Interview mit Maren Eikerling

© M. Eikerling/Universität Paderborn Kommunikation erfolgt über das Schaffen eines gemeinsamen Aufmerksamkeitsfokus. Auf dem Bild sieht man Maren Eikerling in Interaktion mit einem Kindergartenkind.

Sprachentwicklung, Technologie, Bildung:
Maren Eikerlings Weg von der Praxis zur Wissenschaft

Maren Eikerling ist seit April 2025 Juniorprofessorin für Inklusion mit dem Förderschwerpunkt Sprache an der Universität Paderborn, von 10/2021 bis 09/2024 war sie Postdoc an der MLU.

1) Skizzieren Sie kurz Ihren Werdegang und wie Sie zu Ihrer jetzigen Stelle gekommen sind: war es eine bewusste Entscheidung für die Wissenschaft?

Nach dem Abitur wollte ich Sonderpädagogik studieren. Dazu hatten mich unter anderem mehrere Praktika an einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Sehen inspiriert. Doch kurz vor dem Beginn des Studiums war ich verunsichert. In den Medien wurde über das sich durch die voranschreitende Inklusion verändernde Berufsbild von Sonderpädagog:innen berichtet. Ich entschied mich also für das Studium der Klinischen Linguistik an der Universität Bielefeld: auch in diesem zukünftigen Arbeitsumfeld würde ich in interprofessionellen Teams zusammenarbeiten und mit Kindern arbeiten können und ihre Entwicklung unterstützen.

An der Universität Bielefeld ebneten bereits vielfältige Erfahrungen den späteren Weg in praxisorientierte Forschung: regelmäßig machte ich Praktika in Kliniken und logopädischen Praxen und arbeitete als studentische Mitarbeiterin u.a. im CITEC (Exzellenzcluster Kognitive Interaktionstechnologie) und am Bielefelder Center for Education and Capability Research. Dort lernte ich auch die International Training Networks (ITN) der Skłodowska Curie Actions kennen, im Rahmen derer internationale Early Stage Researcher themenspezifisch promovieren. Nach dem Studium arbeitete ich zunächst in einer logopädischen Praxis, doch als ich über einen Verteiler die Ausschreibung für eine Promotionsstelle im Rahmen des EU-geförderten MultiMind ITN erhielt, bewarb ich mich auf eine Projektstelle am Istituto di Ricerca Eugenio Medea in Norditalien. In diesem interdisziplinären Netzwerk, das sich mit Mehrsprachigkeit in sozialen Lern- und Entwicklungsprozessen befasst fertigte ich meine Doktorarbeit an. Ich untersuchte, wie digitale Umgebungen als unterstützende Ressource in der Sprachdiagnostik genutzt werden können. In der Entwicklung, Erprobung und Validierung einer Screening-Plattform legte ich ein besonderes Augenmerk auf die sprachlich-kulturellen Ressourcen von Lehrenden und Lernenden: ein größtmöglicher Grad an Automatisierung ermöglicht die Erfassung aller Sprachen eines mehrsprachigen Kindes, das sprachdiagnostisch untersucht wird, ohne, dass der:die Diagnostiker:in dieser Sprache selbst mächtig sein muss. Im MultiMind ITN war ich in engem Kontakt mit weiteren internationalen Wissenschaftler:innen, besuchte Tagungen und Summer Schools und lernte über sogenannte Secondments weitere Arbeitsumfelder kennen, darunter bspw, das interdisziplinäre Forschungslabor HOC-LAB am Politecnico Mailand, wo u.a. Forschungsarbeiten zu technologiegestützter Sprachtherapie durchgeführt wurden.

Die Promotion war entscheidend für meine Ausrichtung auf transdisziplinäre Zusammenarbeit und die Entwicklung von anwendbaren Lösungen im Bereich der Sprachdiagnostik, -therapie und -förderung. Mit dieser Motivation begann ich meine PostDoc-Stelle als Teamleitung im BMBF-geförderten Projekt SprachNetz „Digitales Netzwerk Sprache, Bildung, Förderung“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. In der Phase der Transition von Doktorandin zu PostDoc und in der Orientierung im deutschen Wissenschaftssystem profitierte ich sehr vom informellen Austausch in fachlichen Netzwerken, Coachings (finanziert durch das FEM POWER Projekt) und UNIBUND-Mentoring der MLU. Im Rahmen entsprechender Reflexions- und Entwicklungsräume setzte ich mich auch mit meinen Wünschen und Erwartungen für die weitere Karriere auseinander. Dafür waren auch Lehrerfahrungen an der MLU sowie die Mitarbeit in Arbeitsgruppen zur Weiterentwicklung der Studiengänge „Lehramt an Förderschulen“ prägend, um sich mit Anforderungen an eine praxisnahe und forschungsgeleitete Lehrkräftebildung auseinanderzusetzen.

Neben meiner praktischen Arbeit im Ambulatorium für Sprachtherapie der MLU sowie der Entwicklung und Durchführung unterschiedlicher Formate (regelmäßige Veranstaltungen, Lehr-Lernformate, Möglichkeiten für fallbezogenen Austausch) im Rahmen des SprachNetz-Projekts baute ich mein internationales und transdisziplinäres Netzwerk weiter aus. Ich übernahm auch Lehraufträge an verschiedenen Universitäten und bot Seminare im Bereich der Lehrkräftebildung an. Derzeit setze ich diese Arbeit in Lehre und Forschung an der Universität Paderborn fort, wo ich seit April 2025 als Juniorprofessorin für Inklusion mit dem Förderschwerpunkt Sprache bin. In meinen Lehrveranstaltungen bringe ich fachliche Grundlagen zu heterogenen Sprachentwicklungsverläufen und diesbezüglicher Beratung mit praktischen Herausforderungen des inklusiven Bildungssystems in einen Zusammenhang.

Der Verlauf meiner Juniorprofessur sieht vor, dass ich zunächst befristet für drei Jahre diese Stelle bekleide und daraufhin eine sogenannte Zwischenevaluation erfolgt. Dazu wurden im Anschluss an die Berufung Evaluationskriterien vereinbart. Diese dienen als Orientierung und bieten mir eine Perspektive – werden diese erfüllt, werde ich diese Stelle für weitere drei Jahre ausüben können. Am Abschluss des sogenannten Tenure Tracks steht die Endevaluation, bevor meine Juniorprofessur in eine W2-Professur überführt wird. Diese Anforderungen bieten konkrete Aussichten und werden gleichzeitig gelegentlich begleitet von einem Gefühl von Leistungs- bzw. Performancedruck. Neben den Ressourcen von Netzwerken, Mentoring und Coachings helfen mir auch Wochenend- und Feierabendroutinen mit Hobbies, Freund:innen und Familie. Dabei ist allerdings nicht auszuschließen, dass ich meine Familie um die Einschätzung der Sprachspezifität sogenannter Nichtwörter bitte oder ich anhand kleiner sprachlicher Besonderheiten von Kindern linguistische Phänomene erläutere.

2) Wenn Sie noch mal von vorne anfangen könnten, was würden Sie anders machen?

Könnte ich noch einmal von vorne anfangen, so hätte ich gern an einem Universitätsstandort studiert, an dem ich sowohl Sprachtherapie als auch Lehramt für sonderpädagogische Förderung mit dem Förderschwerpunkt Sprache hätte studieren können. Ich schätze nicht nur die jeweiligen Studienstätten an sich, sondern vor allem die Möglichkeit, diese Systeme verknüpfter zu erleben.

3) Drei Empfehlungen an akademisch junge Wissenschaftler*innen was sollten sie unbedingt tun?

  • einen Auslandsaufenthalt planen – das hat mir einfach ganz neue Perspektiven eröffnet und Herangehensweisen gezeigt
  • Netzwerke nutzen, aufsuchen und gestalten – ich darf häufig mit sehr aufgeschlossenen und freundlichen Personen zusammenarbeiten und habe u.a. über die Teilnahme an Mentoringprogrammen gelernt, proaktiv auf andere Wissenschaftler:innen bzw. Kolleg:innen zuzugehen, wovon ich noch immer sehr profitiere
  • Pausen einlegen und Netzwerk an Unterstützer:innen aufbauen: Es kann während Promotion und PostDoc zu sehr angespannten Phasen kommen. Meine Empfehlung ist, Pausen (Essensverabredungen, Hobbies) fest einzuplanen und gut mit Kolleg:innen und Freund:innen darüber im Austausch zu sein, wenn etwas nicht gut läuft. Unis bieten in der Regel niederschwellig Anlaufstellen für externen Support.

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