sind Wohnungsfrage, Kinderfrage, Geldfrage,
Scheidungsgrundfrage usw., besiegt werden können, es bleibt immer noch eine andere Frage, deren Lösung unsere irrationale Angst uns von der Ehe erhoffen läßt: „Wer altert denn mit mir?“ Die Konflikte, Streite, Qualen, Tragödien, ebenso wie die komischen kleinen Aerger und Beschämungen in der Ehe entspringen allesamt der Lebensangst. Mißtrauen, Herrschsucht, Eifersucht, Besitzwahn, sexueller Egoismus — alles Aeußerungen der Lebensangst. Aber je stärker die Lebensangst, desto stärker auch ihr Korrelat, die Todesangst: „Wer bleibt bei mir, wenn ich sterben muß?“

Ich glaube, der allertiefste Sinn der Ehe ist, sich jemanden zum Altern zu halten!

So ertragen die Menschen aus Todesangst alle Qualen der Lebensangst in ihren vielerlei ehelichen Formen. Und die Ehe heute ist das prägnanteste Beispiel für die Verstrickung dieser beiden Aengste.
Als privatestes Lebensgebiet gestattet sie die breiteste Auffaltung des neurotischen Charakters, dessen
gefährliche (lebensgefährliche) Auswirkung in den öffentlicheren Bezirken doch eher noch korrigiert wird. Weil in der Ehe aber die Neurosen am ungeschorensten gedeihen, treiben sie auch am
deutlichsten an die Katastrophenwand der Entscheidung heran. Auch sozial gesehen, wird, so glaube ich, die Zertrümmerung der Ehe viel mehr Mittelpunktswirkung haben, als man bisher glaubte … Die Anwälte des Bisherigen wissen schon, warum sie die Eherechtsreform gar so wichtig nehmen! —

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Menschen ohne Lebensangst brauchen nicht die private Sphäre, wo sie in innigster Verzahnung ihre
Neurosen gegenseitig so schonen wie kompensieren! Menschen ohne Todesangst brauchen keinen
wohlsam zum Altern aufbehaltenen Einzelpartner! Aber solche Menschen sind erst ahnungsweise da.
Sie könnten dann auf die Ehe verzichten, zu höheren Formen mitmenschlicher Beziehung
voranschreiten, etwa zu der, daß jede Reifungsstufe des Lebens den passenden Lebenspartner wählt…
doch hier konkret vorauszuplanen, wäre Spielerei. Wir können noch nicht einmal die Ehe, wie können
wir das zu kennen vermeinen, was dahinter liegen wird. Wir wissen nur: die Intensivierung der Ehe,
im bösen Sinn der Flucht, der Wut, des Zweikampfes, verheißt ihren Untergang in voller Auflösung;
die Intensivierung der Ehe im guten Sinn der Kameradschaft, der Angstlosigkeit, des

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Mitmenschentums verheißt ihren Untergang in höheren Formen. Unsere Aufgabe ist es wohl, diesen
guten Schritt zum Untergang zu tun. Denn sonst sind wir dennoch dem Untergang verfallen, aber eben
dann nicht nur dem Untergang der Ehe, sondern dem des individuellen Glücks, der individuellen
Lebensmöglichkeit überhaupt. Im Fall der Ehe, so scheint mir, fällt das Entwicklungshafte, Nützlich
Allgemeine mit dem Subjektiv-Beglückenden zusammen. Der Untergang der Ehe ist vielleicht der
Aufgang der Menschlichkeit.

Autor:inneninfo: Alice Rühle-Gerstel war eine marxistische Psychologin und 
Literaturkritikerin. Mit ihrem feministischen Werk „Das Frauenproblem der Gegenwart.
Eine psychologische Bilanz“ (1932) war sie Simone de Beauvoirs „Das andere
Geschlecht“ bereits 17 Jahre voraus. Ihr 1937/38 veröffenlichte Roman „Der Umbruch
oder Hanna und die Freiheit“ gilt als erster antiautoritärer deutscher Roman einer Frau.
Die Ehe – ein romantisches Schicksal oder kleinhaltendes Konstrukt?