Oder

Diesmal ist das Thema ernst, und ich bin etwas wütend.
Wütend und genervt, weil wir einerseits „Polarisierung“ diagnostizieren und beklagen, und andererseits tragen wir oft selbst dazu bei, wenn wir so tun, als müsse man sich immer im Sinne von „entweder oder“ entscheiden.

Dabei können viele Dinge gleichzeitig wahr sein, die sich teilweise widersprechen. Wir können als Gesellschaft gleichzeitig entlang gewisser schwieriger Fragen polarisiert oder gespalten sein und trotzdem bei vielen anderen Fragen großen Zusammenhalt spüren und viel Gemeinsamkeit. Es ist nicht immer ja oder nein, dafür oder dagegen.

Darf man sich über den Tod eines Menschen freuen?
Oder zumindest erleichtert sein?
Oder ist das grundsätzlich falsch?
Vielleicht ist es ja grundsätzlich falsch, einen Menschen zu töten, und gleichzeitig kann es Umstände geben, unter denen die Freude darüber nachvollziehbar ist. Vielleicht ist es grundsätzlich falsch, einen Menschen zu töten, und gleichzeitig gibt es Situationen, in denen wir sogar selbst fähig wären, das zu tun, und es gäbe sogar Verständnis dafür.

Vielleicht kann sich eine Lebensentscheidung richtig anfühlen und gleichzeitig schwerwiegende Konsequenzen für uns haben.

Vielleicht kann das Studium schwierig und anstrengend sein und gleichzeitig Spaß machen.

Vielleicht haben wir politisch klare Standpunkte und werden gleichzeitig manchmal nachdenklich, wenn wir eine komplizierte einzelne Situation beurteilen oder bei einer Abstimmung unsere Meinung anzeigen sollen.

Vielleicht gibt es große Mängel in unserem Bildungssystem und gleichzeitig viele engagierte und hoch qualifizierte Menschen.

Ja, widersprüchliche Gedanken und Gefühle sind unangenehm.
Und ich wünsche mir, dass wir das viel besser aushalten.

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