Die Literarische Welt ...

THOMAS MANN: WORTE AN DIE JUGEND

„Junge Leute!“ – Mit diesem direkten Appell wendet sich Thomas Mann 1927 an den geistigen Nachwuchs Deutschlands. Anders als viele seiner Zeitgenossen beklagt er nicht den Verfall der Jugend, sondern beschwört eine Gemeinschaft über Generationengrenzen hinweg. Sein eigentlicher Gegner ist nicht die Jugend, sondern der „Ungeist“.

Von Thomas Mann, in: Jg. 3, 1927, Nr. 1

Originalwerbung d. Ausgabe

Wir haben uns an eine Reihe namhafter Dichter und Schriftsteller mit der Bitte gewendet, zum Beginn des neuen Jahres an die jungen geistigen Arbeiter Deutschlands ein paar ernste, mahnende oder aufmunternde Worte zu richten.

Der Erfolg unserer Bitte war unerwartet groß. Wir hatten ursprünglich die Absicht, alle diese Beiträge in die Neujahrsnummer zu bringen. Das ist durch den Umfang, die Anzahl und die grundsätzliche Haltung der Beiträge unmöglich geworden. Wir werden also unter demselben Obertitel noch in den nächsten Nummern Beiträge folgender Autoren (in der zufälligen Reihenfolge des redaktionellen Einlaufes) veröffentlichen: Jakob Wassermann, Heinrich Mann, René Schickele, Josef Ponten und Samuel Sänger.

Die Redaktion der „Literarischen Welt“ fordert mich auf, zum neuen Jahre ein Wort an die geistig produktive Jugend Deutschlands zu richten, ein Wort der Ermunterung, wie sie es wahrlich nötig habe. Ich gestehe, daß mir davor graut, diesem bedrängten Geschlecht mit Worten des Sinnes „Kopf hoch!“ und „Durchhalten!“ zu kommen. Die Redensart „Leere Worte“ hat ihre Schrecken; und sind Worte nicht immer, schon als Worte, leer und billig, wenn es sich um Lagen handelt, wie die unseres Nachwuchses? Sie sind es in solchem Falle vielleicht weniger, wenn ihr Sinn auf Solidarität, auf Verständigung geht, statt auf „Ermunterung“: Scham mischt sich weniger peinlich ein alsdann, auch wenn der Redende, drei „Sozusagen“ vorausgeschickt, „fein heraus“ ist und „gut reden hat“.

Originalanzeige d. Ausgabe

Ihr habt es schwer, junge Leute? Gut, und das sollte Fremdheit und Trennung bedeuten zwischen euch und uns? Hätten wir gar keine Ahnung, was das heißt, es schwer haben, wo doch gerade hierin, es schwer zu haben, und in nichts anderem, unser ganzer Stolz und all unsere Ehre bestand, seit wir so jung waren, wie ihr heute? Mit dem, was man hilfloserweise „Talent“ nennt, im Leibe, hat man’s nie anders als schwer; „Talent“ und es schwer haben, es schwer haben wollen, ist ein und dasselbe; von Glück und fein heraus sein, ist nie viel die Rede dabei, sähe es noch so sehr danach aus, glaubt das doch niemandem, der im geringsten davon zu reden weiß!

Wir waren jung, das heißt spröde und innerlich. Unsere Leidenschaft hieß Erkenntnis und Form. Hier, in einer asketischen Wechseldurchdringung von Moral und Kunst, suchten wir jenes Heldentum, nach welchem es jede Jugend verlangt, in dem, was die Religionsphilosophie „innerweltliche Askese“ nennt. Dann stürzte die Welt auf uns zusammen, und ihre Katastrophe, für deren Nahen wir freilich nicht ohne Sensibilität gewesen waren, riß unsere Kräfte nach außen. Wir hatten zu bekennen, uns zu ordnen, uns zu berichtigen, uns zu bezwingen, und all dies immer unter der organisch-unzertrennlich damit verbundenen, der erschwerenden und ehrenvollen Bedingung der Form. Problematik und Form, das war uns die Bestimmung eines ehrenhaften, das heißt eines schweren, eines geistigen Lebens.

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Junge Leute! Gebt zu, gebt es aus Erfahrung zu, daß Problematik und Form als geheimnisvoll-unlösbare Verbindung, daß diese tyrannische und künstlerische Lebenskampfbedingung ganz einfach die Bestimmung des Geistigen ist – und wir haben einen Begriff, eine Liebe, einen Stolz gemeinsam, der alle Unterschiede sonstigen Lebensgefühles aufhebt und eine Solidarität zeitigt, vor welcher jede Fremdheit der Generationen zunichte wird.

Die Lage klärt sich, im Lande und in der Welt. Ein Zwei-Parteien-System tritt deutlicher und deutlicher hervor, das alle anderen Parteiungen abzulösen offenkundig bestimmt ist. Einander gegenüberstehen: die Partei der geistigen Menschen und die der ungeistigen, gegengeistigen. Denn Ungeistigkeit bedeutet in Zeiten wie diesen nicht Neutralität und Apathie vor dem Geist, sondern tierischen, wilden, irrsinnigen Haß auf ihn. Die Feindseligkeit der Partei der Ungeistigen gegen die unsrige — ich sage „die unsrige“, junge Leute, ohne Unterschied von jung und alt! — ist heute kaum noch einer Steigerung fähig. Die Parteidisziplin, die Solidarität dort drüben instinkthaft und unerquicklich vollkommen. Möge es auch bei uns, wenn es ums Ganze geht, was es heute fast immer tut, es an solcher Einmütigkeit, an solchem Zusammenhalten nicht fehlen lassen, möge es auch schwer fallen. Denn ich gebe zu, daß die Welt des Geistigen nuancierter, weniger einheitlich ist, als die der Gemeinheit, daß der Bruderkrieg recht darin zu Hause ist und sich vor Leidenschaft gebärdet, als gäbe es kein extra muros.

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Und doch! Ist es möglich, irgend etwas Geistiges, und sei es das Fremdeste, als wahrhaft feindselig zu empfinden? Hier wenigstens seht ihr einen, dem das nicht möglich ist, nie möglich war. Er möchte Goethe und Nietzsche seine Erzieher nennen dürfen, und also, zum Beispiel, ist das Pfäffische ihm fremd. Wo aber das Pfäffische als Geist und Form auftritt, wie etwa bei Claudel, oder beim dicken Chesterton, oder jetzt bei diesem verteufelten Bernanos, — da wahrt er zwar Vorbehalte, wahrt seine Lebensform, ist aber feindseliger Reaktion aus dem simplen psychologischen Grund nicht fähig, weil er die Aktion im letzten Grunde als freundwillig-verwandt empfindet, sich einfach nicht ernstlich angegriffen fühlt, — und obendrein in tiefster Seele überzeugt, daß dieser Liberalismus, der natürliche Liberalismus des Geistes, der Retter der Welt sein wird und nicht die Entschlossenheit, und nicht der Terror.

Ich glaube, ihr habt Begriff und Pathos der „Entschlossenheit“ eine Weile zu sehr geliebt. Etwas grausam Ästhetisches darin bezauberte euch, obgleich ihr das Ästhetische wissentlich kaum sehr hoch achtet. Und doch ist „Entschlossenheit“ nur ein stolzes Knabenspiel im Vergleich mit der Freiheit, der echten, männlichen, der Freiheit des Geistes, aus welcher eine höhere, übergeordnete Entschlossenheit erwächst, zu der alles schwören kann, was des Geistes ist, — wir alle in den Nationen und Generationen, die wir zwar sehr Verschiedenes wollen und können, aber doch alle zusammen eines nicht wollen: daß die Dummheit unserer spotte und das Leben ihrem wüsten Griff überantwortet werde oder bleibe.

Das ist das Wort der Solidarität und der Verständigung, das ich sagen wollte.

Thomas Mann fordert Solidarität aller „geistigen Menschen“ gegen den „Ungeist“. Doch wer entscheidet, was oder wer zum Geist gehört? Birgt diese Grenzziehung die Gefahr neuer Ausgrenzungen? Oder hilft sie uns, Gemeinsamkeiten über die Generationsgrenze hinweg zu finden?
1927 liegt die NSDAP bei Reichstagswahlen noch deutlich unter drei Prozent. Wenn Thomas Mann von „Ungeist“, „Haß auf den Geist“ und der Notwendigkeit spricht, Kultur und Vernunft zu verteidigen, liest sich das rückblickend fast wie eine Vorahnung der politischen Entwicklung, die wenige Jahre später zur Machtübernahme der Nationalsozialisten führt.