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Die Existenzweise der Referenz [REF]

[REF] verdeutlicht, unter welchen Umständen objektiviertes Wissen entstehen kann. Indem Bruno Latour das bildliche Beispiel einer Wanderung auf den Mont Aiguille anführt (74), zeigt er, wie sich eine wandernde Person mittels einer – sehr präzisen – Karte auf allen Wanderwegen zurecht finden und so ohne größere Schwierigkeiten den Berg erklimmen kann. In stetiger Korrespondenz zum Berg auf den sich die Karte bezieht, schafft sie Zugang (give access) zu einer entfernten Entität (remote entity), indem sie objektiviertes Wissen über diese bereitstellt.
Am Beispiel von solch Kartographien zeigt sich, wie Wissen durch Ketten von Referenzen (chains of reference) entsteht. Immer genauere Messungen mehrerer Generationen von Geolog_innen und Kartograph_innen ließen – immer aufbauend auf die vorigen – immer genauere Karten entstehen. Die Daten einer Messung, beispielsweise einer Distanz im Gelände, findet sich in der Karte in transformierter Weise wieder (bring back information). Eine Karte kann (und soll) zwar niemals ein völlig originalgetreues Abbild eines Berges sein (sie würde in keine Tasche passen), weshalb bei der Erstellung einer Karte immer auch Informationen verloren gehen (lose information), die für den Zweck der Karte (die Ermöglichung der Besteigung eines Berges) keine Relevanz haben (zum Beispiel die Einzeichnung einzelner Felsbrocken). Allerdings kann es bessere oder schlechtere Karten geben, abhängig von der Qualität der Messungsinstrumente und -methoden, den finanziellen Mitteln, der Erfahrenheit der Messenden usw. Mittels Ketten von Referenzen lässt sich Wissen prinzipiell unendlich ausdehnen (83), da beispielsweise eine Messung eines Weltraumteleskops Daten liefert, die transformiert bestimmte Aussagen über entfernte Galaxien ermöglichen.

Ein Beispiel für Wissen, das durch [REF] entsteht

Bei Parlamentswahlen werden mittels Ketten von Referenz, Aussagen über die politische Meinung einer Gesellschaft getroffen. Das symbolische Kreuz mit dem eine französische Bürgerin eine Partei wählt, wird mit tausenden weiteren Stimmen in einem Wahlkreis ausgezählt. Dass die Bürgerin zwar mit den meisten, nicht aber mit allen Aussagen der gewählten Partei übereinstimmte und ihre normalerweise bevorzugte Partei nur nicht gewählt hat, weil ihr deren Kandidatin unsympathisch war, geht bei der Messung verloren (lose information).
Die Stimmen aller Wähler_innen in einem Wahlkreis werden ausgezählt und ermöglichen Aussagen über die politische Meinung der Bewohner_innen dieses Kreises. Das Ergebnis wird weitergeleitet (bring back information) und zentral mit den Ergebnissen aller anderen Wahlbezirke Frankreichs verrechnet, wodurch „der politische Wille des französischen Volkes“ – eine entfernte Entität (remote entity) – erreichbar und zugänglich gemacht wird und in Wahlsendungen mittels Diagrammen und Prozentaussagen dargestellt werden kann. Dass ein Teil der zur Wahl Aufgerufenen nicht wählen gegangen ist und deren Meinung sich deshalb nicht in den Ergebnissen widerspiegelt, geht hier
wiederum verloren. Hat eine Partei 40% der Stimmen erhalten, bedeutet das, dass 40% der Personen, die gewählt haben, ein Kreuz an eine bestimmte Stelle gesetzt haben. Aber auch, dass diese 40% das Wahlprogramm dieser Partei für überzeugend hielt und mit den Aussagen (größtenteils) übereinstimmen.
Bei Wahlen wird im Sinne des Modus der Referenz [REF] mittels Millionen kleiner Messungen objektiviertes Wissen über den politischen Willen einer Gesellschaft bereitgestellt, wobei jedoch diverse Informationen über Intentionen der Wählenden usw. verloren gehen oder Ergebnisse sogar gefälscht werden können.

Verfasser: Max Heigermoser (max.heigermoser[at]posteo.de)

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