Die Literarische Welt ...

WAS EIN HÄKCHEN WERDEN WILL…

Schlechte Noten, Prügel und Lehrer, die nicht an sie glaubten: 1925 verrieten berühmte Deutsche ihre Schulzeugnisse. Überraschend dabei: Nicht alle Genies waren Musterschüler. Manche scheiterten gerade dort, wo später ihre größte Stärke lag.

Berühmte Deutsche über ihre Schulzensuren

HEINRICH MANN GERÄT AN PROFESSOR UNRAT

Im deutschen Aufsatz hatte ich nicht selten die Zensuren gut oder sehr gut. Einst aber gelangte ich in die Klasse eines Oberlehrers, der an mich schon längst nicht glaubte und keinen lieberen Wunsch hatte, als festzustellen, es sei doch nichts mit mir. Was ihm denn auch spielend gelang. Jenen späteren Kritikern, die sich dasselbe gewünscht hatten, gelang es ebenso.

LEONHARD FRANK UND DIE URSACHE SEINER „URSACHE“

Ich bekam nur im Turnen die Note „sehr gut“ und zeigte im Kopfrechnen, wie mir scheint, nur deshalb Begabung, weil es mir körperlich so angenehm war, den Zeigefinger mit der gelösten Aufgabe an der Spitze über zwei Bänke vor kathederwärts zu stoßen. In allen anderen Fächern hatte ich schlechte Noten.

Auswendig zu lernen, vor allem die vielstrophigen Gesangbuchlieder, war mir unmöglich. Wegen des Liedes „O Haupt voll Blut und Wunden“ bekam ich ein ganzes Schuljahr hindurch immer wieder Prügel.

Das größte Interesse hatte ich an der biblischen Geschichte. Wenn der Lehrer vorlas, sah ich. Ich sah, wie Abraham auf einem Wiesenhügel kniete, Isaak im Schoße, und das lange Schlachtmesser schon ansetzte. Der krummgehörnte Widder hing krummgebogen in der Hecke. Eine dunkelgrüne Hecke ohne Heckenrosen. Es war neblig. Wenig Sonne: ein frischer Herbstmorgen. Ich hatte große Angst, Abraham könnte den Widder nicht rechtzeitig entdecken. Auch später habe ich nicht begriffen, daß jemand ruhig sein konnte, wenn er so sicher war, wie in Abrahams Schoß.

Jakob und Esau standen in ausgewaschenen, blauen, knielangen Blusen mit Ledergürtel neben dem Misthaufen. Im Hintergrund, zwischen hohen Bäumen, war eine hohe Mauer. Da wohnten die Eltern. Was ein Erstlingsrecht ist, wußte ich nicht. Ich konnte verstehen, daß Esau sein Erstlingsrecht für ein Linsengericht hingab. Ich aß Linsensuppe sehr gern. Ich sah einen Emailteller voll Linsensuppe mit den Schalen, dazwischen kleingeschnittene mitgekochte Zwiebel. Dennoch kam mir der Handel nicht anständig vor. Nur weil Esau ein bißchen leichtsinnig war, ihn so reinzulegen, ging nicht an. Er hätte wenigstens einen Monat lang wöchentlich zweimal Jakobs Linsensuppe bekommen müssen.

Wir bekamen öfters Aufsatzthemen aus der biblischen Geschichte. Aber der Gedanke, das zu beschreiben, was ich sah, kam mir gar nicht. Daß Jesus aus zwei Broten und vier Fischen ein Frühstück für fünftausend machte, hielt ich für ganz ausgeschlossen. Ich sah nicht, wie er das machte. Was wäre mir geschehen, wenn ich geschrieben hätte, daß meiner Meinung nach Jesus’ Jünger die Eßwaren schon in der Nacht vorher hinausgeschafft haben mußten? Das Einsammeln der Brocken sah ich genau. Daß viel übrig bleibt, wenn fünftausend essen, war selbstverständlich. Je zwei Jünger trugen von Gruppe zu Gruppe einen Waschkorb, wie wir einen zu Hause hatten.

Ich bin an einem Flusse aufgewachsen und bin mehrmals beinahe ertrunken und auch einmal für tot meiner Mutter heimgebracht worden. Kleinmütig oder nicht: mir konnte niemand weismachen, daß man auf Wasser gehen könne. Da hatte Jesus von Petrus zuviel verlangt.

Nur ein einziges Mal wagte ich es, in einem deutschen Aufsatz meine Meinung zu sagen. Ich wurde persönlich. Wir hatten einen Schulausflug durch den Wald ins Dorfwirtshaus gemacht und diesen Ausflug als Aufsatzthema bekommen. Ich war im Walde sehr ausgelassen gewesen. Der Lehrer hatte mich — „erstens bist du ein untauglicher Esel, zweitens warst du frech und drittens hast du ja sowieso kein Geld“ — nicht mit ins Wirtshaus gehen lassen. Ich gab meinem Aufsatz den Untertitel „Sowieso“ und bekam dafür die Note 4 und die härtesten Prügel meines Lebens. Der zweiten Fassung gab ich den Titel „Die Ursache“.

PROF. ALBERT EINSTEIN HAT SCHWIERIGKEITEN IN DER MATHEMATIK

Professor Albert Einstein erklärt, daß er in seiner Schulzeit stets der beste Mathematiker der Klasse mit der Note „sehr gut“ gewesen, dagegen als Student nur knapp um die mindere Zensur herumgekommen sei.

DER PHILOSOPH ERNST BLOCH HAT NUR AUS TURNEN EINE GUTE NOTE

Königl. human. Gymnasium, Ludwigshafen a. Rh.

Osterzeugnis für den Schüler der fünften Klasse Ernst Bloch

Betragen: gab vielfach zu Klagen Anlaß; Fleiß: ließ sehr zu wünschen übrig; Religion: 3–4; Deutsch: 3?; Latein: 3–4; Griechisch: 3–4; Turnen: 1

Anm. des Ordinarius: Dieser Schüler ist zwar Repetent, gleichwohl sind seine Leistungen so gering, daß es fraglich ist, ob er wenigstens in diesem Jahr das Ziel der Klasse erreichen wird.

Jg. , 1925, Nr. 1
Die Vorstellung, Schulnoten seien ein verlässlicher Indikator für späteren Erfolg, wurde schon vor 100 Jahren öffentlich hinterfragt. Wie viele Talente gehen verloren, weil sie nicht den Erwartungen ihrer Lehrer entsprechen? Die Erinnerungen von Mann, Frank, Einstein und Bloch werfen eine zeitlose Frage auf: Fördert Schule vor allem Anpassung oder erkennt sie auch ungewöhnliche Begabungen?
Körperliche Züchtigung war in deutschen Schulen damals selbstverständlich und wird von mehreren Autoren beiläufig erwähnt.