Imaginäre Interviews
Von Herbert Eulenberg
ı. OTHELLO ODER JETZIGE EHE UND EIFERSUCHT
Mein Versuch, Othello, den Mohren von Venedig auszufragen, stieß zunächst auf den hartnäckigsten passiven Widerstand von seiner Seite. Seinem Wesen nach schon kein großer Redner, wie er dies ja auch vor dem Dogen und dem Senat Venedigs ausdrücklich betont, war es sehr schwer, den Abgeschiedenen zum Sprechen zu bewegen. Erst als ich auf die Eifersucht kam, gelang es mir, seine Lippen zu folgendem Geständnis zu öffnen:
„Ich komme mir fürchterlich altmodisch geworden vor in Eurer heutigen Zeit. Noch vor fünfzig Jahren, ehe diese verfluchte Frauenemanzipation ihren Siegeszug antrat, war ich möglich. Glaubte man mir nicht nur meine schreckliche Eifersucht, sondern billigte mir auch eine gewisse Berechtigung für sie zu. Aber heutzutage, wo es fast ebenso viele selbständige und in Berufen stehende Frauen wie Männer dieser Art gibt, will mir selber mein Tun und Vorgehen höchst vorsintflutlich und roh erscheinen. Ich habe mich selbst überlebt.“
„Aber, erlauchter Generalissimus Venedigs, halten Sie denn die Eifersucht zwischen Mann und Frau für ausgestorben?“
„Durchaus nicht. Nur für bedeutend gemildert. Man hat solange an dem Eigentumssinn und seiner Wichtigkeit für das Einzelwesen herumgemäkelt, hat ihn so häufig herabgewürdigt, daß er kaum noch ernst genommen wird.“
„Sie mögen recht haben, großer Condottiere. Die strengen Ehegesetze und Bräuche dürften sich in der Gegenwart hier und dort gelockert haben, wiewohl das Recht auf einen Hausfreund, einen cicisbeo, zu ihrer Zeit in Italien den Frauen häufiger eingeräumt und auch von ihnen ausgeübt wurde als im herben Welschland Mussolinis. Aber Sie können doch nicht leugnen, daß sich auch in unsern Tagen noch immer Trauerspiele aus Eifersucht ereignen, und daß es nach wie vor Othellos gibt.“
„Aber man verachtet sie mehr, oder noch richtiger ausgedrückt, man achtet sie weniger als mich. Wer würde mir heute noch zugestehen, daß ich ein ehrenvoller Mörder war, der nichts aus Haß tat, nur für die Ehre alles? Die meisten halten mich heutzutage für einen Narren oder schlimmer noch für einen Barbaren. Und wer weint noch, wie es in früheren Zeiten doch zuweilen. geschah, eine Träne um den armen dummen Mohren, der einem Schurken ins Garn lief und eine Unschuldige tötete? Für die Kameradschaftsehe, die ich mit Desdemona geführt habe — denn wir sind zwar getraut worden, aber nicht im Sinne des Stadtadels von Venedig feierlich vermählt gewesen —, also für unsere etwas lose Verbindung hat man jetzt mehr Verständnis als für die, ich muß es nachträglich zugeben, unbedachte wüste Raserei, die mich überkam, als mir Jago sein Gift ins Ohr träufelte. Ja, selbst die Mischehe zwischen mir und der holden Venezianerin begreift man eher in einer Zeit, in der beispielsweise in Frankreich schon die Verbindung zwischen Schwarzen und Weißen nicht nur geduldet, sondern sogar gefördert wird. Nur das ausschließliche Eigentumsrecht, das ich auf meine Desdemona geltend mache, findet die Gegenwart übertrieben, grob und himmelschreiend.”
„Und glauben Sie, leidenschaftlicher Mohr, daß eine Zukunft kommen könnte, die Ihre Gewalttätigkeit wieder milder und gnädiger beurteilen, Ihre Machtanmaßung an einer Frau und Ihre Forderung der unbedingten Treue mehr anerkennen und gutheißen wird, als wir heutigen es vermögen?“
„Unbedingt!“ keuchte Othello und das Weiße in seinen Augen wurde rot dabei.
„Alle Formen der Erotik sind vergänglich. Aber die Monogamie und der Anspruch auf sie als Ideal bleibt ewig. Und je stärker das Liebesvermögen ist, je heftiger wird auch die Eifersucht glühen. Ein großes Feuer zeugt starken Rauch. Es sei denn, es müßte keine wahren Männer mehr geben.“ Und er entfernte sich wutschnaubend mit jenem Ausdruck des Jähzorns, vor dem Desdemona geschaudert und den sie zugleich doch an ihm geliebt hat.
Jg. 8, 1932, Nr. 2
Die Fremdbezeichnung Schwarzer Menschen als Mohren ist historisch nicht ausschließlich negativ konnotiert, aber trotzdem stark mit den abwertenden Stereotypen von Exotik, Unterwürfigkeit, Wildheit und Dummheit aufgeladen. Das zeigt sich auch in diesem fiktiven Interview, in dem das Wort mit den Adjektiven arm, dumm und leidenschaftlich verbunden wird.
Vor der Verabschiedung der national-sozialistischen Nürnberger Gesetze 1935 war die Ehe zwischen Schwarzen und Weißen Menschen in Deutschland gesetzlich erlaubt. Bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts formierten sich allerdings Vorstellungen von “Rassenhygiene”, so dass die entsprechenden Paare sozialer Ausgrenzung und Behördenwillkür ausgesetzt waren. Desdemona wäre 1932 vorgeworfen worden, ihre Verantwortung als “Hüterin der Rasse” verraten und den “Volkskörper” verunreinigt zu haben. In Frankreich waren interethnische Ehen aufgrund des größeren Kolonialreichs häufiger, waren jedoch ebenfalls Gegenstand öffentlicher Missbilligung und wurden nicht gefördert, wie hier behauptet wird.

