Hemden, Zeichen, Flugblätter – Welche Geschichte erzählst du denn da?

Eine Geschichte des Widerstandes junger Leute gegen das Naziregime.

von Richard, Karl und Paula

Stell dir vor: So gut wie all deine Freunde, Bekannten und Verwandten sind offenkundig Unterstützer*innen des vorherrschenden totalitären Systems. Du hast davon aber genug und schaffst es 4 Freunde zu überreden dich im Widerstand gegen dieses System zu unterstützen.

Falls du hier sofort an Nazi-Deutschland und an eine der Widerstandsgruppen (wie z.B. Weiße Rose) denkst: Du hast dieses Gedankenspiel richtig zeitlich datiert. Ähnlich wie der Kommentar von Sören und Sebastian wendet sich dieser Blogeintrag dem Comic “Nieder mit Hitler – oder warum Karl kein Radfahrer sein wollte“ zu, welcher auf einer wahren historischen Begebenheit basiert. Der Comic erzählt die Geschichte des Widerstandes von jungen Leuten mit sehr unterschiedlichen Hintergründen, die – ursprünglich auch in der Hitlerjugend aktiv – sich aus eigenem Antrieb gegen das Naziregime wendeten. Dieser Blogeintrag soll den Comic nach der 2. Analyseebene Gerhard Pauls (siehe #3 – Visual History und Comics) genauer betrachten: Auf welche gestalterischen Elemente und/oder Zeichen wurden zurückgegriffen um diese historische Geschichte zu erzählen?

Die Autoren griffen bei der Gestaltung des Comics auf verschiedene Symbole zurück, die in den Lesenden den Eindruck wecken, dass es sich um eine historische Geschichte handelt. Das beginnt bei der Vorstellung der Charaktere. 

Die fünf Freunde betrachten ein Stück Papier in Jochens Händen. Quelle: Eshrat, Hamed und Voit, Jochen „Nieder mit Hitler. Warum Karl kein Radfahrer sein wollte“ (2018, Berlin), S.80.

Die Kleidung der fünf Charaktere – Karl, Jochen, Helmut, Joachim und Gerd – fällt durch den altmodischen Stil auf. Die Jugendlichen tragen Hemden, Helmut trägt sogar einen karierten Pullunder. Unvorstellbar heute eine Jugendgruppe im Park zu treffen, die sich zum Chillen in ihren weißen Hemden trifft. Auffällig sind auch die Frisuren der Freunde, sie tragen kurzes Haar, das zu einem ordentlichen Seitenscheitel gekämmt wurde. 

Auch das auf dem Foto abgebildete Blatt Papier, um das sich die fünf versammeln, deutet auf eine Zeit vor der Digitalisierung hin.

Wie auch die detailreichen Zeichnungen der Besitztümer der Freunde. Allein in diesen drei Zeichnungen, finden sich drei analoge Gegenstände, die heute durch digitale Äquivalente ersetzt sind: Karls Schreibmaschine, Jochens Armbanduhr und sein Schallplattenspieler.

Zu sehen ist ein Schreibtisch, auf diesem befindet sich die Schreibmaschine und ein handgeschriebener Flyer. Das Bild daneben bildet ein kurzes Gespräch zwischen Jochen und Karl ab. Das letzte Bild zeigt die kratzende Schallplattennadel. Quelle: Eshrat, Hamed und Voit, Jochen „Nieder mit Hitler. Warum Karl kein Radfahrer sein wollte“ (2018, Berlin), S. 83.

Durch die Abbildung von politischen Symbolen, genauer die Abbildung von Hakenkreuzen, können die Lesenden die Erzählung direkt in die Zeit der NS-Diktatur einordnen. Die Zeichner bilden die Hakenkreuze im Alltag der Figuren ab. So sehen wir Lesenden sie auf HJ-Uniformen, die Joachim beispielsweise auch bei den privaten Treffen der Jugendgruppe trägt. Auch die charakteristischen roten Banner auf dem öffentlichen Sportplatz deuten auf die offenen Symbole der Nazionalsozialisten im Stadtbild hin. 

Etwas subtiler ist das Motiv der fliegenden Flugblätter. Dieses dürfte viele unterbewusst an filmische Umsetzungen von berühmten Flugblattaktionen erinnern, wie beispielsweise denen der weißen Rose. Auch das sicherlich von einem reellen Foto abgezeichnete schwarz-weiß-Bild von Subhas Boses, einem Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, welches in „Jochens Bude“ die Wand schmückt, transportiert den Flair einer Zeit, in der politische Vorbilder oder auch Führer für die Menschen von großer Bedeutung waren. Das in Privatwohnungen aufgehängte Foto des politischen Idols ist ebenfalls ein immer wieder in historischen Dokumentationen oder Spielfilmen auftauchendes Motiv – nicht nur wenn es um die NS-Zeit geht.

Diese Doppelseite zeigt die Zeichnung einer historischen Straßenbahn vor dem Erfurter Dom. Im Vordegrund flattern Flyer durch die Luft. Quelle: Eshrat, Hamed und Voit, Jochen „Nieder mit Hitler. Warum Karl kein Radfahrer sein wollte“ (2018, Berlin), S. 90, 91.

Subhas Boses Foto ist jedoch nicht das Einzige, was im Comic von realen Fotos inspiriert scheint. Die Zeichnungen der Hintergründe im Comic, wie der zerstörte Straßenzug, der Sportplatz und die Ruine, wirken generell sehr realistisch – viel realistischer als die Zeichnungen der Jungen, die im Comicstil eher vereinfacht dargestellt sind. Dieser Eindruck verstärkt sich noch durch den geschickten Übergang vom Comic zum darauffolgenden informierenden Teil: Auf das Motiv des letzten Comicbildes – die Straßenbahn vor dem Erfurter Dom und herumflatternde Flyer, die in unbemerkten Momenten von den Jungen aus den Bahnfenstern geworfene wurden – folgt direkt das historische Foto von dem diese Zeichnung ganz offenbar inspiriert ist. Bis auf die Flyer zeigt es dasselbe Motiv und so gelingt ein fließender Übergang von der literarischen Erzählung in die Realität. Ein übrigens sehr passender Moment für den Übergang. Das halboffene Ende animiert dazu, direkt weiterzulesen. Die Flyeraktion war zwar gelungen, doch die Lesenden wissen noch nicht, welche Konsequenzen sie für die junge Widerstandsgruppe hatte.

Dies erfahren sie direkt nach dem Straßenbahnfoto in einem Informationstext. Danach erwarten sie noch kurze biografische Texte zu den Jungen – auf den dazu abgebildeten Portraits erkennt man die Comicfiguren durchaus wieder –, weitere Fotos und Dokumente. Abgerundet wird das Ganze durch Informationen zur Comicentstehung und ein Foto der Autoren zusammen mit dem Zeitzeugen Karl Metzner.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass es der Comicausschnitt durch seine zeichnerische Umsetzung und die Verbindung zu den historischen Dokumenten und Erzählungen sehr gut schafft, die Lesenden in die Zeit des Naziregimes zu versetzen und somit eine historische Geschichte zu erzählen.

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One thought on “Hemden, Zeichen, Flugblätter – Welche Geschichte erzählst du denn da?”