„Quellen und Methoden der historischen Bevölkerungsforschung (historische Demographie)“ von Rolf Gehrmann

1. Quellengattung

Da sich historische Demographie mit historischen Bevölkerungen, Familien und letzten Endes sogar mit Individuen befasst, könnte man zunächst annehmen, dass die Arten von Quellen, mit denen die historisch-demographische Forschung zu tun hat, kaum zu überschauen sind. Das ist aber nicht der Fall, wenn man das Kriterium der Quantifizierbarkeit zugrunde legt. Denn selbst wenn Aussagen beispielsweise zum Verhalten auf familiärer Ebene getroffen werden sollen, ergeben sie demographisch nur im Rahmen eines überprüfbaren statistischen Kontextes einen Sinn. Dieses statistische Element, das in den Hintergrund treten kann, wenn der Fokus aus einem bestimmten Grund gerade auf ein ungewöhnliches Verhalten gerichtet wird, bleibt bestimmend. Denn die historische Demographie versucht gerade, einerseits durch die Verbindung von Makro- und Mikroebene eine größere Tiefenschärfe zu erreichen als die klassische, relativ abstrakte Bevölkerungsgeschichte, andererseits aber mit sozialwissenschaftlichen Methoden nicht nur hermeneutisch nachvollziehbare, sondern auch im eigentlichen Sinne des Wortes berechenbare Ergebnisse zu erzielen.

Quantifizierbare Quellen können allerdings von verschiedener Dichte und Vollständigkeit sein, und die Anforderungen müssen dem historischen Zeitraum angepasst sein. So macht es für die nähere Vergangenheit keinen (bzw. für Deutschland schon seit 1874 wenig) Sinn, demographische Untersuchungen aufgrund von Kirchenbucheintragungen durchzuführen, während man wiederum für den Zeitraum vor dem Einsetzen der Kirchenbücher die Ansprüche reduzieren muss, da man nur auf fragmentarische vitalstatistische Daten zurückgreifen kann und versuchen muss, allein aus der Variation des Bevölkerungsstandes Schlüsse zu ziehen.

In einem engeren Sinne sind als „historisch-demographisch“ die Quellen zu bezeichnen, die auch die Grundlage der Demographie der Gegenwart bilden. Nach der Natur der Daten, die sie liefern können, lassen sie sich einteilen in:

  1. Quellen zur Bevölkerungsbewegung,
  2. Quellen zum Bevölkerungsstand,
  3. Quellen zur Bevölkerungsstruktur, einschließlich der Familien- und Haushaltsstruktur.

Wesentlich ist allerdings, wie gesagt, die Kombination dieser Daten, und das möglichst nicht nur auf der aggregativen (Makro-)Ebene, sondern auch auf der individuellen (Mikro-)Ebene. Während sich im Makrobereich letztlich nur statistische Zusammenhänge ergeben, können durch die Verknüpfung von Daten im Mikrobereich darüber hinaus differenziertere und konkretere Aussagen gemacht werden, die dann wiederum quantifizierbar sind. Das generative Verhalten wäre hier ein Beispiel.

In einem weiteren Sinne zieht die historische Bevölkerungsforschung aber nicht nur „demographische“, sondern auch „historische“ Quellen heran. Diese sind nicht immer und auf keinen Fall exklusiv mit statistischen Methoden zu bearbeiten, sie können aber doch sehr oft auch mit quantitativen Aussagen verbunden werden. Sie fallen sehr unterschiedlich aus und können hier nicht in ihrer Breite vorgestellt werden. Sehr wichtig für Fragen der sozialen Gliederung und damit unmittelbar dem genannten Bereich „c“ zuzuordnen, sind beispielsweise die Kataster und ähnliche Register, welche die Besitzverhältnisse dokumentieren. Ist die Fragestellung keine wirtschafts- und sozialgeschichtliche, sondern eine sozialanthropologische, sind Eigentumsbelege wie Notariatsakten auch daraufhin zu untersuchen, inwiefern bei Besitzübertragungen bestimmte Netzwerke zutage treten. Geht es um das generative Verhalten und Illegitimität, sind die entsprechenden Protokolle der kirchlichen und weltlichen Instanzen bzw. Gerichtsbarkeiten heranzuziehen. Für Fragen der Alphabetisierung wiederum gibt es manchmal direkte Nachweise (die schwedischen Husförhörslängder oder im 19. Jahrhundert auch Rekrutierungsstatistiken), meist aber nur indirekte (Unterschriftsleistungen). Alle diese Quellen sind von Region zu Region unterschiedlich, aber untereinander durchaus vergleichbar.

An dieser Stelle sollen nur die „demographischen“ Quellen näher vorgestellt werden.  An aggregativen Daten stehen zur Verfügung:

a) Zahlenreihen, wie sie bereits in protostatistischer Zeit, das heißt vor der Gründung statistischer Ämter, von staatlichen und kirchlichen Behörden erhoben worden sind. Wenn diese Datensammlung konsequent betrieben wurde, konnte eine erstaunliche Vollständigkeit erreicht werden. Als Beispiel sind hier die Geborenen- und Gestorbenenlisten zu nennen, wie sie für Brandenburg-Preußen seit 1683 existieren. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden darüber hinaus die Sterbefälle in Schweden und dann auch in Preußen und in anderen Staaten nach Altersgruppen differenziert, wobei die skandinavischen Daten am kontinuierlichsten erhalten sind und sich auf einen stabilen politischen Rahmen beziehen. Statistiken zur Auswanderung finden sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

b) Angaben über den Stand der gesamten Bevölkerung. Volkszählungen, deren Ergebnisse publiziert oder zumindest archivalisch aufbewahrt wurden, sind, abgesehen von okkasionellen Erhebungen, wie zum Beispiel bei anstehenden Versorgungsproblemen, ebenfalls nicht vor der Mitte des 18. Jahrhunderts zu erwarten. Auch hier kann Schweden als bestes Beispiel genannt werden, aber auch in Preußen nahmen die sogenannten „Historischen Tabellen“ zu diesem Zeitpunkt die Form von Volkszählungen an. Standard wurden Volkszählungen in fast allen Staaten erst in napoleonischer Zeit, so auch in England (1801). Eine besondere Schwierigkeit ist die Einschätzung der Genauigkeit der Daten, von der in Verbindung mit der Vitalstatistik unter anderem eine Einschätzung der Migrationen abhängt. Erst ab den 1840er Jahren wurden die Volkszählungen von den statistischen Ämtern so eingerichtet, dass die Zahlen ohne Vorbehalt als zuverlässig angesehen werden können. Registerzählungen (Auswertungen vorhandener Unterlagen auf lokaler Ebene) waren weniger genau als Protokollzählungen (Befragung der vorgeladenen Haushaltsvorstände) und diese waren wiederum tendenziell nicht so vollständig wie Naturalzählungen (von Haus zu Haus), sodass dieses letztere Verfahren mit der belgischen Zählung von 1846 definitiv zum Standard wurde.

c) Strukturdaten sind nur mit einem besonderen Aufwand zu erheben. Sie stehen deshalb erst nach dem Entstehen von statistischen Ämtern und mit dem Einsetzen der statistischen Publikationen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in genügendem Umfang zur Verfügung. Allerdings wurden auch vorher schon gelegentlich demographische Merkmale, wie die Altersstruktur (meist allerdings nur sehr grob) oder die Anzahl der stehenden Ehen, zusammengestellt.

Aus Individualdaten können theoretisch aggregierte Daten generiert werden, praktisch ist das in historisch-demographischen Untersuchungen allerdings bestenfalls in Form einer Stichprobe möglich. Dabei unterliegt die Ziehung der Stichprobe durch die Lückenhaftigkeit des Materials vielfältigen Beschränkungen. Allerdings ist ein Stichprobenverfahren nicht der einzige mögliche Untersuchungsansatz, denn die untersuchten „Samples“  können auch als Einheiten sui generis verstanden werden. Das bedeutet, dass ein kleineres Gebiet nicht allein unter dem Kriterium der Repräsentativität für eine größere Region interessant sein muss, sondern seine Untersuchung auch schon aufgrund der dort zu verfolgenden Prozesse seine Berechtigung haben kann.

Vom Forscher auf der Grundlage von einzelnen Einträgen in serieller Form selbst zu aggregierende Reihen können erstellt werden aus (analog zur Buchstabenfolge der oben genannten Datenarten):

  1. Kirchenbuchauszählungen, Verzeichnissen von Entlassungen aus dem Untertanenverband,
  2. Schätzungen aufgrund von Behausungsziffern, Steuerlisten und anderen fiskalischen Quellen,
  3. Urlisten von Volkszählungen, in denen die Informationen zu Stand und Alter enthalten sind und aus denen die Haushaltsstruktur abgeleitet werden kann.

Eine andere Qualität haben Familienrekonstitutionen, aus denen sich die Kernfamilie ergibt und durch welche die Eckdaten des Lebenslaufs eines Individuums in Beziehung zueinander gebracht werden können. Auf dieser Grundlage können Fertilitäts- und Mortalitätsberechnungen für historische Zeiträume durchgeführt werden. Deshalb sind sie lange Zeit ein privilegiertes Werkzeug der historischen Demographie gewesen. Das Prinzip ist einfach: Man führt die Informationen aus den Geburts-, Heirats-, Sterbe- und gegebenenfalls auch Konfirmationsregistern zusammen. In der Praxis ist das allerdings mit einem enormen Arbeitsaufwand verbunden. Deshalb sind in Deutschland auch gern die Ortssippenbücher genutzt worden, die nichts weiter als gedruckte Familienrekonstitutionen sind.

Im Zusammenhang mit den Methoden ist auf verschiedene Quellenarten im Einzelnen zurückzukommen.

2. Methoden

Die folgenden Ausführungen entsprechen meinem Beitrag im Handbuch der Demographie, der an erster Stelle unter den Literaturhinweisen erwähnt ist (Originalveröffentlichung erschienen bei www.springer.com).

2.1 Die Herausbildung historisch-demographischer Methoden

Sieht man einmal von den in der Aufklärung eine gewisse Blüte erlangenden spekulativen Betrachtungen über die Entwicklung der Bevölkerungszahl seit der Vorgeschichte und der Antike ab, so datiert die im engeren Sinne wissenschaftliche Beschäftigung mit bevölkerungsgeschichtlichen Fragen erst vom ausgehenden 19. Jahrhundert. Das Interesse, der in diesem Bereich aktiven jüngeren historischen Schule der Nationalökonomie zielte dabei vor allem auf die Verwendung überlieferter Daten im Kontext der Wirtschaftsgeschichte, während der methodische Beitrag der wenigen Historiker, welche die Basis an frühen demographischen Angaben zu erweitern suchten, sich auf einfache Hochrechnungen und Schätzungen auf der Grundlage partieller Informationen beschränkte. Im Wesentlichen besteht diese Methode aus nichts anderem als aus der Umrechnung von Zahlen von kleineren auf größere Gebiete oder von Haushaltszahlen auf Bevölkerungsangaben. Beides erfordert eine genaue Analyse des historischen Kontexts und führt doch immer zu anfechtbaren Ergebnissen. Zu Vergleichszwecken kann aber auch heute in der historischen Forschung manchmal nicht auf die Annahme einer bestimmten Haushalts- oder Familiengröße (beispielsweise 4,5) verzichtet werden, wobei allerdings zumindest zwischen Stadt und Land unter Berücksichtigung der vorherrschenden Haushaltsformen und der Eigenarten der herangezogenen Quellen unterschieden werden sollte.

Einem genuin historischen Interesse auf dem Hintergrund familien- und heimatkundlicher Forschungen verdankt die Familienrekonstitutionsmethode ihre Entstehung und starke Verbreitung. Als Manifestation einer herausgehobenen gesellschaftlichen Stellung haben Genealogien in Familien des Adels und des höheren Bürgertums eine lange Tradition, die sich bis in die Gegenwart im Gotha und in den gedruckten Geschlechterbüchern dokumentiert. Der entscheidende Schritt darüber hinaus wurde in Deutschland 1907 vollzogen, indem unter sozialgeschichtlichen Fragestellungen der gesamte familiengeschichtliche Informationsgehalt der Kirchenbücher unter Einbeziehung der früh verstorbenen Kinder und der kinderlosen Ehen im Zusammenhang ausgewertet wurde. Die heute angewandten wissenschaftlichen Methoden der Auswertung von Kirchenbuchinformationen stammen allerdings fast ausnahmslos aus dem französischen und dem englischen Sprachraum.

Auf diesem Feld wirkte Louis Henry vom Institut National d´Etudes Démographiques bahnbrechend. Er erweckte in den 1950er Jahren die Aufmerksamkeit der Demographen an den Kirchenbüchern und lieferte Richtlinien zu ihrer Auswertung, so dass sich viele der im Folgenden angesprochenen Verfahren und Kennziffern bereits in seinen Handbüchern finden. In der internationalen Forschung der 1960er Jahre kam ein gestiegenes Interesse an der umfassenden Problematik des Fertilitätsrückgangs und seiner auslösenden Mechanismen hinzu. Auf diesem Hintergrund hatte die Suche nach verfeinerten Indizes vor allem eine genauere Analyse der Fertilität zum Ziel, besonders in der Arbeit des Office of Population Research in Princeton unter der Leitung von Ansley Coale. In der Anwendung auf die in der Regel kleinen Populationen der Familienrekonstitutionsstudien haben die dort ausgearbeiteten Verfahren indes letztlich nicht dieselbe Bedeutung erlangt wie älteren und robusteren Indizes. Vorbildliches in der Erprobung, der auf die Daten aus deutschen Ortssippenbüchern anwendbaren Methoden, hat John Knodel geleistet.

Als vorläufig letzte Etappe der Entwicklung von Methoden zur Analyse von Bevölkerungsvorgängen in der sogenannten vorstatistischen Zeit ist die Bearbeitung von größeren Stichproben mit Hilfe von Modelltafeln anzusehen, wobei aus solchen Aggregaten ebenso wie aus länger zurückreichenden regionalen und nationalen Zahlenreihen der Geborenen und Gestorbenen in erster Linie die Anteile von Mortalitäts- und Fertilitätsveränderungen beziehungsweise des Heiratsverhaltens genauer bestimmt werden sollen. Prägend ist in diesem Bereich die Arbeit E. A. Wrigleys und Roger Schofields über die englische Bevölkerungsentwicklung seit dem 16. Jahrhundert mit der sich daran knüpfenden methodischen Diskussion über Rückwärts- und Vorwärtsprojektionen geworden. Mit der Hinwendung zu größeren Aggregaten hat die Erforschung der Mortalität in den 1980er Jahren erneut eine stärkere Bedeutung erlangt, und zugleich hat die Theorie stabiler Bevölkerungen Eingang in die Praxis der historischen Bevölkerungsforschung gefunden.

2.2 Fertilitätsberechnungen auf der Grundlage von Mikrodaten, insbesondere Kirchenbuchmaterial

Wenn im Folgenden von Kirchenbuchmaterial die Rede ist, so betrifft das im wörtlichen Sinne mit wenigen Ausnahmen die gesamte Vitalstatistik in allen deutschen Staaten bis hin zur Einrichtung der Standesämter in Preußen 1874 und kurz darauf im Reich. Die Auswirkungen der Französischen Revolution waren in diesem Bereich begrenzt, und so waren die Zivilstandsregister in Deutschland zunächst eine temporäre Erscheinung geblieben. Lediglich zwei Hansestädte führten sie nach den Befreiungskriegen weiter. Nicht vergessen werden sollte auch, dass eine Registrierung der Bevölkerungsbewegung von Minderheiten außerhalb der großen christlichen Kirchen existierte, auf welche die Bezeichnung Kirchenbücher ebenfalls nicht zutrifft, vor allem bei der jüdischen Religionsgemeinschaft. In methodischer Hinsicht ist indes die Arbeit mit den Kirchenbüchern paradigmatisch, denn diese bestehen wie alle anderen Quellen dieser Art aus individuellen Einträgen von Geburten, Heiraten und Sterbefällen.

Im Zentrum der Fertilitätsanalyse steht die Berechnung der altersspezifischen Fruchtbarkeitsraten, aus denen sich weitere Maße ableiten. Sie stellen die Anzahl der Geburten (nicht die der Geborenen) pro Jahr bezogen auf eine Frau dar. Eine Einschränkung anhand des Kirchenbuchmaterials ist, dass nur die Risikopopulation der verheirateten Frauen bestimmt werden kann. Auszuschließen sind also alle Geburten vor der Ehe oder nach dem Tod des Gatten. Illegitimität kann aus dem gleichen Grund nicht als Fruchtbarkeit, sondern nur als Anteil der unehelichen an allen Geburten angegeben werden. Selbst unter dieser Einschränkung muss für ländliche Kirchspiele mit einer Unterschätzung gerechnet werden, wenn sich beispielsweise für die werdenden ledigen Mütter die Möglichkeit des rechtzeitigen Wegzugs in die Stadt bot. Für den hier primär interessierenden Quotienten FR (Geburten / Frauenjahre) gilt definitorisch:

a) Geburten: Die Totgeburten sind in die Berechnung einzuschließen. Das ergibt sich schon aus der Notwendigkeit des interregionalen Vergleichs zwischen katholischen und protestantischen Gebieten mit ihrer historisch unterschiedlichen Einstellung zur Nottaufe. Sie wurde unter der Geburt häufig auch Kindern zuteil, die nach heutigen Definitionen als Totgeburten bezeichnet worden wären. Die von Henry vorgeschlagene Methode, diese als „ondoyés décédés“ bezeichnete Gruppe völlig aus dem Zähler der FR auszuschließen, um dann anschließend die errechneten Werte um 3 % zu korrigieren, ist für die Arbeit mit gedruckten Familienrekonstitutionen (Ortssippenbücher) nicht sinnvoll, da dort erfahrungsgemäß die ohnehin in den Kirchenbüchern oft nicht eindeutige Kennzeichnung von Totgeburten gelegentlich übersehen oder in unklarer Weise übertragen wird. Eine Korrektur würde deshalb eine bereits zu große Anzahl von vermeintlich Lebendgeborenen in ungerechtfertigter Weise erhöhen. Nach Maßgabe der Datenqualität kann weiterhin auf minimale Korrekturen verzichtet werden, die sich aus einer wirklichen Unterregistrierung von Totgeburten und Geburten aus temporär migrierenden Familien ergeben.

b) ) Frauenjahre: Maßgeblich ist hier die in einer Fünfjahresaltersgruppe in einer ehelichen Verbindung verbrachte Zeit. Bei weniger als acht Monate nach der Eheschließung geborenen und damit als vorehelich konzipiert anzusehenden Kindern kann in dem betreffenden Fall die Anzahl der Frauenjahre um die Differenz zum durchschnittlichen protogenetischen Intervall (Abstand zwischen der Heirat und der ersten Geburt) bei ehelichen Konzeptionen erhöht werden, also um etwa ein Jahr. Bisher ist dieses Verfahren aber nur in einigen Studien angewandt worden, es kann somit nicht als international üblich bezeichnet werden. Das gilt sinngemäß auch für die neun Monate, die nach dem Ende der ehelichen Verbindung durch den Tod des Mannes hinzuzufügen wären.

Da die verwendeten Daten biografischer Natur sind und keinen bestimmten Momentzustand widerspiegeln wie Fertilitätsraten auf der Grundlage von Volkszählungsaltersgruppen, ergibt sich die Notwendigkeit einer genauen Abgrenzung des Zeitraums der Anwesenheit in der Risikopopulation der im Einzugsbereich der Kirche lebenden Ehepaare. Als Ende einer solchen Verbindung kam in den hier interessierenden Jahrhunderten in der Regel nur das Datum der Verwitwung in Frage. Um Verzerrungen bei der Berechnung der FR zu vermeiden, wird zudem auf die Einbeziehung von weniger als fünf Jahre bestehenden Ehen verzichtet. Für die Zuverlässigkeit der Angaben ist es zudem von Bedeutung, dass das Geburtsdatum der Frau und damit ihr Alter bei der Geburt exakt bekannt sind.

Aus den alters- oder ehedauerspezifischen FR sind weitere Fertilitätsmaße abzuleiten, die durch zusätzliche einfache Standardberechnungen der Familienrekonstitutionsanalyse zu ergänzen sind:

c) Gesamtfruchtbarkeit TMFR (Total Marital Fertility Rate): Summe der sechs FR zwischen 20 und 50 Jahren, multipliziert mit 5. Daraus ergibt sich die theoretische Nachkommenschaft einer während dieser 30 Jahre verheirateten Frau. Die bei den Hutterern gemessene TMFR von 10,94 gilt als oberer Richtwert, wenngleich in historischen Populationen Süddeutschlands höhere Werte ermittelt worden sind.

d) Relation zwischen der Summe der FR über 30 Jahre und der TMFR: Diese Verhältniszahl kann als Hinweis auf eine Geburtenbeschränkung durch eine geringere Geburtenhäufigkeit im höheren Alter der Frau interpretiert werden, wenn sie unter 0,46 fällt. Liegt eine solche Kontrolle nicht vor, liegen die Werte um 50 %, in kontrazeptiven Populationen dagegen unter 25 %, manchmal sogar unter 15 %.

e) Geburtenabstände: Sie stellen im Prinzip den Kehrwert der FR zwischen der ersten und der letzten Geburt dar und zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine auch für den Laien leicht zu vermittelnde Größe zur Bezeichnung der Fruchtbarkeit sind. Eine TMFR von 8 entspricht also bei einem Durchschnittsalter bei der letzten Geburt von 40 Jahren einem Geburtenabstand von 30 Monaten, um ein für Norddeutschland im 18. Jahrhundert typisches Beispiel zu nennen. Bei einer TMFR von 10 beträgt dieser dagegen nur noch 2 Jahre, so historisch in Teilen Süddeutschlands. Eine Gruppierung der Familien nach den tatsächlich gemessenen Abständen zwischen den Geburten oder nach sozialen Kriterien kann Hinweise auf bestimmte Fertilitätsmuster geben. Allerdings sind gerade solche Ergebnisse nur schwer interpretierbar. Ohnehin sind eindeutige Beweise für eine willentliche Beeinflussung der Anzahl der Nachkommen nur dann zu erbringen, wenn eine Verschiebung des Fertilitätsmusters mit einer Verringerung der FR im höherem Alter oder bei längerer Ehedauer zu belegen ist, nicht auf dem Umweg über Geburtenabstände, die zwar unter den heute in den europäischen Ländern vorherrschenden physiologischen Bedingungen unnatürlich lang erscheinen, deshalb allein aber noch nicht als Beweis für willentliche Geburtenkontrolle dienen können. Allerdings wird in der neueren Forschungsdiskussion versucht, aus der zu engen Begrenzung des Blicks auf „Stopping“ herauszukommen und erneut nach Spuren von willentlicher Geburtenkontrolle im „Spacing“ zu suchen. Kulturelle Praktiken und insbesondere das Stillverhalten mit seinen fertilitätsmindernden Effekten, herrschten in diesem Bereich aber vor, so dass sich eine erhebliche Bandbreite von „natürlichen“ Intervallen ergibt. Insofern kann eine apriorische Einteilung der Geburtenintervalle in geburtenbeschränkende einerseits und natürliche andererseits als vom Ansatz her verfehlt angesehen werden. Hingegen kann die Intervallanalyse im Zusammenhang mit der Säuglingssterblichkeit als Hilfsmittel zur Einschätzung der Stilldauer benutzt werden (s.u.).

f) ALB: Mittelwert des Alters der Frau bei der letzten Geburt, zu Vergleichszwecken manchmal auch der besonders zu kennzeichnende Median. Zur Berechnung werden nur die fruchtbaren beiderseitigen Erstehen herangezogen, die vor dem 30. Geburtstag der Frau geschlossen wurden und mindestens bis zum Ende ihres 45. Lebensjahrs Bestand hatten. Damit geht nur eine Teilmenge der sogenannten vollständigen Ehen in die Berechnung ein, was gelegentlich zu bedenklich geringen Grundgesamtheiten führt. Das Maß ALB verbindet dafür den Vorteil einer leichten Berechenbarkeit mit dem einer guten Interpretierbarkeit bei Veränderungen, die in ihrer Signifikanz beispielsweise mit dem t-Test überprüft werden können. Wie auch sonst bei diachronen historisch-demographischen Untersuchungen genügt bei einer ausreichenden Grundgesamtheit in der Regel der Trend der Wertefolge als Beleg.

g) : Mittleres Gebäralter. Für die üblichen Auswertungen von Familienrekonstitutionen ist dieses Maß nicht von Bedeutung, wohl aber im Zusammenhang mit weiterführenden Berechnungen (s.u.). Es handelt sich um einen einfachen Mittelwert. Falls der Zugriff auf die Rohdaten (Alter der Mutter für alle Geburten) versperrt ist, kann`m aus den Fertilitätsraten abgeleitet werden. Dazu sind die FR mit dem Mittelpunkt des Intervalls (z.B. 22,5) der entsprechenden Altersgruppe (z.B. 20-24) zu multiplizieren und anschließend aufzuaddieren. Das Ergebnis ist durch die Summe der FR zu teilen.

h) Brutto- und Nettoreproduktionsraten: Sie können in ihrer ursprünglichen Bedeutung direkt aus der weiblichen Nachkommenschaft verheirateter Frauen errechnet werden, sodass im Gegensatz zur Ableitung aus den Fertilitätsraten der mögliche Unterschied zwischen realer und rechnerischer Reproduktion nicht diskutiert zu werden braucht. Allerdings geben Familienrekonstitutionsstudien nur ungenau über den Anteil Lediger Auskunft, sodass hier ein Element der Schätzung hinzukommt. Trotzdem ergibt sich eine brauchbare Berechnung der Bruttoreproduktionsziffer aus der grundlegenden Gleichung: GRR = Mädchengeburten / Generation verheirateter + lediger Frauen. Für die Nettoreproduktion sind entsprechend die Zahlen der überlebenden Mädchen im Generationenabstand einzusetzen.

Weit verbreitet sind des Weiteren zwei von Coale und Trussell entworfene spezifische Fruchtbarkeitsmaße. Sie beruhen auf der Voraussetzung, dass sich natürliche Fertilität in einem bestimmten Verhältnis zwischen den Fertilitätsraten im niedrigeren und im höheren Alter widerspiegelt und somit in Modelltafeln dargestellt werden kann:

i) M: Höhe des Fertilitätsniveaus, ausgedrückt als Abweichung von dem als 1 gesetzten Referenzmuster. Grundsätzlich ergeben sich daraus keine anderen Erkenntnisse als aus dem Vergleich der TMFR. Als Parameter für die Berechnung von m wird der Wert M für die Altersgruppe 20-24 Jahre genommen. Da durch diese Beschränkung Ungenauigkeiten entstehen, wird eine parallele Optimierung von M und m vorgeschlagen.

j) m: Numerischer Ausdruck des Umfangs der Geburtenbeschränkung in einer bestimmten Population mit beobachteten Fertilitätsraten (ra), berechnet aus der Tafel natürlicher Fertilität nach den Angaben Louis Henrys (na) sowie einem Anpassungsfaktor auf der Grundlage von 43 UN-Datenreihen (va):

ma = ln (ra / (M na)) / va.

Statt m als den Mittelwert der einzelnen ma zu berechnen, stehen verschiedene Verfahren zur Findung eines genaueren Werts zur Verfügung. Die Bestimmung der Signifikanz des Ergebnisses setzt die Verfügbarkeit separater Daten von Geburten und Frauenjahren voraus. In kontrazeptiven Bevölkerungen liegt der m-Wert über 1, bei Abwesenheit einer altersspezifischen Geburtenbeschränkung schwankt er um 0. Knodel interpretiert in seiner Studie über deutsche Dörfer einen Wert von über 0,3 – nach der oben angesprochenen Korrektur für voreheliche Konzeptionen – als Anzeichen für eine um sich greifende Geburtenbeschränkung. Eine genaue Grenze kann es hierfür indes nicht geben, denn der Konfidenzintervall (95 %-Niveau) nimmt bei einer Unterteilung der begrenzten Datenmenge von Familienrekonstitutionen nach Teilzeiträumen rasch zu. Wenig sensibel scheint das Maß m zudem auf das frühe Auftreten von Geburtenplanung bei kleineren Gruppen zu reagieren. Es wiederholt sich hier die Erkenntnis, dass der Trend in einer Zeitreihe von Werten besser interpretierbar ist als der synchrone Vergleich zwischen unterschiedlichen Populationen oder mit vordefinierten Mustern. Insofern sind durch die Verwendung robusterer Werte wie ALB oder von Zeitreihen altersspezifischer FR ähnliche Ergebnisse zu erzielen.

„Natürliche“ Fertilitätsraten und Faktor v als Grundlage der Maße m und Ig

 

15-19 20-24 25-29 30-34 35-39 40-44 45-49 TMFR
Referenzmuster 411 460 431 396 321 167 24 9,00
Hutterer 550 502 447 406 222 61 10,94
v 0 -0,279 -0,667 -1,042 -1,414 -1,670

3. Bestimmung der Mortalität anhand von Kirchenbuchmaterial

Obwohl die besondere Stärke der Familienrekonstitutionsmethode in der Bestimmung der Fertilität vergangener Populationen besteht, kann aus den biografischen Daten der Familienrekonstitutionen auch eine Anzahl von Kennziffern zur Mortalität bis hin zu vollständigen Sterbetafeln gewonnen werden. Das setzt allerdings größere Datensätze voraus als sie im Rahmen einer Studie über ein einzelnes Kirchspiel in der Regel zur Verfügung stehen. Diese Einschränkung betrifft nicht die Analyse der Säuglings- und Kindersterblichkeit. Da dort zugleich der Rückbezug auf das familiäre Umfeld hergestellt werden kann, gehören gerade diese Auswertungen zum Standardrepertoire historisch-demographischer Parochialstudien.

Die Berechnung der Säuglingssterblichkeit (Gestorbene im 1. Lebensjahr / Geborene) ist bei einer entsprechenden Datenqualität weitgehend unproblematisch, sofern sie die Totgeburten einschließt. Zur Umgehung der bereits angesprochenen konfessionellen Unterschiede in der Registrierung der Totgeburten und zu Vergleichszwecken wird nicht selten diese historische Variante der Definition der Säuglingssterblichkeit gewählt. Aus grundsätzlichen Erwägungen ist indes eine stärkere Annäherung an die heute übliche Berechnungsweise auf der Grundlage der Lebendgeborenen anzustreben. Einen Anhaltspunkt dazu bildet die Verteilung der verstorbenen Kinder, die am Kalendertag der Geburt verzeichnet wurden, auf die beiden in Frage kommenden Kategorien der Lebend- und Totgeborenen. Dieses Verhältnis ist im 18. und 19. Jahrhundert als stabil anzunehmen. Nach relativ zuverlässigen Daten aus dem 19. Jahrhundert können 75% – 80% der am Tage der Geburt Verstorbenen als Totgeburten betrachtet werden. Diese zur Berücksichtigung einer leichten Unterregistrierung im 18. Jahrhundert auf 3:1 festgesetzte Proportion zwischen Tot- und Lebendgeborenen liegt der umfangreichsten deutschen Sterbetafelsammlung auf der Grundlage von Kirchenbüchern zugrunde. Sie ist deshalb zumindest als Ergänzung zu einer alleinigen Berechnung der Säuglingssterblichkeit unter Einschluss der Totgeburten zu empfehlen.

Als besonders wichtig für die Interpretation von Hinweisen auf die Einflussfaktoren der Säuglingssterblichkeit hat sich zudem die Untergliederung der Sterbefälle im ersten Lebensjahr in Neugeborenensterblichkeit (0-28 Tage) sowie in das weitere erste und das zweite Lebenshalbjahr erwiesen, was auch bei kleineren Datensätzen durchführbar ist. Zur Überprüfung der Vollständigkeit der Registrierung kann es zudem erforderlich sein, innerhalb der Neugeborenensterblichkeit weitere Spezifizierungen vorzunehmen.

Insgesamt wenig ergiebig sind bisher die Versuche geblieben, aus dem Verlauf der Sterblichkeit innerhalb des ersten Lebensjahrs Schlüsse auf das Stillverhalten zu ziehen. Diese biometrische Analyse kann entweder unter der Verwendung von kumulierten Monatswerten grafisch durchgeführt werden, wobei die Abszisse in einer besonderen Form skaliert ist (log3(n+1)), oder aber durch die Berechnung einer Steigungsrate, wofür wiederum nur die kumulierten Werte am Ende des 1., 6. und 12. Monats benötigt werden. Klarer sind die Hinweise auf die durchschnittliche Stilldauer, die sich aus der Differenz zwischen dem Geburtenabstand nach einem frühen Tod eines Säuglings (spätestens bis zum Ende des 1. Monats) und nach einer überlebenden Geburt ergeben. Diesem Verfahren liegt die Annahme zugrunde, dass die durch das Stillen hervorgerufene temporäre Unfruchtbarkeit (Amenorrhöe) –  eine an die Stilldauer gekoppelte sexuelle Enthaltsamkeit wird in Europa demnach als wenig wahrscheinlich anzusehen –  diesen Unterschied zumindest für einen Vergleich zwischen verschiedenen Regionen hinreichend genau determiniert. Um den Einfluss einer willentlichen Geburtenplanung zu minimieren, werden nur die ersten beiden Geburtenabstände in einer Familie zur Berechnung herangezogen. Das letzte Intervall ist grundsätzlich auszuschließen.

Sofern nur in einem sehr geringen Maße Kinder aus der Beobachtung verschwinden, ist eine Berechnung der Kindersterblichkeit ebenfalls in Rückbezug auf die Geborenen einer Generation möglich. Grundsätzlich empfiehlt es sich, nach dem Prinzip der Sterbetafel den Quotienten im Verhältnis zur Risikopopulation zu berechnen. Dazu ist die jeweilige Grundgesamtheit um die in der vorherigen Altersklasse Gestorbenen zu verringern. Da es sich um echte Generationen (Kohorten) handelt, ist das Ergebnis die Sterbewahrscheinlichkeit in der Alterklasse von x bis x+n (nqx). Anwendbar ist diese Methode ohne Korrekturen um Abwanderungsverluste für die 1-10jährigen und selbst bis zum 15. Lebensjahr, nach Maßgabe der Datenauswahl und unter Berücksichtigung der lokalen Verhältnisse im Zusammenhang mit dem Eintreten in das Arbeitsleben.

Spätestens in der Altersgruppe der Heranwachsenden verlieren sich für viele Personen die Spuren im biografisch strukturierten Kirchenbuchmaterial. Erst bei den verheirateten Personen ist erneut von einer relativ stabilen Anwesenheit in der Gemeinde auszugehen. Schwieriger gestaltet sich die Definition der Risikopopulation außerhalb dieser ortsansässigen Ehen, sofern ergänzende Quellen zu den Kirchenbüchern fehlen. Bei Ledigen ist dann in der Regel erst der Sterbeeintrag ein Beleg für Sesshaftigkeit, da diese Gruppe in den Heirats- und Geburtsregistern nicht dokumentiert ist. Über die Sterblichkeit von Migranten schließlich lassen sich mit keiner der hier vorzustellenden Methoden Aussagen treffen. Sie berücksichtigen auch nicht das Risiko einer Verzerrung der Ergebnisse durch Rückwanderungen im Alter – eine in vorindustrieller Zeit bei genügend großen Kirchspielgruppen durchaus vertretbare Ungenauigkeit. Um trotz dieser Schwierigkeiten und Einschränkungen die Mortalität auch in höheren Altersgruppen verfolgen zu können, sind zwei Lösungswege vorschlagen worden. Der erste besteht in einer separaten Sterbetafel für diese Alter, der zweite in einer kontinuierlichen Tafel unter Berücksichtung der Abwanderung.

a) Die Erstellung zweier getrennter Sterbetafeln für das Kindes- und für das Erwachsenenalter schlägt Henry vor. Die Erste ist in der oben beschriebenen Weise zu berechnen, mit der Geburt als Beginn der Beobachtung und der Annahme einer Anwesenheit bei Anwesenheit der Eltern. Für die Zweite stellt sich das Problem des Verweilens in der Risikopopulation ungleich komplexer dar, sodass die Zahlen für die sogenannten Inkremente und Dekremente nicht eindeutig bestimmbar sind. Für die Altersgruppe der 15-25jährigen muss auf die Anwendung einer solchen Methode völlig verzichtet werden. Henry wählt deshalb als Population die am Ort geborenen Männer und Frauen, die zwischen dem 25. und 40. Lebensjahr heiraten. Da das Ende der Beobachtung unabhängig von der Sterblichkeit angesetzt werden muss, kann die Auswahl nicht auf einen bestimmten Ehetypen beschränkt werden, so dass auch Verbindungen mit Ehepartnern aufgenommen werden müssen, bei denen Angaben zu den Todesdaten fehlen. Daraus folgen in solchen Fällen zwei verschiedene Annahmen für den Zeitpunkt des Todes, die als minimales und als maximales Alter definiert werden. Nach Maßgabe der Quellen wird das Alter zum Zeitpunkt des letzten Auftretens als das minimale gesetzt, das Alter bei der ersten Erwähnung des Ablebens als das maximale. Entsprechend ist eine Sterbetafeln mit der höchsten und eine mit der geringsten angenommenen Sterblichkeit zu konstruieren. Personen mit unbekanntem Schicksal werden von Henry als bis zum Alter von 60 Jahren lebend in die zweite Tafel aufgenommen. Auf der Grundlage zweier so errechneter Reihen von Sterbewahrscheinlichkeiten zwischen dem 25. und 60. Lebensjahr kann mit Hilfe von Modellsterbetafeln die Bandbreite der Mortalität eingegrenzt werden. Als wahrscheinliches Mortalitätsmuster ergibt sich dann eine mittlere Tafel, in dem von Henry angeführten Beispiel das UN-Sterbetafelniveau 15 als Mittel der Niveaus 10 und 20.

b) Eine andere Annäherung an das wahrscheinlichste Mortalitätsmuster ist, ohne den Umweg über zwei von der Realität mutmaßlich etwa gleich weit entfernte Muster, möglich. Eine genügende Größe des Datensatzes vorausgesetzt, bieten sich an Stelle der von Henry ausgewählten Ehepaare die Generationen von Kindern aus den Ehen ortsansässiger Familien als eine andere vom Mortalitätsrisiko unabhängig definierte Population an. Deren Biographien sind bis zum Tode oder bis zur Abwanderung zu verfolgen. Große Sorgfalt muss bei der Erstellung solcher integraler Sterbetafeln auf die Definition des Abwanderungszeitpunkts gelegt werden, der bei Verheirateten ohne Sterbeeintrag entweder kurz nach der Heirat oder nach der Geburt des letzten Kindes im Untersuchungsgebiet anzunehmen ist. In den Berliner Sterbetafeln, zu deren Berechnung diese Methode angewandt wurde, ist hierfür ein Zeitraum von einem Jahr nach dem letzten Ereignis angesetzt, was der Hälfte von kurzen Geburtenabständen entspricht. Lediglich schätzen lässt sich der Abwanderungszeitpunkt für auswärts oder gar nicht heiratende Personen, bei denen die Anwesenheit nur für das Kindesalter belegt ist. In großen Datensätzen mit einer Vielzahl ausgewerteter Quellen sinkt deren Anteil unter 3%, sodass davon keine erheblichen Unsicherheiten ausgehen.

Bei großen Datensätzen mit einer dichten Folge von Sterbetafeln ist auch die Umrechnung der ursprünglichen Generationentafeln in Periodentafeln möglich, sodass die Mortalitätsverhältnisse bezogen auf einen Kalenderzeitraum dargestellt werden können. Dieser lässt sich auf eine Dekade mit einer Ungenauigkeit von ± 5 Jahre eingrenzen, was für die Analyse historischer Entwicklungen in der Regel ausreichend ist. Dazu müssen die für die Generationen berechneten wirklichen Sterbewahrscheinlichkeiten (hier fünfjährige 5qx) in Zehnjahresblöcken entlang der Zeitachse verschoben werden (Translation). Anschließend lassen sich erneut die üblichen aus Sterbetafeln zu gewinnenden Kennziffern berechnen, also auch die mittlere Lebenserwartung beim Eintritt in die betreffende Altersklasse. Als mittlere Lebenserwartung bei der Geburt (e0) stellt sie den kürzesten Ausdruck der Sterblichkeitsverhältnisse dar. Da die Sterbewahrscheinlichkeiten außer im frühen Kindesalter angesichts der begrenzten Datenmenge bei Kirchenbuchauswertungen und der Ungenauigkeit der Bestimmung des Abwanderungszeitpunkts nicht genauer als für 5-Jahres-Altersgruppen zu berechnen sind, erfolgt die Ableitung der Sterbetafelmaße aus den 5qx nach dem Verfahren Reeds und Merrells für „abridged tables“.

Einer Rekonstruktion der Alterspyramide der Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt ist durch die Rückrechnung aus einer umfangreichen Stichprobe zu den Sterbealtern vom I.N.E.D. durchgeführt worden. Diesem Verfahren liegt die Annahme einer geschlossenen Bevölkerung zugrunde, in der die geringen Außenwanderungen nicht berücksichtigt zu werden brauchen. Eine Alterspyramide ergibt sich unter diesen Bedingungen aus einem Querschnitt durch die verschiedenen Generationen, die auf der Grundlage der bekannten Angaben zum Geburtsjahr (definiert als Todesjahr minus Alter) und zum Todesjahr rekonstruiert werden können. Im Fall der französischen Daten aus dem 18. Jahrhundert treten Differenzen zwischen der Anzahl der nach einer Rückrechnung aus den Gestorbenenzahlen zu erwartenden Geburten und den tatsächlich registrierten Taufen auf. Dieses Defizit wird mit einer Unterregistrierung von Sterbefällen im Kindesalter erklärt. Für die Einschätzung der Sterbewahrscheinlichkeiten ist die aus einer solchen Diagnose abzuleitende Korrektur nicht unproblematisch, so dass der Nutzen dieses Verfahrens begrenzt ist.

4. Erweiterung der demographischen Analyse durch historisches Volkszählungsmaterial

Um die auf der Grundlage von Familienrekonstitutionen berechneten Fertilitätsraten als Gesamtfertilität einer bestimmten Bevölkerung ausdrücken zu können, ist vereinzelt der für das European Fertility Project in Princeton entwickelte Index Ig  verwendet worden. Das ist nur unter Verwendung eines fiktiven Altersaufbaus der Bevölkerung (für Deutschland wie im Jahre 1871 angenommen) möglich, sodass dem Ergebnis kein höherer Aussagewert zukommen kann als der direkten Relation zwischen der beobachteten TMFR und der TMFR der Hutterer. Als komprimierte Information über das gesamte Fertilitätsniveau einer Population gut geeignet sind die Princeton-Indizes, sobald sich anhand von historischem Volkszählungsmaterial die Altersverteilung tatsächlich bestimmen lässt. In solchen Fällen sind auch genauere Auswertungen zur Mortalität möglich. Bei einer entsprechenden Qualität der Sterberegister oder daraus gewonnener differenzierter Statistiken der Behörden ist dann punktuell auch ohne die Massenauswertung von individuellen Daten die Erstellung von Sterbetafeln möglich.

Eine unabdingbare Voraussetzung für die differenzierte Berechnung der Gesamtfruchtbarkeit ist eine Unterscheidung der Geburten nach ehelichen und unehelichen, sowie der Frauen im gebärfähigen Alter nach Fünfjahresaltersgruppen und nach dem Zivilstand. Die Princeton-Indizes werden auf dieser Grundlage als eine Relation zwischen der beobachteten Geburtenzahl und der erwarteten berechnet, wie sie bei Huttererfrauen unter den Bedingungen der gegebenen Bevölkerungsstruktur eingetreten wäre. Für das am häufigsten verwandte Maß Ig (Index der ehelichen Fruchtbarkeit) bedeutet das eine Division der Anzahl der legitimen Geburten (Bl) durch die Summe der für die sieben Altersgruppen (15-49 im Fünfjahresintervall i) getrennt errechneten Produkte aus der FR der Hutterer (Fi) und der Anzahl der verheirateten Frauen (mi):

Analog werden If (Index der gesamten Fruchtbarkeit) und Ih (Index der unehelichen Fruchtbarkeit) errechnet. In der Regel wird der Durchschnitt der Geburtenzahl von mehreren Jahren um die Volkszählung zugrunde gelegt, um zufällige Schwankungen zu begrenzen. Bei einer weniger differenzierten Datengrundlage kann statt der Princeton-Indizes auch eine allgemeine Fruchtbarkeitsziffer (FZ) als Quotient aus den Lebendgeborenen und der Anzahl der Frauen zwischen 15 und 45 oder 50 Jahren errechnet werden; sie lässt sich gegebenenfalls noch für die verheirateten Frauen spezifizieren. Zeitreihen führen hier bei einem sich üblicherweise nur wenig ändernden Heiratsverhalten zu den gleichen Schlüssen wie die Verwendung der Princeton-Indizes für die allgemeine und die eheliche Fertilität.

Altersspezifische Sterbewahrscheinlichkeiten (qx) können aus einer Altersverteilung der Sterbefälle und einer entsprechenden Aufstellung für die Bevölkerung nach dem üblichen Verfahren über die Sterbeziffern (mx) errechnet werden. Da zum einen die Altersangaben in den Urlisten historischer Volkszählungen der Attraktion runder Zahlen, einer Überschätzung hoher Alter und manchmal auch einer geschlechtsspezifischen Unterschätzung in bestimmten Altersgruppen unterliegen und zum anderen in zeitgenössischen Auswertungen ohnehin nur grobe Altersklassen angegeben sind –  hinzu kommt noch die Praxis der Angabe von angefangenen statt von vollendeten Jahren –, lässt sich nur mit fünf- oder gar zehnjährigen Intervallen arbeiten. Dementsprechend kommen die oben erwähnten besonderen Umrechnungsformeln für abgekürzte Sterbetafeln zum Tragen. Zum Vergleich zwischen verschiedenen kleineren Populationen sind auch die so errechneten 5q0 oft nicht signifikant unterscheidbar oder aufgrund der Quellenlage nicht hinreichend interpretationsfähig. Als komprimiertes Maß für Sterblichkeitsunterschiede kann in solchen Fällen über die mittlere Lebenserwartung hinaus die standardisierte Sterbeziffer mit Gewinn herangezogen werden. Die dazu verwandte Bezugsgröße (Standard) einer Altersverteilung ist beliebig. Die standardisierte Sterbeziffer leitet sich aus der erwarteten Anzahl der Sterbefälle ab (Produkt aus der Sterbeziffer (mx), der beobachteten Population und der Anzahl der Lebenden in der zum Standard erhobenen Vergleichspopulation). Diese absoluten Zahlen sind für alle Altersklassen zu berechnen und anschließend zu addieren. Wie bei der Berechnung einer gewöhnlichen Sterbeziffer ist dann die Summe der (hier hypothetisch) Gestorbenen durch die Gesamtzahl der Lebenden (hier in der Standardpopulation) zu dividieren.

Wenn sich kein direkter Zugang zur Berechnung des Heiratsalters (x) durch die Auswertung der Kirchenbücher ergibt, können diese Angaben für die Erstheiraten recht zuverlässig aus einem entsprechend differenzierten Volkszählungsmaterial oder durch die Auswertung von Seelenlisten mit Angaben über das Alter und den Zivilstand erschlossen werden. Diese Methode ist von Hajnal beschrieben worden. Sie erfordert zunächst die Berechnung der Ledigenquote in Prozent pro Fünfjahresaltersgruppe zwischen 15 und 55 Jahren und des Mittelwerts (z) der beiden Altersgruppenquoten zwischen 45 und 55. Dann werden (1.) die einzelnen Prozentwerte bis 50 Jahre (ya) aufsummiert, mit 5 multipliziert und (2.) die Summe um 1500 für die Alterjahre bis 15 erhöht. Von der Summe wird (3.) der mit dem Faktor 50 multiplizierte Mittelwert z subtrahiert und (4.) in einem letzten Schritt das Ergebnis durch die Differenz zwischen 100 und z dividiert:

Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem Zusammenhang, dass auch frühneuzeitliche Zählungen bereits oftmals so genau oder zumindest so gleichbleibend ungenau waren, dass sie in Verbindung mit der Vitalstatistik eine Einschätzung der Nettomigration ermöglichen. Dieser Wert ergibt sich aus dem Vergleich der Bevölkerungszunahme zwischen zwei Zählungen und dem Saldo der Geborenen und Gestorbenen, nach einer eindeutigen Zuordnung der Totgeburten. In der Regel erreichten die Methoden der Erhebung der Vitalstatistik allerdings zu einem früheren Zeitpunkt einen hohen Grad an Zuverlässigkeit als die Einwohnerzählungen, bei denen die Verfahren zudem naturgemäß stärker variierten. Diese Tatsache machen sich Korrekturverfahren zu historischen Volkszählungsergebnissen zunutze. Treten in den Statistiken abrupt Nettozuwanderungen auf, so kann dies auf eine Verbesserung im Zählverfahren zurückzuführen sein. Für den Zeitraum zwischen 1816 und 1840 treten solche scheinbaren Wanderungsgewinne in einigen preußischen Provinzen auf. Geglättete Migrationsbilanzen stellen in diesem Fall eine Möglichkeit dar, die älteren Einwohnerzahlen nach oben zu korrigieren. Das hat auch einen gewissen Einfluss auf die Bevölkerungsgröße Deutschlands im genannten Zeitraum.

Ein weiteres wichtiges Maß stellt schließlich die jährliche Zuwachsrate (r) der Bevölkerung dar, die zwischen zwei weiter auseinanderliegenden Einwohnerzahlen (P) auf der Basis des natürlichen Logarithmus errechnet werden sollte:

r = ln(Pb/Pa) / (b-a).

5. Anwendung von Erkenntnissen über stabile Bevölkerungen

Nicht im Bereich der Kirchenbuchauswertungen, sondern auf der Ebene der Arbeit mit regionalen oder nationalen Datensätzen angesiedelt ist das Problem der Rekonstruktion der bestimmenden Kräfte der Bevölkerungsbewegung auf der Grundlage unvollständiger oder ungenügend differenzierter Rohdaten. Zeitreihen dieser Art entstehen aus Stichproben einer genügenden Anzahl von Kirchenbuchauszählungen, oder sie verdanken ihre Existenz der Umsicht und Sorgfalt der zeitgenössischen Behörden.

In der historischen Bevölkerungsforschung sind erst in jüngster Zeit die praktischen Anwendungsmöglichkeiten der Theorie der stabilen Bevölkerungen erkannt worden, die im Wesentlichen bereits von Lotka ausformuliert worden ist. Den Kern bildet der mathematische Beweis, dass der Altersaufbau einer Bevölkerung unter dem Einfluss einer konstanten Fertilität und Mortalität (asymptotisch) stabil ist (Ergodizität). Es handelt sich dabei zunächst um den Entwurf eines Modells, dem beobachtete Bevölkerungen nie vollständig entsprechen. Nur um den Preis eines gewissen Verlusts an Authentizität ist aber eine mathematische Definition von Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen demographischen Variablen zu erhalten. Als ein Resultat der praktischen Umsetzung der Theorie ist die Verwendung von Modellsterbetafeln zu nennen. Für die historische Arbeit exemplarisch geworden und deshalb hier näher zu betrachten ist die darauf fußende Rückberechnung der englischen Bevölkerung durch Wrigley und Schofield, der als Datengrundlage lediglich lange Reihen der einfachen Geborenen- und Gestorbenenzahlen in Verbindung mit einer Volkszählung und einer Sterbetafel aus dem 19. Jahrhundert zur Verfügung stehen. Mit Hilfe der Methode der Rückprojektion (back projection) wird daraus die englische Bevölkerungsentwicklung ab 1541 rekonstruiert. Es versteht sich von selbst, dass dazu einige Parameter nur geschätzt werden können.

Im Vorfeld bestimmen Wrigley und Schofield die Geburtenüberschussziffer aus dem Quotienten aus Geburten und Sterbefällen, wobei die Sterbeziffer für diesen Zweck als konstant angenommen wird. In seiner allgemeinen Form gibt dieser Quotient auch unabhängig von der Rückprojektion im Vergleich zwischen verschiedenen Gebieten Hinweise auf unterschiedliche Zuwachsraten. Umfangreiche Berechnungen dieser Art stellte bereits Süßmilch an. Um aus der Geburtenüberschussziffer die allgemeine Bevölkerungszunahme abzuleiten, müssen allerdings weitere Angaben zum Umfang der Migrationen herangezogen werden.

Die eigentliche Arbeit mit Modellen beginnt mit der Erstellung eines Satzes von Sterbetafeln (im Falle der englischen Bevölkerungsrekonstruktion basierend auf dem Modell „Nord“ und der Farrschen Sterbetafel) aus den vorliegenden Daten zum 19. Jahrhundert. Aus diesem Pool werden dann nach Maßgabe des allgemeinen Mortalitätsniveaus alle Tafeln entnommen, die auf die Bevölkerung seit dem 16. Jahrhundert anzulegen sind. In Fünfjahresschritten und in mehreren Durchgängen werden nun die Einwohnerzahl und der Altersaufbau für die fiktiven Zensusjahre ermittelt. Damit ist auch die Anzahl der Frauen im gebärfähigen Alter festgelegt. Um daraus wiederum die Bruttoreproduktionsrate (gross reproduction rate, GRR) abzuleiten, wird unter Annahme eines festen mittleren Gebäralters (für England 32 Jahre) die Anzahl der beobachteten Geburten durch die Anzahl der nach einer Modellfertilitätstafel bei einer GRR von 1 zu erwartenden Geburtenzahl dividiert. Da auch die Überlebenswahrscheinlichkeit bis zum mittleren Gebäralter (p ( ) ) aus einer Modelltafel abzuleiten ist, folgt daraus in Verbindung mit der GRR die Nettoreproduktionsrate

und – für England bei einer Annahme eines mittleren Generationenabstands (T) von 31,5 – die intrinsische Zuwachsrate der stabilen Bevölkerung

r = ln NRR / T.

Das große Gewicht der Modelle, die einfachen Serien von Geburten und Sterbefällen gleichsam übergestülpt werden, hat zu der Anregung geführt, doch gleich von einer fiktiven Ausgangsbevölkerung auszugehen und daraus die weitere Entwicklung nach vorn zu projizieren (inverse projection). Bestechend ist bei dieser Vorgehensweise nicht nur der im Vergleich zum Projekt Wrigley/Schofields minimale Aufwand an Berechnungen, sondern auch die elegante Art des Umgehens von Schwierigkeiten und Fehlerquellen des Rückprojektionsverfahrens. Vom Standpunkt der historischen Genauigkeit wird an der inverse projection vor allem die willkürliche Setzung der Alterspyramide der Ausgangsbevölkerung kritisiert. Mit den Worten des Demographen Ron D. Lees lässt die Ergodizität aber die Eingangsstruktur vergessen, während die Rückprojektion sie unter dem Anspruch der Genauigkeit letztlich gleichfalls nur erfindet. Tatsächlich ergeben sich mit der Vorwärtsprojektion nützliche Einschätzungen der allgemeinen Bevölkerungsentwicklung, die mit Hilfe einfacher Computerprogramme in die Reichweite eines Einzelforschers außerhalb von Großprojekten gerückt werden. Vorausgesetzt ist allerdings immer die Verfügbarkeit vitalstatischer Reihen, sofern eine historische Arbeit beabsichtigt ist und nicht lediglich die Erstellung von Hypothesen.

Falls eine hinreichend genaue Aufgliederung der Sterbefälle (D) nach dem Alter vorliegt, bietet sich ein weiterer Lösungsweg für die zentrale Frage des Verhältnisses von Bruttoreproduktion und Sterblichkeit in historischen Bevölkerungen an. Er umgeht einen neuralgischen Punkt der Modellsterbetafeln, die invariable Beziehung zwischen den Sterbewahrscheinlichkeiten in den einzelnen Altersklassen. Der Ansatz basiert auf dem Nachweis Bourgeois-Pichats, dass sich aus unvollständigen Daten zu realen Bevölkerungen Ziffern zur Sterblichkeitsentwicklung in sehr guter Näherung direkt ableiten lassen (Konzept der semistabilen Bevölkerung). Der wichtigste Schritt dahin ist die Ersetzung der unbekannten intrinsischen Zuwachsrate (r) durch die beobachtete reale. Diese Setzung ist nach Bourgeois-Pichat möglich unter der Bedingung einer wenig variablen Fertilität, wie sie vor dem breiten Einsetzen der Kontrazeption vorherrschte. Unter dieser Annahme und unter der Bedingung, dass die Methode nicht auf die Kindersterblichkeit oder unkritisch auf Sonderfälle, wie isoliert betrachtete Städte mit einer starken Zuwanderung, Anwendung findet, lässt sich die Überlebenskurve aus der Altersverteilung der Gestorbenen ableiten, und aus dieser wiederum können die anderen Sterbetafelfunktionen gewonnen werden. Letztlich reduziert sich die Formel zur Berechnung der Sterbewahrscheinlichkeiten (q) für die Alter ab 15 Jahre auf:

Die Werte der gesamten Kindersterblichkeit bis zum 15. Geburtstag sind dagegen wie oben erwähnt in der Form einer Generationentafel (degressiv von den Geburten des gegebenen Zeitraums) zu errechnen.

Die Ergebnisse lassen sich an einigen historischen Sterbetafeln überprüfen. Das Verfahren ermöglicht es demnach durchaus, signifikante Veränderungen der Sterbewahrscheinlichkeiten (> 10 %) mit großer Sicherheit auch bei einem gewissen Umfang von Migrationen in den mittleren Altersgruppen zu erkennen. Hier dient es aber in erster Linie dazu, eine Beziehung zwischen p (`m ) und GRR herzustellen. Aufgrund der starken Abhängigkeit der Sterbewahrscheinlichkeiten von der als intrinsisch gesetzten Zuwachsrate sind Beobachtungszeiträume vorzuziehen, deren Länge eine gewisse Stabilität der Geburtenüberschussziffer garantiert. In der Praxis ergeben sich bereits für Fünfjahresabschnitte verwendbare Ergebnisse auf Provinzebene. Die Verwendung der beobachteten Zuwachsrate als Ersatz für die intrinsische ermöglicht auch eine Einschätzung der Reproduktion. Grundlegend für deren Berechnung ist hier die schon erwähnte Beziehung r = lnNRR / T, wobei der mittlere Generationenabstand in stabilen Bevölkerungen (T) eng mit dem beobachteten (`m ) verknüpft ist. Aus NRR = p (`m ) * GRR folgt in Verbindung mit der vorangegangenen Definition von r:

GRR = erT  / p (`m ).

Die Ersetzung der intrinsischen Zuwachsrate durch die Geburtenüberschussziffer bringt eine gewisse Irrtumswahrscheinlichkeit mit sich. In der englischen Reihe (nach Wrigley/Schofield) liegt die Abweichung für r im Durchschnitt der Jahre 1741-1840 bei 7 %. Für p (`m ) und GRR halbiert sich diese Fehlermarge. Da sich zudem selbst für das Deutschen Reich 1881/90 und 1891/1900 eine brauchbare Schätzung der GRR mit einer Ungenauigkeit von nur 4,6 % bzw. 4,8 % ergibt, kann die hier entworfene GRR-Formel als ein nützliches Instrument bei der Arbeit mit historischen Daten angesehen werden. Auf diese Weise sind die Fertilität (GRR) und die Mortalität ( p (`m ) ) anhand des gegebenen Quellenmaterials – also ohne Volkszählungsdaten mit verwertbaren Altersangaben – mit einer Genauigkeit berechenbar, die dem Vergleich mit der Rückprojektionsmethode standhält.

Im Vergleich mit den Ergebnissen der Rückprojektion ist noch eine letzte Bemerkung angebracht. Probleme, wie die Vernachlässigung des Einflusses einer Mortalitätsveränderung im gebärfähigen Alter auf die wirkliche Bruttoreproduktion, können bei der hier vorgestellten Methode nicht auftreten, denn GRR ist dort als die Summe der effektiven Fertilität der lebenden und überlebenden Frauen definiert. So ist es zunächst nicht weiter verwunderlich, dass eine Ableitung der GRR aus den von der Mortalität im gebärfähigen Alter abstrahierenden Fertilitätsraten demgegenüber systematisch höhere Werte ergibt. Dieser Effekt wird in der Rekonstruktion der englischen Bevölkerungsgeschichte zum Teil abgefangen, indem die aus den Fertilitätsraten der Parochialstudien errechneten Bruttoreproduktionsziffern nach unten korrigiert werden. Bei sehr jungen Heiratsaltern steigen diese Abweichungen allerdings überproportional an. Das hat zur Folge, dass das von Wrigley/Schofield angewandte Verfahren der GRR-Berechnung tendenziell auch den Einfluss eines sinkenden Heiratsalters auf die Zuwachsrate überschätzt.

Da eine relativ geringfügige Veränderung der Mortalitätsmuster bereits für einzelne Zeitabschnitte zu unterschiedlichen Aussagen über die allgemeine Entwicklungstendenz führen kann, kann demgegenüber nur die Notwendigkeit einer exakten empirischen Bestimmung der Mortalitätsverhältnisse betont werden. Aufgrund der Komplementarität von GRR und p (`m ) hat die Wahl der Messmethoden also einen unmittelbaren Einfluss auf die Einschätzung des Verhältnisses zwischen Reproduktion und Mortalität. Da die Bestimmung des Anteils dieser beiden Faktoren von entscheidender Bedeutung für die Erforschung der Ursachen der starken Bevölkerungszunahme im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts bleibt, ist diese Diskussion nicht allein von methodischem Interesse.

 

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„Mortalität“ von Jörg Vögele

Die Lebenserwartung in Westeuropa hat sich in den letzten 150 Jahren mehr als verdoppelt. Dieser enorme Anstieg der Lebenserwartung in Westeuropa und Nordamerika während der Neuzeit war von einem grundlegenden Wandel des Todesursachenpanoramas begleitet. Zahlreiche Krankheiten sind aus den Industrienationen verschwunden, andere haben ihren Charakter verändert oder sind beherrschbar geworden, und wiederum andere befinden sich auf dem Vormarsch. Die Mechanismen dieses Wandels sind nach wie vor unklar. Der folgende kurze Beitrag soll die Diskussion und den Forschungsstand kurz referieren. Dazu ist ebenfalls eine knappe Klärung zentraler Begriffe sowie ein Blick auf Quellen und Methoden notwendig.

1. Begriffe

Die Mortalität bezeichnet die Anzahl der Todesfälle in einer Bevölkerung während eines bestimmten Zeitraums im Verhältnis zur Anzahl der lebenden Individuen der betreffenden Population in diesem Zeitraum. Sie wird durch die Sterberate ausgedrückt. Man versteht unter der so genannten rohen Sterberate, die Zahl, der in einem bestimmten Zeitraum (i.d.R. ein Kalenderjahr) Gestorbenen je 1.000 Lebende der beobachteten Bevölkerung. Eine Erfassung der Risikogruppen mit gleichzeitiger Kontrolle der unterschiedlichen Bevölkerungsstrukturen ermöglicht die altersspezifische Ausdifferenzierung der Sterbeziffern bzw. der Lebenserwartung nach so genannten Sterbetafeln. Die Sterbetafeln bilden sowohl das historisch älteste Modell demographischer Forschung (etwa John Graunt’s Bills of Mortality, 1662 oder Edmund Halleys Sterbetafeln der Stadt Breslau, 1693) als auch den Prototyp der modernen demographischen Analyse.

Die altersspezifische Mortalität ergibt sich aus der Anzahl der Gestorbenen einer Altersgruppe während eines ausgewählten Jahres, bezogen auf die Lebenden in der jeweiligen Altersgruppe und bei den Säuglingen bezogen auf die Lebendgeborenen des Jahres. Die so genannte statistische Lebenserwartung ist die zu erwartende Zeitspanne, die einem Lebewesen ab einem gegebenen Zeitpunkt bis zu seinem Tod im Durchschnitt voraussichtlich verbleibt. Der am häufigsten ermittelte Wert ist die Lebenserwartung bei der Geburt. Sie ist bestimmt durch die Anzahl der Jahre, die ein Neugeborenes durchschnittlich leben würde, wenn die bei seiner Geburt herrschenden Sterblichkeitsraten bzw. entsprechende Lebensumstände während seines gesamten Lebens konstant blieben.

2. Quellen

Mit Methoden der Paläopathologie und Anthropologie gelingen zeitlich weit zurückreichende Untersuchungen zur Mortalität. Dagegen beginnen serielle schriftliche Quellen relativ spät: Zentrale Quellen für Europa seit dem 16. Jahrhundert sind die Kirchenbücher (Tauf-, Heirats- und Sterbebuch). In den Sterbebüchern wurden in der Regel Personalangaben, erreichtes Lebensalter, Sterbe- bzw. Begräbnisdatum und gelegentlich auch die Todesursache registriert. Als methodisches Problem im Zusammenhang mit der Säuglingssterblichkeit ist hier insbesondere die Zahl der Totgeburten zu nennen. Häufig gelten diese als unterregistriert, da die Taufe als Sakrament stärker im Mittelpunkt stand als der biologische Vorgang der Geburt. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts etablierte sich die zivile Erfassung von Sterbefällen und Todesursachen. Ähnliches gilt für die Erfassung der Risikobevölkerung: Zunächst kann wieder auf die kirchliche Initiative mit so genannten Seelenbeschrieben und ab dem 19. Jahrhundert auf brauchbare staatliche Volkszählungen bzw. deren Fortschreibung zurückgegriffen werden. Während Untersuchungen für das 18. Jahrhundert und früher im Wesentlichen auf lokalem Archivmaterial basieren, liegen seit dem frühen 19. Jahrhundert gedruckte Datenreihen für zahlreiche westeuropäische Staaten vor.

Eine systematische historische Analyse des Wandels im Todesursachenpanorama ist nicht einfach, denn es ist zu berücksichtigen, dass sich die Zeitgenossen einer vollkommen anderen Nosologie bedienten, die sich zudem im Laufe der Zeit änderte. Zugrunde lagen dabei Krankheitskonzepte einer vor-mikrobiologischen Ära, in der miasmatische, kontagionistische, humoralpathologische und auch astromedizinische Erklärungsmodelle häufig nebeneinander existierten und sich gegenseitig beeinflussten. (Leven 2011: 11-32). Während eine retrospektive Diagnose von individuellen Krankheitsfällen und singulären Todesursachen deshalb äußerste Vorsicht walten lassen muss, bietet eine auf Massendaten basierende epidemiologische Analyse eine weitaus größere Aussagekraft.

3. Der historische Mortalitätswandel und das Modell des Epidemologischen Übergangs

Das langfristige Absinken der Sterbeziffern und der Wandel des Todesursachenpanoramas können mit dem Modell der Demographischen Transition bzw. des Epidemiologischen Übergangs beschrieben und zusammengefasst werden. Das Modell der Demographischen Transition skizziert den Übergang von der vorindustriellen Bevölkerungsweise mit hoher Fruchtbarkeit und hoher Sterblichkeit hin zu einer modernen mit entsprechend niedrigen Raten und schreibt dabei der sinkenden Mortalität die auslösende Funktion zu. Das Modell des Epidemiologischen Übergangs ist für die spezifische historische Analyse des Sterblichkeitswandels nützlich, da es die Entwicklungstrends der Sterberate sowie den Wandel des Todesursachenpanoramas verfolgt und von Wechselwirkungen zwischen dem durchschnittlichen Gesundheitszustand einer Bevölkerung und dem sozioökonomischen Wandel ausgeht.

Das Modell des Epidemiologischen Übergangs unterscheidet drei Phasen: (1) Die Periode der Seuchen und Hungersnöte, gekennzeichnet durch eine hohe und stark schwankende Sterbeziffer. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt ist niedrig und liegt zwischen 20 und 40 Jahren. (2) Die eigentliche Übergangsphase bzw. Periode der rückläufigen großen Epidemien; die Sterberate verstetigt sich und nimmt allmählich ab, besonders in dem Umfang, in dem die schweren Epidemien seltener werden und später ganz ausbleiben. Die Lebenserwartung bei der Geburt steigt auf rund 50 Jahre. (3) Die bis heute andauernde Periode der Zivilisationskrankheiten („man-made diseases“) mit niedriger Sterberate und hoher Lebenserwartung bei der Geburt, die 70 Jahre übersteigen kann. (Omran 1871/2005: 509-538).

Angesichts der Zunahme neuer aber auch längst besiegt geglaubter Infektionskrankheiten wird das Modell gelegentlich modifiziert und um weitere Phasen ergänzt. Gleichwohl bietet es nach wie vor eine wichtige Arbeitsgrundlage für die historische Analyse. Entsprechend ist das Konzept mittlerweile konkretisiert worden: (Für einen Überblick für den deutschsprachigen Raum s. Ehmer 2004 und Pfister 1994). Die dominierende Position der Pest vom 14. bis 17. Jahrhundert mit verheerenden Bevölkerungsverlusten wurde eingehend untersucht und ihre Funktion als Schrittmacher kommunaler Gesundheitssicherung herausgearbeitet. Besonderes Augenmerk der Forschung galt der großen Pandemie des 14. Jahrhunderts, dem sogenannten “Schwarzen Tod”. Während zeitgenössische Chronisten die Sterblichkeit in den besonders betroffenen oberitalienischen Städten mit etwa 60-70% beschrieben, gehen aktuelle Schätzungen von einer Sterberate zwischen 30-50% aus. Insgesamt sollen zwischen einem Viertel und einem Drittel der europäischen Bevölkerung der Pest zum Opfer gefallen sein. (Haser 1882: 129). Auch in den folgenden Jahrhunderten blieb die Seuche in Europa endemisch und epidemisch präsent. Nach ihrem Rückzug aus Mittel- und Westeuropa seit dem späten 17. Jahrhundert traten andere Seuchen verstärkt in Erscheinung. Insbesondere der Englische Schweiß, die Ruhr, Syphilis, Flecktyphus, Pocken und Malaria sind in diesem Zusammenhang zu nennen. (Hays 1998; Livi Bacci 1999).

Gleichzeitig wird betont, dass die meisten schweren Seuchen aufgrund geringerer Militäraktivitäten und veränderter Militärorganisation bereits rückläufig waren und die Zahl und Intensität demographischer Krisen abnahm. (Flinn 1981). Im Zuge wachsender, mit zunehmender Bevölkerungs- und Kommunikationsdichte einhergehender Marktintegration wandelten sich die sogenannten „Human-Crowd Diseases“ (v.a. Pocken, Masern, Scharlach und Keuchhusten) im Europa des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts von altersunspezifischen zu typischen Kinderkrankheiten. Dieser Prozess war mit einer wachsenden relativen Bedeutung von gastro-intestinalen Krankheiten verbunden, die primär Säuglinge und Kleinkinder bedrohten. Da dieser Krankheitskomplex zudem empfindlich auf die sozioökonomischen Lebensbedingungen reagierte, wurde die Lebenserwartung zunehmend durch schichtenspezifische Unterschiede bestimmt. (Spree 1981). Im 19. Jahrhundert schließlich suchten die Cholera und im 20. Jahrhundert die Grippe als letzte der klassischen Seuchen der Neuzeit Europa in mehreren Wellen heim. Haupttodesursachen des 19. Jahrhunderts waren allerdings nicht mehr die skandalisierten Seuchen, wie die Pocken, Cholera oder Typhus, sondern vor allem gastrointestinale Erkrankungen (die vor allem Säuglinge betrafen), Erkrankungen der Atmungsorgane (inkl. Tuberkulose) sowie die klassischen Infektionskrankheiten des Kindesalters. (Vögele 1998). Die Phase 2 des Epidemiologischen Übergangs hatte begonnen und ging etwa mit dem Ersten Weltkrieg zu Ende. (Imhof 1981; Spree 1981; Imhof 1988; Vögele 2001). Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts traten in der 3. Phase Herz-/Kreislaufkrankheiten und Krebs in den Vordergrund.

Sowohl das Sterberisiko als auch der säkulare Sterblichkeitswandel fielen altersspezifisch differenziert aus. Hauptrisikogruppe waren in der Regel die Säuglinge; entsprechend ist die gesteigerte Lebenserwartung zu einem entscheidenden Maß auf den säkularen Rückgang der Säuglingssterblichkeit seit Ende des 19. Jahrhunderts zurückzuführen. Zur Gründung des Deutschen Reiches betrug die Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Geburt bei Männern rund 36 Jahre und bei Frauen rund 39 Jahre; mittlerweile hat sie sich auf etwa 75 Jahre bei Männern und 81 Jahre bei Frauen erhöht. Aber auch die höheren Altersgruppen haben einen substantiellen Anstieg zu verzeichnen: Die Lebenserwartung von 60-jährigen Männern stieg im selben Zeitraum von weiteren 12 auf 18 Jahre, diejenige der Frauen von 13 auf 23 Jahre. Nach 1950 trugen Fortschritte in der Verbesserung der Überlebenschancen der über 65-jährigen erheblich zum Anstieg der Lebenserwartung bei. Mittlerweile hat sich der Tod nicht nur aus Kindheit und Jugend, sondern überhaupt aus den Altersstufen bis zum 70. Lebensjahr weitgehend zurückgezogen. Das Abdrängen des Todes in die höchsten Altersgruppen brachte den Wandel von einer „unsicheren“ zu einer „sicheren“ Lebenszeit und zur vermeintlichen Planbarkeit des eigenen Lebens mit sich. (Imhof 1988). So umfasst das Leben erst im ausgehenden 20. Jahrhundert für die meisten Menschen eine annähernd gleiche Zeitspanne, (Spree 1981) wodurch die Altersphase zu einer kollektiven Erfahrung und zu einem Element der Sozialstruktur geworden ist. In globaler Perspektive gesehen, gehen Wissenschaftler davon aus, dass die Lebenserwartung noch weiter steigen wird. (Oeppen / Vaupel 2002).

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Lebenserwartung durchziehen ebenfalls den historischen Zeitraum und werden sowohl auf biologisch-genetische als auch auf soziale Faktoren zurückgeführt. Im Trend ging dabei die weibliche Übersterblichkeit – verursacht durch die vielfältige Belastung der Frau als Arbeitskraft und Mutter wie auch durch ihre gesellschaftliche Stellung (Imhof 1981; Müller 2000) – seit der Frühen Neuzeit zurück. Abgesehen von einer Übersterblichkeit der Frauen in gebärfähigen Alter, vorwiegend in ländlichen Regionen während des 18. und 19. Jahrhunderts, fiel die Lebenserwartung der Männer in allen Altersgruppen unter diejenige der Frauen. Bis in die jüngste Zeit haben sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede zuungunsten der Männer sogar weiter verstärkt, nicht zuletzt bedingt durch deutliche Verbesserungen des arbeitsweltlichen Status der Frauen im 20. Jahrhundert. (Weigl 2007). Um die Anteile gesellschaftlicher und biologischer Faktoren an der höheren Lebenserwartung der Frauen in historischen Populationen auszuloten, bieten zahlreiche sogenannte Klosterstudien einen originellen Ansatz. Der Unterschied zwischen Ordensfrauen und -männern wird dabei mit ein bis zwei Jahren deutlich geringer ermittelt als zwischen Frauen und Männern der Allgemeinbevölkerung. (Luy 2002).

4. Mechanismen des Sterblichkeitswandels

Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 1993, der amerikanische Historiker Robert Fogel, bezeichnet diesen Wandel der Mortalität als eines der bedeutendsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte und gleichzeitig als eines der letzten großen Rätsel, da die Ursachen und Mechanismen nach wie vor im Dunkeln liegen. Während diese Entwicklungen traditionell den Fortschritten in der medizinischen Wissenschaft zugeschrieben wurden, bemessen Forschungsarbeiten der letzten Jahrzehnte den Beitrag der kurativen Medizin eher als bescheiden. Wesentliche Impulse gingen hier von den Arbeiten Thomas McKeowns aus. (McKeown 1976). McKeown analysierte den Sterblichkeitswandel vornehmlich am englischen Beispiel; er entwarf ein sehr einfaches Risikomodell mit vier unabhängigen Variablen und gewichtete es für verschiedene Todesursachen. Da zahlreiche Todesursachen bereits entscheidend zurückgingen, bevor spezifische medizinische Therapien zur Verfügung standen, sei als primärer Faktor der steigende Lebensstandard zu nennen. Dieser wirkte über eine sowohl quantitativ als auch qualitativ verbesserte Ernährungssituation insbesondere im Hinblick auf die Reduktion der Mortalität an Tuberkulose. An zweiter Stelle betont McKeown die Rolle der sanitären Reformen, die eine Abnahme der fieberartigen Krankheiten und der Erkrankungen der Verdauungsorgane bewirkt hätten. Sodann verweist er auf Veränderungen in der Virulenz bestimmter Krankheitsorganismen – besonders bezüglich des Scharlachs. Medizinische Intervention dagegen sei nur im Falle der Kuhpockenimpfung sowie der Serum-Therapie gegen Diphtherie effektiv gewesen und habe lediglich marginal zum Sterblichkeitsrückgang beigetragen.

Die Wirkung von McKeowns Publikationen sowohl auf die historische Forschung als auch auf die gegenwärtigen gesundheitspolitischen Maßnahmen ist enorm. Seine Arbeiten bestimmen bis heute wesentlich die strategischen Konzepte der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die historischen Teile seiner Arbeit lösten eine Welle von Publikationen aus, die sich mit seinen Thesen auseinander setzten. Auf den Sterblichkeitsrückgang bezogen wird McKeown dem Beitrag der Medizin nicht gerecht, weil er sich in seinen Überlegungen auf kurative medizinische Interventionsmöglichkeiten beschränkt, ohne Aspekte der öffentlichen Gesundheitsvorsorge zu berücksichtigen. (Vögele 2001). In diese Richtung deuten auch methodische Schwächen der McKeownschen Analyse. Brennpunkt der Kritik waren die Vernachlässigung altersspezifischer Sterberaten sowie der deduktive Ansatz. Da der Fokus auf England liegt, gelangt die exorbitante Rolle der gastrointestinalen Erkrankungen auf dem europäischen Kontinent nicht in den Blick. Ferner bleiben durch die Konzentration der Analyse auf die nationalstaatliche Ebene regionale Unterschiede ebenso ausgespart wie die differentiellen Entwicklungen in Stadt und Land.

Nicht zuletzt deswegen hat sich die Forschung in den letzten Jahren den städtischen Verhältnissen zugewandt. Seit langem schon gelten die Städte im historischen Europa als ungesunde Orte mit extrem hohen Sterberaten. Bereits im 17. Jahrhundert wurde dieses Bild von John Graunt entworfen und im 18. Jahrhundert von Johann Peter Süssmilch aufgenommen. Im 19. Jahrhundert machten verschiedene Autoren auf Gesundheitsgefährdungen durch die Industrialisierung aufmerksam, und heutzutage beschäftigt sich die internationale historische Forschung intensiv mit dieser Problematik. (Labisch / Vögele 1997; Brändström / Tedebrand 2000). Beengte Wohnverhältnisse und unzureichende gesundheitsbezogene Infrastruktur machten die Städte zum idealen Nährboden für Epidemien und Seuchen, die zudem auf eine unzureichend ernährte und durch harte Arbeitsbedingungen geschwächte Bevölkerung trafen. Allerdings wurden die Städte mit fortschreitender Industrialisierung zum Vorreiter auf dem Weg zu den modernen Gesundheitsverhältnissen. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts verringerten sich die städtischen Sterberaten deutlich, die städtische Übersterblichkeit ging zurück und verschwand schließlich sogar ganz. Deshalb betonen einschlägige Arbeiten die positiven Wechselbeziehungen zwischen Urbanisierung und Bevölkerungsentwicklung und gehen von komplexeren Erklärungsmodellen aus, die beispielsweise auch gesundheitspolitische und soziokulturelle Faktoren stärker berücksichtigen. (Vögele 1998).

Besondere Aufmerksamkeit im Rahmen der Sterblichkeitswandels kommt der Säuglingssterblichkeit zu, da diese allgemein als sensitiver Indikator für den Wohlstand einer Gesellschaft sowie für den Zustand der Umweltbedingungen gilt, unter denen eine Bevölke­rung lebt. Die dramatisch hohen Säuglingssterblichkeitsziffern im historischen Europa werfen damit ein entsprechendes Licht auf die damaligen Lebensbedingungen. In manchen Jahren überlebte nur ein Drittel das erste Lebensjahr, oftmals erreichte gerade die Hälfte eines Geburtsjahrganges das Erwachsenenalter. In zahlreichen europäischen Staaten setzte ein leichter Rückgang der Säuglingssterblichkeit bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein und wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch erneut steigende Raten unterbrochen. (Corsini / Viazzo 1993). Um die Wende zum 20. Jahrhundert begann dann der bis heute andauernde nachhaltige Rückgang auf unter 10 Promille. (Corsini / Viazzo 1997).

Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang die differentielle Säuglingssterblichkeit mit einem ausgeprägten Ost-West- und Nord-Süd-Gefälle in Europa, mit niedrigen Raten etwa in Schweden oder England und hohen in Osteuropa. (Wrigley 1997: 214-280). Mitte des 18. Jahrhunderts soll die Säuglingssterblichkeit in der Region Moskau bei 334 Promille gelegen haben; Angaben aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zeigen wesentlich niedrigere Werte für Schweden (200) und Dänemark (191) und noch geringere für England (165). (Livi Bacci 1999: 148-152).  Diese Gradienten waren auch auf dem Gebiet des Deutschen Reiches zu beobachten. Noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts lagen die Werte – auf 1.000 Lebendgeborene bezogen – bei ca. 100 Sterbefällen im Norden, unter 200 im Westen, bei 300 und mehr im Osten und Süden. (Vögele 2001: 132f.). Zurückgeführt wird dieses Verteilungsmuster auf eine Vielzahl von Faktoren. So spielen regional unterschiedliche Mentalitäten in Bezug auf Leben und Sterben ebenso eine Rolle wie wirtschaftliche Bedingungen. (Imhof 1981). Nach Regionen differenziert ergaben sich in Preußen beispielsweise hohe Sterblichkeitsniveaus in Gebieten großlandwirtschaftlicher Betriebe in Ostpreußen, in denen eine verarmte Bauernschaft arbeitete. (Lee 1980). Reinhard Spree machte darauf aufmerksam, dass eine wachsende gesellschaftliche Ungleichheit bezüglich der Höhe der Säuglingssterblichkeit während der letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts, die nicht mit der sozialen Schichtung identisch war, darauf hindeutet, dass wirtschaftliches Wachstum zumindest nicht die alleinige treibende Kraft des Sterblichkeitsrückgangs war. (Spree 1992).

Zahlreiche Faktoren wirken auf Höhe und Trend der Säuglingssterblichkeit: Ernährungspraktiken, Legitimität der Säuglinge, Fertilität, Witterung und Klima, hygienische Bedingungen, öffentliche Gesundheitsfürsorge, Wohnsituation und allgemeine Lebensbedingungen, Bildungsgrad, Wohlstand und Beruf der Eltern. Für Deutschland werden die regionalen Differenzen großenteils auf unterschiedliche Einstellungen gegenüber Leben und Tod zurückgeführt. (Imhof 1981a). Das soll soweit gegangen sein, dass traumatisierende Katastrophen wie Seuchen und Kriege in besonders betroffenen Regionen zu einer fatalistischen Haltung führten. Insbesondere in katholischen Gebieten sei der Tod eines Säuglings eher gleichgültig oder, wenn bereits viele Kinder vorhanden waren, sogar mit Erleichterung hingenommen worden. Als berühmtestes Beispiel aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gilt das sogenannte ‚Himmeln‘. Während die ersten Kinder den Eltern noch sehr willkommen waren, wuchs mit den später Geborenen die Sorge, ob die Ressourcen der Familie ausreichen würden. Die nachweislich geringeren Überlebenschancen der höheren Geburtsränge sollen auch auf eine bewusste Vernachlässigung zurückzuführen sein.

Allerdings ist die Tragfähigkeit dieser These durchaus problematisch, da die Gebiete, die besonders durch Kriege verwüstet worden waren, und Regionen hoher Säuglingssterblichkeit geographisch nicht deckungsgleich sind. Untersuchungen auf mikroregionaler Ebene deuten darauf hin, dass konfessionelle Unterschiede keineswegs die entscheidenden waren. (Baschin / Kozlik 2008). Auch konnten ökonomische Faktoren wirksam sein. In der Stadt Konstanz beispielsweise lagen die Säuglingssterblichkeitsziffern unter der katholischen Bevölkerung mehr als doppelt so hoch wie unter der evangelischen. Gleichzeitig lebte allerdings die protestantische Oberschicht der Stadt unter wesentlich besseren wirtschaftlichen Bedingungen als der katholische Teil der Bevölkerung. (Vögele 2001: 185). Während sich die soziale Ungleichheit im Laufe des 19. Jahrhunderts vergrößerte, traten die regionalen Unterschiede in den Hintergrund. (Spree 1995). Als entscheidender Faktor für Höhe und Entwicklung der Säuglingssterblichkeit gilt jedoch die Ernährungsweise der Säuglinge.(Haines / Vögele 2000; Vögele 2001). Extensives Stillen war mit einer niedrigen Säuglingssterblichkeit verbunden, die sog. künstliche Ernährung dagegen mit hohen Sterbeziffern. Muttermilch ist nicht nur ernährungsphysiologisch ideal, sondern überträgt auch Immunstoffe der Mutter und bietet einen gewissen Schutz vor akuten Infektionskrankheiten. Dagegen fördert künstliche Ernährung das Infektionsrisiko, besonders, wenn die Nahrung mit Milch oder Wasser zubereitet, oder, wie es in manchen Gegenden Brauch war, von Erwachsenen vorgekaut wurde. Haupttodesursache unter den Säuglingen waren entsprechen gastro-intestinale Störungen. Nach reichsweiten Schätzungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Sterblichkeit der „Flaschenkinder“ bis zu siebenmal höher als diejenige der „Brustkinder“. Während die hohe Säuglingssterblichkeit traditionell als unvermeidbares Schicksal oder, mit dem Aufkommen eugenischen Gedankenguts, sogar als natürliche Auslese im Sinne einer sozialdarwinistischen Interpretation gesehen wurde, lösten sinkende Geburtenraten gegen Ende des 19. Jahrhunderts Befürchtungen aus, dass die Zukunft der Nation in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht nicht mehr gewährleistet sei. Mit zunehmender gesellschaftlicher Bedeutung des bevölkerungswissenschaftlichen Diskurses sicherten sich die Ärzte beim Thema Säuglingssterblichkeit wissenschaftliche Autorität und propagierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts Stillkampagnen, deren programmatische Grundlagen bis heute von UNICEF und WHO weitergeführt werden. (Vögele / Halling / Rittershaus 2010).

 

 

Literatur

Baschin, Marion / Kozlik, Andreas: Studien zur südwestdeutschen Demographie. Die Sterblichkeit in Württemberg im 18./19. Jahrhundert und in Esslingen im 19. Jahrhundert. Remshalden, 2008.

Brändström, Anders / Tedebrand, Lars-Göran (Hg.): Population Dynamics During Industrialization, Umea 2000.

Corsini, Carlo A. / Viazzo, Pier P. (Hg.): The Decline of Infant Mortality in Europe – 1800-1950. Four National Case Studies, UNICEF, Florenz 1993.

Corsini, Carlo A. / Viazzo, Pier P. (Hg.): The Decline of Infant and Child Mortality. The European Experience: 1750-1990, UNICEF, Den Haag 1997.

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Imhof, Arthur E.: Unterschied­liche Säuglingssterblichkeit in Deutschland, 18. bis 20. Jahrhundert – Warum?, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 7,3 (1981a), S. 343-382.

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Lee, W. Robert: The Mechanism of Mortality Change in Germany, 1750-1850, in: Medizinhistorisches Journal 15 (1980), S. 244-288.

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Weigl, Andreas: Der „gender gap“ revisited: Eine Modellrechnung im Kontext historischer, sozial- und naturwissenschaftlicher Befunde. In: Dinges, Martin (Hg.), Männlichkeit und Gesundheit im historischen Wandel ca. 1800 – ca. 2000, Stuttgart 2007, S. 41-52.

Wrigley, E. Anthony et al.: English Population History from Family Reconstitution 1580-1837, Cambridge 1997.

 

 

„Haushalte“ von Siegfried Gruber

1. Einleitung

In der historischen Demografie kann man sich mit dem Zustand einer Bevölkerung als auch deren Veränderung beschäftigen. Die klassischen Quellen für Bewegungsmengen der Bevölkerung sind Kirchenbücher, wo Geburten bzw. Taufen, Eheschließungen und Todesfälle bzw. Beerdigungen verzeichnet worden sind. Bestandsmengen der Bevölkerung sind in Personenstandsquellen wie Volkszählungen, Bürgerlisten und ähnlichen Quellen aufgezeichnet worden. Die Personen in Kirchenbüchern sind entweder als Einzelpersonen, Ehepaare oder Eltern-Kind-Gruppe verzeichnet, die allerdings keine weiteren Hinweise auf zusätzliche gemeinsam mit diesen Personen lebende weitere Personen geben. Diese Informationen sind in Volkszählungslisten vorhanden, die als Ordnungskriterium gewöhnlich den Haushalt verwenden, der somit die nächsthöhere Verwaltungseinheit einer Bevölkerung nach der Einzelperson darstellt.

Diese Haushalte werden meist aufgrund von Gemeinsamkeiten beim Essen bzw. Kochen, Schlafen und Verwandtschaft definiert, wobei es auch davon abweichende Definitionen gibt. Die Anwendbarkeit dieses Begriffes wird teilweise infrage gestellt, weil einerseits die Abgrenzung von Haushalten nicht immer eindeutig ist und man sich bei historischen Quellen weitgehend auf das verlassen muss, was überliefert ist und andererseits die Frage aufgeworfen wird, ob das Konzept des Haushalts überhaupt eine sinnvolle Kategorie darstellt. Eine weitere Unschärfe liegt darin, dass die Begriffe „Haushalt“ und „Familie“ oft synonym verwendet werden. Die Funktionen von Haushalten (z.B. Produktion und Konsumption) sind vor allem in den letzten beiden Jahrhunderten stark zurückgegangen. Die Zusammensetzung der Haushalte und der Vergleich über Raum und Zeit hinweg stellte lange Zeit eine der wichtigsten Forschungsfragen dar und inzwischen sind größere Datensammlungen angelegt worden, die zur Beantwortung vielfältiger Forschungsfragen zur Verfügung stehen.

2. Haushalt und Familie

Vielfach sind die Begriffe „Haushalt“ und „Familie“, bzw. in älterer Zeit auch der Begriff „Haus“, synonym verwendet worden und es gibt wissenschaftliche Arbeiten, die diese beiden Begriffe nicht klar voneinander trennen oder unterschiedslos verwenden. Der wichtigste Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen liegt darin, dass Familie den verwandtschaftlichen Aspekt der damit bezeichneten Gruppe betont, während Haushalt den Aspekt des gemeinsamen Wohnens hervorhebt. Es ist nun aber so, dass der Großteil der Mitglieder eines Haushalts auch miteinander verwandt ist und es daher eine weitreichende Überschneidung dieser beiden Begriffe auch in der Realität gibt.

Insgesamt ist der Begriff „Familie“ in der Wissenschaft weiter verbreitet als der Begriff „Haushalt“: der Begriff „family demography“ wird wesentlich häufiger verwendet als der der „household demography“. Die „Encyclopedia of population“ von 2003 enthält elf Einträge zum Begriff „Familie“ (darunter family history und family demography), aber nur einen zu „Haushalt“ (household composition). Die historische Beschäftigung mit Familie bzw. Haushalt läuft unter „Familiengeschichte“ und nicht „Haushaltsgeschichte“ und das Netzwerk bei den internationalen Tagungen von SSHA und ESSHC heißt „Family and Demography“  bzw. „Family History/Demography“ und nicht „Household and Demography“.

3. Definition eines Haushalts

Michel Verdon reduziert die Definition eines Haushalts auf ein einziges Merkmal, das des gemeinsamen Wohnens. Er definiert einen Haushalt als „residential group“ (Verdon 1998: 37, ähnlich auch Ryder 1 985). Die meisten anderen Definitionen eines Haushalts beinhalten noch zusätzliche Merkmale. Im Rahmen der „Cambridge Group for the History of Population and Social Structure“ entstanden Definitionen, die eine enorme Wirkung auf die weitere Entfaltung der historischen Demographie hatten. Peter Laslett definiert einen Haushalt als „coresident domestic group“ und weist ihm drei Charakteristiken zu: Schlafen unter einem gemeinsamen Dach, gemeinsame Aktivitäten und Verwandtschaft durch Blut oder Heirat (Laslett 1974: 25). Die ersten beiden sieht er als universell an, während das dritte Merkmal nicht auf alle Mitglieder des Haushalts zutrifft: Es können auch Nichtverwandte in einem Haushalt Mitglieder sein. Diese Personen können einerseits Dienstboten, Lehrlinge, Gesellen und andererseits Gäste, Bett- und Kostgänger sein. Eine wichtige Eigenschaft der ersten Gruppe besteht darin, dass sie hausrechtlich dem Haushaltvorstand unterstanden. Sie waren in ihrem Status mit Kindern vergleichbar und in den Haushalt integriert. Altenteiler, die ein eigenes Gebäude bewohnen oder im selben Gebäude wohnen, aber eine eigene Haushaltsführung haben, stellen einen eigenen Haushalt dar (Laslett 1974: 26f.). Laslett führte den Begriff „houseful“ für alle Leute ein, die ein Gebäude bewohnen, auch wenn sie nicht zum selben Haushalt gehören (Laslett 1974: 36). Eine spätere Definition von Richard Wall konzentriert sich ebenfalls auf die ersten beiden Charakteristiken (Wall 2001).

Josef Schmid stellt drei andere Aspekte für die Definition eines Haushalts in den Vordergrund: Kochgelegenheit, Privatheit, verwandte und nicht verwandte Personen (Schmid 1988: 14f.). Die gemeinsame Feuerstelle bzw. Kochgelegenheit wurde historisch ebenfalls als Kriterium zur Einteilung in Haushalte bzw. zu Besteuerungszwecken (Listen von Feuerstellen bzw. Schornsteinen) verwendet. Die Privatheit wird durch eine eigene Eingangstür charakterisiert, der die einzelnen Haushalte eines Hauses voneinander scheidet. John Ermisch definiert einen Haushalt als eine Einheit, welche die Zeit ihrer Mitglieder und erworbene Güter und Dienstleistungen in die Erzeugung von ‚Outputs‘ kombiniert, welche zumindest teilweise unter ihnen geteilt werden. Es geht hier um eine wirtschaftliche Definition von Haushalten, die sie als Produktions- und Konsumptionseinheit versteht (Ermisch 1988: 23).

4. Probleme mit der Abgrenzung von Haushalten

Im Übrigen ist die Erforschung von historischen Bevölkerungen meist auf die Datensituation in den jeweiligen Quellen angewiesen. Die Einteilung der Bevölkerung in Gruppen, die wir als Haushalte identifizieren, ist meist bereits in den Quellen gegeben und wir können davon ausgehen, dass diese Einteilung keine willkürliche (Laslett 1974: 24), sondern für die damalige Situation sinnvoll war. Probleme ergeben sich nun, wenn eine solche Einteilung entweder nicht vorhanden ist oder wenn diese Einteilung fraglich oder nach anderen Gesichtspunkten vorgenommen worden ist. Ein Beispiel dafür sind die mittelalterlichen serbischen Quellen, die von Gene Hammel ausgewertet worden sind: Er stellte eine Reihe von unterschiedlichen Annahmen auf und verglich dann die Ergebnisse der Einteilung der Haushalte in Kategorien aufgrund dieser Annahmen (Hammel 1984). Ein weiteres Beispiel ist die Volkszählung des Jahres 1819 von Mecklenburg-Schwerin, die keine Einteilung in Haushalte aufweist und auch keine Adressen angibt. Eine Edition dieser Quelle für die Stadt Rostock beruht ebenfalls auf einer Reihe von Annahmen (Manke 2005), die allerdings zu einem sehr hohen Anteil an Einpersonenhaushalten führen. Eine Möglichkeit zur Lösung dieses Problems liegt in der Anwendung eines Algorithmus, der aufgrund vorgegebener Regeln eine Person entweder dem Haushalt der vorhergehenden Person zuordnet, oder mit dieser Person einen neuen Haushalt beginnt. Die Regeln für diese Zuordnungen wurden anhand der Volkszählung des Jahres 1867 entworfen und auch an dieser Volkszählung getestet. Das Ergebnis führt zu wesentlich weniger Einpersonenhaushalten als in der Quellenedition, wobei aber zu bedenken ist, dass sich dieser Algorithmus für unterschiedliche Teile der Bevölkerung unterschiedlich auswirken kann (Gruber, Scholz, Szołtysek 2011).

5. Kritik am Konzept

Das Konzept des Haushalts hat auch einige Kritik hervorgerufen. Dazu gehört der Vorwurf, dass die Abgrenzung von Haushalten nach unterschiedlichen Kriterien erfolgt. Lutz Berkner meint, dass unbekannte Kriterien in den überlieferten Quellen verwendet worden sind und dass die Regeln zur Unterscheidung von Haushalten nicht bekannt sind (Berkner 1975: 725). Die Gefahr besteht darin, dass wir nicht Haushalte miteinander vergleichen, sondern die Art und Weise, in welcher die Zählorgane die Personen in Haushalte einteilten (Berkner 1975: 727). Eine weitere Kritik besteht darin, dass das Konzept des Haushalts statisch ist, und nicht auf die Veränderungen der Zusammensetzung im Laufe der Zeit eingehe (Berkner 1972).

Eine andere Kritik weist darauf hin, dass der Haushalt nicht die richtige Untersuchungseinheit darstellt, weil bei der Berechnung von Anteilen von Haushaltstypen die Veränderung des Zählers auch den Nenner verändert. Deshalb wäre die Einzelperson die bessere Einheit zur Untersuchung von Merkmalen des Zusammenlebens (Ruggles 1987: 142-147). Dadurch entfällt auch das Problem, dass Haushalte sich teilen oder vereinigen können, während das bei Personen nicht möglich ist. Ein weiterer Einwand bezieht sich darauf, dass Verwandtschaftsbeziehungen wichtiger sind als das gemeinsame Wohnen. Eltern und Kinder können sich gegenseitig unterstützen, ohne einen gemeinsamen Haushalt zu führen. Das wird durch Untersuchungen über die räumliche Nähe von verwandten Personen unterstrichen.

6. Rechtfertigung des Konzepts

Kann man trotz unterschiedlicher Kritik das Konzept „Haushalt“ als Untersuchungseinheit verwenden? Ein wichtiger Aspekt ist die Forschungsfrage: Ob es sich um eine Einzelperson handelt oder eine Gruppe von Personen, anhand derer diese Frage besser beantwortet werden kann, hängt vom jeweiligen Thema ab.

Des Weiteren kann von einer ähnlichen Annahme wie Peter Laslett ausgegangen werden, dass die Einheiten von Personen, die in historischen Quellen aufscheinen, sehr wohl eine Bedeutung haben. Wenn diese Einheiten völlig willkürlich wären, müsste die Bandbreite an Haushaltszusammensetzungen in Europa noch wesentlich umfangreicher sein. Außerdem sollten Änderungen über kürzere und längere Zeiträume keinen systematischen Entwicklungen entsprechen, sondern müssten völlig zufällig sein. Zudem sollte man früheren Verwaltungsorganen nicht einfach die Kompetenzen absprechen, zwischen Haushalten unterscheiden zu können, auch wenn sie diesen Begriff noch nicht kannten und keine so ausgefeilten einheitlichen Regeln vorhanden waren. Wenn man allerdings Änderungen in der Zusammensetzung von Haushalten feststellt, ist es aber angebracht, auch die Möglichkeit einer geänderten Definition von Haushalten zu berücksichtigen.

Im Gegensatz zur Verwandtschaftsgruppe ist der Haushalt ein Ort ständiger Interaktion zwischen seinen Mitgliedern. Dadurch kommt es möglicherweise auch zu einem gehäuften Auftreten von innerfamiliären Konflikten, während mit Verwandten, die nicht im gemeinsamen Haushalt wohnen, weniger Reibungsflächen gegeben sind. Die praktische Hilfe von Verwandten nimmt mit zunehmender räumlicher Distanz ab und auch aus diesem Grund ist der Haushalt als die geringstmögliche Distanz von Verwandten eine wichtige Einheit.

7. Funktionen des Haushalts

Einige der wichtigsten Funktionen des Haushalts kommen bereits in der Diskussion über die Definition von Haushalten vor. Viele dieser Funktionen sind durch die Entwicklungen der letzten beiden Jahrhunderte stark eingeschränkt worden. Der Haushalt als Produktionseinheit ist durch den Rückgang von Landwirtschaft und Handwerk nur noch in wesentlich eingeschränkterer Form vorhanden. Gemeinschaftlicher Besitz ist meist nur bei Paaren vorhanden, während Kinder und andere Verwandte gewöhnlich davon ausgeschlossen sind. Die Funktion der Konsumptionseinheit hat ebenfalls abgenommen, weil Haushaltsmitglieder in zunehmendem Maße außerhalb des Haushalts ihre Nahrung einnehmen und auch sonstiger Konsum stärker individualisiert worden ist. Die Funktion von Sozialisation und Erziehung wird heute durch Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen in höherem Ausmaß durch Institutionen durchgeführt als in früheren Zeiten. Religiöse und rituelle Funktionen sind durch den Rückgang der religiösen Praxis in weiten Teilen Europas, aber auch durch die Abneigung des Christentums gegenüber primär familiär organisierten religiöser Praktiken wie etwa einem Ahnenkult von geringer Bedeutung. Die Tendenz zur Feier von christlichen Festen in Form von Familienfeiern, vor allem des Weihnachtsfestes, stellt hier eine gegenläufige Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert dar. Weitere Funktionen, wie die des Schutzes wurden durch den Ausbau des Staates und seiner Organe unwichtiger. Die Funktion der Pflege für kranke, alte und behinderte Haushaltsmitglieder ist zwar durch Institutionen wie Krankenhäuser und Pflegeheime ergänzt worden, wird allerdings immer noch in hohem Maße wahrgenommen. Als wichtige Änderung ist hier zu vermerken, dass durch finanzielle Abgeltung vonseiten der öffentlichen Hand oder Versicherungen Konfliktpotenziale verringert wurden. Durch die Zunahme des Anteils an älteren Menschen in der Bevölkerung könnte diese Funktion von Haushalten in Zukunft sogar noch zunehmen. Durch den allgemeinen Funktionsverlust der Haushalte ist die Funktion der Erholung und des Rückzugs in einen geschützten privaten Raum wesentlich verstärkt worden. Die starke Aufwertung dieser Funktion kann nun zu einer Überforderung des Haushalts führen, wenn die hohen Erwartungen an Erholung und Ausgleich zum Arbeitsleben nicht erfüllt werden können.

8. Haushaltsstrukturen

 Die Zusammensetzung der Haushalte wird dazu verwendet, Haushalte in verschiedene Gruppen einzuteilen. Eine bereits recht früh erfolgte Einteilung unterscheidet Einzelpersonen und Familienhaushalte, von denen später Anstaltshaushalte (Krankenhäuser, Kasernen, Waisenhäuser, Internate, Gefängnisse usw.) herausgenommen wurden, weil sie keine familiäre Komponente aufweisen. Eine weitere Einteilung besteht in der Aufgliederung nach der Anzahl der Mitglieder des Haushalts. Eine Einteilung aufgrund struktureller Merkmale kommt von Peter Laslett (1974) bzw. Gene Hammel und Peter Laslett (1974), die sich auf das Vorhandensein von sogenannten „conjugal family units“ (CFU) stützt. Ein CFU besteht aus einem Ehepaar (mit oder ohne Kinder) oder einem verwitweten Elternteil mit Kind(ern). Es werden hierbei fünf Gruppen unterschieden, die noch weiter aufgegliedert werden können: Einzelpersonen, keine Familie (kein CFU), einfacher Familienhaushalt (ein CFU), erweiterter Familienhaushalt (ein CFU und zusätzlich mindestens eine weitere verwandte Person) und multipler Familienhaushalt (mehr als ein CFU). Nicht verwandte Personen wie Dienstboten, Lehrlinge, Untermieter oder Bettgeher werden hierbei nicht berücksichtigt. Diese Haushaltstypologie ist in der Fachwelt weitgehend akzeptiert worden, obwohl es auch Einwände gibt, dass diese Typologie zu sehr auf (West)Europa zugeschnitten sei.

9. Digitale und analoge Informationsquelle

Personenstandslisten sind die üblichen Quellen für die Zusammensetzung von Haushalten. Eine vollständige Auflistung aller Bewohner eines bestimmten Gebietes können Volkszählungen, Seelenlisten (status animarum), Beichtkinderverzeichnisse und andere Vorläuferformen von Volkszählungen sowie Bevölkerungsregister liefern. Zusätzlich können auch Quellen verwendet werden, die nur Angaben zum Haushaltsvorstand bzw. zu dem ganzen Haushalt enthalten. Das können z.B. Steuerlisten oder Besitzstandslisten sein, die Angaben über die wirtschaftlichen Verhältnisse des Haushalts enthalten.

Es gibt inzwischen große Sammlungen an digitalen Daten aufgrund von Personenstandslisten, die der Forschung zur Verfügung stehen. Hier ist in erster Linie auf die großen Sammlungen am Minnesota Population Center zu verweisen. IPUMS-International bietet Volkszählungsdaten von 55 Ländern aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Forschung an. The North Atlantic Population Project/NAPP bietet historische Daten aus Deutschland, Norwegen, Schweden, Großbritannien, Kanada und den USA (1850-1910) an, während IPUMS-USA die größte Sammlung an Volkszählungsdaten eines einzelnen Landes repräsentiert. Für die europäischen Mikrodaten gibt es auch die Anlaufstelle Integrated European Census Microdata  in Barcelona.

Im deutschen Sprachraum besteht die Wiener Datenbank zur Europäischen Familiengeschichte, die Daten zu Mitteleuropa (Österreich, Schweiz, Deutschland, Italien, Kroatien) umfasst. Größere Projekte beschäftigen sich derzeit mit dem Aufbau von Datenbanken zu Schleswig-Holstein, aber auch anderer angrenzender norddeutscher Gebiete oder Mecklenburg-Schwerin von 1819 bis 1900. Eine zentrale Anlaufstelle ist am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock für die nächsten Jahre geplant.

 

 

Literatur

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Manke, Matthias (Hg.) (2005), »… dass alle Welt geschätzt würde.« Die Einwohner der Stadt Rostock nach der Volkszählung von 1819 (Kleine Schriftenreihe des Archivs der Hansestadt Rostock 15), Rostock .

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Fertilität und Heiratsmuster

Die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland – eine Zukunft ohne Kinder?  
Hier wird sich mit der Entwicklung der deutschen Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten beschäftigt, das Hauptinteresse liegt dabei auf dem Altersaufbau. Allerdings beschränken sich die Autoren nur auf Westdeutschland, da es keine zusammengeführten Daten gibt.

European Fertility Project
Das Office of Popular Research at Princeton University beschäftigt sich hauptsächlich mit der Frage, inwiefern der Geburtenrückgang in den europäischen Ländern mit dem demographischen Wandel zu tun hat und ob der sozioökonomische Hintergrund ebenfalls einen Einfluss auf den Geburtenrückgang hat. Auf der Homepage können neben englischsprachigen Datenbanken rund um das Thema Fertilität auch Veröffentlichungen der vorangegangenen Projekte des OPR gefunden werden.

Forschungsbericht 2009 – Max-Planck-Institut für Demografische Forschung
Die Arbeit trägt den Titel: „Räumliche Analyse des Geburtenverhaltens in Deutschland in Geschichte und Gegenwart: Die Integration soziologischer, geografischer und historischer Forschungsansätze.“ Es wird der Wandel im Geburts- und Heiratsverhalten der letzten Jahre in den europäischen Staaten untersucht.

GAFP Graz Austrian Fertility Project
Das Projekt des Graz Austrian Fertility Project untersucht das Phänomen des ersten Demographischen Übergangs in Ost- und Südösterreich, sowie in den ehemals „österreichischen“ Gebieten Kronländern Krain, Görz, Istrien und Triest zwischen 1869 und 1937. Ein Beispielprojekt, wie man aus Daten eine Forschung herführen kann. Aber auch inhaltlich sehr interessant.

Historisches Lexikon Bayerns
Zur Einführung in das Thema „Heiratsmuster“ ist dieser Lexikoneintrag gut geeignet. Die Genese des Begriffs und damit zusammenhängende Begrifflichkeiten werden erläutert.