Ziele

Setzen Sie sich Ziele?
Manchmal?
Regelmäßig?
Wie funktioniert das für Sie?
Als Motivation?
Was machen Sie, wenn das Ziel erreicht wurde?
Was, wenn nicht?

Ich denke, dass das Erreichen von Zielen nicht automatisch zufrieden oder glücklich macht. Statt „Was will ich erreichen“ bin ich deshalb eher bei „Wer möchte ich sein“. Und warum ich das denke, möchte ich jetzt entlang einiger persönlicher Eindrücke mit Ihnen teilen. Vielleicht haben Sie ja manches so ähnlich auch erlebt!

In meinem Leben gab es schon mehrmals Ziele im Sinne ganz bestimmter Stationen, die ich gern erreichen wollte. Das war zum Beispiel so während meiner Juniorprofessur. Die positive Zwischenevaluation war mir sehr wichtig, genau wie die Möglichkeit, vielleicht als Professorin dauerhaft in Halle bleiben zu können. Also habe ich mich angestrengt, habe viel gearbeitet und alles getan, was mir einfiel und für mich machbar schien, immer mit dem Ziel vor Augen: Ich wollte mein berufliches Leben am liebsten mit Mathematik verbringen, und die Mischung aus Forschung und Lehre an der Uni fand ich super. Das war also ein konkretes Ziel, auf das ich hingearbeitet habe. Mir wurde erst später klar, dass beim Erreichen solcher Ziele neben der eigenen Anstrengung auch Glück eine Rolle spielt. Mal mehr, mal weniger. Man kann längst nicht alles beeinflussen – manchmal erreicht man ein Ziel nicht, obwohl man quasi alles richtig gemacht hat und andere mit dem gleichen oder weniger Einsatz ähnliche Ziele erreicht haben. Und manchmal ist es die Kombination aus eigener Anstrengung, Timing und etwas Glück, die zum Erfolg führt.

In meinem Leben ist beides schon passiert – Scheitern trotz maximaler Anstrengung, aber auch Erfolge, die neben meinem Arbeitseinsatz auch Timing und Glück als Zutaten hatten. Im Nachinein verändern wir manchmal die Erzählung und vergessen, was wir auf dem Weg zu einem Ziel wirklich beeinflussen konnten (und beeinflust haben) und was einfach nur Zufall war. Na, wann ist Ihnen das zuletzt passiert?

Deshalb finde ich Ziele problematisch, bei denen das Erreichen des Ziels stark vom Verhalten anderer Menschen abhängt oder von Glück. Woher wissen wir dann, warum wir es erreicht oder nicht erreicht haben? Was passiert, wenn wir uns ein Ziel setzen und das dann aufgrund unglücklicher Umstände nie erreichbar ist für uns? Tragen wir dann lebenslang einen „Ich bin gescheitert“-Aufkleber auf der Stirn?

Klar gibt es auch gute Gründe für das Formulieren von Zielen. Sie geben eine Richtung vor, in die man sich entwickeln möchte. Manche Menschen brauchen kleine, erreichbare Ziele zur Motivation. In meinem Fall hatte das Ziel der „Uni-Stelle“ den Effekt, dass ich nicht nur viel gearbeitet habe, sondern mich auch immer wieder gefragt habe, ob ich denn alle nötigen Fähigkeiten habe, um eine solche Stelle auch gut auszufüllen, und das war eine starke Motivation, dazuzulernen und mir immer wieder Rat bei Personen zu holen, die erfahrener sind als ich. Auf dem Weg zu einem Ziel, das leichter zu erreichen ist, hätte ich bestimmt nicht so viel gelernt.

Beim Erreichen eines Ziels stellt sich manchmal ein Gefühl vonZufriedenheit ein, Erleichterung, Freude, manchmal auch Stolz oder Dankbarkeit. Je nach Ziel wird man vielleicht von seiner Umgebung gefeiert, z.B. wenn man das Abitur geschafft hat oder einen Wetkampf im Sport gewonnen hat. Je nachdem, worum es geht, kann die Freude aber auch schnell verfliegen, und es muss sofort das nächste Ziel her. Warum eigentlich? Ich dachte eine Zeit lang, dass man nach dem Erreichen eines großen Ziels dauerhaft zufriedener und glücklicher ist. Aber bei mir funktioniert das nicht so, und deshalb stelle ich diese Art der Zielsetzung inzwischen grundsätzlich in Frage.

Wie definieren wir Erfolg?
Wie setzen wir uns Ziele?
Von welcher Qualität sind diese Ziele?
Geht es um Status, Geld, darum, einem Vorbild nachzueifern?
Geht es um Sicherheit und das Gefühl, dass man sich sicher und „angekommen“ fühlt, wenn man das Ziel erreicht hat?
Geht es um das Erfüllen von Erwartungen? Wenn ja, wessen?
Zählen auch Teilerfolge?
Ist es ein „Haben“-Ziel, ein „Sein“-Ziel, ein „sich fühlen“-Ziel?
Also zum Beispiel „Ich möchte Kinder haben.“ vs. „Ich möchte eine Mutter sein.“ vs. „Ich möchte das Gefühl haben, gebraucht zu werden.“
oder „Ich möchte ein eigenes Haus haben.“ vs. „Ich möchte in meiner Wohnsituation unabhängig sein.“ vs. „Ich möchte mich dauerhaft irgendwo zuhause fühlen.“.

Was hier mitschwingt, ist die Unterscheidung zwischen Zielen, die man mit einem Ereignis ganz klar erreicht und sozusagen abhakt, und solchen, bei denen das Ziel ein Zustand ist oder ein Lebensgefühl. Die Auswirkungen auf das eigene Leben können sehr unterschiedlich sein, je nachdem, für welche Zielformulierung man sich entscheidet.

Beruflich habe ich deshalb auch kein Ziel nach dem Motto „W3-Professur, 1 Mio Drittmittel, 50 Publikationen in Top-Journals“, sondern ich möchte einfach meine Professur dauerhaft gut ausfüllen und meine Qualitäten möglichst sinnvoll einbringen. Jeden Tag möchte ich das Gefühl haben, dass es ok ist, dass ich aus Steuermitteln für das bezahlt werde, was ich mache. Ohne dieses Gefühl wären sämtliche Kennzahlen nicht besonders viel wert für mich. Mein Ziel ist also grundsätzlich nichts mit Kennzahlen, die man abhaken kann, sondern es geht darum, was ich mache. Jeden Tag.

Selbst dann, wenn es um das Etablieren neuer Gewohnheiten geht und ich mir kleine Zwischenziele formuliere, geht es nie wirklich um das Erreichen im Sinne von „und dann höre ich auf“, sondern immer darum, mit dem Zwischenziel einen Prozess zu etablieren, der sich dann selbst weiter trägt.

Warum das bei mir so funktioniert, habe ich u.a. aufgrund folgender Geschichte verstanden. Vor zwei, drei Jahren hat mir jemand von seiner Marathon-Erfahrung erzählt. Nach dem Motto: „Alle sagen, das sei so toll, man sollte das halt mal machen, also hab ich mal gemacht und trainiert und so. Aber ich fand es schrecklich und hatte nach dem Lauf auch gar nicht dieses Glücksgefühl.“ Kann ich verstehen! Nach meinem ersten und einzigen Halbmarathon wollte ich auch keinen zweiten laufen, und erst recht keinen vollen Marathon. Aber ich wollte natürlich weiter Laufen gehen, denn zu der Zeit war Laufen einfach ein fester Bestandteil meines Lebens. Ich war eine Läuferin, und keine Person, die das Ziel hat, einen Halbmarathon zu laufen. Und ich verstehe jetzt, warum das so ein großer Unterschied ist. (Danke an den Kollegen, der mir von dieser Marathon Erfahrung erzählt hat und meinen Erkenntnisprozess damit unterstützt hat.)

Für mich ist ein wesentlicher Bestandteil der Ziel-Diskussion, was passiert, wenn man das Ziel erreicht hat. Erwartet man, dass man danach ein anderer Mensch ist? Legt man dann die Füße hoch? Oder kommt das nächste Ziel? Falls Sie „Haben“-Ziele haben: Wie werden Sie sich fühlen, wenn Sie das Ziel erreicht haben? Geht es wirklich um das „Haben“ oder geht es um das Gefühl danach? Was bedeutet dieses Gefühl und könnte es auch anders erreicht werden? Was hält Sie davon ab, sich jetzt schon so zu fühlen?

Und bei allen Zielen stellt sich die Frage:
Wie entscheidet man, wann es genug ist?
Wann man gut genug ist?
Wie viele und welche Ziele müssen erreicht worden sein, damit es ein gelungenes Leben war?

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