Geschichten, die vom Widerstand erzählen TEIL2

Anknüpfend an den Blog-Beitrag von letzter Woche, hier die Fortsetzung meiner Liste lesenswerter Comics, die sich mit der Thematik (Jugend-) Widerstand auseinandersetzen.

Die Geschichte von Francine R. – Widerstand und Deportation

Ähnlich wie in „Primo Levi“, beschäftigt sich auch der nächste Comic von Boris Golzio aus dem Jahr 2021 mit der Thematik NS-Widerstand und Deportation. Wie bereits aus dem Titel hervorgeht, nehmen die Lesenden hierbei die Perspektive der Arbeiterin Francine ein. Während der deutschen Besatzung Frankreichs war sie Mitglied der Résistance. 1944 wird sie zusammen mit ihrer Schwester aufgrund ihrer Verbindung zum Widerstand von der Gestapo verhaftet und nach Ravensbrück deportiert. Francine überlebt das Konzentrationslager. Im Gespräch mit Boris Golzio entsteht schließlich die Idee, ihre Geschichte als Graphic Novel umzusetzen und zu veröffentlichen. 

„Es ist gewissermaßen eine Übertragung von „oral history“ ins Medium der grafischen Erzählung und gibt dementsprechend in der ersten Person die Geschichte einer tapferen Frau wieder […]“ (Georg Seesslen, April 2021).

Das Besondere hierbei ist, dass innerhalb des Comic-Romans nur das wiedergegeben wird, was Francine selbst äußert. Nichts wird nachträglich hinzugefügt oder verändert. Somit entsteht eine äußerst authentische Erzählung, die die Balance zwischen Empathie und historischer Genauigkeit findet (Silke Merten / DLF Kultur). 

Die Reise des Marcel Grob

Von einer etwas anderen, jedoch nicht minder spannenden Seite wird das Thema Widerstand in der 2020 erschienenen Graphic Novel „Die Reise des Marcel Grob“ von Philippe Collin (Autor) und Sébastien Goethals (Zeichner) beleuchtet. Es findet ein Perspektivwechsel statt, der die wahre Lebensgeschichte des Marcel Grob wiedergibt. Der damals 17-Jährige ist Mitglied der Waffen-SS und beteiligt sich 1944 am Massaker von Marzabotto. Marzabotto, eine kleine Gemeinde in der Nähe der italienischen Stadt Bologna, ist der Schauplatz eines der wohl abscheulichsten Verbrechen des Zweiten Weltkrieges. Zwischen dem 29. September und dem 1. Oktober 1944 kommt es dort zur Erschießung von über 770 Zivilist*innen, darunter vor allem Alte, Frauen und Kinder. 

„Das Werk konzentriert sich auf die psychische Belastung des Jungen, der dem Druck auf sich selbst und der Bedrohung der Familie nicht standhielt.“ (Georg Seesslen, April 2021)

Mittlerweile ist Marcel Grob ein 83-jähriger Mann, der sich vor einem Untersuchungsrichter für seine Taten verantworten muss. Hierbei werden einige zentrale Frage aufgeworfen, die sich bei der Auseinandersetzung mit dem NS-Regime zweifellos stellen. Es sind Fragen nach Schuldfähigkeit, Verantwortung, Zwang, Reue und nicht zuletzt Spekulationen über das eigene Verhalten: „Wie hätte ich gehandelt?“, wird sich sicherlich die eine oder andere Leserin im Verlauf der Graphic Novel gefragt haben. 

Wie bereits im Blog Beitrag „Comics als Wahlkampfmittel“ von Sören beschrieben wurde, entdecken derzeit rechtspopulistische Parteien und Politiker*innen das Medium Comic als Propaganda-Instrument und Wahlkampfmittel. Vor diesem Hintergrund erscheint es umso wichtiger, einem möglichst breiten Zugang zu Erinnerungskultur zu schaffen, sowie Aufklärungsarbeit hinsichtlich Widerstand und Faschismus zu leisten. Meiner Meinung nach können Comics bzw. Graphic Novels hierfür einen großen Beitrag leisten. Denn sie verbinden gestalterische Elemente mit historisch relevanten Ereignissen und Perspektiven, geben Infos zum historischen Handlungszeitpunkt und erweitern somit das Wissen der Lesenden. Insbesondere mit Blick auf (Jugend-)Widerstand wird zudem das Bewusstsein der Lesenden geschärft, sich mit den unterschiedlichen Formen und Motiven von Widerstand auseinanderzusetzen. Denn wie wir bereits im Gespräch mit Holm Kirsten gehört haben, muss nicht unbedingt ein politisches Motiv zu Grunde liegen, um als widerständisch zu gelten. Manchmal reicht es schon aus, Wrangler Jeans tragen und Punk Musik hören zu wollen, um Nonkonformität zum politischen System auszudrücken. Zwar bewegen wir uns mit diesem Beispiel abseits des Handlungszeitraums der hier vorgestellten Comics, welche sich ausschließlich mit Widerstand gegen das NS-Regime beschäftigen, jedoch dürfte auch hier gelten, dass nicht alle Protagonist*innen von politischen Motiven getrieben wurden. Insbesondere der Comic „Die Kinder der Résistance“, der im ersten Teil vorgestellt wurde, dürfte hierfür als gutes Beispiel dienen. Die Kinder brauchen kein politisches Verständnis oder Bewusstsein, um ihr Heimatdorf vor einfallenden Soldaten beschützen zu wollen. Und dennoch leisten sie mit ihren Sabotageaktionen zweifellos Widerstand. Auch der zuletzt vorgestellte Comic, in dem der Protagonist eben kein Widerständler, sondern ausführende Kraft des NS-Regimes ist, regt dazu an, sich mit Widerstand auseinanderzusetzen. Die Frage die sich den Lesenden hierbei verstärkt aufdrängen könnte ist, wie Widerstand innerhalb des militärischen Apparats ausgesehen haben könnte. Somit wird hoffentlich deutlich, dass Comics neben ihrem Unterhaltungswert, noch vieles mehr zu bieten haben. Sie regen zum Nachdenken an. Und gerade weil in den vorgestellten Comics häufig autobiografische Inhalte verarbeitet werden, dienen sie zudem als Vermittler zwischen den Perspektiven und Ereignissen von Damals und dem politischen Bewusstsein von Heute. 

Selbstverständlich ist dies nur eine kleine Zusammenstellung von Comics in denen das Thema Widerstand aufgegriffen wird. Wer weitere Beispiele teilen mag, kann dies gern in den Kommentaren tun.

Weitere Infos zu den jeweils vorgestellten Comics/ Graphic Novels findet ihr hier:

https://www.comic.de/2021/04/zeigen-was-ist/

https://www.splitter-verlag.de/die-reise-des-marcel-grob.html

https://www.avant-verlag.de/comics/die-geschichte-von-francine-r/

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