Vom Wahrnehmen, Erinnern und Vergessen

Was uns Neurobiologie und Sozialpsychologie über die Geschichtswissenschaft lehren können.

Erinnerungen sind keine sonderlich zuverlässigen Quellen. Dies dürfte im Beitrag „War nun Glas im Essen oder nicht“, der sich mit widersprüchlichen Erinnerungen von Zeitzeug*innen auseinandersetzt, bereits deutlich geworden sein. Hier sollen nun die wichtigsten Erkenntnisse aus den beiden dort erwähnten Texten des Neurobiologen Wolf Singer und Sozialpsychologen Harald Welzer zusammengefasst werden. Beide erklären, was Historiker*innen aus Sicht ihrer jeweiligen Wissenschaft über die Zuverlässigkeit von auf Erinnerungen beruhenden Quellen wissen sollten.

Filternde Wahrnehmung

Mit dieser Grafik habe ich einen Visualisierungsversuch von Singers Ausführungen zur Wahrnehmung versucht.

Die Problematik zeigt sich bereits bei der Wahrnehmung, wie Wolf Singer erklärt: Da unsere Sinnesorgane nicht alles aufnehmen können, was um uns passiere, werde dabei immer ausgesiebt. Und selbst von dem Aufgenommenen gelange nicht alles in unser Bewusstsein; manches werde auch unbewusst vom Gehirn verarbeitet. Es wirke sich jedoch sowohl das Bewusste als auch das Unbewusste auf unser Handeln aus. Dies könne dazu führen, dass – sollte sich unser Handeln nicht durch in unser Bewusstsein Vorgedrungenes erklären lassen – wir uns nicht zutreffende Deutungen dafür konstruieren. Unser Bedürfnis danach für alles plausible Begründungen zu finden, sei also oft eine Ursache für Fehlwahrnehmung. Wahrnehmung ist somit immer auch Interpretation.

Die Wahrnehmung von einfachen Vorgängen unterscheide sich bei den meisten Menschen kaum, da die ablaufenden Prozesse bei ihnen ungefähr übereinstimmen. Werde das Beobachtete jedoch komplexer, sehe dies ganz anders aus. Dann spielen unsere früheren Erfahrungen und Erlebnisse eine größere Rolle.

So können zum Beispiel Interpretationen von Verhaltensweisen, die in unserem persönlichen Umfeld zustimmen, woanders komplett an der Wirklichkeit vorbeigehen. Ein interessantes Beispiel dafür sind frühe Berichte von europäischen Entdecker*innen über das Zusammentreffen mit anderen Kulturen, in denen beispielsweise die Wahrnehmung der Anderen als „Wilde“ absolut nicht zutraf. Wir haben somit die Eigenart, Gegebenheiten anzunehmen, die uns einfache Erklärungen erlauben.

Besonders problematisch ist in solchen Fällen, daß die Beobachter ihre Konstruktionen natürlich als zutreffende, unmittelbare Wahrnehmung erleben und nicht als relativierbare Interpretationen und es deshalb für den Exegeten nahezu unmöglich ist herauszufinden, was tatsächlich der Fall war.

Singer, Wahrnehmen, Erinnern, Vergessen, S. 6

Weiterführendes und Empfehlungen:

  • Wie eingeschränkt unsere Wahrnehmung ist und dass sich unsere Aufmerksamkeit leicht lenken lässt, zeigen uns die Tricks von Zauberern oder auch solche Videos: „selective attention test
  • Im Video „So habt ihr Farbe noch die gesehen“ von Mailab wird außerdem klar, wie sehr sich die Wahrnehmung je nach Kultur, in der wir aufgewachsen sind, unterscheiden kann. So nehmen bspw. Menschen aus dem Himba Stamm in Namibia andere Farben wahr als die meisten anderen Leute, obwohl wir in der Regel alle die gleichen Farbrezeptoren haben.

Unbeständige Erinnerung

Eng mit der Wahrnehmung verknüpft ist das Kurzzeitgedächtnis, so die weitere Erklärung des Neurobiologen: Dorthin gelange logischerweise nur bewusst Wahrgenommenes. Die Kapazität unseres Kurzzeitgedächtnisses sei jedoch begrenzt. Da es anscheinend kaum möglich sei, mehr als sieben Dinge gleichzeitig präsent zu halten, stützen wir uns in der Interpretation von Ereignissen und deren Beziehungen auf nur wenige Fixpunkte. Wie schon bei der Wahrnehmung müsse diese Interpretation nicht zutreffen.

Damit wir uns länger an ein Erlebnis erinnern können, werde schließlich das Wahrgenommene und deren Interpretation in das episodische Gedächtnis überschrieben. Es könne jedoch sehr lange dauern, bis sich die Erinnerung in diesem Teil des Langzeitgedächtnisses richtig gefestigt habe. Bis dies abgeschlossen sei, können sich die Erinnerung noch durch Einflüsse wie neue Erlebnisse und Erkenntnisse verändern oder auch durch Krankheiten oder Drogenkonsum ganz verloren gehen.

Diese Grafik stellt die Prozesse dar, die laut Singer beim Erinnern und Festigen von Erinnerungen ablaufen.

Doch selbst wenn es die Erinnerung in das Langzeitgedächtnis geschafft habe, sei ihre Verformung noch lange nicht vorbei. Nach Singer legen recht neue Erkenntnisse der Neurobiologie nahe, dass es einer erneuten Wahrnehmung gleicht, wenn wir Erinnerungen aufrufen. Durch das Erinnern werden demnach die bereits gefestigten Gedächtnisspuren wieder instabil und der Festigungsprozess beginnt erneut. Zusätzlich werde die ursprüngliche Erinnerung von der neuen Interpretation überschrieben, wobei der Kontext des Erinnerns mit einfließe. Erzählen wir also jemandem von unseren Erlebnissen, erinnern wir uns danach nicht mehr an das ursprünglich Abgespeicherte, sondern nur noch an die erzählte Version. Die sich erinnernde Person nehme die neue Fassung jedoch immer noch als authentische Ersterinnerung wahr.

Unsere Gehirne versuchen also ständig ein stimmiges Gesamtbild zu konstruieren. Meist lässt sich im Nachhinein nicht mehr voneinander trennen, was tatsächlich wahrgenommen wurde und was später hinzukam, so der Neurobiologe.

Was schon für die Mechanismen der Wahrnehmung zutraf, scheint also in noch weit stärkerem Maß für die Mechanismen des Erinnerns zu gelten. Sie sind offensichtlich nicht daraufhin ausgelegt worden, ein möglichst getreues Abbild dessen zu liefern, was ist, und dieses möglichst authentisch erinnerbar zu halten. Vielmehr scheint es darauf anzukommen, auszuwählen, um sparsam mit Speicherplatz umzugehen und die Lücken durch Rekonstruktionen auszufüllen.

Singer, Wahrnehmen, Erinnern, Vergessen, S. 10

Verschmelzende Erinnerung

Der Sozialpsychologe Harald Welzer lässt in seinem Beitrag außerdem bedenken, dass wir uns nicht nur an tatsächlich Erlebtes erinnern, sondern auch an Dinge, über die wir mit anderen gesprochen, die wir gelesen oder in Filmen gesehen haben und denen wir nur in unseren Träumen oder in unserer Vorstellung begegnet sind. Manchmal vermische sich dies mit unseren tatsächlichen Erinnerungen.

Zum Beispiel die Mehrgenerationenstudie „Opa war kein Nazi“, an der Welzer mitarbeitete, zeigt Beispiele, in denen Filmsequenzen und andere mediale Erzeugnisse in autobiografische Erzählungen integriert wurden, ohne dass sich die Erzählenden selbst darüber bewusst waren. So habe zum Beispiel ein Zeitzeuge Elemente der Kindergeschichten von „Max und Moritz“ in seine Erlebnisse mit eingebaut. Dieses Phänomen wird Quellen-Verwechslung oder auch Quellen-Amnesie genannt.

Gelegentlich werden laut dem Sozialpsychologen sogar Erinnerungen erschaffen, die überhaupt nichts mit der eigenen Lebensgeschichte zu tun haben. Als Beispiel dafür nennt er Benjamin Wilkomirski, der 1995 im Buch „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948“ über seine Kindheitserfahrungen im Konzentrationslager schrieb. Später kam heraus, dass Wilkomirski in Wirklichkeit Bruno Dössekur heißt und nie etwas mit dem Holocaust zu tun hatte. Er hatte sich seine Opfer-Identität komplett zusammen fantasiert und glaubte offenbar selbst daran.

Auch Verzerrungen von Erinnerungen finden oft statt. Zur Veranschaulichung zieht Welzer ein Experiment von Frederic Barlett heran. In diesem wurde Studierenden eine Geschichte aus einer anderen Kultur erzählt, die für sie ungewöhnlich war. Die Nacherzählungen wurden immer kürzer, moderner und nach westlichen Kriterien logischer. Elemente wie Gegenstände, Namen und sogar das Wetter wurden an einheimische angepasst. Dies zeige unsere Neigung, Geschichten mit einem eigenen Sinn auszustatten.

Evolutionär betrachtet ist Gedächtnis ohnehin nichts anderes als das Vermögen von Organismen, sich an sich verändernde Umwelten anpassen zu können, indem sie auf gespeicherte Muster von Reaktionen auf Reize zurückgreifen können. Gedächtnis dient der Bewältigung von Gegenwartsanforderungen; der Bezugspunkt von Erinnerungen liegt also weniger in der Vergangenheit als in Gegenwart und Zukunft.

Welzer, Die Medialität des menschlichen Gedächtnisses, S. 17
Wie sich Erinnerungen durch das wiederholte Aufrufen und darauffolgende Überschreiben ins Langzeitgedächtnis verändern können, soll diese Grafik visualisieren.

Unwiderrufliches Vergessen?

Welzer geht davon aus, dass Erinnerungen schließlich verschwinden, wenn sie zu lange nicht in Anspruch genommen werden. Der Neurobiologe Singer ist dahingehend jedoch optimistischer: Er meint, dass einmal Gespeichertes vermutlich nie unwiderruflich verloren geht. Auch wenn sich manches irgendwann dem Bewusstsein entziehe, könne es doch einflussreich bleiben und sich auf zukünftige Verarbeitungs- und Speicherprozesse auswirken. Spannend sei in diesem Zusammenhang auch das Verdrängen, also das aktive Vergessenwollen.

Doch was bedeutet dies alles nun für die Geschichtswissenschaft? Die folgenden beiden Zitate fassen Welzers und Singers Antworten auf diese Frage zusammen und beenden diesen zugegebenermaßen recht lang gewordenen Beitrag. Teilt in den Kommentaren gerne auch eure Gedanken dazu.

Zur Geschichte gehören nicht nur die Wirklichkeiten, die aus der dritten Person Perspektive behandelt werden können, die Vorfälle selbst, sondern auch die Phänomene, die erst durch die reflektierende und konstruktivistische Tätigkeit unserer Gehirne in die Welt kommen – die Wahrnehmungen, Berichte, Erinnerungen und Beurteilungen von Zeitgenossen und deren Nachfahren, und nicht zuletzt auch die Feststellungen der nachforschenden Historiker. […] Und so wird jeweils in die Geschichte als Tatsache eingehen, was die Mehrheit derer, die sich gegenseitig Kompetenz zuschreiben, für das Zutreffendste halten. Unbeantwortbar bleibt dabei, wie nahe diese Feststellungen der idealen Beschreibung kommen, weil es diese aus unserer Perspektive nicht geben kann.

Singer, Wahrnehmen, Erinnern, Vergessen, S. 12

Man könnte sagen, jede Gegenwart, jede Generation, jede Epoche schafft sich jene Vergangenheit, die für ihre Zukunftsorientierungen und -optionen den funktional höchsten Wert hat. Mit einem Gedächtnis, das immer dasselbe immer auf dieselbe Weise erinnert, wäre das nicht möglich.

Welzer, Die Medialität des menschlichen Gedächtnisses, S 26

Literatur:

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