Die Literarische Welt ...

Hermann Bahr über die junge Generation

„Die jungen Menschen schreien, weil sie sich nicht verstehen.“ Mit dieser Diagnose blickt der 63-jährige Hermann Bahr im Jahr 1926 auf die Nachkriegsgeneration. Der einstige Vorkämpfer der literarischen Moderne beklagt den Verlust gemeinsamer Werte, einer verbindenden Sprache und geistiger Orientierung. Kennen wir das nicht schon?

Von Arthur Ernst Rutra, in: Jg. 2, 1926, Nr. 17

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Die Landung am Thema erfolgte über den Umweg Wien. Dieses Umwegige bedeutet bereits eine Gefahr, wenn Kinder gleichen Bodens unter diesem Freimaurerzeichen sich finden, man kommt von der Formel nicht los, deren Trägheitskoeffizienten reichsdeutschem Sinn plausibel zu machen, ein aussichtsloses Beginnen wäre. Sie liegen nicht auf der Hand. Wien liegt überhaupt nicht auf der Hand — es offenbart sich in einer Synkope, in einer Arabeske, man spürt es „unter der Hand“ — man findet es plötzlich in einem Handschlag.

Im Handschlag Hermann Bahrs liegt Wien — schlägt das österreichische Herz. Manche mögen darüber lächeln — aber es schlägt! Es läßt sich nicht wegdisputieren. Es ist ein Phänomen. Und vom Phänomen, das er selbst ist, sprach Hermann Bahr, sprach von ihm — „weil oft ein Mißverständnis mitläuft, wenn ich es gutheiße“.

„Meine Pflicht — meine Natur zwingt mich, alles, was in meinen Horizont tritt, als Phänomen gutzuheißen. Denn es ist ja da und zwingt mir die Frage auf: wie schaut es aus?! Die Versuchung meldet sich, hineinzukriechen in das Phänomen, und mit ihr wächst die große Gefahr — stärker in der Jugend, während das Alter sie heute überwindet — den Assimilierungsprozeß zu vollziehen. Es ist die Gefahr, die Erinnerung an die Wertordnung zu verlieren. Alles positive Leben ist ein Akzeptieren — man muß den ganzen Regenbogen des Daseins bejahen, wenn sich auch die Wertordnung vielfach später erst einstellt. In den neunziger Jahren war meine Generation nahe daran, das Bewußtsein der Differenz, das Gefühl für Wert- und Rangunterschiede zu verlieren.“

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„Und heute? Ist es nicht ein Vorrecht, oder sagen wir auch: Mißverständnis einer jeden heranwachsenden Generation?“

„Ich glaube, daß hier ein großes Problem verborgen liegt, dem noch niemand Ausdruck gegeben hat: diese vielen schreibenden Leute sind fast alle noch Bürger ihrer Herkunft nach und haben von vornherein Sympathie für alles, was ihrem Bürgertum schädlich ist. Das deutsche Bürgertum hat von jeher etwas Masochistisches in sich gehabt, sein Sohn wächst bereits als Verächter des Bürgertums auf. Die meisten Leute werden sagen, das sei jüdisch, und werden von der Verjudung des Bürgertums sprechen; aber gerade in Berlin kennen die Juden die Verachtung des Bürgertums nicht, und ihre gute Gesellschaft zeichnet sich eher sogar durch einen konservativen Snobismus aus.

Dieses Problem der inneren Zwiespalt führt zu einem noch größeren, das vor allem die Sorge der jungen Menschen sein muß, das sie wieder zu sich zurückzuführen vermag, die sich heute verloren haben. Der Krieg hat zwei große Bedürfnisse geweckt: ein ungeheures Gefühl der Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, und in jedem einzelnen das heftigste Verlangen, sich zu isolieren. Es ist wieder der alte deutsche Fluch, der seit der Reformation auf Deutschland lastet. Es fehlt die gemeinsame Kirche. Wie in der beklagenswerten Erscheinung, daß zwei Leute, die der gleichen Nation angehören, ein verschiedenes Verhältnis zu Gott haben, so steht diesem Mangel eines zentralen Gefühls auch in dem Umkreis eines kleineren Radius ein Vakuum gegenüber, in dem die jungen Menschen von heute die Mitte nicht finden können.“

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„Also auch in der Dichtung das Fehlen einer Kirche?“

„Gewiß! Das einzige, was in der deutschen Literatur als geheime Lebenskraft fortwirkt, ist eine Kirche. Der Kreis um George, mag man auch über manches schrullenhaft Scheinende lächeln, der sich hierarchisch, ganz kirchlich aufgebaut hat, wird als einziger in die neue Generation übergehen. Was heute in der Literatur offenbar fehlt: sie braucht einen Mann, oder eine Gruppe von Männern, um die herum sich alles ansetzen und kristallisieren kann. Was in Berlin früher immer da war, fehlt heute, fehlt — sagen wir — noch. Wie es zu meiner Zeit, da Brahm und Fischer mich aus Paris beriefen, jener kleine Kreis gewesen ist, der unter dem Eindruck des sehr klugen Fontane aufgewachsen ist, der über siebzig Jahre alt war, als er erst durch uns zu der Geltung gelangte, die er heute innehat. Brahm wußte, worauf es ankam, und schuf die Mitte, die not tat. Eine Gruppe von Leuten war mit einem Male da, die einen Spürsinn untereinander hatten, die einander schätzten, so verschiedene Wege der einzelne auch ging. Heute sehe ich diese Kirche nicht, es fehlt das Organ, durch das sie spräche, es fehlt die Stimme …“

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Wieder ein kurzer Umweg. Wien brachte noch einmal die Erinnerung an ähnliche Gemeinschaft auch in dieser Stadt: die Zeit des Café Griensteidl, in der der junge Loris-Hofmannsthal faszinierend wie der junge Lassalle gewirkt haben muß, die heute fast verschollene Kampfzeit der Sezession mit Gustav Klimt an der Spitze und Hermann Bahr als Streiter für ihn, — drei Jahre lang gab diese Gruppe mit Aufopferung die Zeitschrift „Ver sacrum“ heraus, — der Kreis, der später sich um Peter Altenberg gebildet, diese geliebte Gestalt, der noch der letzten Gemeinschaft angehörte, die wir damals Jüngsten als „Akademischer Verband für Literatur und Musik“ gebildet, wieder Hermann Bahr als Freund und Helfer in unserer Mitte.

Ein zum größten Teil eingestampftes „Flugblatt an junge Menschen“ — „Der Ruf“, dessen sechs Hefte uns die drückendsten Druckerschulden aufbürdeten, gibt Zeugnis von dieser letzten Gemeinschaft, die das geistige Wien durch fünf Jahre revolutionierte. 1914 trugen wir sie zu Grabe, und die zwei Besten aus dieser Mitte sind heute auch nicht mehr: im gleichen Jahre noch Georg Trakl, und zehn Jahre später — Robert Müller.

„Es war die letzte Gemeinschaft, von der ich weiß. Heute fehlt das neue geistige Vokabular … Kleist hatte es einst — Goethe hatte es vernommen, und darum verschloß er sich ihm — Novalis hatte es — im Jungen Deutschland war es da … Heute verstehen die jungen Menschen einander nicht mehr, und weil sie es spüren, weil sie sich nicht spüren — schreien sie! Sie glauben, daß sie sich so Gehör verschaffen, sie müssen schreien, weil sie sich nicht verstehen.“

„Und die Revolution? Die ewig wiederkehrende Revolution der Literatur?“

„Die Revolution wird sein, wenn das neue geistige Vokabular da sein wird. Es mögen wohl Stimmen sein, die sich melden, — aber es fehlt die Stimme!“

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Bahr vermisst eine geistige Autorität, um die sich Literatur und Gesellschaft sammeln könnten. Doch braucht eine Kultur tatsächlich gemeinsame Leitfiguren und ein geistiges Zentrum, um produktiv zu sein?
Bahr spricht über die Orientierungslosigkeit der Jugend. Tatsächlich gehört er selbst zu einer Generation, die den Zusammenbruch einer ganzen politischen und kulturellen Ordnung erlebt hat. Seine Sehnsucht nach einer gemeinsamen Sprache und einer geistigen „Kirche“ könnte daher weniger über die Jugend aussagen als über den Verlust der Welt, in der er selbst groß geworden ist. Als Bahr 1926 dieses Interview gibt, ist das Habsburgerreich, in dem er aufgewachsen war und Karriere gemacht hatte, seit Jahren verschwunden.