Das Thema interessiert mich aus verschiedenen Gründen, aktuell gerade im Lehrkontext. Wie oft habe ich jetzt schon gehört, dass die Studis ja „sowieso alles mit ChatGPT machen“?
Was sagt das über die Personen aus, die sowas sagen? Trauen sie den Studis nicht zu, zu erkennen, wo die Schwächen dieser Chat-Programme sind? Vertrauen sie den Studis sonst auch nicht, ganz generell? Nach dem Motto „Die schreiben sowieso bei jeder Gelegenheit ab, die versuchen mit möglichst wenig Aufwand durchzukommen.“
Das gibt es auch in größer, da sind wir dann beim Menschenbild. Traue ich Menschen zu, gute Entscheidungen zu treffen, oder möchte ich sie bevormunden? Halte ich Menschen grundsätzlich für ehrlich und ertrauenswürdig, oder denke ich, dass mich ständig alle belügen und hintergehen?
Wieder zurück im Lehr- oder Betreuungskontext kann das dann so aussehen, dass ich meinen Schüler:innen oder Studis grundsätzlich etwas zutraue oder eben nicht. Dass ich ihnen erst mal vertraue oder eben nicht. Dass ich davon ausgehe, dass sie sich Mühe geben und im Rahmen ihrer Möglichkeiten mitarbeiten wollen, oder eben nicht. Persönlich vertraue ich tendenziell, bis ich Evidenz für das Gegenteil sehe. Heißt also: Ich weiß zwar, dass es Studis gibt, die ihre Übungaufgaben nicht selbst machen, sondern irgendwo abschreiben, aber das wird nicht zu meiner Grundeinstellung. Erst mal gehe ich davon aus, dass die meisten es selbst versuchen und auch den Sinn in den Übungsaufgaben erkennen können (wenn sie gut und sinnvoll sind), und erst bei konkreten Hinweisen auf Abschreiben werde ich aktiv und verändere dann vielleicht auch meine Grundeinstellung gegenüber einzelnen Studis oder Studigruppen.
Und wie sieht es eigentlich umgekehrt aus? Inwiefern vertrauen die Studis oder meine Doktorand:innen mir? Meiner Kompetenz, Fairness, meinem Interesse an ihrem Lernerfolg? Meinem Interesse daran, dass sie gut arbeiten können und Fortschritte machen? Schließlich können wir das Spiel auch andersherum spielen. Warum sollen die Studis mir vertrauen? Sie könnten mich ja auch für faul, inkompetent, unfair oder desinteressiert halten. Sie könnten mir unterstellen, dass ich absichtlich zu streng bin und alle durchfallen lassen möchte, oder sie könnten mir unterstellen, dass ich mir keine Mühe gebe, oder dass mir egal ist, ob sie etwas verstehen oder nicht. Meine Doktorand:innen könnten mir unterstellen, dass ihre Projekte mir egal sind und ich gar keine Lust auf die Betreuung habe.
Tatsächlich habe ich schon erlebt, dass Profs eine bestimme Haltung unterstellt wurde, obwohl die Studis oder Doktorand:innen gar keine eigenen Erfahrungen mit den Personen hatten. Eben genau so, wie einige von uns manchmal den Studis pauschal ein gewisses Verhalten unterstellen.
Das Nachdenken darüber hat mich darin bestärkt, meinen Studis weiterhin mit einem Vertrauensvorschuss zu begegnen und das auch zu sagen. In der Hoffnung, dass ich umgekehrt auch einen Vertrauensvorschuss bekomme.
Was denken Sie darüber?
Wo begegnen Sie Menschen misstrauisch und rechnen mit Fehlverhalten, und wo haben Sie Vertrauen?
Wo finden Sie es umgekehrt wichtig, selbst einen Vertrauensvorschuss zu bekommen?
Welche Beziehungen oder sozialen Situationen könnten von mehr Vertrauen profitieren?
