Hallische Höllenqualen: Sterben in Halle

Gestorben wird IMMER!

25. Juni 2013
von Petra Kühne
Keine Kommentare

Der Frost steht ihr gut.

Hallo, da sind wir wieder! Nach einer kurzen (Zwangs-)Pause, verursacht durch das schlimme Hochwasser, das mit 8,10 m unsere schöne Stadt heimsuchte. Aber wir lassen uns nicht unterkriegen und wollen heute einen neuen Eintrag vorstellen.

Da heute wieder einmal ein frostiger Sommertag ist, der mit seinen dunklen Schwaden die Melancholie in den Menschen erweckt und bei uns die morbidesten Gedanken hervorruft, haben wir uns entschieden einen Eintrag für einen Wintertag vorzuziehen:

Danksagung für Frau Johanna Sophia Meyer, August Truthe, Fabrikarbeiter uxor. Vom Frost erstaret wurde sie bey Holleben Montag 10. Januar 1803 aufgehoben worden. Sie war noch am Leben, starb aber und wurde Mittwoch den 12. Januar in Holleben begraben, Alter 33 Jahre.

Es ist unklar, warum Frau Truthe sich auf dem Feld bei Holleben, das ungefähr 10 km von Halle entfernt liegt, aufhielt. Im 19. Jahrhundert gab es noch keinen Bus, keine Bahn und kein Fahrrad (das wurde erst 1817 in Form der Draisine erfunden), die  sie dort hätte hinbringen können und wenn man bedenkt, dass sie dort zu 90% erfror, dann bleibt nur der Schluss, dass sie dort hin gelaufen sein muss. Nun sagen sie mal ihrer Frau, dass sie ins 10 km entfernte Dorf laufen soll. Sie werden Unmut und Unverständnis ernten. Das zeigt uns also die Wandlung in unserem Denken und wie wir durch Technisierung größere Stecken in kürzerer Zeit überwinden konnten.

21. Mai 2013
von Petra Kühne
1 Kommentar

Halles Medizin … und was so dazu gehört

Seit Wochen steht der Streit um eine eventuelle Schließung der Universitätsklinik in Halle in der medialen Öffentlichkeit. Wir von „Hallische Höllenqualen“ wollen auch unseren Teil dazu beitragen, dem Kampf um den Erhalt der Klinik zu unterstützen.

In unseren Quellen lässt sich wunderbar die Fortentwicklung der Medizinischen Fakultät nachvollziehen. Hatten wir in dem Artikel über den Kaiserschnitt bereits das Accouchier-Haus, das als Vorläufer der Frauenkliniken gesehen werden kann erwähnt. So wollen wir unseren Blick heute auf einen anderen Teil der Fakultät richten:

der Anatomie.

Die Entstehung, bzw. Vergrößerung ist einer Familie zu verdanken: den Meckels.

Meckel? Richtig, so heißt eine Straße in dem Viertel an den Unikliniken in der Stadt. Johann Friedrich Meckel d.Ä. fing eine Sammlung von anatomischen Ausstellungsstücken bereits in Berlin an und als er starb musste die Sammlung schon etliche Stücke beinhaltet haben. Als sein Sohn Philipp Friedrich Theodor Meckel 1777 nach Halle kam und hier die Professur für Anatomie übernahm führte er die Sammlung fort. Da die Anatomie seit jeher die Beerdigung für die gespendeten Leichen übernahm, findet sich in den Akten immer wieder der Eintrag „kam auf die Anatomie“.

Unser Eintrag der Woche soll aber Philipp Friedrich Theodor selber gelten: 

Danksagung für Herrn Philipp Friedrich Theodor Mekel, königlich preußischer Geheimrath, Professor der Anatomie, ausübender Arzt und Pfänner. Gestorben Donnerstag den 17. Mai an Auszehrung, Alter 48 Jahre war 23 Jahre in Halle, stiftete viel Gutes und Montag den 21. Mai wurde auf hiesigem Gottesacker der Überrest seines Körpers beygesetzt. Das St. Ulrichs-Todenregister enthält das Mehrere.

Da unsere Quellen aus der Marienparchie stammen, haben wir nur eine Danksagung für ihn gefunden. Aber Meckel war so berühmt, dass er auch in der Marienkirche einen Eintrag bekam. Wenn Sie sich nun wundern: Warum den ausgerechnet der „Überrest seines Körpers“ bestattet wurde, dann können wir ihnen sagen, dass Herr Meckel nach seinem Tod, ein großer Wunsch erfüllt wurde: Johann Christian Reil ließ die Leiche sezieren und das Skelett Meckels in einen Schrank in die Meckelschen Sammlungen einpflegen. Dabei fand sich ein 13tes Rippenpaar an einem zusätzlichen Wirbel in der Wirbelsäule. So wurde Halles berühmter Anatom Teil seiner eigenen Sammlungen.

Das Werk Meckels wurde von seinem Sohn Johann Friedrich genannt der Jüngere  und seinem Prosektor Professor Carl Friedrich Senff fortgeführt. Ein Beispiel Eintrag für das Schaffen in und an der Anatomie ist folgender Eintrag aus dem November des Jahres 1809:

Donnerstag den 9. November wurde Carl Wilhelm, Friederiken Müllern unehelicher Sohn, gestorben Dienstag den 5. November um 2 Uhr früh an Krämpfen, beerdigt. Alter 2 Monate, frei, 76 und wurde dem Herrn Professor Senff zur Section zum Scelett übergeben.

Das Skelett des kleinen Carl Wilhelms findet sich bestimmt immer noch in den Meckelschen Sammlungen. Wenn Sie morbide und interessante Sachen mögen, dann empfehlen wir Ihnen die Sammlungen zu besuchen.

Einträge, dass Leichen der Anatomie übergeben wurden, finden sich häufig. Wir hoffen, dass dem auch in Zukunft so bleiben wird! In diesem Sinne: HALLE BLEIBT!!!

14. Mai 2013
von Katrin Moeller
Keine Kommentare

Schwarzer Tod 1681-1683

Epidemien sind bis ins 19. Jahrhundert hinein die schreckliche Geißel der Menschheit. Keine Seuche jedoch wütete so schrecklich wie die Pest. In Halle hinterließ die letzte Pestwelle im Jahr 1682/83 noch einmal schreckliche Spuren. Vermutlich ca. die Hälfte der hallischen Stadtbevölkerung starb wohl an den Folgen dieser Epidemie, am Ende sollen nur ca. 4000 Hallenser überlebt haben. Dies sagt sich nicht mehr so leicht dahin, wenn man Stunde für Stunde die zahllosen Namen der einzelnen hallischen Frauen, Kinder und Männer, ja ganzer Familien, eingegeben hat.

Heute werden Epidemien häufig schnell unter Kontrolle gebracht, indem die Ursprungsorte und Verbreitungswege von Krankheitserregern ausfindig gemacht werden. Retrospektiv sind vielleicht auch die Wege der letzten Pest rekonstruierbar. Erstes Pestopfer in Halle war die 34-jährige Margaretha Flemmig, Ehefrau des kurfürstlich-brandenburgischen Regimentsschalmeinpfeifers Paul Rottich. Soldaten brachten die Pest offenbar nach Halle. Die Frau starb am 24. Oktober 1681 und wurde umgehend ohne jede kirchliche Zeremonie bestattet. Die Pest griff dennoch sehr schnell um sich. Nur wenige Tage später starben die Jungfernmagd des Protonotars Wippermann und dessen gerade geborenen Zwillingsmädchen. Wir wissen noch nicht, welche Kontakte sie tatsächlich zu Margaretha Flemmig besaßen. Die Pest bahnte sich über diese ersten Opfer eine breite Schneise durch die gesamte hallische Bevölkerung.

Zahlreiche Verordnungen der preußischen Regierung reglementierten Reise- und Handlungsverbote sowie den Umgang mit Kranken und Toten. Ausnahmsweise lobte der Stadtrat sogar die Bemühungen des neuen Landesherrn. Diese und andere Maßnahmen der Stadt, wie die Anstellung von speziellen Pestärzten und Leichenträgern, trugen dazu bei, die Pest schließlich wirksam zu bannen. Die Toten wurden erst nachts aus den Häusern geschafft und auf der Stelle bestattet.

Aus früheren Zeiten überliefert die Sage hier noch drastischere Schritte der Prävention. Der Straßenname „Graseweg“ leitet sich von Geschehnissen in der Pestwelle 1350 ab. Hier sollen die ersten Pestopfer der Stadt in ihren Häusern eingemauert und ihrem Schicksal überlassen worden sein, damit sich die Epidemie nicht in der Stadt ausbreitete. Erst Jahre später wurde der nun von Pflanzen überwucherte Weg wieder geöffnet und daher „Graseweg“ genannt.

letzte Pestopfer

Das letzte Pestopfer im Marienviertel 1683 war der erst einjährige Johann Friedrich Gottwald, der mit seinen Eltern in der Kleinen Ulrichstraße lebte. Er starb am 2. März 1683.

7. Mai 2013
von Petra Kühne
Keine Kommentare

Mord an der Saale

Da Mord in den besten Kreisen vorkommt und in unserer verschlafenen kleinen Stadt sicher für viel Getratsche unter den Damen aller Altersstufen gesorgt hat, wollen wir Ihnen diesen Eintrag nicht vorenthalten:

 Marienkirche Sterberegister 1803, S. 92.

Donnerstag der 4. August 1803. Herr Ludwig August von der Knesebeck hochwohlgeboren. Aus Collborn im Lüneburgischen gebürtig, Lieutenant vom hiesigen von Renouard Regiment unter des Herrn Major von Griesheim Compagnie. Verunglückte und ertrank im Saalstrom hinter der Schleuße Mittwoch den 27 .- 28. Julius. Alter 25 Jahr. frei. Moritzburg.

Man sagt: Ein Kerl der mit ihm vorher gereiset war, hätte ihn beraubt, erschlagen und in den Saalstrom geworfen. Dem Gotte der alle Werke wieder Gerichte bringen, sei auch dieser Fall überlaßen.

30. April 2013
von Petra Kühne
Keine Kommentare

Die Leiden des jungen G. …

Etwas was uns immer wieder vor die Augen kommt, ist die Melancholie. Sie ist für den Tod vieler junger Menschen verantwortlich. So auch für diesen hier:

Marienkirche Sterberegister 1807, S. 203.

Montag 11. Mai 1807 Herr Grosse, kayserlicher Notarius aus Leipzig, entleibte sich aus Melancholie Sonntag 10. Mai zur Nachtzeit, alt ohngefähr 34 Jahr. frei. 229.

Selbsttötung ist in der Frühen Neuzeit immer noch ein Tabu-Thema, allerdings werden die „Selbstentleibten“ mittlerweile in die Sterberegister aufgenommen. Das war nicht immer so, leider wurden sie lieber unter den Teppich gekehrt, so dass niemand darüber reden brauchte. Denn die Selbsttötung war eine der schlimmsten Sünden, die es in den Augen der Kirche gab. Auf dem Stadtgottesacker, oder einem der neueren Friedhöfe, die bis dato entstanden sind, wurden solche zu Tode gekommenen allerdings nicht begraben. Wenn Sie sich nun fragen: „Tja, wo denn sonst?“ Dann empfehlen wir ihnen einen Spaziergang durch die Dölauer Heide. Mit etwas Glück werden sie dort über den Selbstmörder-Friedhof stolpern. Dieser ist heute zwar mehr oder minder verweist, aber ein Besuch in der Heide lohnt eigentlich immer.

Dieser Eintrag über einen Selbstmord ist vergleichsweise harmlos. Andere sind nicht so einfach zu lesen, da hier sehr blumige Beschreibungen zur Umschreibung des Delikts gefunden wurden. Meist wird als Grund für den Selbstmord Melancholie genannt. Gleichzusetzen ist dieses Krankheitsbild ungefähr mit einer handfesten Depression. Da aber Psychologen und Psychiater sich erst am Ende des 19. Jahrhunderts etablieren konnten, blieb sie unbehandelt. Wer sich aus Seelenschmerz daher nicht anders zu helfen wusste, griff trotz dieser Umständen zum letzten möglichen Mittel: Dem Selbstmord.

Auffällige/skurrile/morbide Einträge rund um das Enden des eigenen Lebens werden wir Ihnen natürlich nicht vorenthalten.

23. April 2013
von Petra Kühne
2 Kommentare

Tod durch Kaiserschnitt

Die junge Frau, die Thema unseres heutigen Eintrags ist, starb durch eine Praxis, die heute tausenden von Frauen und Kindern das Leben rettet:

den Kaiserschnitt!

Marienkirche Sterberegister 1807, S. 222.

Danksagung für Anna Maria Christiane, Peter Michael Lukian nachgelassene Tochter, verstarb an einem 12. Februar 1807 um halb 10 Uhr nachts im Accucheurhaus nach einem abgehaltenen Kayserschnitte und glücklicher Entbindung von einem Sohn, am Schlagfluss. Alter: 23 Jahre 5 Monate, Glaucha. Bemerkung: dieses ist die 2te Person die so nach einem Kayserschnitte starb. 

Kaiserschnitte wurden meistens an bereits verstorbenen Gebärenden vorgenommen, um entweder das Kind zu retten oder es getrennt von der Mutter bestatten zu können. Dass Mutter und Kind überleben, wurde ab der Frühen Neuzeit, wenn auch nur selten möglich. Ein Accouchierhaus war im Übrigen bereits ein Gebärhaus. Vor allem ärmere Einwohnerinnen Halles hatten hier die Möglichkeit, ihr Kind unter besseren hygienischen Bedingungen und mithilfe von Hebammen zur Welt zu bringen. Dafür mussten sie sich allerdings auch für Übungen zur praktischen Ausbildung von angehenden Ärzten zur Verfügung stellen.

Anna Maria Christiane war die zweite Frau in Halle, die nach einem Kaiserschnitt starb. Wer die erste war ist uns im Moment noch nicht bekannt. Wir werden aber die Augen nach ihr, in unseren Akten offen halten. Trotz der traurigen Mitteilung, dass die Mutter verstorben ist, freuen wir uns, dass das Kind überlebt hat, denn auch das war leider selten.

16. April 2013
von Katrin Moeller
Keine Kommentare

Aller Anfang … und so!

Den ersten Eintrag in unserem Blog widmen wir einer bekannten Persönlichkeit Halles:

Carl August Schwetschke (1756-1839)

Am 5. Februar 1806 hat Halles wichtigster Verleger der frühen Neuzeit seinen Sohn, Carl Eduard, begraben müssen:

Mittwoch 5ter Februar: Carl Eduard, Herrn Carl August Schwetschke, privilegierter Universitätsbuchhändler und Achtmann bei der Kirche Unser Lieben Frauen Sohn, gestorben Sonntag 2ter Februar um 10 ante meridiem an Auszehrung, alt 5 Jahre 6 Monate, freie Schule, 188.

Sterberegister Marienkirche Halle 1806 S. 178.

Carl Eduard, der nur 5 Jahre und 6 Monate alt werden durfte, starb an einem Sonntag den 2. Februar an Auszehrung, was man neuzeitlich als Kräfteverfall oder auch Tuberkulose lesen kann. Da sich die Familie Schwetschke seit 1781 in Halle wohnte, wurde Carl Eduard in Halle geboren. Beerdigt ist er mit großer Wahrscheinlichkeit im Schwetschkischen-Erbbegräbnis auf dem Stadt-Gottesacker im Bogen 36. Besuchen Sie ihn doch einmal, wenn sie zufällig dort in der Nähe sind.

In diesem kurzen Eintrag erfahren wir auch viel über Herrn Schwetschke selber. Nämlich, dass er bereits 1806 „privilegierter Universitätsbuchhändler“ war, und das bevor er 1820 den Gebauerischen Verlag von seinem früh verstorbenen Schwager übernahm. Darüberhinaus war er einer der acht Kirchenvorsteher der Marienkirche auf dem Markt von Halle. Fasst man das alles zusammen, dann kann man sagen, dass er, als er noch ein kleines Tier in der Stadt war, bereits schon ganz groß war.