„Mortalität“ von Jörg Vögele

Die Lebenserwartung in Westeuropa hat sich in den letzten 150 Jahren mehr als verdoppelt. Dieser enorme Anstieg der Lebenserwartung in Westeuropa und Nordamerika während der Neuzeit war von einem grundlegenden Wandel des Todesursachenpanoramas begleitet. Zahlreiche Krankheiten sind aus den Industrienationen verschwunden, andere haben ihren Charakter verändert oder sind beherrschbar geworden, und wiederum andere befinden sich auf dem Vormarsch. Die Mechanismen dieses Wandels sind nach wie vor unklar. Der folgende kurze Beitrag soll die Diskussion und den Forschungsstand kurz referieren. Dazu ist ebenfalls eine knappe Klärung zentraler Begriffe sowie ein Blick auf Quellen und Methoden notwendig.

1. Begriffe

Die Mortalität bezeichnet die Anzahl der Todesfälle in einer Bevölkerung während eines bestimmten Zeitraums im Verhältnis zur Anzahl der lebenden Individuen der betreffenden Population in diesem Zeitraum. Sie wird durch die Sterberate ausgedrückt. Man versteht unter der so genannten rohen Sterberate, die Zahl, der in einem bestimmten Zeitraum (i.d.R. ein Kalenderjahr) Gestorbenen je 1.000 Lebende der beobachteten Bevölkerung. Eine Erfassung der Risikogruppen mit gleichzeitiger Kontrolle der unterschiedlichen Bevölkerungsstrukturen ermöglicht die altersspezifische Ausdifferenzierung der Sterbeziffern bzw. der Lebenserwartung nach so genannten Sterbetafeln. Die Sterbetafeln bilden sowohl das historisch älteste Modell demographischer Forschung (etwa John Graunt’s Bills of Mortality, 1662 oder Edmund Halleys Sterbetafeln der Stadt Breslau, 1693) als auch den Prototyp der modernen demographischen Analyse.

Die altersspezifische Mortalität ergibt sich aus der Anzahl der Gestorbenen einer Altersgruppe während eines ausgewählten Jahres, bezogen auf die Lebenden in der jeweiligen Altersgruppe und bei den Säuglingen bezogen auf die Lebendgeborenen des Jahres. Die so genannte statistische Lebenserwartung ist die zu erwartende Zeitspanne, die einem Lebewesen ab einem gegebenen Zeitpunkt bis zu seinem Tod im Durchschnitt voraussichtlich verbleibt. Der am häufigsten ermittelte Wert ist die Lebenserwartung bei der Geburt. Sie ist bestimmt durch die Anzahl der Jahre, die ein Neugeborenes durchschnittlich leben würde, wenn die bei seiner Geburt herrschenden Sterblichkeitsraten bzw. entsprechende Lebensumstände während seines gesamten Lebens konstant blieben.

2. Quellen

Mit Methoden der Paläopathologie und Anthropologie gelingen zeitlich weit zurückreichende Untersuchungen zur Mortalität. Dagegen beginnen serielle schriftliche Quellen relativ spät: Zentrale Quellen für Europa seit dem 16. Jahrhundert sind die Kirchenbücher (Tauf-, Heirats- und Sterbebuch). In den Sterbebüchern wurden in der Regel Personalangaben, erreichtes Lebensalter, Sterbe- bzw. Begräbnisdatum und gelegentlich auch die Todesursache registriert. Als methodisches Problem im Zusammenhang mit der Säuglingssterblichkeit ist hier insbesondere die Zahl der Totgeburten zu nennen. Häufig gelten diese als unterregistriert, da die Taufe als Sakrament stärker im Mittelpunkt stand als der biologische Vorgang der Geburt. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts etablierte sich die zivile Erfassung von Sterbefällen und Todesursachen. Ähnliches gilt für die Erfassung der Risikobevölkerung: Zunächst kann wieder auf die kirchliche Initiative mit so genannten Seelenbeschrieben und ab dem 19. Jahrhundert auf brauchbare staatliche Volkszählungen bzw. deren Fortschreibung zurückgegriffen werden. Während Untersuchungen für das 18. Jahrhundert und früher im Wesentlichen auf lokalem Archivmaterial basieren, liegen seit dem frühen 19. Jahrhundert gedruckte Datenreihen für zahlreiche westeuropäische Staaten vor.

Eine systematische historische Analyse des Wandels im Todesursachenpanorama ist nicht einfach, denn es ist zu berücksichtigen, dass sich die Zeitgenossen einer vollkommen anderen Nosologie bedienten, die sich zudem im Laufe der Zeit änderte. Zugrunde lagen dabei Krankheitskonzepte einer vor-mikrobiologischen Ära, in der miasmatische, kontagionistische, humoralpathologische und auch astromedizinische Erklärungsmodelle häufig nebeneinander existierten und sich gegenseitig beeinflussten. (Leven 2011: 11-32). Während eine retrospektive Diagnose von individuellen Krankheitsfällen und singulären Todesursachen deshalb äußerste Vorsicht walten lassen muss, bietet eine auf Massendaten basierende epidemiologische Analyse eine weitaus größere Aussagekraft.

3. Der historische Mortalitätswandel und das Modell des Epidemologischen Übergangs

Das langfristige Absinken der Sterbeziffern und der Wandel des Todesursachenpanoramas können mit dem Modell der Demographischen Transition bzw. des Epidemiologischen Übergangs beschrieben und zusammengefasst werden. Das Modell der Demographischen Transition skizziert den Übergang von der vorindustriellen Bevölkerungsweise mit hoher Fruchtbarkeit und hoher Sterblichkeit hin zu einer modernen mit entsprechend niedrigen Raten und schreibt dabei der sinkenden Mortalität die auslösende Funktion zu. Das Modell des Epidemiologischen Übergangs ist für die spezifische historische Analyse des Sterblichkeitswandels nützlich, da es die Entwicklungstrends der Sterberate sowie den Wandel des Todesursachenpanoramas verfolgt und von Wechselwirkungen zwischen dem durchschnittlichen Gesundheitszustand einer Bevölkerung und dem sozioökonomischen Wandel ausgeht.

Das Modell des Epidemiologischen Übergangs unterscheidet drei Phasen: (1) Die Periode der Seuchen und Hungersnöte, gekennzeichnet durch eine hohe und stark schwankende Sterbeziffer. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt ist niedrig und liegt zwischen 20 und 40 Jahren. (2) Die eigentliche Übergangsphase bzw. Periode der rückläufigen großen Epidemien; die Sterberate verstetigt sich und nimmt allmählich ab, besonders in dem Umfang, in dem die schweren Epidemien seltener werden und später ganz ausbleiben. Die Lebenserwartung bei der Geburt steigt auf rund 50 Jahre. (3) Die bis heute andauernde Periode der Zivilisationskrankheiten („man-made diseases“) mit niedriger Sterberate und hoher Lebenserwartung bei der Geburt, die 70 Jahre übersteigen kann. (Omran 1871/2005: 509-538).

Angesichts der Zunahme neuer aber auch längst besiegt geglaubter Infektionskrankheiten wird das Modell gelegentlich modifiziert und um weitere Phasen ergänzt. Gleichwohl bietet es nach wie vor eine wichtige Arbeitsgrundlage für die historische Analyse. Entsprechend ist das Konzept mittlerweile konkretisiert worden: (Für einen Überblick für den deutschsprachigen Raum s. Ehmer 2004 und Pfister 1994). Die dominierende Position der Pest vom 14. bis 17. Jahrhundert mit verheerenden Bevölkerungsverlusten wurde eingehend untersucht und ihre Funktion als Schrittmacher kommunaler Gesundheitssicherung herausgearbeitet. Besonderes Augenmerk der Forschung galt der großen Pandemie des 14. Jahrhunderts, dem sogenannten “Schwarzen Tod”. Während zeitgenössische Chronisten die Sterblichkeit in den besonders betroffenen oberitalienischen Städten mit etwa 60-70% beschrieben, gehen aktuelle Schätzungen von einer Sterberate zwischen 30-50% aus. Insgesamt sollen zwischen einem Viertel und einem Drittel der europäischen Bevölkerung der Pest zum Opfer gefallen sein. (Haser 1882: 129). Auch in den folgenden Jahrhunderten blieb die Seuche in Europa endemisch und epidemisch präsent. Nach ihrem Rückzug aus Mittel- und Westeuropa seit dem späten 17. Jahrhundert traten andere Seuchen verstärkt in Erscheinung. Insbesondere der Englische Schweiß, die Ruhr, Syphilis, Flecktyphus, Pocken und Malaria sind in diesem Zusammenhang zu nennen. (Hays 1998; Livi Bacci 1999).

Gleichzeitig wird betont, dass die meisten schweren Seuchen aufgrund geringerer Militäraktivitäten und veränderter Militärorganisation bereits rückläufig waren und die Zahl und Intensität demographischer Krisen abnahm. (Flinn 1981). Im Zuge wachsender, mit zunehmender Bevölkerungs- und Kommunikationsdichte einhergehender Marktintegration wandelten sich die sogenannten „Human-Crowd Diseases“ (v.a. Pocken, Masern, Scharlach und Keuchhusten) im Europa des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts von altersunspezifischen zu typischen Kinderkrankheiten. Dieser Prozess war mit einer wachsenden relativen Bedeutung von gastro-intestinalen Krankheiten verbunden, die primär Säuglinge und Kleinkinder bedrohten. Da dieser Krankheitskomplex zudem empfindlich auf die sozioökonomischen Lebensbedingungen reagierte, wurde die Lebenserwartung zunehmend durch schichtenspezifische Unterschiede bestimmt. (Spree 1981). Im 19. Jahrhundert schließlich suchten die Cholera und im 20. Jahrhundert die Grippe als letzte der klassischen Seuchen der Neuzeit Europa in mehreren Wellen heim. Haupttodesursachen des 19. Jahrhunderts waren allerdings nicht mehr die skandalisierten Seuchen, wie die Pocken, Cholera oder Typhus, sondern vor allem gastrointestinale Erkrankungen (die vor allem Säuglinge betrafen), Erkrankungen der Atmungsorgane (inkl. Tuberkulose) sowie die klassischen Infektionskrankheiten des Kindesalters. (Vögele 1998). Die Phase 2 des Epidemiologischen Übergangs hatte begonnen und ging etwa mit dem Ersten Weltkrieg zu Ende. (Imhof 1981; Spree 1981; Imhof 1988; Vögele 2001). Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts traten in der 3. Phase Herz-/Kreislaufkrankheiten und Krebs in den Vordergrund.

Sowohl das Sterberisiko als auch der säkulare Sterblichkeitswandel fielen altersspezifisch differenziert aus. Hauptrisikogruppe waren in der Regel die Säuglinge; entsprechend ist die gesteigerte Lebenserwartung zu einem entscheidenden Maß auf den säkularen Rückgang der Säuglingssterblichkeit seit Ende des 19. Jahrhunderts zurückzuführen. Zur Gründung des Deutschen Reiches betrug die Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Geburt bei Männern rund 36 Jahre und bei Frauen rund 39 Jahre; mittlerweile hat sie sich auf etwa 75 Jahre bei Männern und 81 Jahre bei Frauen erhöht. Aber auch die höheren Altersgruppen haben einen substantiellen Anstieg zu verzeichnen: Die Lebenserwartung von 60-jährigen Männern stieg im selben Zeitraum von weiteren 12 auf 18 Jahre, diejenige der Frauen von 13 auf 23 Jahre. Nach 1950 trugen Fortschritte in der Verbesserung der Überlebenschancen der über 65-jährigen erheblich zum Anstieg der Lebenserwartung bei. Mittlerweile hat sich der Tod nicht nur aus Kindheit und Jugend, sondern überhaupt aus den Altersstufen bis zum 70. Lebensjahr weitgehend zurückgezogen. Das Abdrängen des Todes in die höchsten Altersgruppen brachte den Wandel von einer „unsicheren“ zu einer „sicheren“ Lebenszeit und zur vermeintlichen Planbarkeit des eigenen Lebens mit sich. (Imhof 1988). So umfasst das Leben erst im ausgehenden 20. Jahrhundert für die meisten Menschen eine annähernd gleiche Zeitspanne, (Spree 1981) wodurch die Altersphase zu einer kollektiven Erfahrung und zu einem Element der Sozialstruktur geworden ist. In globaler Perspektive gesehen, gehen Wissenschaftler davon aus, dass die Lebenserwartung noch weiter steigen wird. (Oeppen / Vaupel 2002).

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Lebenserwartung durchziehen ebenfalls den historischen Zeitraum und werden sowohl auf biologisch-genetische als auch auf soziale Faktoren zurückgeführt. Im Trend ging dabei die weibliche Übersterblichkeit – verursacht durch die vielfältige Belastung der Frau als Arbeitskraft und Mutter wie auch durch ihre gesellschaftliche Stellung (Imhof 1981; Müller 2000) – seit der Frühen Neuzeit zurück. Abgesehen von einer Übersterblichkeit der Frauen in gebärfähigen Alter, vorwiegend in ländlichen Regionen während des 18. und 19. Jahrhunderts, fiel die Lebenserwartung der Männer in allen Altersgruppen unter diejenige der Frauen. Bis in die jüngste Zeit haben sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede zuungunsten der Männer sogar weiter verstärkt, nicht zuletzt bedingt durch deutliche Verbesserungen des arbeitsweltlichen Status der Frauen im 20. Jahrhundert. (Weigl 2007). Um die Anteile gesellschaftlicher und biologischer Faktoren an der höheren Lebenserwartung der Frauen in historischen Populationen auszuloten, bieten zahlreiche sogenannte Klosterstudien einen originellen Ansatz. Der Unterschied zwischen Ordensfrauen und -männern wird dabei mit ein bis zwei Jahren deutlich geringer ermittelt als zwischen Frauen und Männern der Allgemeinbevölkerung. (Luy 2002).

4. Mechanismen des Sterblichkeitswandels

Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 1993, der amerikanische Historiker Robert Fogel, bezeichnet diesen Wandel der Mortalität als eines der bedeutendsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte und gleichzeitig als eines der letzten großen Rätsel, da die Ursachen und Mechanismen nach wie vor im Dunkeln liegen. Während diese Entwicklungen traditionell den Fortschritten in der medizinischen Wissenschaft zugeschrieben wurden, bemessen Forschungsarbeiten der letzten Jahrzehnte den Beitrag der kurativen Medizin eher als bescheiden. Wesentliche Impulse gingen hier von den Arbeiten Thomas McKeowns aus. (McKeown 1976). McKeown analysierte den Sterblichkeitswandel vornehmlich am englischen Beispiel; er entwarf ein sehr einfaches Risikomodell mit vier unabhängigen Variablen und gewichtete es für verschiedene Todesursachen. Da zahlreiche Todesursachen bereits entscheidend zurückgingen, bevor spezifische medizinische Therapien zur Verfügung standen, sei als primärer Faktor der steigende Lebensstandard zu nennen. Dieser wirkte über eine sowohl quantitativ als auch qualitativ verbesserte Ernährungssituation insbesondere im Hinblick auf die Reduktion der Mortalität an Tuberkulose. An zweiter Stelle betont McKeown die Rolle der sanitären Reformen, die eine Abnahme der fieberartigen Krankheiten und der Erkrankungen der Verdauungsorgane bewirkt hätten. Sodann verweist er auf Veränderungen in der Virulenz bestimmter Krankheitsorganismen – besonders bezüglich des Scharlachs. Medizinische Intervention dagegen sei nur im Falle der Kuhpockenimpfung sowie der Serum-Therapie gegen Diphtherie effektiv gewesen und habe lediglich marginal zum Sterblichkeitsrückgang beigetragen.

Die Wirkung von McKeowns Publikationen sowohl auf die historische Forschung als auch auf die gegenwärtigen gesundheitspolitischen Maßnahmen ist enorm. Seine Arbeiten bestimmen bis heute wesentlich die strategischen Konzepte der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die historischen Teile seiner Arbeit lösten eine Welle von Publikationen aus, die sich mit seinen Thesen auseinander setzten. Auf den Sterblichkeitsrückgang bezogen wird McKeown dem Beitrag der Medizin nicht gerecht, weil er sich in seinen Überlegungen auf kurative medizinische Interventionsmöglichkeiten beschränkt, ohne Aspekte der öffentlichen Gesundheitsvorsorge zu berücksichtigen. (Vögele 2001). In diese Richtung deuten auch methodische Schwächen der McKeownschen Analyse. Brennpunkt der Kritik waren die Vernachlässigung altersspezifischer Sterberaten sowie der deduktive Ansatz. Da der Fokus auf England liegt, gelangt die exorbitante Rolle der gastrointestinalen Erkrankungen auf dem europäischen Kontinent nicht in den Blick. Ferner bleiben durch die Konzentration der Analyse auf die nationalstaatliche Ebene regionale Unterschiede ebenso ausgespart wie die differentiellen Entwicklungen in Stadt und Land.

Nicht zuletzt deswegen hat sich die Forschung in den letzten Jahren den städtischen Verhältnissen zugewandt. Seit langem schon gelten die Städte im historischen Europa als ungesunde Orte mit extrem hohen Sterberaten. Bereits im 17. Jahrhundert wurde dieses Bild von John Graunt entworfen und im 18. Jahrhundert von Johann Peter Süssmilch aufgenommen. Im 19. Jahrhundert machten verschiedene Autoren auf Gesundheitsgefährdungen durch die Industrialisierung aufmerksam, und heutzutage beschäftigt sich die internationale historische Forschung intensiv mit dieser Problematik. (Labisch / Vögele 1997; Brändström / Tedebrand 2000). Beengte Wohnverhältnisse und unzureichende gesundheitsbezogene Infrastruktur machten die Städte zum idealen Nährboden für Epidemien und Seuchen, die zudem auf eine unzureichend ernährte und durch harte Arbeitsbedingungen geschwächte Bevölkerung trafen. Allerdings wurden die Städte mit fortschreitender Industrialisierung zum Vorreiter auf dem Weg zu den modernen Gesundheitsverhältnissen. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts verringerten sich die städtischen Sterberaten deutlich, die städtische Übersterblichkeit ging zurück und verschwand schließlich sogar ganz. Deshalb betonen einschlägige Arbeiten die positiven Wechselbeziehungen zwischen Urbanisierung und Bevölkerungsentwicklung und gehen von komplexeren Erklärungsmodellen aus, die beispielsweise auch gesundheitspolitische und soziokulturelle Faktoren stärker berücksichtigen. (Vögele 1998).

Besondere Aufmerksamkeit im Rahmen der Sterblichkeitswandels kommt der Säuglingssterblichkeit zu, da diese allgemein als sensitiver Indikator für den Wohlstand einer Gesellschaft sowie für den Zustand der Umweltbedingungen gilt, unter denen eine Bevölke­rung lebt. Die dramatisch hohen Säuglingssterblichkeitsziffern im historischen Europa werfen damit ein entsprechendes Licht auf die damaligen Lebensbedingungen. In manchen Jahren überlebte nur ein Drittel das erste Lebensjahr, oftmals erreichte gerade die Hälfte eines Geburtsjahrganges das Erwachsenenalter. In zahlreichen europäischen Staaten setzte ein leichter Rückgang der Säuglingssterblichkeit bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein und wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch erneut steigende Raten unterbrochen. (Corsini / Viazzo 1993). Um die Wende zum 20. Jahrhundert begann dann der bis heute andauernde nachhaltige Rückgang auf unter 10 Promille. (Corsini / Viazzo 1997).

Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang die differentielle Säuglingssterblichkeit mit einem ausgeprägten Ost-West- und Nord-Süd-Gefälle in Europa, mit niedrigen Raten etwa in Schweden oder England und hohen in Osteuropa. (Wrigley 1997: 214-280). Mitte des 18. Jahrhunderts soll die Säuglingssterblichkeit in der Region Moskau bei 334 Promille gelegen haben; Angaben aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zeigen wesentlich niedrigere Werte für Schweden (200) und Dänemark (191) und noch geringere für England (165). (Livi Bacci 1999: 148-152).  Diese Gradienten waren auch auf dem Gebiet des Deutschen Reiches zu beobachten. Noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts lagen die Werte – auf 1.000 Lebendgeborene bezogen – bei ca. 100 Sterbefällen im Norden, unter 200 im Westen, bei 300 und mehr im Osten und Süden. (Vögele 2001: 132f.). Zurückgeführt wird dieses Verteilungsmuster auf eine Vielzahl von Faktoren. So spielen regional unterschiedliche Mentalitäten in Bezug auf Leben und Sterben ebenso eine Rolle wie wirtschaftliche Bedingungen. (Imhof 1981). Nach Regionen differenziert ergaben sich in Preußen beispielsweise hohe Sterblichkeitsniveaus in Gebieten großlandwirtschaftlicher Betriebe in Ostpreußen, in denen eine verarmte Bauernschaft arbeitete. (Lee 1980). Reinhard Spree machte darauf aufmerksam, dass eine wachsende gesellschaftliche Ungleichheit bezüglich der Höhe der Säuglingssterblichkeit während der letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts, die nicht mit der sozialen Schichtung identisch war, darauf hindeutet, dass wirtschaftliches Wachstum zumindest nicht die alleinige treibende Kraft des Sterblichkeitsrückgangs war. (Spree 1992).

Zahlreiche Faktoren wirken auf Höhe und Trend der Säuglingssterblichkeit: Ernährungspraktiken, Legitimität der Säuglinge, Fertilität, Witterung und Klima, hygienische Bedingungen, öffentliche Gesundheitsfürsorge, Wohnsituation und allgemeine Lebensbedingungen, Bildungsgrad, Wohlstand und Beruf der Eltern. Für Deutschland werden die regionalen Differenzen großenteils auf unterschiedliche Einstellungen gegenüber Leben und Tod zurückgeführt. (Imhof 1981a). Das soll soweit gegangen sein, dass traumatisierende Katastrophen wie Seuchen und Kriege in besonders betroffenen Regionen zu einer fatalistischen Haltung führten. Insbesondere in katholischen Gebieten sei der Tod eines Säuglings eher gleichgültig oder, wenn bereits viele Kinder vorhanden waren, sogar mit Erleichterung hingenommen worden. Als berühmtestes Beispiel aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gilt das sogenannte ‚Himmeln‘. Während die ersten Kinder den Eltern noch sehr willkommen waren, wuchs mit den später Geborenen die Sorge, ob die Ressourcen der Familie ausreichen würden. Die nachweislich geringeren Überlebenschancen der höheren Geburtsränge sollen auch auf eine bewusste Vernachlässigung zurückzuführen sein.

Allerdings ist die Tragfähigkeit dieser These durchaus problematisch, da die Gebiete, die besonders durch Kriege verwüstet worden waren, und Regionen hoher Säuglingssterblichkeit geographisch nicht deckungsgleich sind. Untersuchungen auf mikroregionaler Ebene deuten darauf hin, dass konfessionelle Unterschiede keineswegs die entscheidenden waren. (Baschin / Kozlik 2008). Auch konnten ökonomische Faktoren wirksam sein. In der Stadt Konstanz beispielsweise lagen die Säuglingssterblichkeitsziffern unter der katholischen Bevölkerung mehr als doppelt so hoch wie unter der evangelischen. Gleichzeitig lebte allerdings die protestantische Oberschicht der Stadt unter wesentlich besseren wirtschaftlichen Bedingungen als der katholische Teil der Bevölkerung. (Vögele 2001: 185). Während sich die soziale Ungleichheit im Laufe des 19. Jahrhunderts vergrößerte, traten die regionalen Unterschiede in den Hintergrund. (Spree 1995). Als entscheidender Faktor für Höhe und Entwicklung der Säuglingssterblichkeit gilt jedoch die Ernährungsweise der Säuglinge.(Haines / Vögele 2000; Vögele 2001). Extensives Stillen war mit einer niedrigen Säuglingssterblichkeit verbunden, die sog. künstliche Ernährung dagegen mit hohen Sterbeziffern. Muttermilch ist nicht nur ernährungsphysiologisch ideal, sondern überträgt auch Immunstoffe der Mutter und bietet einen gewissen Schutz vor akuten Infektionskrankheiten. Dagegen fördert künstliche Ernährung das Infektionsrisiko, besonders, wenn die Nahrung mit Milch oder Wasser zubereitet, oder, wie es in manchen Gegenden Brauch war, von Erwachsenen vorgekaut wurde. Haupttodesursache unter den Säuglingen waren entsprechen gastro-intestinale Störungen. Nach reichsweiten Schätzungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Sterblichkeit der „Flaschenkinder“ bis zu siebenmal höher als diejenige der „Brustkinder“. Während die hohe Säuglingssterblichkeit traditionell als unvermeidbares Schicksal oder, mit dem Aufkommen eugenischen Gedankenguts, sogar als natürliche Auslese im Sinne einer sozialdarwinistischen Interpretation gesehen wurde, lösten sinkende Geburtenraten gegen Ende des 19. Jahrhunderts Befürchtungen aus, dass die Zukunft der Nation in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht nicht mehr gewährleistet sei. Mit zunehmender gesellschaftlicher Bedeutung des bevölkerungswissenschaftlichen Diskurses sicherten sich die Ärzte beim Thema Säuglingssterblichkeit wissenschaftliche Autorität und propagierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts Stillkampagnen, deren programmatische Grundlagen bis heute von UNICEF und WHO weitergeführt werden. (Vögele / Halling / Rittershaus 2010).

 

 

Literatur

Baschin, Marion / Kozlik, Andreas: Studien zur südwestdeutschen Demographie. Die Sterblichkeit in Württemberg im 18./19. Jahrhundert und in Esslingen im 19. Jahrhundert. Remshalden, 2008.

Brändström, Anders / Tedebrand, Lars-Göran (Hg.): Population Dynamics During Industrialization, Umea 2000.

Corsini, Carlo A. / Viazzo, Pier P. (Hg.): The Decline of Infant Mortality in Europe – 1800-1950. Four National Case Studies, UNICEF, Florenz 1993.

Corsini, Carlo A. / Viazzo, Pier P. (Hg.): The Decline of Infant and Child Mortality. The European Experience: 1750-1990, UNICEF, Den Haag 1997.

Ehmer, Josef: Bevölkerungsgeschichte und historische Demographie 1800-2000, München 2004.

Flinn, Michael W.: The European Demographic System 1500-1820, Brighton 1981.

Haeser, Heinrich: Lehrbuch der Geschichte der Medizin und der epidemischen Krankheiten, Bd. 3, Jena 1882.

Haines, Michael / Vögele, Jörg: Infant and Child Mortality in Germany, 19th-20th Centuries, Colgate University, Department of Economics, Working Paper Series 100-10, Hamilton, NY 2000.

Hays, Jo N.: The Burdens of Disease. Epidemics and Human Response in Western History, New Brunswick 1998.

Imhof, Arthur E.: Die gewonnenen Jahre. Von der Zunahme unserer Lebensspanne seit dreihundert Jahren oder der Notwendigkeit einer neuen Einstellung zu Leben und Sterben. Ein historischer Essay, München 1981.

Imhof, Arthur E.: Unterschied­liche Säuglingssterblichkeit in Deutschland, 18. bis 20. Jahrhundert – Warum?, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 7,3 (1981a), S. 343-382.

Imhof, Arthur E.: Von der unsicheren zur sicheren Lebenszeit: 5 historisch-demographische Studien, Darmstadt 1988.

Leven, Karl-Heinz: Von Ratten und Menschen – Pest, Geschichte und das Problem der retrospektiven Diagnose, in: Meier, Mischa (Hg.): Pest. Die Geschichte eines Menschheitstraumas, Stuttgart 2005, S. 11-32.

Labisch, Alfons / Vögele, Jörg: Stadt und Gesundheit. Anmerkungen zur neueren sozial- und medizinhistorischen Diskussion in Deutschland, in: Archiv für Sozialgeschichte (1997), S. 181-209.

Lee, W. Robert: The Mechanism of Mortality Change in Germany, 1750-1850, in: Medizinhistorisches Journal 15 (1980), S. 244-288.

Livi Bacci, Massimo: Europa und seine Menschen. Eine Bevölkerungsgeschichte, München 1999.

Luy, Marc: Warum Frauen länger leben – Erkenntnisse aus einem Vergleich von Kloster- und Allgemeinbevölkerung, Materialien zur Bevölkerungswissenschaft 106, Wiesbaden 2002.

McKeown, Thomas: The Modern Rise of Population, London 1976.

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Oeppen, Jim / Vaupel, James W.: Enhanced: Broken Limits to Life Expectancy, in: Science 10 May 2002: Vol. 296. no. 5570, S. 1029-1031.

Omran, Abdel R.: The Epidemiologic Transition. A Theory of the Epidemiology of Population Change, in: Milbank Memorial Fund Quartely 49,1 (1971), S. 509-538 (reprint 2005).

Pfister, Christian: Bevölkerungsgeschichte und Historische Demographie 1500-1800, München 1994.

Spree, Reinhard: Soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod. Zur Sozialgeschichte des Gesundheitsbereichs im Deutschen Kaiserreich, Göttingen 1981.

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Weigl, Andreas: Der „gender gap“ revisited: Eine Modellrechnung im Kontext historischer, sozial- und naturwissenschaftlicher Befunde. In: Dinges, Martin (Hg.), Männlichkeit und Gesundheit im historischen Wandel ca. 1800 – ca. 2000, Stuttgart 2007, S. 41-52.

Wrigley, E. Anthony et al.: English Population History from Family Reconstitution 1580-1837, Cambridge 1997.

 

 

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