Weniger

Balbina singt „Warum werden wir nicht langsam langsamer?“ und ich frage mich gerade auch häufig, wo ich etwas langsamer oder weniger machen könnte. Kennen Sie dieses Gefühl? Was bedeutet weniger oder langsamer, je nach Kontext?

Hier ist mein erstes Beispiel: Familienbesuch. Vielleicht kommt jemand zu Besuch, oder ich bin eingeladen. Einfach so oder zu einem Anlass, z. B. zu einer Feier. Je nachdem, welcher Teil der Familie das ist, wo, mit welchem Reiseaufwand, wie viele Menschen, welcher Anlass, verursacht mir das ganz schön Stress vorher. Und warum? Weil da Planung dranhängt, Ungewissheit und weil es evtl. einen großen Kommunikationsaufwand gibt. Sind die Erwartungen klar? Wie genau sollen Dinge vorher besprochen werden, wer braucht eher Spontaneität? Welche Rolle habe ich? „Weniger“ bedeutet dann zum Beispiel, dass ich mir vorher sehr genau überlege, was ich brauche, und ggf. explizit danach frage. Und mich beim Rest einfach raushalte und eine „Das wird schon.“-Haltung einnehme. Wenn das funktioniert, dann freu ich mich auf die Leute, bin präsent, hab Spaß und kann auch gut für andere Menschen da sein. Soll ich Pläne für den Besuch machen? Ok, mach ich gern, wenn ich das vorher weiß. Reicht spazierengehen und rumsitzen, essen, Tee trinken und reden? Auch gut. Die Begrenzung auf wenig finde ich manchmal schwierig, denn das Wenige verlangt dann Konsequenz und Klarheit, und manche mögen lieber viel und wuselig, mit tausend Planänderungen unterwegs.
Zweites Beispiel: Gewohnheiten. Muss es gleich von 0 auf 100 gehen? Keine Morgenroutine bisher, aber dann muss es gleich perfekt sein, 5 Uhr aufstehen, zwei Stunden akribisch durchgeplant? Vielleicht reichen auch erst mal 5 Minuten? Muss es das krasse Sportprogramm sein, 3x die Woche, wenn man vorher gar nichts gemacht hat? Geht auch ein sanfterer Einstieg, der nicht so anfällig für Störungen ist und eher Bestand hat?

Genau so bei „langsamer“. Fortschritt ist gut, Dinge erledigen ist auch gut, aber manchmal brauchen wir Zeit. Muss die Änderung jetzt sein, muss es schnell gehen? Muss die Entscheidung jetzt fallen, auch mit dem Risiko, dass wir das nicht gut durchdacht haben? Muss das Krisengespräch jetzt stattfinden? Geht es nicht auch ein, zwei Tage später, wenn sich alle beruhigt haben und darüber nachdenken konnten, wie sie in das Gespräch reingehen? Muss der Artikel unbedingt jetzt eingereicht werden, obwohl alle ihn noch einmal in Ruhe lesen wollen und es noch Detailfragen gibt? Ist es wirklich ein Problem, sich noch ein, zwei Wochen Zeit zu nehmen? Ich fühle hier, in diesem Moment, beim Schreiben einen inneren Widerstand, weil ich Dinge gern schnell erledige. Mich nervt manchmal schon, wenn Leute langsam sprechen und nicht zum Punkt kommen! Aber manchmal ist langsamer wirklich besser. Ich habe schon oft in großer Eile zugearbeitet (und hätte gern mehr Zeit gehabt), nur um dann hinterher zu sehen, dass die Eile nicht nötig war, an anderen Stellen getrödelt wurde oder Leute etwas einfach nur „vom Tisch“ haben wollten. Ein klarer Prozess, der an den richtigen Stellen langsam ist und Zeit zum Atmen oder für eine Korrektur lässt, ist mir dann lieber.

Meine Fragen scheinen also zu sein: Wann ist langsamer besser, gründlicher, weniger fehleranfällig, schonender für die Ressourcen? Wo ist Tempo wichtig und sollten wir nicht unsere Energie für genau diese Fälle parat haben? Wann brauchen wir weniger (Energie, Aufwand, Anspruch), damit wir dann an einer wichtigen Stelle umso mehr Ressourcen zur Verfügung haben? Wann ist ein kleiner Einstieg in eine neue Gewohnheit sinnvoll, wenig, langsam, mit Raum für Verbewsserungen, Erweiterungen, aber eben auch Fehler?

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