Hallische Höllenqualen: Sterben in Halle

Gestorben wird IMMER!

21. Mai 2014
nach Petra Kühne
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„Mord ist ihr Hobby“ …

… im wahrsten Sinne des Wortes, ist es zu einer kleinen Leidenschaft von mir geworden Morde zu „sammeln“. Ok, das klingt jetzt makaber aber ich schreibe ja auch einen Blog über interessante Todesfälle in Halle in der Frühen Neuzeit. Und Mord ist leider auch eine Art zu sterben. Eine, die immer eine schlimme und erschreckende Tat mit sich bringt und das war auch schon bei den Menschen im alten Halle so. Der Küster hat bei solchen Fällen immer eine kleine oder längere Notiz hinterlassen und einige meiner „gesammelten“ Morde möchte ich gern mit ihnen teilen.

Den letzten, den ich gefunden habe, empfand ich als besonders grausam. Urteilen sie selber:

1717_April_brutaler MordNota Bene: den 17. April 1717 wurde Johann Martin Gutmachers eines Kutschers Töchterlein Juliana Sibylla von einem Herrdiener so aus Sittau bürtig Gottlob Diemer genannt mit einem Meßer die Kehle abgeschnitten, das Kind ist alt 5 1/2 Jahr aus Desparation, weilen er gerne von der Welt seyn wolte, nach geschehener grausamen that hat er sich selbst zu Rathhause angegeben, und zur Verhafft bringen laßen, da er dann eingeholten Urhtel (weilen Er nich sanis menits) zum Vestungsbau nach magdeburg Contmmiret wurden.

1717 baut man in Magdeburg gerade die Turmschanze weiter aus. Herr Diemer wird also nicht der einzige gewesen sein, der dorthin komplimentiert worden ist. Das Urteil mag heute verhältnismäßig gering vorkommen. Aber denken wird daran, dass früher alles per Hand gebaut wurde, und keine Maschinen zur Arbeitserleichterung genutzt werden konnten. Er wurde also zu schwerer körperlichen Arbeit verurteilt, bei der man durchaus auch mal sterben konnte.

Einen anderen Fall fand ich persönlich schon sehr befremdlich:

1718_August_Mord am eigenen Kind

Samstag 6. [August 1718] Herr Doctor Johann Gottfried Stützing Töchterlein Charlotta Elisabeth, welches der Vater gemellder Stützing vorsetzlich mit einem Hammer im Kopff selbst ermordet eodem dies hora 1/2 19 ante meridiem 4 Jahr 5 Monat gratis begraben.

Bei solch einer schrecklichen Tat, frage ich mich, wenn ich so etwas höre oder lese immer: Was geht in einem Menschen vor, der keinen anderen Ausweg aus seiner Lage  findet, als sein eigenes Fleisch und Blut zu töten? Darauf gibt es wohl viele Antworten, aber es ist nicht die Aufgabe, dieses Bloges sie zu finden.

Widmen wir uns dem nächsten schrecklichen Fall:

1712_August_zweifacher Mord

Freitag 5. [August 1712] früh halb 2 Uhr ist Michael Becker im 71. Jahre seines Alters und Christoph Greger im 40. Jahr, als so genannte Schurrwächter und die Crahmer Gewölbe des Nachts hüten, von einem unsinnigen Töpffergesellen Nahmens Matthaeus Henseln bürtig von Moske aus der Niederlausitz und alhier beym Töpffer am Schulberge Meister George Schilden gearbeitet, auf dem Marckte und an der Claußstraße jämmerlich ermordet worden, die Cörper sindt gemeldeten tages beerdigt worden, der unsinnige Mensch ist zu gefänglicher Hafft bracht, und in das Tollhauß geführet worden.

Abgesehen von dieser schrecklichen Tat lernen wir eine ganze Reihe von interessanten Sachen über Halle in diesem etwas längerem Eintrag. Zum Einen, hießen vor mehr als 300 Jahren der Schulberg und die Klausstraße schon so wie wir sie heute auch noch kennen, der Markt wird aber sicherlich ein anderes Gewand getragen haben, als heute. Diese riesige Freifläche entstand erst nach der Zerstörung des alten Rathauses im zweiten Weltkrieg. Zum Andreren, hatte Halle vor 300 Jahren bereits einen Ort an dem Menschen mit psychischen Problemen „geholfen“ werden sollte. Ein „Tollhaus“ ist aber auf keinen Fall mit einer modernen Psychiatrischen Einrichtung zu vergleichen. Es ist eher eine Art Gefängnis, denn eine Klinik.

Zum Abschluss möchte ich Ihre Laune etwas heben, indem ich Ihnen einen Fall aus unseren Heiratsregistern zeigen möchte, der wirklich etwas besonderes ist:

loool

Den 17. Januar sind von Herrn Diacono Magister Gweinzio, weil sie ihren Ehestandt in Unehren angefangen und die WeibesPerson bereits niederkommen, vor dem Bette copuliert worden:

„Weib“ war früher eine normale Bezeichnung für eine Frau und hat keinesfalls die negative Konnotation, die wir heute damit verbinden. Zum Schmunzeln hat mich der Fall schon gebracht, entspricht sie doch so gar nicht unserer Vorstellung der gottesfürchtigen Menschen der Frühen Neuzeit.

Nach diesem langen Eintrag möchte ich mich bei Ihnen bedanken, dass Sie bis hier hin durchgehalten haben und mich entschuldigen, dass Sie so lange auf einen neuen Post warten mussten. DANKE!!!

3. März 2014
nach Petra Kühne
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Orgeln kommen nicht von irgendwo, oder?

Immer wieder stolpern wir beim Transkribieren über Dinge, die wir vorher noch nicht wussten. Oder wissen Sie, wer die Orgel in der Marienkirche auf dem Markt gebaut hat? Ich denke einige Interessierte schon, ich jedenfalls nicht. Das hat sich aber mit folgendem Eintrag schlagartig geändert.

Springen wir in das Jahr 1714, in den August um es genau zu nehmen:

1714_August_Christoph Cunzius_Orgel Marienkirche

Montag, 27. [August 1714] Herr Christoph Cunzii der Orgelbauer /: welcher die Orgel in der Lieb(en) frauen Kirche Jetzo bauet:\ tochterl(ein) Christina Elisabeth gestorben den 26. [August 1714] hor(a) 6 po(st) m(eridiem) halbe thaler S(chule) begr(aben). Alt 18 Wochen.

Christoph Cuntzius stammte aus Wernigerode und kam 1713 nach Halle, wo er in der Marienkirche und auch in St. Georgen in der Vorstadt Glaucha Orgeln baute. Seine größte war die in der Marienkirche, mit immerhin drei Manualen und 56 Registern. In vielen Kirchen sind die Orgeln leider nicht erhalten. In der Marienkirche allerdings ist das Prospekt auf uns gekommen. Gestorben ist er natürlich auch in Halle und zwar am 8. November 1722 mit 46 Jahren. Sein Sohn sollte zum führenden Orgelbauer des Baltikums aufsteigen wohin er 1762 übersiedelte. Sollte mir der Sterbeeintrag von Cuntzius in die Hände fallen, werde ich ihn natürlich hier hinzufügen.

Ein Besuch in der Marktkirche ist immer lohnenswert also schauen Sie sich doch einmal die Cuntzius-Orgel an, wenn Sie in der Nähe sind.

11. Dezember 2013
nach Katrin Moeller
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Der schwierige Umgang mit dem Anderen

Noch im 18. Jahrhundert notierte der berühmte Chronist Halles Johann Christoph von Dreyphaut sämtliche Wetter- und Himmelserscheinungen, Kometen oder Missgeburten. Er folgte damit dem Erbe der protestantischen Prophetie, die besonders im späten 16. Jahrhundert solche Prodigien als Vorzeichen des baldigen Weltendes deutete und daher eifrig zusammentrug. Auch wenn sich Dreyhaupts Interesse vermutlich nicht mit dieser religiösen Erwartung verband, notierte er für das Jahr 1738 den Tod einer „Missgeburt“ mit 4 Füssen und 4 Armen aber nur einem Kopf. „Vorwarts die ordentliche Bildung an Augen, Nasen und Ohren“, hinten am Kopf aber befanden sich die Geschlechtsorgane der Kinder.

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Nicht nur diese außergewöhnliche Fehlbildung fand im 18. Jahrhundert großes wissenschaftliches Interesse. Der Königliche Leib- und Feld-Medico Lesser nahm den Leichnam an sich, um in „zu Berlin in Spiritu verwahrlich“ zu halten. Etwa 8000 solcher Präparate befinden sich mit der Meckelschen Anatomischen Sammlung heute auch in Halle [http://www.meckelschesammlungen.uni-halle.de/entstehung-und-werdegang/].

Während in den letzten Jahren zahlreiche historische Forschungen zur Prodigienliteratur, Monster-Darstellungen und die Wahrnehmung von Missgeburten erschienen sind, nähert sich die Forschung erst allmählich an das Thema des Umgangs mit behinderten Menschen und ihren Familienangehörigen. Dreyhaupt jedenfalls ließ keinen Zweifel, was die tragische Metamorphose des Zwillingspärchens auslöste: Die liederliche Dirne, so führt er aus, hätte sich bei einer Schlittenfahrt, an einer Maske „versehen“. Sowohl der Schreck wie auch die unterstellte moralische Schwäche des Mädchens führten damit zur Zeichnung der Frucht. Es bedurfte noch etlicher anatomischer und biologischer Forschungen, bis Behinderung nicht mehr als Strafe menschlicher Sünde verstanden wurde.

Literatur:

Dreyhaupt, Johann Christoph von, Pagus Neletici et Nudzici, oder, Ausfuehrliche diplomatisch-historische Beschreibung des zum ehemaligen Primat und Ertz-Stifft, nunmehr aber durch den westphaelischen Friedens-Schluss secularisirten Hertzogthum Magdeburg gehoerigen Saal-Creyses : und aller darinnen befindlichen Staedte, Schloesser, Aemter, Rittergueter, adelichen Familien, Kirchen, Cloester, Pfarren und Doerffer, insonderheit der Staedte Halle, Neumarckt, Glaucha, Wettin, Loebeguen, Coennern und Alsleben, Halle 1755, S. 645.

Hammerl, Michaela: Prodigienliteratur. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/themen/hexenforschung/lexikon/sachbegriffe/art/Prodigienlitera/html/artikel/5523/ca/1992779a75c14cda95f725854952bffa/.

 

23. Oktober 2013
nach Petra Kühne
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Tod im 4. Koalitionskrieg … Preußen vs. Napoleon!

Anlässlich seines Todestages gibt es diese Woche einen Eintrag für einen relativ unbekannten Soldaten.

Sterberegister Marienkirche 1806 S. 212.

An einem Samstag den 25. Oktober 1806 wurde ein Major des hochlöblichen königlich preußischen königlichen Hussaren-Regiments aus Usedom hier in Halle begraben.

Er starb an einer Wunde, die er sich in einer Action bei Halle zugezogen hatte, am 23. Oktober. Dieser Major von Hartig war mit großer Wahrscheinlichkeit in die Scharmützel des 4. Koalitionskieges gegen Napoleon verwickelt. Am 14. Oktober 1806 fanden die Schlachten bei Jena und Auerberg statt, die tödliche Wunde wird er sich demnach in dieser Zeit zugezogen haben können.

15. Oktober 2013
nach Petra Kühne
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Halle und seine Studenten

Dass das Verhältnis zwischen Halle und seinen Studenten schon immer ein leicht angespanntes war, ist weithin bekannt. Geht man beispielsweise in das Saline-Museum bekommt man Schauergeschichten von den Halloren über die Studenten erzählt, die sich in der fernen Vergangenheit ereignet haben. Natürlich schlägt sich das auch im Sterberegister der Marienkirche zu Buche. Wir wollen den Start des neuen Semesters zum Anlass nehmen und auch die neuen Studenten an unserer Uni willkommen heißen und ihnen gleich zeitig ein paar Warnungen mit auf dem Weg geben. Denn wie heißt es so schön, die Geschichte wiederholt sich aber auch: aus Fehlern wird man klug.

1704_Februar_Student tod geprügelt

Montag der 3. März 1704: Herr Jacob Friedrich Francke Juris Studiosus, Herr Christian Francke Leinwandhändler alhier Sohn, welcher am 21. Februar nachts von Johann Friedrich Nebershausen, des Thorwächters Sohn im Clausthor als ein Schüler 2. Classe mit einem prügel tödlich verwundet am Kopffe, daß er darauf am 1. Marty um halb 8 matura verstorben, und ist um 12 mit öffentlicher güldenen Schule begraben worden, seines alters 21 Jahr 4 Monat 3 Wochen.

Was lernen wir daraus leg dich nicht mit der Security an! Egal wie stark man sich fühlt, man zieht eigentlich immer den kürzeren. Was genau hier geschehen ist, lässt sich nur mutmaßen, aber da der gemeine Student nie dem Wein, dem Weib und dem Gesang abgeneigt war, ist davon aus zu gehen, dass eines bis drei dieser Gründe den Sohn des Torwächters dazu veranlasst haben, etwas brutaler mit dem Studenten um zu gehen. Die 2. Klasse bedeutet in dem Falle, dass dem Schüler nur noch ein Jahr bis zur Beendigung der Schule fehlten. Man zählte damals rückwärts von 6 bis 1. Welche Konsequenzen der Schüler für seine Gewalttat zu tragen hatte, lässt sich im Moment noch nicht nachvollziehen.

Widmen wir nun unser Augenmerk auf einen anderen Vorfall:

über den haufen geritten_1732_April

Sonntag der 6. April 1732: Meister Johann Gottfried Naumanns Bürger und Strumpffbereiters Sohn Christian Gottfried ist den 19. März von einem Studiosum in der grossen Ulrich Straße übernhauffen geritten gestorben Samstag um 3 bis 4 matura particular alt 2 Jahr 6 Monath 9 Tage.

Ein tragisches Unglück! Auch hier ist wieder nicht zu sagen, wer Schuld hat und was genau passiert ist. Und auch was mit dem Studenten später passiert ist unklar. Was uns aber damit überliefert werden soll, ist: Fahrt bitte vorsichtig!

Und zum Schluss noch etwas, was uns zeigt, dass ein abgeschlossenes Studium auch nicht vor Torheiten schützt:

ertrunken im Gottesackerteich

ebenso (Tag, Monat und Jahr unbekannt) geschahe eine Danksagung vor herr Carl heinrich dresern Notarius puplicus caesarii und Juris Canditatus aus dem Voigtlande, so im Dölitzsch practicieret und hier sich etliche tage aufgehalten, welcher den 9. September in den Gottesacker Teiche ertruncken, so in die Ulrichskirche gehöret, seines alters ungefehr 21 Jahr (:Die Danksagung wurde von herr Doctor deutschbein als einen seiner anverwandten bestellet:)

Beim ersten Lesen dachte ich. „upps, das war aber nicht schön“. Was genau passiert ist, lässt sich nur mutmaßen. Aber auch hier kann man sich denken, dass entweder der Alkohol, ein Unfall (konnten die Menschen damals doch eher seltener schwimmen), ein Verbrechen oder alles dreis auf einmal geschah.

In diesem Sinne: nicht leichtsinnig werden, liebe neue Kommilitonen, bedenkt die Folgen eures Handelns und genießt eure neu angebrochene Lebensphase an der Uni ohne größere Unfälle oder Todesfällen, nicht dass ihr in hundert Jahren von einem Historiker in einem Buch gefunden und als teilenswert betrachtet werdet.

24. September 2013
nach Petra Kühne
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Immer diese bucklige Verwandtschaft!

Zu den vielen traurigen Themen, die wir in den letzten Einträgen besprochen haben, wollen wir heute einen Eintrag vorstellen, der uns verblüfft hat und uns vor Augen geführt hat, dass die Menschen damals uns ähnlicher waren als wir es gerne zugeben wollen. Aber lesen Sie selbst:

Alles fing mit einem kleinen unscheinbaren Eintrag aus dem Jahr 1774 an:

Bucklige Verwandschaft 1

Ebenso [Mittwoch den 23. November 1774] Jungfer Anna Maria, Johann Carl Hoppe, weiland Soldat bernburgisches Regiment nachgelassene Tochter, gestorben Montag den 21. um 2 Uhr nachmittags, Geschwulst, Alter 65 Jahre. pauper. 1415.

 Mit diesem Eintrag war also klar, dass es sich bei der Verstorbenen um eine arme Frau handelte, sonst hätte man sie nicht mit einem Begräbnis für die Armen bedacht. Abzulesen ist das an dem „pauper“ im Eintrag. So weit, so gut … dachten wir, doch dann entdeckten wir das Anmerkungszeichen unter dem „dito“ und das bedeutet irgendwo muss sich eine Anmerkung befinden. Gefunden haben wir sie auch gleich, denn einige Jahre nach dem Tod der „Anna Maria“ Hoppe wurde ein Blatt in das Register hinzugefügt mit der oben genannten Bemerkung:Die bucklige Verwandschaft_1774_nachtrag

Wegen einer Erbschafft von 80 000 Ducaten von dem verstorbenen Capitain Martin Samuel Seydler in Batavia, verlangte der Schulkecht, Johann Gottlieb Wage den Todenschein von seiner Schwiegermutter, Lorentz Hoppe, Soldat von dem vom Leipziger Regiment und Christianen Färnkäsen Tochter. Aus Irrthum des Leichenbestellers ein, nachlebenden Fachmannin ist sie aber falsch angegeben und so eingetragen worden. Nach edlicher Abklärung des Renthern Berend, der Verstorbenen Brüder und Fachmannin, hat sich nun der echte Taufname, dieser unverheirateten Verstorbenen gefunden und hat Euer Ehren Rath befohlen, so wohl bey der Kirche zu Unser Lieben Frauen, als auch zu Rathause es in denen Todenregistern abzuändern, und einzutragen, statt Jungfer Anna Maria Hoppin pp.
Mittwoch den 23. November Maria Catharina Hoppin, Lorenz Hoppe, Soldat von dem hiesigen Leipziger Regiment nachgelassene Tochter. Gestorben Montag den 21. November um 2 Uhr nachmittags 1774 an Brustkrankheit, Alter 50 Jahr. frei. 1415.
Halle den 8ten Julii 1786
Heyer Curtodis.

Wenn die Erbschaft nicht wäre, dann hätte niemand den Fehler bemerkt. Aber seien wir mal ehrlich 80000 Dukaten sind kein Pappenstiel. Das sind 80000 Goldmünzen, die bis ins 19. Jahrhundert hinein als Währung genutzt wurden und lässt man die Kaufkraft mal außer Acht, sind das umgerechnet auf die neuzeitliche Währung der Euronen mehr als 300 000. Ein Wert der es ist Wert ist mal nach zu schauen. Was Geld nicht alles möglich macht.

Nebenbei stellt sich auch der Küster der Marienkirche selbst vor, der Herr Heyer. Ihm verdanken wir viele tolle Anmerkungen. Vor allem in seinen späteren Jahren benutzt er das Register immer mehr wie sein eigenes Tagebuch. Einige tolle Einträge von Ihm wollen wir in den nächsten Posts Ihnen gern vorstellen.

18. September 2013
nach Petra Kühne
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Himmeln in Halle … ?

Bei der Datenaufnahme sind wir vor einiger Zeit über einen sehr tragischen Eintrag gestolpert, der uns einiges zu denken gegeben hat. Einige der Gedanken möchten wir gern mit Ihnen teilen:

Sehr unglücklicher Unfall_1803_Seite 90Donnerstag den 21. Juni 1803 wurde Susanna Dorothea Louise, Meister Christian Gottfried Schmuntsch, Bürger und Schneiders Tochter beerdigt. Gestorben Montag den 18. Juni um 12.30 Uhr morgens, an den Folgen einer Kopfwunde, Alter: 9 Monate 2 Wochen und 2 Tage, frey, 719 Schmerstraße.

Wie auch schon in dem Eintrag zur Krebsoperation, erscheint dieser Eintrag auch harmlos, wäre da nicht die Notiz, die noch hinzugefügt wurden ist:

Die Mutter trug dieses Kind im Mantel, und aus der Höhe fiel von dem Suffischen Hause auf dem Markte ein Stein dem Kinde auf dem Kopf, spaltete die Hirnschale, daß Gehirn heraus quoll. Noch 4 Wochen lebte von dem Tage an das Kind unter den Händen des treuen Arztes. Es starb gewiß zu seinem eigenen Besten. Zu Anfang war das Kind sinnloß, die lezten Tage ihres Lebens aber bekam es wieder seinen Verstand.

Ein wahrhaft tragischer Unfall, oder? Das dachten wir auch zuerst, aber dann haben wir unseren Gedanken freien Lauf gegeben und haben noch ein Mal genauer in die Notiz geschaut. Dabei stellten wir uns die Frage, wieso nur das Kind bei dem Unfall verletzt wurde und kein Wort über die Mutter verloren wird. Wenn so ein Stein aus der Höhe fällt, müsste dann auch die Mutter verletzt werden und nicht nur das Kind. Dass sie aber mit keinem Wort erwähnt wird ließ uns stutzen. Eine mögliche Erklärung wäre, dass in der frühen Neuzeit gern solche „Unfälle“ als Ausrede genommen wurde, wenn das Kind unerwünschter weise umgebracht wurde. Dieses „himmeln“ war eine Alternative zum offenen Kindsmord, auf dem hohe Strafen standen. Unfälle ließen sich, aufgrund fehlender und noch nicht entwickelter forensischer Untersuchungen meist nie als Mord entlarven. Wir wissen nicht, ob die Familie Schmuntsch viele Kinder hatte und ob dieses Kind wirklich unerwünscht war oder nicht.  Bleibt nur die Frage, in wie weit dieser Fall in das Reich der Spekulationen eingeordnet werden kann und was daran Realität ist. Wir werden es wohl nie erfahren.

8. August 2013
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Tod nach einer Krebsoperation

Wie der Titel es vermuten lässt, wollen wir heute eine Art des zu todekommens näher betrachten, von dem Sie sicherlich nicht dachten, dass es das auch schon in der Vorzeit gab. Krebs ist eine sehr alte Krankheit und ein ultimatives Todesurteil in der Geschichte gewesen. In der  Frühen Neuzeit behandelte man den Krebs mit einer Operation. Dass die nicht immer gut ausging, beweist unser nächster Eintrag:

Mittwoch den 4. Frau Charlotte Nothin, Herr Friedrich Albanius, Bürger und Bürgermeister in Eisleben Uxor. Gestorben Montag den 2. um 1 Uhr matura am Nervenfiber, alt 53 Jahr freie Schule, 35 am Clausthor. Notem: diese Frau hatte den Krebs an der Brust, ließ sie sich gelassen ablösen, bekam aber Inflamation, und der Brand endete ihr Leben.

Krebs als Bezeichnung für diese Art von Krankheit, kommt aus dem Altgriechischen und wird abgeleitet von karkínos (καρκίνος). Denn wenn man sich so ein Geschwür anschaut, dann sehen die Venen die zum Geschwür hinlaufen, aus wie die Beine eines Krebses und der Körper des Tieres wurde mit dem Geschwür selbst gleichgesetzt, da es die selbe Form hat.

Brustkrebs wurde schon sehr früh dokumentiert. Die frühesten Aufzeichungen stammen aus der Zeit von 2650 v. Chr. aus dem alten Ägypten. Zu dieser Zeit wurden sie mit einem Brenneisen behandelt. Und er galt als nicht heilbar und war somit ein sicheres Todesurteil der Patientin. Die erste Operation bei Brustkrebs soll Leonidas aus Alexandria um 100 n. Chr. durchgeführt haben. Zur Blutstillung und Entfernung von Tumorresten nutzte er ein Brenneisen.

Dieses Beispiel zeigt uns, dass Krebs nicht wie man glauben könnte eine moderne Wohlstandskrankheit sei. Während unserer Datenaufnahme sind uns viele Menschen, die als an einer „Geschwulst“ gestorben sind, begegnet. Deshalb könnte man eher sagen, dank unserer fortgeschritteneren Medizin, erkennt man heute Krebs als solches und bekämpft ihn.

Das die Frau aber nicht ihrem Krebsleiden, sondern dem Wundbrand erlag, ist eine andere Sache. Wurde doch in der Medizin die Hygiene bis in die Mitte des 19. Jh. als nicht notwendig erachtet. Viele Menschen sterben am Wundbrand oder vor allem Frauen nach der Entbindung, vor allem weil Sauberkeit nicht wirklich wichtig war. Heute wissen wir: „Hände waschen, hilft Leben retten!“

23. Juli 2013
nach Petra Kühne
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Die Saale – Lebensader der Stadt, Streitpunkt und Todesursache

Über die Saale kann man Gedichte lesen, Lieder singen und sich streiten. Vor allem in den letzten Tagen und Wochen wurde viel über den neu zu entstehenden Deich geschrieben und gesprochen. Da auch eine Verfasserin dieses Blogs unmittelbar von den neuen Deichbauarbeiten betroffen ist, wollen wir dies zum Anlass nehmen und in die Sterberegister schauen, was unsere hallesche Lebensader für Leichen im Keller hat.

Durch die Jahrunderte hinweg, sind die Menschen in der Saale ertrunken. Das taten sie zu meist freiwillig, unfreiwillig oder mutmaßlich (im Sinne von Mord). Keiner der Fälle die wir  während unserer Datenaufnahme gesehen haben, hat uns so sehr schockiert und mitgenommen wie dieser hier:

Danksagung für Jungfer Marien Christiane Voigt, Gottfried Voigt Arbeiter auf hiesigem königlichen Accisse-Packhofe älteste Tochter. Verunglückte den 21sten July im Saalstrom, und ist den 24sten July in Salzmünde begraben worden, Alter 15 Jahre und 11 Monate.

Diese Mitteilung wäre nicht weiter beunruhigend, wäre da nicht noch die lange Bemerkung dazu gegeben:

Nota: Drey Personen ertranken mit Einemmale. Die Voigten und die Frau Richtern harkten vom Grunde auf im Saalstrom mit der Harke, abgebröckeltes verstockest Holz auf. Der Voigten riß der Strom den Korb mit fort. sie wolte nach, wurde fortgerissen. Die Richterin wolte helfen und sank unter, der Richtern ihre 10jährige Tochter stand am Ufer, wolte aus Kindesliebe ihrer Mutter zur Hülfe eilen und hatte gleichs mit beyden. So ertranken diese dreyen. Gott! Du bist und bleibst uns für diese Zeit ein verlangender Gott, aber gerecht und heilig in deiner Regierung! Laß es, da wir es nicht faßen können, anbetend es bewundern. Und jenseits des Grabes, fällt der Schlage erst von unseren Augen, denn, den Rest sehen wir heller!

Sie sehen also, dass unser gemütlicher Fluß, der sich durch das Herz unserer Stadt schlängelt, durchaus mörderisch veranlagt sein kann. Dass auf einmal drei Frauen in ihm ertrinken, ist zum Glück auch eher selten. Heute ist niemand mehr darauf angewiesen sein Feuerholz aus der Saale zu bergen. Außerdem können mehr Menschen schwimmen als früher. Nichtsdestotrotz kann unsere Saale ungemütlich werden, was sie im Juni diesen Jahres mit dem Hochwasser leider bewiesen  hatte.

Was uns aber den Kopf schütteln lässt, ist dass nun mit dem neuen Damm die Saale in ihren Überschwemmungsflächen noch weiter beschnitten wird. Es dient, angesichts der mittlerweile schon sehr erhitzten Debatten in der Stadt, dem sozialen Frieden, wenn der Deichbau ohne Verlust von Retentionsraum entlang der jetzigen Trasse des Gimritzer Dammes erfolgt. Hochwasserschutz sollte mit Sinn und Verstand erfolgen und alle Bürger in den Blick nehmen. Wenn Sie auch so denken, können Sie das mit einer Unterschrift bei der Petition „Deichbau in Halle: ja! Aber ohne Verlust von Überschwemmungsflächen und Gefährdung von Bürgern!“ dokumentieren. Vielen Dank!

25. Juni 2013
nach Petra Kühne
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Der Frost steht ihr gut.

Hallo, da sind wir wieder! Nach einer kurzen (Zwangs-)Pause, verursacht durch das schlimme Hochwasser, das mit 8,10 m unsere schöne Stadt heimsuchte. Aber wir lassen uns nicht unterkriegen und wollen heute einen neuen Eintrag vorstellen.

Da heute wieder einmal ein frostiger Sommertag ist, der mit seinen dunklen Schwaden die Melancholie in den Menschen erweckt und bei uns die morbidesten Gedanken hervorruft, haben wir uns entschieden einen Eintrag für einen Wintertag vorzuziehen:

Danksagung für Frau Johanna Sophia Meyer, August Truthe, Fabrikarbeiter uxor. Vom Frost erstaret wurde sie bey Holleben Montag 10. Januar 1803 aufgehoben worden. Sie war noch am Leben, starb aber und wurde Mittwoch den 12. Januar in Holleben begraben, Alter 33 Jahre.

Es ist unklar, warum Frau Truthe sich auf dem Feld bei Holleben, das ungefähr 10 km von Halle entfernt liegt, aufhielt. Im 19. Jahrhundert gab es noch keinen Bus, keine Bahn und kein Fahrrad (das wurde erst 1817 in Form der Draisine erfunden), die  sie dort hätte hinbringen können und wenn man bedenkt, dass sie dort zu 90% erfror, dann bleibt nur der Schluss, dass sie dort hin gelaufen sein muss. Nun sagen sie mal ihrer Frau, dass sie ins 10 km entfernte Dorf laufen soll. Sie werden Unmut und Unverständnis ernten. Das zeigt uns also die Wandlung in unserem Denken und wie wir durch Technisierung größere Stecken in kürzerer Zeit überwinden konnten.