Die Literarische Welt ...

Was verdanken Sie dem deutschen Geist? – Thomas Mann

Deutsch heißt: versponnen-sehnsüchtig, treuherzig-dumpf, naturhaft-einfältig, feindselig-verstockt?

In der fein und wohlwollend geführten Schweizer Rundschau „Wissen und Leben“ las ich die Arbeit eines Wiener Autors namens Leszer über „Neue erzählende Prosa‘ — ein Aufsatz, worin manches mir ganz ausnehmend gefiel, weil es von mir ist. Vielmehr, in Tagen aufgewühlter Gescheitheit ist es einmal von mir gewesen. Jetzt ist es von Leszer und hat mich sehr belehrt. Der Verfasser spricht da von der Europäisierung der deutschen Prosa durch Nietzsche. Er selbst, der Geneolog der Moral, habe die deutschen Prosabücher von europäischer Höhe noch an den Fingern einer Hand herzählen können, sagt Leszer; seit 1900 etwa aber sei es anders und besser geworden, die deutsche Erzählungskunst habe seitdem nicht wenige Werke von hohem, und einige von höchstem sprachlichen und geistigen Niveau gezeitigt. Denn Nietzsches Sendung, sagt er, sei es vornehmlich gewesen, „den mehr seelischen Deutschen von gestern in einen immer mehr geistigen zu wandeln, was weiterhin bewirkte, daß Kunst und Geistein eins flossen, daß die deutsche Dichtung, auf haarscharfe Antithetik, dialektische Spannung und Unerbittlichkeit bedacht, immer geistigeren Rhythmus gewann. Dieses Schauspiel einer Verwandlung des deutschen Menschen und damit notwendig auch der deutschen Dichtung, wirkt in Deutschland, wie täglich zu sehen ist, vielfach noch verwirrend und zeitigt seltsam abschätzige Kunsturteile, zumal unter jenen engherzig Beharrenden und Rückgewandten, die nur die intim deutsche, versponnen-sehnsüchtige, treuherzig-dumpfe, naturhaft-einfältige Gemütsdichtung als eigentliche und vollwertige Dichtung gelten lassen wollen. Feindselig-verstockt gegen die notwendige Umschichtung des deutschen Kosmos, wie sie sind, geben sie ihre falsch-empfindsamen und dummdreist-eifernden Wertungen, Zeugnisse ihrer eignen Rat- und Zukunftslosigkeit . . .“ Streng, aber gerecht. Teufel, Teufel, wer es ihnen so zu geben wüßte, den Ahndevollen! Er spricht von Flake (der starken pädagogischen Einfluß hat) und rühmt dem Elsässer eine tiefe, man könne sagen: romanische, aber durch Geister wie meinen Bruder und mich allgemach auch deutsch werdende „Lust am Geordneten, Über- sichtlichen, Formstarken, an trockner Luft und hellem Himmel‘ nach. — „Allgemach deutsch werdend“… Das gibt es also? Etwas kann deutsch werden, was es früher nicht war, und man wird es dann nicht mehr undeutsch schelten dürfen? Gehört es vielleicht zur Sache, zum Begriff des Kosmopolitismus, daß der Charakter eines Volkes nichts Starres, unwandelbar Feststehendes und Endgültiges ist, sondern bildsam, sondern erziehbar? Ja, es gibt Begegnungen, Durchdringungen des Individuellen und des Nationalen. Ein Schriftsteller kann deutscher werden, indem er zugleich den physiognomischen Aspekt seiner Nation vor den Augen der Welt verändert. Vielleicht sollte man so tiefe und delikate Vorgänge nicht stören, indem man davon spricht. Was anzudeuten war, ist eben nur, daß der kosmopolitische Geist etwas anderes ist, als polyglötte Geübtheit und mondäner Dilettantismus. Was ist er denn? Vielleicht nichts anderes als der Geist des Lebens und der Wandlung.

Thomas Mann

Jg.1,1925,Nr. 2

Thomas Mann liefert in diesem Beitrag die ultimative Definition des kosmopolitischen Geistes: Dieser ist eben keine oberflächliche „polyglötte Geübtheit“, sondern, wie Mann es nennt: „der Geist des Lebens und der Wandlung“.


Gemeinsam mit Leszer feiert Mann die „Europäisierung der deutschen Prosa“ durch Friedrich Nietzsche: weg von einer „treuherzig-dumpfen Gemütsdichtung“, hin zu geistiger Schärfe und Formkraft. Er argumentiert gegen den „feindselig-verstockten“ Nationalismus seiner Zeit und hält ihm einen dynamischen Kulturbegriff entgegen: Die Identität eines Volkes ist nichts Starres, sondern bildsam und erziehbar; „deutsch-sein“ kann man erziehen.