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20. Jun 2016

Simmel und das moderne Geldwesen

Verfasst von

Wilhelm Hankel ein deutscher Ökonom und Bankmanager schrieb einen Aufsatz über Simmel und das moderne Geldwesen, der 2003 in Georg Simmels Philosophien des Geldes – Aufsätze und Materialien veröffentlicht wurde.
Hankel teilt seinen Aufsatz in zwei Abschnitte. Zum einen sieht er Simmel als unzeitgemäß und zum anderen als zeitgemäß.
Unzeitgemäß aus Sicht der Zeitgenossen Simmels, da er den Gegensatz zwischen den sozialen Pflichten und privaten Ansprüchen deutlich macht. Geld ist nicht Herrschaftsmittel des Staates, sondern Kampfmittel der Individuen. Dieser Aussage schließt sich auch Hankel an. Ein weiterer Grund Simmel als „unzeitgemäß“ zu betiteln ist, dass er die Geldfunktion in den Fokus stellt. Also ob Geld als Vertragsgrundlage von den Geschäftspartnern akzeptiert wird. Daraus folgt, dass Geldqualität nicht vom Staat bestimmt wird, sondern von der Geld – Nachfrage. Diese Aussagen machen Simmel für uns heute mehr denn je aktuell. Er blickt auf eine Geschichte des Geldes mit vielen Katastrophen zurück. Aus diesem Grund beschäftigt er sich mit der Wirkung des Geldes. Ob und wie sich das Verhalten der Menschen ändert und wie sich dieses auf die Gesellschaft abfärbt. Somit wird die Einstellung zu Geld permanent beeinflusst und verändert. Simmel ist der Meinung, dass niemand zurück zur Zeit vor dem Geld will, denn

„Geldlos […] ist nicht das Paradies, sondern nur die Hölle.“

Ein Staat ohne Geldsystem kann nicht lang standhalten, da die Menschen auf das im Geld verankerte Recht auf private Lebensplanung und Zukunftssicherung bestehen.
Hankel meint dazu der Geldfortschritt blockiert den Sozialfortschritt, denn die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Dies wird durch den entstandenen Weltmarkt begünstig, denn durch diesen ist die Standortgebundenheit nicht mehr notwendig. Jedoch sind Menschen und Staaten nicht „standortlos“.

„Der Zuwachs an Marktmacht entmachtet notwendigerweise den Staat.“

Für uns zeitgemäß wird Simmel außerdem durch die von ihm neue Betrachtung der Zinsen am geldgesteuerten Kapitalismus; hierbei wird der Sparer zum Mit – Investor über Kapitalerträge und steigert das Wachstum der Volkswirtschaft.
Dies erläutert er in seinem zweiten Teil der Philosophie. Hierbei wird Geld als Vermögensspeicher (intertemporales Geld) gesehen. In Teil eins sieht er das Geld jedoch nur als Tauschmittel und Recheneinheit (interpersonales Geld).
Auf mich wirkt der Autor, als versuche er Simmel zu unterstellen seine Theorie auf Grundlage des Textes von Knut Wicksell erstellt zu haben. Dieser verfasste den Grundgedanken 1898. Dagegen spricht jedoch, dass dieser das Geldangebot und den Zins als entscheidende Einflussfaktoren für die Produktion und Preise sieht. Bei Simmel ist dies jedoch nicht ersichtlich.
Ich finde, dass im Werk selbst der Widerspruch zwischen zeitgemäß und unzeitgemäß erkennbar ist, denn Teil eins orientiert sich noch stark an der damalig vorherrschenden Geldtheorie. Erst durch Teil zwei erfolgt die Ablehnung der Zeitgenossen und die daraus resultierende Aktualität für uns.

Über Isabel Kampe

4 Kommentare

  1. Malte Hirschbach sagt:

    Auf mich wirkt der Text eher unwissenschaftlich und es scheint, als würde Hankel Behauptungen aufstellen die seiner Meinung nach richtig sind, ohne wirkliche Belege dafür zu liefern. Stattdessen schreibt er zwei mal, dass das so natürlich alles nicht bei Simmel stehe, es sich aber aus seiner Philosophie des Geldes herauslesen lasse. (S.256 u. S.260) Seine Wortwahl und Formulierungen scheinen mir oft doch sehr polemisch und übertrieben.
    Simmel behauptet u.A. „Die kommunistische Planwirtschaft musste den Wettkampf verlieren.“ und, dass die Erkenntnisse Simmels heute Tag für Tag aus neue bestätigt werden.

    Wenn Hankel die heutige Aktualität Simmels begründet, wirkt es auf mich als sei das, was Simmel behauptet haben soll, als eine Art Voraussage oder Prädestination zu verstehen, eine zwangsläufige Entwicklung, die nicht hätte anders verlaufen können. (S.261, S.254)

    Außerdem verstehe ich nicht, auf was Hankel hinauswill. Zusammenfassend sagt er doch nur, dass Simmel ein geiler Typ und „Vordenker gewesen sei und das trotz seiner „polyhistorischen Außenseiterrolle“, da ihn seine Zeitgenossen nicht verstanden haben. Aber anstatt zu erklären: Warum seine Zeitgenossen und auch spätere Leser ihn nicht verstanden haben, bezeichnet Hankel Theorien dieser Leser als, „fatale[n] (und selbstgerechten) Unsinn“.

  2. Malte Hirschbach sagt:

    Interessant an dem Aufsatz fand ich folgendes Zitat.
    „Die Gesellschaft selber wird durch und über den Geldgebrauch eine andere. Sie erschafft sich ihren eigenen Raum, ihre eigenen Werte, Gesetze und Verhaltenskodizes.“
    Dieses Zitat sowie einige andere Stellen erinnern mich an den 8. Aphorismus der zweiten Abhandlung aus Nietzsches „Genealogie der Moral“ von 1887, dort heißt es:

    „Das Gefühl der Schuld, der persönlichen Verpflichtung, um den Gang unsrer Untersuchung wieder aufzunehmen, hat, wie wir sahen, seinen Ursprung in dem ältesten und ursprünglichsten Personen-Verhältniss, das es giebt, gehabt, in dem Verhältniss zwischen Käufer und Verkäufer, Gläubiger und Schuldner: hier trat zuerst Person gegen Person, hier mass sich zuerst Person an Person. Man hat keinen noch so niedren Grad von Civilisation aufgefunden, in dem nicht schon Etwas von diesem Verhältnisse bemerkbar würde. Preise machen, Werthe abmessen, Äquivalente ausdenken, tauschen—das hat in einem solchen Maasse das allererste Denken des Menschen präoccupirt, dass es in einem gewissen Sinne das Denken ist: hier ist die älteste Art Scharfsinn herangezüchtet worden, hier möchte ebenfalls der erste Ansatz des menschlichen Stolzes, seines Vorrangs-Gefühls in Hinsicht auf anderes Gethier zu vermuthen sein. Vielleicht drückt noch unser Wort „Mensch“ (manas) gerade etwas von diesem Selbstgefühl aus: der Mensch bezeichnete sich als das Wesen, welches Werthe misst, werthet und misst, als das „abschätzende Thier an sich.“ Kauf und Verkauf, sammt ihrem psychologischen Zubehör, sind älter als selbst die Anfänge irgend welcher gesellschaftlichen Organisationsformen und Verbände: aus der rudimentärsten Form des Personen-Rechts hat sich vielmehr das keimende Gefühl von Tausch, Vertrag, Schuld, Recht, Verpflichtung, Ausgleich erst auf die gröbsten und anfänglichsten Gemeinschafts-Complexe (in deren Verhältniss zu ähnlichen Complexen) übertragen, zugleich mit der Gewohnheit, Macht an Macht zu vergleichen, zu messen, zu berechnen. Das Auge war nun einmal für diese Perspektive eingestellt: und mit jener plumpen Consequenz, die dem schwerbeweglichen, aber dann unerbittlich in gleicher Richtung weitergehenden Denken der älteren Menschheit eigenthümlich ist, langte man alsbald bei der grossen Verallgemeinerung an „jedes Ding hat seinen Preis; Alles kann abgezahlt werden“—dem ältesten und naivsten Moral-Kanon der Gerechtigkeit, dem Anfange aller „Gutmüthigkeit,“ aller „Billigkeit,“ alles „guten Willens,“ aller „Objektivität“ auf Erden. Gerechtigkeit auf dieser ersten Stufe ist der gute Wille unter ungefähr Gleichmächtigen, sich mit einander abzufinden, sich durch einen Ausgleich wieder zu „verständigen“— und, in Bezug auf weniger Mächtige, diese unter sich zu einem Ausgleich zu zwingen. —“

    Ich finde es interessant, dass Nietzsche diese Beobachtungen die stark mit der Geschichte der Wirtschaft und des Geldes zu tun haben, in einer Genealogie der Moral erwähnt. Er würde der These, dass das Geld die Gesellschaft und die Moral beeinflusst, also mit Sicherheit zustimmen.

    Es gab Überlegungen Simmels „Die Philosophie des Geldes“ „Die Psychologie des Geldes“ zu nennen, vielleicht wäre der Titel „Genealogie des Geldes“ auch eine Möglichkeit gewesen.

    • Stefanie Middendorf sagt:

      Hierzu vielleicht folgende Passage aus der „Philosophie des Geldes“:

      „Die völlige Unabhängigkeit des Geldes von seiner Genesis, sein eminent unhistorischer Charakter spiegelt sich nach vorwärts in der absoluten Unbestimmtheit seiner Verwendung.“ (S. 414)

      Er hätte es also vielleicht eher nicht Genealogie genannt. Aber die Diagnose seiner Zeit ist der Nietzsches in vielem ähnlich. Nietzsche wird auch verschiedentlich erwähnt, an dessen „ethischer Werttheorie“ wird dabei u.a. die starke Hierarchisierung von Werten und die Fixierung auf einen „höchsten“ Wert kritisiert (PhdG, S. 362).

  3. Stefanie Middendorf sagt:

    An Hankels Text verwundert tatsächlich, wie stark er bestimmte Vorstellungen aus Simmels Text „heraus-“ bzw. in ihn „hineinliest“. Das hat eine suggestive Wirkung, so dass sich seine eigenen Aussagen („Geldlos […] ist nicht das Paradies, sondern nur die Hölle.“) über die von Simmel legen.

    Er repräsentiert meines Erachtens aber eine bestimmte Art, gegenwärtig über Geldfragen zu sprechen, besonders dort, wo er die vermeintliche Entmachtung „des Staates“ durch „den Markt“ thematisiert und die damit verbundene problematische Preisgabe des Einzelnen an Marktbeziehungen. Die Annahme, es gäbe diese zwei Wesen (hier der Staat, dort der Markt) ist etwas, das sich erst im 20. Jahrhundert durchsetzt.

    Bei Simmel entdeckt man dies eigentlich kaum, dennoch erklärt sich das heutige Interesse an seinem Werk nicht zuletzt aus dieser gegenwärtigen Krisendiagnose.

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