30 Sekunden

Hier ist meine Hausaufgabe für eine Weiterbildung:
Ich soll mich in 30 Sekunden vorstellen, dabei soll klar werden, wofür ich stehe, und ich soll ein Mitbringsel aktiv einbringen (Bild oder Gegenstand).

Was würden Sie mit so einer Hausaufgabe machen? 30 Sekunden sind schnell rum, man kann nur wenige Sätze sagen. Die einzige Übung, die ich in der Richtung habe, ist das Vorstellen zu Beginn einer Sitzung oder Veranstaltung oder aber die Interview-Frage, die häufig kommt, nämlich „Wie würden Sie sich in drei Worten beschreiben?“. Klar könnten die 30 Sekunden also beginnen mit „Hallo, meine Name ist Rebecca Waldecker, ich bin Mathematikerin.“ Aber was ist gemeint mit „wofür ich stehe“? Als Mensch? Als Forscherin? Als Lehrperson? Zusammen mit dem aktiv einzubringenden Gegenstand ist die Versuchung groß, eine Hand- oder Fingerpuppe zu benutzen, um zu demonstrieren, wie ich mich ständig für die Studis zum Obst mache. Oder ein Quietscheentchen?


Mit mehr Zeit wäre es richtig cool, das Spiel zu spielen, das eigentlich den Alltag repräsentiert. Wo mitten in der Unterhaltung die Leute fragen „Und, was machst Du eigentlich beruflich?“ Je nach Kontext kommt dann „Bist Du auch Yogalehrerin?“ oder „Du machst doch bestimmt was Künstlerisches“ oder auch „was mit Kindern“. Ich würde mich wahnsinnig gern als Mensch vorstellen, weil die Erwartungshaltung, die dann normalerweise entsteht hinsichtlich meiner beruflichen Aktivität, eigentlich nie in Richtung Wissenschaftlerin geht (schon gar nicht Mathematik). Dieses Spiel mit Stereotypen, Vorurteilen etc. macht mir Spaß.

Eine andere Möglichkeit wäre, andere sprechen zu lassen. „Hallo, ich bin Rebecca Waldecker, und mein Mann sagt, ich sei nur eingeschränkt alltagstauglich.“ Mein Problem ist hier tatsächlich die Aufgabenstellung. Wenn die Aufgabe wäre, in 30 Sekunden zu erzählen, wer ich bin und was ich beruflich mache, wäre das ok. Mathematikerin, Uni Halle, dann noch zwei Sätze zu Forschungsinteressen und albernen Liedern für meine Studis, fertig. Aber ist das gemeint? Beantwortet das die Frage, wofür ich stehe?

Mal abgesehen davon, dass die Frage schon schwierig genug ist – mir ist nicht klar, welche Rolle der berufliche Kontext spielt. Geht es hauptsächlich um mich als Wissenschaftlerin, Forscherin, Lehrperson? Was ist mit der Künstlerin, dem Bücherwurm, der verkappten Kindergärtnerin? Wenn Sie jetzt beim Lesen die ganze Zeit denken „Oh Mann, wo ist eigentlich das Problem? Schreib den Leuten und frag nach, was die genau meinen!“

Ja, darüber habe ich nachgedacht. Aber dann war mir das zu einfach. Ich habe es ausprobiert, die 30 Sekunden sind wahnsinnig schnell vorbei und die Frage ist doch nicht, wie ich die Hausaufgabe „richtig“ mache und „möglichst viele Punkte bekomme“. Sondern allein schon das Nachdenken über die Frage, wie ich mich selbst in so kurzer Zeit beschreiben würde und ob der Kontext wichtig ist, macht es spannend. Je weiter ich mich von der Frage entferne, ob ich die Hausaufgabe „richtig“ mache oder „besonders gut“ oder „originell“, desto interessanter wird es.

Was wäre, wenn ich die 30 Sekunden gar nicht ausschöpfe, sondern stattdessen selbst noch eine Frage stelle? Die Leute sozusagen neugierig mache, noch mehr herauszufinden? In einem normalen Gespräch läuft es schließlich auch nicht so, dass ich meinem Gegenüber Namen, Beruf, Familiensituation, Lieblingsyogapose, aktuelle Lektüre und lebensveränderndes Zitat um die Ohren schlage. Sondern ich sage ein paar Sachen und warte dann ab, ob es überhaupt noch mehr Interesse gibt. Oder ich stelle eine Frage. (Ja, ich weiß, das andere gibt es auch. Das finde ich persönlich aber eher ermüdend.)

Während ich hier so schreibe, formt sich eine Idee, wie ich mich ganz kurz beschreiben möchte. Die werde ich gleich mal ausprobieren und gucken, wie viel von den 30 Sekunden noch übrig ist. Und der Gegenstand, den ich benutzen möchte, ist wahrscheinlich mein Notizbuch. Schließlich sind Worte und Ideen das, was ich im Alltag besonders oft brauche.

Haben Sie beim Lesen auch darüber nachgedacht, wie Sie sich kurz beschreiben würden? Und falls Sie einen Gegenstand benutzen oder zeigen dürften, welcher wäre das dann?

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